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Liebe und Französisch
13-12-2009, 18:22 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 20-05-2010 23:53 von Sigurd.)
Beitrag: #1
Liebe und Französisch
Hallo,
Hier wieder mal ein Stückchen Prosa von mir: Über konstruktive Kritik und Kommentare würde ich mich freuen.
Gruß, Sigurd
Icon_wink

„Ich gebe demjenigen, der es war, jetzt die letzte Gelegenheit sich zu melden und die Tat zu gestehen!“ Der Rektor sah die versammelte Klasse mit dem ganzen aufgebotenen Ernst seiner Autorität an, doch niemand meldete sich. „Wenn das so ist", fügte er hinzu, "werde ich alle bestrafen müssen.“ Sein Gesichtsausdruck war noch ein Stück ernster und eindringlicher geworden; aber auch danach meldete sich niemand.

Kurt war zu der Zeit Realschüler in der Neunten, und sie hatten eine Französisch-Lehrerin, die ihre tolle Figur mit hautengen Kostümen unterstrich, eine modisch hochgesteckte Frisur trug und französische Worte so sexy aussprach, dass einem ganz anders werden konnte. Sie hatte einen Lieblingsschüler, den sie Jean Thomas nannte. Er sah geradezu passend gut aus, war von stattlicher Figur, intelligent, hatte Schlag beim weiblichen Geschlecht und konnte zu allem Überfluss auch noch richtig gut malen. In Französisch strengte er sich auch an, immer besser zu werden. Dabei nahm er die Lehrerin so in Beschlag, dass man in manchen Stunden das Gefühl hatte, sie unterrichte nur einen einzigen Schüler - diesen dämlichen Jean Thomas, wie Kurt ihn nannte. „Zu mir sagt sie so einen französischen Namen nie“, beschwerte er sich bei seinem Banknachbarn Wolfgang. Als er einmal den Mut dazu aufbrachte, sie danach zu fragen, speiste sie ihn damit ab, dass es für seinen Namen im Französischen keine Entsprechung gäbe. „Hört sich das nicht an“, fragte er Wolfgang, „als sei da gar nichts zu machen; als bestehe in der Angelegenheit keinerlei Hoffnung?“

Mit der Zeit hasste Kurt es richtig, wenn sie mit Jean Thomas schäkerte: Jean Thomas hier, Jean Thomas da, manchmal die ganze Stunde lang. Im Geiste hatte Kurt diesen Kerl längst auf den Mond verbannt; und zwar bei Wasser und Brot. Als dieser Jean Thomas dann auch noch ein Bild für sie malte - und sie so begeistert davon war, dass er es ihr schenkte - nahm Kurts Frust geradezu gewaltige Ausmaße an. Kein Wunder, denn das Bild wurde gut sichtbar in der Klasse aufgehängt und erinnerte einen auf fatale Weise daran, wem alleine die Zuneigung der Lehrerin gehörte.
Einmal, in einer Französisch-Stunde, ging es um die Augen. Zur Übung spielte die Lehrerin ein altbewährtes Spiel mit den Schülern: Die Jungs der Klasse nennen die Augenfarbe der Mädchen, ohne hinzugucken. Und dann umgekehrt, die Mädchen die Augenfarbe der Jungs. Bescheuert! Aber Kurt meldete sich weil er wusste, dass die Augen seiner Klassenkameradin Edeltraud blau also bleu waren und er tatsächlich schon tief in diese Augen gesehen hatte. Zumindest stellte er es so vor der Lehrerin so dar; sie sollte beeindruckt sein. Doch sie nickte nur, eher desinterresiert, kanzelte ihn allzu schnell ab und wandte sich Jean Thomas zu: "Weißt du die Augenfarbe von einem Mädchen?“ Und Jean Thomas wusste natürlich die Augenfarbe von mehr als einem Mädchen. Und alle lächelten sie ihm alle bestätigend zu, so dass Kurt am liebsten unter der Bank versunken wäre.

