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Blind geworden
08-12-2009, 16:38 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 20-12-2009 16:50 von Cherry.)
Beitrag: #1
Blind geworden
Das passiert, wenn man sich alte Fotos ansieht und sich denkt, man müsse sich um Mitternacht noch ein bisschen kreativ beschäftigen und nachdenkliches in die Welt setzen Icon_wink

Neu bearbeitet und verbessert!


Blind geworden


Fotografien auf vergilbten Tapeten, Bilder von einer glücklicheren Zeit, Zeugnisse der Vergangenheit. Ein Moment, festgehalten auf Papier. Er scheint endlos, so lebendig als würde man die Erinnerung noch einmal erleben und sie immer und immer wieder durchleben können, fast so als wäre man gefangen in einer unendlichen Zeitschleife.
Doch warum hängen wir so sehr an der Vergangenheit? Wir leben in einer Welt, in der man so schnell von einem Moment in den nächsten springt, das man vergisst kurz innezuhalten und sich eine Erinnerung zu machen. Vielleicht brauchen wir gerade deshalb etwas, an das wir uns in schlechten Zeiten klammern können wenn nicht mehr alles so gut läuft. Ein Bild aus glücklicheren Tagen, aus der Kindheit oder der Jugend, eben genau das, was man für sich selbst als seine glücklichste Zeit empfindet.
Jene Zeit für mich ist meine Kindheit, ein Abschnitt des Lebens, den ein ganz besonderer Zauber umgibt. Man braucht sich nur um sich selbst und die kleinen Wunder des Lebens zu kümmern, alles andere wird zur Nebensächlichkeit. Wir sind blind geworden für die kleinen Wunder, die wir vergessen, sobald wir unseren nächsten Lebensabschnitt in Angriff nehmen, sobald wir uns zu den Erwachsenen zählen wollen oder auch müssen. Auch wenn man weiß, das man nicht ewig ein Kind bleiben kann, wissen doch die wenigsten, wie schön diese Zeit war.
Nehmen wir ein kleines Kind, das bei Sonnenschein über eine Blumenwiese läuft. Es ist in diesem Moment glücklich, aber aus ganz anderen Gründen, als ein Erwachsener. Dieses Kind wird sich freuen, weil die Sonne auf seiner Haut kitzelt und es zum lachen bringt, weil die Samen des Löwenzahnes durch die Luft wirbeln und wie kleine Feen umher tanzen wenn sie von einem Windstoß erfasst werden, weil die Blumen in solch herrlichen Farben leuchten. Etwas, an das kein einziger Gedanke mehr verschwendet wird, sobald man älter ist, denn dieser kleine Mensch hat eine ganz andere Auffassung des Raum-Zeit-Gefüges in dem wir leben und das uns hektisch werden lässt. Wir sehen sie nicht mehr, die kleinen Wunder, die das Leben erst lebenswert machen. Denken ab einem bestimmten Alter immer nur an die Vergangenheit, fast schon mehr, als wir in die Zukunft sehen. Unsere Gesellschaft lebt einem ein Leben vor, in dem man nicht einfach verweilen kann, die Bewegung muss ständig vorhanden sein. Dadurch verlieren wir die Zeit, die wir brauchen, um zur inneren Ruhe zu kommen. Für ein Kind gibt es nur das Hier und Jetzt, diesen einen Moment, in dem es lebt, atmet, die Welt spürt, sieht und schmeckt. Es nimmt jeden einzelnen Augenblick so intensiv wahr, das es an Wunder zu glauben beginnt und hinter jedem Baum eine Elfe vermutet. Diese kindliche Fantasie, die sich bei dem kleinsten Windhauch, der trockenes Laub fährt, regt und einem immer wieder so fantastische Geschichten schenkt, sie geht kommt uns abhanden.
