Es ist: 20-05-2013, 14:09
Es ist: 20-05-2013, 14:09 Hallo, Gast! (AnmeldenRegistrieren)

Was wurde im April auf der Mainpage rezensiert?
Lust auf gemeinsames Lesen? Am 13.05.2013 startet ein Lesekreis zu "Blutklingen" von Joe Abercrombie!

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Karma?
29-06-2008, 13:15 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 26-07-2008 15:43 von candida.)
Beitrag #1
Karma?
Karma?

Während deine Lippen schwillen
deine Naseflügel sich bebend auspannen
und Grübchen sich zu verbergen drohen
weil du deine eigene Schwelle überschrittst
nun quillst und schäumst, sehe ich mich
selbst wie an angestammtem Platz.

Doch als sich staunend meine Ohren
an deine hohen Töne saugen, derweil
mein Blick fragend dem Labyrinth deiner
Netzhäute entgegen hetzt, ergebe ich mich
schlingernd dem Unausweichlichen, Unentbehrlichen:
mich fürderhin vollends verlaufen zu haben.

Und ob wir wissen um Worte, und wie
sie verfliegen so sanft im ersten Rausch:
Mein Gewissen verbot mir, dir die Welt
zu Füßen zu legen,bewusst, es könne nur
die meine sein,und du, du hättest dich
bücken müssen, dich bücken, suchend,
um mich, verloren in ihr, aufzulesen.

Es gibt nichts, was es nicht gibt, und nichts ist weniger ergründbar als die Komplexität und der Facettenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen, und seien es Liebesbeziehungen. 'Ich' ©
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29-06-2008, 18:00 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 29-06-2008 18:09 von Wipfel.)
Beitrag #2
RE: Karma?
Hi Candy,

in Tagesstätten für Nonverbalismus würden sie Beifall klatschen...

Dein Gedicht ist dicht, auf engen Raum viel Stoff und dieser schlüssig gewebt. Mir gefallen solche situativen Beziehungs- und Lebensbetrachtungen und Deine schon deshalb, weil sie einen so ganz anderen Blickwinkel zulässt.

Es lohnt sich daher, an einigen Stellen den Scheinwerfer aufzustellen:

candida schrieb:deine Naseflügel sich bebend auffalten

Auffalten - da bin ich aktiv. Ich kann ein Geschenk, eine Tüte auffalten. Wenn die Tüte, der Nasenflügel es selbst schafft, dann entfaltet er sich. Um das Bild genauer zu betrachten: Faltet sich der Nasenflügel auf (wie sieht ein gefalteter Nasenflügel aus?), sieht man dann die Nasensteine?

Zitat:überschrittst

Ich habe keine Ahnung, ob das grammatikalisch geht. Mein Bauch sagt nein. Überschritten hast?
Zitat:Doch als sich meine Ohren staunend saugen
an deine hohen Töne

Durch Umstellung wird es klarer - und da Du frei formulierst, würde es niemand stören:
Doch als sich staunend meine Ohren
an deine hohen Töne saugen

Zitat:mich fürderhin vollends verlaufen zu haben.

fürderhin passt sprachlich nicht, das LI ist doch keine Urgroßmutter, oder? Wie wäre es mit schließlich

Zitat:und du, du hättest dich
bücken müssen, dich bücken,

Hier ist der Vorgang abgeschlossen. Hätte der Hase nicht..., dann...

Spannend fände ich es, wenn das Ende offen bliebe: Du müßtest/mußt Dich bücken, suchen...

Mir gefällt Dein Gedicht, es lohnt, daran zu arbeiten.

LG vom Wipfel

Das Leben ist viel zu kurz, um schlechten Wein zu trinken.
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26-07-2008, 12:34 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 26-07-2008 12:38 von candida.)
Beitrag #3
RE: Karma?
Hallo Wipfel,
dankeschön für's Lesen und Kommentieren. Es freut mich, dass Dir die Sichtweise gefällt und die kompakte psychologische Darstellung dieser Dynamik (eines passiv- und eines aktiv-aggressiven, enttäuschten, traurigen Parts).
Gut - ich werde die Nasenflügel sich nicht auffalten, sondern aufspannen lassen, denn der Bezug zu den Flügeln ist mir schon noch wichtig Icon_smile
'überschrittst' ist auf jeden Fall richtig - es ist die Vergangenheitsform von 'überschreitest', das lass' ich also stehen.
Das mit den sich staunend saugenden Ohren ... , da übernehm' ich Deinen Vorschlag gern.
Mir gefällt das Wort 'fürderhin', so dass ich mich ungern von ihm trenne, aber wenn Du meinst ... *hhmm* - es fehlt mir allerdings ein Wort, dass ich ebenso gern mag. Da überleg' ich mir noch ne Variante; das schließlich ist mir zu knapp im Ton und wäre auch nicht das, was ich meine vom Gestus her, denn dann wäre die letzte Strophe fast hinfällig.
Dabei ist die mir so wichtig Icon_smile
Okay, ich geh' nun erst mal die Änderungen machen.
DANKE
Gruß
U.

