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Gemini (2/2)
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11-08-2012, 16:58
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 13-08-2012 14:37 von Dreadnoughts.)
Beitrag #1
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Gemini (2/2)
Gemini - 2
Es war eigentlich ein schöner Tag. Ein richtig schöner. Die weißen Elefanten, die bis vor kurzem noch die Sonne verdeckten, waren weitergezogen und der Himmel versank in seinem blauen Meer. Ich klebte förmlich mit meinen Blick an der Fensterscheibe der Beifahrertür und folgte den ausufernden grünen Landschaften jenseits der Straße. Manchmal bäumten sie sich zu Bergen auf, denen wieder Täler folgten. So, als würden sie sich recken und strecken. Vereinzelt flogen Gehöfte durch das Bild, neben Traktoren und anderen kleinen Menschen, die auf den Feldern herumschwirrten. Da draußen war die Welt noch in Ordnung. Hier im Wagen prallte meine Vorstellung gegen die meines Vaters, der den Ford Taunus langsam durch den Vorort der Stadt bewegte. Aber wieso prallte? Im Grunde konnte gar nichts prallen. Befehl und Gehorsam dominierte sein väterliches Verhalten. Er: Graue Ansätze im dunklen Haar, kantiges Gesicht mit Brille und Sturheit im Kopf. Er sagte was, ich musste es tun. So einfach. "Junge, Du musst endlich mit Deiner Träumerei aufhören!", knurrte er, während er den alten Ford von der Straße auf den Parkplatz vor einem der vielen Mehrfamilienhäuser lenkte. "Sich bei der Marine verpflichten! Freiwillig! So ein Blödsinn!" Ja. Und? Man konnte umsonst die Weiten der Meere befahren. Man konnte soviele neue Länder sehen. Man konnte vor Allem von hier weg! "Das ist kein Blödsinn", sagte ich. "Das ist meine große Chance. Und die Marineausbildung findet auf Sylt statt. Auf Sylt! Ganz oben im Norden." "Und dann tingelst Du als Seemann durch alle Herren Länder, holst Dir die Siefilis bei den Weibsbildern in den stinkenden Hafenkneipen." "Syphilis", murmelte ich. "Werd nicht frech, Junge!" Ein kurzer Moment der Stille, als seine Augen eine freie Parkbucht suchten. Und in der ich mich zu einem anderen Vorgehen entschloss. "Zog es Dich denn als kleinen Bub nie hinaus in die weite Welt?", fragte ich ihn und rieb nervös die Daumen an die Zeigefinger. "Wolltest Du nie sehen, was hinter dem Ortseingangsschild liegt?" "Nein." Er knurrte und murmelte weiter in seinen Bart hinein. "Marineverpflichtung! Und dann auch noch ein BMW - so ein Unsinn!" Ich seufzte. So war er eben. Alles Unsinn. "Mit der Bahn bin ich aber Ewigkeiten bis Sylt unterwegs", sagte ich und vermied einen genervten Unterton. "Da brauche ich schon ein Auto." "Aber nicht in diesem Leben, Junge!" "Papa!" "Und dann gleich auch noch so einen BMW?", rief er und presste die Lippen zusammen. "Ich hätte Dich nie mit zur IAA nehmen sollen!" "Ein BMW ist nunmal eines der besten Fahrzeuge." Der Taunus hielt in einer freien Parkbucht. "Die Strecke kann man auch mit einem billigeren Auto fahren." Er drehte den Zündschlüssel herum und der Motor erstarb. "Oder eben doch mit der ungeliebten Bahn, Dread." Bahn, Bahn, Bahn. Entweder überfüllt, oder man musste so oft umsteigen, dass man nachher nicht mehr wusste, ob man noch in der Bundesrepublik war. "Soll ich vielleicht auch bei euch wohnen bleiben?" "Was wäre daran denn so schlimm?", fragte er. "Zudem brauchst Du ja wohl bei uns keine Miete zahlen - oder?" "Ich möchte endlich auf eigenen