Es ist: 13-03-2010, 11:35
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Ruhestand
30-09-2008, 18:45
Beitrag: #11
RE: Ruhestand
Hallo Mike,

Konrad hat sich abgelebt, wie es klingt - es gibt kein Zuhause, wo er sich die Hände wärmt nach getaner Arbeit, nein, der Ruhestand wird zum Ruhezustand, der Stecker gezogen, der Wagen wohl ein Leichenwagen und das Abschiedsgeschenk der Grabstein mit besten Wünschen. Die Geschichte hat etwas Trostloses, Anonymes, selbst wenn jede Figur einen Namen trägt, sind sie in ihrem Erscheinungsbild das, was man gemeinhin "die anderen" und "viele" nennen will.
Die Kaffeetasse wegzubringen liest sich hier wie ein letzter Gang - überall blinzelt schon der Willkommensgruß für den Nachfolger und seine Generation, die aus zu wenigen besteht. Du sprichst indirekt den Grund für dieses seltsame Ableben an: die demographische Entwicklung und den Zusammenbruch des Rentensystems. Die Antwort darauf zeigt sich hier ebenso einfach wie drastisch: Die Abschaffung der Rentner.
Alltag? Perspektive?
Ähnlich wie in deiner Wahlgeschichte zeigst du einen Missstand durch die Übertreibung seiner Bewältigung - es geht zunächst einmal darum, die Sache zu sehen und vielleicht auch die Ausweglosigkeit, die darin liegt. Manchmal frage ich mich, wie die alles umfassenden politischen Werkstätten eine solche Vielzahl an Problemen lösen sollen - es scheint im Gesamten betrachtet, als versuche man die Finger auf die Lecks eines Schiffes zu legen, nur dass man nur zehn Finger hat und der Lecks sind es immer mindestens elf.
Mir gefällt diese Art von Geschichten, weil sie die Zustände einmal anders angehen, ein wenig, als würde man sagen: "So lange es nicht so endet ..."
Gut gemacht, auch sprachlich, und es ist ja nicht jeder Jugendliche wie Herr Sommer.

Anmerkungen:
Zitat:Ein weitere Minute war verstrichen
Eine
Zitat:irgendwie war das Möbelstück während dieser Zeit zu einem festen Bestandteil seiner Selbst geworden.
"seines Selbst", ansonsten bezieht es sich auf das Möbelstück, denke ich.
Zitat:trug seit jeher eine unerträgliche Fahrradfahrermentalität zur Schau: Nach oben buckeln und nach unten treten.
*grinst* sehr schön
Zitat:Die demografische Missentwicklung spielte diesen Taugenichten zudem auch noch direkt in die Hände.
"Taugenichtsen"
Zitat:Venezianischer Marmor.
An der Stelle habe ich erst angefangen zu ahnen, worum es in deiner Geschichte geht Icon_wink

Liebe Grüße,
Libertine

... dann schauen wir nach unserm Dachkräuterbeet,
in die Dachrinne haben wir Schnittlauch gesät. (Gerhard Schöne)
Avatar von Eddie Haspelmann
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01-10-2008, 08:17 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 01-10-2008 08:22 von Mike.)
Beitrag: #12
RE: Ruhestand
Hallo Libbi,

ganz lieben Dank fürs Lesen der Geschichte, für den Kommentar und natürlich auch für das Lob darin.

Seltsamerweise bekomme ich gar keine Benachrichtigungen mehr, wenn auf einen meiner Beiträge geantwortet wird. Könnte das was mit der Umstellung im Forum zu tun haben? Hm ...? Muss ich mal beobachten.

Du fasst die Grundgedanken meiner Story sehr richtig zusammen. Man könnte einen ganzen Band von Geschichten schreiben, die sich mit Missständen in unserer Gesellschaft und in unserem System befassen. Deine Metapher mit dem Leck im Schiffsrumpf ist sehr trefflich, wie ich finde.