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26-07-2008, 13:21
Beitrag #4
RE: Karma?
Hallo Candida,

gerade lese ich Dein schönes Gedicht und bin so glücklich, durch Zufall auf diesen Text gestoßen zu sein. Es ist ein Text, der einen beim Lesen weiterbringt und einem tiefe Empfindungen vermittelt. Wipfel hat schon sehr viel zutreffend erwähnt. Auch ich möchte Deinen Text noch einmal durchgehen und versuchen, einige Stellen zu kommentiere. Nicht um Verbesserungsvorschläge zu machen, sondern einfach um meine Empfindungen und Assoziationen mitzuteilen.

Während deine Lippen schwillen
deine Naseflügel sich bebend auffalten

Schon hier zeigt sich die Übermacht der Verben, die dem Ganzen eine ungeheuere Dynamik verleihen. Schön vor allem ist die Verwendung der Partizipien ("bebend"), durch welche die Verben sich in ihrem Vorgang genauer darstellen.

und Grübchen sich zu verbergen drohen

Hier wird ein Vorgang ins Mögliche hineinverschoben, dadurch wird die Aussage geheimnisvoll.

weil du deine eigene Schwelle überschrittst
nun quillst und schäumst, sehe ich mich
selbst wie an angestammtem Platz.

In diesen drei Zeilen ereignet sich Entscheidendes: dem Du tritt das Ich gegenüber. vor allem die zweite Zeile gibt in drei Verben die ganze Dramatik zu erkennen. Auf eine Sache möchte ich hinweisen, die einem beim lauten Lesen bewusst wird. Das ist das Spiel mit den vokalischen Klängen. "Deine eigene" hier haben wir fast einen Reim, "übertrittst, quillst, schäumst", hier haben wir das Gegenteil von der Alliteration, nämlich den gleichen Wortausgang auf st. "an angestammtem Platz", die viermalige Wiederholung des Vokals a gibt dieser Aussage etwas Statisches. Man könnte bei der Gelegenheit an den Anfang der berühmten Schiller-Ballade "Der Graf von Habsburg "erinnern, die so beginnt:
"Zu Aachen in seiner Kaiserpracht,
im altertümlichen Saale,
saß König Rudolfs heilige Macht
beim festlichen Krönungsmahle."
Man glaubt bei diesen a-Lauten die Bläserklänge der festlichen Trompeten und Posaunen zu vernehmen.

Doch als sich meine Ohren staunend saugen

Wenn wir schon bei den Klanglichen Mitteln sind, wäre ihr der beinah-Binnenreim zu erwähnen "staunend saugen".

an deine hohen Töne, derweil mein Blick
fragend dem Labyrinth deiner Netzhäute
entgegen hetzt,

Sehr listig ist das Enjambement von "entgegen hetzt", durch welches das Blickverhalten seine wahre Dramatik bekommt. Das Auge des Gegenüber ist undurchsichtig, wie ein Labyrinth, die Augen werden mikroskopisch in die Einzelheiten der "Netzhäute" zerlegt. Genauer kann man den Vorgang des nervösen, eilenden Fragens nicht ausdrücken.

ergebe ich mich schlingernd
dem Unausweichlichen, Unentbehrlichen:
mich fürderhin vollends verlaufen zu haben.

Das "schlingernd" zeigt, wie das lyrische Ich seine eigene Bodenhaftung zu verlieren droht. Listig ist die bewusste Stellung der beiden Nomina. Machen wir die Gegenprobe: "Unentbehrlich - Unausweichlich", dann sehen wir dass die von Dir gewählte Stellung die einzig richtige ist.


Und ob wir wissen um Worte, und wie
sie verfliegen so sanft im ersten Rausch:

Hier nähert sich die Sprache einem Pathos, die vielleicht ein wenig zu hoch aufgesetzt ist: "ob wir wissen um Worte". Verstehe mich recht, mir gefällt dieser Stil. Aber vielleicht nicht allen Lesern. Doch darf man darauf wohl keine Rücksicht nehmen.

