Es ist: 11-03-2010, 07:22
Es ist: 11-03-2010, 07:22 Hallo, Gast! (AnmeldenRegistrieren)

Die Abstimmung zum Schreibwettbewerb ist bis zum 31.03.2010 möglich! Zu den Geschichten geht es HIER entlang!
Vorschläge zum frühsommerlichen Lesekreis können bis zum 17.03.2010 gemacht werden!

Antwort schreiben 
Roswitha
20-06-2009, 23:36
Beitrag: #1
Roswitha
Roswitha

Erzählung von
Hans Werner


Roswitha war ein fantasiebegabtes Kind von zwölf Jahren. Sie entstammte einer deutschrussischen Familie, die im Zuge der Spätaussiedlerbewegung in den Achtzigerjahren nach Deutschland gekommen war. Man weiß, dass nach 1950 jenseits der deutschen Ostgrenzen noch runde vier Millionen Deutsche lebten, die teilweise - wie fast alle Deutschen in der Sowjetunion - durch Zwangsumsiedlungen weit verstreut in fremder Umgebung wohnten. Erst mit den freiheitlichen Umwälzungen durch Gorbatschow, Ende der 80er Jahre, wurde es für einen großen Teil von ihnen doch möglich auszureisen. Viele Ausreiseanträge wurden nun endlich, nach langen und vergeblichen Versuchen, bearbeitet und genehmigt. Nach den deutschen Gesetzen galten auch jene Menschen als deutschstämmig, „die ohne die deutsche Staatsangehörigkeit zu besitzen deutsche Volkszugehörige sind". Es hieß in der rechtlichen Formulierung, dass die deutsche Volkszugehörigkeit demnach besitzt, wer "... sich in seiner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestätigt wird."
Roswithas Familie zählte zur letztgenannten Gruppe. Irgendwo im Gebiet um die Wolga hatten sie gelebt, mussten sich als strebsame Kleinbauern gegen die Willkür der kommunistischen Zwangswirtschaft ständig behaupten und konnten nur mit allergrößter Mühe von ihren Feldern die Erträge erwirtschaften, die sie zum Überleben brauchten. Aber immer hatten sie ihre deutsche Muttersprache in Ehren gehalten. Und im Zusammenhalt mit den anderen deutschstämmigen Menschen des kleinen Dorfes pflegten sie ihre Sprache und ihre kulturellen Bräuche, trugen selbstbewusst die alten Trachten, die sie liebevoll pflegten. Allerdings muss eine Sprache verkümmern, wenn sie nicht ständig im Austausch mit einer großen sprachlichen Gemeinschaft neue Nahrung erhält.
Diese Erfahrung der Sprachverkümmerung machte auch Roswithas Familie, als sie sich in dem süddeutschen Ort ansiedelten und sich mit staatlichen Aufbauhilfen sehr schnell ein kleines Eigenheim erbauen konnten. Zwar waren sie materiell nicht mehr verarmt, wie damals in Russland, aber sie hatten auch noch keinen Zugang gefunden in die Gemeinschaft der Ortsansässigen. Denn ihre Sprache war nicht mehr Deutsch, sondern ein altertümlicher, verwässerter Dialekt, der von den anderen Einwohnern, von Nachbarn und Arbeitskollegen, kaum verstanden wurde. Umso enger blieb der Zusammenhalt unter den Spätaussiedlern.
Aber auch in der Familie selbst herrschte eine enge Bindung, und, wie es immer ist, wenn eine enge Bindung besteht, kann diese schnell, vor allem Heranwachsenden gegenüber, zu einer Belastung werden. Denn der junge Mensch muss sich frei entwickeln, sich ungebunden in seine eigene Wirklichkeit einfinden und sich unbeeinflusst in die künftige Welt eingliedern können, in die er durch sein eigenes Leben hineinwächst.
Roswithas Vater, der Landwirt, war daneben auch gelernter Handwerker, der mit seinen Händen geschickt umgehen konnte. Aber noch viel mehr war er ein zärtlicher Familienvater. Die Tochter Roswitha, welche mit ihren zwölf Jahren zu einen schönen Mädchen aufgeblüht war und zu den herrlichsten Hoffnungen berechtigte, war wirklich sein Ein und Alles, sein Augapfel. Oft saßen sie zusammen auf der Couch, wenn abends der Fernseher lief, und schauten sich einen Familienfilm an, dabei unterhielten sie sich immer wieder in neckischem Tone. Doch nie kam in ihrem Gemüt, sowohl bei dem Vater als auch bei der Tochter, auch nur die leiseste Verstimmung auf. Es konnte wohl auch passieren, dass der Vater seine Tochter zärtlich berührte, an der Schulter, an den Oberarmen, oder ihr über das Haar strich, und manchmal hatte er ihr Köpfchen auch schon zu einem verstohlenen Kuss zu sich herangezogen. Aber immer nur dann, wenn seine Frau gerade nicht in der Nähe war, wie Roswitha intuitiv sehr schnell begriff.
So war das Verhältnis zwischen Vater und Tochter beschaffen. Niemand wäre dabei eingefallen, die Präposition zwischen den beiden Wörtern „Vater“ und „Tochter“ durch das Wörtchen „mit“ zu ersetzen. Alles war harmlos, natürlich, unschuldig, und atmete das gesunde Gefühl der Vaterliebe zur Tochter. Ob auch der Kindesliebe zum Vater? - Man wird sehen.
Wie in diesem Alter normal, schossen mit fulminanter Kraft die Pfeile der Pubertät in Roswithas Psyche und reizten ihre Seele bis aufs Äußerste. Ihr Herz brannte in Fantasien, die sie bis jetzt allerdings nur in verschwiegenen und, wie sie meinte, verbotenen Träumen ausleben konnte. Ein besonderer Charakterzug verstärkte sich in ihr immer mehr, nämlich der Hang, Geschichten zu erfinden, sich selbst als Prinzessin anzusehen, in einer märchenhaften Welt, umgeben von orientalischer Pracht. Auch in der Schule fing sie an, munter zu flunkern, dichtete Geschichten zusammen, zum Beispiel über das prächtige Pferd, das ihr Vater ihr zum Geburtstag geschenkt hätte. Als dann die Lehrerin misstrauisch nachfragte, ob man dieses Pferd denn auch besichtigen dürfe, antwortete sie schnell, es sei momentan weit weg, bei Bekannten. So erdichtete Roswitha viele Märchen und hätte sich vielleicht auch zu einer frühreifen Autorin entwickelt, wäre dieser Wesenszug auch nur in gesunde Bahnen gelenkt worden.
