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Der Wind
10-10-2009, 17:15
Beitrag: #1
Der Wind
Wer noch nie den Wind gefühlt hat, mag vielleicht denken, dass die Blätter vor meinem Fenster sich aus eigenem Antrieb bewegen. Genauso ist es mit dem Geistigen Reich. Wer noch nie mit geistigen Augen gesehen hat, mag denken die Welt bewege sich aus eigenem Antrieb und ihr liege eine unabhängige Kraft inne. Auch wenn ich die Geistige Welt nicht sehen kann, glaube ich daran. Und ich glaube an den Wind, weil ich seine Auswirkungen am eigenen Leibe spüren kann. Genauso mag jemand denken, sein Körper bewege sich aus eigener Kraft. Doch es ist die Seele, die den Körper steuert, ihm Leben verleiht und ihn mit Bewusstheit umhüllt.

Wenn es noch einigermaßen einfach fällt den Wind zu erklären, oder die unsichtbaren Röntgenstrahlen, ist es bei der Seele anders. Sie gehört nicht zu dieser Welt, sie ist ein Bewohner des Geistigen Reiches. Sie ist unabhängig von Raum und Zeit, ein himmlischer Diadem, ein undurchdringliches Geheimnis, ein unteilbares Wunder und ein tiefes Geheimnis. Ihre Verbindung zum Körper gleicht der Verbindung zwischen Sonne und Spiegel. Auch wenn der Spiegel auf der Erde zerbricht, scheint die Sonne unvermindert weiter.

Der Wind bewegt die braun gewordenen Blätter vor meinem Fenster. Eine zarte Empfindung von Schönheit fließt aus meiner Seele in meinen Körper. Alles ist nun in Schönheit getaucht, wohin ich auch blicke. Mir kommt der Gedanke, dass alle Empfindungen der Schönheit immer aus mir kamen, nicht aus der Welt. In meiner Kindheit ging ich auf dem Weg zum Kindergarten an einer Mauer vorbei. Sie war aus roten Backsteinen gebaut, die über die Jahre Erscheinungen des Zerfalls zeigten. Spröde Risse überdeckten ihr Antlitz, wie Falten und Narben schienen sie mir. Zwischen den Backsteinen löste sich das Bindemittel als sehr feiner Staub. Ich hielt meine kleine Hand darunter und fuhr mit dem Finger durch die Ritzen. Ich liebte es dies zu tun, das Gefühl von Zartheit in meiner Hand zu spüren. Doch auch diese Zartheit, so denke ich nun, kam nie aus der Welt, sondern aus mir. Buddha sagte einst, dass Glück und Freude nicht aus der Welt kommen, sondern aus einem selbst. Der wahre Zustand unseres Wesens sei, so lehrte er, Glückseligkeit. Und das ohne das Zutun der Welt, in völliger Unabhängigkeit. Ich halte ein, fühle Willen in mir, der in die Welt strebt, auf der Suche nach Zufriedenheit, nach Frieden. Doch… ist nicht Frieden das So-Sein dürfen, die Erkenntnis, dass alles schon da ist und ich die Welt wirklich loslassen kann? – im Vertrauen, dass ein Wind mich umfangen wird und ich getragen werde auf den Wolken universaler Wirklichkeit.

"Das Leben ist ein Sturm, der um die verborgensten und zartesten Gefühle der Liebe kreist."
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10-10-2009, 21:42
Beitrag: #2
RE: Der Wind
(10-10-2009 17:15)root schrieb:  Doch… ist nicht Frieden das So-Sein dürfen, die Erkenntnis, dass alles schon da ist und ich die Welt wirklich loslassen kann? – im Vertrauen, dass ein Wind mich umfangen wird und ich getragen werde auf den Wolken universaler Wirklichkeit.


Hallo root,
einfühlsam geschrieben, die Auseinandesetzug mit dem eigenen Ich.
Ich bezeichne die Seele als " Ich" denn ich bin.
Aber nicht Du kannst die Welt loslassen, sondern die Welt muss Dich loslassen, dass Du vom Wind getragen auf Wolken einer "ungewissen" Wirklichkeit entgegen schweben kannst.
Du kannst die Welt leicht loslassen, aber die Welt nicht Dich, zuviele Fesseln haften an Deinem " Ich"- und sei es auch nur ein guter Freund der Dich nicht gehen lassen will.

