Das Herz von Libertalia (Anna Kuschnarowa)

libertalia

Beltz (Februar 2015)
Hardcover, 461 Seiten, 17,95 EUR
ISBN: 978-3-407-81187-5

Genre: Historik / Piratenabenteuer / Jugendbuch


Klappentext

„Ein lustiges Leben und – wenn es sein muss – eben nur ein kurzes. Danach habe ich immer gelebt. Und wie es auch endet, bereuen werde ich es nicht.“

Irland, um 1700: Anne Bonny kommt als uneheliches Kind zur Welt und wird von ihrem Vater als Junge aufgezogen. Schnell begreift sie, dass Frauen in der Gesellschaft nur eine Nebenrolle spielen und Männerkleider Vorteile mit sich bringen. Annes Hunger nach Freiheit und Abenteuer ist groß, überwältigend ihr Traum vom wilden leben im sagenhaften Piratenreich „Libertalia“. Und so entflammt ihr Herz für den Piratenkapitän James Bonny – Anne brennt mit ihm durch und unternimmt wüste Kaperfahrten durch die Karibik …


Rezension

Mit „Das Herz von Libertalia“ widmet Anna Kuschnarowa der legendären Piraten Anne Bonny, die tatsächlich Anfang des 17. Jahrhunderts kapernd durch die Karibik zog, einen spannenden und berührenden Jugendroman: Anne wird als uneheliches Kind eines Hausmädchens und eines reichen Anwalts geboren und ihre frühsten Kindheitsjahre verlaufen vergleichsweise glücklich. Ohne Vater lebt sie mit ihrer Mutter und Uncle Grandpa Jack am Meer, wo sie wild herumtoben kann und abends gruseligen Seemannsgeschichten lauscht. So erfährt Anne erstmals etwas über das sagenhafte Piratenreich Libertalia, wo jeder tun kann, was er will, und alle sich gegenseitig in ihrer Freiheit respektieren. Auch als ihr Vater sie zu sich holt und sie in Jungenkleider steckt, damit seine eifersüchtige Ehefrau keinen Verdacht schöpft, ist Anne zufrieden. Als Junge verkleidet genießt sie schließlich viele Freiheiten.

Ihr Leben ändert sich jedoch schlagartig, als ihr Vater sich von seiner Frau trennt und mit Anne und ihrer Mutter nach Amerika übersetzt. Anne soll von nun an als Mädchen aufwachsen und hübsche Damenkleider tragen. Bald besitzt die Familie eine eigene Plantage und Anne wird auf eine Schule geschickt, wo sie jedoch weder mit den Mädchen noch mit den Jungs klarkommt. Niemand will etwas mit der burschikosen Anne zu tun haben – außer Charlie, ein Indianer, der ihr das Reiten beibringt. Er attestiert ihr das wilde Blut. Und er soll Recht behalten, denn Anne kommt immer weniger mit den steifen gesellschaftlichen Konventionen zurecht. Als Frau soll sie nur schmückendes Beiwerk sein. Und so kommt es, wie es kommen muss: Als sie den widerlichen Sohn eines Plantagenbesitzers des Geldes wegen heiraten soll, brennt sie mit dem Pirat James Bonny durch. Sie flüchten Richtung Karibik, wo Anne bald auf einem Piratenschiff anheuert …

Der Roman wird von Anne Bonny, die zu Beginn im Kerker sitzt, rückblickend erzählt. Zuerst widmet sie sich der Geschichte ihrer Eltern, was sich zwar seltsam liest, aber für den Verlauf der Story wichtig ist. Ebenso wie Annes Kindheit, die zwar Glücksmomente beinhaltet, jedoch stark von gesellschaftlichen Zwängen geprägt ist. Da kommt nicht nur bei Anne Frust auf – aus heutiger Sicht fällt es schwer, die vielen Ungerechtigkeiten zu ertragen und die ersten Kapitel lesen sich anstrengend, da vieles in kurzer Zeit abgehandelt wird. Als Anne mit James Bonny durchbrennt und ihn schließlich heiratet, wandelt sich die Geschichte: Anne scheint sehr plötzlich erwachsen geworden zu sein und man kann manchmal gar nicht glauben, dass sie noch ein Teenager ist, als sie James zur Hölle schickt. Denn der anfänglich charismatische Pirat entpuppt sich bald als fauler Feigling, der Anne nicht die Freiheit schenken kann, nach der sie sich sehnt.

