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Der Glücksbringer
09-05-2008, 18:42
Beitrag #1
Der Glücksbringer
Der Glücksbringer

Erzählung von
Hans Werner



Missmutig ging Kaminfeger Adonis Rammelholz auf die kleine Siedlung zu, in der er heute Reinigungsdienst verrichten sollte. Tags zuvor hatte er versucht, Elisa, Gattin eines Briefträgers, zu küssen. Doch sie hatte sich standhaft gewehrt, obgleich er wusste, dass sie nach seinen Umarmungen lechzte. Denn sie litt an krankhafter Eifersucht. Ihr Mann, Briefträger Bonaventura, ein junger Springinsfeld, konnte an keiner Versuchung vorübergehen, ohne von ihr genascht zu haben. Wenigstens glaubte sie das von ihm. Und Adonis war ein tiefer Kenner alles Menschlichen. Er wusste von den geheimen Sehnsüchten Elisas. Darum hatte er, am vorigen Tag, als er den eisernen Stoßbesen, seine Sonne mit dem Kugelschlag, durch den Schornstein hatte rasseln lassen und danach die kleine Rechnung - sie war nach seinem Ermessen wirklich sehr klein - ausgestellt hatte, Elisa, die sich erwartungsvoll vor ihm aufgebaut hatte, tief in die Augen geblickt und sie dann, ungeachtet seines russverschmierten Äußeren, in die Arme genommen und ihr einen Kuss auf die Wange gedrückt. Elisa, die sich zunächst willfährig diese Zärtlichkeit gefallen zu lassen schien, sträubte sich plötzlich und stieß ihn zurück, worauf er, nachdem sein Mannesstolz auf solche Art geweckt worden war, beherzt zu neuem Angriff überging und sie, nun erfolgreicher, kräftig an sich drückte und ihr einen zweiten Kuss, diesmal auf die herausfordernd roten Lippen, gab. Vermutlich mussten dabei Elisa einige Rußpartikel in den Mund gekommen sein, auf jeden Fall spie sie aus, kräftig und zielgerichtet, wie ein Lama, so dass ein Rußpartikel Adonis ins Auge flog, mitten hinein in die hochgradig empfindliche Pupille. Seitdem war seine Sehkraft geschwächt. Etwas war ihm ins Auge geflogen, mit bloßen Fingern konnte er es nicht herausbringen. Auch der Spiegel, den er am Abend zu Rate gezogen hatte, war halb erblindet, wenigstens schien es ihm so. Sein Blick ward getrübt, sein Herz gekränkt und sein lahmer Schritt deutete auf Missmut.
Dabei lastete manches auf ihm. Er galt als Glücksbringer vom Dienst. Die Menschen, die er zu bedienen hatte, wussten eigentlich gar nicht, welch hohe Vertrauensstellung er beim lieben Gott innehatte. Erst neulich hatte dieser einige wichtige Aufgaben an ihn delegiert. Zum Beispiel musste er am himmlischen Computer die Gebete pubertierender und unter Einsamkeit leidender Mädchen beantworten. Dann verschickte er kleine Emails, die auf Ätherwellen in tröstende Gedanken transformiert wurden, welche sich wie ein milder Frühlingshauch auf das Bewusstsein der leidenden Geschöpfe legten und sie mit glückverheißenden Bildern erfreuten. Das Zauberwerkzeug, welches er dazu benutzte, war ein Hufeisen, ein festes handliches Ding, das er immer wieder hin- und herdrehte und aus ihm jene gute Laune zog, die er brauchte, um neuen Seelenbalsam zu erfinden.
So ging Adonis auf das erste Haus der Siedlung zu. Hier wohnte Daniel Wortlieb, langgedienter Pädagog und Dichter, ein wirklichkeitsfremder Spinner, ein typischer Sonderling. Auch er war Kunde von Adonis, dem himmlischen Briefkastenonkel. Doch waren seine Wünsche subtiler. Er lechzte nach künstlerischer Anerkennung, er sehnte sich nach dem Vereinigungskuss mit der Weltöffentlichkeit. Er wollte von einer universalen Leserschaft geliebt werden. Er sehnte sich nach dem Lorbeerkranz, sah sich schon als Büste abgebildet, wie Goethe und Schiller. Dieser senile alte Mann hatte wohl keine Ahnung davon, wie sehr ihn Adonis verachtete. Im Gegensatz zu ihm wusste nämlich Adonis ganz klar, wofür sein Dasein taugte. Er fegte Schornsteine, hielt die Welt in Ordnung. Denn würde er diese Kanäle für Funkenflug und Rauchentwicklung nicht sauber halten, dann gäbe es innerhalb kürzester Zeit Zimmerbrände, die sich zu einem kolossalen Weltenbrand entwickeln könnten.
Wie Adonis also mit missmutigen Schritten auf Wortliebs Haus zuging, zuckte das kleine Leiterchen, welches er immer auf dem Rücken trug, sein Schultereisen und der Rußsack bebten. Dieses Zucken und Beben deutete, wie üblich, auf ein Telefonat vom himmlischen Arbeitgeber hin. Adonis nahm sein Hufeisen aus der Umhängetasche, hielt es ans Ohr und vernahm die Stimme des Überirdischen: "Wortlieb hat sich wieder mit einem Stoßgebet an Uns gewandt. Scheint diesmal ernst zu sein, klingt alles sehr verzweifelt. Gib ihm einen Stoß Selbstvertrauen, vor allem Glauben an eigenes Glück und eigenen Erfolg. Aber beeil dich. Wortlieb könnte sich sonst einen Strick drehen."
Adonis seufzte. Er hatte den bittern Nachgeschmack des gestrigen Misserfolgs noch auf den Lippen, spürte noch den rußvermischten Speichel Elisas im Gesicht. Ihm war nicht danach, andere zu trösten und ihnen Glück vorzulügen. Doch was wollte er machen? Er musste seinen Job ausüben, wohl oder übel. Er nahm, wie er es gewohnt war, sein Hufeisen zwischen die Finger und drückte es, so fest er konnte. Er drückte, doch ohne Ergebnis. Kein göttlicher Trostgedanke fand Eingang in sein Hirn. Das Eisen versagte den Dienst. Adonis versuchte es nun mit Gewalt. Mit beiden zur Faust geballten Händen presste er sein Hufeisen zusammen, presste und presste. Doch nun schien dieser magische Apparat, der offenbar auch nicht ganz ohne eigene Empfindung war, plötzlich aggressiv zu reagieren. Er wurde glühend heiß, als wäre er eben aus der Feueresse der Schmiede gezogen worden. Er verwandelte sich zwischen Adonis' Händen zu einer feurigen Schlange. Adonis fühlte heißen Schmerz, und reflexartig schleuderte er, ohne sich zu besinnen, das glühende Hufeisen weit von sich, ohne darauf zu achten, wohin es flog.