Meiner Meinung nach brennen sich die angeprangerten Probleme viel tiefer ins Bewusstsein der Leser ein, wenn sie in solchen Geschichten verpackt werden, anstatt nur den mahnenden Finger zu heben und zu sagen: "Zu wenig junge Menschen, zu viele Rentner, Ebbe in der Rentenkasse."
Natürlich werden all diese Dinge angesprochen, aber eben nicht direkt, sondern vielmehr zwischen den Zeilen. Der Leser extrahiert sich quasi die Wahrheit selbst und befasst sich daher auch intensiver mit den genannten Problemen.

Ich freue mich jedenfalls riesig, dass es dir gefallen hat.
Fehlerchen werden sofort behoben. Auch Danke dafür.

Ganz liebe Grüße
Mike

Wer "brauchen" ohne "zu" gebraucht, braucht "brauchen" ohne "zu" überhaupt nicht zu gebrauchen.
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02-10-2008, 00:38 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 02-10-2008 00:46 von Adsartha.)
Beitrag: #13
RE: Ruhestand
Hallo Mike,
ist es böse wenn ich sage, dass du eine herrlich düstere Kurzgeschichte verfasst hast? Ich denke nicht, denn genau das ist es, eine düstere, mitreißende Geschichte, die einem am Ende mulmig zurücklässt. Zudem noch wunderbar geschrieben. Wie bei deinem Blind Date war das Ende für mich so nicht vorhersehbar - bei dem ruhigen, eher nachdenklich machenden Anfang. Auch hast du mich mit dem Zertifikat geködert, denn erst im letzten Satz hab ich kapiert, dass er da seinen eigenen Grabstein geschenkt bekommen hat. Du hast eine dunkle, grausame Welt geschaffen, in der Menschen, die ihre Arbeitsleistung abgegolten haben, einfach weggeworfen werden, aussortiert wie Altmüll. Jetzt gehe ich also mit zwei Gefühlsregungen ins Bett. Erstens: "Verdammt, ist das ne traurige Geschichte!" und
zweitens: "Verdammt, warum kann ich nicht so gut schreiben!" Icon_wink

Wirklich sehr sehr gerne gelesen.

LG
Adsartha

PS: Eine Kleinigkeit, die ich nicht recht verstanden hab:
Zitat: Frau Hohenhaus strich sich mit dem Knöchel ihres Zeigefingers durch einen Augenwinkel.

- Was genau meinst du damit?

If I save time, when do I get it back? (Escape Van, NZ)

Da baumelt die kleine Spinne in ihrem Netz und träumt von ihren Silberfäden ...
[Bild: riverdance.gif]
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02-10-2008, 08:09
Beitrag: #14
RE: Ruhestand
Hallo Adsartha,

ich habe mich wirklich sehr über deinen Kommentar und die lieben Worte gefreut.
Es ist schön, dass ich dich mit meiner "bösen" Welt begeistern konnte.

Zitat:ist es böse wenn ich sage, dass du eine herrlich düstere Kurzgeschichte verfasst hast? Ich denke nicht, denn genau das ist es, eine düstere, mitreißende Geschichte, die einem am Ende mulmig zurücklässt.
Im Gegenteil. Ich verstehen das als außerordentliches Lob.

Zitat:Jetzt gehe ich also mit zwei Gefühlsregungen ins Bett. Erstens: "Verdammt, ist das ne traurige Geschichte!" und
zweitens: "Verdammt, warum kann ich nicht so gut schreiben!" Icon_wink
Erstens: Es ist sehr schön, dass die Geschichte selbst nach dem Schlusssatz noch auf dich nachwirkt. So soll es sein für eine gute Story.
Zweitens: Ich muss deiner Aussage widersprechen, denn mit deinem Wettbewerbsbeitrag (und auch mit deinen Albtraumauswüchsen) beweist du sehr wohl, dass du sehr gut schreiben kannst. Nicht umsonst habe ich deine Wettbewerbsgeschicht mit "sehr gut" bewertet.

Ich freue mich auch in Zukunft auf deine Beiträge

Liebe Grüße aus Lünen
Mike

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11-10-2008, 20:35
Beitrag: #15
RE: Ruhestand
Hallo Mike!

