27-04-2008, 15:28
Verloren in Gedanken-Libertine gewidmet (Teil 2 von 2)
„Hallo Mum“, rief sie beim Eintreten in den Flur, während hinter ihr die Haustüre ins Schloss fiel.
Sandra nahm ihren Rucksack von den Schultern und lehnte ihn neben der Kommode an die Wand. Statt der gewohnten Begrüßung ihrer Mutter, die stets bei ihrer Ankunft aus der Küche schallte, hüllte sie eine ungewohnte Stille ein.
Niemand, der ihr mit einem „Hallo, mein Schatz“ antwortete, keiner, der mit einem Lächeln in den Flur trat und sie über ihren Tag in der Schule aushorchte. Nur diese seltsame Ruhe. Vielleicht ist sie noch einkaufen, sagte sich Sandra und ging mit einem Schulterzucken ans Ende des Flures, wo nach rechts ein Durchgang in die Küche führte.
Doch statt eines freien Eingangs starrte sie auf eine Mauer aus Holz. Sie hatte noch nie bemerkt, dass es eine Tür im Eingang zur Küche gab, womöglich lag das daran, dass sie nie geschlossen wurde.
Es war, als verbanne sie dieses Stück Holz in den Flur und wollte sie dort festhalten.
Sie wollte nach der Türklinke greifen, als eine schwache Stimme erklang und sie inne halten ließ. Sandra hatte ihre Mutter bis zu diesem Augenblick noch nie so gehört, weinerlich, flehend und ein Hauch von Verzweiflung schwang in ihren Worten mit.
„Nehada … bitte. Ich will das nicht länger hören …“ und dann etwas leiser: "Du konntest mich noch nie leiden, auch damals nicht.“
Ein Schnaufen war wahrzunehmen und es war das erste Mal, da sie diesen Laut der Verachtung wahrnahm. Bis zu diesem Augenblick hatte sie ihre Tante noch nicht wirklich gekannt, sie war ihr einige Male auf verwandtschaftlichen Festen begegnet, hatte wenige Worte mit ihr gewechselt und sich später bei ihrer Mutter über den strengen Blick beklagt. Doch ihre Stimme erkannte sie jederzeit wieder, sie barg eine Kälte in sich, die das Mädchen noch nie bei einem anderen Menschen entdeckt hatte.
„Leiden? Was tut das schon zur Sache, Mary? Du kannst es mir nicht übel nehmen, nachdem du mit diesem Kerl abgehauen bist und mich im Stich gelassen hast.“
„Ich war schwanger, Mutter hätte das nie geduldet, ich hatte keine Wahl.“
Wieder ein Schnauben, gefolgt von Stille.
„Eine Wahl? Du hattest die Wahl mich mitzunehmen, aber im Grunde kann ich froh darüber sein, bei Mutter geblieben zu sein, so verdorben wie du bist, hättest du mich auch nur in den Ruin getrieben. Aber jetzt, jetzt ist es Zeit deine Tochter zu retten, Mary! Du machst ihr Leben kaputt, du bist nicht fähig, das Mädchen richtig zu erziehen. Schick sie ins Internat oder überlass jemand anderem die Erziehung. Es ist Zeit, dass deine Tochter etwas in ihrem Leben lernt und nicht Gefahr läuft, dem schlechten Beispiel ihrer Mutter zu folgen. Oder willst du das? Willst du dein Kind verlieren, willst du, dass Sandra schwanger wird und dich nachher sitzen lässt, ohne das Wissen, welchen Namen dein Enkel trägt?“
Sandra hielt die Luft an, für einen Moment glaubte sie, ihr Herz würde stillstehen. Ein tiefer Druck legte sich auf ihre Lunge. Sie presste ihr Ohr fester an die Türe und ballte ihre Hände zu Fäusten. Wie immer, wenn sie nervös wurde, kaute sie auf ihrer Unterlippe, bis sich ein matter Schmerz dort ausbreitete.
Was wollte Nehada? Auf ein Internat schicken? Verdorben?
Ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, entgegnete ihre Mutter:
„Sandra wird nicht den gleichen Fehler begehen, wie ich damals … Was ist denn so schlecht an ihr? Ich weiß, sie hätte Besseres verdient und ist ein wenig im Rückstand in der Schule, aber das gibt sich, Nehada, glaub mir. Morgen habe ich auch ein Vorstellungsgespräch, dann kann ich wieder arbeiten und die Miete für die letzten Monate bezahlen.“
Mit jeder Silbe, die über ihre Lippe kam, klang sie panischer.
Am liebsten wäre Sandra in die Küche gestürmt, hätte sich an sie geklammert und ihr eingeredet, dass alles gut werden würde und sie sich keine Sorgen um sie machen musste.
