Literatopia

Normale Version: Nichts als die Wahrheit
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Das Gemeinsame-Geschichten-Forum scheint ja etwas eingeschlafen zu sein. Da mich mittlerweile aber auch das Athalem-Fieber gepackt hat, bin ich mehr als gespannt, was verschiedene Schreibsüchtige aus einer Geschichte machen können und wie sie sich entwickelt. Vielleicht hat ja jemand Lust, mit mir diese eine flüchtige Idee weiter zu spinnen.
Zur Story selber nur so viel: Eine Person ist durch einen Fluch oder Zauber dazu gezwungen, immer die Wahrheit zu sagen. Was sie dabei erlebt, hält sie zum Teil in Tagebucheinträgen fest, zum Teil ist der Leser live dabei. Wer diese Person ist, ob männlich, weiblich, wie alt, lass ich hier mal völlig offen und bin gespannt, was dabei heraus kommt. Die Situationen, die sich durch den Fluch (oder Zauber, ist auch noch offen, weiß die Person selber nicht so genau)ergeben, können lustig, spannend, traurig, einfach alles sein. Ich bin gespannt.
Als Anfang werfe ich jetzt einfach mal einen Tagebucheintrag in den Raum und sehe zu, was und ob überhaupt etwas daraus wird.

05.Oktober - hoffentlich wach ich bald auf

Okay, ich geb’s zu. Dass ich ein Blatt vor den Mund nehme, hat man noch nie von mir behaupten können. Aber in letzter Zeit scheinen die Blätter nur so vor mir zu fliehen. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber ich kann einfach nicht mehr den Mund halten. Normalzustand, würde man meinen.
In gewisser Weise schon, nur hat sich mein Normalzustand verschlechtert. Ich bin sozusagen permanent am laut denken. Ein Beispiel?
Letzte Woche ist mir mein eigenes Verhalten zum ersten Mal aufgefallen. Ich durchkramte geistesabwesend die Morgenpost und versuchte wie üblich, die ganzen Rechnungen zu überblättern, da kam auf einmal dieser Koloss von meinem Nachbarn auf mich zugewatschelt.
Hat so’n bisschen was von diesem einem Viech aus den Star-Wars-Filmen, wenn du mich fragst(was du nicht tust, da du nur aus Papier bestehst...).
“Na, wie geht’s?”, brüllte er fröhlich rüber und mir kam schon echt alles hoch, als ich die Reste seines Frühstücks zwischen seinen Zähnen sehe.
“Danke, gut. Es ist ja so ein herrlicher Tag”, will ich Schleimer sagen.
“Jetzt, wo ich ihre dämliche Visage sehen muss, kann ich ehrlich sagen: Es ging mir noch nie schlechter.”
Und jetzt darfst du dreimal raten, was meinen fröhlich grinsenden Mund verlassen hat.
Zu meiner nichtvorhandene Freude war das nur der Anfang einer Reihe von Ereignissen, die nach und nach wohl dazu führen werden, dass ich in spätestens drei Tagen für immer geächtet sein werde. Adé Sozialleben.
Mein Plan: Ich lege mich, wie auch die letzten Tage, früh ins Bett, hoffe, dass ich bald einschlafe und das ich mir morgens beim Aufwachen denke: was träumst du nur wieder für einen Quatsch.
Wünsch mir Glück. Dieser Traum dauert mir schon ein paar Tage zu lange.
Ich klinke mich gerne ein, wenn ich darf. Hört sich an - hier meine Bewerbung ...