Wieder habe ich eine kleine Geschichte von dir entdeckt und wieder hat es mich sehr gefreut, sie lesen zu dürfen. Sie geht irgendwie ans Herz und offenbart außerdem eine erschreckende Zukunftsperspektive, die hoffentlich nicht irgendwann Realität sein wird. Ich finde das irgendwie grausam.

Zuerst dachte ich, er wäre einer von diesen Menschen, denen der Ruhestand einfach nur schwer fällt, für die Arbeit ein Teil Leben ist, ohne den sie nicht zurechtzukommen glauben. Mein Vater zum Beispiel, der ist jetzt auch in Rente und hat sich noch einen 400€ Job gesucht, damit er was zu tun hat.
Als dann allerdings langsam klar wurde, wie dieser "Ruhestand" aussieht, dass er in Wahrheit wirklich die letzte Ruhe ist, da wurde mir schon ein bisschen anders. Konrad, der einfach wie ein liebsenswürdiger Zeitgenosse rüber kommt, tat mir da so leid. Am liebsten hätte ich ihn diesen Menschen da entführt... weil das ist ja fast wie mit alten Tieren, die eingeschläfert werden. Okay, das Rentenproblem wäre so sicherlich gelöst, aber es kommt mir trotzdem einfach falsch vor.

Ohne alte Menschen hätten zum Beispiel Kinder keine Großeltern. Meine Kindheit wäre um einiges beschissener gewesen, wenn die Oma nicht gewesen wäre. Oma und Opa haben meist viel Zeit, sie müssen ja nicht arbeiten und deshalb konnte ich in den Ferien da hin und hatte jemanden, der sich den ganzen Tag um mich gekümmert hat. Außerdem wissen sie die besten Geschichten und so viele Gedichte und Lieder auswendig... diese ganzen Dinge würden doch verloren gehen, wenn man die alten Leute einfach umbringen würde...

Du hast hier auf jeden Fall ein sehr intensives Szenario geschaffen, dass durch die vielen kleinen Details und die (wie immer) sehr guten Beschreibungen erschreckend an Realitätsnähe gewinnt. Ich denke, genau das macht deine Geschichte auch aus - dass es passieren könnte. Wir wissen, dass die Tendenz wirklich in diese Richtung geht, auch wenn ich immer noch wirklich hoffe, dass es zu so einer "Beseitigung" von alten Menschen niemals kommen wird. Da ist es scheißegal, ob sie einen schönen, teuren Grabstein bekommen oder nicht. (Was haben sie schon von einem Grabstein, wenn sie nicht mehr leben, um ihn anschauen zu können?)
Arme, alte Menschen...
Ich finde es interessant, wie du dieses Thema hier zur Sprache bringst. Ich habe lange nicht mehr darüber nachgedacht, früher habe ich mir oft Sorgen deswegen gemacht, inzwischen finde ich's besser, mir Sorgen um morgen zu machen und nicht um Sachen, die in zehn Jahren passieren Mrgreen.
Trotzdem mochte ich die Geschichte auch (oder grade) wegen dem Thema.Icon_smile

Zitat:Frau Hohenhaus strich sich mit dem Knöchel ihres Zeigefingers durch einen Augenwinkel.
Bitte keine Tränen, schoss es Konrad mit Schreck durch den Kopf.
Das finde ich bei Abschieden auch immer ganz schlimm, wenn die Leute dann anfangen zu weinen. Als wäre es nicht schon schlimm genug. Weil wenn man selbst schon traurig ist, kostet es soviel Kraft, auch noch andere trösten zu müssen.
Allerdings kann ich die Tränen an dieser Stelle gut verstehen. Es ist ja nicht - wie zuerst angenommen - nur ein Abschied, sondern ein Abschied für immer.
Zitat:»Wie bitte?«
»Es waren achtundvierzig Jahre«
»Wie auch immer. Ich sage immer: Neue Köpfe, neue Ideen. Nicht wahr?«
Diesen Lehmann kann ich echt nicht leiden. Weiß der eigentlich, was er da redet? Oder plappert er nur irgendwelchen Mist nach, den er mal wo gelesen hat? Wie auch immer - der Mann hat einfach einen hohen Arschloch-Faktor.
Ich fand es übrigens sehr schön, wie du bei der Beschreibung von Konrads Mitarbeitern ein paar Klischees bedient hast, aber auch viele kleine Eigenheiten eingebaut hast. So wirken die Charaktere nicht aufgesetzt. Hast du wirklich gut hinbekommenIcon_smile
Zitat:Als Sie eintraten, klatschte Welke kurz in die Hände, als sei er die Gouvernante in einem Internat.
Icon_lol An der Stelle musste ich wirklich lachen, die Vorstellung ist einfach nur lustig. Das kann man sich aber auch einfach herrlich bildlich vorstellen!Mrgreen