Beinen stehen." "Das kannst Du auch, wenn Du studierst", knurrte er. "Schreibst Dich ein und nimmst Bwl. Kommt heute jeder durch." "Ich werde aber nicht studieren - ich werde Seemann!" Meine Antwort war eher ein Fauchen, mühsam beherrscht. "Und auch ein Seemann braucht ein fahrbaren Untersatz!" "Und wer soll es bezahlen?" Nun. Ja. Vor lauter Begeisterung hatte ich mich tatsächlich noch nicht um die Beantwortung dieser Frage gekümmert. "Außerdem bist Du noch zu jung für ein solches Auto." Bitte? Zu jung? "Papa, ich bin 23 - und kein dummes kleines Kind mehr!" Für einen Moment starrten wir uns wortlos an, dann wandte ich meinen Blick ab. Ich wusste, was seiner bedeutete: Keine Diskussion mehr! Schweigend schnallten wir uns ab und stiegen aus dem Wagen. Ein schöner Restsommertag. Im blauen Himmel tummelten sich nur ein paar weiße Pinselstriche und die Sonne sank langsam auf ihr Nachtbett herab. Es würde zwar noch eine Weile dauern, bis der Horizont blutgetränkt vom Tag Abschied nehmen würde, doch für mich war dieser jetzt schon gelaufen. Worte wie 'Engstirnig' und 'Verbohrt' wanderten durch meinen Kopf. Und der Gedanke, dass alle Kinder einmal flügge werden und das Nest verlassen. Heutzutage gibt es keine Familien mehr, die so groß sind, dass sie locker den Kader für eine Fußballmannschaft stellen können. Höchstens zwei Kinder, normal war eher nur eines. Aber musste man deswegen an diesem einen Kind so festhalten? Seite an Seite näherten wir uns auf dem schmalen Verbindungsweg dem Haus. Beinahe Stechschritt. Witzig. Schweigend. Die prall gefüllten Einkaufstaschen schwangen wie tödliche Pendel hin und her, während ich sturr die Fassade anstarrte. Noch immer ertrank sie in einem deprimierenden Grau. Die Fenster hingen in schmucklosen grauen Plastikhalterungen. Ab und zu sah man einige Blumenkästen in den oberen Stockwerken. Doch das hier war nur eine alte Siedlung, und nicht einer der Vororte für die oberen Zehntausend. Der Anblick des BMW drängte sich wieder vor meine Augen. Wie er da stand. Auf der IAA. Montrealblaues Blechkleid. Die silbernen Nieren. Die Scheinwerfer. Die Eleganz einer Dame, die ihren eigenen Kopf hatte und gewiss nicht jeden zu sich ans Steuer lassen würde. Und das Cockpit, welches förmlich um den Fahrer herum gebaut worden war. Das Glasschiebedach. Die Sitze. Der frische Geruch ... Und dann, als hätten die Gedanken nur darauf gewartet, wurde es mir schlagartig klar. Warum machte ich mir so einen Kopf? Ich würde hier rauskommen. Er konnte es nicht verhindern. Und wenn man dieser Logikkette folgen würde ... Der 'kleine' Dread wird sich noch einen 3er kaufen, Papa, dachte ich plötzlich und grinste in mich hinein. Todsicher. Selbst wenn ich zwanzig Jahre warten müsste. Die Haustür stand offen, einer der alten Nachbarn rupfte mal wieder Unkraut zwischen den Knochensteinen heraus. Die Klingeln waren penibel geputzt worden und blitzten wie neu. 'Noughts' stand auf einer. Erdgeschoss. Dahinter sickerten die linoleumgrünen Fliesen des Hausflurs in den Resttag hinaus und blendete meine Augen. Die Wohnung war verschachtelt, aber von der Fläche her eine der größten im Haus. Die Zimmer inklusive der Toilette waren alle vom Flur erreichbar. Keine Verbindungstüren in den Wänden. Und selbst wenn es welche gegeben hätte, man hätte sie nicht sehen können. Im Arbeitszimmer Wandteppiche, die nahtlos aneinander und überlappend aufgehängt waren. Immer wieder alte handgemalte