Mein Gewissen verbot mir, dir die Welt
zu Füßen zu legen,bewusst, es könne nur
die meine sein,und du, du hättest dich
bücken müssen, dich bücken, suchend,
um mich, verloren in ihr, aufzulesen.

In diesen fünf Zeilen wird der Vorgang sehr verrätselt. Man muss es mehrmals lesen um zu merken, was eigentlich gemeint ist. Das Gewissen sagt dem lyrischen Ich, dass es die eigene Welt dem andern nicht zu Füßen legen darf, weil es anscheinend nur seine eigene ist und dann wohl mit niemand anderm geteilt werden kann. Der andere hätte sich bücken müssen. Dieses "sich bücken" wird eindringlich zweimal gesagt. Dadurch entsteht ein Gefälle zwischen den beiden: der andere steht höher, das Ich selbst hat sich in seiner eigenen Welt anscheinend verloren und muss aufgesucht, gefunden, vielleicht sogar gerettet werden. Die Folge dieses Gedankens ist, dass sich das lyrische Ich dem andern unterlegen fühlt, so als wäre der Geliebte ein rettender Ritter, eine Art Lohengrin, der die verfolgte Braut aus den Verschlingungen einer bösen Welt rettet.

Liebe Candida, ob ich nun mit meinen Ausdeutungen Deine Aussageabsicht getroffen habe, weiß ich nicht. Eines weiß ich, dass dieser Text in mir als Leser viele Assoziationen ausgelöst hat. Dafür bin ich Dir dankbar.

Mit herzlichem Gruß

Hans Werner
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26-07-2008, 15:41
Beitrag #5
RE: Karma?
Hallo Hans-Werner,
*uff* - da fällt mir gerade auf - denn ich habe mich gewundert über die Zitate - dass ich irgendwie nicht richtig korrigiert habe ... wollte ich doch, hatte ich doch auch schon angekündigt, mach' ich dann hiernach.
Danke für Dein Lesen und Deine doch sehr ausführlichen Gedanken dazu.
Du hast ganz Vieles darin gesehen, was mich total freut.
Dafür bin ich besonders dankbar, denn daran sehe ich, dass Du Dich eingehend beschäftigt hast mit dem Gedicht, und was kann frau sich Schöneres wünschen(?)
Du hast in Vielem Recht, vor allem was die Gefühls-Brisanz im Hören und Sehen angeht. Das, was Du 'geheimnisvoll' findest, ist der Unterschied zwischen den im Gedicht beschriebenen Personen: Eigentlich gibt es dabei keinen. Nur dass der eine laut und offen aggressiv ist, der andere leise und in sich nur wütend, aber nicht in der Lage, sich zu äußern, suchend, zweifelnd, ob es sich denn nicht vielleicht um ein Versehen handelt bei dieser Art des Kontaktes oder ob der ganze Kontakt per se ein Versehen war - das ist der eine Aspekt.
Der andere ist, dass dieser 'leise' Part, wäre er nicht schon kompromisslos komprimiert worden, gern ebenso lauthals agieren wollte. Daher der 'angestammte Platz', weil er es offensichtlich an anderer Stelle kann und/oder bereits so auftrat.
'Und ob wir wissen um Worte' ist gar nicht pathetisch gemeint. Ich stellte mir vor, man unterstellt jemandem: 'Du weißt doch gar nicht, was Du da sagst!' und der Angesprochene antwortet: 'Und ob ich das weiß!' - so war meine Intention Icon_smile
Klar spiele ich mit 'sowas', ich spiele jedes Mal mit der Sprache - in all meinen Texten, und immer wieder versuche ich, mehrere Anschauungsmöglichkeiten einzubringen, mehrere Assoziationen auszulösen, möglichst ambivalente Texte zu schreiben und mich nie-, niemals auf eine Aussage, schon gar nicht auf eine moralische, festzulegen.
Weil in Allem Alles steckt, sprich in jedem Menschen steckt auch jede Eigenschaft. Und je mehr Licht, desto mehr Schatten, wie umgekehrt ...
So halt *lächel*
Vielen Dank nochmals - Du hast mir einen sehr schönen Kommentar geschrieben.
Gruß
candida

Es gibt nichts, was es nicht gibt, und nichts ist weniger ergründbar als die Komplexität und der Facettenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen, und seien es Liebesbeziehungen. 'Ich' ©
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