Literatopia

Normale Version: VR: Blaues Blut (453 d.D)
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Spielleitung: Ichigo



[Bild: blaues.png]

Kayro'kan / Kayro'har = Vulun
Nomae'har = ?
Noato = Kalil



Ichigo (ehemals: Nachtfalter) / Arjuk:


Außer Atem drückte Arjuk die Hintertür auf. Der Heimweg hatte länger gedauert als er gedacht hatte. Schnell stolperte in den schmalen Gang hinein. In dem Gewirr aus Vorratsräumen, Küchen und eng gestellten Regalen herrschte normalerweise stets ein geschäftiges Treiben. Heute jedoch kauerten die Dienstboten untätig beisammen und blickten dem Neuankömmling aus bleichen Gesichtern entgegen. Als sie ihn erkannten, sprangen sie eilends auf und grüßten ehrerbietig. Sie waren es mittlerweile gewohnt, hin und wieder Arjuks hochgewachsene Gestalt in der schlichten Kleidung der einfachen Leute durch die Hinterpforte huschen zu sehen, doch sobald sie in dem jungen Mann mit dem ungeordneten dunklen Haarschopf den Sohn ihres Herren erkannten, behandelten sie ihn auch als solchen. Nun löste sich eine kleine, etwas rundliche Frau aus der Gruppe.
„Arjuk!“ Katrina, die Arjuk als Kind gepflegt hatte wie ihren eigenen Sohn, blickte ihn aus großen dunklen Augen an. „Wo warst du nur so lange? Der Herzog sucht dich und schäumt vor Ungeduld. “
„Mein Vater sucht mich?“ Ehe Arjuk es sich versah, hatte Katrina ihn schon beim Arm gepackt und hastete durch das Labyrinth der Dienstbotenräume. Arjuk konnte ihr kaum folgen. Zwar überragte er seine alte Amme mittlerweile um gut zwei Köpfe, aber sie übertraf ihn in ihrem energischen Charakter. Ihr rundes Gesicht war bereits von Falten durchzogen, doch die Haarsträhnen, die sich aus ihrem dicken langen Zopf gelöst hatten und ihr Gesicht umwehten, waren noch immer pechschwarz.
„Warte“, rief Arjuk atemlos, „ich kann meinem Vater so nicht unter die Augen treten! Er wird außer sich sein, wenn er erfährt, dass ich wieder in der Stadt war.“
„Heute nicht“, antwortete Katrina, die sich wendig und zielsicher zwischen den vollgestopften Regalen durch die schmalen Gänge bewegte. „Der Herzog hat andere Sorgen, und dass sein Sohn ein Taugenichts ist, wusste er ja schon.“ Bei diesen Worten lächelte sie ihm liebevoll zu. „Hast du Milena getroffen?“
Die beiläufige Frage genügte, dass Arjuk das Blut in die Wangen schoss. „Nein“, antwortete er. „In der Stadt ist der Teufel los. Alle wollen raus aus Noato.“
Er folgte Katrina die letzten Stufen hinauf, die aus dem Dienstbotenbereich in die erlesenen Gänge des Palastes von Noato führte. Als er auf den spiegelglatten Marmor trat, hinterließen seine Schuhe staubige Abdrücke.
Arjuk wusste, wohin Katrina ihn mit zielstrebigen Schritten führte. „Bist du sicher, dass ich nicht besser...“, setzte er an, doch Katrina schob ihn bereits in das Arbeitszimmer des Grafen. Die Männer, die über den Tisch in der Mitte des Raumes gebeugt waren, blickten erstaunt auf. Zwischen den mit Bücherregalen und schweren Ölgemälden bedeckten Wänden wäre Arjuk in seinem ärmlichen Aufzug am liebsten im Erdboden versunken.
„Eure Hoheit, Arjuk ist zurück,“ rief Katrina mit einer hastigen Verneigung.
„Sei brav,“ raunte sie Arjuk streng zu, bevor sie sich schnell zurück zog.
Graf Kalil machte seinen Beratern ein kurzes Zeichen, woraufhin diese, nicht ohne einen höflichen Gruß an Arjuk zu richten, sich aus dem Raum begaben.
Nachdem die schwere dunkle Tür ins Schloss fiel, legte sich die plötzliche Stille wie ein dickes Tuch über den Raum. Arjuk spürte den strengen Blick seines Vaters auf sich ruhen, als er an den Tisch in der Mitte des Zimmers trat. Für gewöhnlich stapelten sich hier Bücher und Pergamente, doch heute war die dunkel gemaserte Holzplatte nur von einer großen Landkarte bedeckt, bunt gespickt von den Fähnchen, die darauf gestellt waren. Es hätte wie ein farbenfrohes lustiges Spiel aussehen können, doch die Bilder von den Menschen, die hektisch ihre Habe zusammen packten, standen Arjuk noch zu frisch vor Augen.
„Habe ich dir nicht gesagt, du sollst dich nicht in der Stadt herumtreiben?“ Arjuk versuchte erst gar nicht, sich zu verteidigen, doch zu seiner Überraschung blieb die erwartete Schelte aus.
„Sie rücken vor“, sagte der Graf. Ausdruckslos wies er auf die Karte, auf der sich die vertrauten Grenzen der Provinzen Nomae’kan und Kayro’kan über das Pergament wanden.
„Und Vulun lehnt Verhandlungen weiterhin ab?“, fragte Arjuk, der die Antwort bereits wusste.
Sein Vater warf ihm einen missbilligenden Blick zu. „Was für eine Frage,“ erwiderte er nur.
„Nun ja, nach fünfhundert Jahren könnten die Zeiten überwunden sein, in denen sich Blutsverwandte bekriegen,“ meinte Arjuk halbherzig. Es war sinnlos, derartige Gespräche mit seinem Vater zu führen, und dennoch fand sich er sich regelmäßig in eben jene aussichtslosen Diskussionen verwickelt wieder.
„Diese Zeiten werden nie vorbei sein.“ Arjuk schauderte unter dem harten Ausdruck seines Vaters. Es war mehr als 500 Jahre her, als die Erzfeinde Iqann’kan und Gandal’kan nach Ende der Magierkriege keine Einigung um das Gebiet zwischen den beiden Provinzen erzielen konnten und schließlich drei kleine, schwache Provinzen entstanden: Nomae’kan als treuer Verbündeter Gandal’hars und der Weißen Magie; Kayro’kan mit engen Beziehungen zu der Schwarzen Magie in den dunklen Wäldern Iqanns; und Aven’kan, dem eine eigene Provinz zugestanden wurde, um eine lokale Rebellion zu verhindern.
Arjuks Blick blieb unwillkürlich an dem kleinen schraffierten Fleck hängen, der sich, direkt an der Grenze zu Kayro’kan gelegen, gerade noch an Nomae’kan klammerte: Die Grafschaft Noato hatte in seiner Lage zwischen den verfeindeten Provinzen Nomae’kan und Kayro’kan schon immer einen schweren Stand gehabt. Es war von beiden Seiten mit viel Aufmerksamkeit und Misstrauen verfolgt worden, dass Kalil von Noato ausgerechnet Natalya von Kayro’har heiratete, die Schwester von Herzog Vulun von Kayro’kan. Um Gerüchte zu vermeiden, hatte Kalil Vulun schließlich Besuche in Noato untersagt; später sogar den Umgang mit Arjuk unterbunden und Natalya nur noch alleine nach Kayro’har reisen lassen; und seit Natalyas Tod vor drei Jahren war der Kontakt nach Kayro’har gänzlich abgebrochen. Nun marschierte Vuluns Heer plötzlich auf Noato zu.
„Die Stadt brodelt“, sagte Arjuk leise. „Alle wollen in den Süden in’s sichere Gandal’kan.“
„Tatsächlich?“ Graf Kalil hob die Brauen. „Nun, das bestätigt die Meldung, es gäbe bedenkliche Flüchtlingsströme Richtung Süden.“
Arjuk verkniff sich nur mit Mühe eine spitze Bemerkung. Warum schickte sein Vater Späher in alle Himmelsrichtungen aus, anstatt einfach zu hören, was die einfachen Leute auf der Straße sagten?
„Gandal’kan sieht das ganze sehr ungern,“ fuhr der Graf fort. „Es wird für eine Weile die Grenzen schließen, bis sich die Lage beruhigt hat. Wir müssen uns beeilen, dich hier raus zu bringen. Ich habe bereits alles arrangiert.“
„Gandal’kan schließt die Grenzen?“ Es dauerte einen Moment, bis die Ungeheuerlichkeit des Gesagten in Arjuks Bewusstsein drang, doch dann fuhr er entsetzt auf. „Das können sie nicht machen! Gandal’kan ist der einzige Weg, um Vulun zu entkommen!“
Kalil jedoch blickte Arjuk ausdruckslos an. „Du solltest nicht so viele Gedanken an andere verschwenden, wenn dein eigenes Leben in Gefahr ist,“ sagte er. „Du bist der Thronerbe. Auf dich ist Noato angewiesen.“
„Aber Gandal’har sollte doch... was ist mit Ein Bündnis, ein Volk?“, murmelte Arjuk schwach. Der Leitsatz hatte Nomae’kan, Gandal’kan und Kohn’kan stets zusammen geschmiedet.
„Falls es dich beruhigt,“ sagte Kalil, „die einfachen Leute machen sich unnötige Mühe, wenn sie versuchen, in die Nachbarprovinz zu fliehen. Es würde genügen, in’s Nachbardorf zu gehen. Mir wurde zugetragen, dass Vulun Versicherungen nach Nomae’har und Gandal’har schickte, er würde nicht in ganz Nomae’kan einfallen. Es geht ihm nur um Noato. Und aus diesem Grund...,“ Kalils Mundwinkel verzogen sich zu einem bitteren Lächeln, „wird uns auch niemand zu Hilfe kommen. Nomae’har und Gandal’har handeln klüger, unsere kleine Grafschaft zu opfern, in der Hoffnung, Vuluns Wahn damit zu besänftigen.“
„Wird Milena nicht auch in Gefahr sein?“, warf Arjuk besorgt ein.
Kalil blickte auf. „Milena?“
„Mi... Miriana“, verbesserte sich Arjuk hastig. Innerlich verfluchte er seine Unachtsamkeit. Sein Vater war sehr ungehalten über Arjuks heimliche Streifzüge durch Noato, doch was geschehen würde, wenn er erfuhr, dass sein Sohn sich mit der Tochter eines einfachen Schmieds traf, das wollte er sich lieber nicht ausmalen. Nein, für ihn war die wohlerzogene Miriana bestimmt, die wusste, wie man sich zu Hof benahm und deren adelige Familie die Grafschaft um ein ansehnliches Territorium vergrößern würde. Vorausgesetzt, in Noato würde der Friede wieder einkehren...
„Für Miriana besteht wohl kaum Gefahr,“ riss Kalils Stimme ihn aus seinen Gedanken. „Ihre Familie wird vorsichtshalber eine Weile in Nomae’har untertauchen. Wenn Noato allerdings dauerhaft besetzt bleibt...“
„...wird die Verlobung wohl platzen, was?“ Arjuk schmunzelte, als er die säuerliche Mine seines Vaters sah. Wie lange hatte er schon darauf hingearbeitet, seinen Sohn endlich zu verheiraten!
„Freu dich nicht zu sehr darüber.“ Kalil blickte finster drein. „Du und Katrina werdet heute Nacht abreisen, außerdem zwei Diener deiner Wahl.“
„Heute...“ Arjuk schnappte nach Luft.
„Je schneller desto besser,“ bestätigte der Fürst. Aufmerksam blickte er seinen Sohn an, während dieser um Worte rang. Arjuk biss sich auf die Lippen. Er hatte dem Stallburschen und dem alten Gärtner versprochen, sich von ihnen zu verabschieden. Milenas rotwangiges Gesicht tauchte vor seinen Augen auf...
„Katrinas Verwandte haben eingewilligt, dich in Caralmur aufzunehmen, bis sich die Lage beruhigt hat.“
„Caralmur?“ Arjuk riss die Augen auf. „So weit weg? Ist Vulun wirklich so gefährlich?“
Schon seit Tagen sprach sein Vater von nichts anderem, als dass Arjuk die Stadt verlassen sollte, aber bisher war immer von Nomae’har oder Gandal’har die Rede gewesen. Caralmur, das eingeklemmt zwischen Kayro’kan, Aven’kan und Gandal’kan seinen Status als freie Reichsstadt seit Jahrhunderten verteidigte, wurde heute zum ersten Mal erwähnt.
„Ich habe eine Warnung aus den höchsten Kreisen Kayro’hars erhalten.“ Kalil blickte seinen Sohn eindringlich an, und Arjuk schauderte unter dem Blick. „Vulun ist höchst gefährlich, und er positioniert bereits Häscher in Gandal’har. Er wird nicht eher ruhen, bis er uns beide in seiner Gewalt hat.“
„Aber warum?“ Arjuk war verwirrt. Dass die Lage nicht rosig aussah, war ihm klar gewesen, aber diese dramatischen Worte verblüffte ihn.
„Es gibt nur eine Erklärung: Rache.“ Graf Kalil blickte Arjuk düster an. „Dein verehrter Onkel Vulun wird wohl endgültig den Verstand verloren haben und mir die Schuld an Natalyas Tod geben.“
Arjuk begriff nicht, inwiefern sein Vater für den Tod seiner Mutter verantwortlich gemacht werden konnte, doch er sagte nichts. Es war bereits drei Jahre her, dass seine Mutter einer seltsamen Krankheit unterlag, doch noch immer stieg ein dicker Kloß in seinen Hals, wann immer er daran dachte. Und sein Vater hasste es, wenn er Schwäche zeigte...
Arjuk war froh, dass Kalil offenbar keine Erwiderung von ihm erwartete und weitersprach.
„Ich habe alles arrangiert. Caralmur ist wie geschaffen, um eine Weile unter zu tauchen. Und Vulun wird dich nicht suchen. Du wirst einen neuen Namen bekommen, neue Papiere. Niemand wird Verdacht schöpfen.“ Kalils Stimme war sanft, als beruhige er ein kleines Kind. Zärtlich nahm er das Gesicht seines Sohnes in seine schlanken Hände, doch Arjuk schauderte unter dem entschlossenen Blick seines Vaters. Was hatte sein Vater in die Wege geleitet...? Unwillkürlich wand er sich aus der Berührung.
„Was soll das heißen?“, fragte er misstrauisch.
Kalil zögerte einen Moment, ließ dann aber die Arme sinken. „Prinz Arjuk wird tragisch um’s Leben kommen und zu Grabe getragen; wir haben eine Leiche aus den Kerkern, die als Prinz beerdigt wird. Du aber wirst sicher in Caralmur sein, ohne dass Vulun auch nur auf die Idee kommt, dich zu suchen. Zu deiner Sicherheit werden wir keinen Kontakt haben. Warte, bis sich die Lage stabilisiert hat...“
Bis sich die Lage stabilisert hat... Arjuk biss sich auf die Lippen.
„Und Ihr, Vater?“, fragte er leise. „Ihr bleibt hier?“
Der Graf blickte über die Karte. „Ich werde tun, was ich kann, um die Stadt zu verteidigen,“ sagte er. „Falls sie fällt, werde ich tun, was ich kann, um zu fliehen. Falls ich nicht fliehen kann... habe ich meine Pflicht getan.“
Arjuk schwieg. Kalil jedoch nahm seinen Sohn bei den Schultern und blickte ihn eindringlich an. „Noato,“ sagte er leise, „braucht einen lebendigen Thronerben. Verstehst du das?“
„Ja“, seufzte Arjuk. Auch wenn ich als Thronerbe wohl nicht viel tauge, fügte er in Gedanken hinzu.
„Vergiss es nicht,“ sagte Kalil. Dann ließ er seinen Sohn los. „Welchen Dienern soll mitgeteilt werden, dass sie sich für die Abreise bereit machen sollen?“
Arjuk seufzte. Ihm war klar, dass er in diesem Augenblick über Leben und Tod entscheiden konnte. Zwei konnten gerettet werden... Arjuk schloss die Augen. Er fühlte sich plötzlich sehr erschöpft. Zum Teufel mit Vulun! Es gab so viele Politiker, warum musste es da ausgerechnet sein Onkel sein, der größenwahnsinnig wurde! Natürlich würden ihn alle Bediensteten darum anflehen, sie auszuwählen, wenn sie wüssten, in welcher Lage er sich befand. Alle, außer einer...
Arjuk stutzte. Ein verwegener Gedanke flüsterte ihm einen Namen in’s Ohr. Einen Moment zögerte er, dann sagte er bestimmt: „Der Stallbursche Chavan und der alte Gärtner. Sie sollen mitkommen.“
Der Fürst seufzte angesichts der seltsamen Wahl seines Sohnes.
„Gut,“ sagte er schließlich. Arjuks Herz machte einen Sprung. Plötzlich war er voller Zuversicht, dass sein Plan aufgehen würde. Er musste nur schnell handeln...
„Wann geht die Kutsche?“, fragte er beiläufig.
„Vor Tagesanbruch. Katrina meinte, du bräuchtest die Zeit, um dich zu verabschieden.“ Der Fürst blickte seinen Sohn durchdringend an. „Verabschiede dich gründlich, mein Sohn, vor allem von einer gewissen Milena.“
Erschrocken fuhr Arjuk auf. Einen Moment lang herrschte Stille. Arjuk fühlte sich von dem Blick aus den hellen Augen des Fürsten förmlich durchbohrt.
Schließlich senkte er den Kopf, doch innerlich kochte er vor Wut. „Katrina“, knirschte er. Sein Kindermädchen mit ihrem starken Sinn für Loyalität hatte es noch nie geschafft, vor dem Fürsten ein Geheimnis für sich zu behalten!
„Allerdings.“ Kalil trat an seinen Stuhl und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. „Sieh es ein, Arjuk. Du weißt wo dein Platz ist. Du bist kein Kind mehr; vielleicht wirst du bald nicht einmal mehr Eltern haben.“
Unwillkürlich krümmte sich Arjuk zusammen.
„Sagt das nicht“, flüsterte er.
Sein Vater strich ihm sanft durch das Haar.

