Sturmnacht. Die dunklen Fälle des Harry Dresden 1 (Jim Butcher)

Butcher Sturmnacht

Blanvalet, 23.11.2022
Originaltitel: Storm Front. The Dresden Files 1 (2000)
Übersetzung von Jürgen Langowski
Taschenbuch, 416 Seiten
€ 12,00 [D] | € 12,40 [A] | CHF 18,90
ISBN 978-3-7341-6335-7

Genre: Urban Fantasy, Krimi


Rezension

Harry Dresden ist ein praktizierender Magier in Chicago, der seine Dienste im Telefonbuch anbietet, was viele Menschen für einen Witz halten. Deshalb verdient er auf diesem Weg nur wenig. Ein größeres Einkommen verschafft ihm Lieutenant Karrin Murphy, Leiterin der Sonderermittlungseinheit des Chicago Police Department. Als Mitarbeiter in Mordfällen, in die das Übernatürliche verwickelt sein könnte, hat Harry Beraterstatus. Da er mit der Miete im Rückstand ist, nimmt er einen Auftrag von Monica Sells an, für den er einen Vorschuss von 500 $ erhält. Harry soll Monicas verschwundenen Ehemann Victor finden.

Karrin ruft ihn zu einem Tatort, es geht um einen Doppelmord, an Jennifer Stanton, die für den teuren Begleitservice der Vampirin Bianca gearbeitet hat, und an Tommy Tomm, Leibwächter des Unterweltbosses Gentleman Johnny Marcone. Die Opfer wurden beim Sex getötet. Beiden wurde der Torso von innen aufgebrochen, das Herz ist ihnen in der Brust explodiert. Es muss Magie im Spiel gewesen sein. Abends liest Harry einen Artikel über durchgedrehte Junkies, die die Droge ThreeEye genommen haben, mit der angeblich das Dritte Auge geöffnet werden kann. Drei Ereignisse, die zusammenhängen könnten…

Auf die US-amerikanische Urban Fantasy hatten Laurell K. Hamilton mit ihrer Serie Anita Blake, Vampire Hunter und Jim Butcher mit The Dresden Files prägenden Einfluss. Sturmnacht ist der erste Band der Dresden Files. Erstmals in deutscher Übersetzung 2006 beim Knaur Taschenbuchverlag veröffentlicht, folgte 2012 eine Neuausgabe bei Feder & Schwert und nun eine Neuausgabe bei Blanvalet, immer in der Übersetzung von Jürgen Langowski. Die Dresden Files haben sich zu einem Mikrokosmos mit mittlerweile 17 Romanen (Battle Ground ist der bislang letzte) und einer beachtlichen Zahl an Kurzgeschichten entwickelt. Weiter gibt es ein internationales Fandom, eine TV-Serie, Hörbücher, Comics und ein Rollenspiel.

„Waren Sie schon einmal verzweifelt? Absolut hoffnungslos? Haben Sie schon einmal im Dunkeln gestanden und ganz genau gewusst, im Herzen und im Kopf, dass es nie, niemals wieder besser wird? Dass etwas verloren ist, unwiederbringlich verloren, dass Sie es nie zurückbekommen werden?“ (S.270)

Der urbane Raum und die Welt der Magie gehören in Sturmnacht zusammen, auch wenn sich dies den meisten Menschen verschließt. Es gibt eine Vielzahl von Halbwesen, darunter Vampire und Elfen. Der Elf Toot liebt Honig, Milch, und möchte gerne mal eine Pizza essen. Bob der Schädel ist ein Luftgeist, der seinen Wohnsitz in einem Totenschädel hat und gerne Liebesromane liest. In der Wohnung von Harry übernimmt er die Funktion eines Computers. Eine Auseinandersetzung mit einem Krötendämon, eine weitere mit einem schnell wachsenden Skorpion sind humorvolle und selbstironische längere Handlungsblöcke. Der Bestand an übernatürlichen Wesen wird im Verlauf der Serie ausgebaut.

