Literatopia

Normale Version: Terra Mater - Kapitel 2
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Unser Haus lag abseits des Dorfes Middleton, ungefähr eine dreiviertel Stunde vom Campus entfernt. Es war eine alte Farm, die mein Dad vor meiner Geburt zu einem Wohnhaus umgebaut hatte. Wir hatten davon ein dreistöckiges Gebäude abbekomme, der Rest wurde vermietet und die Tiere hier gehörten einem fremden Bauern. Wir hielten nur Daisy und ein paar Hühner. Trotzdem bin ich hier aufgewachsen, und ich liebte diesen Ort über alles.
Daisy stürmte von meinem Schoß und jagte über den Hof, als ich die Autotür öffnete.
“So agiel hatte ich sie schon lange nicht mehr gesehen.”, sagte Mom lachend, als Daisy ein paar Hühner aufscheuchte. Ich lachte herzlich und sagte mir, dass ich Daisy nicht allein lassen konnte. Sie war meine beste Freundin, wieso sollte ich sie im Stich lassen? Und sie liebte mich abgöttisch. Ich ging auf die Knie, und sofort kam meine Hündin zu mir. Sie ließ sich von mir nur zu gerne den Bauch kraulen und verfolgte mich akribisch, während Mom und ich in unser altbackenes Haus liefen. Die Vorderseit und die Veranda bestanden aus Holzbalken, die die Bauherren abgeschliffen und angebracht hatten. Die Fenster hatten alte Klappgitter, die das Sonnenlicht am frühen Morgen abdecken sollen. Mom hatte unter die Fenster Blumenkübel angebracht, aus denen nun violette Hängepetunien wuchsen. Meine erste Station, als ich das Haus betrat, war die Waschküche. Dort hatte Mom die Waschmaschine sowie Trockner, aber auch Wäscheleinen angebracht, die über den kompletten Raum hinweg gespannt wurden. Hier unten roch es immer ein bisschen nach Waschmittel und hier war eine hohe Feuchtigkeit vorhanden. Die Wände waren kahl, doch durch die Heizung, die das gesamte Haus mit warmen Wasser versorgte, fiel es nicht auf.
“Mom?”, rief ich, nachdem ich meine Kleidung in die Waschmaschine gesteckt hatte.
“In der Küche, Schatz!”, war die Antwort. Das gesamte Haus war gemütlich eingerichtet. Mom hatte nur die Möbel genommen, die ihr auch gefielen. Ihr war es egal, ob sie zusammenpassten oder nicht. Und mir ebenfalls. An den Wänden hingen Bilder, hauptsächlich von mir. Soweit ich weiß, war Mom gleich nach der High School mit mir schwanger. Mein Vater hatte sie während der Prom-Nacht geschwängert und nach dem Ergebnis im Stich gelassen, bevor sie kurz vor meiner Geburt wieder zusammengekommen sind. Also hat er gewartet, bis Mom das schwerste getan hat, bevor er sich wieder einklinkte. Und das hat sich auch heute nicht geändert, dachte ich zynisch. Dad kam nur dann vorbei, wenn er etwas brauchte. Geld, Wäsche, Essen. Und meine Mom gab ihm alles bereitwillig, was mich regelmäßig aus der Haut fahren ließ. Aber da sie es nur dann taten, wenn ich nicht Zuhause war, konnte ich ihm nicht selber die Meinung geigen. Dabei würde ich das so gerne mal tun!
Der Flur war eng. Die Jacken und Schuhe passten hier nur hin, weil wir eine kleine Nische hatten, in denen wir Kleiderhaken aufgehangen hatten. Über Daisys Kissen hingen verschiedene Leinen und Halsbänder in einer Reihe, von denen ich mir eine nahm.
“Ich gehe mit Daisy spazieren.”, sagte ich zu Mom und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Mom stand am Herd und begann für das Abendessen zu kochen. Unsere Küche war im Landhausstil gehalten, mit braunen Fronten und Stichbogenfräsung.
Sie lächelte. “Mach das. Aber bleib nicht zu lange.”
Ich musste schmunzeln, als ich aus der Küche ging. Manche Dinge würden sich nie ändern. Selbst wenn ich irgendwann eigene Kinder hätte, würde Mom mich noch wie ein Kind behandeln. Aber ich fand es nicht schlimm, immerhin liebte ich meine Mom abgöttisch.
Daisy hatte das Klappern ihrer Leine gehört und kam sofort angerauscht. Brav setzte sie sich vor mich und wartete, bis ich die Leine an ihrem Halsband befestigt hatte. Dabei fiel mir auf, dass ihr Halsband schon ziemlich abgenutzt und porös aussah. Ich beschloss, von meinem ersten Lohn ein neues zu kaufen.
Sobald wir die Farm verlassen hatten, spürte ich, wie die gesamte wöchentliche Anspannung von mir abfiel und ich mich entspannte. Das war der Zauber meiner Heimat. Hier konnte ich all meine Probleme für einen Moment vergessen. Ich atmete die frische Luft ein, erblickte ein paar Rehe und Hasen und fühlte mich einfach vollkommen. Daisy und ich liefen eine kleine Allee entlang, gesäumt mit verschiedenen Sträuchern und Haselnussbäumen. Auf dem Weg lagen geöffnete Hülsen der Haselnüsse, mit einem geraden Loch an der Spitze und ich sah an den Bäumen entlang, ob ich vielleicht ein Eichhörnchen entdeckte. Aber sie versteckten sich und futtertern wahrscheinlich ein paar Haselnüsse.
“Oh, Miss Meloy!”, hörte ich eine allzu bekannte Stimme. Oh, nicht doch, stöhnte ich in Gedanken, setzte aber mein freundlichstes Lächeln auf und wandte mich Mrs Jocelyn Donner zu.  Sie war eine elegante Frau Ende dreißig, stets adrett gekleidet und kein krummes Haar auf dem Kopf. Kurzum, sie  hatte einen Stock im Arsch. Ihre Tochter Monique stand ihr in nichts nach. Sie war gleich alt mit mir und studierte Medizin. Damit nervte Mrs Donner jeden, der nicht schnell genug flüchten konnte.
“Guten Tag, Mrs Donner.”, grüßte ich freundlich zurück. Daisy zog an der Leine und wollte Bella, Mrs Donners Pudeldame, beschnuppern, doch diese knurrte nur kurz.
Mrs Donner schnalzte mit der Zunge und sah Daisy mit hochgezogener Augenbraue an. “Würden Sie so freundlich sein, und Ihren Hund endlich ein paar Manieren beibringen? Sie haben sie ja nun lange genug.”
Innerlich knurrte ich, zog Daisy aber zurück und ließ sie neben mir platznehmen. “Verzeigung, Mrs Donner.” Nicht jeder Hund hat so einen Stock im Arsch wie Ihrer!
“Also ich habe Bella ja mit strenger Hand erzogen. Sie würde nie auf die Idee kommen, zu wildfremden Hund zu gehen. Und”, ihre Stimme erhob sich und ich sah, wie ihr Blick auf Daisys Halsband fiel, “natürlich bekommt Bella nur das beste von mir.”
Ich nickte steif. “Nun, Daisy liebt es lieber, in der Wiese herumzutollen, statt immer auf derselben Stelle zu verharren.”, sagte ich freundlich.
“Das sieht man.”, sagte Mrs Donner leise und schenkte mir ein falsches Lächeln. “Nun, Miss Meloy, ich hörte Sie studieren nun ebenfalls?”
Erneut nickte ich. “Ja. Ich studiere Musik.”
“Musik?”, wiederholte sie überrascht und trieb mein Blut beachtlich in die Höhe. “Kann man sich damit überhaupt seinen Lebensunterhalt verdienen? Also, meine Tochter Monique würde nie auch nur daran denken, mein Geld für so ein hirnrissiges Studienfach zu verschwenden.”
Ich biss die Zähne fest zusammen. “Musik ist nicht hirnrissig und das Geld auch nicht verschwendet.”, presste ich heraus.
“Nicht? Nun, ich weiß ja, dass Ihre .. Familie”, sie betonte das Wort Familie eigenartig, “nicht so gut, sagen wir, bestückt ist. Fänden Sie es nicht besser, das Geld Ihrer Mutter für eine bessere Gelegenheit zu benutzen? Wie meine Monique, die gerade ein Praktikum in New Yorks bester Klinik macht. Sie ist Klassenbeste.”, fügte sie stolz hinzu. Ich seufzte in mich rein. Jetzt kamen die Lobeshymnen. “In Yale, müssen Sie wissen. Wo studieren Sie nochmal genau?” Jetzt besah sie mich mit einem herablassenden Blick. Wahrscheinlich dachte sie, ich würde an einem Niemans-College studieren.
“An Harvard.”, sagte ich, nicht ohne Stolz. Schließlich war dies das beste College in den ganzen Vereinigten Staaten.