Aber es folgten andere, verhängnisvolle Einflüsse, die sich wie rauschende Wasser in ihre Seele ergossen. In Wartezimmern und Kneipen lagen bebilderte Zeitschriften herum, Illustrierte der niedersten Sorte, reine Kolportageblätter zur billigsten Unterhaltung der Erwachsenen. Darin war häufig die Rede von Kindesmissbrauch und von dessen schlimmen Folgen. Roswitha las nun eben auch diese Artikel und fühlte, wie dabei ihr jugendliches Blut in Wallung geriet. Plötzlich begann sie, ihre Beziehung zu ihrem Vater in einer ganz anderen Beleuchtung zu sehen. Sie erinnerte sich an die vielen harmlosen Berührungen und begann zu fühlen, wie ihr Körper auf diese Berührungen fraulich intensiv reagierte.
Und nun kam es abends häufig so weit, dass sie sich gerne etwas enger an ihren Vater schmiegte und auch ab und zu dessen Hand auf ihre Oberschenkel führte. Und wenn sie dann einen leichten Druck verspürte, erschauerte sie dabei. Dann las sie tagsüber wieder in den Illustrierten und begab sich auch auf gefährliche Reisen durchs Internet. Hier öffnete sich ihr eine ganze Welt von Bildern und Kurzfilmen, die sie, wie die geöffneten Pforten eines vergifteten Paradieses, zum Betrachten und Eintreten einluden. Hundert Schlangen lechzten nach ihren Augen und ihrem Herzen und züngelten ihr verführerisch entgegen.
Allmählich sah sich Roswitha immer mehr in einer herausgehobenen Rolle. Auf einmal kam sie sich so wichtig vor. War sie denn selbst ein junges Opfer in der fantastischen Welt des Kindesmissbrauchs? Was war denn ihr Vater für ein Mensch, und welche Gefühle führten ihn tatsächlich immer zu ihr? Warum suchte er immer ihre Nähe, vor allem, wenn die Mutter nicht da war? Vielleicht hätte nun ein offenes Gespräch zu einer Klärung führen können. Aber seltsamerweise war ein solches Gespräch nicht möglich. Denn die Mutter war eher eine spröde Natur, ganz den praktischen Seiten des Lebens zugetan und in allen planenden Haushaltsgeschäften enorm tüchtig. Aber für psychische Sentimentalitäten hatte sie absolut keinen Sinn, wollte auch von derlei Geschichten nichts wissen. Roswitha wäre bei ihr schlecht angekommen, wenn sie ihr von Vaters Liebe hätte erzählen und sie um Rat fragen wollen.
Nun ergab es sich, dass in der Schule bekanntgegeben wurde, das örtliche Jugendamt würde in regelmäßigen Abständen eine Art Sprechstunde abhalten, zu denen Schüler gehen könnten, ohne dass sie zuvor bei ihren Eltern um Erlaubnis fragen müssten. In dieser Sprechstunde dürften sie dann ihr Herz ausschütten und von fachkundiger neutraler Stelle Rat einholen. Als Roswitha von dieser Bekanntmachung erfuhr, hämmerte ihr junges Herz heftig in ihrer Brust. War das nicht ihre Chance? Konnte sie hier nicht all ihre Träume verwirklichen, als Missbrauchsopfer von anderen bewundert oder bemitleidet zu werden? Im Mittelpunkt des mitfühlenden Interesses zu stehen? Und bekanntlich ist von der gedanklichen Versuchung zu ihrer Verwirklichung immer nur ein kleiner Schritt. Und so kam, was kommen musste. Roswitha fand sich zu der festgesetzten Zeit bei der Beraterin des Jugendamtes zur Sprechstunde ein. Und in ihrer unbekümmerten Weise schilderte sie alle ihre Erlebnisse mit ihrem Vater, die gewohnheitsmäßigen Vertraulichkeiten, welche sich allabendlich zwischen ihnen abspielten.
Allerdings verlief diese Sitzung ganz anders, als sich Roswitha zuvor ausgedacht hatte. Die Vertreterin des Jugendamtes reagierte plötzlich sehr entschieden, tippte nervös auf ihrer Computer-Tastatur und füllte Formulare aus, die sie dann rasch ausdruckte und Roswitha aushändigte.
„Mein liebes Kind“, sagte sie, indem sie sie mit eindringlichen Blicken anschaute, „nun gehst Du nach Hause, packst die nötigsten Sachen in einen Koffer und wir holen dich dann sofort ab. Du kommst nämlich ab heute in eine Pflegefamilie. Wir dürfen nicht zulassen, dass Du weiter dieser Gefahr ausgesetzt bist, in der du schwebst und die viel schlimmer ist, als du ahnen kannst. In solchen Fällen, wie dem deinen, muss das Jugendamt unverzüglich handeln.“
„Aber Sie können mich doch nicht von meinem Papa trennen! Ich habe ihn doch lieb!“ Roswitha schluchzte laut.
„Ja, das ist es ja gerade“, sagte die Dame vom Jugendamt, „du selbst kannst dich nicht mehr schützen vor der Liebe deines Vaters. Hier muss der Staat eingreifen. Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet.“
„Aber dürfen Sie denn das?“, wandte Roswitha ein. „Müssen Sie nicht erst Hausbesuche machen und beim Familiengericht um Entzug des Sorgerechts klagen?“ Diese fachkundigen Vokabeln hatte sich Roswitha aus ihren einschlägigen Illustrierten angelesen.
Die Dame näherte sich Roswitha, legte begütigend ihre Hand auf ihre Schulter und sagte dann ruhig und mit milder Stimme.
„Sei unbesorgt. Es wird alles seinen vorgeschriebenen Gang gehen. Die Behörden arbeiten korrekt und gründlich. Dafür sind wir hier in einem freiheitlichen Staat, der sich den Schutz der Schutzlosen auf die Fahnen geschrieben hat.“
Am selben Tag noch wurde Roswitha aus ihrer Familie geholt. Ihr Vater stand machtlos an der Tür und weinte herzzerreißend. Die Mutter fuchtelte wild und empört mit ihren Armen und bezeichnete ihren Mann als Schwächling, der sich gegen diese Willkür nicht durchsetzen könne. Die Sonne ging unter, wie sie aufgegangen war, doch Roswitha lebte von nun an in einer Pflegefamilie, die schon einige Pflegekinder um ihren Tisch versammelt hatte und für diese Dienstleistung vom Staat ein beachtliches finanzielles Zubrot einstrich.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
13-10-2009, 10:52
Beitrag: #2
RE: Roswitha
Hallo Hans Werner,

