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Eis und Dampf (Hrsg. Christian Vogt)
Geschrieben von Judith
Donnerstag, der 27. März 2014

eis und dampf

Feder & Schwert (Dezember 2013)
Taschenbuch, 304 Seiten, 11,99 EUR
ISBN: 978-3-86762-200-4

Genre: Steampunk


Rezension

Eis und Dampf entführt den Leser mit dreizehn Geschichten in die Welt der Zerbrochenen Puppe von Judith und Christian Vogt: Riesige Gletscher überziehen den Norden Europas und bescheren den restlichen Staaten einen ewigen Winter, während die ägyptischen Pyramiden von Blumenteppichen überzogen sind. Eine Serie von Vulkanausbrüchen im 9. Jahrhundert hat der Welt eine gänzlich andere Richtung gegeben. Territorial- und Religionskriege erschütterten ein Europa, in dem es nur wenige landwirtschaftlich nutzbare Flächen gibt. Dafür trat die Dampfkraft ihren Siegeszug an, Luftschiffe schweben über den verschneiten Ländern und im hohen Norden baut die schwimmende Stadt Aesta Rohstoffe ab.

Der Klappentext von Eis und Dampf wirbt mit namhaften Phantastik-Autoren, was in diesem Fall keine schnöde Augenwischerei, sondern Tatsache ist. Judith und Christian Vogt konnten ihre Kollegen von der Welt der Zerbrochenen Puppe begeistern und ließen ihr eiszeitliches Steampunk-Szenario weiter ausbauen. Dabei ist eine bunte und interessante Mischung entstanden, die anthologietypisch und geschmacksabhängig das ein oder andere Highlight und auch manch kleine Enttäuschung enthält:

Mit „Galileo starb zurecht“ übernimmt Mike Kryzwik-Groß die schwere Aufgabe, einen stimmungsvollen Einstieg zu liefern. Das gelingt ihm im Großen und Ganzen gut, auch wenn der Rahmen der Geschichte schlecht gewählt wurde. Der Protagonist stellt einen Asylantrag und schildert die Ereignisse, die zu seiner Flucht geführt haben. Den Leser erwarten eine Verfolgungsjagd quer durch Europa und eine große Überraschung, die mit den Shellys, künstlichen Soldaten, in Verbindung steht.

Christian Vogt gewährt in „Eiken“ Einblicke in das Leben des mürrischen Luftpiraten aus Die zerbrochene Puppe. Die Geschichte bietet dabei kaum Neues, denn man erlebt Eiken, wie man ihn bereits kennengelernt hat: als tollkühnes Schlitzohr. Ein durchaus unterhaltsames Intermezzo, im Vergleich zu den anderen Geschichten allerdings ein wenig mau.

Auf gerade einmal sechzehn Seiten enthält „Totenliebe“ diverse Szenenwechsel, die erst in der zweiten Hälfte der Geschichte als sinnvolles Ganzes begriffen werden – und selbst dann bleibt eine Spur Verwirrung zurück. Torsten Exter zeigt die Schicksale verschiedener Charaktere in der schwimmenden Stadt Aesta auf, wobei manche Figur dem Leser der Zerbrochenen Puppe bekannt sein dürfte. Bereits im Roman machte die Stadt eine schauerliche Figur, was hier nochmals verstärkt wird.

Mit „Das ägyptische Axiom“ liefert Stefan Holzhauer die längste Geschichte dieser Anthologie und entführt den Leser in ein fruchtbares und grünes Ägypten. Der deutsche Wissenschaftler Heinrich rettet dem ägyptischen König zufällig das Leben und erhält zum Dank die Erlaubnis, in den streng gehüteten Grabstätten seinen Forschungen nachzugehen. Dabei stößt er auf ein unglaubliches Geheimnis. Stefan Holzhauer inszeniert seine Kurzgeschichte äußerst stimmungsvoll, verliert sich anfangs jedoch zu sehr in akribischen Forschungsarbeiten und wird zum Ende hin leider platt. Sprachlich und atmosphärisch dennoch ein Highlight in dieser Anthologie.

Henning Mützlitz’ Beitrag „Das Tourbillon“ führt den Leser nach Baden zu den Geburtstagsfeierlichkeiten der Großherzogin. Protagonist James Warner erhält den Auftrag, eine kostbare und einmalige Uhr aus der Fertigung des Maestro Bragot an den Hof zu liefern – leider passiert auch nicht viel mehr, als dass der Autor die Besonderheit der Uhr betont und ihre Funktionsweise erklären lässt. „Das Tourbillon“ endet mit einem Knall, der ein völlig neues Licht auf das bereits Gelesene wirft, allerdings entschädigt die letzte Szene nur geringfügig für die fehlende Spannung.

In „Der Gipfel“ von Christian Lange begibt sich der Leser zusammen mit zwei Geheimagenten auf die Suche nach dem legendären Piratenhafen Hochgotland. Die Suche führt schließlich in den tiefsten Harz, wo Agent Nummer Eins an seinen Ambitionen scheitert. Insgesamt ein äußerst stimmungsvoller Beitrag, der aufzeigt, wie sich Hochgotland vor Entdeckung schützt – doch leider durchschaut man die Charaktere zu schnell.

„Im Auge des Sturms“ von Stefan Schweikert ist das finstere Glanzstück dieser Anthologie. Sammy träumt davon, eines Tages Luftschiffkapitänin zu werden, doch bis dahin führt sie eine Kinder- und Jugendbande in der schwimmenden Stadt Aesta an. Nur mit Diebstahl können sich die Straßenkinder über Wasser halten – bis Sammy eines Tages jäh verraten wird. Das tapfere Mädchen muss diverse Grausamkeiten erdulden, während die Geschichte die Ereignisse aus Die zerbrochene Puppe streift. Atmosphärisch dicht geschrieben, düster inszeniert und emotional packend.