Ich sah einen kurzen Anflug von Überraschung über ihr Gesicht huschen, doch dieser war ganz schnell wieder verschwunden. “Natürlich hatte auch Monique dort einen Platz haben können, doch ihre Wahl fiel nunmal auf Yale. Immerhin braucht man ein gewisses … Talent, um dort aufgenommen zu werden. Verraten Sie mir, wie Ihre Mutter das Geld für diese Uni auftreiben konnte?” Wahrscheinlich wollte sie wissen, ob wir kurz vor dem Bankrott standen.
“Ich habe ein Stipendium.”, antwortete ich gelangweilt, als wäre es gar nicht wert, darüber zu reden.
“Oh.”, machte sie erstaunt. “Ich wusste gar nicht, dass Sie solches Talent besitzen. Nun, bei den Genen ist es auch kein Wunder. ”
Ich lächelte schmal. Das war der Grund, warum ich es nicht an die große Glocke hing.
“Was macht Ihr Vater?”
Und damit war meine Laune hinüber. “Er ist nicht hier.” Mehr sagte ich der alten Schabracke nicht.
Sie zog eine Augenbraue hoch, ein arroganter Zug huschte über ihr Gesicht. “Nun, ich hätte mich ja nie auf einen solchen Versager eingelassen, wie Ihre Mutter. Aber solche Frauen sind leicht zu beeindrucken.”
“Wagen Sie es nicht, ein schlechtes Wort über meine Mutter zu sagen.”, zischte ich.
Mrs Donner kniff die Augen zusammen. “Vergreifen Sie sich nicht im Ton, Miss Meloy. Meine Tochter würde es nie wagen, so mit jemanden zu reden.”
“Zum Glück bin ich nicht Ihre Tochter, Mrs Donner. Ich wünsche einen angenehmen Tag.”, sagte ich und drehte mich hoch erhobenen Hauptes um und ging meinen Spaziergang weiter.
“Aber bei so einem Versager von Vater sollte man von Ihnen auch nichts anderes erwarten.”, rief sie mir hinterher, doch ich drehte mich nicht um. Sie wollte mich nur provozieren, damit sie in Stadt erzählen konnte, wie verzogen ich doch war und was meine Mutter sich nur damals dabei gedacht hatte.
Während des gesamten Spaziergangs konnte ich mich nur spärlich beruhigen. Wie konnte diese Frau es auch nur wagen, schlecht über meine Familie zu sprechen? Gut, was meinen Vater betrifft, lag sie nicht ganz falsch. Er war nun mal ein Taugenichts. Aber meine Mutter war ein Engel, wie er im Buche steht. Außerdem, die Geschichten, die ich über Monique schon gehört hatte, würden Mrs Donner die Röte ins Gesicht treiben. Ich will gar nicht wissen, was Monique so ganz allein in New York trieb. Sie sprach nicht mit fremden Leuten? Ha! Vielleicht nicht in Ihrer Gegenwart, Mrs Donner. Sie würde sich umsehen, würde sie ihre Tochter von einer ganz anderen Seite erleben.
Bei unserer Farm hatte ich mich wieder im Griff. Ich wollte nicht, dass Mom davon erfuhr, das würde sie zu genüge in der Stadt erfahren. Ein weiterer Grund, warum wir außerhalb der Stadt lebten.
“Schatz? Bist du das?”, rief Mom aus der Küche.
Nein, ich bin der fliegende Holländer!
“Ja, Mom!” Ich band Daisy von der Leine und die Kleine flitzte zu ihrem Wassernapf. Ich schnupperte im Haus. Es roch nach Kartoffeln, gekochten Kohlrabi und Salatdressing. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Hungrig lief ich in die Küche. Drei Töpfe kochten auf dem Herd, während Mom den Salat in der Schüssel rührte und ein Brot im Ofen backte. Mom war multitaskingfähig.
“Ich decke den Tisch!”, sagte ich zu ihr und griff in die oberen Regale, um zwei Teller zu holen.
Mom sah mich lächelnd an. “Leg noch vier Gedecke auf.”
Ich sah sie fragend an. “Bekommen wir Besuch?”
“Tante Stephanie, Onkel Benny und die drei Frechdachse kommen über das Wochenende.”
Jubelnd holte ich noch vier Gedecke. Tante Stephanie und Onkel Benny wohnen in einem kleinen Vorort von Chicago, zwei Flugstunden von hier entfernt. Sie kamen nicht allzu oft hierher, deswegen war es umso schöner, wenn sie es doch taten. Tante Steph hatte vor kurzen ein kleines Mädchen bekommen, Amber, und ich hatte sie nur auf Fotos gesehen. Ihre beiden älteren Brüder, Dylan und Mason, waren einmal sieben und elf Jahre alt. Ich liebte die beiden abgöttisch, aber beide waren echte Satansbraten.
In diesem Moment fuhr ein Leihwagen auf unser Grundstück. Quiekend lief ich zur Haustür und riss sie auf, Daisy war mir auf den Fersen. Der große Van öffnete seine Türen und zwei Jungs kamen auf mich zugerannt.
Dylan war der größere, obwohl er jünger war. Er hatte schwarze Haare und grüne Augen und war etwas mollig, wobei er meiner Tante sehr ähnlich sah.
Mason war zwar kleiner, aber dafür definierter, da er leidenschaftlich gerne Fußball spielte. Er hatte halblange braune Haare und hellblaue Augen, die sehr klug aussehen konnten. Aber nur, wenn er wollte.
Beide schmissen sich mir in die Arme und riefen abwechselnd freudig meinen Namen. Ich drückte beide an mich, während ich meine Tante betrachtete. Sie hatte etwas zugelegt, was aber nach drei Kindern kein Wunder war. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem Bob schneiden lassen und sie hatte reichlich Falten im Gesicht. Benny hatte strubbelige schwarze Haare und - Moment, eine Brille? Ich musste mir das lachen verkneifen. Jetzt sah er gänzlich aus wie ein Nerd, vielleicht etwas zu alt für ein typischen Nerd. Aber mit seiner geraden Nase und einer schlaksigen Figur würde ich ihn sofort in die Kategorie Intelligent mit einem Hang zu Comics  einteilen.
Die beiden Jungs ließen mich endlich los und ich konnte meine Tante begrüßen. Sie trug ein Bündel bei sich, was sofort meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Lächelnd zeigte mir Tante Steph meine Cousine. Amber kam nach Ihrer Mutter. Das sah ich sofort. Sie hatte ihre braunen Locken und ihren Kussmund. Und als sie die Augen öffnete, sah ich die strahlend grünen Augen ihrer Mutter. Sie würde eines Tages eine Schönheit werden.
“Da müsst ihr aber gewaltig auf eure Tochter aufpassen.”, sagte ich lächelnd zu meiner Tante und meinem Onkel, was sie mit einem Grinsen quittierte, bevor sie mir das Bündel auf den Arm legte. Instinktiv schloss ich sie in die Arme, hielt ihr Köpfchen.
“Siehst du, selbst Freya kann sie nehmen.”, beschwerte sich Benny, als wir zum Haus liefen. Die beiden Jungs spielten mit Daisy auf dem Hof.
Tante Steph lachte. “Das hat nichts zu bedeuten. Freya hat dieselben Gene wie jede Mutter.” Steph sah mich und ihre Tochter liebevoll an. “Sie wird mal eine gute Mom.”
Ich wurde rote. Wie jedes Mädchen hatte ich mir vorgestellt, eines Tages Mutter zu sein. Natürlich erst, wenn ich dem Kind auch was bieten konnte. Also nach meinem Studium. Aber natürlich hatte ich schon ein paar Namen parat.
Benny schmollte. Er trug die Koffer, während Steph die Wickeltasche und Ambers Tragetasche trug.
“Jungs, kommt schon!”, rief Benny über die Schulter. Als Antwort kassierte er enttäuschtes Gestöhne und Ignoranz. Ich runzelte die Stirn, dann pfiff ich Daisy kurzerhand zu mir, dem sie sofort nachkam. Braves Mädchen. Grummelnd gingen Dylan und Mason ins Haus.
Mom hatte währenddessen den Tisch fertig gedeckt und schloss gerade Steph in die Arme, als ich mit Amber hereinkam. Sofort stürzte Mom sich auf das Baby und ich überließ ihr Amber schweren Herzens.
