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Der Eisläufer
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08-02-2010, 12:07
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 14-02-2010 00:35 von Hans Werner.)
Beitrag: #1
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Der Eisläufer
Der Eisläufer
Erzählung von Hans Werner Und da ging er dann zum Laufen, weil er immer auf dem Laufenden sein wollte, mein Bruder, der Eisläufer, der so gerne auf dem Glatten, Schlüpfrigen laufen wollte, da wo das Laufen auch gefährlich werden konnte, weil es eben auf dem Eis war, das manchmal zum Ausrutschen führen konnte. Ausrutschen war für ihn immer etwas Abenteuerliches, weil er Abenteuer liebte, nicht nur, wenn es Abend wurde, und die andern sozusagen sich das teuer werden ließen, was sie sich tagsüber nicht leisten wollten, das Abenteuer, und dann eben sich aufs Glatte, Schlüpfrige begaben, wo man ausrutschen konnte und das man genießen konnte, wie ein Eis am Stil. Überhaupt war das Lutschen von Eis am Stil für meinen Bruder etwas sehr Ergötzliches, etwas, das ihm das Lachen gefrieren ließ, weil Eis doch immer so kalt war und er das Kalte eigentlich nicht mochte, sondern mehr das Warme, das Lauwarme, Handgewärmte, nicht das Heiße, das hätte ihn zu sehr erhitzt. Denn er wollte nicht erhitzt, sondern gekitzelt werden, und dazu war das Lauwarme, das Handgewärmte gerade richtig, so wie es eben im Halbdunkel des Abenteuers eine Hand an ihm anstellen konnte, die sich so langsam auf seiner Hand vom Gewöhnlichen des Alltags erholte, indem sie herauf- und hinunterfuhr beim Kitzeln. Dann hatte mein Bruder immer das Gefühl, als ob er Eis am Stil lutschen würde und er fand dieses Lutschen so angenehm abenteuerlich für seine Zunge, die ja nun im Sprechen nicht sonderlich geübt war, weil das Sprechen für ihn so anstrengend war, vor allem wenn er sich in komplizierten Situationen sprechend verhaltend musste, und Menschen, vor allem Menschen, die etwas von ihm wollten, doch immer kompliziert und auch anstrengend waren. Schließlich musste man meinem Bruder doch zugestehen, dass er das Recht hatte, Komplikationen zu meiden und dafür das Angenehme, das Abenteuerliche zu suchen, das Eis am Stil, das prickelnde Gefühl, bald ausrutschen zu dürfen und dabei heftige Empfindungen und Schmerzreizungen zu haben, die ihm deutlich werden ließen, dass er Glieder besäße, zwei kräftige junge Beine, samt Knien, auf denen man sich gut auf dem Schlüpfrigen bewegen konnte, und die sich auch nach Bedarf ausziehen ließen, so dass sie ungeschützt dem Gekitzel der lauwarmen Hände dieser Handbesitzerinnen ausgeliefert waren, dieser Handbesitzerinnen, die aus dem Dunkel des Abenteuers kamen, auf dem man so gut ausrutschen und hinübergleiten konnte in das Reich der verbotenen Träume. Verbotene Träume waren ihm so lieb, so prickelnd kühl, wie Eis am Stil, und dann ließ sich das süße Eis weglutschen vom Stil, bis der Stil so stilig hölzern auf der Zunge lag und sich auf dieser Zunge hin- und herbewegte, eben wie der Fahnenmast des halbdunklen Abenteuers, dessen Fahne vor den Augen meines Bruders verlockend hin- und herflatterte, und die in ihrem Stoff, aus dem die Träume sind, zum Festbeißen einlud. Als dann mein Bruder bei diesen Eskapaden auf der abenteuerlichen Eisfläche tatsächlich einmal ausrutschte und die Nachricht seiner Vaterschaft mit amtlicher Post hereinflatterte, so bunt und kühn wie eine Fahne, da nahm er seine Zuflucht zu dem schon gar nicht mehr Abenteuerlichen, indem er testen ließ, ob es sein könne, was mit dieser fahnenartigen Post ihm anheimgestellt worden war, und dabei trat dann zu Tage, dass dieser Ausrutscher in der Tat gar kein Ausrutscher von ihm war, sondern von einem anderen Abenteuerfreund auf Eisflächen, der auch ab und zu gerne Eis am Stil lutschte und bei diesem Lutschen ausgerutscht war. Wie sich dann mein Bruder tatsächlich versichert hatte, dass nicht er auf dem Eis ausgerutscht war, sondern ein anderer, versuchte er mit kriminalistischem Scharfsinn herauszufinden, wer denn außer ihm sich auch noch aufs Eis begeben hatte, und spürte dabei immer mehr Eiskunstläufern auf, und dabei ereignete es sich, was er niemals hatte voraussehen können, weil es schlichtweg nicht vorhersehbar war, für ihn wenigstens, dass eine Person ab und zu auch auf das Eis ging, nämlich ich. |
