Literatopia

Normale Version: Fertig werden
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Ich sage es hier wie es ist: Ich habe nie eine längere Erzählung zu Ende gebracht. Verlief immer irgendwie im Sande.

Also, Hand aufs Herz:


Was sind eure Erfahrungen zum Thema "fertig werden"?
Werdet ihr fertig?
Was tut ihr, wenn ihr am fertig werden (ver)zweifelt?
Was kann man machen, um das fertig werden wahrscheinlicher zu machen?
Woher weiß man eigentlich, dass man fertig ist?
Wie fühlt sich der Moment an? Eher so Icon_jump oder so Icon_ugly  ...


Ich freue mich auf Geschichten aus dem Nähkästchen.
Und wieder hallo, Ichigo  Mrgreen (das reimt sich hihi)

Irgendwo habe ich mal gelesen, erst wenn man über eine Million Wörter geschrieben hat, kann man erwarten, dass man einen gelungenen Text (oder war es sogar ein Roman) zustande bekommt. Wenn ich nachrechne, kratze ich wohl an dieser Millionengrenze oder bin sogar schon darüber, aber ob das mit dem gelungenen Text hinkommt, müsste eigentlich eine andere Person beurteilen.^^

Ich habe viel geschrieben und nur unter einen Bruchteil der Texte würde ich das Wörtchen "fertig" setzen. Das sind dann die Texte, die ich gerne lese. Die lese ich dann nicht, um Fehler zu finden (vll auch, aber nicht alleine deswegen) oder um sie zu überarbeiten, sondern um tatsächlich in die fiktive Welt abzutauchen und meinen Figuren Hallo zu sagen. Es ist, als würde ich ein Buch aus meinem Regal hernehmen, um einfach nur zu lesen.^^

Der eine Text (> 100.000 Wörter), auf den das zutrifft, der hat lange gereift. Ich fürchte fast, der hat mehr Versionen als die Jahre, die ich an ihm geschrieben habe (das wären ca knackige 15). Einen richtig guten Text zu produzieren, verlangt sehr viel Leidens- und Kritikfähigkeit, das steht außer Frage. Sich mit anderen zu vergleichen, ist dabei tödlich, weil gerade in diesem Kontext nie von sich auf andere geschlossen werden darf oder eben von anderen auf sich selbst. Die Anzahl von Stunden, Tagen, Wochen oder eben auch Jahre, die du an einem Text sitzt, ist dabei unerheblich, weil jeder Mensch anders arbeitet und andere Lebensumstände hat, das zu vergleichen, kann nur zu Enttäuschungen und Verzerrung der Gegebenheiten führen. Aber ich denke, die meisten, die sich ernsthaft mit ihren Texten auseinandersetzen, realistische, aber dafür hohe Ansprüche an sich und ihr Werk stellen, werden dir sagen, dass nichts davon über Nacht entstanden ist und der Weg dorthin manchmal ein mühsamer, manchmal ein frustrierender, manchmal sogar ein aussichtsloser war, doch, sobald einmal am Ende angekommen, einer, den es sich zu gehen lohnt.

Was kannst du tun, um fertig zu werden? Die Antwort darauf ist einfach: Nicht aufhören. Dich von Selbstzweifeln nicht abwimmeln, dich von Nebengeräuschen nicht ablenken lassen. Immer wieder zurück zum Text kommen und ihm auf den Zahn zu füllen, herauszufinden, wo der Zahnschmelz angegriffen ist, wo mehr Pflege nötig ist. Happert es an der Struktur? Her mit der Zahnspange! Ui, diese Szene ergibt keinen Sinn und stört? Her mit dem Bohrer, weg mit ihr!

Ich werkle so lange an einem Text, bis er stark genug ist, um mich aufzufangen. Bis er ohne Anmerkungen, Verbesserungsvorschläge auskommt, um mich an der Hand zu nehmen und durch die Geschichte zu führen, als würde ich damit zum ersten Mal in Berührung kommen.