Wir erleben alles nur noch in logischer Denkweise und trauern den vergangenen Tagen nach, ganz egal, ob wir in ihnen glücklich oder traurig, ob sie für uns gut oder schlecht waren. Haben wir Fehler gemacht, so bereuen wir sie und wünschen uns, sie nicht begangen zu haben. Dabei sind es doch genau diese, die uns als Menschen ausmachen, die uns prägen und unseren Charakter formen, ja vielleicht sogar liebenswerter machen und uns unbezahlbare Erfahrungen schenken. Ein Kind wird nie bereuen, das es über eine Wurzel gefallen ist, denn schließlich hat es so gelernt, besser aufzupassen. Wir vergessen, uns auf unsere Instinkte zu verlassen, planen alles im Voraus und lassen uns unser Leben diktieren. Wir leben unsere Zeit mit Verpflichtungen, Terminen und dem ewigen Stress, den wir uns letztendlich doch alle selbst machen. Manche leben mehr in der Vergangenheit oder der Zukunft, als im Hier und Jetzt und genießen nicht den Augenblick, den man schließlich nur einmal erlebt.
Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel an den Kindern nehmen, sie sind schließlich die glücklichsten Wesen, die man sich vorstellen kann. Ich denke, diese Blindheit für die Dinge des Lebens hat unsere Sichtweise auf vieles geändert. Wir können nicht planen, was noch kommt und wir können eben sowenig unsere Vergangenheit ändern. Dies sind jene Momente, die wir nur bedingt lenken können und wir sind viel zu sehr damit beschäftigt, darüber nachzudenken.
Wären wir wieder Kinder, so wären wir frei und ungebunden, könnten das tun, was wir wollen und müssten uns nicht um Nebensächlichkeiten kümmern. Dieses Gefühl der Freiheit ist uns verloren gegangen und man sollte alles Menschenmögliche tun, um es so lange wie möglich zu erhalten.
Man muss auch die eigene Vergangenheit abschließen können, um in die Zukunft zu blicken. Die Kinder dieser Generation werden viel zu schnell erwachsen und werden erst später merken, wie sehr ihnen ihre Kindheit fehlt. Man muss nicht mit allen Mitteln jemand sein, der man gar nicht ist und wie lange ist es denn schon wirklich erlaubt, sich kindisch zu benehmen? Diese Zeit sollte man genießen und nicht unnötig verschwenden, in dem man auf Biegen und Brechen erwachsen, reif und verantwortungsbeladen werden will. Genau das ist es nämlich, was die ach so moderne Erziehung von den heutigen Kindern verlangt. Aber wo kommen wir den hin, wenn nicht einmal mehr die Kinder Kinder sein dürfen?!
Wenn man zu früh erwachsen werden muss, eine Erfahrung, die ich selbst machte, wird einem immer etwas fehlen und früher oder später muss man seine verlorene Kindheit nachholen. Nie wird man sich jedoch wieder so benehmen dürfen, wie ein kleines Kind, denn dann ist man möglicherweise schon in dem Alter, in dem es sich nicht mehr schickt, sich nicht reif und erwachsen zu benehmen.
Unsere Gesellschaft ist blind geworden für das Wunder, das es heißt, ein Kind sein zu dürfen.

