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Liebe und Französisch
13-12-2009, 18:22
Beitrag: #1
Liebe und Französisch
Hallo,
Hier wieder mal ein Stückchen Prosa von mir: Über konstruktive Kritik und Kommentare würde ich mich freuen.
Gruß, Sigurd
Icon_wink

„Ich gebe demjenigen, der es war, jetzt die letzte Gelegenheit sich zu melden und die Tat zu gestehen!“ Der Rektor sah die versammelte Klasse mit dem ganzen aufgebotenen Ernst seiner Autorität an, doch niemand meldete sich. „Wenn das so ist", sagte er, "werde ich alle bestrafen müssen.“ Doch auch danach meldete sich niemand.

Kurt war zu der Zeit Realschüler in der Neunten, und sie hatten eine Französisch-Lehrerin, die ihre tolle Figur mit hautengen Kostümen unterstrich, eine modisch hochgesteckte Frisur trug und französische Worte so sexy aussprach, dass einem ganz anders wurde. Sie hatte einen Lieblingsschüler, den sie Jean Thomas nannte. Er sah geradezu passend gut aus, war von stattlicher Figur, intelligent, hatte Schlag beim weiblichen Geschlecht und konnte zu allem Überfluss auch noch passabel malen. In Französisch strengte er sich auch an, immer besser zu werden – so dass die Lehrerin in manchen Stunden nur noch einen Schüler zu haben schien: Diesen dämlichen Jean Thomas, wie Kurt ihn des öfteren nannte. „Zu mir sagt sie so einen französischen Namen nie“, beschwerte er sich. Und als er einmal tatsächlich den Mut dazu aufbrachte, sie danach zu fragen, speiste sie ihn damit ab, dass es für seinen Namen im Französischen keine Entsprechung gäbe. „Hört sich das nicht an“, fragte er seinen Freund und Banknachbarn Wolfgang, „als sei da gar nichts zu machen; als bestehe in der Angelegenheit keinerlei Hoffnung?“

Mit der Zeit haßte Kurt es richtig, wenn sie mit Jean Thomas schäkerte: Jean Thomas hier, Jean Thomas da, manchmal die ganze Stunde lang. Im Geiste hatte Kurt diesen Kerl längst auf den Mond verbannt, bei Wasser und Brot. Als dieser Jean Thomas dann auch noch ein Bild für sie malte - und sie so begeistert davon war, dass er es ihr schenkte - nahm Kurts Frust noch gewaltigere Ausmaße an. Kein Wunder, denn das Bild wurde gut sichtbar in der Klasse aufgehängt und erinnerte einen auf fatale Weise daran, wem alleine die Zuneigung der Lehrerin gehörte.

Einmal, in einer Französisch-Stunde, ging es um die Augen. Zur Übung spielte die Lehrerin ein altbewährtes Spiel mit den Schülern: Die Jungs der Klasse nennen die Augenfarbe der Mädchen, ohne hinzugucken. Und dann umgekehrt, die Mädchen die Augenfarbe der Jungs. Bescheuert eigentlich. Aber Kurt meldete sich weil er wusste, dass die Augen seiner Klassenkameradin Edeltraud blau also bleu waren und er tatsächlich schon tief in diese Augen gesehen hatte. Zumindest stellte er es so vor der Lehrerin so dar; sie sollte beeindruckt sein. Doch sie wandte sich allzu schnell von ihm ab, lief weiter zu Jean Thomas und fragte: "Weißt du die Augenfarbe von einem Mädchen?“ Und Jean Thomas wußte natürlich die Augenfarbe von mehr als einem Mädchen. Und diese lächelten ihm alle bestätigend zu, so dass Kurt am liebsten unter der Bank versunken wäre.

Vermutlich hätte sich jeder andere an der Stelle mit den Gegebenheiten abgefunden, aber nicht Kurt. Im Gegenteil, er dachte ab dieser Stunde fieberhaft darüber nach, wie man diesen Jean Thomas ausschalten könnte. Es mußte eine Möglichkeit geben, diesen Kerl unschädlich zu machen, um sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Wobei er natürlich nicht daran dachte, ihm etwas anzutun. Es sollte eher darum gehen, ihn kleiner zu machen vor der Lehrerin und sich selbst dadurch größer. Aber wie? War das nicht ein ungleicher Kampf; David gegen Goliath. Und Kurt hatte bei weitem nicht die Schleuder, mit der so ein Riese zu besiegen gewesen wäre; aber auch nicht die Einsicht, solche Gedanken besser aus seinem Kopf zu verbannen. Wolfgang versuchte ihm zu erklären, dass er sich zum Don Quichotte mache und gegen Windmühlen kämpfe. Jean Thomas würde ihn windelweich prügeln, wenn es zum Äußersten käme. Und das würde sein Ansehen in den Augen der Lehrerin kaum verbessern.