Sie würde mehr lernen und bessere Noten in der Schule erzielen. In den letzten Wochen konnte sie nur noch schlecht dem Lernstoff folgen, da ihre Mutter zu mehreren Vorstellungsgesprächen vorgeladen war und sie sich um den Haushalt kümmern musste.
Aber sobald ihre Mutter eine Arbeit fand, würde alles wie von selbst geregelt werden. Wegen diesen Kleinigkeiten musste sie doch nicht in ein Internat.
Die Panik, die sie zuvor bei ihrer Mutter gehört hatte, machte sich in ihrem Kopf breit. Diesmal sprach Nehada:
„Meine Liebe, machen wir uns nichts vor, du wirst keine Stelle bekommen und wenn doch, dann verlierst du sie nach wenigen Wochen wieder, wie immer. Ich weiß ja, dass du dich bemühst, aber wem nützt das? Sandra nicht und dir auch nicht. Ich will dir doch nur helfen, Mary, dir eine Last von den Schultern nehmen. Wäre es denn nicht zur Abwechslung wieder einmal schön, sich nur um sich selbst kümmern zu müssen? Du brauchst dich doch nicht um Sandra sorgen. In einem Internat ist sie gut aufgehoben, ich werde für alle Kosten aufkommen.“
Plötzlich unterbrach ein Poltern Nehadas Worte. Sandra wusste, dass ihre Mutter einen Stuhl umgestoßen hatte und bei dem Klang ihres Schreies zuckte sie zitternd zusammen:
„Nein, nein, das kann ich nicht. Ich will Sandra nicht weggeben, sie ist meine Tochter und ich werde …“ Eine schneidend ruhige Stimme unterbrach sie:
„Dann werde ich das Jugendamt einschalten müssen, Mary. Bitte, erspar mir und auch dir diese Peinlichkeit. Wir wissen beide, dass sie dir Sandra wegnehmen würden. Das Kind ist stundenlang am Tag allein zu Hause, niemand kümmert sich um ihre Ausbildung, um ihre Bedürfnisse.“
Ihre Mutter begann wild zu schluchzen. Unter einem Schwall von Tränen sagte sie: „Ist das deine Rache, Nehada? Ist das die Rache dafür, dass ich damals gegangen bin und dich allein gelassen habe?“
Keine Antwort, dann: „Du musst endlich einmal an Sandra denken und nicht an dich. Lass nicht zu, dass sie wird wie du, sie soll einmal eine bessere Zukunft haben. Siehst du das denn nicht ein?“
Ihre Tante klang beinahe schon sanft, aber der Eindruck täuschte, denn unterschwellig nahm Sandra erneut einen Hauch von Kälte wahr.
Die Stille war betäubender und schmerzlicher als ein erneuter Aufschrei ihrer Mutter. Sie bedeutete, dass sie nachdachte, wirklich und tatsächlich über die schreckliche Vorstellung nachdachte, ihre Tochter wegzugeben.
Sandra drückte eine Hand auf ihrem Mund, um ihre eigenen Schluchzer zu unterdrücken. Tränen perlten über ihre Wangen und zeichneten eine feine Spur von Nässe auf ihre Wangen. „Nein“, flüsterte es immer wieder in ihrem Kopf, das kann nicht wahr sein. Hinter ihrer Stirn strömten die Gedanken in einem Kreis, aus dem es kein Entrinnen gab: Sie würde alles verlieren. Ihre Mutter war das einzige, was sie hatte. Ihr Vater hatte sie bereits nach der Geburt verlassen, sie hatte ihn nie kennen gelernt und auch nie das Bedürfnis danach verspürt. Sie schloss die Augen und Tränen zwängten sich unter ihren Lidern hindurch an die freie Luft.
Die Tür zur Küche schwang ohne Vorwarnung plötzlich in den Flur auf und sie reagierte gerade rechtzeitig, um ihre Hände schützend vor sich zu heben und die Tür daran zu hindern, ihr ins Gesicht zu schlagen.
Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Gestalt wahr, die in den Flur hastete und auf die Haustüre zustrebte. Eine zweite Person trat aus der Küche hinaus und lief ihr schreiend nach: „Mary, lauf nicht wieder weg, lass uns in Ruhe darüber reden!!“
Sandra stand wie versteinert an der Wand hinter der Tür und lauschte der Stimme ihrer Mutter, die wohl auf dem Türabsatz stehen geblieben war:
„Ich will nicht zusehen müssen, wie sie mir Sandra wegnehmen, lieber gehe ich! Ich ertrage das nicht, ich will nicht in ihr Gesicht sehen, wenn sie es erfährt.“
„Also läufst du einfach wieder davon, ja? Und glaubst tatsächlich, das würde ihr helfen oder alles für sie leichter machen?“
Sie lauschte dem Schluchzen ihrer Mutter. „Ich … ich gehe jetzt! Sandra muss gleich von der Schule kommen, sag ihr, dass es mir Leid tut, Nehada, bitte!“
Doch ihre Tante gab keine Antwort und sie selbst hielt es hinter der Tür nicht länger aus. Sie wollte einfach nur noch ihre Mutter umarmen und ihr sagen, dass sie das schon schaffen würden, gemeinsam. Sie wollte sie daran hindern, sie zu verlassen und sie im Stich zu lassen.