Irgendwo flüsterte Bill Tür´s Stimme:
"Aus der Sicht des betreffenden Individiums gesehen sind lange Leben gar nicht so schlecht."
Terry Pratchett
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08-12-2009, 19:16
Beitrag: #2
RE: Blind geworden
Hallihallo!
Der Titel hat mich gefangen, schön!

Zitat:Fotografien auf vergilbten Tapeten, Bilder von einer glücklicheren Zeit, Aufnahmen der Vergangenheit. Ein Moment, festgehalten auf Papier.

Gefällt mir, ich mag Ellipsen Icon_wink Die "Aufnahmen" finde ich etwas schwach, da kommt die Steigerung der vorangegangenen Sätze nicht mit. Wie wär es mit "Schlaglichter"?

Zitat:Er scheint endlos, immer wieder ist diese Erinnerung geistig abrufbar und wir erleben jede einzelne noch einmal, fast so als würde sie gerade eben passieren.
Ich würde einen Punkt nach "endlos" setzen. Das "abrufbar" schmeckt mir auch nicht so gut. Was hältst du von "Die Erinnerung wird geistig greifbar, immer wieder, und ..."?

Zitat:Ein Bild aus glücklicheren Tagen, aus der Kindheit oder der Jugend, je nach dem was man für sich selbst als seine glücklichste Zeit empfindet.
Das "je nachdem" (in eins geschrieben, oder?) wirkt unmotiviert, finde ich. Vielleicht weglassen/offenlassen: "aus der Kindheit etwa, der Jugend."

Zitat:Meine glücklichste Zeit war die Kindheit, ein ganz besonderer Zauber umgibt diesen Abschnitt meines Lebens, denn es ist jene Zeit, in der man sich nur um sich selbst und die kleinen Wunder des Lebens zu kümmern braucht.
Nimm's mir nicht übel: Der Satzbau hat etwas von "Besinnungsaufsätzen", "Mein schönstes Ferienerlebnis" o.ä. - das kannst du besser, hast du schon gezeigt. Zu lang, die "denn"-Verknüpfung hakt in meinen Ohren. Punkt nach "Abschnitt meines Lebens", weiter mit "Jene Zeit, in der ..."?

Zitat:Ja, die kleinen Wunder für die wir blind geworden sind, sobald wir reifer werden und uns zu den Erwachsenen zählen wollen oder auch müssen. Man kann nicht ewig ein Kind bleiben, doch die wenigsten wissen noch zu schätzen, wie schön diese Zeit war.
Ich weiß nicht. Das Blindwerden ist dein Thema, der Satz hat mehr Kraft verdient - vielleicht ziehst du das "Blind geworden" an den Anfang? Vielleicht wieder ein paar Ellipsen Icon_wink?

Zitat:Höchstwahrscheinlich ist es in diesem Moment glücklich, aber aus ganz anderen Gründen, als ein Erwachsener.
Ich finde, hier darfst du auch mal etwas behaupten: "Es ist glücklich, aber ..."
Zitat:Dieses Kind wird sich freuen, weil die Sonne auf seiner Haut kitzelt und es zum lachen bringt, weil die Samen des Löwenzahnes durch die Luft wirbeln und wie kleine Feen umher tanzen wenn sie von einem Windstoß erfasst werden, weil die Blumen in solch herrlichen Farben leuchten.
Schöne Bilder, gefällt mir!

Zitat:Etwas, an das man später keinen einzigen Gedanken mehr verschwendet, denn dieser kleine Mensch hat eine ganz andere Auffassung des Raum/Zeitgefüges in dem wir leben und das uns hektisch werden lässt.
Das "man" stört mich ein wenig, aber "ein Erwachsener" taucht überall auf - mhm.
"Dieser kleine Mensch" ist hübsch, aber ich würde ihm eine "andere Auffassung des Raum-Zeit-Gefüges" spendieren und ein Komma dahinter setzen.

Zitat:Für ein Kind allerdings gibt es nur das Hier und Jetzt, diesen einen Moment in dem es lebt, atmet, die Welt spürt, sieht und schmeckt.
Das ist schön! Auf das "allerdings" kannst du wohl verzichten und ein Komma hinter den Moment setzen, aber sonst gefällt mir das so.

Zitat:Wir erleben alles nur noch rational und trauern den vergangenen Tagen nach, egal ob sie nun gut oder schlecht waren.
Ich stolpere über "rational". Sonst ok, auch wenn der zweite Halbsatz wieder etwas unmotiviert wirkt, ins Detail zu gehen.

Zitat:dem ewigen Stress, denn wir uns letztendlich doch alle selbst machen.
Das "denn" kann auf ein N verzichten.

Zitat:sie sind doch schließlich die glücklichsten und vor allem zufriedensten Wesen die man sich vorstellen kann.
Ich sehe wenig Unterschied zwischen glücklich und zufrieden, da irritiert mich dein "vor allem". Wie wär es, eines auszulassen? Oder: "sie sind doch die glücklichsten, die zufriedensten ..."?

Zitat:Ich denke diese Blindheit für die Dinge des Lebens hat unsere Sichtweise auf vieles geändert.
"Ich denke" verdient ein Komma.