06. Oktober - ich habe gehört, in einem Traum sollte man immer den roten Knopf suchen ...

... und ich bin schon den ganzen Nachmittag auf der Suche danach. Ganz ehrlich, so sehr habe ich noch nie gelitten - schon gar nicht in einem Traum. Nicht nur mein Nachbar ist sauer auf mich (das rotäugige Stieren hat mich echt verrückt gemacht, aber ich muss nun einmal meine Post holen), nein, auch meine Freundin.
Ich dachte ja, es wäre alles vorbei und ich dachte, es wäre Glück, als Sybille vorbeischaute. Ich brauchte auch gar nichts zu sagen, denn sie schwärmte von ihrem neuen Freund - und wenn ich sage, dass sie schwärmte, dann meine ich: sie textete mich zwei Stunden lang zu und schaffte es, gleichzeitig drei Tassen Tee zu trinken und in jedem dritten Satz "Er ist so süß!" zu sagen. Und dann fragte sie, ob ich ihn einmal gesehen hatte ... Hatte ich ... Eine echte Freundin hätte ihr gesagt: "Nein, aber du musst ihn mir unbedingt einmal mitbringen", eine gute Freundin "Ja, er sieht wirklich nett aus". Was sagte ich? "Oh ja ..." Und ob als das nicht genug wäre, fragte Sybille auch nach. Und seit meiner Antwort suche ich diesen verdammten Knopf - ach, halt, Korrektur: Nach meiner Antwort UND nachdem sie sehr beleidigt und halb schluchzend aus meiner Wohnung gestapft ist UND mit ihren (unnötigen) zehn Zentimetern Pfennigabsatz und ihrer perfekt quietschenden Stimme das ganze Treppenhaus mit peinlichem Lärm erfüllt hat. Hilf mir (vielleicht kannst du es im Traum ja), bitte! Irgendwo muss sich doch diese kranke Fantasie in die Luft sprengen lassen!
Klar darfst du. Ich hatte ja schon fast geahnt, dass du hier mitschreiben würdest *g* vor dir ist ja nichts und niemand sicher Icon_wink

Frustriert schlug ich das Tagebuch zu und sah auf die Uhr. Das wovor ich mich seit Tagen am meisten fürchtete, war eingetreten. Mein Urlaub war vorbei und ich musste wieder ins Büro. Ich hatte schon überlegt, ich krankzumelden, aber da war ja schon das nächste Problem. Was hätte ich der dämlichen Schnepfe aus der Personalabteilung denn gesagt? In erster Linie, dass sie eine dämliche Schnepfe ist, klar.
Ich stöhnte.
Normalerweise war ich die Königin im Bürodschungel der Heuchler. Andererseits, wenn man sich bewusst wird, dass man träumt, dann kann man diese Träume mittels des Unterbewusstseins steuern. Und ich träumte immer noch, davon war ich immer noch überzeugt.
Na gut, war ich nicht, aber der Gedanke daran, half.
Ich war gerade im Büro angekommen, als einer meiner übertrieben grinsendem Kollegen auf mich zugerannt kam. Er tat mal wieder beschäftigter, als er war. Herr Schmidt, der Verkaufsleiter, mit keiner Ahnung, aber davon eine ganze Menge.
“Wie war der Urlaub”, fragte er mich atemlos, um im nächsten Satz hinterher zu schieben: “Sie haben doch bestimmt nichts dagegen, mir einen Kaffee mitzubringen.”
Ich lächelte gequält zurück.
“Es gibt im Moment nichts, was mir mehr widerstreben würde.”
Schmidt lachte. “Mit zwei Stück Zucker.”
Ich atmete erleichtert auf. So weit, so gut. Er glaubte, ich würde scherzen. Mal sehen, wie lange das noch anhalten würde.
Ich fühlte die Kaffeetasse, warf vier Stück Zucker hinein und wünschte Schmidt Karies an den Hals. Dann brachte ich ihm den Kaffee ins Büro.
“Aaah, Koffein.”
Schmidt kippte den Kaffee fast auf Ex runter, ohne mit der Wimper zu zucken.
“Und? Urlaub vorbei und voller Energien. Freuen Sie sich schon auf die Arbeit?”
“Klar”, sagte ich - natürlich nicht!
“Nein, tu ich nicht”, kam es aus mir heraus, “diese stumpfe Sachbearbeiterdasein kotzt mich an. Ich überlege jeden Morgen, ob ich kündigen soll. Und soll ich Ihnen was sagen?”
Ich ignorierte sein geschocktes Gesicht.
“Sie stören mich am meisten. Sie haben keine Ahnung von dem, was Sie da tun. Ich bin erfahrener, kompetenter und zuverlässiger. Ich hab definitiv das Zeug zu Ihrem Job, aber sie werden für diese Arbeit bezahlt. Und das meiner Meinung nach auch noch zu viel.”
Ein plötzliches Geräusch hinter mir, ließ mich herum fahren.
Argh, mein Chef stand hinter mir und offensichtlich hatte er alles gehört.
“Endlich wird hier mal Tacheles geredet”, brummte er, “Schmidt, Sie werden versetzt, in die Buchhaltung. Und Sie...”
Er zeigte mit seinem wurstigen Finger auf mich, “Sie sind befördert. Räumen Sie ihren Schreibtisch. Ab Montag fangen Sie im Verkauf an. Überzeugen Sie mich davon, dass Sie der Bessere für den Job sind.”
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.
*lieblächel* Habe ich schon einmal erwähnt, dass ich neuerdings eine Anstellung als PP - Persönlicher Plagegeist von Literatopia habe?