Sandra stieß die Tür mit zittrigen Händen zurück und sah geradewegs an Nehada vorbei auf ihre Mutter, die sie entsetzt anstarrte.
Ihre Tante, die dem starren Blick ihrer Schwester folgte und sich umdrehte, musterte Sandra halb erschrocken, halb betreten, aber sie entdeckte auch Erleichterung in ihren Augen. Warum? Weil sie Sandra nun nicht mehr darüber aufklären musste, wie ihre weitere Zukunft aussah und warum ihre Mutter feige davonlaufen wollte?
Für einen Moment schien die Zeit still zu stehen, keiner rührte sich und sie erwiderte den verstörten Blick ihrer Mutter, die sie aus rot geränderten Augen betrachtete.
„Mum …“, flüsterte sie leise und trat einen Schritt auf sie zu, doch ihre Mutter hob ihre Hand und senkte die Lider.
„ Es tut mir so leid, Sandra …“
Sie sah mit einem Schleier von Tränen vor ihren blassblauen Augen auf.
„Ich wollte dir wirklich eine bessere Mutter sein … du hast viel mehr verdient … es ist besser so, verzeih mir …“ und sie drehte sich auf dem Absatz um, riss die Türe auf und stürmte nach draußen.
Sandra sah kurz zu ihrer Tante, die sie abschätzig musterte und lief ihrer Mutter nach draußen hinterher.
Danach geschah alles binnen weniger Sekunden, doch eben diese Sekunden waren es, die Sandra für den Rest ihres Lebens am schmerzhaftesten verfolgen sollten, die sie quälten und in ihre Träumen verfolgen würden. Sie kamen ihr ewig vor.
Sie sah ihre Mutter über die Straße hechten, als sie die Mitte erreicht hatte, gelangte sie gerade erst an den Bordstein.
Sie schrie ihr nach, rief immer wieder, dass sie nicht gehen sollte, dass sie sie brauchte und sie die beste Mutter war, die sie sich nur wünschen könnte.
Bei diesen Worten drehte sich ihre Mutter mitten auf der Straße um. Hatte sie den Entschluss gefasst zu sterben, mit der Gewissheit, dass ihre Tochter sie für eine gute Mutter hielt, statt Sandra zu verlieren und davonzulaufen?
Sie sollte es niemals erfahren, denn in eben diesem Moment schallte ein lautes Hupen durch das Verkehrsgetöse, ein Laster tauchte in Sandras Augenwinkeln auf, sie kreischte ihrer Mutter etwas zu, doch diese stand nur da, lächelte traurig und nickte, bevor das Fahrzeug ihren Körper packte und mit sich riss.
Alte, vergangene Schreie hallten in ihrem Kopf nach, Sandra vergrub ihr Gesicht in den Händen und als sie ihn wieder hob, schweifte ihr Blick durch die halbdurchsichtigen Vorhänge hinaus aus dem Fenster.
Ihre Augen fanden den veilchenblauen, klaren Himmel und verloren sich in seiner Unendlichkeit.
Bist du jetzt dort?, fragte sie sich und seufzte, als sich hinter ihr die Türe ohne Anklopfen öffnete.
Ihr Onkel schob seinen leicht aufgedunsenen Körper in ihr Zimmer und heftete seinen strengen Blick auf sie.
„Du weißt, was ich dir sagen werde?“, fragte er kühl und Sandra nickte.
„Es tut mir Leid, Onkel Severine, ich habe einfach nicht daran gedacht…“ „…dass du jemanden beleidigen würdest“, beendete er ihren Satz und sie senkte ihren Kopf, zupfte traurig an einem Faden, der sich aus der Naht ihres T-Shirts gelöst hatte.
Wäre sie nicht so niedergeschlagen gewesen, sie hätte ihr Gesicht gehoben und seinem festen Blick standgehalten, aber das hieße, ihm die Tränen in ihren Augen zu offenbaren. Er würde sich in dem Glauben wähnen, dass sie ihm galten und Triumph fühlen, diese Gelegenheit wollte sie ihm nicht bieten, lieber wandte sie ihr Gesicht ab.
„Das wird nicht noch einmal vorkommen und im Übrigen könntest du deine Ferien besser nutzen, als in einen Wald zu gehen und dort deine Zeit zu vertrödeln. Ich erwarte von dir, dass du deiner Tante zur Hand gehst, hast du verstanden?“
Sie sah auf und nickte mit zusammen gepressten Lippen.