Natürlich macht es einen Unterschied, ob du einen Roman von ein paar tausend Wörter oder eine Kurzgeschichte von ein paar hundert Wörtern in Angriff nimmst. Wenn dir im Moment der Glaube an dich fehlt, dass du tausende Wörter zu einem funktionierenden Ganzen zusammentragen kannst, dann fang klein an und widme dich einer Kurzgeschichte. Schreibimpluse oder Wettbewerbe bzw. Ausschreibungen (die immer wieder als Impulse dienen) helfen dir, wenn dein Kopf momentan brach liegt. Besagte Ausschreibungen geben dir eine konkrete Zeichenanzahl vor, d.h. du weißt haargenau, wann Schluss ist - nämlich wenn du das xte Zeichen erreicht hast. Sollte die Geschichte, die du erzählen willst, aber noch nicht zu Ende sein, liest du dir den Text nochmal durch und erkennst, welche Stellen in die Länge gezogen sind oder einfach überflüssig sind und anderen Sätzen Platz machen können. Du musst nicht aktiv an Ausschreibungen teilnehmen (nur wenn du von deinem Text überzeugt bist) und deinen Text abschicken, aber ich würde dir dieses Format wirklich ans Herz legen, wenn du einfach nur einen Text beenden willst und dir im Moment die Ideen davonlaufen.

Ich denke, es ist v.a. der Irrglauben, es gäbe ein "Perfekt", der viele am Fertigwerden hindert. Aus Angst zu scheitern fange ich erst gar nicht an. Aber das, was du in Form von Bestsellern oder deiner Lieblingsbüchern kennst, war auch nicht vom ersten Moment an perfekt. Da steckt viel Herzblut drinnen, oft von einer Vielzahl von Menschen (Setzer*innen, Lektor*innen, Korrektor*innen, Testleser*innen etc.), also hat es keinen Sinn, Gedanken wie "So wie die kann ich nie schreiben!" zu denken. (siehe oben Vergleich mit anderen). Hab den Mut dazu, Fehler zu machen, und den Glauben an dich, diese zu erkennen und zu verbessern. Jeder geschriebene Satz ist ein Anfang und aus einem Anfang wird irgendwann auch ein Ende. Eine leere Seite wird immer eine leere Seite bleiben, wenn ich sie nicht mit Sätzen fülle.

Ich glaube, ich könnte bis in die frühen Morgenstunden weiterschreiben, aber würde mich doch nur wiederholen.^^ Fürs Erste mache ich hier mal Schluss. Icon_smile
Zitat:Ich fürchte fast, der hat mehr Versionen als die Jahre, die ich an ihm geschrieben habe (das wären ca knackige 15).

Wenn ich die ersten Gehversuche mitrechne, dann sind es sogar gute 20 Jahre. Damals habe ich mir den PC mit meinen Eltern geteilt und war so stolz darauf, zusammenhängende Sätze in Word zu produzieren. Auf Disketten hatte ich meine "Sicherungskopien".  Icon_lol Was gäbe ich dafür, die ersten Anfänge noch einmal zu lesen, ein Virus hat den PC leider lahm gelegt und wie es mit der Speicherfähigkeit der Disketten aussieht, brauche ich, glaube ich, nicht ausführen.  Icon_ugly Die Urururururururversion war auf jeden Fall ganz anders als die heutige, von der ich mich nicht mehr recht trennen möchte. Damals war der Protagonist noch der Antagonist, der zum Guten bekehrt werden sollte und das Schema Jungs vs. Mädchen war sehr präsent, außerdem waren die Figuren wesentlich jünger (gleich alt wie ich damals^^). Vier Jahre später habe ich dann einen "Prolog" produziert, der 8 Kapiteln hatte und an die 50 Wordseiten lang war, nur um ihn dann Jahre später wieder zu kicken. Es handelte sich hierbei um die Vorgeschichte einer Figur, die, sagen wir mal, 800.000 Wörter später eine Rolle spielt. Ich habe schon immer global gedacht.  Icon_lol Die Geschichte aus dem Prolog würde ich heute in eine Art sehr stark gekürzte Rückblende verpacken, dazu mache ich mir erst Gedanken, wenn es so weit ist.