Zitat:Wir können nicht planen was noch kommt

ebenfalls.

Zitat:Dies sind Dinge, die wir nur bedingt lenken können und wir sind viel zu sehr damit beschäftigt, darüber nachzudenken.
"Dinge" finde ich wieder etwas schwach. Wie wär es mit "Gegebenheiten"?

Zitat:Wären wir wieder Kinder, so wären wir frei und ungebunden, könnten das tun, was wir wollen und müssten uns nicht um andere Dinge kümmern.
Dito. "Angelegenheiten"?

Zitat:diese Erfahrung habe ich selbst gemacht
Oh Icon_slash Klar, der Einschub ist wichtig, für die Intention des Textes. Aber in der Form hat er etwas Anklagendes, finde ich. Als machtest du den Leser dafür verantwortlich. Vielleicht kannst du das subtiler einfließen lassen?

Zitat:wird einem immer etwas fehlen und früher oder später muss man seine verlorene Kindheit nachholen, wird sich aber nie mehr so benehmen dürfen, wie ein kleines Kind, denn dann ist man möglicherweise schon in dem Alter, in dem es sich nicht mehr schickt, sich nicht reif und erwachsen zu benehmen.
Der Satz ist mir zu lang.

Zitat:Unsere Gesellschaft ist blind geworden für das Wunder, das es heißt, ein Kind sein zu dürfen…
Auf die drei Punkte am Ende könnte ich verzichten, aber das ist Geschmackssache (wenn du sie stehen lässt, dann bestehen einige Kollegen hier auf ein Leerzeichen davor ...).

Die Kritik ist viel härter ausgefallen als gewollt Icon_slash
Naja, sieh es positiv: Mehr hab ich nicht mehr zu meckern. Und sicher lässt sich auch einiges auf Mitternacht schieben ... Icon_wink

Was mir insgesamt aufgefallen ist: Dein Text ist klar von der Richtung, in die er will. Über den einen oder anderen Punkt mag man vielleicht inhaltlich streiten, die Verallgemeinerung leugnen usf., aber ich denke, im Groben ist das Phänomen konsensfähig. Und trotzdem hinterlässt dein Text bei mir die Frage: "Und?" - du hast mich nicht erreicht. Das könntest du ändern, mit mehr Schärfe: Statt weichem "man" schreib "wir" - nach dem Motto: "Ja, auch du, lieber Leser!" Klage, prangere an! Dort, wo man sich inhaltlich streiten kann - bezieh' Stellung, verallgemeinere! Errege Widerspruch! Dann packst du deinen Leser vielleicht etwas kräftiger im Genick, damit er sich wehrt, und vielleicht einsieht.

Ich hoffe, du kannst damit etwas anfangen. Ansonsten lass' den Frischling reden ... Icon_wink
Liebe Grüße vom Lehrling!

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08-12-2009, 20:19
Beitrag: #3
RE: Blind geworden
Hey,
Danke für deinen Kommy!!

Jaja, ich und das Komma, wir sind auf Kriegsfuß und das schon, seit ich denken kann Icon_wink

Deine Anregungen und Verbesserungsvorschläge finde ich allerdings sehr gut, ich denke auch, das ich diesen Text noch einmal überarbeiten werde. Wie gesagt, er wurde irgendwann nachts geschrieben, erklärt für mich auch viele Fehler, und ich habe ihn nicht überarbeitet, deswegen bin ich mit deinen Korrekturen vollends zufrieden.
Was ich mit dem Text ausdrücken wollte, weiß ich allerdings selbst nicht so genau, aber vielleicht finde ich das heraus, wenn ich ihn nochmals überarbeite...

Ich kann sehr wohl etwas mit deiner Kritik anfangen und zum Glück konnte ich dem Text wenigstens eine gewisse Richtung geben, gelingt mir bei meinen Gedankenströmen auch nicht immer muss ich gestehen!