Am Horizont begann die Nacht bereits zu verblassen, doch über dem Land lag noch immer schützende Dämmerung, als vor dem Südtor Noatos vier Gestalten erschienen. Der Kutscher blickte ihnen entgegen. Einer von ihnen schien Mühe mit dem Laufen zu haben und stützte sich auf den Arm seines Begleiters. Die nächtlichen Gäste hatten sich die Kapuzen ihrer dunklen Kutten tief ins Gesicht gezogen, doch der Kutscher hatte ohnehin nicht vor, nachzufragen, wer seine Passagiere waren.
Nun trat derjenige, der seinen Freund gestützt hatte, an den Kutscher heran und öffnete ihre Faust. Auf der Handfläche leuchtete der Siegelring des Grafen. Wortlos ließ der Kutscher die Flüchtlinge ein.
Ratternd setzte sich der Wagen in Bewegung. Die Gäste sollten auf ihrem Weg noch gehörig durchgeschüttelt werden, denn der Kutscher hatte Anweisung, nur wenig befahrene Wege zu wählen.
Im Innern der Kutsche streifte Katrina die Kapuze vom Kopf. „Das hätten wir geschafft,“ seufzte sie.
„Ich bin noch nie in einer Kutsche gefahren,“ ließ Chavan vernehmen, der offenbar nicht ganz wusste, ob er Aufregung oder Furcht darüber empfinden sollte.
„Du wirst dich bald an das Geschaukel gewöhnen,“ tröstete ihn Arjuk.
„Lirim, ist alles in Ordnung?“ Katrina versuchte, das Dunkel zu durchdringen, doch alles was sie erkennen konnte war, dass der alte Gärtner sich bereits auf einer der Sitzbänke ausgestreckt hatte. Er hatte nicht einmal die Kapuze abgestreift.
„Ich glaube, er ist sehr erschöpft,“ flüsterte Arjuk ihr zu. „Lassen wir ihn schlafen.“
Katrina beließ es dabei. Sie war etwas überrascht gewesen, dass ausgerechnet der alte Gärtner aus der tödlichen Falle entrinnen sollte. Schließlich hatte er zuvor als einziger von ihnen allen verkündet, er wolle in Noato bleiben, komme was da wolle - all zu lange würde er es ja sowie so nicht mehr machen, da käme es auf ein paar Jährchen mehr oder weniger nicht mehr an; schon gar nicht, wenn er dafür den Ort verlassen müsste, an dem er sein ganzes Leben verbracht hatte. - Doch wer sagt schon Nein, wenn tatsächlich ein unverhoffter Lebensretter erscheint?
Mit einem Seufzer versuchte Katrina, es sich so bequem wie möglich zu machen. Das Gefährt sollte sich bereits der Grenze nähern, wenn Katrina feststellen würde, dass unter der Lirims Kapuze die blonden Strähnen Milenas hervorleuchteten...

Schon früh am Morgen als die Sonne noch nicht einmal mehr war, als ein vager, goldener Glanz hinter den Hügeln, und die ersten Vögel zaghaft ihre Stimmen erhoben, drangen aus dem kleinen Bauernhaus weit außerhalb der Stadtmauern schon geschäftige Geräusche. Ein Pferdekarren hielt vor dem Haus, eine schwarzgekleidete Gestalt trat zur Tür hinaus und winkte verhalten zum Abschied als sie neben dem Kutscher Platz nahm.
„Vergiss nicht zu Schreiben, wenn du angekommen bist!“, rief ein junger Mann mit ernst zusammengezogenen Augenbrauen ihr nach und wandte sich erst ab um einen schweren Jutesack in den Hof zu tragen, als die Reisenden schon vollständig außer Sicht waren.
Im Hof wurde inzwischen ein weiterer Karren beladen, der später jedoch von einem alten Ochsen gezogen werden sollte. Und ein schmächtiger aber muskulöser Knecht schleppte für zwei Kupfermünzen die Stunde Bündel voll Baumwolle und schwere Säcke gefüllt mit Mais und Kartoffeln. Schwer seufzend stemmte der Herr des Hauses seine Arme in die Hüften und beobachtete wie eine ihm sehr vertraute Gestalt gerade einen Packen bunter Tücher am Karren festmachte während sie einen kleinen Jungen von ungefähr einem Jahr auf dem Arm hielt und leise mit ihm sprach.
„Jo, du weißt du brauchst diesmal nicht mitzukommen“, begann er, „wenn du lieber hier bleibst und auf Tobias aufpasst, dann ist das kein Problem für mich.“
Aber die Angesprochene winkte nur lächelnd ab und entgegnete fröhlich: „Ach was, ich kann den Kleinen genauso gut mitnehmen und am Markt auf ihn aufpassen. Hier würden wir uns beide sowieso nur langweilen, was Tobias?“
Der Junge grinste seinen Vater mit großen Augen an.
„Na gut, dann brechen wir auf sobald alles aufgeladen ist“, sagte dieser und machte sich daran den Ochsen aus dem winzigen Stall zu holen und spannte ihn anschließend behutsam vor den fast voll beladenen Wagen.

Kurz darauf brachen sie gemächlich in Richtung Stadt auf, wie jeden Mittwoch. An diesem Tag verkauften sie ihre Waren am Markt von Kayro’har. Nicht, dass es in der großen Stadt nur einmal in der Woche einen Markt gegeben hätte, nein, aber Mittwoch war der Tag an dem auch die Händler von außerhalb die Erlaubnis hatten ihre Ware anzubieten. Die meisten Tajans langjähriger Handelspartner kamen aus anderen Provinzen oder sogar aus den östlichen Ländern, und deswegen kam er so gut wie immer Mittwochs in die Stadt um seine Bekannten zu treffen und mit ihnen Geschäfte zu tätigen. Seit gut zwei Jahren half Jo ihm dabei seine mühsam erwirtschafteten Güter an den Mann zu bringen, denn jedes Monat war er gezwungen mehr zu verkaufen als im vorigen um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Durch die enorm hohen Abgaben, die vom Staat von den einfachen Bauern abverlangt wurden, waren viele der Landwirte schon dazu gezwungen gewesen ihr Hab und Gut zu verpfänden, was sie anschließend in den Ruin getrieben hatte. Die wenigen Bauern, die noch imstande waren die Steuern aufzubringen, mussten nun umso mehr verkaufen, was ihnen wiederum mehr Steuern bescherte – es war ein Teufelskreis. Auch wenn im Moment alles gut lief für Tajan, er hatte jeden Tag die Sorge der Nächste zu sein, der von seinem Land vertrieben wurde weil er die Steuern nicht mehr entrichten konnte.

Als die Stadtmauer von Kayro’har unmittelbar vor ihnen aufragte, beeilte Tajan sich ein viel gefaltetes Dokument aus seiner Tasche zu ziehen und dem Wachmann auszuhändigen. Es war eine Bestätigung dafür, dass er berechtigt war seine Ladung in die Stadt zu bringen und der Pass wies ihn als gebürtigen Bürger von Iqann’kan aus. Das war von großem Vorteil, denn die Provinzen Kayro’kan und Iquann’kan waren von jeher eng miteinander verbunden, und so ersparte sich Tajan langweilige Befragungen über seine Herkunft, seine Beweggründe in die Stadt einzureisen und viele andere Dinge.
„Ihr könnt passieren“, grunzte der gelangweilte Wachmann und wendete sich dem nächsten Karren zu, der das Stadttor durchfahren wollte.
„Wie sagt man?“, flüsterte Jo dem kleinen Tobias zu und freute sich über seine überschwängliche Antwort.
„’ut Taaag!“
„Ja, genau, guten Tag“, kicherte sie und hielt sich am Karren fest, als sie durch ein Schlagloch rumpelten. Die Straße auf der sie sich befanden wurde fast ausschließlich von Händlern benutzt, und so machte sich keiner die Mühe sie zu sanieren. Sie führte durch die schäbigeren Viertel der Stadt, bis sie am großen Marktplatz endete, der von schmuddeligen Wirtshäusern und Tavernen umgeben war. Ganz im Gegensatz zu der penibel gepflasterten Hauptstraße, auf die Jo den Jungen aufmerksam machen wollte, als sie darauf einen kurzen Blick erhaschten als sie dabei waren sie zu überqueren. Dort tummelten sich geschäftig Kuriere und Eilboten, manche gefolgt von Kutschen, die von edlen Pferden gezogen wurden. An den Seiten befanden sich teure, gut geschmückte Läden und ab und zu drangen absonderlich gute Gerüche aus den weiß getünchten Häusern. Gerade als sie Tobias eine Bäckerei voller Süßigkeiten zeigen wollte, bogen sie um die Ecke eines abgewohnten Hauses und die Unwirklichkeit der verführerischen Hauptstraße wich der dumpfen Stille von Hinterhöfen und verwinkelten Gassen. Wären sie der einladenden Straße gefolgt, so wären sie schließlich am großen Park angelangt, dessen hohe Mauern unmittelbar an den Palast von Kayro’har grenzten. Doch so endete ihre rumpelige Reise abrupt auf einem weitläufigen Platz voll mit handelnden, lachenden und kauffreudigen Menschen, die sich um die zahlreichen Marktstände und Zelte tummelten. Jo schloss die Augen und atmete genüsslich die unzähligen Gerüche ein, die ihr plötzlich entgegen schlugen. Die Geräusche um sie herum verschwammen allmählich zu einem gleichmäßigen Summen, das sie an einen Bienenstock voll arbeitender Bienen erinnerte.
Ein verstohlenes Grinsen schlich sich auf ihr Gesicht.
„Mamam?“, riss sie Tobias’ Kinderstimme aus ihren Gedanken und brachte sie in die Realität zurück.
„Nein, nicht >Mama< sondern Jo“, versuchte sie dem Kleinen gutmütig zu erklären und wiederholte ihren Namen, während sie immer wieder auf sich selbst zeigte.
„Mamam!“, quietschte Tobias vergnügt und seine Kinderaugen wanderten wie von allein zu dem bunten Spektakel, das entstand als ein paar Gaukler mitten im Gedränge ihr Schauspiel begannen. Unter den mürrischen Gesichtern und strengen Augen einiger gut postierter Wachen, fingen die lebhaften Gaukler an farbige Bälle in die Luft zu werfen und gekonnt herumwirbeln zu lassen. Geistesverloren beobachtete Jo das akrobatische Treiben und erinnerte sich zurück an ihren letzten Aufenthalt in Noato. Dort waren ebenfalls ein paar Gaukler aufgetreten und einer von ihnen hatte schließlich sogar versucht ihr das Jonglieren beizubringen – mit sehr mäßigem Erfolg. Es schien ihr eine Ewigkeit her zu sein, seit sie damals auf dem belebten Marktplatz gestanden hatte, und tatsächlich waren es nun schon fast zwei Jahre.