Judith Vogt führt den Leser in „Der Puppermacher“ auf die Spur der sprechenden Puppe Ynge, bekannt aus Die zerbrochene Puppe. Die Reise führt zu einem abgelegenen Häuschen, wo ein alter Mann mit seiner verwitweten Schwester und seiner am Rett-Syndrom leidenden Enkeltochter wohnt. Allein wegen der behinderten jungen Frau ist dieser Anthologiebeitrag außergewöhnlich, doch auch die  Geschichte des alten Mannes weiß zu beeindrucken. Zudem gibt es ein Wiedersehen mit Tomke, der toughen Luftpiratin aus Die zerbrochene Puppe. Erwartungsgemäß eine der besten Geschichten in dieser Anthologie.
 
Zu den schwächeren Beiträgen zählt – trotz kreativem Titel – „Honig mit Hindernissen“ von André Wiesler. Denn leider steigt der Autor mit einem Zahnarztbesuch ein, der für den Verlauf der Geschichte nicht essentiell ist. Es folgt ein orientalisches Piratenabenteuer mit einem herrlich derben Friesen, das den Leser zwar unterhält, im Vergleich mit den anderen Beiträgen jedoch zu trivial daherkommt.

„Japanische Stille“ von Ann-Kathrin Karschnick gewährt zumindest einen kleinen Einblick in die asiatische Kultur, die man bislang in der Anthologie vermisst hat. Im palästinensischen Staat geht ein japanisches Luftschiff vor Anker, das einflussreiche Geschäftsleute und Adlige mit seiner besonderen Technologie beeindruckt. Ein Verbrechen stört schließlich die Feierlichkeiten und die Kurzgeschichte ergeht sich in langwierigen Ermittlungen. Es mangelt an Spannung und über Japan erfährt man leider nur wenig.

Auch „Doppeltes Spiel“ von Eevie Demirtel spielt auf einem Luftschiff und beschreibt die Flucht zweier Gefangener. Anhand der Zeitangaben ist abzusehen, dass diese Geschichte mit einem großen Knall enden wird, allerdings verrät der Titel bereits, dass man einem der Protagonisten nicht trauen kann. Gut geschrieben, aber der Bezug zu Die zerbrochene Puppe ist kaum gegeben.

Marcus Rauchfuß schöpft mit „Nach Westen“ das Thema alternative Zeitlinie voll aus: Mit einem Tauch-Schwimmschiff fährt eine Mannschaft, die vorwiegend aus Kriminellen ‒ und damit Entbehrlichen ‒ besteht, gen Westen, um dort unbekanntes Land in Besitz zu nehmen. Denn, kaum zu glauben, Amerika wurde aufgrund der widrigen Bedingungen der Eiszeit noch nicht entdeckt. Stattdessen haben sich dort große Kulturen entwickelt, in die man leider nur einen klitzekleinen Einblick erhält. Die Geschichte hat das Potential für einen ganzen Roman und gehört zu den interessantesten der Anthologie.

„Freiheit für Rumelien!“ von Christian Vogt ist im eigentlichen Sinne keine Geschichte, sondern eher eine ausgeschmückte Nachricht über ein Attentat von Gotteskriegern – allerdings stammen diese nicht aus der arabischen Welt, sondern aus dem Herzen Europas. Der kurze Text fügt der eiszeitlichen Welt der Zerbrochenen Puppe eine weitere Facette zu, ist als eigenständiger Anthologiebeitrag aber zu wenig.

Extras

Für Eis und Dampf wurde von Hannah Möllmann extra eine Karte angefertigt, die die Machtverhältnisse des alternativen Europa aufzeigt. Das Deutsche Reich wird dabei nochmals vergrößert dargestellt. Leider sind beide Karten nur in Schwarzweiß gedruckt und die Europakarte ist auf einer Seite viel zu klein geraten (Im Werkstattbericht von Judith Vogt ist die Europakarte in Farbe zu bewundern). Im Anhang findet der Leser ein ausführliches Glossar mit Begriffserläuterungen, vornehmlich zu in den Texten verwendeten Fremdwörtern, sowie eine Zeitleiste, die einen guten Überblick über historische Ereignisse in der Welt der Zerbrochenen Puppe gibt. Auch die Autoren werden kurz vorgestellt, und so bietet Eis und Dampf eigentlich alles an zusätzlichen Informationen, was eine gute Anthologie braucht.


Fazit

Auch wer Die zerbrochene Puppe nicht gelesen hat, kann an Eis und Dampf seine Freude haben – wobei die Anthologie vor allem für Fans des Romans ein echtes Schmankerl ist. Die eiszeitliche Steampunkwelt bietet unglaublich viel Raum für die größtenteils kreativen Geschichten, von denen einige das Potential für eigenständige Romane haben. Insgesamt ist den zwölf Autoren eine wunderbare Mischung gelungen, die verschiedene Länder einbezieht und mit unterschiedlichen Stilen und Protagonisten überzeugt.


Pro & Contra

+ abwechslungsreiche Anthologie
+ unterschiedliche Schauplätze
+ faszinierende Eiszeit-Steampunk-Welt
+ Wiedersehen mit Charakteren aus Die zerbrochene Puppe
+ Kartenmaterial

o einige Beiträge hätten gerne länger ausfallen dürfen

- anthologietypisch sind ein paar Geschichten etwas mau
- Kartenmaterial leider nur schwarz/weiß

Wertung: 

Texte: 4/5
Gestaltung: 4/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5


Interview mit Judith und Christian Vogt (November 2013)

Rezension zu "Die zerbrochene Puppe"

Zuletzt aktualisiert: Montag, der 01. Februar 2016
 

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