|
Theobald und Marietta
|
|
30-10-2009, 10:37
Beitrag: #1
|
|||
|
|||
|
Theobald und Marietta
Theobald und Marietta
Satire von Hans Werner Irgendwo im Straßendschungel einer deutschen Stadt mittlerer Größe lebte ein alter Mann, mürrisch und unauffällig. Er trug jeden Tag die gleiche schäbige Kleidung, zählte das nötige Kleingeld ins Portemonnaie und handelte sich damit in den verschiedenen Kneipen Schnaps und Bier ein. Eben die Ration, die er zum seelischen Überleben brauchte. An seiner Seite lebte eine Frau, jung, liebenswürdig, eine blendende Erscheinung. Ja, Sie haben richtig gelesen: sie lebte an seiner Seite. Ich hatt einen Kameraden, einen bessern findst Du nit. Dieses Lied hätte er jeden Morgen anstimmen sollen aus Dankbarkeit für solches Glück, das er in seiner willenlosen Hinfälligkeit nicht verdient hatte. Aber er stimmte es nicht an, dieses Lied, sondern ließ sich umsorgen und umschwärmen von einem Menschen, der, Gott weiß warum, einen Narren an ihm gefressen hatte und ihn liebte, liebte, bis zur Selbstverleugnung. Sein seelisches Überleben indessen hing jeden Tag auf des Messers Schneide. Denn in ihm nagte Unzufriedenheit, Unzufriedenheit mit sich selbst, seiner eigenen Lebensleistung, die ihm mangelhaft erschien. Immer noch trug er in sich das Bild des großen Künstlers, der ein kolossales Werk hinstellen und damit die ganze Welt veredeln würde. In frühester Jugend hatten ihm beide Eltern, die ihn abgöttisch liebten und daher verzärtelten, immer wieder versichert, dass Talente in ihm schlummerten, seltene Talente, die ihn unzweifelhaft zum Künstler bestimmten. Und da ist etwas in ihm gewachsen: eine hochsensible Seele, die immer größere Ansprüche an sich selbst stellte. Das Schlimme daran war, dass ihm diese Entwicklung nie bewusst wurde. Seine Seele wuchs und wuchs und entfaltete sich zu einer vielblättrigen Blüte, die sich nach allen Seiten verschwenderisch ausdehnte und berückenden Duft ausströmte. Und eben diesem berückenden Duft war das Mädchen erlegen, das nun als junge Frau an seiner Seite lebte und ihn unverbrüchlich liebte. Sie hieß Marietta und lernte den schon fünfzigjährigen Theobald, so der Name des vermeintlichen Künstlers, kennen, als sie selbst erst 17 Lenze zählte. Theobald hatte ihr schwärmerische Gedichte geschrieben, dünnfarbige japanische Aquarelle gemalt, Liebeslieder komponiert, die er mit seinem schon etwas dick gewordenen Bariton selbst sang und sich dabei selbst am Klavier begleitete. Es müssen wohl Auftritte gewesen sein, die jedem billigen Liebesfilm noch die Krone aufgesetzt hätten. Aber Theobald konnte die Schwingen seiner Seele wirkungsvoll entfalten und den ihr eigenen Duft ausströmen lassen, so dass Marietta nach diesem Duft süchtig wurde. Man hätte schwer sagen können, wieso ein so junges und strahlendes Menschenkind, wie es Mariette allem Anschein nach war, sich so sehr auf diesen ältlichen Theobald versteifen konnte. Vermutlich konnten seine unverbrauchten Hände, die noch nie einen Autoreifen selbst gewechselt hatten und von schwerer Arbeit nichts wussten, sich gut verwenden lassen, um die Haut einer jungen Frau angenehm zu berühren und zu reizen. (Wir wollen beim Schreiben die Gesetze der Schicklichkeit beachten und nicht ins Einzelne gehen.) Aber Mariettas Wangen waren stets dunkel gerötet, wenn sie Theobalds Zimmer verließ, und vermutlich waren es nicht nur ihre Wangen. Küsse fließen von Lippen zu Lippen, sagt man treffend im Volksmund. Und noch kräftiger formuliert es die Volksweisheit: wer an die Äpfel geht, mag auch die …. Um es kurz zu machen: Marietta gebar noch biologischer