Wir aßen zusammen und meine Tante erzählte von Ambers erster Zeit außerhalb des Bauches, während Benny etwas einfügte, wo Seph etwas vergaß. Ich beobachtete die zwei. Normalerweise war nach dem dritten Kind die Luft zwischen einem Pärchen raus, nicht aber bei den beiden. Sie tauschten verliebte Blicke, streiften sich ab und zu und wirkten völlig zufrieden und glücklich, als sie ihre Kinder betrachteten. Steph und Benny waren seit ihrer Kindheit befreundet, irgendwann wurde mehr daraus. Es war eine typische Liebesgeschichte, wie ich sie gerne las und selber gerne erleben würde. Zuerst war Mason da, dann wurde geheiratet, kurz darauf kam Dylan und jetzt Amber. Ich wusste, dass sie sich ein Haus gekauft hatten und die Kinder quengelten, auch endlich einen Hund haben zu dürfen. Wie ich meine Tante kannte, wird es nicht mehr lange dauern. Immerhin wünschte sie sich auch lange Zeit ein Hund, nur hatte es niemals so geklappt. Tante Steph sagte, sie wollte eine Beziehung wie diese. Eine, wo
hinter vorgehaltener Hand nachgefragt wird, ob sie immer noch zusammen waren.
Als es Zeit fürs Bett wurde, begehrten die beiden Jungs auf. Ich versprach ihnen, eine Geschichte vorzulesen, wenn sie schneller als ich Bettbereit waren. Leider verlor ich, und so laß ich ihnen noch das Buch Der kleine Prinz vor, bis sie schliefen, was nicht lange dauerte. Kurz darauf verließ ich mit leisen Sohlen das Zimmer.
Mein Zimmer, oder eher meine Etage, lag im dritten Stock, wo ich ein kleines Wohnzimmer, ein Bad und ein Schlafzimmer hatte. Nachdem Dad ausgezogen war, wollte Mom aus seinem alten Zimmer ein neues machen und so entstand mein Traum. Es war vielleicht nicht groß, aber ich hatte einen eigenen Fernseher mit Netflix und ein eigenes Klo mit Dusche. Was wollte ich mehr? Ich stieg unter die Dusche, um den Schweiß des Tages abzuwaschen und putzte mir die Zähne. Dann ging ich in mein Zimmer und zog mir mein Schlafshirt an. Während ich meine Haare kämmte, plingte mein Handy kurz und zeigte eine neue Nachricht an.
Hailey: Hey Süße, wie ist dein Wochenende bis jetzt? Du verpasst hier was!
Sie schickte ein Bild mit, das sie auf einer Party mit flackernden Lichtern zeigte, einen Drink in der Hand und einem fremden Mann, der seinen Arm um ihre Taille geschlungen hatte. Ich grinste und schrieb zurück.
Freya: Tut mir leid, das ist nicht meins. Ich verpass hier gar nichts.
Als Anhang schickte ich ihr ein Bild mit Amber auf meinem Arm und Dylan und Mason neben mir. Ich bekam ein Herz zurück.
Hailey: Das nächste Mal schleppe ich dich mit auf die Party!
Freya: Das will ich sehen. XD
Hailey: Pass nur auf!
Freya: Pass du auf. Und komm gut heim.
Hailey: Mach ich. Und ich gehe bestimmt nicht allein heim Icon_wink


Grinsend schloss ich den Chat. Wir lebten unterschiedliche Leben, aber das war auch gut so. Ich holte noch Daisy in mein Zimmer, die vor meiner Tür jaulte und mich vorwurfsvoll ansah, als ich ihr die Tür öffnete. Sie sprang auf mein Bett und machte es sich dort gemütlich. Grinsend ging ich ebenfalls zum Bett und kuschelte mich neben sie. Nein, ich verpasste hier gar nichts.


Am nächsten Tag gingen wir alle zusammen mit Daisy spazieren, nachdem wir Moms grandioses Frühstück verspeist hatten. Dylan war stolz, seine Schwester im Kinderwagen zu schieben und Tante Steph ging Händchenhaltend mit Benny ein paar Schritte abseits. Ich ließ Mason Daisy führen und lief neben Mom. Das Gespräch mit Mrs Donners hatte ich beinahe vergessen, als wir eine andere Nachbarin trafen, Mrs Theodore. Sie war eigentlich immer freundlich zu uns gewesen, doch als wir sie diesmal grüßten, sah sie und nur wütend an und verschwand.
“Was war denn das?”, fragte Mom verblüfft und ich sah mich gezwungen, ihr jetzt doch von dem Gespräch zu erzählen.
Mom seufzte schwer. “Diese Frau bringt mich noch um den Verstand.” Ich war froh, dass sie mir keine Schuld gab. Dann nahm mich Tante Steph in beschlag und ich erzählte ihr bereitwillig, was in meiner ersten Woche passiert ist. Ich erzählte ihr von meiner neuen Wohnung, die ich mir mit Hailey teilte und von dem Unterricht den ich bis jetzt gehabt hatte. Nur Logan ließ ich weg. Ich wusste selbst nicht, wieso, aber etwas hinderte mich daran. Immerhin würde ich ja nicht wieder ein Wort mit ihm wechseln, oder?


Der Sonntag kam überraschend schnell und tränenreich. Tante Steph und Benny überraschten mich und schenkten ein Buch, das ich schon länger im Auge hatte. Außerdem wollten sie mich an die Uni fahren, sagte Amy mir. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich hievte mein Koffer samt Daisys Zeug in den Kofferraum, der nicht wirklich viel Platz zu bieten hatte. Tante Steph und Onkel Benny würde noch bis Ende der Woche bleiben und dann mit den Kindern zurückfliegen. Da ich vorhatte, das Wochenende beim Campus zu bleiben und zu büffeln, sah ich sie jetzt für lange Zeit das letzte Mal. Ich drückte Mom an mich, dann stieg ich zu meiner kleinen Cousine auf den Rücksitz, Daisy auf meinem Schoß.
Hailey begrüßte Daisy überschwänglich kennen. Diese begann natürlich sofort zu spielen, während ich meine Sachen aus dem Koffer lud. Nachdem dies erledigt war, und ich Hailey meiner Familie vorstellte, mussten wir uns auch schon wieder verabschieden. Die beiden hatten kein gutes Gefühl, ihre Söhne alleine bei ihrer Tante zu lassen, was ich durchaus verstehen konnte.
Als hätte er auf mich gewartet, brach er aus dem anliegenden Park hervor, nachdem meine Tante das Auto gewendet und vom Campus gefahren war.  Logan Mitchell blieb stockend stehen und sah mich an. Nein, er starrte mich an. Ich konnte gar nichts dagegen tun, ich musste zurück starren. Es war beinahe wie ein Zwang. Logan trug ein Funktionsshirt in weiß, das sich perfekt an seine Muskeln anschmiegte. Seine enge Jogginghose ließ mir nicht allzu Fantasie übrig, und sogar seine weißen Nike-Schuhe waren heiß. Verdammt!
Er ließ seinen Blick über mich wandern, über mein Gepäck und zu Daisy und Hailey. Dann sah er mich wieder an, bevor er plötzlich auf mich zu kam. Oh, nein, nein, nein, nein!, dachte ich panisch. Aber ich konnte nicht weg, konnte mich nicht bewegen. Es schien, als wären meine Füße mit dem Boden verwachsen. Dann stand er vor mir.
“Hallo, Freya.”, sagte er mit rauer Stimme.
Ich schluckte. “Logan.” Ich wollte meiner Stimme einen ernsten Klang geben, doch er kam drei Oktaven zu hoch raus. Ich hätte mir selber in den Hintern beißen können.
Er war größer als ich, weshalb er seinen Kopf senken musste. Wieso war er nur so groß? Und - was roch hier so gut? Unauffällig roch ich an ihm. Mh.  Er roch nach Mandarine, obwohl er gerade gejoggt war? Verdammt!
“Wie geht es dir?”, fragte er nach einiger Zeit des Schweigens.
Ich runzelte die Stirn. “Mir geht es gut, danke. Und dir?” Smalltalk. Das konnte ich.
Er begann zu grinsen. “Auch, danke.”
Dann herrschte wieder schweigen und ich wusste nicht, was ich denken sollte.
“Freya, ich nehme deinen Koffer schon mal mit hoch, ja?”, ertönte plötzlich Haileys Stimme neben mir. Ich hatte ganz vergessen, dass sie auch noch da war. Ich nickte dümmlich und sie griff grinsend nach meinem Koffer. Doch als sie nach meinem Geigenkoffer fassen wollte, hielt ich ihren Arm fest.
“Den nehme ich.”, sagte ich leise, aber entschlossen. Sie nickte verwirrt und ging die Treppen nach oben, nachdem sie mir Daisys Leine gegeben hatte.
“Ist das dein Hund?”, fragte Logan und ich zuckte kurz zusammen.
Ich nickte, plötzlich schüchtern. “Äh, ja. Das ist Daisy.”
Logan lächelte, dann ging er auf die Knie und ließ Daisy erst an seiner Hand schnuppern, dann streichelte er vorsichtig ihren Kopf. Es sah lustig aus, seine große Hand auf ihrem kleinen Kopf. Dann stellte er sich wieder hin und legte den Kopf schief.