„Ich möchte eine Antwort hören“, fügte ihr Onkel scharf hinzu.
Sandra unterdrückte ein wütendes Schnaufen und sagte klar: „Ja, Onkel, ich habe dich verstanden.“
Severine betrachtete sie abwägend. Vielleicht dachte er darüber nach, ob er ihre kühle Antwort als frech werten und sich weiter mit ihr auseinander setzen sollte. Anscheinend hatte er aber nicht länger die Muße und Geduld dazu, denn er wandte sich wortlos ab und verschwand aus ihrem Zimmer.
Sandra saß auf dem Schreibtisch vor ihrem Fenster, verschränkte ihre Beine untereinander und starrte hinaus in ein nachtschwarzes Firmament, das von glimmenden Sternen besprenkelt war. In der Ferne, prall und silbrig schimmernd, erhob sich der Mond über einem Pulk von Wolken, die langsam an ihm vorbeizogen.
Wie lange sie hier saß und in die Ferne starrte, wusste sie nicht mehr, sie sah nur noch ihre Gedanken, ihre Erinnerung, lauschte den gesagten Worten ihrer Tante: „Meine Liebe, machen wir uns nichts vor, du wirst keine Stelle bekommen und wenn doch, dann verlierst du sie nach wenigen Wochen wieder, wie immer. Ich weiß ja, dass du dich bemühst, aber wem nützt das? Sandra nicht und dir auch nicht. Ich will dir doch nur helfen, Mary, dir eine Last von den Schultern nehmen. Wäre es denn nicht zur Abwechslung wieder einmal schön, sich nur um sich selbst kümmern zu müssen? Du brauchst dich doch nicht um Sandra sorgen. In einem Internat ist sie gut aufgehoben, ich werde für alle Kosten aufkommen.“
Sie spürte ein vertrautes Ziehen in ihrem Magen, das sich über ihre Blutbahnen bis zu ihrem Kopf schlich und dort den Gedanken an Hass verbreitete, wie ein Gift, das so dickflüssig war, dass es alle anderen Gefühle überlagerte.
Sie kannte dieses Gefühl, sie hatte es oft genug gespürt und versucht zu unterdrücken.
Immer wieder rang sie mit ihrem Hass, sie gewann den Kampf gegen ihn, aber der Sieg hinterließ einen bitteren Geschmack.
Sie wollte wieder lachen können, aber es schien, dass sie nur glücklich sein konnte, wenn sie nicht in der Nähe von Nehada und Severine war, wenn sie außerhalb ihrer Gegenwart die Erinnerungen und den Wunsch nach Rache vergessen konnte.
Sie wollte ihrer Tante nicht die Schuld an dem Tod ihrer Mutter geben, im Grunde wusste sie, dass niemand diese Schuld tragen konnte, selbst der LKW-Fahrer nicht. Ihre Mutter hatte damals entschieden zu gehen und diese Entscheidung durfte ihre Tochter nicht in Frage stellen, indem sie jemand anderem die Schuld an ihrem Tod gab.
Aber dennoch: War es nicht Nehada gewesen, die sie wegschicken wollte, die ihre Mutter zur Verzweiflung gedrängt hatte?
Sandra schüttelte matt den Kopf und drängte die Tränen zurück.
Ihr Blick zog die Rundung des Mondes nach, bestaunte die Schönheit seines Glanzes und wunderte sich darüber, wie nah er wirkte, obwohl er für sie immer unerreichbar sein würde. Unerreichbar…das Wort zerschmolz auf ihrer Zunge.
Was war nicht alles unerreichbar für sie geworden?
Sie schloss die Augen und lauschte dem Verkehr auf der Straße, die sich unter ihrem Fenster durch die Stadt zog.
Als sie ihre Lider wieder hob, breitete sich ein einziger Gedanke in ihr aus, ein Wunsch, den sie schon lange unausgesprochen auf den Lippen führte: Ich muss hier weg!
Sie konnte nicht länger hier leben, nicht bei den zwei Personen, die sie am meisten hasste.
Und sie wollte nicht hassen.
Sandra stand auf, schaute ein letztes Mal in den Himmel und ein melancholischer Ausdruck breitete sich in ihrem Gesicht aus. Er zeugte von Hoffnung, dem Willen zu leben und mit sich selber wieder eins zu werden.
Irgendwo auf einer Wiese, fernab der Stadt, streifte eine kleine Gestalt durch die Grashalme, eingehüllt in einen Mantel der Dunkelheit, mit einem Lächeln auf den Lippen. Nicht weit vor ihr rauschten die Wipfel der Bäume, ihre Zweige reckten sich der Gestalt entgegen und wisperten tröstende Worte, die ihr den Weg wiesen und in Geborgenheit führten.