Noato … die belebte Stadt durch deren Handelsviertel der mächtige Nyltra floss, die engen, staubbedeckten Gassen, das geradezu pulsierende Geschehen im Herzen der Stadt, die unnahbaren Palastmauern, überfüllte Wirtshäuser mit allerlei geheimnisvollen Gästen, die sanften Hügel vor den Stadttoren, Farims Hütte – verlassen.
Ein junger Adeliger mitten am Markt, eine halb zerfallene Zeichnung einer Blume, die Blauen Berge in blassem Dunst, eine einzelne weiße Blüte – Gipfelblüte.


Wie sonderbar es doch war, dass eine einzige Begegnung auf dem Marktplatz so viel verändern konnte. Aus dem verzweifelten Vorhaben eines weltfremden Adeligen war eine Expedition gewachsen, die mehr Abenteuer und Gefahren hervorbrachte, als irgendjemand vorher geahnt hätte. Doch letztendlich waren sie mit heiler Haut davon gekommen – die meisten von ihnen; Die Expedition war geglückt – oberflächlich. Sie waren ausgezogen um eine Heilpflanze zu finden, für Arjuks Mutter, die Frau des Grafen von Noato, und genau damit waren sie zurückgekehrt. Was niemand ahnen konnte war, dass die seltene Medizin schon zu spät kam. Jo hatte wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Kayro’har die erschütternde Nachricht vom Tod Arjuks Mutter erfahren, denn die Nachricht war auch in der weit entfernten Stadt nicht zu überhören. Voll Mitgefühl hätte sie Arjuk am liebsten ihr Beileid mitgeteilt und ihm einen tröstlichen Brief geschrieben, doch sie wusste nicht, wie sie das anstellen sollte. Ihre Worte erschienen ihr zu plump und einfach zu sein um in einen Brief an einen Prinzen zu passen, und so ließ sie es einfach sein. Insgeheim keimte in Jo auch der Gedanke, dass Arjuk sich hinter seinen mächtigen Palastmauern wohl kaum mehr an eine Streunerin wie sie erinnert, geschweige denn ihre Anteilnahme als wichtig empfunden hätte.
„Jo“, drang eine vertraute Stimme durch das geistesabwesende Bewusstsein der jungen Frau, „Jo? Wolltest du nicht Anamarias Tücher verkaufen? Ich dachte das hättest du meiner Frau vor der Abreise noch versprochen.“
„Oh, ja ja, ich bin schon fast dabei, könnte man sagen“, antwortete die Angesprochene verträumt und machte sich daran die bunten Tücher vom Karren zu nehmen.
„Du kannst heute Varjuks Zelt benutzen, das hat er mir versichert“, sagte Tajan und nickte zustimmend in die Richtung, in der sein ostländischer Freund sein Zelt aufgeschlagen hatte.
„Geht in Ordnung“, meinte Jo als sie alle Tücher gepackt hatte, hob Tobias hoch und fragte ihn, „Na, wie wärs wenn wir uns ansehen was für seltsame Früchte Onkel Varjuk dort verkauft?“ Flink schlängelte sie sich durch das Gedränge und war kurz darauf bei Varjuk, einem stämmigen, dicht behaarten Ostländer, der sie herzlich begrüßte.
„Wie geht’s dir, Mädchen! Deine Ware kannst du dort drüben aufhängen. Ich bin immer erfreut über die Gesellschaft von so hübschen Frauen wie dir, dann kaufen meine Kunden mehr!“, lachte Varjuk, zwinkerte, und sah dabei aus wie ein übergroßer Tanzbär, der sein neuestes Kunststück präsentierte. Von dieser Fröhlichkeit angesteckt setzte Jo ein schelmisches Grinsen auf und erwiderte: „Über deine Komplimente, die so zahlreich sind wie die Sterne am Himmel, bin ich immer wieder sehr erfreut. Wie läuft das Geschäft so, drüben im Osten?“
„Ach, Gandal’kan will seine Grenzen immer noch nicht für unseren unbeschränkten Handel öffnen. Kein Wunder bei den ständigen Unruhen und der Revolution! Solange Aven’har sich gegen die Regierung der eigenen Provinz stellt und die internen Konflikte kein Ende nehmen, werden die Händler aus dem Osten weiterhin nur mit Kayro’kan Geschäfte machen können. Aber das macht nichts, so kann ich dich und deinen Bruder wenigstens öfter besuchen! Wie geht es übrigens seiner Frau? Wie ich sehe hast du ihren kleinen Sprössling mitgebracht“, redete er munter drauf los und tätschelte Tobias liebevoll, der gerade dabei war eine orangefarbene Kaktusfrucht gründlich zu untersuchen.
„Anamaria geht es gut, aber sie ist im Moment zu ihrer Familie in den Süden gereist. Ihrem Vater geht es gesundheitlich nicht gut, er muss von irgendjemandem gepflegt werden, nun da seine Frau nicht mehr lebt“, erklärte Jo und hielt Tobias gerade noch davon ab mit der Kaktusfrucht auf einen potenziellen Kunden zu zielen.
„Oh, das tut mir leid. Hey Ihr da, wollt ihr die frischesten Gewürze des gesamten Ostens kaufen? Tretet nur näher!“
Jo wandte sich um und beachtete kaum wie Varjuk seinem neuen Kunden alles mögliche aufschwatzen wollte, als sie plötzlich jemanden am benachbarten Marktstand stehen sah, das gelockte, dunkle Haar so ins Gesicht gefallen, dass nur noch die Augen hervorblitzten.
Abertausende Sterne am Himmel, eine Wiese übersät von tanzenden Glühwürmchen, Arjuks verwunderter Blick – seine Augen… das konnte nicht sein.
Wie von selbst schloss sich Jos Hand um das Amulett, das sie stets um den Hals trug; das Amulett, das Arjuk ihr bei ihrem Abschied geschenkt hatte. Und plötzlich strich sich die Gestalt das dunkle Haar aus dem Gesicht.
Arjuk und Milena hatten den Fluss erreicht, der sich als silbern glitzerndes Band durch die Nacht wand. An seinem Ufer blieben sie stehen und blickten in das Wasser, das hier still und scheinbar zahm floss. Trotz der Strömung, die die Oberfläche aufwühlte, zeichnete sich deutlich die Spiegelung von Berggipfeln darauf ab. Als sich Arjuk jedoch nach dem Gebirge umblickte, konnte er keines entdecken.
Erschrocken fuhr er zusammen, als Milena plötzlich mit einem Satz auf einem Stein im Fluss landete. „Hier kann man wunderbar über den Fluss spazieren,“ rief sie. Doch es war nicht mehr das unbewegte, von hellen Strähnen umrahmte Gesicht Milenas. In ihren langen, geflickten Mantel gehüllt, den ungeordneten braunen Zopf über der Schulter blickte Jo über den Fluss. Die Augen in ihrem von Sommersprossen gesprenkelten Gesicht funkelten abenteuerlustig. Schon sprang sie leichtfüßig auf den nächsten Stein.
Arjuk zögerte einen Moment. Vorsichtig setzte er seinen Fuß auf den Stein nahe dem Ufer und prüfte, ob er fest im Flussbett lag. Schritt für Schritt hangelte er sich an den Felsen entlang.
„Wie kannst du nur so schnell sein,“ rief er Jo zu, die ihm weit voraus war.
„Du könntest genauso schnell sein,“ gab das Mädchen zurück. „Du brauchst nur immer so lange, bis du weißt, ob dein Fuß sicher auf dem nächsten Stein stehen wird. Wenn du einfach hinüber springen und dir nicht so viele Sorgen würdest, wärst du schneller.“
„Aber dann lande ich vielleicht im Wasser,“ gab Arjuk missmutig zurück.
Helles Lachen zerriss die Nacht. „Du wirst nie etwas zu Ende bringen, ohne vorher an deinen Zweifeln zu ersticken.“
Arjuk ruderte mit den Armen. Der Stein unter seinen Füßen schwankte; der Nyltra schäumte, ratternd klatschten Wogen gegen den Fels...


