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Schönheit
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22-10-2009, 15:28
Beitrag: #1
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Schönheit
Schönheit
Studie von Hans Werner Doch, ich kann etwas erzählen, auch wenn es keine Geschichte ist. Es passiert gar nichts in dem, was ich erzählen werde. Gar nichts. Und doch ist meine Seele so aufgewühlt, als wäre ein Sturm durch sie gerast. Es ist noch Oktober, und dennoch spüre ich fröstelnd den nahenden Winter. Hat das Jahr den Herbst vergessen? Wohl war er da, der Herbst. In der Garage duftet es nach Äpfeln, die bald unter die Presse kommen. Aber draußen, auf der Straße, riecht es nach Schnee. In der Mailbox liegt der Brief jener jungen Frau, die so zart, so zierlich, so zerbrechlich ist wie hellbraunes Ufergras, das sich unter dem Meerwind beugt und wieder aufrichtet und wieder beugt. Wie du heute wieder ausschaust, hat ihr der Mann gesagt. Und seine Kritik hat sich mit tausend Pfeilen in ihre Seele gebohrt. Ihre Augen sind dunkel und schön, aber manchmal übernächtigt. Oft kann sie nicht schlafen, weil Kummer in ihr frisst. Aber sie ist schön, so schön, in ihrem schwarzen Haar, und ihre Augen haben die Gabe, zu strahlen, in Freude und in Trauer. Ihr Wuchs ist zart und untadelig, von weitem hält man sie für ein Mädchen. Oft geht sie im blauschwarzen Wintermantel und hat die Kapuze schützend über ihr Haupt gestülpt. Wie du heute wieder ausschaust, hat ihr Mann zu ihr gesagt. Im roten Dämmerlicht früher Nacht würde er mit ihr schlafen wollen. Doch sie kann nicht, sie kann nicht mehr wollen. Aus ihrer Seele ragt die Kritik mit tausend Pfeilen. Vor der Arztpraxis sehe ich den Menschen, der kein Mensch zu sein scheint. An der Hand einer anderen jungen Person geht er, wie ein Schattenbild. Nur flüchtig habe ich hingesehen. Aber etwas hat mein Auge geschlagen. Ich muss meinen Blick wiederholen, muss ihn schärfen und fühle in mir etwas Ätzendes, das meine Seele verbrennt. Das ist kein Mensch, nein, so kann kein Mensch aussehen. Und doch ist es unzweifelhaft ein weibliches Wesen, eine junge Frau. Aber ihr Gesicht ist kein Gesicht. Eine breite dunkle Fleischmasse quillt unter dem Haar hervor, zwischen Nase und Lippen ist die Haut breit verwulstet, unter dem unförmigen Mund lagert sich wie ein angeschwollener Klumpen das Kinn. Unter verklebten Lidern kann man die Augen wie dunkle Schatten nur erahnen. Es ist ein Gesicht, und ist doch keins. Und es gehört einem Menschen, der ein fühlendes Herz hat und auf Glück und frohe Zukunft hofft. Und dennoch verursacht es mir wahre Schmerzen, hinzusehen. Aber ich kann mich nicht des Hinschauens enthalten. Der Zwang, hinschauen zu müssen, tut mir weh. Wieder kommt mir der Brief in den Sinn. Wie schaust Du heute wieder aus! Ich spüre in mir das Salz ungeweinter Tränen. Aber, ich habe es erlebt. Beides habe ich zusammen erlebt. Nichts hab ich erdichtet, nichts erfunden. Obwohl nichts passiert ist, fühle ich mich bewegt, als hätte das Schicksal ein großes tragisches Geschehen bedeutungsvoll vor mir abrollen lassen. |
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22-10-2009, 20:49
Beitrag: #2
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RE: Schönheit
hm, was ist mit dem mädchen? warum sieht sie so aus - hatte sie einen Unfall?
ich hab den text jetzt zwei mal gelesen; er ist interessant, hinterlässt aber fragen. gruß, sigurd Literatur hat mich gelehrt, wie wenig ich weiß - und wie viel ich zu wissen glaubte. |
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22-10-2009, 22:26
Beitrag: #3
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RE: Schönheit
Hallo Sigurd,
ja, der Text hinterlässt Fragen. Ich weiß nicht, was mit dem Mädchen ist. Ich habe sie nur von weitem gesehen. Sie ging an der Hand einer anderen gesunden jungen Frau. Ich kann Dir sagen, der Anblick war so entsetzlich, dass es mir beim Schauen innerlich weh tat. Und in Verbindung mit dem Brief hat mich das Erlebnis aufgewühlt. Für Deine Rückmeldung danke ich Dir, denn sie zeigt mir, dass der Text beim Leser ankommt und auf ihn wirkt. Herzliche Grüße Hans Werner |
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22-10-2009, 23:18
Beitrag: #4
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RE: Schönheit
Hallo Hans Werner,
Du findest wunderschöne Bilder, meinen Glückwunsch! Drum stört mich ein Satz: ... Wie du heute wieder ausschaust, hat ihr der Mann gesagt ... Im Kontext wirkt er für mich schwach. Vielleicht kannst Du seinen Ausdruck schon durch Satzzeichen verstärken: Ein Fragezeichen - neuer Satz. Gern gelesen. Gruß Klaus |
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23-10-2009, 08:44
Beitrag: #5
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RE: Schönheit
Hallo Kbusc,
danke für Deine Zuschrift und für Deine lobenden Worte. Die Sache mit den Anführungszeichen habe ich mir beim Schreiben auch überlegt. Aber es wäre dann der einzige Sprechakt im ganzen Text gewesen und ich wollte nicht haben, dass der Lesefluss gestört wird. Das Problem ist die Alltäglichkeit der Wendung, das weiß ich wohl. Aber ist es nicht gerade diese banale Alltäglichkeit, die dieser Kritik das Verletzende gibt? Denn sie trifft eine Frau in ihrem Dasein, in dem Gefühl, wie sie durch ihr Sein auf den andern wirkt. Irgendwo bei Thomas Mann, ich glaube, es ist im "Erwählten", habe ich einmal gelesen, dass der Mann durch Leistungen imponieren kann und muss, während die Frau allein durch ihr Dasein, ihre Schönheit, sich ihren gesellschaftlichen Wert verleiht. Deshalb ist der Satz in seiner Banalität für eine Frau außerordentlich verletzend. Viele Grüße Hans Werner |
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23-10-2009, 18:02
Beitrag: #6
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RE: Schönheit
Hallo Hans Werner,
stimme Dir zu. Es ist eine Geschmacksfrage. Gruß Klaus |
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