Vermutlich hätte sich jeder andere an der Stelle mit den Gegebenheiten abgefunden, aber nicht Kurt. Im Gegenteil, dachte er ab dieser Stunde fieberhaft darüber nach, wie man diesen Jean Thomas ausschalten könnte. Es musste eine Möglichkeit geben, diesen Kerl unschädlich zu machen, um sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Wobei er natürlich nicht daran dachte, ihm etwas anzutun. Es sollte eher darum gehen, ihn kleiner zu machen vor der Lehrerin und sich selbst dadurch größer. Aber wie? War das nicht ein ungleicher Kampf; David gegen Goliath. Und Kurt hatte bei weitem nicht die Schleuder, mit der so ein Riese zu besiegen gewesen wäre - aber auch nicht die Einsicht, solche Gedanken besser aus seinem Kopf zu verbannen. Wolfgang versuchte ihm zu erklären, dass er sich zum Don Quichotte mache und gegen Windmühlen kämpfe. Jean Thomas würde ihn windelweich prügeln, wenn es zum Äußersten käme. Und das würde sein Ansehen in den Augen der Lehrerin bestimmt nicht verbessern.

Schließlich kam der Nachmittag, an dem die Klasse als erstes zwei Stunden Französisch hatte. Alle Schüler waren bereits im Schulhof versammelt und warteten auf die Lehrerin. Mit seinem Banknachbarn Wolfgang zusammen wartete auch Kurt. Fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn tauchte der Sportwagen der Lehrerin auf. Alle Augen verfolgten, wie er auf den Hof gelenkt wurde - es war, als würde das Papa-Mobil des Papstes vorfahren. Auf dem Lehrerparkplatz kam der Wagen zum Stehen, der Motor erstarb, die Tür schwang auf und dann stieg sie aus: Enges, halblanges Kostüm, hochgesteckte Frisur und ein Lächeln und Wiegen in den Hüften, dass selbst die Hummeln und Bienen für einen Moment zu summen aufhörten. Kurt wäre am liebsten auf sie zugerannt, hätte sie am liebsten in die Arme genommen und vor aller Augen geküsst. So schön, elegant und liebenswert wie in dem Moment, hatte er sie noch nie gesehen - obwohl sie ja eigentlich immer gut aussah. Bevor Kurt wusste, wie ihm geschah, war Jean Thomas bereits bei ihr, schmeichelte sich erfolgreich und begleitete sie ins Schulgebäude; zumindest hatte er das vor.

Kurz bevor die beiden die Tür erreichten, flog ein halb gegessener Apfel ... Ein ungutes Geschoss, das sein Ziel jedoch auf wundersame Weise fand und voll traf: Platsch! , machte es. Die Lehrerin schrie auf, die Tasche fiel ihr runter und dann stand sie nur noch da und drückte eine Hand auf das tränende, anschwellende Auge. Alles war rasend schnell gegangen. Noch bevor jemand den Schützen ausfindig machen konnte, waren zwei Schüler unauffällig in der Menge verschwunden und hatten sich im Schulgebäude versteckt. In einem Raum im Keller, der von niemandem benutzt wurde - und wo auch vermutlich keiner nach ihnen suchen würde. Hatte überhaupt jemand mitgekriegt, wer den Apfel geworfen hat? Vermutlich nein, sonst hätte man denjenigen sofort festgehalten und zum Rektor geschleppt.
„Warum hast du das gemacht?“, fragte Wolfgang und sah zu Kurt rüber. Sie saßen in der Hocke in dem Kellerraum, den Rücken unbequem an die Wand gepresst. Beide rangen sie noch nach Atem, weil sie den Weg da runter gerannt waren. Kurt gab keine Antwort und sah Wolfgang auch nicht an. Warum hatte er das getan? Wusste er selbst nicht. Ich habe den Apfel gegessen, dachte er - und weil er mir nicht mehr schmeckte, die Hälfte weg geschmissen. Und zufällig wurde die Lehrerin ...

„Warst du es?“, fragte der Rektor und riss Kurt aus seinen Gedanken. Der Mann stand Nasenspitze an Nasenspitze vor ihm und maß ihn mit einem strengen, inquisitorischen Blick. „Nein!“, antwortete Kurt, ohne rot zu werden. Man hatte den Schulleiter, kurz nach dem Vorfall, zuhause angerufen und einbestellt. Und er war auch sofort gekommen, hatte die Lehrerin von jemandem ins Krankenhaus fahren lassen und sich anschließend die Klasse vorgenommen - der sich Kurt und Wolfgang noch vor seinem Erscheinen unauffällig angeschlossen hatten.
Der Rektor ging zum Nächsten und fragte: „Warst du es?“ Jeden Einzelnen in der Klasse fragte er so, doch es brachte nichts. Schließlich stand der Schulleiter wieder vorne vor der Tafel, hatte die Hände in die Hüften gestützt, starrte in die stummen Gesichter und sagte: „Falls derjenige von euch, der es war, sich doch noch zu seiner Tat bekennen will, weiß er wo er mich findet.“ Abwartend sah er die Klasse noch einen Moment an, aber keiner rührte sich. Beim Rausgehen murmelte er mehr zu sich selbst: „Einer von euch muss es ja schließlich gewesen sein.“