„Hallo Mum“, rief sie beim Eintreten in den Flur, während hinter ihr die Haustüre ins Schloss fiel.
Sandra nahm ihren Rucksack von den Schultern und lehnte ihn neben der Kommode an die Wand. Statt der gewohnten Begrüßung ihrer Mutter, die stets bei ihrer Ankunft aus der Küche schallte, hüllte sie eine ungewohnte Stille ein.
Niemand, der ihr mit einem „Hallo, mein Schatz“ antwortete, keiner, der mit einem Lächeln in den Flur trat und sie über ihren Tag in der Schule aushorchte. Nur diese seltsame Ruhe. Vielleicht ist sie noch einkaufen, sagte sich Sandra und ging mit einem Schulterzucken ans Ende des Flures, wo nach rechts ein Durchgang in die Küche führte.
Doch statt eines freien Eingangs starrte sie auf eine Mauer aus Holz. Sie hatte noch nie bemerkt, dass es eine Tür im Eingang zur Küche gab, womöglich lag das daran, dass sie nie geschlossen wurde.
Es war, als verbanne sie dieses Stück Holz in den Flur und wollte sie dort festhalten.
Sie wollte nach der Türklinke greifen, als eine schwache Stimme erklang und sie inne halten ließ. Sandra hatte ihre Mutter bis zu diesem Augenblick noch nie so gehört, weinerlich, flehend und ein Hauch von Verzweiflung schwang in ihren Worten mit.
„Nehada … bitte. Ich will das nicht länger hören …“ und dann etwas leiser: "Du konntest mich noch nie leiden, auch damals nicht.“
Ein Schnaufen war wahrzunehmen und es war das erste Mal, da sie diesen Laut der Verachtung wahrnahm. Bis zu diesem Augenblick hatte sie ihre Tante noch nicht wirklich gekannt, sie war ihr einige Male auf verwandtschaftlichen Festen begegnet, hatte wenige Worte mit ihr gewechselt und sich später bei ihrer Mutter über den strengen Blick beklagt. Doch ihre Stimme erkannte sie jederzeit wieder, sie barg eine Kälte in sich, die das Mädchen noch nie bei einem anderen Menschen entdeckt hatte.
„Leiden? Was tut das schon zur Sache, Mary? Du kannst es mir nicht übel nehmen, nachdem du mit diesem Kerl abgehauen bist und mich im Stich gelassen hast.“
„Ich war schwanger, Mutter hätte das nie geduldet, ich hatte keine Wahl.“
Wieder ein Schnauben, gefolgt von Stille.
„Eine Wahl? Du hattest die Wahl mich mitzunehmen, aber im Grunde kann ich froh darüber sein, bei Mutter geblieben zu sein, so verdorben wie du bist, hättest du mich auch nur in den Ruin getrieben. Aber jetzt, jetzt ist es Zeit deine Tochter zu retten, Mary! Du machst ihr Leben kaputt, du bist nicht fähig, das Mädchen richtig zu erziehen. Schick sie ins Internat oder überlass jemand anderem die Erziehung. Es ist Zeit, dass deine Tochter etwas in ihrem Leben lernt und nicht Gefahr läuft, dem schlechten Beispiel ihrer Mutter zu folgen. Oder willst du das? Willst du dein Kind verlieren, willst du, dass Sandra schwanger wird und dich nachher sitzen lässt, ohne das Wissen, welchen Namen dein Enkel trägt?“
Sandra hielt die Luft an, für einen Moment glaubte sie, ihr Herz würde stillstehen. Ein tiefer Druck legte sich auf ihre Lunge. Sie presste ihr Ohr fester an die Türe und ballte ihre Hände zu Fäusten. Wie immer, wenn sie nervös wurde, kaute sie auf ihrer Unterlippe, bis sich ein matter Schmerz dort ausbreitete.
Was wollte Nehada? Auf ein Internat schicken? Verdorben?
Ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, entgegnete ihre Mutter:
„Sandra wird nicht den gleichen Fehler begehen, wie ich damals … Was ist denn so schlecht an ihr? Ich weiß, sie hätte Besseres verdient und ist ein wenig im Rückstand in der Schule, aber das gibt sich, Nehada, glaub mir. Morgen habe ich auch ein Vorstellungsgespräch, dann kann ich wieder arbeiten und die Miete für die letzten Monate bezahlen.“
Mit jeder Silbe, die über ihre Lippe kam, klang sie panischer.
Am liebsten wäre Sandra in die Küche gestürmt, hätte sich an sie geklammert und ihr eingeredet, dass alles gut werden würde und sie sich keine Sorgen um sie machen musste.