Er stand nun aber direkt vor Wortliebs Häuschen, und zwar vor dem geöffneten Schlafzimmerfenster. Daniel Wortlieb selbst lag noch in friedlichem Schlummer, ein Fuß lugte aus der Steppdecke hervor. Manchmal lief ein leises Zucken über seinen Mund, die Augäpfel bewegten sich unter den Lidern. Vermutlich erlebte er gerade eine heftige Traumphase. Ihm träumte, er habe ein großes dichterisches Werk vollendet, eine symbolische Allegorie, und sei eben dabei, dieses Werk einer ehrfürchtig lauschenden Lesergemeinde vorzutragen. Er schwelgte in seinem gehobenen Erzählstil, gebrauchte Metaphern, die ihm ob ihrer blumigen Gewähltheit wie süßer Sirup von der Zunge liefen. Wie auf Adlersfittichen schienen seine Worte durch den Raum zu fliegen, die Seelen der lauschenden Menschen entfalteten sich vor ihm wie Seerosenblätter, zum Empfang seiner erhabenen Botschaft. Nun war er Dichter, Seher, poeta vates!
In diesem Augenblick just traf ihn das glühende Hufeisen, und zwar an der Ferse des herausgestreckten Fußes. Im Aufschlagen brannte es eine tiefe Wunde in seine Ferse, einen Stempel, ein Siegel, ein Brandmal mit klar sich abzeichnenden Wundrändern. Daniel riß bei dieser Feuerberührung die Augen weit auf, sie starrten durchs offene Fenster weit hinaus ins Grenzenlose, wie in einer geradezu überirdischen Vision.
Sofort sah Adonis, was er angerichtet hatte. Schuldbewusst griff er nach seinem Leiterchen und dem Stoßbesen und verschwand eiligen Schrittes zum Nachbarhaus. Daniel indessen war mit seinem Schmerz allein, den er in dieser Art noch nie gefühlt hatte. Seine Frau Fabiola kam, auf sein Schreien hin, mit Pflaster und Wundsalbe herein und versorgte ihn aufopfernd und liebevoll. Dabei blickte er, von unten, seit langem zum ersten Mal, tief in ihre rehbraunen Augen und roch, zum ersten Mal seit vielen Jahren, das angenehme Aroma ihres jungen Körpers. Ihm war, als ob erst der Schmerz in der Ferse ihn zu dieser Wahrnehmung befähigt hätte. Dann nahm er, wie an jedem Tag, sein Notizbuch und begab sich auf Welterkundung. Doch nun fühlte er mit jedem Schritt unter sich die Furchen der Erde, denn jede kleine Erhebung und Vertiefung rührte an seine Wunde, und sogar alle kleinen Tiere, die auf der Erde krabbelten, wurden ihm wegen seiner Wunde fühlbar. Ihm schien, als hätte er nun jene Bodenhaftung erlangt, die ihm bislang fremd gewesen war. Er ging durch die Straßen seiner Siedlung und erkannte plötzlich die Menschen mit all ihren grauen Alltagssorgen. Er sah die ausgetrockneten Tränenlinien in den Gesichtern ältlicher Mütter, sah die Sorgenfurchen in den Mienen der Väter, sah den Angstschimmer in den Augen der Kinder. Und plötzlich sah er sogar durch die Kleider hindurch und erblickte alle Menschen nackt und bloß. Und dann erkannte er die Striemen der Schläge, die nur oberflächlich verheilt waren. Er sah das junge Ehepaar mit all den Verletzungen, die sie sich in Worten und Taten zugefügt hatten. Er sah den rüstigen alten Mann, den die innere Lebenslast fast zu Boden drückte. Er sah die treu blickende alte Frau, deren Seele an ihren Erinnerungen fast erstickte. Er sah und sah und sah. Und die Wunde an der Ferse blühte und lebte. Und dann zog es ihm, wie von überirdischer Gewalt, seine Hand aus der Tasche, sein Stift jagte über die Seiten des Notizbuches und es schrieb aus ihm, als ob ihn ein Gott dazu triebe. Aber was unter seiner schreibenden Hand Gestalt annahm, war etwas ganz anderes, als er bisher geschrieben. Das war kein gehobener Erzählstil mehr, keine blumigen Bilder, keine Gedanken auf Adlersfittichen. Es waren Geschichten mit Bodenhaftung, Geschichten, die seine wunde Ferse wie ein Seismograph aus den Furchen der Erde abgelesen hatte.
Adonis hatte inzwischen seinen Kamin gefegt. Er war gewärtig, vom himmlischen Auftraggeber eine saftige Rüge zu erhalten. Er hatte der Dienstvorschrift zuwider gehandelt und im Zorn sein Hufeisen weggeworfen. Bedrückt wandte er sich zum Hause Elisas, er wollte mit ihr ein paar gute Worte wechseln. Denn nur Menschliches, so schien ihm, könne ihn von göttlichem Zorn befreien. Elisa lag schlafend in ihrem Garten. Als sich nun der rußbeschmierte Mann wie auf Sammetpfoten näherte, schlug sie plötzlich die Augen auf und hauchte: "Gerade hab ich von dir geträumt. Eine Sternschnuppe war auf dich herabgefallen und hat dich mit fließendem Golde überzogen. Und eine Stimme sprach: an diesem Menschen habe ich mein Wohlgefallen." Dabei lächelte Elisa ein wenig und gähnte, als durchströme ihren Körper eine wohlige Wärme. Dann sagte sie, nun etwas wacher geworden, mit drohend erhobenem Zeigefinger: "Aber komm mir nicht wieder zu nah, sonst ruf ich meinem Mann." Wie sich Adonis verbeugen und sich mit artigen Schritten durchs Gartentürchen entfernen wollte, winkte sie ihn wieder zu sich heran: "Nun komm schon, ein Schnäpschen wird dir gut tun. Bist schon ein ganzer Kerl, und gutmütig und überhaupt unser Glücksbringer."
Plötzlich merkte Adonis, dass er das Hufeisen gar nicht mehr brauchte. Es war überflüssig geworden. Ohne himmlische Inspiration würde er auf Stoßseufzer antworten können. Ihm war, als könne er mit seinem rußverschmierten Gesicht auf normale Art lächeln und glücklich machen.
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13-05-2008, 16:33
Beitrag #2
RE: Der Glücksbringer
puh geschafft,