Meine Augen entschieden sich für Tränen, so weit so gut. Ich wischte sie möglichst unauffällig weg, aber die Augen aller ruhten auf mir. Nein, so stimmt das nicht: Viele Augenpaare richteten sich auf mich und zwinkerten nervtötend unsynchron, wortlos nach mehr Show gierend. Und natürlich bekamen sie sie. "Was glotzt ihr alle so blöd?", fragte der Traum in mir und schob ein ärgerndes Gesicht hinterher. Ich strahlte nämlich plötzlich - und konnte mir nicht schnell genug auf die Zunge beißen: "Seid ihr nicht auch alle froh, dass wir diesen Wichtigtuer los sind?" Die Hälfte der Leute zwinkerte, ich zählte: EINS, die andere Hälfte zwinkerte. Und dann hörte ich praktisch, wie sich schmale Wimpernreihen von dicken Tränensäcken lösten und die Augen freigaben - oder ich spürte einfach den gnadenlos dummen Blick meines Chefs im Rücken. Hätte er nicht schneller sein können, dachte ich - sagte ich. Dann wollte ich die Augen schließen, um meine Entlassung hinzunehmen. Aber was folgte?
“Vergessen Sie den Verkauf. Schmidt, Sie bleiben!”
Ich seufzte. Ein kurzes Resümee einer tragischen Woche: Nachbar hasst mich, Freundin Sybille hasst mich, Kollegen halten mich für bescheuert, Chef...ach was weiß ich, was in dessen gestörten Gehirn vorgeht.
Dann bemerkte ich die Gesichter meiner lieben Kollegen.
“Ich habe laut gedacht, richtig?”
Ein paar Mutige nickten, aber die meisten wichen eilig meinem Blick aus und fummelten in ihren Aktenordnern herum. Doch um nichts in der Welt hätten sie auf das Schauspiel verzichtet, das, so hofften sie zumindest, nun folgen würde.
Mein Chef sah aus, wie ein Hydrant, der kurz vorm Explodieren war. Ich schloss die Augen und machte mich bereit, mein Blut vom Boden zu wischen.
“Herzlichen Glückwunsch.” Der Hydrant stand vor mir und schüttelte eifrig meine Hand.
Bevor ich ein erbarmungslos dämliches "Häh?" ablassen konnte, übten die Wurststummel mehr Druck aus. "Sie haben das Prinzip verstanden." Mann, ich hätte zu gerne gewusst, welche Gedanken ich laut aussgesprochen hatte! Ich kam nur bis "Ähm ...", da schob mich mein Chef schon los, in Richtung seines Büros. "Wie wäre es, wenn wir gleich den Papierkram erledigen, dann brauchen wir nicht so viel Zeit." Er knallte mich in seiner freudigen Aufregung, mich gleich los zu sein, beinahe gegen die doch nicht angelehnte Tür - ich schaffte es gerade noch, die Klinke hinunterzudrücken. Als ich als erste eintrat, flog mir ein Huhn entgegen. Es sah zumindest wie ein Huhn aus, schient aber nur eine mit sinnlosen Federn geschmückte Sekretärin zu sein. Natürlich jung und attraktiv. "Hab ich die Hühnerfütterung verpasst?", fragte ich verwirrt, aber noch bevor ihr Blick mich töten konnte, schubste mich der Chef auf den Besucherstuhl. Dann ließ er sich auf seinen eigenen Stuhl plumpsen, der erbärmlich quietschte. Als würde er wie ein cooler Filmtyp wirken wollen, setzte er einen ernsten Blick auf und legte die Fingerspitzen aneinander. Ich brach beinahe in Gelächter aus, aber faszinierender fand ich dann doch das Bild, was auf seinem Schreibtisch stand. "Wow", meinte ich anerkennend, was den Fettsack aus der Fassung brachte. "Wie bitte?" Ich wusste nicht, was ich tat und wäre am liebsten im Boden versunken - hinterher. "Wer ist denn dieser Kerl da auf dem Foto. Heißer Typ", sagte ich und starrte weiter darauf. "Ähm, meinen Sie zufällig meinen Sohn?" Dicke Fingerstummel griffelten sich das Bild und ließen mich aufsehen. Sohn? Wohl adoptiert ... Mein Chef unterbrach mich, bevor ich erfassen konnte, dass ich tatsächlich geredet hatte. "Wissen Sie, ich hätte ja ewig für diese Stelle suchen können, aber dann kamen Sie mit ihrer ... beeindruckenden Rede."
Hihi, Hühnerfütterung *g*