Arjuk fuhr auf. Einen Moment lang stand ihm noch ein rotwangiges Gesicht vor Augen, von dem er nicht mehr sagen konnte, wem es gehörte; dann hatten das Ruckeln und Schaukeln der Kutsche den Traum endgültig vertrieben.
Arjuk rieb sich die Augen. Vor dem Fenster der Kutsche zog die Landschaft als ein endloses Band an den Flüchtlingen vorüber. Sanfte Hügelketten, saftige Wiesen, hin und wieder von Feldern umschlossene Dörfer oder Höfe - das Gesicht der Provinz Nomae’kan. Hier zeigte es sich noch mild und nichtsahnend, als ginge nichts besonders vor sich. Die vorbeiziehende Landschaft erinnerte Arjuk unwillkürlich daran, wie er vor drei Jahren heimlich aus dem Palast entwischt war - am Nyltra entlang bis in die Blauen Berge hatte ihn die Suche nach der Pflanze geführt, von der er gehofft hatte, sie würde seine Mutter heilen.
Aber dieses Mal war es anders. Auffallend oft rumpelte ihr Gefährt an Ochsenwägen, Pferdekarren oder auch nur Gruppen von wandernden Menschen vorbei. Ob sie alle es noch rechtzeitig bis zur Grenze schaffen würden, bevor sich Gandal’kans Tore schlossen?
Plötzlich wurde Arjuk klar, dass sich die Wiesen Nomae’kans vielleicht nie wieder vor seinem Auge erstrecken würden. Der Gedanke traf ihn wie ein Schlag.
Wie überschaubar war seine Welt doch bisher gewesen! Jeden Abend legte er sich in das selbe Bett, jeden Morgen fiel zum selben Fenster das Tageslicht in sein Zimmer, und es gab keinen Anlass, anzunehmen, dass sich jemals etwas daran ändern würde. Sicherlich, ab und zu wurde einer der Dienstboten aus dem Dienst entlassen und ein neuer nahm seinen Platz ein; Arjuks Spiele und Streifzüge, Lektionen und Lektüre wandelten sich; schließlich machte er sich sogar auf, hinter dem Rücken seines Vaters das unübersichtliche Gewirr der gewöhnlichen Straßen zu entdecken. Das mit Abstand größte Abenteuer, die Expedition in die Blauen Berge, hatte ihn in eine vollkommen andere Welt versetzt, die nicht weniger gefährlich war als die Winkel Noatos - und nicht weniger faszinierend. Doch auf all diesen Streifzügen war von Anfang an klar gewesen, dass er zurückkehren würde, dass dies nur eine kurze Unterbrechung seines gewohnten Lebens darstellen würde.
Die einzige unwiederbringliche Änderung stellte der Tod seiner Mutter dar, für die die Heilpflanze zu spät gekommen war. Die Lücke, die sie hinterlassen hatte, würde sich nicht füllen; sein Leben war ärmer geworden. Doch festgelegt war es in derselben Weise wie eh und je: Er würde lernen, elegante Gespräche führen, würde heiraten, und nachdem er seinen Vater zu Grabe getragen hatte dessen Platz einnehmen. So sehr Arjuk versuchte, sich in seinem Alltag seine kleinen Freiheiten zu ergattern, an diesen Grundkonstanten gab es nichts zu rütteln. Zumindest hatte er das geglaubt - nun stand es auf dem Spiel.
Vielleicht würde Vulun sich bald geschlagen geben, Arjuk zurückkehren und alles ginge weiter wie bisher. Vielleicht würde sich in wenigen Monaten alles entschieden haben, vielleicht erst nach Jahren. Vielleicht aber würde sich auch Kalil schon bald geschlagen geben müssen und sein Sohn wäre ein zurückgelassener Streuner in der endlosen Landschaft, ohne Zuhause, ohne Ziel, ohne Zweck.
Unwillkürlich fiel Arjuks Blick auf jene Tasche, in der Katrina ihre Papiere, sorgfältig in ein Stück Leder eingehüllt, aufbewahrte: Seine neue Identität.
„Wann werde ich eigentlich beerdigt?“, brach er schließlich das Schweigen.
„Arjuk!“ Katrina fuhr auf. „So etwas darfst du nicht sagen!“
„Das bringt Unglück,“ stimmte auch Milena zu und bedachte Arjuk mit einem vorwurfsvollen Blick. „Gerade du kannst dir davon keines leisten...“
Arjuk zuckte die Schultern. Er hatte eigentlich damit gerechnet, dass es zwischen Katrina und Milena womöglich Spannungen geben würde, doch es schien eher das Gegenteil einzutreten: Die beiden waren sich einig darin, dass Arjuk sie nicht hätte belügen sollen.
Katrina würde nicht lange schmollen, dass Arjuk Milena hinter ihrem Rücken und dem seines Vaters in die Kutsche geschmuggelt hatte - er hatte sie schon oft genug verärgert, doch sie konnte ihm nie lange grollen. Allerdings, so fiel es ihm ein, mochte ihre Verstimmung wohl auch durch den Kummer über die Flucht aus Nomae’kan bedingt sein. Sie hatte hier ebenso viele Jahre gewohnt, wie Arjuks Leben zählte: Erst als Kindermädchen, später als Dienstbotin hatte sie dem Grafen von Noato treu gedient.
Bei Milena war sich Arjuk nicht sicher, was in ihr vorging. Sie war sehr blass geworden, als ihr offenbart wurde, dass Arjuk keineswegs aus dem Hause einer mittelklassigen Beamtenfamilie stammte, wie er es vorgeschwindelt hatte. Seitdem schien sie in ihren Gedanken versunken zu sein, das ovale, fein geschnittene Gesicht voller Ernst.
Arjuk lehnte sich zurück. Offenbar würde niemand mehr auf seine Frage eingehen. Es würde seltsam sein, die Nachricht von seinem eigenen Tod zu hören; als wäre er zu einem Fremden in seinem eigenen Leben geworden.
Vor Arjuks Augen tauchte ein Bild auf; der Nyltra, der sich glitzernd durch die Landschaft wand. Ohne Zuhause, ohne Ziel, ohne Zweck - ein solches Dasein vermochte nur der unbezwungene Fluss führen. Hatte sich nicht sogar das Straßenmädchen Jo, das jahrelang durch Athalem gewandert war, schlussendlich für ein Zuhause entschieden...
Die blauweißen Rauchschwaden der dünnen Pfeife bildeten kleine Fantasieformen vor Dendes Gesicht, so als ob er einen winzigen Himmel mit atemberaubenden Wolkengebilden vor sich hatte, die sich zu Schiffen, Schlössern und Pferden formten um im nächsten Augenblick vom Wind zerrissen und davongetragen zu werden. Selbst der starke Tabakgeruch, der ihn ab und zu husten ließ, wurde rasch von den anderen Düften des Marktes überlagert. Eigentlich mochte Dende das Rauchen nicht besonders, aber Dendes Meinung nach rauchten alte Männer immer, zumindest Menschen. Die graue Kapuze tief ins Gesicht gezogen saß Dende in einer Ecke des Marktes unter einer schäbigen Plane, die es eigentlich nicht verdiente, Zelt genannt zu werden, vor sich ein winziges Tischchen mit drei kleinen Becher. Der Magier fand sowohl das Spiel als auch seine Verkleidung etwas albern, aber scheinbar war sie hier das Normalste der Welt. Ein Bettler mit Pfeife und dem Hütchenspiel. So abgedroschen, dass sich kaum noch jemand dafür interessierte, es sei denn ein paar Kinder, die nicht wussten, dass man nur verlieren konnte, (vor allem wenn einem ein Magier gegenüber saß).
Dende hätte die Stadt eigentlich äußerst langweilig gefunden. Ein gewöhnlicher Markt, gewöhnliche Menschen, gewöhnliche Kinder, ein gewöhnliches Spiel. Doch die Gespräche der Leute waren nicht gewöhnlich, denn zu oft viel das Wort Krieg. Ihr Herrscher, der Herzog von Kayro'har, der sich im Krieg befang mit einem Nachbarn des Landes, einem kleinen Herzogtum in Nomae'Kan. Krieg war immer eine interessante Sache für Dende. Es brachte viel Leid und Entbehrungen für die einfachen Leute, Ablenkung und manchmal Sorgen für die Oberschicht und nicht zuletzt Arbeit für die Soldaten. Früher waren Schlachten oftmals einfache Unterhaltung gewesen, grausam, aber scheinbar notwendig. Aber heutzutage war alles Politik, verflochten mit der Welt der Magie. So viel Mühe gaben sich die Herrschenden, diese beiden Bereiche zu trennen und merkten nicht, dass sie mehr als jemals zuvor miteinander verwoben waren. Dende lachte leise in sich hinein, sammelte mit einer raschen Handbewegung die Hütchen ein und erhob sich. Sein Blick fiel auf ein junges Mädchen, welches bunte Tücher verkaufte. Lange, braune Haare, hübsche Augen und ein Medaillon, das an ihrer Brust schimmerte. Dende kniff die Augen zusammen und musterte sie einige Minuten, ohne dass sie es bemerkte. Eine schwache Aura von Magie umgab sie oder das Medaillon, schwer zuzuordnen, aber definitv vorhanden. Es war nicht die dunkle Aura der Schwarzen Magie, die in Kayro'Kan nicht selten zu spüren war. Diese war eher unberührt, unklar, wie verschwommen. Sie stammte nicht von hier, entschied Dende. Er würde sich ihr Gesicht einprägen müssen.
Langsam verließ er den Marktplatz, ohne dass jemand das den nunmehr leeren Stand beachtete. Er lenkte seine Schritte Richtung Herzogenpalast. Er würde mehr über Krieg lernen und über Politik. Das versprach gewöhnlich interessant zu werden.
Obwohl die Sonne noch nicht lange am Himmel stand, hatte sich vor den Toren von Lumnar bereits eine beeindruckende Zahl Wartender gesammelt. Menschen saßen wartend am Straßenrand, bis die Schlange sich weiterbewegte; vor dem Tor für Gefährte stauten sich Karren und Pferdewägen.
Arjuk zog zweifelnd die Brauen hoch. „Sollten wir Lumnar nicht besser meiden und so schnell wie möglich nach Caralmur weiter fahren?“, wandte er ein. „Bis wir hier durch sind...“
„Gönne einer alten Frau eine Nacht in einem ordentlichen Bett, ich bitte dich“, stöhnte Katrina.
Arjuk musste ein Schmunzeln unterdrücken. Katrina, die in wesentlich einfacheren Verhältnissen geboren war als er, verlangte nach Luxus?
„Außerdem gehen die Lebensmittel zuneige“, ließ Milena vernehmen. Sie zeigte Arjuk den Proviantkorb, in dem nur noch wenige Päckchen lagen.
„Siehst du, im Gegensatz zu dir denkt das Mädchen mit.“ Katrina lachte.
Arjuk sagte nichts mehr. Wenn Katrina über die Aufregung, eine neue große Stadt zu erkunden, ihren Kummer und ihren Unmut vergessen hatte, dann konnte ihm das nur recht sein. Nun blickte sie endlich wieder etwas munterer drein, als sie sich mit Chavan aus dem Fenster lehnte, um das Treiben vor den Stadttoren zu betrachten.
„Die kontrollieren ja“, fiel Arjuk auf, der die Stadtwache mit zusammen gekniffenen Augen beobachtet hatte.
„Dann sollten wir Acht geben, dass keiner etwas Falsches sagt“, sagte Katrina ruhig. „Antwortet so, wie ich euch es gesagt habe.“
„Ja, Mama“, grinste Arjuk.
Sie hatten sich darauf verständigt, Arjuk als Sohn von Katrina und dem Kutscher Felim auszugeben. Milena ging als Verlobte mit, Chavan als ihr jüngerer Bruder, den sie aufgenommen hatten, da die Geschwister Waisen seien.
Es sollte noch eine Stunde vergehen, bis ihr Wagen schließlich vor dem Tor angelangt war. Mit einem mulmigen Gefühl lauschte Arjuk, wie Felim mit der Stadtwache sprach, ihnen die Papiere aushändigte. Die Kutschentür wurde geöffnet, um zwei Männern kurz einen Blick auf die Reisenden zu gewähren.
„Guten Tag“, grüßte einer von ihnen höflich. Er lächelte, die hellen Augen unter den dichten blonden Brauen blickten freundlich.
„Ich kommt also aus Noato? Ich dachte, die Grenzen sind schon dicht.“ Es schien, als frage der Blonde weniger um seiner Arbeit willen als vielmehr aus reiner Neugier. Arjuk atmete auf, während Katrina in wenigen Sätzen die Lage in Noato schilderte.
„Wir sind unter den Letzten, die noch über die Grenze kamen“, schloss sie. „Nun kehren wir zurück nach Caralmur, wo wir Verwandte haben und es sicherer ist.“
„Welche Stellung hatte Eure Familie in Noato inne?“ Der Kollege des blonden Wachmannes hatte sich zu Wort gemeldet. Arjuks Herz machte einen schmerzhaften Satz, als der Mann, die dunklen Augen misstrauisch zusammengekniffen, die Reisenden musterte. Arjuk konnte nicht sagen, ob er der Lügengeschichte, die Katrina nun zum Besten gab, Glauben schenkte.
„Gut“, sagte er nur. „Entschuldigt meine Aufdringlichkeit, aber ihr werdet verstehen, dass wir keine politischen Flüchtlinge in Lumnar wollen. Das macht nur Probleme.“ Der Tonfall klang nicht wie der einer Entschuldigung.
Der Wachmann wedelte mit den Papieren, die Felim ihm wohl zur Kontrolle hatte geben müssen. „Wie ich sehe, seid ihr beiden in Caralmur geboren.“ Plötzlich breitete sich ein breites Lächeln auf dem Gesicht des Mannes aus. „Eine wundervolle Stadt. Es sind schon viele große Männer aus ihr hervor gegangen. Sicherlich seid ihr bereits voller Vorfreude auf die alte Heimat. Oder etwa nicht, junger Mann?“
Arjuk zuckte zusammen, als er den durchdringenden Blick der Wache auf sich gerichtet fühlte. „Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Noato verbracht“, murmelte er schnell.
„Was tratscht du hier herum wie ein altes Waschweib“, wies der Blonde seinen Kollegen zurecht. „Kein Wunder, dass die Schlange so lang ist.“
Arjuk musste ein Grinsen unterdrücken, hatte sich der Sprecher doch selbst zuvor ausführlich nach der Lage in Noato erkundigt.
Er atmete auf, als sie endlich passieren konnten. Während das Gefährt durch die Straßen rumpelte, lugte er neugierig aus dem Fenster. Sehr schnell kamen sie nicht voran, denn die Straßen waren schmal und überfüllt.
„Ein Kham,“ murmelte Katrina. „Der Wachmann gerade eben war ein Kham.“
„Woher weißt du das?“, wunderte sich Milena. „Nur weil er etwas dunkleres Haar hatte? Das heißt doch nicht viel.“
„Er sagte, Caralmur sei eine wundervolle Stadt.“ Katrina lächelte. „Einen eindeutigeren Beweis für seine Herkunft hätte er kaum liefern können.“
„Onkel“, rief draußen eine Kinderstimme, „in welche Richtung fährst du? Nimmst du mich ein Stück mit?“
Die Kutsche kam ruckelnd zum Stillstand, und Felims Stimme erwiderte: „Ich nehme dich gern ein Stück mit. Wir sind auf der Suche nach einer günstigen Herberge.“
„Eine Herberge? Ich kenne eine ganz in der Nähe!“, kam die triumphierende Antwort.
Zwei schwarze Augen blitzten fröhlich aus dem Gesicht des Mädchens, als Felim sie zu sich auf den Kutschbock hob. Während sie an weißgetünchten Häusern vorüber fuhren, drang das muntere Geplapper der Kleinen zu ihnen herein.
Arjuk lehnte sich zurück und schloss die Augen. Katrina hatte Recht - eine Nacht in einem bequemen Bett konnte nicht schaden...
Geriyon

Der junge Mann zügelte sein Pferd und blickte den Hügel hinab. Er konnte die Lichter der Akademie bereits sehen. Orange leuchtende Fenster, die sich gegen die Schatten der hereinbrechenden Nacht abhoben.
Die Strasse vor ihm war noch feucht vom Regen, ebenso die Bäume zu seiner linken. Es roch nach nassem Holz.
Der Wind, der jetzt aufkam und dem Reiter die dunkle Kapuze vom Kopf riss, trieb auch die letzten Wolken fort, so dass die ersten Sterne zu funkeln begannen. Ihr Licht spiegelte sich in der verschlungenen, silbernen Rune, die direkt über dem rechten Auge des jungen Mannes saß, gehalten von einem ledernen Band.
Einige Augenblicke verharrten Pferd und Reiter starr in dieser Position, schienen fast mit den Schatten des Waldes zu verschmelzen. Doch schließlich regte sich Geriyon, glitt zu Boden und gab seinem Reittier einen sanften Klaps gegen die Seite.
Dann wandte er sich um und tauchte ein in die Stille zwischen den Bäumen.
Im Gehen zog er einen langen, hölzernen Stab aus seinem Rückengurt und bahnte sich mit seiner Hilfe den Weg durch das dichte Unterholz. Nur begleitet vom gelegentlichen Säuseln des Windes in den Wipfeln.
Er würde den Stab verbergen müssen. Betrübt schüttelte Geriyon den Kopf. Die Vorstellung bereitete ihm fast schon körperliches Unbehagen, schließlich war der Stab so etwas wie ein Fortsatz seiner Aura, war durch magische Siegel mit ihm verbunden.
Da trat der Wald zurück und gab eine kleine Lichtung frei, in deren Mitte ein schmaler Bach murmelte. Sein Wasser strömte den Abhang hinab in Richtung der Akademie.
„Perfekt“
Prüfend blickte der junge Magier um sich, bevor er näher an den Bach herantrat. Leider hatte er keine Wahl. Der Stab war nun einmal das Symbol eines vollwertigen Magus und stand sicher keinem Novizen zu … er durfte keinen Argwohn erregen.
„Bruder Bach …“, flüsterte Geriyon, während er die Augen schloss und seinen Magierstab vor sich über das silbrige Wasser hielt. Lautlos begannen seine Lippen Worte zu formen. Worte der Macht.