Schließlich kam der Nachmittag, an dem die Klasse als erstes zwei Stunden Französisch hatte. Alle Schüler waren bereits im Schulhof versammelt und warteten auf die Lehrerin. Mit seinem Freund Wolfgang zusammen, tat das auch Kurt. Fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn tauchte der Sportwagen der Lehrerin auf. Alle Augen verfolgten, wie er auf den Hof gelenkt wurde - als würde das Papa-Mobil des Papstes vorfahren – und auf dem Lehrerparkplatz zum Stehen kam. Der Motor erstarb, die Tür schwang auf und dann stieg sie aus: Enges, halblanges Kostüm, hochgesteckte Frisur und ein Lächeln und Wiegen in den Hüften, dass selbst die Hummeln und Bienen für einen Moment zu summen aufhörten. Kurt wäre am liebsten auf sie zugerannt, hätte sie am liebsten in die Arme genommen und vor aller Augen geküßt. So schön, elegant und liebenswert wie in dem Moment, hatte er sie noch nie gesehen. Doch da war bereits Jean Thomas, schmeichelte sich bei ihr ein und schickte sich an, sie ins Schulgebäude zu begleiten.

Kurz bevor die beiden die Tür erreichten, flog ein halb gegessener Apfel... Ein ungutes Geschoß, das sein Ziel jedoch auf wundersame Weise fand und voll traf. Platsch! , machte es. Die Lehrerin schrie auf, die Tasche fiel ihr runter und dann stand sie nur noch da und drückte eine Hand auf das tränende, anschwellende Auge. Alles war rasend schnell gegangen. Noch bevor jemand den Schützen ausfindig machen konnte, waren zwei Schüler unauffällig in der Menge verschwunden und hatten sich im Schulgebäude versteckt. In einem Raum im Keller, der von niemandem benutzt wurde, und wo auch vermutlich keiner nach ihnen suchen würde. Hatte überhaupt jemand mitgekriegt, wer den Apfel geworfen hat? Vermutlich nein, sonst hätte man denjenigen wohl sofort festgehalten und zum Rektor geschleppt.

„Warum hast du das gemacht?“, fragte Wolfgang und sah zu Kurt rüber. Sie saßen in der Hocke, den Rücken unbequem an die Wand gepresst. Beide rangen sie noch nach Atem, weil sie den Weg runter in den Keller gerannt waren. Kurt gab keine Antwort und sah Wolfgang auch nicht an. Warum hatte er das getan? Wusste er selbst nicht. Ich habe den Apfel gegessen, dachte er - und weil er mir nicht mehr schmeckte, die Hälfte weg geschmissen.

„Warst du es?“, fragte der Rektor und riß Kurt aus seinen Gedanken.
„Nein!“, antwortete dieser, ohne rot zu werden. Man hatte den Schulleiter, kurz nach dem Vorfall, zuhause angerufen und einbestellt. Und er war auch sofort gekommen, hatte die Französisch-Lehrerin von jemand ins Krankenhaus fahren lassen und sich anschließend gleich die Klasse vorgenommen; der sich Kurt und Wolfgang noch vor seinem Erscheinen angeschlossen hatten. Er ging zum nächsten: „Warst du es?“ Jeder Einzelne in der Klasse wurde so befragt, nach dem die Anfrage an die Klasse als Ganzes gescheitert war. Doch auch das brachte nichts. Schließlich stand der Rektor wieder vorne vor der Tafel, hatte die Hände in die Hüften gestützt, starrte in die verstummten Gesichter und sagte: „Falls derjenige von euch, der es war, sich doch noch zu seiner Tat bekennen will, weiß er wo er mich findet.“ Abwartend sah er die Klasse ein letztes Mal an, aber keiner rührte sich. „Einer von euch muss es ja schließlich gewesen sein.“ Damit machte er Absatz kehrt und verließ das Klassenzimmer.