Sie würde mehr lernen und bessere Noten in der Schule erzielen. In den letzten Wochen konnte sie nur noch schlecht dem Lernstoff folgen, da ihre Mutter zu mehreren Vorstellungsgesprächen vorgeladen war und sie sich um den Haushalt kümmern musste.
Aber sobald ihre Mutter eine Arbeit fand, würde alles wie von selbst geregelt werden. Wegen diesen Kleinigkeiten musste sie doch nicht in ein Internat.
Die Panik, die sie zuvor bei ihrer Mutter gehört hatte, machte sich in ihrem Kopf breit. Diesmal sprach Nehada:
„Meine Liebe, machen wir uns nichts vor, du wirst keine Stelle bekommen und wenn doch, dann verlierst du sie nach wenigen Wochen wieder, wie immer. Ich weiß ja, dass du dich bemühst, aber wem nützt das? Sandra nicht und dir auch nicht. Ich will dir doch nur helfen, Mary, dir eine Last von den Schultern nehmen. Wäre es denn nicht zur Abwechslung wieder einmal schön, sich nur um sich selbst kümmern zu müssen? Du brauchst dich doch nicht um Sandra sorgen. In einem Internat ist sie gut aufgehoben, ich werde für alle Kosten aufkommen.“
Plötzlich unterbrach ein Poltern Nehadas Worte. Sandra wusste, dass ihre Mutter einen Stuhl umgestoßen hatte und bei dem Klang ihres Schreies zuckte sie zitternd zusammen:
„Nein, nein, das kann ich nicht. Ich will Sandra nicht weggeben, sie ist meine Tochter und ich werde …“ Eine schneidend ruhige Stimme unterbrach sie:
„Dann werde ich das Jugendamt einschalten müssen, Mary. Bitte, erspar mir und auch dir diese Peinlichkeit. Wir wissen beide, dass sie dir Sandra wegnehmen würden. Das Kind ist stundenlang am Tag allein zu Hause, niemand kümmert sich um ihre Ausbildung, um ihre Bedürfnisse.“
Ihre Mutter begann wild zu schluchzen. Unter einem Schwall von Tränen sagte sie: „Ist das deine Rache, Nehada? Ist das die Rache dafür, dass ich damals gegangen bin und dich allein gelassen habe?“
Keine Antwort, dann: „Du musst endlich einmal an Sandra denken und nicht an dich. Lass nicht zu, dass sie wird wie du, sie soll einmal eine bessere Zukunft haben. Siehst du das denn nicht ein?“
Ihre Tante klang beinahe schon sanft, aber der Eindruck täuschte, denn unterschwellig nahm Sandra erneut einen Hauch von Kälte wahr.
Die Stille war betäubender und schmerzlicher als ein erneuter Aufschrei ihrer Mutter. Sie bedeutete, dass sie nachdachte, wirklich und tatsächlich über die schreckliche Vorstellung nachdachte, ihre Tochter wegzugeben.
Sandra drückte eine Hand auf ihrem Mund, um ihre eigenen Schluchzer zu unterdrücken. Tränen perlten über ihre Wangen und zeichneten eine feine Spur von Nässe auf ihre Wangen. „Nein“, flüsterte es immer wieder in ihrem Kopf, das kann nicht wahr sein. Hinter ihrer Stirn strömten die Gedanken in einem Kreis, aus dem es kein Entrinnen gab: Sie würde alles verlieren. Ihre Mutter war das einzige, was sie hatte. Ihr Vater hatte sie bereits nach der Geburt verlassen, sie hatte ihn nie kennen gelernt und auch nie das Bedürfnis danach verspürt. Sie schloss die Augen und Tränen zwängten sich unter ihren Lidern hindurch an die freie Luft.
Die Tür zur Küche schwang ohne Vorwarnung plötzlich in den Flur auf und sie reagierte gerade rechtzeitig, um ihre Hände schützend vor sich zu heben und die Tür daran zu hindern, ihr ins Gesicht zu schlagen.
Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Gestalt wahr, die in den Flur hastete und auf die Haustüre zustrebte. Eine zweite Person trat aus der Küche hinaus und lief ihr schreiend nach: „Mary, lauf nicht wieder weg, lass uns in Ruhe darüber reden!!“
Sandra stand wie versteinert an der Wand hinter der Tür und lauschte der Stimme ihrer Mutter, die wohl auf dem Türabsatz stehen geblieben war:
„Ich will nicht zusehen müssen, wie sie mir Sandra wegnehmen, lieber gehe ich! Ich ertrage das nicht, ich will nicht in ihr Gesicht sehen, wenn sie es erfährt.“
„Also läufst du einfach wieder davon, ja? Und glaubst tatsächlich, das würde ihr helfen oder alles für sie leichter machen?“
Sie lauschte dem Schluchzen ihrer Mutter. „Ich … ich gehe jetzt! Sandra muss gleich von der Schule kommen, sag ihr, dass es mir Leid tut, Nehada, bitte!“
Doch ihre Tante gab keine Antwort und sie selbst hielt es hinter der Tür nicht länger aus. Sie wollte einfach nur noch ihre Mutter umarmen und ihr sagen, dass sie das schon schaffen würden, gemeinsam. Sie wollte sie daran hindern, sie zu verlassen und sie im Stich zu lassen.