Ein interessantes Thema.

LG
tempika

Der Vorteil der Klugheit liegt darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.
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10-10-2009, 22:08
Beitrag: #3
RE: Der Wind
Hallo root!

Zitat:Wer noch nie den Wind gefühlt hat, mag vielleicht denken, dass die Blätter vor meinem Fenster sich aus eigenem Antrieb bewegen.
Hm ... klingt nicht ganz rund, wenn du unbetimmt anfängst, musst du auch unbestimmt aufhören. Icon_wink
"Wer noch nie den Wind gefühlt hat, mag vielleicht denken, dass die Blätter vor seinem Fenster sich aus eigenem Antrieb bewegen.

Zitat:Genauso ist es mit dem Geistigen Reich.
Ein Gleichniss also?

Zitat:Auch wenn ich die Geistige Welt nicht sehen kann, glaube ich daran. Und ich glaube an den Wind, weil ich seine Auswirkungen am eigenen Leibe spüren kann. Genauso mag jemand denken, sein Körper bewege sich aus eigener Kraft. Doch es ist die Seele, die den Körper steuert, ihm Leben verleiht und ihn mit Bewusstheit umhüllt.
Müsste der mittlere Satz "ich glaube an den Wind" nicht an den Anfang ... deine bisherige Textstruktur scheint mir das zu fordern ... du beginnst mit dem Wind, dann müsstest du auch hier mit dem Wind beginnen, und von dort aus alles andere entwickeln. Icon_smile

Zitat:Auch wenn der Spiegel auf der Erde zerbricht, scheint die Sonne unvermindert weiter.
Ein sehr schönes Bild! ---> auch wenn der Körper vergeht besteht die Seele weiter?

Zitat:im Vertrauen, dass ein Wind mich umfangen wird und ich getragen werde auf den Wolken universaler Wirklichkeit.
Ein schöner Gedanke.

Ein interessanter Text. Es ist weniger ein Argumentieren, ein Überzeugen wollen ... ja noch nicht einmal richtig eine Außeinandersetzung. Ich empfinde es mehr als ein sprachliches Bild, das du malst, um uns als Leser zugänglich zu machen was du empfindest und wie du die Welt siehst.
Dafür verwendest du das Bild des Windes, den man nicht sehen, aber doch fühlen kann.
Du zeigst uns was du denkst ... deshalb ist es für mich schwer den Text zu bewerten. Nur was ich schon gesagt habe: ich fand ihn interessant.

Liebe Grüße vom Wanderer

... ihr seid ja nur neidisch, dass ihr die Stimmen nicht hört!

Wanderer zwischen den Welten und der
Weltenknoten
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13-10-2009, 17:42
Beitrag: #4
RE: Der Wind
@tempika
Danke für deinen Beitrag. Manchmal ist mir diese "ungewisse" Wirklichkeit, wie du schreibst, näher als die Welt der Naturgesetze und irgendwie echter. Ein Beispiel: Auch wenn man sie nicht anfassen kann, so kann man doch - wenn man aufmerksam hinschaut - erkennen, wie ein kleiner Gedanke über Tage hinweg wächst, bis er eine ausgereifte Entscheidung geworden ist. Auch wenn ein Materialist sagen könnte, dass Gedanken ohne Gehirn nicht möglich wären, glaube ich, dass das Gehirn diese geistigen Prozesse der Seele nur abbildet, sie aber nicht hervorruft.

Ich denke, dass die Welt einen nicht festhalten kann. Es ist die eigene, oft unbewußte Entscheidung an einem Selbstbild festzuhalten, das verstrickt ist in die Fesseln der Welt. Die Welt kann man nur mitsamt aller Vorstellungen von ihr (und sich) loslassen, sonst bleibt die Aufgabe unvollendet. Ach ja, das erinnert mich daran, dass ich wieder regelmäßig meditieren wollte. Nichts anderes als Loslösung übt man darin.

@ Wanderer
Dir danke ich auch für deinen Beitrag und deine Hinweise. Und ja, die Welt ist doch voller Gleichnisse. Wie du geschrieben hast, gleicht es mehr einem Bild, einem Einblick, einer Momentaufnahme.

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