Dann werd ich mich mal an die Verbesserung setzen Icon_wink

Liebste Grüße,
Cherry

Irgendwo flüsterte Bill Tür´s Stimme:
"Aus der Sicht des betreffenden Individiums gesehen sind lange Leben gar nicht so schlecht."
Terry Pratchett
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26-12-2009, 21:03
Beitrag: #4
RE: Blind geworden
Hallo Cherry,

dein Text passt gut in diese Jahreszeit, denn er hat etwas Predigendes, Überlegenes. Ein Plädoyer für das Kindsein, für ein paar Genussmomente im Jetzt, für weniger Verbissenheit, mehr Spaß und weniger erwartungsvolle Erziehung. Es liest sich wie eine vorzutragende Argumentation, der man in vielen Punkten nur nickend zustimmen kann. Auf der anderen Seite fehlt mir aber eine klare Gedankenstruktur, ich kann deine Sprünge zwar aus der Spontanität heraus nachvollziehen, aber nicht in Bezug auf den ganzen Text:
Du beginnst mit der Erinnerung an Vergangenes, dass wir uns daran festklammern, dass die Kindheit das schönste für viele war, ohne dass sie es wissen. Dann geht es weiter mit einer Begeisterung für kindliche Wahrnehmung und der Feststellung, wie beschränkt man in der Hinsicht als Erwachsener wird. Die Ursache liegt dann darin, dass wir zum einen das Jetzt in Relation zum beschönten Vergangenen sehen und zum anderen unsere Zeit mit Plänen verbringen, die zu planen uns die Zeit stiehlt, sie zu erfüllen - Probleme, die Kinder nicht haben. Schließlich gehst du zur Erziehung über, zu Kindern, denen das Kindsein genommen wird und die deswegen später schief angeschaut werden, wenn sie das nachholen wollen.
Das ist eine ganz schöne Themenvielfalt, die sich wie eine Mindmap beim Lesen entwickelt (was bei dir beim Schreiben wahrscheinlich ähnlich war). Leider verlierst du so aber den Anfangspunkt und der einzige rote Faden ist so eine Anklage gegen "die Erwachsenen", die sowohl ihre Kindheit als auch ihre Kinder nicht ordentlich zu behandeln scheinen.
Ich kann mir diesen Text wirklich gut vorgelesen vorstellen. Wenn du die Struktur noch etwas deutlicher machst, (vor allem dir) das Ziel definierst und weißt, was du aussagen willst. Denn im Moment ist es durch die Vielfalt leider etwas schwammig.
Der Einstieg gefällt mir sehr gut, die Bilder schaffen eine angenehme, nostalgische Stimmung, das kann man sich richtig vorstellen, wie man ebenfalls anfängt, in Erinnerung zu schwelgen. Nur danach verlierst du dein anfängliches Ziel (du formulierst es [vielleicht] in der Frage: Doch warum hängen wir so sehr an der Vergangenheit?) völlig aus den Augen.

Deinen Formulierungen merkt man an, dass du dich ausdrücken kannst, du bringst die Einzelgedanken auf den Punkt und kannst ihren Inhalt gut vermitteln. Nur bei den Ich-Einschüben hatte ich das Gefühl, es würde stilistisch nicht ganz passen, was wahrscheinlich daran liegt, dass du mit einer allgemeinen Beschreibung anfängt, dann aus einer Wir-Perspektive schreibst und zwischendurch die Wiesen-Story eines Kindes bringst. Da wirken die Ich-Einschübe in der Formulierung holprig, weil sie nicht natürlich klingen. Ansonsten aber schön geschrieben. Nur die Kommasetzung musst du mal ein bisschen üben, aber das kommt mit der Zeit Icon_wink.