Neunmonatsfrist einen pausbäckigen, gesunden Knaben und Theobald legalisierte alsbald diese Beziehung vor Staat und Kirche. Nun entdeckte er die Wonnen der Vaterspflichten. Seine Seele verlegte ihr Hauptinteresse auf ein neues und anderes Feld: sie wollte erziehen, aus dem selbstgezeugten Menschen einen idealen Jüngling machen. Theobald war also zum leidenschaftlichen Pädagogen mutiert. Vielleicht dachte er dabei an den alten Beethoven und seinen Neffen Karl. Und hierbei erfuhr sein Selbstgefühl über die eigene Künstlerrolle noch eine Steigerung ins Unermessliche. Auf allen Kunstsparten, in denen er schon seit Jahren dilettierte, vollbrachte er immer neue Werke, die immer lächerlicher wurden, je mehr er sie in der pädagogischer Absicht erzeugte, seinem Sohn Vorbild zu sein und ihn nach dem väterlichen Leitbild zu bilden. Schließlich hatte es Theobald soweit gebracht, dass man ihm in der Stadt eine kleine Ausstellung widmete. Er wollte niemandem verraten, dass er zu diesem Zwecke einige Stadträte bestochen hatte, die dann in der Versammlung für diese Ausstellung votierten. Sein Sohn, der mittlerweile 8 Jahre alt war, sollte ihn auf die Vernissage begleiten. Dieses Erlebnis des als Künstler gefeierten Vaters würde auf ihn einen unauslöschlichen Eindruck machen. Wie jedoch nicht anders zu erwarten, wurde diese Veranstaltung für Theobald zu einer peinlichen Katastrophe. Ob er denn nicht merke, was für ein ungenießbarer Kitsch seine Bilder seien, ob ihm nicht der Pinsel abbreche bei diesen unmöglichen Körperformen, ob ihm nicht der Speichel aus Augen und Ohren tröffe bei der Mischung dieser ekelhaften Farbtöne. Die beiden Berichterstatter der örtlichen Regionalzeitungen, die sich sonst immer spinnefeind waren, lachten hier in seltener Einmütigkeit und spotteten, was das Zeug hielt. Das Publikum stand amüsiert dabei und die Einführung durch den städtischen Redner geriet zu einer wahren Lachnummer, denn allzu komisch wirkte die krampfhafte Bemühung des Kulturamtsleiters, die buntschillernden großflächigen Farbschinken Theobalds als echte Kunst zu verkaufen. Angestachelt durch die Zwischenbemerkungen der Journalisten, schossen von allen Seiten immer wieder Lachsalven wie Raketen in die Höhe, und Theobald sank in sich zusammen vor Scham und Zerknirschung. Er bot ein Bild wie der heilige Sebastian, dessen nackter Leib von allen Seiten mit Pfeilen durchbohrt wurde. Die Fittichen seiner Künstlerseele, die wie ein Über-Ich in ihm thronte und ihn zu hehren Leistungen verpflichtete, schlugen in ihm heftig zusammen, klatschten schmerzhaft und ohrfeigten ihn gleichsam innerlich. Am schlimmsten für ihn war aber der Anblick seines achtjährigen Sohnes, der mit verwundertem Blick all das wahrnahm, was sich an Unbegreiflichem um ihn herum ereignete. An jenem Abend griff Theobald zur Flasche und ließ sie nicht mehr los, bis er völlig betrunken auf der Couch seines Wohnzimmers einschlief. Er war nicht ansprechbar für seine junge Frau, die ihn lieb und zärtlich aufrichten wollte. Er reagierte grob und jähzornig, und wenig hätte gefehlt, dass er gegen sie schlagend die Hand erhoben hätte. Es war ein jämmerliches Drama. Und Marietta fühlte sich in ihrer Liebe zu diesem Mann grenzenlos alleingelassen. Auch in den kommenden Tagen und Wochen änderte sich nichts an der inneren Verzweiflung Theobalds. Ihm war, als sei ihm jeglicher Lebenssinn abhanden gekommen, nachdem man ihn als Künstler öffentlich heruntergemacht hatte. Er kam sich vor wie ein abgeschminkter Schauspieler und sah, wenn er in Spiegel schaute, nur noch rissige und hässliche Gesichtshaut. Seine wässrigen