Sandra stieß die Tür mit zittrigen Händen zurück und sah geradewegs an Nehada vorbei auf ihre Mutter, die sie entsetzt anstarrte.
Ihre Tante, die dem starren Blick ihrer Schwester folgte und sich umdrehte, musterte Sandra halb erschrocken, halb betreten, aber sie entdeckte auch Erleichterung in ihren Augen. Warum? Weil sie Sandra nun nicht mehr darüber aufklären musste, wie ihre weitere Zukunft aussah und warum ihre Mutter feige davonlaufen wollte?
Für einen Moment schien die Zeit still zu stehen, keiner rührte sich und sie erwiderte den verstörten Blick ihrer Mutter, die sie aus rot geränderten Augen betrachtete.
„Mum …“, flüsterte sie leise und trat einen Schritt auf sie zu, doch ihre Mutter hob ihre Hand und senkte die Lider.
„ Es tut mir so leid, Sandra …“
Sie sah mit einem Schleier von Tränen vor ihren blassblauen Augen auf.
„Ich wollte dir wirklich eine bessere Mutter sein … du hast viel mehr verdient … es ist besser so, verzeih mir …“ und sie drehte sich auf dem Absatz um, riss die Türe auf und stürmte nach draußen.
Sandra sah kurz zu ihrer Tante, die sie abschätzig musterte und lief ihrer Mutter nach draußen hinterher.
Danach geschah alles binnen weniger Sekunden, doch eben diese Sekunden waren es, die Sandra für den Rest ihres Lebens am schmerzhaftesten verfolgen sollten, die sie quälten und in ihre Träumen verfolgen würden. Sie kamen ihr ewig vor.
Sie sah ihre Mutter über die Straße hechten, als sie die Mitte erreicht hatte, gelangte sie gerade erst an den Bordstein.
Sie schrie ihr nach, rief immer wieder, dass sie nicht gehen sollte, dass sie sie brauchte und sie die beste Mutter war, die sie sich nur wünschen könnte.
Bei diesen Worten drehte sich ihre Mutter mitten auf der Straße um. Hatte sie den Entschluss gefasst zu sterben, mit der Gewissheit, dass ihre Tochter sie für eine gute Mutter hielt, statt Sandra zu verlieren und davonzulaufen?
Sie sollte es niemals erfahren, denn in eben diesem Moment schallte ein lautes Hupen durch das Verkehrsgetöse, ein Laster tauchte in Sandras Augenwinkeln auf, sie kreischte ihrer Mutter etwas zu, doch diese stand nur da, lächelte traurig und nickte, bevor das Fahrzeug ihren Körper packte und mit sich riss.
Alte, vergangene Schreie hallten in ihrem Kopf nach, Sandra vergrub ihr Gesicht in den Händen und als sie ihn wieder hob, schweifte ihr Blick durch die halbdurchsichtigen Vorhänge hinaus aus dem Fenster.
Ihre Augen fanden den veilchenblauen, klaren Himmel und verloren sich in seiner Unendlichkeit.
Bist du jetzt dort?, fragte sie sich und seufzte, als sich hinter ihr die Türe ohne Anklopfen öffnete.
Ihr Onkel schob seinen leicht aufgedunsenen Körper in ihr Zimmer und heftete seinen strengen Blick auf sie.
„Du weißt, was ich dir sagen werde?“, fragte er kühl und Sandra nickte.
„Es tut mir Leid, Onkel Severine, ich habe einfach nicht daran gedacht…“ „…dass du jemanden beleidigen würdest“, beendete er ihren Satz und sie senkte ihren Kopf, zupfte traurig an einem Faden, der sich aus der Naht ihres T-Shirts gelöst hatte.
Wäre sie nicht so niedergeschlagen gewesen, sie hätte ihr Gesicht gehoben und seinem festen Blick standgehalten, aber das hieße, ihm die Tränen in ihren Augen zu offenbaren. Er würde sich in dem Glauben wähnen, dass sie ihm galten und Triumph fühlen, diese Gelegenheit wollte sie ihm nicht bieten, lieber wandte sie ihr Gesicht ab.
„Das wird nicht noch einmal vorkommen und im Übrigen könntest du deine Ferien besser nutzen, als in einen Wald zu gehen und dort deine Zeit zu vertrödeln. Ich erwarte von dir, dass du deiner Tante zur Hand gehst, hast du verstanden?“
Sie sah auf und nickte mit zusammen gepressten Lippen.