für Deinen Mut möchte ich Dich beglückwünschen, dieses Thema aufzunehmen. Die Situation ist gut und einfühlsam erzählt. Der Konflikt ist dargestellt. Und nun?

Ich finde die Geschichte wie einen Anfang. Kannst Du mehr daraus machen?

Weil sie so gut ist, würde mich eine Fortsetzung freuen. Da könnte es so richtig zur Sache gehen.
Gruß Klaus
Webseite des Benutzers besuchen Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
02-12-2009, 09:43
Beitrag: #3
RE: Roswitha
Hallo Klaus,

gerade sehe ich mit Entsetzen, dass ich meine Briefschulden noch nicht abgearbeitet habe. Ich bedanke mich bei Dir sehr herzlich für Deine Zuschrift und für Deine Ermunterung, eine Fortsetzung zu schreiben. Da ergibt sich freilich ein Problem. Ich müsste erfinden. Was ich in dem Text erzählt habe, ist nämlich, wenigstens in den groben Zügen der Handlung, pure Wirklichkeit. Ich müsste erfinden, oder recherchieren, der Sache weiter nachgehen. Aber Deine Antwort ist für mich schön und ermutigend. Dafür danke ich Dir ganz herzlich.

Hans Werner
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Antwort schreiben 


Gehe zu:


Deutsche Übersetzung: MyBBoard.de, Powered by MyBB, © 2002-2010 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme