Es ist: 28-04-2017, 13:10
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Was wurde im Januar auf der Mainpage rezensiert?

VI 13 - Selbstoptimierung
Beitrag #1 |

VI 13 - Selbstoptimierung
Spontaner Schnellschuss zum Versimpuls. Hastige Zeitreise von der Urzeit bis heute.

Sedimente
im Flussbett der Ursuppe,
an Land gespült, aufgewacht.

Unperfekt
im Sand alter Lehmhöhlen,
ein Irrlicht als Leuchtfeuer.

Korrigiert
in Häusern gestapelt mit
hygienischer Reinigung.

Optimiert
nach Plan konstruiert man uns,
dressiert, überfördert uns.

Angepasst
an eigene Kunstwelten,
ist unsre Natur, dass wir nie eine hatten.

Niemand
mehr knetet uns wieder aus Lehmboden,
statt dreckigem Sand gibt es Plastik und Cremetuben.


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Beitrag #2 |

RE: VI 13 - Selbstoptimierung
Hallo coco,

ich finde, unkommentierte Gedichte schauen immer so traurig aus. Hm, hastige Zeitreise ist wohl richtig, auch wenn die erste Strophe schon die allermeiste Zeit der letzten vier Milliarden Jahre abdeckt. Icon_wink

Du stellst im Gedicht die Natur als Ursprung in den Kontrast zum modernen Menschen, der die Natur immer weiter verliert - bis er sogar diese als seinen eigenen Ursprung leugnet, selbst Natur spielt und "uns" konstruiert; "eigene Kunstwelten" schafft. Das Gedicht trägt eine gewisse Melancholie mit; im Vergleich zu "korrigiert", "optimiert" und "angepasst" trägt "unperfekt" eine tröstliche, man möchte sagen: menschliche Note. Du schaffst also in den ersten beiden Strophen eine Basis, in deren Kontrast die weiteren Strophen stehen.
Allerdings beziehen sich alle Strophen auf die zweite; die Strophen III bis V aus besagten Gründen, die sechste Strophe mit dem Lehmboden und dem Sand. Die erste Strophe steht irgendwie für sich. Vielleicht war sie als Anker des Gedichts gedacht, der den Ursprung der Menschheit in der Urzeit verortet, dennoch schwebt diese Strophe für sich allein durch die Gegend. Den Kontrast kann man sich als Leser vorstellen, er wird aber nicht ausgearbeitet. Das, was mir als Bild im Kopf bleibt, sind, auf der einen Seite, die Urmenschen in ihren Höhlen: dreckig, ratlos, aneinandergekauert; auf der anderen Seite der moderne Mensch: rationalisiert, entindividualisiert, entmenschlicht. Dazu passt die erste Strophe weniger.
Um wieder zum Bild zurückzukehren: ich persönlich hätte mir auch gewünscht, dass du dieses Bild mehr vom inneren Auge erstehen lässt; etwas mehr lyrischer Ton hätte dem Gedicht aus meiner Sicht gut getan.
Von diesen Kritikpunkten meinerseits abgesehen, schlägt das Gedicht dennoch einen schönen Bogen und auch wenn der Gedanke, den du hier vertrittst, nicht wirklich neu ist, kann man doch gut darüber nachdenken - vielleicht hab ich's aber auch vollkommen falsch interpretiert. Denn persönlich taugt mir ein solcher Sehnsuchtspunkt nicht so sehr; die in der vierten Strophe angesprochene "Überförderung" sehe ich an sich nicht sehr kritisch. Ich halte Wissen - und dementsprechend auch Bildung - für etwas Wunderbares und fürchte eher den Rückfall in alte Schemata, in Unmündigkeit. Höchstens kann man Überförderung in diesem Sinne als Förderung der falschen Werte ansehen; dabei würde ich an jene Schulen denken, bei denen es nur um immer mehr Können, immer mehr Angepasstheit an die wirtschaftliche Welt geht. Das würde auch gut zur "Dressur" passen, wie mir gerade auffällt. Wie auch immer, das Gedicht bietet auf jeden Fall einen Ausgangspunkt für eine schöne Diskussion. Icon_smile

Ein kleiner Punkt, der mir noch aufgefallen ist:

Zitat:Optimiert
nach Plan konstruiert man uns,
dressiert, überfördert uns.

Wer ist hier "man"? Sind das nicht wir selbst?

Liebe Grüße,


rex

"Für den Freund der Aufhellung behalten Wort und Begriff des >Volkes< selbst immer etwas Archaisch-Apprehensives und er weiß, dass man die Menge nur als >Volk> anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verleiten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können!"
Thomas Mann, Doctor Faustus (1947)

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Beitrag #3 |

RE: VI 13 - Selbstoptimierung
Hallo coco,

da ist mir dieses schöne Werk von dir doch tatsächlich völlig entwischt - zum Glück hat es rex ausgegraben Icon_wink

Vorweg zwei kleine textliche Anmerkungen:

Korrigiert

in Häusern gestapelt mit
hygienischer Reinigung.

Da würde ich das "mit" in die dritte Zeile schieben, liest sich für mich besser.

Niemand

mehr knetet uns wieder aus Lehmboden,
statt dreckigem Sand gibt es Plastik und Cremetuben.

Ich glaub, die zweite war die Versipulszeile? Das "mehr" stört mich etwas, würde das streichen ...

Ich finde den Verlauf des Gedichtes sehr schön - anfangs urtümlich, noch natürlich, dann zunehmend komplexer und künstlicher, bis der Wahnsinn der Gegenwart um sich greift und der Mensch sich im Perfektionierungswahn verliert.

Hat mir sehr gut gefallen, schön kritisch, aber auch melancholisch und ein klein wenig romantisch, auf eine verquere Art und Weise Icon_smile

Viele Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #4 |

RE: VI 13 - Selbstoptimierung
Hallo Coco,

ein komplexer Text. Regt an zu vielen Gedanken und Gefühlen. "Optimiert" spricht mich besonders an, solche Erfahrungen kann ich teilen. Ob sich das noch legen wird? 

Bis dann!

Wolfgang


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Beitrag #5 |

RE: VI 13 - Selbstoptimierung
Hallo Wolfgang,

danke für deine Aufmerksamkeit!

Das Optimieren wird wohl nie enden. Man redet zwar ständig drüber, "auch nur ein Mesch" und nicht perfekt zu sein, aber insgeheim endet die Suche nach Perfektion doch nie...

Bis zum nächsten Text
coco


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