Alle Geräusche auf der Lichtung wurden zurück gedrängt und gleichzeitig schien sich eine Spannung auf zu bauen, als würde sich die Luft statisch aufladen.
Währendessen öffnete Geriyon vorsichtig seine Hand, ohne die Augen aufzuschlagen. Der Stab schwebte kurz über dem Bach, dann drehte er sich langsam in die Waagerechte. Direkt unter ihm begann sich ein kleiner Wirbel im Wasser zu bilden, der langsam größer wurde und in die Höhe wuchs.
„Bruder Bach, höre mein Flehen!“ Geriyons Stimme schwoll an, wurde voller und dunkler.
„Schütze den Stab, den ich dir anvertraue, schütze ihn, bis ich ihn rufe!“
Die letzten Worte schrie der junge Magier fast und wie als Antwort schoss das Wasser des Bachs hoch und schloss sich wie eine Faust um den Stab. Dann stürzte es zurück ins Bett und nur noch etwas Gischt tanzte darauf.

Geriyon rührte sich einige Zeit nicht. Sein Atem ging schwer und Schweiß rann ihm über die Stirn. Doch schließlich senkte er seinen Arm, öffnete die Augen und wandte sich wieder um. Während er dem Weg zurück folgte, taste seine Hand nach einem Brief in der Taschen seines Mantels. Er trug das Siegel eines angeblichen Magisters der schwarzen Gilde, der ihn der Akademie als Schüler empfahl.
............... Jo wandte sich um und beachtete kaum wie Varjuk seinem neuen Kunden alles mögliche aufschwatzen wollte, als sie plötzlich jemanden am benachbarten Marktstand stehen sah, das gelockte, dunkle Haar so ins Gesicht gefallen, dass nur noch die Augen hervorblitzten.
Abertausende Sterne am Himmel, eine Wiese übersät von tanzenden Glühwürmchen, Arjuks verwunderter Blick – seine Augen… das konnte nicht sein.
Wie von selbst schloss sich Jos Hand um das Amulett, das sie stets um den Hals trug; das Amulett, das Arjuk ihr bei ihrem Abschied geschenkt hatte. Und plötzlich strich sich die Gestalt das dunkle Haar aus dem Gesicht.

---- Sie waren gekommen, um ihn zu holen. Stießen ihn vor sich her durch die Nacht. Die Hände so fest auf den Rücken gefesselt, dass sie in seine Haut einschnitten, stolperte er vor ihnen her. Seine Füße verfingen sich in Brombeerranken; da endete der Weg jäh in einer Klippe. Entsetzt warf er sich gegen den Griff seiner Bewacher, die ihn an den Rand des Abgrunds zerrten. Unter seinen Fußspitzen bröckelte der Boden. Ein Blick zur Mondsichel. Er wusste, dass hinter ihm einer seiner Peiniger dazu ansetzte, ihm den Stoß in den Rücken zu versetzen, der ihn nach vorne stolpern lassen würde...

„Nein...“
„Was hast du gesagt?“ Varjuk wandte sich nach Jo um. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihr Gesicht leichenblass.
„Jo, Kind, was in aller Welt...“
Jo riss die Arme nach oben. Varjuk taumelte zurück, als ein grelles Licht aufzuckte.
Die Explosion ließ den Marktplatz erbeben. Varjuk ging unter der Druckwelle zu Boden. Instinktiv riss er die Arme über den Kopf als der Marktstand zusammenbrach. Nur knapp verfehlte ihn einer der Masten, die barsten, als seien sie Streichhölzer. Ein Fass rammte ihn in die Seite, dann legte sich die Plane des Standes über ihn.
Endlich rührte sich nichts mehr. Nur hysterisches Hühnergackern war zu hören, während Varjuk unter der Plane hervorkroch und sich ungläubig umsah. Der Marktplatz glich einem Schlachtfeld. Die Stände verwüstet, Kisten gefallen, Fässer auf das Pflaster geprallt. Zwischen über die Straße kullerndem Obst und ausgeschütteten Mehlbergen kamen allmählich die blassen Gesichter der Menschen zum Vorschein, die zu Boden gegangen waren. Nur eine einzige Person stand aufrecht inmitten der Verwüstung: Einige Augenblicke lang verharrte Jo wie zur Salzsäule erstarrt, dann ging sie in die Knie.
Varjuk näherte sich ihr vorsichtig. Das Mädchen lag leblos im Schutt. Jegliche Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Varjuk legte zwei Finger an ihren Hals. Erschöpft schlug ihr Puls gegen seine Hand.
„Was in aller Welt war das?“, murmelte einer der Männer um sie herum. Geistesabwesend klopfte er sich den Staub von seinem Rock.
„Dieses Kind ist gefährlich.“ Der Ostländer, der dieses sagte, musterte das bewusstlose Mädchen mit düsterem Blick. „Was immer sie im Schilde führt, sie muss sofort unter Arrest.“
„Wir müssen die Palastwache verständigen!“, rief ein anderer Händler.
Sorgfältig bettete Varjuk Jos Kopf auf seine Knie und wartete schweigend ab.


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Arjuk blinzelte, als er die Fensterläden aufstieß und Morgenlicht in das kleine Zimmer fiel. Tief sog er die frische Luft ein. Vor seinen Augen breitete sich Nomae’har aus: Kleine, dicht aneinander gedrängte Häuser mit roten Dächern. Der Duft von Essen strömte auf die verwinkelten Gassen. In der Ferne ragten die noch nebelverhangenen Türme des Schlosses auf.
Im Herbergszimmer hinter ihm wälzte sich Chavan verschlafen auf die andere Seite. Arjuk grinste, als sein Blick auf den wirren kaffeebraunen Haarschopf zwischen den Decken fiel. Felims Bett daneben war bereits leer - das bedeutete keine wachsamen Augen auf Arjuk.
Mit einem Satz war Arjuk an seinem Lager und wollte ihm die Decke wegreißen, doch der Stallbursche klammerte sich an sie.
„Aufwachen!“, rief Arjuk. „Wir wollen doch Nomae’har entdecken, oder etwa nicht?“
Chavan brummte nur etwas unverständliches. Arjuk versuchte, seinen Griff zu lockern, indem er ihn kitzelte, und im Nu waren die Jungen in ein wildes Gerangel verwickelt. Der Stalljunge war erstaunlich stark und wendig, doch letztendlich entschied der Altersunterschied für Arjuk.
„Ich steh ja schon auf! Ich steh ja schon auf!“
Lachend entließ Arjuk ihn aus dem Schwitzkasten. Es war schon oft der sieben Jahre jüngere Chavan gewesen, der ihm die Spiele und Streiche gezeigt hatte, die man nicht kennen lernte, wenn man nicht mit den Kindern auf der Straße spielen durfte. Erst jetzt begriff Arjuk, dass all die strengen Regeln vorerst nicht mehr galten...
Arjuk grinste und trat an den Wasserbottich, der ihnen zum waschen bereit gestellt war.
„He, Chavan!“
Kaum wandte sich der Junge zu Arjuk um, landete eine gehörige Portion Wasser in seinem Gesicht. Chavan schrie empört auf. Gerade wollte er zum Gegenangriff übergehen, als es an ihrer Tür klopfte.
„Aus den Federn, ihr Schlafmützen! Sonst ist die beste Ware schon weg!“
Katrinas energische Stimme genügte, dass Chavan blitzschnell von Arjuk abließ und eifrig in seinem Bündel nach seinem Kittel wühlte.
„Als sei die ganze Stadt bereits wach, nur um dir das beste Brot wegzukaufen“, brummte Arjuk.
„Was weißt du schon von einem richtigen Markt“, entgegnete Katrina jenseits der Tür.
Arjuk grinste. „Nicht viel, aber mehr als du glaubst“, antwortete er, indem er sich sein Hemd überzog. Kaum hatte er die Tür geöffnet, wurde ihm auch schon ein großer Korb in die Hände gedrückt. „Wozu habe ich das Mannsvolk mit, wenn ich dann alleine meine Körbe schleppen muss.“
Schon wollte Arjuk ihr die Treppe hinab folgen, als er im dämmrigen Licht des fensterlosen Ganges zwei glitzernde Äuglein bemerkte. In einem Winkel kauerte das kleine Mädchen, das ihnen gestern den Weg zu der Herberge gezeigt hatte.
„Guten Morgen“, grüßte Arjuk überrascht. „Was machst du denn hier?“
„Guten Morgen!“, schmetterte die Kleine zurück. „Ich komme euch besuchen!“
„Das ist aber lieb.“ Katrina hatte sich umgewand und war sichtlich angetan von dem munteren, pausbackigen Kindergesicht.
„Seid ihr heute Abend noch hier?“ Unerwarteterweise hatte die Kleine in lupenreinen Khami gesprochen.
„Wir reisen morgen gegen Mittag ab“, antwortete Katrina verdutzt in ihrer Muttersprache. „Aber sag, warum sprichst du so gut Khami?“
„Meine Eltern sind in Samir’bat geboren“, erklärte das Mädchen. Ihr Lächeln entblößte eine Reihe schneeweißer Milchzähne. „Dann bis später!“
Schon war sie flink wie ein Wiesel zwischen ihnen hindurch und die Treppe hinab.
„Was für ein niedliches Kind“, erklang Milenas Stimme. Sie hatte das Geschehen wohl vom Fuße der Treppe aus die ganze Zeit beobachtet. „Was hat das Mädchen gesagt?“
Während die Gefährten die kleine Herberge verließen und den Weg in Richtung Marktplatz einschlugen, gab Katrina das kurze Gespräch wieder.
„Wo liegt denn Samir’bat?“, wollte Arjuk wissen. „Wohl irgendwo in Aven’kan, oder?“
„Herrje, Arjuk!“ Katrina verdrehte die Augen. „Samir’bat ist der Name, den die Kham für die Provinzhauptstadt verwenden, die hier Aven’har genannt wird. Sag bloß, du hast davon nie etwas gehört.“
„Oh.“ Arjuk ließ den Blick über die enge, staubige Gasse streifen. Die Herberge befand sich abseits des geschäftigen Stadtzentrums mit seinen breiten Straßen.
„Warum zwei Namen für dieselbe Stadt?“, hakte er nach. „Aven war doch der General, der die Provinz in Athalem eingliederte, wenn ich mich recht erinnere. Deshalb Aven’kan und Aven’har.“
Das haben sie dir also beigebracht.“ Katrina lächelte „Du bist wirklich ein Westländer durch und durch.“
„Was auch sonst?“, gab Arjuk unwillig zurück. Ein dunkler Haarschopf allein hatte noch niemanden zum Ostländer gemacht.
„Aber du erinnerst dich doch auch an Samirjuk, oder?“, fragte Katrina.
„Samirjuk, der erste König? Natürlich erinnere ich mich an den. Du hast mir ja ständig Legenden von ihm erzählt und wie er sein Königreich errichtete. Ach so!“ Arjuk schlug sich vor die Stirne. „Klar, die Kham wollen ihre Hauptstadt nach ihrem ersten König benennen, deshalb Samir’bat. Aber Athalem will von dem alten Königreich nichts wissen und nennt die Stadt Aven’har, nach dem ersten Provinzverwalter nach dem Fall des Königreiches. So ist es doch, oder?“
„Ganz genau“, lächelte Katrina zufrieden. „Warum stellst du so dumme Fragen, wenn du dann so kluge Antworten darauf weißt?“
„Vielleicht wären meine Fragen nur halb so dumm, hättest du mir mehr als nur Märchen und Lieder beigebracht“, brummte Arjuk.
„Was für Märchen und Lieder?“ Milena blickte Katrina erstaunt an.
„Märchen und Lieder, die ich diesem verzogenen Bengel vor dem Einschlafen gesungen habe, als er noch ein harmloses Kind war wie unsere kleine Freundin eben in der Herberge.“ Katrina schmunzelte.
Arjuk zog es vor, die Bemerkung zu übergehen, und Katrina begann Milena zu erklären, warum sie im Palast von Noato gelandet war.
„Ich bin in Caralmur geboren, eine freie Reichsstadt genau zwischen Kayro’kan, Gandal’kan und Aven’kan. Die Mehrheit der Bevölkerung ist immer noch Kham. Ich habe dort schon länger in guten Häusern gedient, wusste also, wie man sich vor den gnädigen Herrschaften zu verhalten hat, und eines Tages hörte ich, dass irgendein hohes Haus im Westen ein Kindermädchen für ihren Nachwuchs sucht. Ein Kindermädchen aus dem Osten. Die gnädige Dame stammt nämlich aus einer Familie mit Kham-Vorfahren und hatte sich in den Kopf gesetzt, ihrem Kleinen ein wenig von dem Glanz dem alten Kham-Reich zu vermitteln, den sie selbst nie kennen gelernt hatte. So wurde Noato zu meinem zweiten Zuhause und Arjuk zu meinem Sohn. Auch wenn ihm seine Lehrer eine Menge seltsame Ansichten in den Kopf pflanzten.“
Arjuk wandte sich aus ihrem Griff, als sie ihm über das Haar fuhr. Sie musste sich recken, um ihrem Schützling die Locken zu zausen.
„Da hast du mir ja sogar fast die Wahrheit erzählt“, bemerkte Milena mit einem etwas spitzen Unterton. „Wenn man mal beiseite lässt, dass deine angebliche Mutter in Wirklichkeit dein Kindermädchen ist.“
Katrina lachte auf. „Das möchte ich hören, was das Schlitzohr dir erzählt hat“, schmunzelte sie.
Arjuk wurde das Gespräch zu heikel.
„Komm Chavan, wir lassen die Frauen in Ruhe tratschen“, brummte er, indem er den Stalljungen am Arm fasste und ein schnelleres Schritttempo anschlug.
„Wo ihr schon dabei seid, großspurig vorneweg zu laufen ohne den Weg zu kennen, könntet ihr mal jemanden nach dem Markt fragen“, schallte ihnen Katrinas Ruf nach.
„Im Süden sind unsere Truppen sind bis zum Koriawald vorgedrungen. Naotos Truppen versuchen uns mit im dichten Wald mit Hinterhalten zu zermürben, aber es kann sich nur noch um ein paar Tage handeln und wir haben auch das letzte, versteckte Rattennest dort ausgehoben. Dann haben wir freien Weg auf die Stadt.“
Vulun nickte kurz. General Thakis, der nach diesem optimistischen Bericht mehr Zustimmung von seinem Herzog erwartet hatte, fügte mit einem letzten Anlauf hinzu.
„Insgesamt läuft der Krieg also nur zu unseren Gunsten!“
Wieder erfolgte kaum eine Reaktion des Herzogs. Gedankenverloren starrte er in Richtung Fenster. Stirnrunzelnd folgte Thakis seinem Blick. Doch alles was er sah, war ein kleine Meise, die vor dem geöffneten Fenster auf und ab hüpfte, als schien sie zu überlegen, ob sie es wagen sollte, etwas von dem Brot zu stibizen, welches auf dem nahen Tisch lag.
„Herzog?“, fragte einer der Berater neben ihm unsicher.
Vulun fuhr herum, blickte ihn kurz durchdringend an und fixierte dann Thakis.
„Kein Grund, übermäßig stolz zu sein, General!“, zischte er leise, „Ihr hattet eure Befehle und die sind auszuführen. Und ich habe euch schon einmal gesagt: Die Stadt zu besetzen, dürfte ein Kinderspiel sein. Ich aber will die Fürstenfamilie haben, lebend!“
Thakis Kehle entwich ein krächzendes Stammeln, unfähig eine zufriedenstellende Antwort zu finden. Der Berater Vuluns kam ihm glücklicherweise zu Hilfe.
„Darf ich noch einmal fragen, warum unsere Stadt so interessiert sein sollte an Noato? Nicht nur, dass Fürst Bovion keine Einstimmung gegeben hat, ihr habt auch unerlaubt die Grenzen unserer Nachbarn überschritten um in Noato einzufallen. Wenn Gandal'kan oder Nomae sich einmischen, dann steht es schlecht für uns, wenn ihr micht fragt...“
„Ich habe euch aber nicht gefragt!“, fiel ihm Vulun schneidend ins Wort. „Die Angelegenheit ist mit Bovion geregelt! Er ist in Iquann, wie ihr wisst und hat mir die Amtsgeschäfte bis zu seiner Rückkehr überlassen!"
"Die ist morgen.", protestierte sein Berater.
"Genug! Eure Aufgabe ist es, meine Befehle auszuführen, nichts weiter.“
Seine Hände pressten sich gegen das Holz des Thrones, so dass das Weiß der Knochen hervortrat. Thakis bemerkte ein wahnsinniges Funkeln in seinen Augen, als er weitersprach.
„Ich will Kalil. Ich will ihn hier haben! Er ist verantwortlich für den Tod meiner Schwester. Aber am wichtigsten ist Arjuk, mein geliebter Neffe. Er ist alles, was ich noch von ihr besitze. Und er ist sehr viel wertvoller, als ihr es euch vorstellen könntet. Er wird mir zu Macht verhelfen, zu viel Macht.“
Der Berater schüttelte langsam den Kopf.
„Das verstehe ich nicht...“
„Weil ihr ein närrischer Kleingeist seid“, erwiderte Vulun mit einem irren Grinsen, welches allerdings sofort wieder verschwand, als er Thakis herausfordernd anblickte.
„Ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten diesbezüglich, Herzog“, brummelte Thakis und trat nervös von einem Bein aufs andere, „meine Spione berichten, dass der Fürstensohn Arjuk verstorben ist. Die Beerdigung fand bereits statt.“
Thakis hielt den Atem an. Er fürchtete die Reaktion des Herzogs auf diese Nachricht. Innerlich hatte er gehofft, der Fürst würde nicht fragen, aber natürlich war dies töricht gewesen. Vulun interessierte sich kaum mehr für andere Dinge, als die Suche nach seinem Neffen. Zu seinem Überraschen ging der Fürst nicht auf ihn los, sondern winkte mit einem lustlosen Lachen ab.
„Thakis, ihr seid ein solcher Idiot und eure Spione offensichtlich auch. Ich bin mir sicher, dass dies eine Finte ist, um den Jungen außer Landes zu schmuggeln. Aber das wird Kalil nichts nützen. Ihr werdet Arjuk finden, verstanden?“
Thakis blieb einen Moment sprachlos und nickte dann kurz.
„Natürlich, mein Gebieter.“