Die Lehrerin kam später wieder und hielt noch eine Stunde Unterricht. Sie stand vorne an der Tafel und drückte sich ein feuchtes Taschentuch aufs Auge. Zum Glück war es nicht ernsthaft verletzt. Wie wir später erfuhren, musste der Arzt im Krankenhaus lediglich die Schwellung versorgen und sie konnte wieder gehen. Kurt tat die Frau auf einmal ziemlich leid. Mehrfach spielte er sogar mit dem Gedanken, ihr alles zu gestehen. Aber nein, das konnte er nicht. Sie hatte ihn nie groß beachtet. Wenn er sich jetzt dazu bekannte – viel zu spät - würde sie ihn ganz von ihrer Liste streichen. Und Jean Thomas hätte vermutlich einen Grund, dem Missetäter eine Tracht Prügel zu verpassen.

Die Woche darauf, war der Französisch-Unterricht wieder auf den Nachmittag verlegt. Als die Lehrerin diesmal mit ihrem Wagen auf den Hof fuhr, waren die Schüler bereits im Klassenzimmer; eine ausdrückliche Anordnung des Rektors. Die Lehrerin kam in die Klasse, grüßte die Schüler und sagte zu Kurt: „Kommst du mal mit nach draußen?“ Kurt war ganz verdattert, beeilte sich aber „ja“ zu sagen, stand auf und folgte ihr. Sie lief ein Stück den Flur runter, um außer Hörweite zu gelangen. Dann blieb sie plötzlich stehen, drehte sich zu ihm um und sagte: „Du hast den Apfel geworfen, stimmt´ s?“ Kurt starrte sie wie vom Donner gerührt an. „Ich, wie kommen sie darauf?“ Die Lehrerin sah ihn ganz ernst aus: „Es hat dich jemand gesehen, der es mir - wenn auch viel zu spät - gesagt hat.“ Kurt lief hochrot an und wandte den Blick ab. Die Lehrerin ließ eine Pause verstreichen, um ihm Zeit zu geben. Dann fragte sie: „Was ist jetzt, gibst du es zu?“ - „Wer soll mich denn gesehen haben?“ Die Lehrerin seufzte und sagte, das spiele keine Rolle.
Als Kurt auch jetzt nicht mit der Wahrheit rausrücken wollte, meinte sie: „Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass ich eine erwachsene Frau bin und du ein Junge?“ Sie weiß es also, fieberte es in Kurt´s Verstand. „Und was ist mit Jean Thomas?“, konterte er, jetzt wo es so gut wie raus war. „Der darf doch auch in sie verliebt sein.“ Die Lehrerin ließ wieder eine Pause verstreichen, in der sie Kurt eindringlich ansah. Schließlich fragte sie: „Weißt du eigentlich, dass ich mich vor kurzem verlobt habe und bald zu heiraten gedenke?“ Das wusste Kurt nicht. Er wusste auf einmal gar nichts mehr. „Und warum sind Sie dann nicht zum Rektor und haben mich angeschwärzt?“ Nach diesen Worten drehte er sich um, rannte den Flur entlang und rettete sich fluchtartig nach draußen ...
Auf dem Weg nach Hause verbrannte in seinem Innern etwas. Er war nur ein dummer Junge, der sich in die Lehrerin verknallt hatte, das wollte sie ihm doch klar machen. Sie, eine erwachsene Frau, die bald einen richtigen Mann heiraten wird. Und das mit Jean Thomas ist wohl auch nur so eine Art Spielerei?

Am nächsten Morgen lief alles weiter, wie sonst. Keine erzieherische Ansprache eines Lehrers, kein Rektor, nichts dergleichen. Man ließ Kurt in Ruhe, als sei gar nichts geschehen. An dem Nachmittag, an dem sie wieder Französisch hatten, wurde die Sache noch mysteriöser; als die Lehrerin Kurt am Ende des Unterrichts beiseite nahm und ihn fragte: „Hast du Lust, ein Eis mit mir zu essen?“ Kurt sah sie erstaunt an. Er hatte sich die ganze Zeit eifrig bemüht, nicht mehr in sie verliebt zu sein und jetzt fragte sie ihn so was? „Ja, klar!“, antwortete er dennoch, verstand aber eigentlich die Welt nicht mehr.
Vor den Augen der Klassenkameraden durfte er mit zu ihrem schicken Auto, durfte sich reinsetzen und zusammen mit ihr in die Eisdiele fahren. Allein das Gefühl - nicht einmal Jean Thomas hatte dieses Privileg je genossen. Beim Eis plauderten sie über unverfängliche Themen. Und die ganze Zeit, während Kurt die Anwesenheit dieser tollen Frau genoss, fragte er sich, warum er und nicht Jean Thomas?