Die Lehrerin kam später wieder und hielt noch eine Stunde Unterricht. Sie stand vorne an der Tafel und drückte sich ein feuchtes Taschentuch aufs Auge. Zum Glück war es nicht ernsthaft verletzt. Wie wir später erfuhren, mußte der Arzt im Krankenhaus lediglich die Schwellung versorgen. Kurt tat die Frau auf einmal ziemlich leid. Mehrfach spielte er sogar mit dem Gedanken, ihr alles zu gestehen. Aber nein, das konnte er nicht. Sie hatte ihn nie groß beachtet. Wenn er sich jetzt dazu bekannte – viel zu spät - würde sie ihn ganz von ihrer Liste streichen. Und Jean Thomas hätte vermutlich einen Grund, dem Missetäter eine Tracht Prügel zu verpassen.

Die Woche darauf, war der Französisch-Unterricht wieder auf den Nachmittag verlegt. Als die Lehrerin diesmal mit ihrem Wagen auf den Hof fuhr, waren die Schüler bereits alle im Klassenzimmer; eine ausdrückliche Anordnung des Rektors. Die Lehrerin kam in die Klasse, grüßte ihre Schüler und sagte dann zu Kurt: „Kommst du mal mit nach draußen?“ Kurt war ganz verdattert, beeilte sich aber „ja“ zu sagen, stand auf und folgte ihr. Sie lief mit ihm ein Stück den Flur runter, um außer Hörweite zu gelangen. Dann blieb sie plötzlich stehen, drehte sich zu ihm um und sagte: „Du hast den Apfel geworfen, stimmt´ s?“ Kurt starrte sie wie vom Donner gerührt an. „Ich, wie kommen sie darauf?“ Die Lehrerin lächelte und sah dann wieder ganz ernst aus: „Es hat dich jemand gesehen, der es mir - wenn auch viel zu spät - gesagt hat.“ Kurt lief hochrot an und wandte den Blick ab. Die Lehrerin ließ eine Pause verstreichen und fragte: „Was ist jetzt, gibst du es wenigstens unter vier Augen zu?“ - „Wer soll mich denn gesehen haben?“ Die Lehrerin winkte ab, das spiele keine Rolle. Es sei aber keiner von den Klassenkameraden gewesen. Doch Kurt ließ sich nicht dazu hinreißen, irgendetwas zu gestehen.

Schließlich sagte die Lehrerin: „Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass ich eine erwachsene Frau bin und du ein Junge?“ Sie weiß es also, dachte Kurt, oder ahnt es zumindest. „Und was ist mit Jean Thomas?“, fragte er, jetzt wo es so gut wie raus war. „Der darf doch auch in sie verliebt sein.“ Die Lehrerin ließ wieder eine Pause verstreichen, in der sie Kurt eindringlich ansah. Schließlich fragte sie: „Weißt du eigentlich, dass ich mich vor kurzem verlobt habe und bald zu heiraten gedenke?“ Das wusste Kurt nicht. Er wußte auf einmal gar nichts mehr. „Und warum sind Sie denn nicht zum Rektor gelaufen und haben mich angeschwärzt?“ Nach diesen Worten drehte er sich um, rannte den Flur entlang, und rettete sich fluchtartig nach draußen...

Auf dem Weg nach Hause verbrannte in seinem Innern etwas. Er war nur ein dummer Junge, der sich in die Lehrerin verknallt hatte. Aber sie ist eine erwachsene Frau, die bald einen richtigen Mann heiraten wird. Sie hatte mit ihm gesprochen, um ihn nüchtern zu machen – also wusste sie, was in ihm vorging. Und das mit Jean Thomas war wohl auch nur so ne Art Spielerei. Und was würde Morgen sein, wenn er wieder zum Unterricht kam? Würde dann der Rektor in der Klasse stehen, um ihn auf einen Plausch unter vier Augen in sein Zimmer zu bitten?