So viel zum Thema "Verzetteln", das du an anderer Stelle angesprochen hast. Ich möchte mir gar nicht ausrechnen, wie alt ich sein werde, wenn ich dieses Mammutwerk endlich in der Form habe, wie sie die ersten 100.000 Wörter im Moment haben. Mit der bin ich halbwegs zufrieden.  Icon_lol Halbwegs, weil es sicher immer etwas geben wird, was an einem Text verbesserungswürdig ist (wie gesagt, es gibt kein absolutes Richtig und kein absolutes Falsch). Den perfekten Text wird es nie geben, auch wenn diese Illusion immer wieder reproduziert wird. Selbst Veröffentlichungen von Großverlagen, die ja scheinbar das non plus ultra guter Literatur vorgeben, sind nicht fehlerfrei. Es ist gut, dass man an sich selbst den Anspruch stellt, den möglichst perfekten Text zu schaffen, doch man sollte auch akzeptieren können, dass das nur ein Idealzustand ist, der eigentlich nie zu erreichen ist. In dem Fall ist der Weg dorthin das Ziel.

Für mich ist ein Text dann eben fertig, wenn ich darin versinken kann und mich als schreibende Person vergesse. Das braucht allerdings reichlich Überarbeitungen und Distanz zum Text selbst. Es gibt nichts Frustrierenderes, wenn der Text noch immer so präsent ist, dass man ihn quasi aufsagen könnte und gar nicht mehr lesen braucht, weil noch alles so frisch im Kopfkino ist. Zwischen dem, was da stehen sollte und was dasteht, liegen oft Welten, das fällt vielen oft schwer zu akzeptieren.

Jetzt habe ich doch noch etwas dazu geschrieben ... wenn sich nicht bald noch jemand dazu äußert, monologisiere ich fröhlich weiter.  Mrgreen
Zitat:Wenn dir im Moment der Glaube an dich fehlt, dass du tausende Wörter zu einem funktionierenden Ganzen zusammentragen kannst, dann fang klein an und widme dich einer Kurzgeschichte. Schreibimpluse oder Wettbewerbe bzw. Ausschreibungen (die immer wieder als Impulse dienen) helfen dir, wenn dein Kopf momentan brach liegt. Besagte Ausschreibungen geben dir eine konkrete Zeichenanzahl vor, d.h. du weißt haargenau, wann Schluss ist - nämlich wenn du das xte Zeichen erreicht hast.

Das ist eine verdammt gute Idee. Ich hatte eh Kurzgeschichten vor, um ins Schreiben reinzukommen, zu üben und um Figuren/Orte/Themenbereiche kennen zu lernen. Unter dem Aspekt "Fertig werden" habe ich das allerdings noch nicht betrachtet.


Zitat:Für mich ist ein Text dann eben fertig, wenn ich darin versinken kann und mich als schreibende Person vergesse. Das braucht allerdings reichlich Überarbeitungen und Distanz zum Text selbst. Es gibt nichts Frustrierenderes, wenn der Text noch immer so präsent ist, dass man ihn quasi aufsagen könnte und gar nicht mehr lesen braucht, weil noch alles so frisch im Kopfkino ist. Zwischen dem, was da stehen sollte und was dasteht, liegen oft Welten, das fällt vielen oft schwer zu akzeptieren.

Das hast du schön gesagt.
Auf eine Art heißt das ja ... der Text ist dann fertig, wenn er nicht mehr meiner ist Icon_confused 
Also wenn er sich vom Autor emanzipiert hat ...
Oh well.