„Ich möchte eine Antwort hören“, fügte ihr Onkel scharf hinzu.
Sandra unterdrückte ein wütendes Schnaufen und sagte klar: „Ja, Onkel, ich habe dich verstanden.“
Severine betrachtete sie abwägend. Vielleicht dachte er darüber nach, ob er ihre kühle Antwort als frech werten und sich weiter mit ihr auseinander setzen sollte. Anscheinend hatte er aber nicht länger die Muße und Geduld dazu, denn er wandte sich wortlos ab und verschwand aus ihrem Zimmer.
Sandra saß auf dem Schreibtisch vor ihrem Fenster, verschränkte ihre Beine untereinander und starrte hinaus in ein nachtschwarzes Firmament, das von glimmenden Sternen besprenkelt war. In der Ferne, prall und silbrig schimmernd, erhob sich der Mond über einem Pulk von Wolken, die langsam an ihm vorbeizogen.
Wie lange sie hier saß und in die Ferne starrte, wusste sie nicht mehr, sie sah nur noch ihre Gedanken, ihre Erinnerung, lauschte den gesagten Worten ihrer Tante: „Meine Liebe, machen wir uns nichts vor, du wirst keine Stelle bekommen und wenn doch, dann verlierst du sie nach wenigen Wochen wieder, wie immer. Ich weiß ja, dass du dich bemühst, aber wem nützt das? Sandra nicht und dir auch nicht. Ich will dir doch nur helfen, Mary, dir eine Last von den Schultern nehmen. Wäre es denn nicht zur Abwechslung wieder einmal schön, sich nur um sich selbst kümmern zu müssen? Du brauchst dich doch nicht um Sandra sorgen. In einem Internat ist sie gut aufgehoben, ich werde für alle Kosten aufkommen.“
Sie spürte ein vertrautes Ziehen in ihrem Magen, das sich über ihre Blutbahnen bis zu ihrem Kopf schlich und dort den Gedanken an Hass verbreitete, wie ein Gift, das so dickflüssig war, dass es alle anderen Gefühle überlagerte.
Sie kannte dieses Gefühl, sie hatte es oft genug gespürt und versucht zu unterdrücken.
Immer wieder rang sie mit ihrem Hass, sie gewann den Kampf gegen ihn, aber der Sieg hinterließ einen bitteren Geschmack.
Sie wollte wieder lachen können, aber es schien, dass sie nur glücklich sein konnte, wenn sie nicht in der Nähe von Nehada und Severine war, wenn sie außerhalb ihrer Gegenwart die Erinnerungen und den Wunsch nach Rache vergessen konnte.
Sie wollte ihrer Tante nicht die Schuld an dem Tod ihrer Mutter geben, im Grunde wusste sie, dass niemand diese Schuld tragen konnte, selbst der LKW-Fahrer nicht. Ihre Mutter hatte damals entschieden zu gehen und diese Entscheidung durfte ihre Tochter nicht in Frage stellen, indem sie jemand anderem die Schuld an ihrem Tod gab.
Aber dennoch: War es nicht Nehada gewesen, die sie wegschicken wollte, die ihre Mutter zur Verzweiflung gedrängt hatte?
Sandra schüttelte matt den Kopf und drängte die Tränen zurück.
Ihr Blick zog die Rundung des Mondes nach, bestaunte die Schönheit seines Glanzes und wunderte sich darüber, wie nah er wirkte, obwohl er für sie immer unerreichbar sein würde. Unerreichbar…das Wort zerschmolz auf ihrer Zunge.
Was war nicht alles unerreichbar für sie geworden?
Sie schloss die Augen und lauschte dem Verkehr auf der Straße, die sich unter ihrem Fenster durch die Stadt zog.
Als sie ihre Lider wieder hob, breitete sich ein einziger Gedanke in ihr aus, ein Wunsch, den sie schon lange unausgesprochen auf den Lippen führte: Ich muss hier weg!
Sie konnte nicht länger hier leben, nicht bei den zwei Personen, die sie am meisten hasste.
Und sie wollte nicht hassen.
Sandra stand auf, schaute ein letztes Mal in den Himmel und ein melancholischer Ausdruck breitete sich in ihrem Gesicht aus. Er zeugte von Hoffnung, dem Willen zu leben und mit sich selber wieder eins zu werden.
Irgendwo auf einer Wiese, fernab der Stadt, streifte eine kleine Gestalt durch die Grashalme, eingehüllt in einen Mantel der Dunkelheit, mit einem Lächeln auf den Lippen. Nicht weit vor ihr rauschten die Wipfel der Bäume, ihre Zweige reckten sich der Gestalt entgegen und wisperten tröstende Worte, die ihr den Weg wiesen und in Geborgenheit führten.