Am nächsten Morgen lief alles weiter, wie sonst auch. Keine erzieherische Ansprache eines Lehrers, kein Rektor, nichts dergleichen. An dem Nachmittag, an dem sie wieder Französisch hatten, wurde die Sache sogar noch mysteriöser; als am Ende des Unterrichts die Lehrerin Kurt beiseite nahm und ihn fragte: „Hast du Lust, mit mir ein Eis zu essen?“ Kurt sah sie erstaunt an. Er hatte sich die ganze Zeit eifrig bemüht, nicht mehr in sie verliebt zu sein und jetzt fragte sie ihn so was? „Ja, klar!“, antwortete er, verstand aber eigentlich die Welt nicht mehr. Vor den Augen der Klassenkameraden lief er mit zu ihrem schicken Auto, durfte sich reinsetzen und mit ihr zusammen zur Eisdiele fahren. Allein dieses Gefühl, dass die anderen es mitbekommen hatten…
Schließlich saßen sie beim Eis und plauderten über unverfängliche Themen. Und die ganze Zeit, während Kurt die Anwesenheit dieser tollen Frau genoss, fragte er sich, warum sie ihn und nicht Jean Thomas eingeladen hatte.

Die Woche darauf, mittags vor dem Französisch-Unterricht, kam der Rektor mit jemandem, den er der Klasse vorstellte: „Das ist euer neuer Französisch-Lehrer, Herr Keller." Wir begrüßten ihn mit einem lautstarken: "Guten Tag!" Der Rektor nickte zufrieden, sah nochmal in die Runde und überließ das Feld dann dem Neuen. Jetzt verstand Kurt: Frau Berg hatte sich auf ihre Weise verabschiedet. Er sah zu Jean Thomas rüber, der mit übergroßen Augen ungläubig auf den neuen Lehrer starrte. Jetzt hast du allen Grund zu trauern, Platzhirsch. Der Neue wird sich nicht von dir einwickeln lassen, der ist keine Frau. Als Jean Thomas sich zu ihm umdrehte, grinste Kurt ihn unverhohlen an. Für einen Moment genoß er das Gefühl, seinen Widersacher nun doch noch besiegt zu haben; wenn er auch wußte, dass es eher die Umstände waren.

Literatur hat mich gelehrt, wie wenig ich weiß - und wie viel ich zu wissen glaubte. Icon_confused
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17-12-2009, 19:49
Beitrag: #2
RE: Liebe und Französisch
Hallo Sigurd,

der Text nimmt den Leser gefangen, er ist spannend geschrieben und man liest ohne Mühe das Ganze in einem Zuge durch. Es geht um eine Liebelei, auch um Eifersucht, letzten Endes aber um Pubertät. Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrerinnen ist in gewisser Weise immer spannungsgeladen, vor allem auch wegen des Altersunterschieds, dann aber in erster Linie, weil solche Beziehungen natürlich untersagt sind. Aber gerade das Verbotene übt zuweilen einen besonderen Reiz aus. Die Geschichte ist nur aus einer Perspektive geschrieben, aus der des Protagonisten Kurt. Ein bisschen würde einen interessieren, wie es im Herzen des Rivalen, dieses ominösen Jean Thomas, aussieht. Irgendwie verschwindet er auch am Ende ganz von der Bildfläche. Und die Lehrerin scheint insgeheim den Kurt auch ganz nett zu finden und ihm seinen Apfelwurf zu verzeihen. Übrigens ein schönes Symbol: der Apfel, altes biblisches Symbol, als Wurfobjekt, gezielt auf eine Frau gerichtet.

Über eine Formulierung bin ich gestolpert. Du schreibst:
Zitat:hatte Schlag beim weiblichen Geschlecht
l. Sagt man wirklich so? Mir ist die Wendung nicht bekannt.

Gern gelesen.
Viele Grüße
Hans Werner
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17-12-2009, 20:43 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 17-12-2009 20:48 von Sigurd.)
Beitrag: #3
RE: Liebe und Französisch
Hallo Hans Werner!

Danke erst mal für deine Kritik. Der Umstand, dass es dir gefallen hat, ist natürlich erfreulich. Wir sind ja auch nicht so viele hier drin, die keine Fantasytexte schreiben. Schlag bei den Frauen haben; ich weiß auch nicht, ob das allgemein so bekannt ist. Bei uns, da wo ich her komme, sagt man es jedenfalls. Die Sache mit dem "Apfel auf Frau" war gar nicht so symbolisch geplant; interessant, dass du das erwähnst. Bleibt noch die Sicht von Jean Thomas in der Geschichte: Ich glaube, die habe ich bewußt vermieden, weil ich solche Typen nicht besonders leiden kann. Icon_wink

HGruß an dich, Sigurd

Literatur hat mich gelehrt, wie wenig ich weiß - und wie viel ich zu wissen glaubte. Icon_confused
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