Literatopia

Normale Version: Lyrik und Lieblingslyriker
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Hallo Zusammen,

Celan und Rilke haben wir ja schon im Autorenregal, ansonsten geht die Lyrik meiner Meinung nach ein wenig unter in diesem Forum. Diesen Thread möchte ich unseren Lieblingsgedichten und Lieblingslyrikern widmen (im alten Forum gab's sowas ja) - als Leseanstoß und Diskussionsgrundlage.

Ich möchte hier zwei meiner Lieblingsgedichte vorstellen:


The More Loving One - W. H. Auden

Looking up at the stars, I know quite well
That, for all they care, I can go to hell,
But on earth indifference is the least
We have to dread from man or beast.

How should we like it were stars to burn
With a passion for us we could not return?
If equal affection cannot be,
Let the more loving one be me.

Admirer as I think I am
Of stars that do not give a damn,
I cannot, now I see them, say
I missed one terribly all day.

Were all stars to disappear or die,
I should learn to look at an empty sky
And feel its total dark sublime,
Though this might take me a little time.


Auf dieses Gedicht bin ich aufmerksam geworden, als Bekannte einen Auszug ("If equal affection cannot be / let the more loving one be me") als Hochzeitsmotto genommen haben, ohne daß ihnen Tragik und Tragweite dieser zwei Zeilen überhaupt bewußt waren. Wenn Zuneigung im vergleichbaren Maße nicht sein kann, laß mich der sein, der mehr liebt - es könnte so eine schöne Zeile sein, und doch ist dieses Gedicht eins der traurigsten Gedichte, die ich kenne, die die Hoffnungslosigkeit einer fürchterlich einseitigen, unerwiderten Liebe in einer Sprache zum Ausdruck bringt, die ihresgleichen sucht. Auch als jemand, der mit Englisch als Bildungs- und erster Umgangssprache aufgewachsen ist, tue ich mir manchmal schwer, die grammatikalischen Konstruktionen, zu erfaßen.
Biographie von W. H. Auden (1907-1973) auf wikipedia


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Die gestundete Zeit - Ingeborg Bachmann

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundetete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald musst du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundetete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.


Zunächst einmal eine Erklärung an alle, die nicht aus den Alpen kommen: Lupinen sind eine Art Blumen.
"Die gestundete Zeit" ist wahrscheinlich das bekannteste Gedicht Bachmanns und auch eines ihrer typischsten. Mir gefällt es, weil es Hoffnung gibt in dem Grau, weil die Metaphorik sich in alle Richtungen interpretieren läßt.
Ingeborg Bachmann auf Wikipedia


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Ich hoffe, mein Thema findet ein wenig ANklang hierorts und wird nicht nur zu einem "Ich-erschlage-meine-Mituser-mit-allen-meinen-Lieblingsgedichten", sondern daß auch ein Austausch stattfinden kann!

Auf Wiederlesen! t.

Isola

Hallo talblick,

ich möchte an dieser Stelle dezent auf diesen Thread verweisen Icon_wink

Wenn du eine Diskussion wünschst, wäre es vielleicht auch sinnvoller, einzelnen Gedichten einen Thread zu widmen, denn so fürchte ich, wird es wieder in Gedichteposten ausarten ...

Zudem möchte ich auf das Copyright hinweisen, besonders bei der Bachmann könnte das schwierig werden, weil die Gedichte meistens noch nicht die berüchtigte 50-Jahr-Grenze überschritten haben.


Liebe Grüße,
Isola.