Harry kann seine magischen Fähigkeiten nicht immer so nutzen, wie er gerne möchte, weil er durch den Weißen Rat wegen Regelverletzungen unter Beobachtung steht und Sanktionen fürchten muss. Dies hat einen narrativen Vorteil: Harry wird nicht zu einer Überfigur, erzeugt bei Dritten mitunter Zweifel an seinen Fähigkeiten, und Probleme türmen sich sukzessive über ihm auf.

Bestimmend für den Roman ist eine Noir-Ästhetik. So beginnt er beinahe wie ein klassischer Noir-Krimi. Der Detektiv sitzt in seinem Büro, geplagt von Geldsorgen, weil er schon den zweiten Monat in Folge seine Miete nicht bezahlen kann. Wie bei Raymond Chandler wird sogar das Schild vor der Tür thematisiert, hier im Gespräch mit einem Postboten. Harry denkt nach über die Zeit, die Welt, die zunehmenden Katastrophenberichte, die wachsende Verblödung. Bis das Telefon klingelt und ihm, ebenfalls klassischer Noir, eine Frau einen Auftrag gibt.

„Wie sich herausstellte, hatte Linda Randall einen verdammt guten Grund gehabt, unsere Verabredung am Samstagabend nicht einzuhalten. Linda Randall war tot.“ (S.234)

Harry Dresden ist teilweise Noir-Klischee, wenn er seine zynische Weltsicht äußert oder unter Beweis stellt, dass er nicht korrupt ist, auch wenn er damit sich selbst schädigt. Andererseits ist er ängstlich, paranoid und hat einen empfindlichen Magen. Die Härte des Noir-Detektivs präsentiert er mit Vorlauf, in dem er seinen inneren Harry überwinden muss, was schon mal zu einem verbalen Schnellschuss führen kann.

„Ich bemühte mich, weder nervös noch eingeschüchtert zu wirken. Um bei der Wahrheit zu bleiben, war ich beides.“ (S.99)

Harry Dresden wirkt lebensecht, er hat Probleme, nicht nur finanzieller Natur, kämpft mit seiner Vergangenheit und versucht, in seiner Arbeit sich gesellschaftlich verantwortlich zu verhalten. Er fährt einen reparaturfreudigen blauen VW Käfer. Er ist selbstkritisch, macht Späße auf eigene Kosten, oftmals darin begründet, dass andere Menschen ihn nicht ernst nehmen. Er ist nicht nur einfach Ich-Erzähler. Immer wieder mal spricht er die Leser*innen direkt an, gelegentlich, um sein Selbstbild zu vermitteln, das nicht unbedingt intuitiv erkennbar ist. Erkennbar wird er aber sukzessive als widersprüchlicher Charakter, mal arrogant, mal voller Selbstzweifel, mal hart, mal unsicher.

Harry wird, als er ein Vorurteil über Frauen reproduziert, vorgeworfen, er sei ein Chauvischwein. Was zutreffend ist. Im Abstand von 78 Seiten stellen Bob und Karrin Harrys Männlichkeit in Frage. Und hinter seinem Kater Mister spielt er die zweite Geige. Und wenn er seine erotische Phantasie spielen lässt, wird am Ende doch nichts draus. Er erzeugt zu sich, seinem Denken und Handeln häufig eine ironische Distanz. Er kann aber auch lakonisch oder distanziert sein. Zu den Perlen des Romans gehören solche trockenen Charakterisierungen wie die Marcones: „Seine Augen hatten das Grün alter, abgenutzter Dollarscheine.“ (S.43)


Fazit

Sturmnacht ist ein unterhaltsamer und guter Einstieg in die Fantasywelt von Jim Butcher. Während der Fallbearbeitung lernen wir einen Teil des Dresden-Kosmos kennen, wobei wir erst einmal jede Menge über Harry erfahren, bis hin zu seinen Schwächen und manch fragwürdiger Ansicht. Aber auch die magische Welt erhält breiten Raum. Butcher nimmt den gesellschaftlichen Raum, in dem sich Harry Dresden bewegt, als gegeben.


Pro und Kontra

+ die magische Welt mit ihrer Bürokratie und ihren Regeln Regeln
+ die Noir-Ästhetik
+ was schiefgehen kann, geht oft genug schief

Wertung:sterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


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Tags: Urban Fantasy, Noir Krimi, Jim Butcher, Dresden Files, ambivalenter Held, Serienfigur