Auf New Providence macht sich Anne schnell einen Namen als Teufelsweib. Nachts arbeitet sie in der Kaschemme einer einäugigen Frau und tagsüber streift sie als Mann verkleidet am Hafen herum und hilft, Schiffe zu reparieren – in der Hoffnung, selbst auf einem anheuern zu können. Da lernt sie den Piraten Calico Jack  Rackham kennen und verliebt sich in ihn. Er hilft ihr, auf einem Piratenschiff anzuheuern, wo sie als junger Mann von der Mannschaft geschätzt wird. Wirklich zufrieden ist Anne damit jedoch nicht: Sie will als Frau anerkannt werden. Ihr Piratenleben ist von vielen Erfolgen aber auch von Niederlagen geprägt. Bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr erlebt sie so viel, wie andere in ihrem ganzen Leben nicht. Um als gleichberechtigt anerkannt zu werden, muss sie stets mehr leisten als ein Mann, doch mit ihrer Intelligenz und den richtigen Worten und Taten gelingt es ihr nach und nach, sich Respekt zu verschaffen. Als Leser ist man tief beeindruckt von dieser wilden Person, die ihrem Herzen folgt und viel riskiert, um wenigstens ein Gefühl von Libertalia zu erleben.

Das historische Setting wurde von Anna Kuschnarowa äußerst stimmungsvoll umgesetzt. Zu Beginn in England wirkt vieles noch trist, doch sobald Anne Amerika erreicht, reißt die Atmosphäre den Leser mit. Die schwülen Sommer auf der Plantage, das weite Meer und das zügellose Leben auf New Providence – alles fühlt sich an, als würde man die damalige Zeit hautnah erleben. Diese bietet viel Schönes wie das kristallblaue Wasser und den salzigen Duft der Freiheit, aber auch Gestank und Grausamkeiten. Das Leben an Bord eines Piratenschiffs ist hart, jedes Gefecht kann den eigenen Tod bedeuten und zudem raffen Krankheiten und Mangelerscheinungen die Menschen dahin. Trotzdem empfindet man eine gewisse Romantik für das derbe Leben, das Anne sich erkämpft. Positiv fällt der offene Umgang der Autorin mit homosexuellen Beziehungen auf, die zur damaligen Zeit quasi als Todsünde galten. Auch wenn die betreffenden Charaktere sich verbergen müssen, erhält man als Leser ein aufrichtiges Bild ihrer Gefühle.

„Das Herz von Libertalia“ gleicht einer emotionalen Achterbahnfahrt und kommt als Jugendbuch recht anspruchsvoll daher. Anne ist nicht unbedingt ein Vorbild und man muss differenzieren können zwischen ihrem überschwänglichen und berechtigten Freiheitsdrang und ihrer kriminellen Energie. Zum einen widerfährt Anne viel Gewalt, wobei sie sich meistens gut zu verteidigen weiß, zum anderen kann sie selbst grausam sein, auch wenn sie dies zu vermeiden versucht. Als Pirat muss sie jedoch über Leichen gehen, das ist ihr bewusst und so hadert sie nicht mit sich, wenn sie jemanden töten muss. Aufgrund ihrer Lebensgeschichte kann man ihr Handeln nachvollziehen, doch ihre schnell wechselnden Beziehungen und ihr Talent für Lug und Betrug wirken auf befremdend. Letztlich bleibt sie eine verdammt sympathische Piratin, die alle Facetten ihres selbst gewählten Lebens durchmacht.


Fazit

„Das Herz von Libertalia“ changiert zwischen authentischer Historik und exotischem Piratenabenteuer. Anna Kuschnarowa stützt ihre Version der kurzen Lebensgeschichte von Anne Bonny auf Fakten, lässt sich dazwischen aber viele Freiheiten, um dem Leser eine spannungsgeladene und berührende Geschichte zu erzählen. Das gelingt ihr so gut, dass man Anne einfach mögen muss, auch wenn sie eine hartgesottene Piratin ist, die für ihr eigenes Glück über Leichen geht.


Pro & Contra

+ authentisch wirkendes Piratenleben
+ außergewöhnliche Protagonistin mit wildem Charme
+ Südseeatmosphäre der Karibik
+ Licht- und Schattenseiten
+ mitreißender Erzählstil
+ Verschmelzung von Fakten und Fiktion
+ schöne Gestaltung des Hardcovers

o relativ anspruchsvoll

Wertung: sterne4.5

Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5


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Tags: queere Figuren, Piraten