Landschaftsbilder, die schon bessere Tage gesehen hatten. Daneben Standuhren, Butler, Bücherregale. Prall gefüllt. Im Wohnzimmer ein robuster langer Holzschrank, der bis an die Decke reichte. Flankiert von einer Ledercouch, die nach einer Kombination von Pflegemitteln und Schweiß roch. Wir gingen in die Küche, in der meine Mutter vor der Arbeitsplatte stand und Zwiebeln schnitt. Sie schaute auf und wischte sich mit dem Ärmel eine braune Strähne aus dem verweinten Gesicht, als wir die Einkaufstaschen auf den Küchentisch stellten. "Na ihr zwei?", sagte sie und umarmte mit dem Messer in der Hand meinen Vater. "Habt ihr alles bekommen?" Ich nickte nur und wollte raus, in mein Zimmer. Auch wenn ich mit Mutter besser klar kam als mit meinem Vater - aber jetzt wollte ich einfach nur meine Ruhe haben. Ich griff mir eine leere Tasse und schüttete mir frischen Kaffee ein. Ein bisschen Milch, ein bischen Zucker. "Immer dieses Gebräu", knurrte mein Vater. "Das wird Dich noch umbringen." "Ach, lass ihn doch, Schatz", sagte meine Mutter, zog ihn ein Stück zu sich hin und bedeutete mir, zu verschwinden. Nachdem ich einmal umgerührt und genippt hatte, ging ich dann aus der kalten Küche in den Flur. Tasse abstellen, aufpassen, dass man nichts verschüttet, Jacke aufhängen und dann ab in mein Zimmer. Mein eigenes kleines Reich. Ruhe haben. Um einen Plan auszuarbeiten. Das ist das A und O. Ich stellte mich vor den großen Spiegel, grinste mich an und stellte mir vor, ich stünde mit einem Verkäufer vor einem BMW. Wissen Sie, wie lange ich diesen Moment geplant habe?, würde ich ihn fragen. Und dann eine dicke Zigarre zwischen die Lippen schieben. Mit einem Grinsen. Ich liebe es einfach, wenn ein Plan funktion-! Das Klingeln des Telefons neben dem großen Spiegel unterbrach meine zukünftige Freude. "Gehst Du mal ran, Dread?", rief meine Mutter aus der Küche, aus der vorher nur leises Getuschel zu hören gewesen war. "Ja, ja", murmelte ich, stellte die Kaffeetasse ab und griff nach dem Hörer. "Hier bei Noughts?" Schweigen. Dann ein Geräusch, als würde jemand tief einatmen. "Hallo?", rief ich in den Hörer und wollte schon auflegen, als sich am anderen Ende jemand räusperte. "Spreche ich gerade mit Herrn Dread Noughts?" Eine ältere Stimme. Brummig. Knurrig. "Ja, sprechen Sie." Wieder ein Moment der Stille, die ich nutzte, um weiter meinen Kaffee umzurühren. Ein Verkäufer? Oder wieder einer, der eine Umfrage starten wollte? "Waren Sie zufällig auf der IAA?", fragte der Fremde, und der Löffel erstarrte im goldenen Meer. Moment ... "Woher wissen Sie das?" "Sie interessieren sich für einen 3er BMW, Herr Noughts?" Überwachungsstaat - das war das erste, was mir dazu einfiel. Wie weit sind die schon? Können sie bereits die heimlichen Vorlieben aus den Köpfen herauslesen? "Verdammt, wer sind Sie?", zischte ich mein Spiegelbild an. Eine Ewigkeit wanderte durch den Flur, getarnt als Standbild. Dann wieder ein Räuspern. "Mein Name ist Dread Noughts, Herr Noughts", sagte er und lachte dann. "Und so wie es aussieht, haben wir einiges gemeinsam." Bitte was? Ich nahm für einen kurzen Monent das Telefon vom Ohr und starrte verwirrt auf das Display - doch da stand nur 'Unbekannter Teilnehmer'. Unbekanntes Ich? Ich war verwirrt. Erschrocken verwirrt. Geschockt erschrocken verwirrt, während der andere Noughts einfach weiterredete. "Bevor Sie fragen: Sie haben auf der IAA beim BMW-Stand Informationsmaterial über den neuen 3er angefordert - aber ihre Adresse vergessen." Habe ich das? Stimmt, da war was. "Ja", hauchte ich und hielt noch immer den Löffel starr im Kaffee. "BMW brauchte natürlich eine Adresse, wohin sie das Zeug schicken können und hat einen Noughts in der hauseigenen Datenbank gefunden." "Wieso stehen Sie in der Datenbank?", fragte ich, ahnte aber bereits, was er sagen würde. "Ich fahre einen 3er BMW, deswegen." Er hat einen ..., einen, ... 