Hallo Acuaria!
Wie ich sehe ist das hier dein erstes und bislang einziges Posting im Forum. Dann will ich mal meinen Senf dazu geben - würde mich freuen, wenn ich dich überzeugen könnte, dass es sich lohnt hier im Forum weiter aktiv zu sein ^^
Ich hatte den Songtext schon einmal durchgelesen, aber irgendwie brauchte ich doch etwas mehr Konzentration, bis ich das Gefühl hatte, den Text richtig zu verstehen und mich von ihm berühren lassen konnte. (Was jetzt nicht schlecht ist. Ich selber mag etwas komplexe Lyrics lieber als platte tausendmal gehörte.)
Ein sehr gutes und wie ich finde wichtiges Thema hast du gewählt: Das lyrische Ich steckt in einer Beziehung, in der es vom Partner nicht richtig gesehen/wahrgenommen wird. Es spielt dem Partner etwas vor und passt sich vollständig seinen Vorstellungen an, damit es geliebt wird. (Nachdem ich mich etwas reingekniet hatte, ist mir diese Interpretation gleich zugeflogen, aber ich lese auch immer wieder so Psychologie-Bücher, wo mir solche Dinge schon begegnet sind. Wäre interessant zu sehen, wie der Text von jemanden ohne PsychoLektüre interpretiert wird.)
Der Text klingt sehr ruhig, fragend, etwas resigniert... Ich finde, du hast ein paar ansprechende Bilder in deinem Text und rutscht nicht so ab in tausendmal gehörte Phrasen. Ich kann gar nicht genug betonen, wie angenehm das ist!
Zum Handwerklichen
Der Text ist klar strukturiert, wie es sich für einen Song gehört: Wiederholungen durch den Refrain, die Verse durch das „What if“ eingeleitet.
Das Metrum und die Zeilenlänge kann ich ganz schwer beurteilen, wenn ich keine Musik dazu habe. Einige Zeilen kamen mir zu lang vor. Ich weiß, dass Melodien ziemlich dehnbar sind und man da auch mal mehr oder weniger Silben drauf unterbringen kann, die Frage ist nur, wie gut es dann klingt ^^ Kann ich jetzt nicht beurteilen.
Ein Problem sehe ich leider bei den Reimen. Bei den Versen lässt sich ein A-B-A-B-Schema erkennen, aber das Schema wird immer wieder bei manchen Versen verlassen. Manche Reime klingen auch sehr gezwungen in meinen Ohren.
(26-09-2010 19:42)Acuaria schrieb: [ -> ]What if you misjudge me for who i am
and make me be what i should be for you
What if you create your second self
no i´m not what i seem, never be sure
Keine Reime, es sei denn, man zählt „you“ und „sure“ als unreinen Reim. Ich habe nichts gegen unreine Reime oder Fast-Reime bei Songtexten einzuwenden, aber dann sollten sich wenigstens die verbliebenen beiden Zeilen reimen.
Schade, denn die Zeilen mit „du erschaffst dir dein zweites Ich“ und „machst mich zu dem was du willst“ haben mir eigentlich gut gefallen =( Vielleicht kannst du sie irgendwie retten.
(26-09-2010 19:42)Acuaria schrieb: [ -> ]What if you found me in a stranger´s skin
carrying another name another identity
What if you didn´t see me within
would you still love me eventually
Hier passen die Reime -- leider gefallen sie mir nicht so gut =(
Das Bild „Du siehst mich in der Haut eines Fremden“ -> toll! Das ist cool!
„Another identity“ -> ist mir schon wieder etwas zu abstrakt irgendwie, aber ich lasse es unter Geschmackssache fallen.
„What if you didn’t see me within“ -> Du meinst, Was wenn du mein Innerstes nicht siehst, oder? Ich bin mir nicht sicher ob man das so sagen kann. Hast du eigentlich mal einen Muttersprachler drüber schauen lassen? Ich tu mir sehr schwer, Grammatik und Wortgebrauch zu kommentieren, das überlasse ich lieber anderen...
„Would you still love me eventually“ -> Das klingt etwas gewollt gereimt für mich und wieder bin ich mir nicht sicher, ob man das so sagen kann.
(26-09-2010 19:42)Acuaria schrieb: [ -> ]What if i tried to create your perfect world
and lose myself within this stranger´s land
What if i showed you a wound that hurts
reveal secrets you do not understand
Reime passen!
Und die ersten zwei Zeilen gefallen mir sehr gut, schön bildlich!
„Wound that hurts“ -> Hm, das klingt etwas gezwungen gereimt für mich und außerdem so kurz... und ich frage mich, ob es nicht hurting sein sollte? Muttersprachleralarm ^^
Auf „world“ könntest du vielleicht was mit „word“ anfangen (für „disturb“ hab ich keine Idee gerade):
I showed you my wound but you never said a word (sehr lang... irgendwie halt^^)
What if I showed secrets but you didn’t get/hear/say a word
Revealed wounds but you didn’t understand
... ist jetzt alles etwas lang, aber vielleicht hilft es als Anregung weiter =)
(Ich weiß nicht, wie gut oder schlecht „wound“ auf Englisch klingt, von Songtexten her ist mir „scar“ irgendwie geläufiger - mit der gleichen symbolischen Bedeutung.)
Achtung, hier ist in beiden Zeilenpaaren ein plötzlicher Zeitenwechsel drin, der verwirrend sein kann. Ich würde fast sagen, „and LOST myself“ klingt sinnvoller, und in der letzten Zeile dann „REVEALED secrets“.