“Was ich gesagt habe, tut mir leid. Ich hätte nicht vorschnell über dich urteilen sollen.”, gab er dann aufrichtig zu verstehen.
“Ist schon gut.”, murmelte ich und sah auf den Boden. Mir war es peinlich, dass er mich nach meinem Auftritt für eine oberflächliche Bitch hielt.
“Nein, das ist nicht gut.”, sagte er, jetzt etwas aufgewühlter. “Es hat dich verletzt, und das wollte ich nicht. Überhaupt nicht.”
Ich sah wieder auf. In seinem Blick lag so viel Reue, dass ich mich auf einmal auch schlecht fühlte, weil er ein schlechtes Gewissen hatte. Ergab das Sinn? Wohl kaum!
“Logan, es ist wirklich okay. Ich bin dir nicht böse.” Zumindest jetzt nicht mehr.
“Lass uns nochmal von vorne beginnen, ja?”, bat er mich plötzlich und streckte die Hand aus. “Hi, ich bin Logan Mitchell und studiere Astrophysik im zweiten Semester.”
Ich sah ihn erstaunt an, dann musste ich lächeln und erwiderte seinen Händedruck. “Hi. Ich bin Freya Meloy und studiere Musik im ersten Semester.”
“Hättest du etwas dagegen, wenn ich mich morgen zum Mittagessen zu dir setze? Ich würde dich gerne näher kennenlernen.” Er sagte es mit so viel Selbstvertrauen, dass ich kurz daran dachte, ihm zu widersprechen. Aber mein Mund entschied es anders.
“Okay.”, hörte ich mich sagen. Musste ich sein Ego auch noch pushen? Sein Lächeln vertiefte sich.
“Dann freue ich mich auf morgen. Freya, Daisy.”, sagte er zum Abschied und ging davon.
Ich atmete tief durch, dann griff ich nach meinem Koffer, schloss den Wagen ab und lief in unsere Wohnung. Mrs Duncan lächelte mir zu und Dippens schnupperte aufgeregt an Daisy, die nicht minder aufgeregt ihren neuen Spielkameraden begrüßte.
“Das ist aber eine Süße.”, schwärmte Mrs Duncan und kraulte Daisy hinter dem Ohr, während Dippens schwanzwedelnd bellte.
“Ja, Dippens, wir gehen ja. Wiedersehen, Liebes.”, rief Mrs Duncan entnervt und ging mit ihrem Hund vor die Tür. Ich war so froh, dass Mrs Duncan nichts gegen Hunde hatte und ich Daisy ohne Angst mitnehmen konnte.
“Wiedersehen, Mrs Duncan!” Dann stürmte ich die Treppen nach oben.
Dort angekommen, wurde ich sofort mit sämtlichen Fragen bombardiert.
“Was wollte Logan Mitchell? Was hat er gesagt? Was hast du gesagt? Wieso kam er so spät auf dich zu? Freya!”
Ich lachte auf. “Hailey, jetzt atme tief durch. Ich erzähle dir ja alles.”
Ich band Daisy von der Leine und sie schnüffelte an unserer gesamten Inneneinrichtung, während ich mich daran machte, Daisys Platz neben dem Sofa einzurichten. Die Näpfe der Hundedame stellte ich in die Küche neben dem Holztisch und die Leinen verstaute ich in dem Wandschrank im Flur. Währenddessen erzählte ich Hailey von meinem Gespräch mit Logan.
Am Ende schüttelte sie nur immer wieder den Kopf. “Das ist so krass. Erst habe ich ihn noch nie reden hören, und jetzt hört er gar nicht mehr damit auf. Du musst ihm ganz schön den Kopf verdreht haben.”
“Hailey, jetzt bleib mal ernst.”, verlangte ich lachend und füllte Daisys Wassernapf. “Ich habe ihm nicht den Kopf verdreht, ich bin doch erst eine Woche hier!”
Hailey stand auf und lehnte sich an den Türrahmen. “Freya, ich bin seit zwei Jahren hier und habe den Kerl noch nie so viel reden gehört wie mit dir! Naja gut, ich selber habe ihn ja nicht reden gehört, aber du weißt schon, was ich meine!”
Ich lachte über ihren Enthusiasmus. Doch für mich war diese Vorstellung absurd. Ich meinte, wie lange kannte ich ihn? Gerade mal eine Woche. Das reichte nie und nimmer für irgendwelche Gefühle, höchstens Freundschaft.
Unwirsch stellte ich den Wassernapf in die Halterung und füllte das Trockenfutter in den anderen Napf. Daisy interessierte dies nicht. Sie schnupperte gerade an unserer Topfpflanze.
Hailey lief zum Sofa zurück und ließ sich auf den Rücken fallen. “Hach, ich sehe es schon vor mir. Wie in einem Liebesfilm…”, seufzte sie verzückt und hob die Arme über den Kopf.
Liebesfilm? Danke, aber nein danke.
Ich beschloss, das Abendessen zu machen. Daisy legte sich in ihr blaues Körbchen und brummte zufrieden. Scheinbar gefiel ihr die Wohnung. Ich suchte in der Küche nach Zutaten in den größtenteils leeren Regalen und fand zum Glück alles, was ich für Nudeln mit Tomatensoße brauchte. Das Klappern der Töpfe, die ich aus dem Eckschrank neben dem Kühlschrank holte,  rief Hailey auf den Plan. Sie sah mir neugierig über die Schulter. “Du kannst kochen?”, fragte sie überrascht.
Ich zuckte mit den Schultern. “Nicht viel, aber es reicht zum Überleben.”
Hailey jauchzte auf und drückte mich von hinten an sich. “Hach, ich habe mir die richtige Mitbewohnerin ausgesucht!”,rief sie.
“Wir müssen noch einen Plan machen, wer was im Haushalt macht.”, erwiderte ich lachen und löste sich von mir.
Sie winkte ab. “Das mach ich. Morgen habe ich Informatik, das ist so langweilig, da kann ich einen Plan aufstellen.”
Ich grinste sie an.


Während die Nudeln kochten, rief ich Daisy ihr Fressen. Sie stürzte sich wie eine ausgehungerte Hyäne darauf, was Hailey zum lachen brachte. Hailey verschwand in der Dusche, während ich die Soße machte. Das Radio auf der Fensterbank spielte gerade einen neuen Remix von Alan Walker, bei dem ich mit wippte. Ich probierte die Soße, verbrannte mir prompt die Zunge und stellte sie auf die Seite. Perfekt. Als auch die Nudeln gekocht war, von Hailey aber immer noch nichts zu sehen war, beschloss ich, mir die ersten Aufzeichnungen der ersten Woche anzusehen. Also holte ich die Blätter und breitete sie auf dem Sofa aus.
Dann öffnete sich die Badtür und eine mumifizierte Hailey kam heraus. Ihre Haare waren in einem Turban aus Handtüchern versteckt, während sie sich um ihren Körper noch eines geschlungen hatte, und eines trug sie in der Hand, während eine hellgrüne Gesichtsmaske einwirkte. Hailey setzte sich neben mich und ich roch ihr Vanille-Shampoo. “Verdammt, ich muss auch noch lernen. Ich glaube, ich schreibe morgen noch eine Arbeit.”, stöhnte sie, als sie mir über die Schulter blickte.
Ich lachte auf. “Dann würde ich vorschlagen, du lernst nach dem Essen noch was.”
“Und was machst du dann? Du hast ja jetzt schon gelernt.”
Ich zuckte mit den Schultern. “Vielleicht mach ich den Fernseher an.” Ich nickte dem altertümlichen Röhrenfernseher auf einem wackligen Holztisch zu.
Ihre Augen wurden groß. “Kannst du mir was auf deiner Geige vorspielen? Bitte!”
“Ähh…”
“Bitte!”
“Okay, okay.”, gab ich mich geschlagen und hob die Hände. “Aber wehe deine nächste Arbeit wird keine eins.


Nach dem Essen spülte Hailey, während ich meine Geige aus dem Zimmer nahm. Was sollte ich nur spielen? Es war mir unangenehm, vor anderen zu spielen. Das tat ich selten. Das letzte Mal war es der Geburtstag meiner geliebten Grandma, die ein paar Monate später starb. Ich war froh, dass ich mich damals überwand und spielte. Grandma liebte meine Musik, und ich tat alles für meine Granny. Ich hatte ihr Lieblingslied gespielt, Die Moldau von Smetana. Spontan beschließe ich, das Lied nun zu spielen. Ich setzte meinen Bogen an die Seiten und begann. Die erste Note musste immer sitzen, der Rest kam danach. Irgendwann begann ich mich in der Wohnung zu bewegen. Ich lief von einer Seite zur anderen und bemerkte nicht, wie Hailey wieder zurückkam, sich auf das Sofa setzte und mir zusah. Ich blendete alles aus.