Dende spitzte die Lippen, als wolle er pfeifen, doch kein hörbarer Ton entwich seiner Kehle. Dennoch, viele Meter über ihm, an den großen, reich verzierten Fenstern des Palastes spreizte eine kleine Meise die Flügel und flog ihm entgegen.
'Sehr interessant', dachte Dende und zog sich tiefer ins Dunkel der Gasse unweit des Schlosses zurück. War also eine Familienintrige Grund für den Krieg? Eine Familienintrige unter Blaublütigen? Nichts Ungewöhnliches, als ob der Adel nicht um weniger Krieg geführt hätte. Aber Dende spürte, dass dies nicht alles sein konnte. Er hatte noch nie etwas von diesem Arjuk gehört, dennoch schien Herzog Vulun ihn unter allen Umständen in die Finger kriegen zu wollen. Irgendwas musste mit dem Jungen sein, was über Familienbande hinausging.
Sein tierischer Spion wollte gerade auf seiner Schulter landen, als das Geräusch einer gewaltigen Explosion Dende herumfahren ließ.
Hatte er nicht gründlich genug aufpasst? Waren doch Schwarze Magier in der Nähe, die sein Spionieren mitbekommen hatten? Flüsternd sprach er ein Wort der Macht und seinem Finger entsprang ein Strahl aus Eis, der die Meise traf, die sogleich zu Boden fiel und in tausende Eissplitter zersprang.
'Besser keine Spuren hinterlassen, die den Schwarzen noch nützen könnten', dachte Dende. Der Magier verschmolz praktisch mit dem Schatten der umliegenden Häuser und wartete. Nichts geschah. Dende runzelte die Stirn. Die Explosion war nicht vom Palast gekommen ... sondern aus der Richtung, aus der er kam. Vom Marktplatz. Eilig, aber dennoch bedacht, im Schatten zu bleiben, rannte Dende in wieder in diese Richtung.
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Der Marktplatz glich einem Schlachtfeld. Die Stände verwüstet, Kisten gefallen, Fässer auf das Pflaster geprallt. Zwischen über die Straße kullerndem Obst und ausgeschütteten Mehlbergen* sah Dende eine Traube von Menschen, teils blutend und mit zerrissenen Kleider um etwas versammelt, was er von der Seitengasse nicht sehen konnte. So schnell es seine Verkleidung als alter Bettler erlaubte, humpelte er über die Markttrümmer und spähte in die Menge. Die entweder misstrauischen oder offen feindseligen Gesichter der Umstehenden blickten auf einen Bauern am Boden, in dessen Schoss ein bewusstloses Mädchen lag. Das Mädchen mit dem Medaillon.
Dende fluchte leise. Er hätte wissen müssen. Irgendetwas hatte es mit ihr auf sich. Seine rasenden Gedanken wurden von einem Trompetensignal unterbrochen, dass durch die Straßen klang. Die Wache des Herzogs kam in zwei Marschreihen angerannt. Dende fluchte wieder. Er hasste derartig unüberlegte Entscheidungen, aber er konnte das Mädchen nicht Herzog Vulun überlassen...
Die Wache hatte schon die Menge erreicht, als Dende mit einer raschen Bewegung seinen Arm hochriss und einzelnes Wort den Soldaten entgegenzischte. Im nächsten Moment ließ ein Windstoß die Wachen und einen Teil der Menschen rücklings wie Dominosteine zu Boden fallen. Mit einem gekrächzten „Hinfort!“ explodierte eine Rauchbombe inmitten der Menge und hüllte alles für ein paar Minuten in einen undurchdringlichen Nebel. Als die Wachen sich wieder aufrappelten, waren Dende und das Mädchen längst verschwunden...
„Blut und Asche!**“, fluchte Dende mehrmals, als mit dem Mädchen auf den Rücken durch Straßen lief. Diese Aktion würde von jedem Magier in der Umgebung festgestellt worden sein. Er würde schnell einen Unterschlupf finden müssen, was mit einer Bewusstlosen Halbmagierin nicht einfacher werden würde...

[* Ich hab den mal von Ichigos Absatz übernommen, ich fand, das gibt nen guten Übergang und Kontinuität Icon_confused ]
[** Der Fluch ist von Robert Jordan übernommen. Ich hoffe, das ist in Ordnung. Mir ist auf die Schnelle kein Besserer eingefallen und ich mag ihn]
Geriyon schreckte hoch. Er benötigte einige Augenblicke, um sich darauf zu besinnen wo er eigentlich war. Nur wenige Sonnenstrahlen fanden den Weg durch das schmale Fenster und malten ein schwaches Muster auf den kühlen Steinboden.
Der junge Magier lehnte sich zurück und streckte seine untereinander geschlagenen Beine aus. Was ist das gewesen? Abwesend tastete seine Hand nach dem silbernen Siegel, das sein rechtes Auge bedeckte.
Eine magische Eruption … taghell hatte sie gestrahlt, hatte sich wie glühendes Eisen in seine Sinne gebohrt. Wäre sein rechtes Auge nicht versiegelt, er hätte, so unvorbereitet, sein Sehvermögen für einige Zeit eingebüsst. Zögernd erhob er sich von seinem einfachen Lager und vertrieb die letzten Reste der Benommenheit, die die tiefe Meditation in ihm hinterlassen hatte, mit einem Kopfschütteln.
Dann schritt er langsam zum Fenster. Unter sich konnte er den Hof der Akademie sehen, auf dem einige junge Novizen mit Besen hantierten.
Er hatte sich auf die Vorgänge hier im Anwesen konzentriert, hatte arkane Muster gelesen, als plötzlich etwas passiert war. Trotz allem, musste die Entfernung recht groß gewesen sein, denn er hatte keine Einzelheit erkennen können. Nur hell strahlende Magie.
„Silberschwinge“, flüsterte Geriyon. Sofort löste sich ein Schatten vom Dachfirst, schoss in die Tiefe, um im letzten Moment breite Schwingen aufzuspannen und gekonnt auf Geriyons ausgestrecktem Arm zu landen. Sanft strich der junge Magier dem Raben durchs Gefieder. Irgendetwas war vorgefallen. Irgendetwas Interessantes!
„Silberschwinge, flieg und schau!“ Der schwarze Vogel krächzte zustimmend, breitete die Flügel aus und verschwand im bewölkten Himmel.

Nachdenklich wandte Geriyon sich um und schritt wieder in den spärlich eingerichteten Raum. Eine Novizenkammer. In diesem Augenblick klopfte es an die Tür. „Geriyon Raven?“ Ein Schüler, vielleicht schon im dritten Kreis der Magie, öffnete sie. Er schien sichtlich stolz, eine Nachricht überbringen zu dürfen. „Der Meister läst dich rufen! Er erübrigt nun Zeit, um sich mit deiner Angelegenheit zu beschäftigen.“
Geriyon nickte nur und folgte dem Novizen durch die düsteren Gänge der Akademie. Das wurde aber auch langsam Zeit!