Danke für deine vielen Gedanken Icon_smile

LG
Ichigo
Zitat:Auf eine Art heißt das ja ... der Text ist dann fertig, wenn er nicht mehr meiner ist 

Das würde ich so nicht sagen. Ich denke, ein Text ist fertig, wenn er für sich stehen kann. Wenn er quasi ohne Gehhilfe auskommt, du ihn nicht mehr an der Hand nehmen musst, damit er be-stehen kann. Anderer Vergleich: Ein Text ist wie ein Baby, das im Bauch heranwächst. Die 9 Monate stehen für die Zeit, die es braucht, um aus dem Text ein fertiges Konstrukt zu machen, das in der Welt bestehen kann, autonom von dir. Wie ein Baby ist der Text noch immer ein Teil der Person, die ihn geschaffen hat, noch immer deins, aber eben von dir getrennt wahrnehmbar.

Ich erkenne mich in so vielen Passagen wieder, oft erinnere ich mich an die Hintergrundgedanken, wie es zu der Szene gekommen ist, aber ich kann mich eigentlich nicht mehr an den Schreibprozess erinnern. Eine Stelle ist dann fertig ("perfekt"), wenn die Baustellen, die es beim daran Werkeln gegeben hat, nicht mehr präsent sind. So meine Erfahrung.
Ich hatte mich ja bereits geoutet, dass das Thema "Fertig werden" für mich... ja, ein THEMA ist  Icon_lol 
Ich bin mit der Kurzgeschichte jetzt zwar noch nicht fertig fertig, aber trotzdem sehr glücklich, dass der Rohtext von Anfang bis Ende auf Papier steht. Als Zwischenstand notiere ich hier mal, was mir dabei geholfen hat:

Der "Master Plot" von Deborah Chester in "Fantasy Fiction Formula"
Für Kurzgeschichten besteht der Masterplot aus vier Teilen, welche jeweils 1500 Wörter umfassen sollen (hero gets into trouble, double the trouble, hero makes progress, all seems lost / triumph).
Ob ich den Aufbau perfekt eingehalten habe und ob ich das überhaupt exakt will, muss ich im Rahmen der Überarbeitung nochmal überprüfen. Bei der Wortzahl ist zu beachten, dass es sich um eine Angabe für englischsprachige Autoren handelt.
Aber jetzt mal jenseits von der Erbsenzählerei: Der Master Plot hat mir sehr geholfen,
1. eine narrative Grundstruktur zu erstellen
2. die Geschichte zu begrenzen (es fallen mir immer noch irgendwelche Zusatzszenen ein - aber da muss ich mich dann eben entscheiden) und
3. ich hatte automatisch auch eine Struktur für mein Arbeitspensum.

Konzentration auf den Rohtext
Mein Ziel war AUSSCHLIESSLICH, den Rohtext fertig zu stellen. Dieser ist ROH und noch nicht perfekt. Das hielt ich mir immer wieder vor Augen und konnte dadurch Zeit, Kraft und Perfektionsfrust sparen:
> Überarbeitungsbedürfnis konsequent abblocken: klar habe ich auch mal den geschriebenen Text gelesen, musste auch mal was umstellen, Tippfehler korrigieren etc., aber alles was in eine zeit- und kraftintensive Überarbeitung ausartet, habe ich abgeblockt. Wenn ich wusste, dass eine Stelle noch anders werden muss, hab ich einen Kommentar ins Word eingefügt, aber nicht angefangen, den Text zu polieren.
> miese Stellen durchstehen statt sich darin verrennen: Ich glaube, an manchen Stellen wäre ich einfach stecken geblieben, wenn ich meinem Perfektionismus gefolgt wäre. Manchmal fallen einem nicht sofort die richtigen Worte ein oder ich merke, dass ich ständig die gleichen Verben verwende... die Bearbeitung kostet nicht nur Zeit und Kraft, sondern wenn sie auf Anhieb nicht gleich so gut läuft im schlimmsten Fall auch Selbstvertrauen. Aber mein Ziel war ja, weiter zu gehen und mich vorerst nicht mit einer tiefergehenden Bearbeitung aufzuhalten. Also dachte ich mir, wenn mir alles holprig vorkam, einfach nur "Ist egal, muss noch nicht gut aussehen", und schrieb einfach weiter...

Der Text kommt jetzt in die Schublade und nach etwas kreativer Pause gehts an die Überarbeitung. "Fertig werden Teil 2" folgt also ... Icon_jump