Erst als das Lied vorbei war, sah ich auf. Hailey starrte mich an, Tränen liefen über ihre Wange. Verdutzt ließ ich die Geige sinken.
“Geht es dir gut?”, fragte ich besorgt und kam langsam auf sie zu.
“Das”, brachte sie hervor, “war wunderschön, Freya.”
Ich sah sie erstaunt an. “Aber … wieso weinst du?”
Sie sah mich ungläubig an. “Weißt du eigentlich, wie schön du spielen kannst?”
Ich wand mich. “Nun ja, ganz passabel, wie jede andere Violinisten auch.”
Hailey beugte sich urplötzlich vor und packte mich am Arm. “Freya, du spielst so schön, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Wieso weißt du das nicht?”
“Ich spiele nicht oft vor Leuten.”, gab ich verlegen zu und sah nach unten.
Sie mache ein schnalzendes Geräusch. “Also, sowas nenne ich verschwendetes Talent! Wenn ich sowas hätte würde ich wöchentlich auftreten!”
Ich lachte und stand auf. “Okay, genug von mir. Hast du irgendwelche verborgenen Talente?”
Sie schnaubte und lehnte sich zurück. “Wenn ich das hätte, wäre ich nicht erst nach zwei Jahren aus dem Wohnheim ausgezogen.”, versicherte sie mir.
Ich grinste und verstaute meine Geige wieder in dem Koffer, den ich in mein Zimmer neben den Nachttisch stellte und holte mir meine Schlafanzug. Dann ging ich ins Bad, schälte mich aus meinen vollgeschwitzten Klamotten und stellte mich unter das Wasser. Ich entspannte mich und begann, mich mit einem Vanillieduschgel von Hailey einzucremen. Dann schäumte ich meine Haare noch ein, wusch alles wieder aus und schmierte mir noch eine Spülung ins Haar und wusch auch die wieder aus. Danach stellte ich das Wasser ab und wickelte mich in ein großes Handtuch, bevor ich meine Haare föhnte und danach ordentlich glättete. Schließlich trocknete ich mich ab und schlüpfte in meine graue Yogahose und dem übergroßen My-valentin-is-wine-Shirt. Meine Uhr zeigte erst acht Uhr an.
“Hast du Lust auf einen Film?”, fragte Hailey und wühlte in dem kleinen Schrank neben dem Fernseher.
“Klar. Aber ich geh erst schnell noch mit Daisy vor die Tür.”, sagte ich ihr, band Daisy an und lief nach draußen. Hailey winkte über die Schulter und holte einen altersschwachen DVD-Player aus dem Schrank.
Die kühle Luft umfing mich, als ich die Tür hinter mir zuzog, und ich hoffte, dass Daisy schnell ihr Geschäft erledigte. Ich hatte mir nicht mal eine Jacke mitgenommen und war nur schnell in meine Sneakers geschlüpft.
“Freya? Freya Meloy?”, hörte ich hinter mir eine Stimme fragen. Erschrocken drehte ich mich um und zog gleichzeitig meine Hand vor meinen Oberkörper.
Ein junger Mann, mitte dreißig, stand vor mir und starrte mich an. Ich kannte ihn nicht,
er schien mich jedoch zu kennen. Er war etwas kleiner als ich, mit gebleichten Haaren, an den Seiten rasiert und die Deckhaare wesentlich länger, und dunklen Augen mit violetten Schatten darunter. Er trug seine Kleidung vollständig in schwarz, als wollte er in der Nacht nicht gesehen werden. Er war sehnig und dünn, seine Kleidung hing etwas unförmig an ihm.
Daisy hatte sich zwischen meine Beine gestellt und knurrte den Fremden an.
“Wer sind Sie?”, fragte ich und machte einen Schritt zurück. Ich spürte Angst in mir empor kriechen, versuchte aber, mir nichts anmerken zu lassen
Sofort ging er einen Schritt auf mich zu. “Ich bin ein Freund, ich will dir helfen. Du bist hier nicht sicher!”
Ich runzelte irritiert die Stirn. “In Gefahr? Hier? Wieso? Wer sind Sie?”
“Mein Name ist Kaylen. Ich kann dir jetzt nicht mehr erklären, aber du musst vorsichtig sein. Geh nie irgendwo alleine hin. Du bist in Gefahr. Tut mir leid, ich muss gehen.” Damit drehte er sich um und rannte weg. Ich rief ihm nach, doch er drehte sich nicht mehr um. Wer war das? Woher kannte er mich? Und wieso sagte er, ich sei in Gefahr?
Schnell lief ich etwas um das Haus, damit Daisy ihr Geschäft erledigte, während ich über die kryptischen Andeutungen des Fremden nachdachte und mich ständig umsah. Was wusste er, das ich nicht wusste?
Wieder in meiner Wohnung erzählte ich Hailey sofort von meiner Begegnung. Sie hörte erschrocken zu, konnte mir aber ebenfalls keine Antwort geben. Sie riet mir nur, besonders vorsichtig zu sein. Schließlich lenkte sie mich mit einer DVD - Der Teufel trägt Prada - erfolgreich ab.


Der nächste Tag begann ganz normal. Ich stand auf, zog mir meine Jogginghose und mein Spaghettiträgertop an und ging mit Daisy vor die Tür. Draußen begann ich um den Campus zu joggen. Kurz dachte ich noch an die Warnung des fremden Mannes, dann tat ich es mit einem Schulterzucken ab und rannte meinen üblichen Weg. Diesmal begegnete mir niemand, wofür ich dankbar war. Die Begegnungen, dich ich in letzter Zeit hatte, reichten mir völlig. Daisy rannte ausgelassen neben mir her und bellte ab und zu einige Vögel an. Ich liebte es, sie so ausgelassen zu sehen. Allerdings war es wirklich notwendig, dass ich mir einen Job zulegte, damit Daisy wieder gepflegt aussah, ein neues Halsband bekam und ich wieder Nassfutter kaufen konnte.
Der Vormittag verstrich und ich wurde zunehmend nervös. Ich dachte an die Mittagspause und daran, dass Logan sich zu mir setzen wollte. Wieso, zum Teufel, war ich nur so aufgeregt? Es war schließlich nicht das erste Mal, dass sich ein Junge zu mir setzte. Trotzdem sah ich mich aufmerksam um, als ich die Mensa betrat und mich in die Essensschlange stellte. Ich bestellte mir zwei Stück Pizzen mit Salami und Pilzen und suchte mir einen freien Tisch, was gar nicht so leicht war. Doch ich fand einen, von dem gerade ein anderer aufstand, am westlichen Ende der Cafeteria und setzte mich. Ich versuchte, meinen Blick unauffällig über die anderen Schülern gleiten zu lassen. Doch ich sah ihn nicht. Ich biss ein Stück von der Pizza ab und spürte, dass meine Zunge noch immer etwas taub von der Soße gestern war. Nach zehn weiteren Minuten beschloss ich, meine Jobsuche fortzusetzen.Ich zog mein Handy aus der Jackentasche meiner Jeansjacke und googlte. Zwar fand einige ansprechende Jobangebote, wie die Betreuung in einem Kindergarten, als Hilfe in einer Bibliothek oder als Aushilfe in einem angesagten Club, aber ich wusste nicht, ob letzteres überhaupt für mich infrage kam.
“Hallo!”
Logans Stimme ließ mich erschrocken aufblicken. Er lachte über meine verdutzte Miene. “Was hast du gedacht? Das ich meine Versprechen nicht halte?”
Ich starrte ihn an. Nicht weil er absolut heiß aussah - er trug ein blaues, enges Jerseyshirt, was seine definierten Arme betonten und Jeanshosen, die einfach, wieder,  sexy aussehen- sondern weil er ein dickes Veilchen am rechten Auge hatte.
“Was hast du denn gemacht?”, fragte ich entsetzt, als er sich neben mir niederließ, und steckte mein Handy zurück in meine Tasche, bevor ich noch ein Stück abbiss.
Er zuckte nur mit den Schultern und griff sich das andere Stück Pizza, was er fast in einem Stück herunter schlang. “Hatte gestern noch eine … Auseinandersetzung.” Er betonte das Wort, was mich vermuten ließ, dass damit eine Prügelei gemeint war, mit vollem Mund.
“Wieso?” Ich überließ meine Neugier freie Hand. “Das war übrigens meine Pizza.”
Er schmunzelte. “Machst du dir Sorgen um mich?” Meine Reaktion auf seinen Diebstahl ließ er unbeantwortet. Ganz plötzlich wurde er ernst. “Mit wem hast du gestern Abend geredet?” Logan lehnte sich über den Tisch auf mich zu und sah mir tief in die Augen.
Seine Frage brachte mich aus dem Konzept. “Was… Woher weißt du, dass ich gestern nochmal draußen war?”
“Beantworte bitte meine Frage.”
