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Normale Version: Der Brunnenbauer
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Der Brunnenbauer ist ein staatlich anerkannter Ausbildungsberufs. Er stellt Entsorgungsleitungen für Abwasser her und führt Instandsetzungsarbeiten von Abwassersystemen aus. Außerdem baut er Kanalbauwerke wie etwa Schächte und Regenrückhaltebecken.

Die Düsseldorfer Altstadt ist nicht nur die längste Theke der Welt. Ihre Kanalisation ist auch das Rückzugsgebiet für einige sehr merkwürdige Lebewesen.

"Mein Mann Sieghard und ich betreuen das Kanalsystem," berichtet Hiltrud Troschmann. "Sie wissen ja, wie das ist: jede größere Stadt hat ihr Stadtgebiet in Gebiet unterteil, die von einer Firma betreut werdfen. Flußnahe Abschnitte sind besonders arbeitsintensiv. Der Boden ist hier feuchter als in flußfernen Regionen. Wir müssen also häufiger kontrollieren, ob unter der Erde alles in Ordnung ist."

UNd das hat das Ehepaar auch getan. Sie haben den Gullideckel vor ihrer Haustüre hochgehoben und begannen ihren Kontrollgang. Zuerst achteten sie nicht auf die vielen Schatten. Das waren sie ja gewohnt. Erst als sich die Schatten bewegten und ihnen folgten, wurde Sieghard aufmerksam. "Sehen wir jetzt schon Gespenster?" fragte er seine Frau und dreht sich zur ihr um. Und blickte in das Gesicht einer merkwürdigen Gestalt: deutlich kleiner als er, gepuderte weiße Perücke, unreine Haut im Gesicht, wie ein Fürst aus dem Mittelalter gekleidet. "Oh, ein Schauspieler aus dem Stadttheater," war sein erster Gedanke.

"Wer sind Sie? Was machen Sie hier?" lauteten Sieghards Fragen. Doch sein Gegenüber schien ihn nicht zu verstehen. "Fridericus sun. Es?" antwortete er. Da verpaßte Sieghard ihm kurzerhand einen kräftigen Kinnhaken, so daß der Mann zu Boden ging. Zusammen mit seiner Frau schaffte Sieghard den Besinnungslosen zurück zur Erdoberfläche. Und rief auch gleich den Notarzt und Ordnungsamt, so verwahrlost, wie der Mann aussah.

"Er heißt Friedrich; seinen Familiennamen weiß er nicht. Und gemeldet ist er auch nirgends. Offensichtlich liegt hier eine Ordnungswidrigkeit vor," war einige Tage später von der Stadtverwaltung zu hören.

"Unsere Instrumente spinnen," rief zeitgleich das Krankenhaus aus. "Friedrich hat zwar schlechte Zähhne und Probleme mit der Haut, ist aber ansonsten kerngesund. Nach unseren Meßergebnissen ist er aber rund 300 Jahre alt" Ein weiteres Problem seien seine Eßgewohnheiten. Frisches Obst und Gemüse kenne er nicht. Hinsichtlich Fleisch bevorzuge er Ratten, Mäuse und Würmer. Es scheint so, also habe er sich von dem ernährt, was er in der Kanalisation bekommen habe. Irgendwie komisch, der Mann.


Majestät. (kurze Pause) Ihre Majestät? (kurze Zeit später, zum Kammertürken) Laufe Er zum Kammerdiener und machte Er Meldung, daß Ihre Majestät verschwunden ist.

Wenige Minuten später begann eine der umfangreichsten unterirdischen Suchaktionen der Stadtgeschichte. Jeder Kanal wurde durchstöbert, jeder Stein umgedreht. Majestät blieb verschwunden.

Fündig wurde der Hofstaat erst, als Sieghard und Hiltrud wieder unter der ERde auftauchten. Die Unterirdischen warfen sich auf die Eindringlinge, setzten sie fest und verlangten zu wissen, ob man Ihro Majestät gesehen habe. "Friedericus est?" fragte Sieghard, einer Eingebung folgend. "Ita es." - "Tu com meus." Sieghard war sich zwar nicht sicher, was ein alter Lateinlehrer zu dieser Unterhaltung sagen würde, erreichte aber, daß ihm die kleine unterirdische Truppe folgte und ihren König im Krankenhaus vorfand.


Seitdem ist die Existenz des kleinen unterirdischen Hofstaates bekannt. Um wen es sich dabei handelt und wie die Menschen so lange im Kanalsystem überleben konnten, wird derzeit untersucht.