blauen Augen tränten fortwährend und die Mundwinkel hingen schlaff herunter und waren zu keinem Lächeln mehr fähig. Er stürzte sich in ein Meer von Alkohol und anderen schärferen Drogen, in dem meinte, sich gesund baden zu können. Seltsamerweise ließ Mariettas Liebe zu ihrem Mann bei all diesen schrecklichen Erfahrungen nicht nach, sondern steigerte sich in wahren Anfällen von Barmherzigkeit und Helfenwollens ins Riesenhafte. Und so wurde aus Theobald ein heruntergekommener alter Mann, ein verwahrloster Bürger, quasi ein Asozialer, während sie sich zur Heiligen, zur selbstlosen Helferin, zu einer Mutter-Theresa in deutschem Kleinformat verwandelte. Der Sohn indessen wuchs heran, ging zur Schule, erbrachte ordentliche Leistungen, distanzierte sich aber immer mehr vom Vater und später auch von der Mutter, deren aufopferndes Verhalten er in seiner jugendlichen Seele missbilligte und scharf verurteilte. Marietta, anstatt auf ihren Sohne zu hören, richtete ihr eigenes Leben immer mehr nach den Unarten ihres verkommenen Gemahls aus und verfing sich immer weiter in der trügerischen Hoffnung, sie könnte durch ihr eigenes Gutsein und sittliches Vorbild einen verkommenen Menschen wieder auf die rechte Bahn lenken. Im Grunde hatte sie nie ihren Glauben an Theobalds Künstlertum verloren. Sie meinte, sie müsste ihn als Künstler loben und ihm das Gefühl geben, er sei ein verkanntes Genie. In Wirklichkeit leistete sie damit dem physischen, psychischen und sozialen Niedergang ihres Mannes Vorschub. Er hätte ein strenges Weib gebraucht, das ihn straff an die Kandare genommen und ihn herrschend mit Wort und Hand auf den rechten Weg gewiesen hätte. Vielleicht wäre so für Theobald noch einmal der Weg gewiesen worden zur menschlichen Gesundung. Aber die aufopfernde, selbstlose Liebe Mariettas war für ihn süßes, reines Gift. Er schlürfte dieses Gift täglich gierig ein und sank herab zum gesellschaftlichen Abschaum, und Marietta hatte später nichts anderes mehr zu tun, als ihren Mann mit zugehaltener Nase bei all jenen Krankheiten zu pflegen, die erfahrungsgemäß mit Alkohol- und Drogensucht Hand in Hand gehen. |
|||
|
31-12-2009, 01:45
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 31-12-2009 02:25 von Dreadnoughts.)
Beitrag: #2
|
|||
|
|||
|
RE: Theobald und Marietta
Moin Hans Werner.
Lange nichts mehr von Dir gelesem, und verwundert bemerkt, dass dieses Werk hier noch ohne Kommentar steht. Nun denn. Zitat:Er trug jeden Tag die gleiche schäbige Kleidung, zählte das nötige Kleingeld ins Portemonnaie und handelteIch weiß ja, dass Du 'sattelfest' bist, was Grammatik und die Sprache an sich angeht. Aber hier bin ich etwas aus dem Tritt gekommen. Gut, ich kann mir vorstellen, wie er Geld 'hineinzählt' - aber meine Augen wollten immer 'im' lesen. Also, er zählte im Portemonnaie. Zitat:Dieses Lied hätte er jeden Morgen anstimmen sollen aus Dankbarkeit für solches Glück, das er in seiner willenlosen Hinfälligkeit nicht verdient hatte. Aber er stimmte es nicht an, dieses Lied,Hm, gut, ich bin ja nicht so der Freund von Wortwiederholungen, wenn es nicht zwingend nötig ist. Und hier erscheint es mir seltsam, da Du ja eine doppelte Erwähnung erst umgangen hast ('Aber er stimmte es nicht ...'), um dann das 'Lied' nochmal explizit zu erwähnen. Nun, ich finde, die zweite Erwähnung des Liedes brauchst Du nicht, das geht aus der Stelle hervor. Zitat:Gott weiß warum, einen Narren an ihm gefressen hatte und ihn liebte, liebte, bis zur Selbstverleugnung.Abgesehen davon, dass ich solchen Mitbürgern auch nicht sonderlich zugetan bin, finde ich, dass die doppelte Erwähnung hier durchaus seine Berechtigung hat, jedoch würde ich anstelle des KOmmas einen Spiegelstrich verwenden. Dadurch ist eine kleine Pause gegeben, in der der letzte Teilsatz deutlicher zutage tritt. (Meiner Meinung nach.) Zitat:Denn in ihm nagte Unzufriedenheit, Unzufriedenheit mit sich selbst, seiner eigenen Lebensleistung,Hier könnte man darüber streiten. Zitat:die ihn abgöttisch liebten und daher verzärtelten,Wie Du bestimmt noch weißt, bin ich immer noch auf der Suche nach alten Worten/Bezeichnungen etc. 