Ich sah ihn irritiert an. “Stalkst du mich etwa?” Sollte ich das gut oder schlecht finde?
Er seufzte und ließ seine Hand durch seine dunkelblonden Haare fahren. “Ich … nein. Ein Freund hat es mir erzählt.” Wieso hörte es sich nach einer Ausrede an?
Stumm lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme. “Ein Freund, ja?”
“Also gut.”, stöhnte er nun auf. “Ich war nochmal in der Gegend und habe dich mit diesem Typen gesehen. Also?”
Die Intensität seines Blickes raubte mir den Atem. “Ich weiß es nicht. Er stand gestern einfach vor meiner Tür, ich kenne ihn nicht.”
“Was hat er gesagt?”
“Ich soll mich in Acht geben, ich sei in Gefahr. Er sagt, ich solle so schnell wie möglich von hier verschwinden. Kennst du ihn?”
Er nickte kurz und sah auf den Tisch. “Kaylen Thumb. Er hat viel mit Drogendealern zu tun.”
“Was wollt er von mir?”, fragte ich irritiert. Log er mich gerade an?
Logan wirkte ratlos, aber wütend. “Ich weiß es nicht. Aber ich habe ihm gestern klar gemacht, dass er sich von dir fernhalten soll.”
Ich fand es rührend und aufregend, dass Logan mich beschützen wollte. In meinem Magen kribbelte es aufgeregt. Aber wieso warnte mich ein Drogendealer?
“Tu mir einen Gefallen und sei nicht so oft allein unterwegs.”, bat mich Logan und beugte sich über den Tisch weiter zu mir.
Ich sah in seine himmelblauen Augen und war verloren. “Okay.”, hörte ich mich sage und Logan sah erleichtert aus. Wieso bekam er mich so leicht herum? “Aber ich muss mit Daisy Abends raus und brauche mein morgendliches Joggen.”
“Das mit dem Joggen bekommen wir hin. Ich könnte mit dir gehen?.”, bot er mir an und ich wurde rot. Wollte ich wirklich, dass Logan mich in enger Sportkleidung sah? Ein Teil von mir schrie begeistert Ja! aber der andere Teil gab zu bedenken, dass ich weit von jeglichen Modelmaßen entfernt war.
“Gib mir mal dein Handy.”
Überrumpelt ließ ich von meinen alten Selbstzweifeln ab. “Wieso?”
“Ich will dir meine Nummer einspeichern. Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn etwas sein sollte.”
Ich überließ ihm mein Handy und er speicherte seine Nummer ein. Dann rief er sich selber an, damit er meine Nummer auch hatte.
Mein Nacken kribbelte, und ich sah mich um. Mein Blick fiel auf drei Jungen, die mich teils ungläubig, teils wütend ansahen und die mir schon viel Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Es waren Logans Freunde, Aiden, Oliver und Asher. Neben letzterem saß eine bildhübsche Brünette und fütterte ihn mit kleinen Trauben, doch er sah nicht mal hin. “Ich glaube, deine Freunden ist es nicht recht, dass du hier sitzt.”, gab ich zu bedenken und sah wieder zu Logan. Dieser sah kurz auf und hinter mich, bevor er mich wieder ansah.
“Das ist mir egal. Dort werden eh nur dieselben Themen besprochen. Hier bei dir ist es schöner.” Er zwinkerte mir zu und ich wurde rot, was ihn zum lachen brachte.
“Hast du heute schon was vor?”
Ich zuckte mit den Schultern. “Ich muss lernen und Daisy beschäftigen. Wieso?”
“Geh mit mir essen.”
Ich schmunzelte, als ich daran dachte, wie er mich zum letzten Mal gefragt hatte.
“Was ist so lustig?”
“Ich muss gerade daran denken, wie du mich das letzte Mal gefragt hast.”
Jetzt schmunzelte er auch. “Jap. Bekomme ich jetzt auch wieder zu hören, dass du mir die Eier abreißt?”
Ich legte den Kopf schief. “Diesmal war es ja nicht ganz so schlimm. Reagierst du wieder so über, wenn ich dir einen Korb gebe?”
“Mhhh… Vielleicht entführ ich dich auch einfach und zwinge dich dazu.” Flirtete er mit mir? Ich kicherte albern und schämte mich im selben Moment dafür.
“Tut mir leid, aber ich will mich komplett auf mein Studium konzentrieren. Da brauche ich keine Ablenkung. Außerdem wollte Hailey heute was mit mir unternehmen.”
Er machte ein enttäuschtes Gesicht, bevor es sich wieder aufhellte. “Was habt ihr denn vor?”
Ich zuckte mit den Schultern. “Sie hatte irgendwas von Schwimmen gemeint.”
“Toll. Dann sehen wir uns da!” Er stand auf, während ich ihn anstarrte.
“Logan…”, protestierte ich schwach, als er sich zu mir herunter beugte. Plötzlich war er so nah, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spüren konnte. Ich sah in seine Augen, in denen ich ein paar grüne Sprenkel in der hellblauen Farbe sah, und erstarrte, während sich mein Hirn in Wackelpudding verwandelte.
“Ich gebe so leicht nicht auf, Freya. Das solltest du wissen.” Er schenkte mir ein wissendes Lächeln, dann drehte er sich um und verließ mit schnellen Schritten die Cafeteria. Unsere Mitschüler starrten abwechselnd die zuschlagende Tür und mich an. Was, in Gottes Namen, ist gerade passiert? Ich kam mir vor wie ein Kanninchen, hypnotisiert von der großen Schlange. Mist!


“Du … Warte, was?”,  kreischt Hailey am Telefon.
Ich stöhnte gequält auf. “Verdammt, Hailey. Ich habe Logan gesagt, dass du mit mir schwimmen gehen wolltest. Und jetzt will er auch dahin.”
Sie lachte laut auf. “Verdammt, Freya. Und jetzt soll ich alles stehen und liegen lassen, damit deine Lüge nicht auffällt?”
“Bitte!”
“Ich verstehe dich wirklich nicht. Der heißeste Kerl des Colleges will mit dir ausgehen und statt du einfach zu sagst, schiebst du mich vors Loch. Wieso?”
“Hailey, ich will mich komplett auf mein Studium konzentrieren und brauche keine Ablenkung.”
Sie kicherte bösartig am Telefon. “Und wieso setzt du grade Himmel und Hölle in Bewegung, damit wir schwimmen gehen und du Logan sehen kannst?”
Damit hatte sie mich schachmatt gesetzt. Ich wusste keine Antwort.
“Siehst du? Hör zu, wenn ich jetzt gehe, schmeißt mich mein Boss ganz sicher raus. Geh einfach hin, nimm deine Geige von mir aus mit und lass es auf dich zukommen. Wenn Logan wirklich dich ausgewählt hat, wird er sowieso nicht von dir ablassen. Er ist wie ein Terrier.”
Sie kicherte erneut, wünschte mir viel Glück und legte dann auf. Sie hatte mir von ihrer Arbeit erzählt. Hailey arbeitete in einer Reitschule außerhalb von Chicago. Sie liebte den Sport und liebte es, Kindern etwas beizubringen. Nur leider war ihr Chef das reinste Arschloch. Ich weiß nicht genau, was zwischen den beiden vorgefallen war, aber es schien nichts gutes zu sein.
Ich ging nach Hause. Daisy bellte mich freudig an und hüpfte an meinen Beinen hoch. Ich lachte und streichelte ihr weiches Fell. Dann suchte ich aus meinen Kleiderschrank meinen schönsten Bikini heraus- in schwarz mit violetten Blumen darauf - in welchen ich mich hinein zwängte, und sah mich zweifelnd im Spiegel an. War mein Bauch größer geworden? Und waren meine Oberschenkel schon
immer so dick? Wo hatte ich nur meine lange Hose? Verdammt, Freya! Jetzt zieh das Ding an und raus an den See!
Ich atmete tief durch, dann stellte ich mich aufrecht vor den Spiegel, zog meine Kleidung wieder darüber und ging mit Daisy, ein paar Handtücher und meinem derzeitigen Roman über den Campus. Mein Weg führte mich den kleinen Pfad entlang, den ich schon an meinem ersten Tag gefunden hatte. Daisy zog an der Leine und wollte, dass ich schneller lief, aber ich versuchte, meine Mitte wieder zu finden. Ich wollte nur ans Wasser, nicht einen Musikauftritt vor einem Millionenpublikum halten. Das war doch ganz leicht.
Bald roch ich schon das kühle Wasser und entspannte mich. Die Sonne knallte warm auf mich herab und ich freute mich schon, in dem kalten Wasser zu schwimmen.
Schnell fand ich ein schattiges Plätzchen unter ein paar Linden, breitete die Handtücher aus und löste Daisys Leine. Ich hatte keine Angst davor, dass sie verschwand, denn sie kam immer wieder zurück.