Die Woche darauf, mittags vor dem Französisch-Unterricht, kam der Rektor mit einem Mann an, den er der Klasse vorstellte: „Das ist euer neuer Französisch-Lehrer, Herr Keller." Wir begrüßten ihn mit einem lautstarken: "Guten Tag!" Der Rektor nickte zufrieden, sah nochmal in die Runde und überließ das Feld dem Neuen. "Guten Tag auch", sagte der Herr Keller und ließ ein verbindliches Lächeln sehen ... Jetzt verstand Kurt: Frau Berg hatte sich auf ihre Weise von ihm verabschiedet. Sie wusste, dass sie bald gehen würde und wollte wenigstens das Ende erfreulich gestalten. Kurt rechnete es ihr hoch an, dass sie ihm diesen sehnlichsten Wunsch doch noch erfüllt hatte.
Er sah zu Jean Thomas rüber, der mit übergroßen Augen ungläubig auf den neuen Lehrer starrte. Jetzt hast du allen Grund zu trauern, Platzhirsch. Der Neue wird sich nicht von dir einwickeln lassen, der ist keine Frau. Als Jean Thomas sich zu ihm umdrehte, grinste Kurt ihn unverhohlen an. Für einen Moment genoß er das Gefühl, seinen Widersacher doch noch besiegt zu haben; wenn er auch wusste, dass es eher die Umstände waren.

Literatur hat mich gelehrt, wie wenig ich weiß - und wie viel ich zu wissen glaubte. Icon_confused
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17-12-2009, 19:49
Beitrag: #2
RE: Liebe und Französisch
Hallo Sigurd,

der Text nimmt den Leser gefangen, er ist spannend geschrieben und man liest ohne Mühe das Ganze in einem Zuge durch. Es geht um eine Liebelei, auch um Eifersucht, letzten Endes aber um Pubertät. Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrerinnen ist in gewisser Weise immer spannungsgeladen, vor allem auch wegen des Altersunterschieds, dann aber in erster Linie, weil solche Beziehungen natürlich untersagt sind. Aber gerade das Verbotene übt zuweilen einen besonderen Reiz aus. Die Geschichte ist nur aus einer Perspektive geschrieben, aus der des Protagonisten Kurt. Ein bisschen würde einen interessieren, wie es im Herzen des Rivalen, dieses ominösen Jean Thomas, aussieht. Irgendwie verschwindet er auch am Ende ganz von der Bildfläche. Und die Lehrerin scheint insgeheim den Kurt auch ganz nett zu finden und ihm seinen Apfelwurf zu verzeihen. Übrigens ein schönes Symbol: der Apfel, altes biblisches Symbol, als Wurfobjekt, gezielt auf eine Frau gerichtet.

Über eine Formulierung bin ich gestolpert. Du schreibst:
Zitat:hatte Schlag beim weiblichen Geschlecht
l. Sagt man wirklich so? Mir ist die Wendung nicht bekannt.

Gern gelesen.
Viele Grüße
Hans Werner
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17-12-2009, 20:43 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 17-12-2009 20:48 von Sigurd.)
Beitrag: #3
RE: Liebe und Französisch
Hallo Hans Werner!

Danke erst mal für deine Kritik. Der Umstand, dass es dir gefallen hat, ist natürlich erfreulich. Wir sind ja auch nicht so viele hier drin, die keine Fantasytexte schreiben. Schlag bei den Frauen haben; ich weiß auch nicht, ob das allgemein so bekannt ist. Bei uns, da wo ich her komme, sagt man es jedenfalls. Die Sache mit dem "Apfel auf Frau" war gar nicht so symbolisch geplant; interessant, dass du das erwähnst. Bleibt noch die Sicht von Jean Thomas in der Geschichte: Ich glaube, die habe ich bewußt vermieden, weil ich solche Typen nicht besonders leiden kann. Icon_wink

HGruß an dich, Sigurd

Literatur hat mich gelehrt, wie wenig ich weiß - und wie viel ich zu wissen glaubte. Icon_confused
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