'Verzärtelt' - ich nehme an, ein positives Wort für 'verhätschelt'? *notiert* Zitat:und entfaltete sich zu einer vielblättrigen Blüte, die sich nach allen Seiten verschwenderisch ausdehnte und berückenden Duft ausströmte.Abgesehen davon, dass dieser Satz wunderbar klingt, würde ich dazu tendieren, entweder von 'und einen bedrückenden Duft' oder 'bedrückende Düfte' zu schreiben. Zitat:verschwenderisch ausdehnte und berückenden Duft ausströmte.Hier denke ich, kann man die zweite Erwähnung eventuell weglassen. Zitat:entfalten und den ihr eigenen Duft ausströmen lassen, so dass Marietta nach diesem Duft süchtig wurde.Hier ebenfalls, Vorschlag: entfalten und den ihr eigenen Duft ausströmen lassen, so dass Marietta danach süchtig wurde. Zitat:(Wir wollen beim Schreiben die Gesetze der Schicklichkeit beachten und nicht ins Einzelne gehen.)In Verbindung mit: Zitat:Aber Mariettas Wangen waren stets dunkel gerötet, wenn sie Theobalds Zimmer verließ, und vermutlich waren es nicht nur ihre Wangen. Küsse fließen von Lippen zu Lippen, sagt man treffend im Volksmund. Und noch kräftiger formuliert es die Volksweisheit: wer an die Äpfel geht, mag auch die …. Um es kurz zu machen:Ja, wollte der neutrale Erzähler nicht die Gesetze der Schicklichkeit beachten? ![]() Zitat:Am schlimmsten für ihn war aber der Anblick seines achtjährigen Sohnes, der mit verwundertem Blick all das wahrnahm, was sich an Unbegreiflichem um ihn herum ereignete.Ein unschöner Moment, obwohl das Leben ab und an zu glauben scheint, dass man solche brachialen Augenblicke manchmal braucht. Zitat:Er stürzte sich in ein Meer von Alkohol und anderen schärferen Drogen, in dem meinte, sich gesund baden zu können.Gelungene Metapher. Zitat:und Marietta hatte später nichts anderes mehr zu tun, als ihren Mann mit zugehaltener Nase bei all jenen Krankheiten zu pflegen, die erfahrungsgemäß mit Alkohol- und Drogensucht Hand in Hand gehen.Du untertitelst Dein Werk als 'Satire'. Nun, ich kann dem nicht ganz zustimmen, für mich (als Lesender) steht hier die Tragik im Vordergrund. Auch wenn dies (Theobald und Marietta) Namen sind, die im heutigen Zeitgeist wohl nicht mehr vergeben werden, denke ich, dass die Thematik die Zeiten überdauern wird. Ansonsten ist es flüssig zu lesen, keine Holpersteine enthalten - und macht nachdenklich. LGD. Wir glauben, wir machen Erfahrungen - aber Erfahrungen machen uns. ... and dread noughts |
|||
|
31-12-2009, 11:59
Beitrag: #3
|
|||
|
|||
|
RE: Theobald und Marietta
Hallo Dreadnoughts!
Zunächst einmal möchte ich Dir sehr herzlich danken für die große Mühe, die Du Dir mit meinem Text gemacht hast. Die Kommentare sind wirklich sehr nützlich und ich werde demnächst das Eine oder Andere übernehmen. Auf jeden Fall führen sie mich zum Nachdenken über eigene Formulierungen, die man beim Erzählen verwendet, weil sie auf die Zunge kommen. Aber Deine profunden Bemerkungen bringen mich in meinem Stilgefühl weiter. Und dafür danke ich Dir. Viele Grüße Hans Werner |
|||
|
31-12-2009, 19:24
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 31-12-2009 19:33 von Sigurd.)