„Ah! Ihr seid der Neuankömmling?“ Dem Erzmagister gelang es Geriyon von oben herab anzublicken, obwohl er an seinem schweren Schreibtisch saß und der junge Magier vor ihm stand.
Trotzdem deutete Geriyon eine Verbeugung an. Er durfte jetzt keine Fehler machen.
Der Erzmagister strich sich durch seinen Vollbart, während er das Schreiben musterte, das der junge Magier ihm übergeben hatte. Keine Regung war in dem faltigen Gesicht des Älteren zu erkennen. Er hat sich perfekt unter Kontrolle! Nervös strich Geriyon über die silberne Rune in seinem Gesicht.
„Hm, euer Mentor empfiehlt euch … er lobt euch wahrlich in hohen Tönen. Könnte ihr diesen Ansprüchen denn genügen?“ Bei den letzten Worten sah der Erzmagister der Akademie auf und betrachtete den jungen Magier eindringlich. Seine stahlblauen Augen schienen ihn förmlich zu durchbohren.
Wieder verbeugte sich Geriyon. „Ich hoffe! Ich werde sicherlich mein Bestes geben, werde versuchen mich dieser Schule als würdig zu erweisen!“ Mühsam unterdrückte er das Zittern in seiner Stimme. Nichts anmerken lassen!
„Da bin ich mir sicher.“ Der Magister begann das Pergament sorgfältig zusammen zufalten. „Nur … warum ist mir der Name eures Mentors völlig unbekannt?“ Kurz schloss Geriyon die Augen und hinderte seinen Atem daran zischend zu entweichen. Bleib ruhig, die Frage hast du doch erwartet! Hat er mich durchschaut? Gerade setzte der junge Magier zu einer Erklärung an, als die Tür zum Arbeitszimmer aufgerissen wurde und ein Mann hereinstürmte. Er trugt lederne Reiterkleidung und war noch schweißnass. „Meister! Ich bringe eine wichtige Nachricht aus der Stadt! Es gab eine magische Explosion auf dem Marktplatz. Eine Ungeformte, anscheinend!“ Der Bote hielt inne, um nach Luft zuringen. „Was?“ Der Magister schoss in die Höhe. “Schickt Severinus und Rach’kor!” Dann entließ er Geriyon mit einer beiläufigen Handbewegung. „Ihr meldet euch morgen in der Frühe bei Meister Gavrakas und beginnt mit eurer Ausbildung! Und nun zieht euch zurück, ich habe Wichtigeres zutun!“

Erleichtert verließ Geriyon das Arbeitszimmer.
Doch rasch begannen seine Gedanken um etwas anderes zu wirbeln. Eine magische Explosion auf dem Marktplatz? Eine Ungeformte? Möglicherweise hatte er das gesehen. Der junge Magier eilte die breite Wendeltreppe hinab. Er hatte bis morgen Zeit und dieser Vorfall versprach wirklich interessant zu werden. Er würde ebenfalls nach Kayro’har reiten.
„Hör schon auf zu jammern. Immerhin ist es deine Schuld, dass Chavan sich den Fuß verstaucht hat.“
Arjuk fand ganz und gar nicht, dass ihn Schuld traf - es war Chavan, der sich stets die waghalsigsten Spiele ausdachte -, doch er hatte keine Puste, um Widerspruch einzulegen. Katrina hatte Milena und ihm mit dem Großteil ihrer Einkäufe zur Herberge voraus geschickt, während sie den wimmernden Chavan vorsichtshalber zu einem Heiler brachte.
„Allerdings frage ich mich, ob unsere Geldbörse nicht schon bald bedenklich schrumpfen wird.“ Stirnrunzelnd musterte Milena die Einkäufe. „Großzügiger Proviant, die beiden Herbergszimmer, und dann auch noch Chavans Behandlung... Lumnar hat sich einiges kosten lassen.“
Arjuk aber schüttelte den Kopf. „Katrina weiß schon, was sie macht“, meinte er. Er war zuversichtlich, dass sein Vater ihnen ein großzügiges Reisegeld mit auf den Weg gegeben hatte - vermutlich mehr, als sich Milena jemals erträumt hätte.
Im Augenblick interessierte sich Arjuk allerdings mehr dafür, dass sie gerade in die schmale Straße eingebogenen waren, an deren Ende die Herberge in Sicht kam.
Als er endlich die Tür zum Zimmer der beiden Frauen aufgestoßen und den schweren Korb vom Rücken genommen hatte, stieß er einen Stoßseufzer aus. Auch Milena wischte sich den Schweiß von der Stirn. Kopfschüttelnd ließ Arjuk den Blick über die Berge an Trockenfrüchten und Pökelfleisch, die weichen warmen Decken und den großen blitzenden Kochtopf gleiten.
„Katrina hat sich wirklich zu sehr an den Luxus des Palastlebens gewöhnt“, brummte er.
Zu seiner Überraschung lachte Milena auf. „Es ist wirklich absurd, so etwas ausgerechnet aus deinem Mund zu hören“, kicherte sie.
Arjuk biss sich auf die Lippe. Es gab nicht viele Leute, mit denen er nicht als ein Prinz, sondern einfach nur als er selbst reden konnte. Wenn er es sich recht überlegte, war vielleicht auch das kein unwichtiger Grund gewesen, warum er sich verkleidet auf die Straßen Noatos begeben hatte und sich dort schließlich mit Milena, der Tochter des Schmieds, anfreundete. Seit der Enthüllung seiner wahren Identität hatte sich Milenas Verhalten ihm gegenüber zwar nicht wesentlich verändert, doch hin und wieder erinnerte ihn eine ihrer üblichen spitzen Bemerkungen nun an den Standesunterschied zwischen ihnen.
„Vergiss nicht, ab jetzt bin ich Seyjuk“, sagte er. „Wie wir gehört haben, ist der Prinz bereits tot.“
Milenas Lachen erstarb. Sie hatten auf dem Markt schnell feststellen können, dass die Todesnachricht bereits bis nach Lumnar gedrungen war und sich darüber hinaus bereits allerlei Gerüchte und Vermutungen um den mysteriösen Fall rankten. Milena schien etwas sagen zu wollen, doch eine schüchterne Kinderstimme unterbrach sie.
„Hallo.“
Verdutzt wandten sich die beiden um. Das kleine Mädchen, das sie bereits am Morgen begrüßt hatte, war unbemerkt in die offene Tür getreten.
„Hallo“, antwortete Arjuk verdattert. „Bist du schon wieder hier? Man könnte geradezu meinen, du beschattest uns.“
„Ich pass’ nur auf euch auf“, antwortete die Kleine zu ihrer Überraschung. „Ihr habt ja gesagt, ihr seid am Abend wieder da. Aber wo sind denn die anderen?“
Schon huschten ihre kleinen nachtschwarzen Äuglein suchend durch den Raum.
„Die kommen erst später“, antwortete Arjuk vage, was ihm einen Seitenblick von Milena einhandelte. Zwar war es Chavans Idee gewesen, auf die Mauer zu klettern, aber vielleicht hätte Arjuk ihn doch nicht ausgerechnet dort zu einem Wettkampf herausfordern sollen...
„Erst später?“ Die Kleine blickte zufrieden drein. „Dann kann ich euch ja jetzt meinen Tanz vorführen. Wollt ihr meinen Tanz sehen?“
Das Mädchen wartete die Antwort erst gar nicht ab. Schon begann sie, mit klarer Kinderstimme ihr Lied zu singen und dabei eifrig ihre Tanzschritte im Kreise zu führen. Arjuk erkannte die Melodie sofort. Es war eines der ostländischen Lieder, die Katrina ihm vor langer Zeit gezeigt hatte. Er erinnerte sich an jede einzelne Silbe, und so stimmte er unwillkürlich mit ein, während Milena begeistert im Takt dazu klatschte. Das Kind sah auch einfach zu drollig aus, wie es seine kleinen Ärmchen in die Luft warf. Es schien seine Vorführung sehr ernst zu nehmen und jeden Schritt genauestens auszuführen. Schließlich beendete es seine Darbietung in einer Verneigung.
Milena und Arjuk klatschten Beifall, doch sie wurden jäh unterbrochen, als urplötzlich die Tür mit lautem Krachen aufgesprengt wurde.
„Hände über den Kopf!“
Noch ehe die beiden recht begriffen, was geschah, sahen sie sich schon umringt, die gezückten Waffen auf sie gerichtet. Die Angreifer hatten ihre Gesichter mit Lumpen vermummt, so dass nur noch die Augen hervor blitzten.
Unwillkürlich waren Milena und Arjuk zusammen gerückt. Verschreckt befolgten sie die harschen Befehle: „Los, los, Arme nach oben! Hände über den Kopf!“
Das kleine Mädchen aber lief furchtlos auf einen der kräftigen Männer zu.
„Papa!“
Arjuk verschlug es die Sprache, als der Mann das Mädchen auf den Arm nahm und ihr das Haar zauste.
„Das hast du sehr gut gemacht, meine Kleine. Deinem Charme kann einfach niemand widerstehen, was?“ Er sprach mit seiner Tochter auf Khami, doch Arjuk hatte das dumpfe Gefühl, diese Stimme schon einmal auf Meir gehört zu haben.
Milena und Arjuk wechselten einen Blick. Sie waren voll und ganz in die Falle getappt. Aber wer hatte sie gestellt? Konnte es sein, dass Vulun ihnen so schnell auf die Schliche gekommen war?
„Kommen wir zur Sache.“ Arjuks Herzschlag beschleunigte sich, als der Vater mit dem Kind auf dem Arm auf ihn zutrat. „Durchsucht den Burschen nach Waffen und den Papieren.“
„Papiere?“ Arjuk blickte auf und in die Augen des Angreifers, die ebenso nachtschwarz waren wie die seiner Tochter.
„Sie mal einer an.“ Der Mann musterte Arjuk interessiert, während dieser grob durchsucht wurde. „Du verstehst Khami, nicht wahr, Junge? Bist du am Ende doch der echte Seyjuk?“
Arjuk biss sich auf die Lippe. Hätte er sich besser unter Kontrolle gehalten, hätte er vielleicht einige Gespräche auf Khami heimlich belauschen können.
Als ihm sowohl der Dolch, der unter Arjuks Hemd versteckt gewesen war, als auch das in Wachspapier gewickelte Dokument gereicht wurde, setzte der Anführer seine Tochter ab. In dem Moment, da er das Pergament öffnete und eingehend begutachtete, fiel es Arjuk plötzlich wie Schuppen von den Augen: Es war der Wachposten, der sie auch am Stadttor von Lumnar kontrolliert und nach Caralmur gefragt hatte. Offenbar war ihm damals irgendetwas aufgefallen, so dass er ihnen sofort sein Töchterchen nachgeschickt hatte.
„Wie um alles in der Welt“, sagte der Wachmann nun, indem er mit dem Pergament vor Arjuks Nase herumwedelte, „kommst du an Seyjuks Papiere, die zudem noch so echt aussehen?“
Arjuk schwieg verdattert. Er war davon ausgegangen, dass sich sein Vater gut überlegt hatte, wie er ihn aus der Provinz schmuggeln konnte. Anscheinend war das nicht der Fall gewesen. Irgendwo musste sein Vater einen schwerwiegenden Fehler begangen haben.
Andererseits aber fiel ihm auch ein Stein vom Herzen, dass sich diese Leute offenbar kein bisschen für den toten Arjuk, sondern vielmehr für einen gewissen Seyjuk interessierten.
„Nun? Willst du mir verraten?" Arjuk wich zurück, als der Mann sich ihm drohend näherte.
„Ich... ich habe es von einem Fälscher erstanden“, antwortete er schnell. „Ich wusste nicht, dass es ein echtes Dokument ist...“
„Er versucht, sich aus der Affäre zu ziehen, damit wir ihn nicht zu Yerim bringen“, rief einer der Umstehenden. „Sicherlich ist es Seyjuk!“
„Seyjuk hätte keine Angst vor Yerim“, erwiderte einer seiner Kameraden. „Seyjuk würde sich auch nicht so in die Hosen machen wie dieser Waschlappen.“
„Fängst du schon wieder damit an?“, fiel ihm ein anderer ins Wort. „Ich sage dir, Seyjuk ist ein Feigling, der seinesgleichen sucht. Aber ich gebe dir recht damit, dass dieses Würstchen nicht der echte Seyjuk ist. Seht ihn euch doch nur an, mit seinem fein gearbeiteten Gürtel und der weißen, verwöhnten Haut, wie er uns auf Meir antwortet. Ein Westländer durch und durch.“
„Kein normaler Westländer! Er kannte das Lied vorhin und er versteht Khami.“
„Aber ein echter Kham ist er auch nicht.“
„Seyjuk ist doch auch kein echter Kham...“
Arjuk konnte der hitzigen Diskussion kaum folgen.
„Wenn es nicht der echte Seyjuk ist, warum sollte er dann so dumm sein, sich mit vollem Bewusstsein als ein Mann auszugeben, der sich so viele Feinde gemacht hat wie Seyjuk?“
„Da hast du Recht. Aber warum sollte Seyjuk so dumm sein, seinen echten Namen zu verwenden, obwohl Yerim auf der Jagd nach ihm ist?“
Ein gellender Aufschrei unterbrach die Debatte. Arjuk erschrak nicht minder als die Angreifer, als sein Blick auf das kleine Mädchen fiel, das sich in Milenas Griff wand. Ein Aufschrei ging durch den Kreis der Männer, als Milena mit unbewegter Mine die Klinge eines kleinen Dolches an die Kehle des Kindes setzte.
„Keine Bewegung.“ Milenas Stimme war hart.
„Niemand rührt sich!“, brüllte der Vater des Kindes hektisch. „Niemand krümmt auch nur einen Finger, verstanden?“
Die Männer, groß und stark wie Ochsen, standen nunmehr hilflos und mit flehendem Blick vor Milena.
„Sich an einem unschuldigen Kind zu vergreifen“, schnaubte der entsetzte Vater. „Du solltest dich schämen!“
Milena lachte auf. „Du warst es, der sein Kind für seine Zwecke missbrauchte und in Lebensgefahr brachte“, antwortete sie nur.
„Warum zum Teufel hat sie niemand entwaffnet?“, entfuhr es einem der Umstehenden.
„Aber es gab keinen Befehl dazu“, verteidigte sich sein Kamerad neben ihm.
„Ihr habt einfach nur den selben Fehler begangen wie wir zuvor, als ihr annahmt, ein kleines Kind oder aber eine junge Frau sei keine Gefahr für euch“, erwiderte Milena gelassen. „Wie ihr seht verwende ich nur die Waffen, die ihr auch einsetzt.“
Unwillkürlich schauderte Arjuk bei der Szene. Auch er hatte nicht damit gerechnet, dass das schlanke Mädchen, geboren in einfachen Verhältnissen, einen Dolch so geschickt und selbstverständlich einsetzen würde. Die kaltblütige junge Frau vor ihm schien ein vollkommen anderer Mensch zu sein, als die Tochter eines einfachen Schmiedes, die er zu kennen geglaubt hatte.
„Und jetzt geh.“
Arjuk brauchte einen Moment, bis er begriff, dass Milena mit ihm sprach.
„Aber was wird mir dir...“, setzte er an, doch das Mädchen unterbrach ihn.
„Ich werde nachzukommen, aber erst einmal verschaffe ich dir einen Vorsprung“, sagte sie. „Du weißt genau, dass dein Schicksal nun wichtiger ist als meines. Also geh schon!“
In Arjuks Kopf überschlugen sich die Gedanken. Er konnte Milena doch nicht einfach im Stich lassen! Sicherlich hatte sie Recht damit, dass sich die Angreifer offenbar nicht für sie interessierten. Aber falls sie ihnen in die Hände fiel, dann würden sie sie sicherlich als Geisel einsetzen.
„Hör mal“, sagte Milena eindringlich. „Ich habe da noch ein paar Tricks, mit denen ich hier rauskommen kann. Ich weiß schon, was ich mache. Du kannst mir dabei ohnehin nicht helfen.“
Einen Moment lang zögerte Arjuk, doch der Blick aus Milenas eisblauen Augen war fest und voller Entschlossenheit. Sollte sie tatsächlich eine gerissenere Kämpferin sein, als er angenommen hatte, dann war er ihr in der Tat kaum von Nutzen - im Gegenteil, er würde sie wohl eher behindern.
Arjuk ging. Hastig stolperte er aus der Tür, den muffigen Gang entlang, wäre beinahe über eine Kiste gefallen. Geblendet kniff er die Augen zusammen, als er die Eingangstür der Herberge aufstieß und in das helle Sonnenlicht hinaus eilte. Im selben Moment, da ein Schatten auf seinen Weg fiel, verfluchte er seine eigene Dummheit. Wieso hatte er nur, für jeden sichtbar, den Hauptausgang aus der Herberge gewählt? Etwas zerbarst auf seinem Hinterkopf, dann versank die Welt um ihn herum in Dunkelheit...
Das Medaillon pendelte vor Dendes Augen in immer kleiner werdenden Zügen hin und her und kam schließlich direkt vor seiner Nasenspitze zum Stillstand. Seit Stunden drehten Dendes Gedanken immer wieder um das Schmuckstück, doch genau wie das Amulett regelmäßig, von der Erde angezogen, aus der Schwingung geriet, so fiel auch in Dendes Kopf alles immer wieder auf einen Punkt zurück. Er hatte definitiv noch nie ein vergleichbares Amulett gesehen und das hieß, es konnte aus keinem von ihm bekannten Teil Athalems stammen. Und es war definitiv nicht so magisch, dass er dessen Zauberkraft hätte nutzen können. Andererseits würde das bedeuten, dass die Unbekannte allein für die Explosion verantwortlich war. Es kam nicht selten vor, dass plötzlich Menschen unkontrolliert Zeichen magischer Energie zeigten. Daraufhin wurden sie gewöhnlich schnellstens zu einem Magus gebracht um ordentlich trainiert zu werden. Doch dabei handelte es sich immer um Kinder. Einen derartigen Ausbruch bei einem Erwachsenen ... auch davon hatte Dende noch nie etwas gehört. Der Magier seufzte, ließ das Amulett in eine seiner Manteltaschen gleiten und blickte erschöpft zu der schlafenden Frau. Er hatte sich mit ihr in einem verlassenen Keller am Stadtrand verschanzt, weiter würden sie sowieso nicht kommen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Dende stieg die vermoderte Holztreppe hinauf, die unter seinem Gewicht verdächtig zu knirschen begann, schob vorsichtig eine Holzscheite zur Seite, die ein Loch im Mauerwerk freigaben und lugte ins Freie. Die Dämmerung war hereingebrochen und schon auf den ersten Blick bemerkte er die zahlreichen Fledermäuse, die den Himmel über der Stadt bevölkerten.
Spione der Schwarzen Magier, dachte Dende ärgerlich. Sie waren ihnen auf den Fersen, wie erwartet. Er würde keinen tierischen Spion losschicken können. Die Fledermäuse würden jeden Vogel und praktisch jedes Tier vertreiben, das nicht die Aura der schwarzen Magie in sich trug.
Unter sich hörte er ein leises Stöhnen. Sie wachte auf! Hastig schob er die Holzscheite wieder über das Loch, sprang die Treppe hinab und kniete sich neben das, in seinen Augen, blutjunge Wesen, das vor kurzer Zeit einen ganzen Marktplatz in Schutt und Asche gelegt hatte. Nur sehr langsam schlug sie die Augen auf und selbst dann blieb ihr Blick glasig, als ob ihre Augen hinter einem Schleier verborgen blieben.
„Wo ... bin ich?“, stammelte sie leise.
„In Kayro'har.“, antwortete Dende kurz.
Ein Blick aus Unverständnis und Verwirrung traf ihn.
„Wer bist du?“
„Mein Name ist Alvius“, log Dende. „Ich habe dich hierher gebracht.“
„Und wer bin ich?“
Dende zog seine Augenbrauen hoch.
„Das wüsste ich auch gerne, Kind. Du hattest einen ...“ Er zögerte kurz. „...Unfall. Auf dem Marktplatz. Erinnerst du dich nicht?“
Sie runzelte die Stirn.
„Nein ... ich ... da sind nur verschwommene Schatten. Der Marktplatz ... und ein Stand ... aber ich weiß nicht, wieso ... was ... warum war ich dort? Wer bin ich?“, fragte sie noch einmal verzweifelter. So sehr sie sich auch zu erinnern versuchte, da war einfach nichts. Kein Gedanke, an den sie sich klammern konnte, kein roter Faden – nur eine beängstigende Leere.
Dende musterte sie einen Augenblick kritisch, holte dann eine Feldflasche aus seiner Tasche und reichte sie ihr mit der Aufforderung: „Trink! Das wird helfen.“
Zögernd gehorchte sie und trank einige Züge. Dabei musterte sie ihr Gegenüber, ließ den Blick über das faltige, freundliche Gesicht schweifen, dass aus der Kapuze hervorblickte. Wie alt er war, konnte sie nicht sagen, doch das war im Moment auch eine ihrer geringsten Sorgen.
Nachdem sie einige Schlucke zu sich genommen hatte, fragte sie: „Was ist passiert?“
„Das ist etwas kompliziert zu erklären, fürchte ich.“ Da die junge Frau fragend die Stirn runzelte und offensichtlich mehr erwartete, fuhr Dende zögernd fort. „Du hattest einen Unfall auf dem Marktplatz und bist bewusstlos geworden. Deshalb habe ich dich hierher gebracht.“
Sie blickte sich irritiert um. Bis auf eine rostige Lampe, die den Raum gerade so ausleuchtete, konnte sie außer ein paar zerfallenen Möbeln an den Wänden nichts erkennen. Eine schmale Holztreppe führte nach oben, starker Modergeruch kam von den feuchten Wänden.
„Wieso hierher? Wieso nicht zu einem Heiler? Wieso---“ Vor lauter Fragen verstummte sie.
„Weil du meiner Meinung nach in Gefahr bist, Kind. In großer Gefahr! Erinnerst du dich denn an gar nichts?“
Wieder versank sie für einige Minuten in Gedanken, schüttelte dann aber langsam den Kopf.
„Ich erinnere mich an einen Platz … und Menschen ... aber weder an dich noch an einen Unfall, noch an irgendetwas Genaueres! Es ist als ob jemand… einfach meine Gedanken ausradiert hätte.“
„Ich verstehe...“ murmelte Dende leise und schlurfte langsam auf und ab. Dann drehte er sich abrupt wieder zu ihr um und das Amulett baumelte von seinem Finger.
„Erkennst du das?“, fragte er leise.
„Ja“, sagte sie überrascht und ihre Augen weiteten sich. „Ja! Ich erkenne es. Das gehört mir, es gehört mir!“
Sie wollte danach greifen, doch mit einer raschen Handbewegung ließ Dende das Amulett wieder in der Manteltasche verschwinden.
„Nicht so schnell, Kind! Dieses Ding gehört vielleicht dir, aber ich fürchte, es könnte dir noch Probleme bereiten.“
Sie runzelte verärgert die Stirn. Das Einzige, an das sie sich im Moment klammern konnte, war dieses Amulett – sie glaubte, nein, war sich sicher, es schon einmal gesehen zu haben – und der Fremde wollte es ihr nicht geben!
„Wieso? Was meinst du damit? Was versteht ein alter Bettler davon?“
Dende lächelte leicht.
„Nicht viel vielleicht. Aber nachdem was ich gesehen habe...“
„Aber was hast du gesehen?“, wollte sie wissen und schrie nun fast, „Warum drückst du dich so geheimnisvoll aus? Was ist mit mir passiert? Wo bin ich hier? Was soll das alles?“
Dende wollte antworten, doch ein Geräusch von der Treppe ließ ihn herumfahren. Noch ehe sie etwas anderes sagen konnte, war er mit einem Satz im Schatten unter der Treppe verschwunden.