Ich sah mich um, konnte aber keinen Logan entdecken. War ich jetzt enttäuscht? Oder erleichtert?
“Hallöchen!”, sprach der Teufel in diesem Moment hinter mir.
Ich drehte mich grinsend um. “Du gibst wirklich nicht auf, oder?”
Logan sah mich unschuldig an. “Was meinst du? Ich habe dich ganz zufällig hier getroffen.”
“In Badehosen.”
Verdammt, wieso ist er ohne T-Shirt unterwegs? Ich kann sein Six-Pack erkennen, seine braungebrannte Haut, seine entspannte Haltung. Logan ließ seinen Blick über mich gleiten, und mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Als er mir wieder in die Augen blickte, schien sein Blick dunkler geworden zu sein.
Er lachte, dunkel und rau. “Ja, in Badehosen. Du sagtest, du willst schwimmen, also …” Logan sah sich suchend um. “Wo ist Hailey?”
Ich wurde rot. “Sie … konnte sich nicht von der Arbeit losreißen.”, stotterte ich.
“Ach?”, meint er grinsend. Idiot.
“Ja.” Ich sah angestrengt auf den See. Die Sonne glitzerte auf dem leicht gekräuselten Wasser und einige Schwalben flogen darüber. Am Rand wuchsen Farne und Blumen, einige Steine lagen dort und das Wasser brach sich im aufgewühlten Wasser. Schmetterlinge flogen in der Luft, es war eine unwirkliche, romatische Situation, die mir langsam unangenehm wurde.
“Äh… Ich gehe ins Wasser.”, murmelte ich und zog mir mein Shirt über den Kopf und gleichzeitig die Shorts aus. Dabei versuchte ich, mir meine Verlegenheit nicht anmerken zu lassen. Ohne einen Blick zu ihm lief ich auf das Wasser zu, Daisy folgte mir sofort. Ich hört Logans tiefes Lachen, als er mir folgte. Außerdem spürte ich seinen Blick wie ein Feuer, was sich in meinen Rücken brannte.
Das Wasser war kalt, als es meine Knöchel umspielte, und ich schnappte erschrocken nach Luft. Das hatte ich mir anders vorgestellt.
“Kalt?”, fragte der Mistkerl grinsend. Er stellte sich neben mich und sah mich an.
Stumm schüttelte ich den Kopf. “Kaum.”
“Dann los.” Er lief weiter in den See, bis das Wasser an seinen Hüfte leckte. Dann stieß er sich ab und tauchte unter. Allein vom Zuschauen bekam ich eine Gänsehaut.
“Kommst du?”, rief Logan, als er nach einigen Sekunden wieder auftauchte. Seine dunkelblonden Haare waren eine Nuance dunkler geworden, feine Wassertropfen perlten ihm über das Gesicht und den Oberkörper, was mir einen trocken Mund bescherte. [color=#000000][size=small][font=Verdana][i]Hör auf zu gaffen, Meloy!
Ich nickte angestrengt, und sah auf meine Füße, dann biss ich die Zähne zusammen und lief hinter ihm her. Das Wasser stieg immer höher, über meine Wade, meine Knie, meine Hüfte. Ich bildete mir ein, Frostbeutel an meinem Fuß zu spüren, doch ich lief weiter und tat es Logan gleich. Ich stieß mich ab und tauchte unter das Wasser. Eisige Kälte umspielte mich und ich musste aufpassen, dass ich unter Wasser nicht nach Luft schnappte. Und doch schluckte ich das Wasser irgendwie, sodass ich schnell nach oben schwamm. Prustend kam ich an die Oberfläche. Das Wasser lief mir über das Gesicht, sodass ich meine Augen nicht öffnen konnte und nun sinnlos in der Gegend schwamm. Da fassten mich zwei warme Hände an den Ellenbogen und hinderten mich am Untergehen. Daisy paddelte neben mir im Wasser und bellte einige Enten an, während ich langsam wieder zu Atem kam.“Geht es wieder?”, hörte ich Logan besorgt fragen. Ich nickte schnell und wischte mir einmal über mein Gesicht, bevor ich die Augen öffnete. Logan stand ganz nah bei mir.  In seinen blauen Augen sah Sorge, Sorge um mich. Das berührte mich irgendwo in meinem Innern. Ich sah zu ihm auf, begegnete seinem Blick und spürte, wie es in meinem Magen zu rumoren begann. Mein Unterleib zog. Irritiert machte ich ein paar Schritte von ihm weg. Seine Hände lösten sich von mir, hingen noch einen Moment in der Luft, bevor er sie fallen ließ.
“Danke.”, sagte ich leise und sah nach unten.
“Kein Problem.”
Wieder erfüllte unangenehmes Schweigen die Luft um uns. Ich sah in einiger Entfernung Leute vom Campus im Wasser baden. Einige spielten im Wasser mit einem Strandball, andere lagen faul auf der Wiese und tranken Bier. Jetzt kam ich mir komisch vor, dass ich ganz allein hier war, außer Daisy und irgendwie auch Logan. Ohne einen Ball oder Bier oder sonst was.
Da kam Daisy zu uns gepaddelt, in ihrer Schnauze hatte sie einen schmalen Stock. Ich wusste sofort, worauf sie anspielte. Ich nahm ihr den Stock ab und warf ihn weiter in das Wasser. Sofort schwamm Daisy zu dem Stock, schnappte ihn sich und schwamm weiter zu Logan, der das Schauspiel belustigt beobachtete. Er nahm den Stock und warf ihn zu mir. Ich fang ihn und warf ihn zurück. Logan griff übertrieben weit nach dem Stock und platschte ins Wasser, was mich zum Lachen brachte. Prustend tauchte er wieder auf, während ich versuchte, mein Kichern zu stoppen und einen ernsten Blick aufsetzte. Er kniff die Augen zusammen, nahm den Stock und warf ihn zu mir. Allerdings so weit hinter mir, dass ich mein Gleichgewicht verlor und der Länge nach im Wasser landete.
“Hey!”, rief ich und spritzt Logan Wasser zu.
“Hast du grade nicht gemacht.”, brummte er und ich machte einen Schritt zurück.
“Und wenn doch?”, forderte ich ihn heraus. Er sah mich noch einen Moment an, dann kam er so plötzlich auf mich zu, dass ich nicht reagieren konnte. Daisy war inzwischen wieder an Land und sah uns aus sicherer Entfernung zu.
Logan packte mich und hob mich auf seine Arme. Er grinste auf mich herunter. Ich spürte seine Wärme, und bekam eine Gänsehaut, was nichts mit der kalten Luft zutun hatte. Überdeutlich spürte ich unseren nicht vorhanden Abstand und war mir voll bewusst, dass mein gesamtes Gewicht auf seinen Armen lag. Mein gesamter Körper kribbelte nervös.
“So schnell also?”, zog er mich auf.
Ich schlug ihn auf die Brust, wahrlich muskulös, und zappelte in seinem Griff. “Das hättest du wohl gerne.”
Er zwinkerte, dann ließ er sich unter Wasser plumpsen und zog mich mit. Ich hatte damit gerechnet, hielt die Luft an und wartete, bis Logan so gnädig war und uns wieder nach oben brachte. Ich war ganz nah an ihm, spürte seine Wärme an meiner Haut und wagte nicht, mich zu bewegen. Logan roch so gut, so frisch und fruchtig. Wieder erinnerte mich sein Geruch an Mandarine und irgendwas herbes, was ich nicht definieren konnte.
Er sah auf mich herunter. Aus seinen Haaren tropfte Wasser auf mich herunter und glitzerten in der Sonne. Auf seiner Haut glänzten Wassertropfen in der Sonne und liefen runter. Verdammt, wie kann man nur so gut aussehen? Er wirkte auf mich wie ein wahr gewordener Traum. Unsere Blicke verhakten sich und ich bemerkte, wie Logan sich langsam zu mir beugte, sein Blick heftete sich auf meine Lippen.
Einiges Gekicher ließ mich schließlich aufschrecken. Ich bemerkte, wie einige in unsere Richtung gafften, und spürte, wie sich meine Wangen verfärbten. Ich unterbrach den Blickkontakt und sah verlegen nach unten.
“Lass mich runter.”, bat ich ihn dann leise.
Logan hob den Blick und sah zu den anderen, dann nickte er kurz und ließ mich wieder herunter. Ich atmete kurz ein, als das kalte Wasser auf meine inzwischen wieder erwärmte Haut traf, aber genauso schnell war das Gefühl wieder verschwunden.
“Daisy?”, rief ich zum Ufer. Sie wackelte mit dem Schwanz und bellte, bevor sie wieder ins Wasser auf mich zu schwamm.
“Sie ist gut erzogen.”, stellte Logan lächelnd fest.