Beitrag: #4
|
|||
|
|||
|
RE: Theobald und Marietta
Hallo Hans Werner!
Als erstes lass mich sagen: Dein Text ist überwiegend gut lesbar geschrieben. Allerdings besteht er von hinten bis vorne nur aus Schilderung. Spätestens die "scheiternde Vernisage" hätte man als Dialog und Handlung darstellen können; das würde dem Text einiges mehr an Lebendigkeit bescheren. Es ist auch keine Satire, da geb ich Dreadnoughts recht, eher ein Drama. Das Ende könnte man auch als Handlung und Dialog inszenieren. Wobei die Frage ist, ob seine Frau das wirklich so leicht schlucken sollte. (müsste sie nicht eher versucht sein, ihm den Kopf zu waschen, damit er zurück auf den Erdboden findet?) Man könnte da mit einem heftigen Wortwechsel noch mal richtig Spannung aufbauen. Außerdem könnte es für den Mann, der im anderen Fall ja verloren ist, noch etwas Hoffnung geben. Ansonsten: Gern gelesen! Herzlichen Gruß, Sigurd Literatur hat mich gelehrt, wie wenig ich weiß - und wie viel ich zu wissen glaubte. |
|||
|
31-12-2009, 19:34
Beitrag: #5
|
|||
|
|||
|
RE: Theobald und Marietta
Hallo Sigurd,
zunächst danke ich Dir sehr herzlich für Deine Zuschrift, vor allem auch für Deine kritischen Bemerkungen, die ich mir sehr genau durch den Kopf gehen lassen werde. Vielleicht werde ich am Text noch Verschiedenes ändern. Hinweise und Ratschläge dazu habe ich ja nun wirklich sehr gute. Jetzt aber hat sich die Diskussion auf eine grundsätzliche Frage verlegt, nämlich die Frage, was eine Satire ist, wie sie sprachlich beschaffen sein muss und welche Wirkung sie beim Leser ausüben möchte. An anderer Stelle schon habe ich einmal zu diesem Thema einige Sätze geschrieben. Ich möchte sie hier gerne wiederholen, als Diskussionsbeitrag und vielleicht auch als Denkanstoß. Der Satiriker ist im Grunde ein enttäuschter Idealist. Er prangert Missstände der Gesellschaft an, mit den Mitteln der Übertreibung, Lächerlichmachung, Verzerrung, entlarvender Komik, bis hin zur feineren Ironie. Es gibt hier die verschiedensten Spielarten und Schärfegrade. Die Haltung des Verfassers kann bissig, zornig, ernst, pathetisch, heiter, liebenswürdig sein. Stets ruft die Satire durch Anprangerung der Laster die Leser zu Richtern auf. Der Satiriker hofft, durch Aufdeckung der Laster eine Besserung der Missstände zu bewirken. Schiller stellt die Satire der Elegie entgegen. Die Elegie ist ein offenes Klagelied, die Satire ist beißender Spott, aber letzten Endes fußt auch sie auf der Enttäuschung des Dichters über Gesellschaftszustände, die so nicht sein müssten und sich bessern sollten. Oberflächliche Leser verwechseln heutzutage die Satire gerne mit literarischen Lachnummern, die mit sehr grobem Holzhammer agieren und dem Leser ein Höchstmaß von Spaß darbieten, so dass er sein Zwerchfell fast nicht mehr zähmen kann. Und wenn sie das Wort "Satire" hören, dann warten sie auf diese komischen Knaller, sie beurteilen damit den Text nur nach seinem komischen Unterhaltungswert und nicht nach seiner didaktischen Absicht. Mit Sicherheit gehört Ihr beide keineswegs zu den "oberflächlichen Lesern". Es ist nur eine allgemeine Beobachtung, die ich aus verschiedenen Lesermeinungen und Stellungnahmen gewonnen habe. Mit vielen Grüßen Hans Werner |
|||
|
31-12-2009, 20:42
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 31-12-2009 20:51 von RETSNAD.)