Ein Fehlerchen (wenn nicht schon vorher gefunden) :
Zitat:Konrad sah zur Uhr. Ein weitere Minute war verstrichen. Es war an der Zeit, ein letztes Mal die Kaffeetasse auszuspülen und Ordnung auf seinem Schreibtisch zu schaffen.
Eine...

Liebe Grüße,
Lain

Schmetterlinge weinen nicht
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13-10-2008, 12:36 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 13-10-2008 12:37 von Mike.)
Beitrag: #16
RE: Ruhestand
Hallo Lain,

wie immer habe ich mich sehr über deinen ausführlichen Kommentar und natürlich auch über das darin enthaltene Lob gefreut.

Schön, dass dir die Geschichte gefallen hat.

Ich stimme dir vollkommen zu, dass es eine traurige Welt wäre ohne alte Menschen.
Andererseits teile ich auch deine Befürchtungen, dass die Rentenversorgung eine bedenkliche Richtung eingeschlagen hat.

Auf die Idee zur Geschichte hat mich ein Bericht aus England gebracht. Hier bekommen Rentner, die nicht entsprechend abgesichert sind und vorgesorgt haben, keine Dialyse, auch wenn diese zum Überleben notwendig wäre. Somit wissen diese armen Menschen, dass sie spätestens in vier Wochen gestorben sein werden.

Hoffentlich bekommen wir nicht solche Zustände. Wenn man sich aber an die Aussage von Blüm zurückerinnert ("Unsere Renten sind sicher ...") und nun die heutige Situation betrachtet, zeichnet eine Hochrechnung für die Zukunft kein allzu positives Bild.

Es ist an der Zeit für grundlegende Änderungen.

Vielen Dank noch einmal fürs Lesen.

Liebe Grüße
Mike

Wer "brauchen" ohne "zu" gebraucht, braucht "brauchen" ohne "zu" überhaupt nicht zu gebrauchen.
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10-04-2009, 20:20 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 10-04-2009 20:22 von Dreadnoughts.)
Beitrag: #17
RE: Ruhestand
MOIN MIKE!
Mrgreen

Sag mal - gibts Dich hier noch? Was macht die Kunst? Alles okay? Ich lass Dir mal für eine positive Beantwortung der obigen Fragen meine Anmerkungen da. *g*

... obwohl, da gibts von der Rechtschreibung und dem Stil eigentlich nichts zu meckern. Auch hier muss man zweimal lesen - nicht, weil es so schwer ist, sondern weil es beim zweiten Mal (wenn man das Ende kennt) eben ... anders gelesen wird. Dabei fallen dann die eingebauten (versteckten) Sätze auf.

Emotionale Anmerkungen:
Zitat:»Ah, Bergmann. Haben Sie’s also geschafft ...« Er klopfte Konrad kameradschaftlich, wie ein langjähriger Kegelbruder, auf die Schulter. »Seien Sie nicht traurig. Vierzig Jahre müssen doch reichen.«
Ja, und solche Leute reichen mir eigentlich schon.