hallo erstmal wir kennen uns nicht, aber das kann sich bald ändern.

Ich weiß nicht in wie weit es in die Humor ecke passt. denn ein HAHA-Humor war es nicht. Hatte schon etwas von einer Fabel und fantastische Elemente finde ich auch.

Unabhängig davon fand ich die Geschichte richtig gelungen. sprachlich deutlich über mir und vielen anderen, die ich gelesen habe.
Deine Bilder passen perfekt und kreieren eine melodische und flüssige Geschichte, die man zu ende lesen möchte.
Von diesem Standpunkt kann ich auch keine Kommentare zu Textpassagen geben und schon gar nicht kritische.

Das einzige was ich anzumerken hab ist, dass einige Absätze es leichter lesbar gemacht hätten, als der dicke Blocksatz. Zumindest beim Charakterwechsel.

Wie gesagte Hut ab. Fands klasse

Gruß

Jack Rabbit Slim
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25-05-2008, 22:35
Beitrag #3
RE: Der Glücksbringer
Hallo Jeronimus,

für Deine liebe Zuschrift möchte ich mich herzlich bedanken. Es ist ein grenzenloses Hochgefühl, wenn man spürt, dass es da irgendwo einen Leser gibt, den man hat erreichen können. Ich weiß, meine Texte sind nicht immer ganz einfach und mitunter auch anstrengend zu lesen. Aber ich mag es, wenn man bei meiner Ausdrucksweise den leisen Hang zum Schmunzeln wahrnimmt. Es ist doch hinter allem ein hintergründiger Humor. Und wenn mich das mit dem Leser verbindet, dann ist das ein unermessliches Glück.

Viele Grüße

Hans Werner
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