Ich sah schüchtern zu ihm. “Meine Mom hatte sie mir geschenkt, vor zwei Jahren. Sie hatte sie von der Straße aufgelesen, halb verhungert und verwahrlost. Ich habe mich um sie gekümmert und sie erzogen. Sie ist meine beste Freundin.”, erklärte ich und nahm meine Hündin auf den Arm. Daisy hielt ganz still, während ich sie kraulte.
“Das sieht man.” Ich begegnete Logans Blick, der mich wieder gefangen nahm. Was hatte dieser Junge nur an sich, was mich so fesselte? Es würde schwierig werden, mich nicht auf ihn einzulassen, wenn er es lieber anders hätte. Wie sollte ich das nur schaffen?
In diesem Moment wurde ich von hinten angerempelt. Ich verlor das Gleichgewicht, Daisy fiel mit ins Wasser und ich versuchte mein Gleichgewicht möglichst schnell wiederzufinden, trat dabei aber so ungünstig auf, dass mein Fuß sich verdrehte und ich trotzdem ins Wasser fiel. Sofort war Logan an meiner Seite und hielt mich fest, damit ich nicht unterging.
“Hast du keine Augen im Kopf?”, knurrte er den Jungen an, der mich angerempelt hatte.
Doch er grinste nur frech. “Wette, du bist jetzt viel näher an ihr, als die kleine prüde Fotze dich sonst rangelassen hätte.”
Ich spürte, wie Logans Muskeln sich anspannten und er auf den Jungen zulaufen wollte. Doch er war vielleicht ein, zwei Jahre jünger als ich, weshalb ich Logan zurückhielt. Er hätte sich ohne weiteres auf ihn stürzen können, doch er erstarrte förmlich unter meiner Berührung. Logan sah zu mir, atmete tief durch und warf dem Jungen einen tödlichen Blick zu.
“Verzieh dich!”, sagte er reichlich angepisst zu dem Kleinen. Dieser feixte wie ein Kind, was bei etwas Verbotenes erwischt wurde und keine Strafe erwartete, und rannte zu seinen Freunden, die sich sofort um ihn scharten. Ich schätzte, das dies eben kein Unfall war. Ich schnaubte und verdrehte die Augen.
Logan half mir hoch und beruhigte sich langsam wieder. “Alles okay?”, fragte er besorgt. Ich nickte, sog aber gleich darauf scharf die Luft ein, als ich meinen verdrehten Fuß belastete.
“Es … geht gleich wieder.”, stieß ich aus, stützte mich aber gleich noch mehr auf ihn. Logan brummte, nahm mich dann kurzerhand auf den Arm und trug mich aus dem Wasser. Daisy schwamm vorneweg und wartete aufgeregt auf dem Ufer auf uns. Logan trug mich die Wiese hoch und setzte mich auf mein Handtuch ab. Dann begann er, meinen Fuß abzutasten. Ich verzog mein Gesicht und unterdrückte einen Schmerzschrei,  als er ihn bewegte.
“Ich bringe dich ins Krankenhaus.”, beschloss er dann und erhob sich.
Ich wehrte ab. “Brauchst du nicht. Nach einer ordentlichen Kühlung und Ruhe wieder der wieder.”, sagte ich leichthin. Mein Herz pochte schnell und meine abgekühlten Wangen begannen wieder zu glühen.
Logans Blick war ernst und besorgt, als er mich ansah. Er schien fest entschlossen. “Nein, ich werde dich zu einem Arzt bringen. Es kann sein, dass du dir den Knöchel gebrochen hast. Du kannst doch kaum laufen.”, beharrte er und beugte sich zu mir.
“Logan, bitte. Es geht mir gut. Ich komme schon klar.”, behauptete ich eingeschnappt und sah zur Seite.
Logan griff nach meinem Kinn und drehte es zu sich. “Hör zu, bei sowas lasse ich nicht mit mir reden. Ich werde auf dich aufpassen und mich um dich kümmern. Du brauchst nicht die Heldin zu spielen, lass dir einfach helfen.”
Ich sah ihn stirnrunzelnd an. “Wieso ist dir das so wichtig?”
“Weil du mir wichtig bist.”
“Du kennst mich doch erst eine Woche.”, erwiderte ich schwach und verwirrt.
Logan grinste überheblich. “Ich habe ziemlich gute Menschenkenntnisse und merke ziemlich schnell, wenn jemand Hilfe braucht.”
Ich verdrehte die Augen. “Ich bin definitiv keine Jungfrau in Nöten.”
“Da gebe ich dir recht.”
Ich schlug ihn auf den Arm und er lachte.
Dann wurde er wieder ernst. “Ich bringe dich jetzt zum Arzt. Keine Widerrede.”
Seufzend gab ich nach. “Gut. Aber ich muss Daisy nach Hause bringen. Hailey müsste inzwischen daheim sein.”
Logan nickte und half mir auf. Er hatte recht, ich konnte ohne seine Hilfe kaum laufen. Viele Leute gafften uns an, als wir an ihnen vorbei liefen. Logan hatte seinen Arm um mich gelegt und stützte mich, während ich mich unbemerkt an ihn kuscheln konnte. Wenn auch widerwillig, verstand sich. Und natürlich drückte er mich auch nicht an sich. Das wäre ja lächerlich.
Hailey war natürlich geschockt, als sie mich im Arm von Logan sah. Sie stand auf den Treppenstufen und hatte einen Stapel Briefe in der Hand, als wir am Haus anhielten. Hoffentlich blieb Mrs Duncan, wo sie war.
“Was ist denn mit dir passiert?”, fragte sie erschrocken und rannte auf mich zu.
Ich winkte ab. “Kleiner Badeunfall, nichts schlimmes.”
Sie verdrehte die Augen. “War ja klar, dass man dich nirgendwo hin allein lassen kann.”
Sie nahm Daisys Leine, die ich ihr reichte, und sah dann Logan an.
“Ich bringe sie zum Arzt.”, knurrte er und drückte mich noch gleich etwas dichter an sich. Mein Bauch schlug Purzelbäume.
Hailey nickte kurz und ich sah sie entschuldigend an. Wieso muss Logan immer so unfreundlich sein? Das letzte Mal war es noch anders gewesen. Er war nett gewesen. Was war zwischen ihnen passiert?
“Komm.”, sagte er leise, und wesentlich freundlicher zu mir. Ich hatte dem nichts entgegenzusetzen, also winkte ich Hailey kurz zu und ließ mich von Logan zu seinem Wagen führen, der etwas von unserem Haus entfernt parkte. Es war nur ein kleiner, schwarzer Audi, aber ich hatte mir auch nichts anderes vorgestellt. Er war so wie Logan. Ruhig, unauffällig, aber es brodelte unter der Oberfläche.
Logan öffnete mir die Tür und ich ließ mich auf den Beifahrersitz sinken. Im Wagen roch es nach Pfefferminze und Zitronengras, ich sah seinen Lufterfrischer unter dem Rückspiegel baumeln.Die Sitze waren aus weichem Leder und ich war froh, dass im Fußraum genug Platz war, um meinen Fuß auszustrecken.
Logan umrundete den Wagen und stieg neben mir ein. Er startete den Wagen mit einem leisen Brummen und einem Seitenblick zu mir, und wir fuhren los. Die Digitaluhr zeigte sechzehn Uhr an. Hatte um diese Zeit noch ein Arzt offen?
“Bei welchem Arzt bist du?”
Ich sah verlegen aus dem Fenster. Wie sollte ich ihm erklären, dass ich keinen Arzt hatte? Meine Mom hatte große Geldprobleme, eine Arztrechnung konnten wir uns nicht leisten. Sie hatte zwei Jobs, um die Rechnungen des Hauses auszugleichen. Ich fragte mich oft, wieso sie das Haus nicht einfach verkaufte. Vor allem jetzt, wo ich nicht mehr Zuhause bin. Irgendwas hielt sie dort, aber ich konnte nicht nachvollziehen, was.
“Freya?”
Ich seufzte. “Ich hab keinen Arzt.”
“Was? Wieso hast du keinen Arzt?”, wiederholte er fassungslos und warf mir einen weiteren Seitenblick zu, während er an einer roten Ampel hielt.
“Naja … ein Arzt war einfach zu teuer und…” Meine Stimme verklang. Es war mir so peinlich.
Logan erwiderte nichts, sondern blickte, als die Ampel grün zeigte, bevor er an der nächsten Kreuzung abbog.
[color=#000000][size=small][font=Verdana]“Wo bringst du mich hin?”, fragte ich, als wir langsam durch einige dunkle Straßen fuhren. Die Häuser hatten sich verändert, waren deutlich abgenutzt und nicht so gepflegt, wie ich sie bis jetzt kannte. Boston hatte scheinbar auch Schattenseiten.“Ich bringe dich zu meinem Arzt.”, brummte Logan. “Willkommen im Armenviertel.”

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