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08-02-2010, 13:59
Beitrag: #2
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RE: Der Eisläufer
Hallo Hans Werner,
ein klasse Prolog. Deine ganze Sprachgestaltung macht von der ersten bis zur letzten Zeile neugierig. Das ist Dir gut gelungen. Und nun? Gruß Klaus |
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08-02-2010, 19:05
Beitrag: #3
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RE: Der Eisläufer
Hallo Klaus,
danke für Deine freundliche Zuschrift. Du sprichst von einem "Prolog" und das gemahnt mich an die Pflicht, hier die Geschichte weiter zu entwickeln. Ich bin am Überlegen, wie offen ein Schluss sein darf, um als Text für sich allein dazustehen. Aber dieses "und nun" lässt mir schon keine Ruhe. Mal sehen, ob noch etwas daraus werden kann. Viele Grüße Hans Werner |
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13-02-2010, 21:14
Beitrag: #4
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RE: Der Eisläufer
Wow. Der Text gefällt mir sehr gut, besonders die Metaphorik, derer du dich bedienst. Ich hoffe doch, die Idee wird weiter verfolgt.
Grüße Helli |
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13-02-2010, 21:30
Beitrag: #5
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RE: Der Eisläufer
Hallo,
ich kenne dich noch aus Verlorene-werke Zitat:Ausrutschen war für ihn immer etwas Abenteuerliches, weil er Abenteuer liebte, nicht nur, wenn es Abend wurde, und die andern sozusagen sich das teuer werden ließen, was sie sich tagsüber nicht leisten wollten, Tolles Wortspiel Zitat:Dann hatte mein Bruder immer das Gefühl, als ob er Eis am Stil lutschen würde und er fand dieses Lutschen so angenehm abenteuerlich für seine Zunge, die ja nun im Sprechen nicht sonderlich geübt war, weil das Sprechen für ihn so anstrengend war, vor allem wenn er sich in komplizierten Situationen sprechend verhaltend musste, und Menschen, vor allem Menschen, die etwas von ihm wollten, doch immer kompliziert und auch anstrengend waren. Dieser Satz ist doch ein bisschen zu lang und zu verschachtelt Jetzt hätte ich fast die Textstellen im Editor gelöscht :D Der Text lässt mich zwiegespalten zurück, muss ich gestehen. Er hat nicht wirklich ein Ende. Braucht er ja auch nicht, als Kurzgeschichte (Diese Geschichte hat viele klassische Elemente einer Kurzgeschichte Was fehlt, sind die kürzeren Sätze und mehr Absätze. Das Auge liest mit (das klingt jetzt sau doof xD ), aber so ein Block an Text schreckt doch ein wenig ab. Die Sätze sind auch ein bisschen zu verschachtelt, das ist aber nur mein persönlicher Geschmack und nichts, das zu einer Pflichtübung gehört bei der Überarbeitung. Gefallen haben mir die Verbindungen untereinander im Text. Sprachlich also ganz gelungen. Liebe Grüße |
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14-02-2010, 00:34
Beitrag: #6
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RE: Der Eisläufer
Hallo Helli und Maskenträger,
Danke für Eure lieben Zuschriften. Es freut mich, dass Ihr an meinem Text Gefallen findet. Maskenträgers Hinweis, den Textblock ein bisschen aufzugliedern, will ich sofort umsetzen. Denn Du hast recht, das Auge liest auch mit. Also aufgeht's zur Bearbeitung! Liebe Grüße Hans Werner |
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