3er? Meine Kinnlade fiel ein Stück herunter. "Zum Problem gesellte sich hinzu, dass bei Interesse der jeweilige Verkäufer für das Wohngebiet kontaktiert wird", sagte der andere Noughts. "Deswegen bekam ich hier oben im Norden einen Anruf aus Murnau im Süden." "Das ..." Ich musste schlucken. Ohne Kaffee. "Aber wie kommen Sie an diese Nummer?" "Nun. Es gibt in ganz Deutschland nur uns beiden mit diesem Namen", sagte der andere Noughts. "Und es war schon ein wenig schwierig. Aber der IAA-Mitarbeiter konnte sich daran erinnern, dass Sie den Namen Ihres kleinen Dörfchens erwähnten. Und da Sie sich ja meldetechnisch erfassen lassen müssen - genau wie ich - hat mir das zuständige Bürgerbüro weitergeholfen." "Oh." "Ich weiß nicht, was Sie noch alles bei BMW angefordert haben, aber ich schlage vor, Sie reden mit diesem Herrn Breisacker und klären ihn darüber auf, dass Sie den Wagen wollen - und nicht ich." Ich nickte meinem Spiegelbild zu, merkte aber, dass er das ja nicht sehen konnte. "Ja, das werde ich machen", sagte ich und wartete einen Moment. "Darf ..., darf ich Ihnen eine Frage stellen?" Der andere Noughts lachte. "Selbstgespräche setzen einen intelligenten Gesprächspartner voraus", sagte er. "Scusi. Natürlich. Nur zu." Man hat nicht oft die Möglichkeit, mit sich selbst zu sprechen. Ich meine, viele Menschen tun es - aber das hier ist etwas anderes. Oder besser gesagt: Das hier ist tatsächlich ein Selbstgespräch. "Sie hören sich älter an, als ich." "Ich werde dieses Jahr 37", antwortete er. "Und Sie?" 37! Was hatte er nur schon alles gesehen in seinem Leben? Wie sah sein Leben überhaupt aus? Meine Güte ... Fragen an mich selbst. "Ich bin 23." "Mal überlegen. 23. Hm", murmelte er. "Mit 23 hatte ich schon meine eigene Wohnung." Verdammt. Ich muss hier raus. "Was ..., was machen Sie beruflich?" "Ich war bis vor ein paar Jahren noch bei der Marine", antwortete er. "Jetzt studiere ich gerade Betriebswirtschaftslehre - irgendwie muss man ja weiterkommen." Das gibts doch nicht! "Und Sie?" Ich schüttelte den Kopf. Ein Traum - oder ein Alptraum? "Würden Sie sagen, dass Sie BMW 'lieben'?" "Definitiv", antwortete er, während man im Hintergrund ein Klackern hören konnte. Ein Klackern, das genauso klang, wie der Löffel in meiner Kaffeetasse. "Und sagen Sie: Was ist Ihr Lieblingsgetränk?" "Kaffee." Er lachte. "Mit Milch und Zucker." Ich starrte auf meine Tasse, während mir ein kleiner Schauer über den Rücken lief. Verspätet, dennoch kam er. "Wir scheinen wirklich beide gleich zu sein, Herr Noughts." "Wir finden schon was, keine Panik", meinte er. "Wann sind Sie genau geboren?" "Neunzehnter Januar 1989." "Na sehen Sie, ich bin ein Novemberkind", sagte er, unterbrach sich dann aber schlagartig. "Moment, was sagten Sie?" "Januar, Herr Noughts", antwortete ich. "Sternzeichen Steinbock. Wieso?" ***
Einige Merkmale und deren Ausprägungen wurden bewusst verfälscht. LGD. ... and dread noughts |
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