(26-09-2010 19:42)Acuaria schrieb: [ -> ]What if i´m not, not like you, never been
would you make a face and just go
What if i swore you my love, gave you my soul
would you appreciate it at all
Hm.... Reimchaos. „go“ und „soul“ reimen sich hier noch am meisten... Wie schon bei you-sure gesagt: „Go“ und „all“ könnte ich vielleicht tolerieren, wenn sich denn dann die anderen Zeilen reimen.
(26-09-2010 19:42)Acuaria schrieb: [ -> ]And the day won´t be cloudy
there´ll be no blowing wind
You will hear no sound in here
only silence falling over me
Cloudy und me? Here und me? Ich weiß nicht, ob das als Reim gedacht war, aber es passt überhaupt nicht in das ABAB Muster...
Beim Refrain fand ich nur die Zeilenreihenfolge etwas verwirrend. Vorschlag für mehr Klarheit (falls das mit der Melodie vereinbar ist, natürlich) :
And the day when you´ll find out
that your angel never touched heaven at all
will end the balance, we´ll smash to the ground
And someday when you´ll finally wipe me out
when you´ll have seen me truely undisguised
will be the day that we fall down
Wobei „never“ glaube ich ein Signalwort für „have touched“ ist. (Traumata des Englischunterrichts: Have you ever been to London? No I’ve never been to London...) Vielleicht kann man das irgendwie elegant abkürzen: your angel’ve never touched ... ????
Die Engels-Zeile mag ich übrigens sehr gern ... das Lyrische Ich versucht so perfekt und engelsgleich zu sein, wie es der Partner es sieht, aber es hat nie den Himmel gesehen... sehr schön!!
And the day when you´ll find out
that you deserve much more than that
will end the flight, we´ll smash to the ground
And someday when you won´t want me ´round
when you´ll have finally opened up your eyes
will be the day that we fall down
Zu Aufbau und Entwicklung des Themas:
So, jetzt kommen die Geschmacksfragen ;-) Ich schreib das einfach mal als meine ziemlich persönliche Meinung.
Der letzte Vers gibt noch einmal einen neuen flavor dazu: Plötzlich strahlt der Himmel blau und kein Wind weht. Diese Wendung, der Überraschungsmoment, gefällt mir gut! Ich bin zugegebenermaßen ein kleiner Wendungsfanatiker und quengel oft bei anderen Texten, wenn sie mir keine geben... ;-)
Allerdings geht der Text dann wieder einen Schritt zurück. Statt wie vom „blauen Himmel“ angekündigt eine positive Wendung zu nehmen, endet er in einem ambivalenten „Schweigen“... Das ist legitim und gibt Raum für Interpretation. Ich selbst hätte wahrscheinlich einen positiven Ausklang gewählt: Das lyrische Ich ahnt den Schmerz und das Alleinsein voraus, wenn der Partner weggeht; aber es ahnt auch heraus, dass das eine Chance ist, wieder es selber zu sein.
Diese Freiheit wird eh ein bisschen unterbewertet in dem Text, kann das sein? Das lyrische Ich hat sich scheinbar damit abgefunden, dass es nicht richtig geliebt wird und gibt sich damit zufrieden, die Beziehung so lang wie möglich weiter am Leben zu halten - obwohl es weh tut und obwohl das LI mit dem baldigen Ende der Beziehung schon rechnet. Also sehr resignierend und fast aufopfernd: Es bietet ja zwischendrin sogar an, seine „Seele zu geben" und glaubt, dass der Partner "mehr verdient" (deserve more). Da mache ich mir ein bisschen Sorgen um das LI.
Wenn das kritisierend dargestellt werden soll, müsste es noch mehr übertrieben werden. „The more you suffer the more it shows you really care - right?“ (<Self-Esteem> :D )
Der Song hat einerseits so die Schiene, die Schuld dem Partner zuzuschieben: Ich liebe dich, aber du siehst mich nicht, warum?
Unterschwellig, und weil das LI immer noch nicht richtig wütend ist, sehe ich aber auch: Ach, wäre ich nur besser und perfekter, so wie du mich willst...
Die eigentliche Frage wäre für mich die Frage, den Mut zu finden, sich mit der Wahrheit zu konfrontieren: "Entweder kann ich in der Beziehung sein wie ich bin --- oder wir müssen die Beziehung beenden und ich muss durch diesen Schmerz gehen."
Hm, auf jeden Fall sehr zum Nachdenken anregend, der Text.....
FAZIT:
Das Konzept finde ich sehr gut, zwischendurch etwas unheimlich resigniert aber insgesamt doch schön reflektiert und tiefsinnig. Hmm, ich hab auch kranke Beziehungslyrics auf meiner Festplatte, jetzt bin ich fast inspiriert, mich mit denen noch mal auseinander zu setzen *lach*
Auch bei der Umsetzung gefällt mir einiges, nur diese Reimsache ist in meinen Augen die größte Schwachstelle. Aber Handwerkszeug kann man ja üben und lernen! Sprachlicher Ausdruck dagegen lässt sich schwer lernen, und da sehe ich - wie oben schon gesagt - einige Sachen, die mir hier gut gefallen. Ich kann mir vorstellen, dass das richtig gut zur Geltung kommt, wenn die Reime besser passen. Würde mich auf jeden Fall freuen, mehr von dir zu lesen! Hast du eigentlich eine Melodie zu dem Stück? Wenn die irgendwie online verfügbar ist, würde ich sehr gern mal reinhören!
Viele Grüße,
ichigo