Zitat:»Wie auch immer. Ich sage immer: Neue Köpfe, neue Ideen. Nicht wahr?«
Das hier zum Beispiel. Nicht lachen - da dachte ich sofort an eine Deiner Geschichten. "Headhunter". Icon_wink
Zitat:Aber konnte er sich wirklich darüber beschweren? Er selbst war doch auch Junggeselle geblieben, hatte keine Kinder in die Welt gesetzt. Er trug also ebenso eine Mitschuld an der ganzen Misere, oder nicht?
Natürlich, bloß wech mit dem Kroppzeuch. Natürlich, dat iss ein oller Raucher, ein Diesel-Fahrer, ein Übergewichtiger, der die Umwelt durch zuvieles Busfahren selbst für kleine Strecken völlig belastet ...
Im Ernst: So einen Unsinn höre und lese ich in letzter Zeit gerne in allen möglichen Medien - weshalb ich einen "Pups" darauf gebe. Es scheint mir, als suchen sich heutzutage die Leute nur noch Themen, die schocken, die Angst machen sollen etc. Und außerdem ist es immer einfach. Man sucht sich einfach eine bestimmte Personengruppe und gibt ihr Unmengen negativer Adjektive mit und verändert dadurch das ganze Werteverständnis unserer Gesellschaft.

Saubere technische Arbeit - alleine der Inhalt lässt mich zwiegespalten zurück. Nee, eher ... brummend. Schaudernd. Kopfschüttelnd.
Wo ist eigentlich Verständnis geblieben? Oder Mitgefühl? Zählen nur noch Statistiken? Ist der Mensch nur noch ... gar nichts mehr wert?

Ich mach ja gerade mein BWL-Studium (und werde garantiert nicht wie oben beschrieben) und frage mich immer wieder, warum das Personal nicht in der Bilanz auftaucht - auf der Vermögensseite.
Ja, ich weiß, das geht nicht Herr Noughts, das macht man nicht so etc.
Ach, über Personalfragen könnte ich stundenlang diskutieren. Ich lass das mal an der Stelle und beende den Kommentar mit dem ersten Wort meiner Frau, (zu dieser Geschichte) die Dich immer noch gerne liest (WINK MIT DEM ZAUNPFAHL!!! Mrgreen )
"Abgeschoben!"

LG
Und lass mal wieder was von Dir lesen
D.

Wir glauben, wir machen Erfahrungen - aber Erfahrungen machen uns.
... and dread noughts
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18-04-2009, 10:47
Beitrag: #18
RE: Ruhestand
Hallo Mike,

eine sehr beeindruckende Geschichte. Sie lebt von der überraschenden Konsequenz des Endes. Die ließ bei mir alle "Stolpersteine" im Text vergessen. Dennoch würde ich die aufgezählten Vorschläge beachten bis auf einen: Die eventuelle Verabschiedung von Verwandten usw. solltest Du nicht erst noch ins Spiel bringen. Sie würde den "Keulenschlag", den ich als Leser beim Ende empfunden habe, aufweichen. Von ihm lebt die Geschichte. Lass den Leser, der über die Geschichte ja nachdenken soll, diese Verabschiedung selber erfinden. Dass sie vorher geschah, wie hätte sie vielleicht ausgesehen ...? Es sollte etwas offen bleiben! Eine Andeutung als einzelnen Satz könntest Du ja anläßlich der Betrachtung über die Kollegen einfließen lassen, wäre vielleicht sogar spannungsfördernd, wenn es nicht zu deutlich ausfällt. Muss aber nicht sein.

Glückwunsch!
Gruß Klaus
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29-09-2009, 17:12
Beitrag: #19
RE: Ruhestand
Hallo Mike,

Deine Geschichte habe ich soeben gelesen, weil ich selbst als Lehrer vor den großen Ferien in den Ruhestand versetzt worden bin. Nun habe ich aber keineswegs die Absicht, in vier Wochen zu sterben, sondern ich gehe dieser Zeit mit einem ganz anderen, sehr optimistischen Gefühl entgegen. Jetzt aber zu Deiner Geschichte. Ich finde sie, im Gegensatz zu manchen Vorrednern, deshalb anregend und auch amüsant, weil Du die Heuchelei und Falschheit der Kommentare der Arbeitskollegen sehr treffend darstellst. Im Grunde ist die Situation, wenn man einen alten verdienten Mitarbeiter verabschiedet, verabschieden muss, doch nur eine Verlegenheit in höchster Potenz. Die Sprachfloskeln, die man hier zur Anwendung bringt, sind dann auch für den Betroffenen, aber vielleicht auch für die andern, eher ekelerregend. Darin liegt die Hauptaussage Deines Textes. Der Name des Nachfolgers "Sommer" und seine Pferdegebisslächeln sind schon etwas klischeehaft. Was ich nun aber ganz und gar bedauere, ist die aufgesetzte Pointe am Ende des Textes. Denn sie zielt ja doch an unserer Wirklichkeit vorbei. Denn Menschen, die in den Ruhestand verabschiedet werden, werden ja doch nicht ins Krematorium geschickt. Solche Vorstellungen gehören allenfalls dem Genre des Horrorfilms an. Ich würde den Schluss auf jeden Fall ändern. Aber natürlich ergäbe das eine ganz andere Textwirkung als die, die Du vermutlich beabsichtigt hast.