Ein plötzliches Aufblitzen vom Ende der Treppe ließ die überraschte Frau blinzeln. Stimmen drangen ihr entgegen.
„Da ist jemand!“, rief ein junger Mann aufgeregt.
„Das muss sie sein.“, antwortete eine andere Stimme, tiefer, böser. „Die Ungeformte.“
Plötzlich standen die beiden Männer genau vor ihr. Der Ältere von beiden hielt einen Stab in seiner rechten Hand, an dessen Ende eine kleine Kugel weiß leuchtete, so dass sie immer noch blinzeln musste. Der Jüngere hatte keinen Stab, doch an seinem Gürtel hing ein kleines Messer. Beide trugen lange, schwarze Roben und blickten sie finster an.
„Du wirst der unerlaubten Verwendung von Magie beschuldigt!“, rief der Mann mit dem Stab, „du wirst mit uns kommen. Keinen Widerstand!“
Mit einer blitzschnellen Handbewegung hatte der Jüngere sie gepackt und wollte sie zu sich zerren, doch die junge Frau wehrte sich nach Kräften.
„Lass mich los, Bastard!“, zischte sie und schlug verzweifelt um sich.
„Schweig, Ungeformte!“, keifte ihr Angreifer. Er holte mit der anderen Hand aus um ihr eine Ohrfeige zu verpassen, doch plötzlich gefror sein gesamter Arm vom Ellenbogen zur Fingerspitze zu Eis. Erschrocken ließ er seine Gefangene los. Ein plötzlicher Windstoß ließ ihn gegen die gegenüberliegende Mauer knallen, so dass sein gefrorener Unterarm klirrend zerschellte. Ein gellender Schmerzensschrei durchdrang den Keller.
Der zweite Magier wirbelte herum und richtete seinen Stab in die Dunkelheit.
„Wer ist da?“, schrie er, seine Augen wild suchend.
„Nur Schwarzmagier können derartig ungehobelt und grob mit einem Mädchen umgehen“, erklang die leicht belustigte Antwort.
„Zeig dich!“
Der Magier schwang seinen Stab und eine Flammenkugel zischte durch den Raum. Sofort rauschte aus dem Dunkel eine größere Wasserwelle heran, die sowohl das Feuer erstickte als auch den Magier neben der vor Schreck erstarrten Frau an die Wand schleuderte. Plötzlich sprang ihr Retter wieder aus der Dunkelheit hervor, schneller als es für seinen gealterten Körper möglich erschien, entriss ihrem Angreifer seinen Stab und schlug ihn mit einer ausholenden Bewegung auf den Kopf. Bewusstlos sank der Mann zu Boden. Der Alte wirbelte herum und richtete die Spitze des Stabes auf den Hals des zweiten Magiers, der immer noch heulend seinen Armstumpf hielt.
„Wie ist dein Name?“, zischte er leise.
„Rach'Kor“, stammelte der Andere unter Schmerzen.
„Du stammst von der lokalen Akademie der Schwarzmagier, nicht?“
Der junge Mann nickte langsam.
„Nun, ihr habt euch das falsche Opfer ausgesucht. Das Mädchen steht unter meinem Schutz, ich fürchte, sie ist zu wertvoll, um sie an Schwarzmagier zu vergeuden. Unglücklicherweise seid ihr beiden mir jetzt im Weg...“
Die junge Frau und der Magier blickten Dende erschrocken an. Seine Worte klangen wie eine gefährliche Drohung.
„Die Schwarzen werden dich für ewig jagen, wenn du uns tötest, Magier!“ Die Drohung des Schwarzmagiers klang nur halb so gefährlich, da er vor Schmerz am ganzen Körper zitterte.
Dende blickte ihn lange an.
„Keine Sorge. Ihr werdet nicht sterben, noch nicht. Aber ihr müsst erst einmal schlafen ... lange schlafen!“
Leise Worte der Magie entsprangen seinen Lippen, die Kugel am Ende des Stabes leuchtete noch einmal auf, dann kippte der Mann einfach wie tot um. Wie ein nasser Sack ließ Dende sich neben ihn fallen, lehnte sich gegen die Mauer und atmete erschöpft mehrmals langsam ein und aus.
„Das war früher leichter“, murmelte er keuchend.
Langsam näherte sich ihm die junge Frau, ihre aufgerissenen Augen musterten ihn ungläubig und mit bebender Stimme fragte sie: „Wer bist du?“
Dende lächelte leicht und mit einer zitterenden Hand fuhr er sich langsam übers Gesicht. Als er die junge Frau anblickte, wich sie erschrocken zurück. Dort war immer noch das Gesicht eines alten Mannes und doch ein völlig anderes. Dieses Gesicht war nicht dies eines alten Bettlers, es erschien zugleich jünger als jeder Mensch und doch so, als ob jede einzelne Falte darin durch harte Kämpfe und unzählige Abenteuer entstanden sei. Es war weiser, erfahrener, müder, härter und definitiv kein menschliches Gesicht. Die weißen, schulterlangen Haare, wie Silber schimmernd, verdeckten nicht die langen, spitzen Ohren. Die schmalen Lippen waren immer noch zu einem leichten Lächeln gekrümmt, das allerdings niemals die kalten, violett schimmernden Augen erreichte.
Der Magier blickte zu Boden.
„Mein Name ist Dende do Avarion“, sagte er leise. „Ich bin ein Magier.“
Dann blickte er der jungen Frau wieder direkt in die Augen und ihr war, als würde sie innerlich erfrieren. „So wie du auch, fürchte ich.“
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