Beitrag: #6
|
|||
|
|||
|
RE: Theobald und Marietta
Hallöchen Hans Werner
Ich schliesse mich auch der Meinung von Sigurd und Dreadnoughts an, das es sich nicht um Satire handelt. Zur Begründung darf ich eine, wie ich finde, sehr gelungene Definition von Satire verwenden, nämlich deine eigene. Demnach ist die Motivation des Satirikers enttäuschter Idealismus. Aus diesem enttäuschten Idealismus heraus beschreibt der Satiriker die davon abweichende Realität mit den entsprechenden (satirischen) Stilmitteln. Ein solcher Idealismus, aus dem deine Geschichte demnach enstanden seien müsste, ist m. E. hier nicht nachvollziehbar. Ich habe die Geschichte vielmehr als die tragische Beschreibung eines subjektivistischen Einzelfalls gelesen die nicht etwa allgemeine Missstände der Gesellschaft anprangert. Eine Geschichte die eher sagt was ist, als sagt, was falsch ist. Du sagst zwar am Ende, was die Frau hätte anders machen sollen (diese Stelle hättest du wegen mir ganz weglassen sollen, aber zurück zur Satirefrage), aber das ist auch kein Stilmittel der Satire; Satire bietet keine Lösung, die überlässt sie dem Leser. Satirische Stilmittel werden, so wie ich es gelesen habe, eigentlich auch nicht verwendet. Deine Sprache ist weder bissig, zornig, noch pathetisch oder heiter. Zwar kommen an wenigen Stellen Formulierungen vor, die man als bissig bezeichnen könnte (die ich dann unfortunetlierweise auch als stilistische Unsauberheiten lese), aber der Grundtenor ist doch ein anderer - nämlich diese sachliche, kühle, klare Art deiner Sprache mit der du menschliches Versagen und Leid beschreibst. Der Kontrast dessen, was Du beschreibst, und wie Du es beschreibst, macht doch den Reiz der Geschichte aus, die für mich aus diesen Gründen eher tragische Elemente hat, aber keine Satire ist. gern gelesen, Rets |
|||
|
01-01-2010, 03:47
Beitrag: #7
|
|||
|
|||
|
RE: Theobald und Marietta
Moin MOin Hans Werner.
Und frohes neues Jahr. Zitat:Oberflächliche Leser verwechseln heutzutage die Satire gerne mit literarischen Lachnummern, die mit sehr grobem Holzhammer agieren und dem Leser ein Höchstmaß von Spaß darbieten, so dass er sein Zwerchfell fast nicht mehr zähmen kann. Und wenn sie das Wort "Satire" hören, dann warten sie auf diese komischen Knaller, sie beurteilen damit den Text nur nach seinem komischen Unterhaltungswert und nicht nach seiner didaktischen Absicht.Nun, wie man weiß, bin ich ein Bauchschreiber ... also, ich ... schreibe und bewerte oftmals aus dem Bauch heraus. Ich mag keine Definitionen, keine starren Bahnen - ich mache auch ganz gerne mal Schlenker über den Standstreifen, wenn die Metapher erlaubt ist. Vom 'Bauchgefühl' her ist es für mich keine Satire, sondern gehört (für mich) eher zur Tragik. Nichtsdestotrotz steht es hier in 'Nachdenklich/Kritisches' goldrichtig. LGD. Wir glauben, wir machen Erfahrungen - aber Erfahrungen machen uns. ... and dread noughts |
|||
|
13-02-2010, 11:01
Beitrag: #8
|
|||
|
|||
|
RE: Theobald und Marietta
Hallo Dreadnoughts!
Ein etwas verspätetes Dankeschön möchte ich an Dich richten für Deine abschließende Antwort. Auch ich bin kein sturer Anhänger von Definitionen. Sie geben mir nur Hilfe, wenn ich mich manchmal im Gattungsdschungel nicht zurechtfinde. Aber Du hast Recht. Beim Schreiben sollte man sich nicht zunächst nach Definitionen richten, sondern aus dem Bauchgefühl heraus schreiben und gestalten. Deine Wünsche für das neue Jahr möchte ich - wenn auch sehr verspätet - von Herzen erwidern. Hans Werner |
|||
|
|
Suche
Mitglieder
Kalender
Hilfe