Viele Grüße

Hans Werner
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23-10-2009, 14:38 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 23-10-2009 14:40 von Mike.)
Beitrag: #20
RE: Ruhestand
Hallo Dreadnoughts, kbusc und Hans Werner,

vielen Dank zunächst für eure Geduld, dass ihr so lange auf eine Antwort warten musstet. Leider sind private Probleme die Ursache dafür.

@Dreadnoughts
Ich freue mich, dass dir die Geschichte gut gefallen hat (und dass ich auch noch immer gern von deiner Frau gelesen werdeIcon_wink

Schön auch, dass der Beitrag den gewünschten Effekt bei dir erzielt hat, nämlich wütend zu machen und aufzurütteln.

@kbusc
Vielen Dank auch dir für dein Lob zum Text. Änderungsvorschläge habe ich dankbar zur Kenntnis genommen. Es gibt sogar schon eine überarbeitete Variante, dich ich in Kürze einstellen werde.

@Hans Werner
Danke schön für deinen Beitrag. Ich freue mich für dich, dass du das Berufsleben nun erfolgreich absolviert hast und motiviert in deinen Lebensabend gehst.

Ich habe deinen Kommentar mit besonderem Interesse gelesen und fand es sehr frappierend, dass der Text auf dich offensichtlich eine ganz andere Wirkung als die beabsichtigte hatte.
Die herkömmlichen Floskeln und Phrasen im Text sind mit Absicht gewählt. Leider habe auch ich sie in meinem beruflichen Alltag schon allzu oft hören müssen: Die Frage nach dem Wohlbefinden, vorgeheucheltes Interesse, etc.
Der Text gehört zu einem Zyklus mit dem Titel "Schwärzer, Rot, Gold". Hier finden sich Beiträge, die sich zynisch mit zukünftigen Zuständen in Deutschland auseinandersetzen. Hierzu gehört auch mein Beitrag "Der Einsatz", der hier im Forum eingestellt ist. Auch hier mögen einige sagen, dass das Fiktion und weit hergeholt ist, doch gerade nach der letzten Bundestagswahl und der miesen Wahlbeteiligung sind eben solche Ideen, wie sie in dem Text verarbeitet werden, ernsthaft von Politikern zur Diskussion gebracht worden.
Natürlich ist die Situation der unverzüglichen, post-beruflichen Einäscherung überzogen und äußerst schwarzgemalt, aber es soll ja auch nur der Anstoß zum Nachdenken gegeben werden, wo das alles noch hinführen soll, wenn die Rentenkassen leer sind, es immer mehr alte Menschen und dem gegenüber immer weniger junge Menschen geben wird, die das alles finanzieren sollen.
In einigen europäischen Ländern ist es schon soweit, dass alten Menschen notwendige Medikamente zur Lebensverlängerung verweigert bleiben, wenn diese nicht selbst bezahlt werden können. Ist das denn nicht schon ein Schritt in die Richtung, die dieser Text nahelegt? "Wirklichkeit" ist somit ein dehnbarer Begriff, oder nicht?

Nichtsdestotrotz habe ich mich sehr über deinen Kommentar und die Diskussion, die du damit angeregt hast, sehr gefreut.

Liebe Grüße
Mike

Wer "brauchen" ohne "zu" gebraucht, braucht "brauchen" ohne "zu" überhaupt nicht zu gebrauchen.
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