Anmerkungen direkt am Text:
Zitat:Er scheint endlos, so lebendig als würde man die Erinnerung noch einmal erleben und sie immer und immer wieder durchleben können, fast so als wäre man gefangen in einer unendlichen Zeitschleife.
... lebendig, als ...
... fast so, als wäre ...
Zitat:Wir leben in einer Welt, in der man so schnell von einem Moment in den nächsten springt, das man vergisst kurz innezuhalten und sich eine Erinnerung zu machen.
"dass man vergisst, kurze innezuhalten"
Zitat:schlechten Zeiten klammern können wenn nicht mehr alles so gut läuft.
... können, wenn ...
Zitat:Jene Zeit für mich ist meine Kindheit, ein Abschnitt des Lebens, den ein ganz besonderer Zauber umgibt.
Das ist eine der Stelle, die ich oben mit der Ich-Perspektive meinte. Um ehrlich zu sein würde ich die Informationen der Ich-Teile irgendwie anders unterbringen, denn es klingt zu sehr nach Friede, Freude, Eierkuchen, da schaltet man dann schnell ab, wenn es zum Lobgesang zu verkommen droht. An dieser Stelle kannst du den Satz z.B. einfach weglassen ...
Zitat:Auch wenn man weiß, das man nicht ewig ein Kind bleiben kann, wissen doch die wenigsten, wie schön diese Zeit war.
"dass man nicht ewig"
Und wenn es eine schöne Kindheit war, dann wissen das die meisten, zumindest die, die ich kenne. Das sagst du ja auch irgendwann, dass man sich daran erinnert und schwelgt.
Zitat:aber aus ganz anderen Gründen, als ein Erwachsener.
kein Komma
Zitat:weil die Sonne auf seiner Haut kitzelt und es zum lachen bringt, weil die Samen des Löwenzahnes durch die Luft wirbeln und wie kleine Feen umher tanzen wenn sie von einem Windstoß erfasst werden
"zum Lachen"
... tanzen, wenn ...
Zitat:denn dieser kleine Mensch hat eine ganz andere Auffassung des Raum-Zeit-Gefüges in dem wir leben und das uns hektisch werden lässt.
...Gefüges, in dem wir leben ...
"Raum-Zeit-Gefüge" klingt hier irgendwie zu erwachsen, bleib doch auf der Kinderebene, beim kleinen Menschen und sag etwas wie: "denn dieser kleine Mensch hat eine ganz andere Auffassung der Welt, in der wir leben."
Zitat:Es nimmt jeden einzelnen Augenblick so intensiv wahr, das es an Wunder zu glauben beginnt
"dass es"
vielleicht nicht so distanziert, sondern auch hier näher am Kind: "dass es an Wunder glaubt."
Zitat:und einem immer wieder so fantastische Geschichten schenkt, sie geht kommt uns abhanden.
entweder "geht" oder "kommt" Icon_smile
Zitat:Ein Kind wird nie bereuen, das es über eine Wurzel gefallen ist, denn schließlich hat es so gelernt, besser aufzupassen.
"dass es"
Das ist auch eine sehr erwachsene Interpretation, vielleicht etwas wie: "Ein Kind wird nie bereuen, dass es über eine Wurzel gefallen ist, es wird solange wieder fallen, bis die Wurzel nachgibt ..." Irgendwie so etwas Kindliches fehlt deinen Texten noch. Er liest sich insgesamt trotz des Plädierens für mehr Kindlichkeit sehr erwachsen.
Zitat:Ich denke, diese Blindheit für die Dinge des Lebens hat unsere Sichtweise auf vieles geändert.
Geändert im Gegensatz zu wann?
Zitat:Die Kinder dieser Generation werden viel zu schnell erwachsen und werden erst später merken, wie sehr ihnen ihre Kindheit fehlt.
Okay, das wirft man aber jeder Kindergeneration vor.
Zitat:und wie lange ist es denn schon wirklich erlaubt, sich kindisch zu benehmen?
Off Topic: ... ich darf das immer noch. Oder ich tu's einfach Mrgreen
Zitat:Diese Zeit sollte man genießen und nicht unnötig verschwenden, in dem man auf Biegen und Brechen erwachsen
"indem man"
Zitat:Aber wo kommen wir den hin, wenn nicht einmal mehr die Kinder Kinder sein dürfen?!
"denn hin"
Zitat:man sich jedoch wieder so benehmen dürfen, wie ein kleines Kind
kein Komma

Liebe Grüße,
Libertine

... dann schauen wir nach unserm Dachkräuterbeet,
in die Dachrinne haben wir Schnittlauch gesät. (Gerhard Schöne)
Avatar von Eddie Haspelmann
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