Und jetzt war es doch an der Zeit für ein erbarmungslos dämliches “Häh?”
“Naja, Sie wissen schon. Knallharte Fakten. Gnadenlose Ehrlichkeit. Keinerlei Rücksichtnahme. Sie machen sich Feinde und Sie lieben es.”
“Aaalso, so würde ich das nicht...”
“Ich biete Ihnen fünfundziebzigtausend im Jahr.”
“Reden Sie weiter. Ich bin käuflich.”
Autsch, damit wäre das Problem nach dem richtigen Arbeitsplatz für mich wohl gelöst.
“Äh, ich meinte natürlich, dass ich für Geld alles...vergessen Sie’s”
Mein Chef stellte des Foto seine Sohnes wieder auf den Tisch.
“Also, für den würde ich auch alles tun”, sagte ich grinsend und schlug mir im selben Moment mit der Hand auf den Mund.
“Ja...wenn wir uns dann bitte wieder auf das Wesentliche konzentrieren würden.”
“Tu ich doch.” Ach verdammt, kannst du denn nicht einmal die Klappe halten.
Doch mein verrückter Geldgeber schien immer noch nicht abgeschreckt zu sein. Was machte ich nur falsch? Beziehungsweise richtig? Oder so was in der Art.
“Die Stelle, über die ich vorhin sprach...”, er breitete die Hände aus, als würde er verkünden, der Weltfrieden sei endlich eingetreten, “Sie werden mein persönlicher PA!”
Er sah ich erwartungsvoll an und ich bemerkte, dass ich wohl antworten sollte.
“Häh?”
Gut so, lieber dumme gucken als dumm reden.
Er stand auf und fuchtelte mit den Händen in der Gegend herum. “PA! PA! Sie werden mein neuer Personal Assistant.”
“Häh?”
“Hubmöller, nun stellen Sie sich nicht dümmer, als Sie sind.”
Vielen Dank auch.
“Sie haben das Zeug dazu. Lästige Pressefritzen...bäm...ein paar Worte von Ihnen und die kriechen in ihre Redaktion, meine Frau abwimmeln, wenn ich mit Lucy...”, er wies in die Richtung, in die das Huhn abgeflattert war, “na, Sie wissen schon.”
“Uäh, das ist ja widerlich.”
“Und genau deswegen will ich Sie. Diese gnadenlose Wahrheit...” Er lachte. “Die glaubt keiner.”
Icon_lachtot "na, Sie wissen schon."

Einen Moment lang war ich tatsächlich gerührt - und zum ersten Mal seit ... seit DEM (was auch immer passiert war) sagte ich etwas Positives. "Okay!", fügte ich dann enthusiastisch hinzu. "Was, äh, wäre dann jetzt meine Aufgabe?"
Sein Grinsen sagte mir, dass ich diese Frage noch bereuen würde.
"Ich habe für heute Nachmittag eine Pressekonferenz. Wir stellen unser neues Produkt vor: HairCompletly!" Er malte den Schriftzug in die Luft und sah sich dem verzückten Lächeln zufolge schon vor einem Haufen Geld.
"Was für ein bescheuerter Name", bemerkte ich und biss mir gleich auf die Zunge. "Na na, nicht so ehrlich, meine Liebe. Gehen Sie lieber denen in der Marketingabteilung etwas Druck machen, der Raum muss top aussehen. Wir vertreiben schließlich kein Toilettenpapier, sondern nur beste Haarprodukte!"
Okay, vielleicht würde die erste Amtshandlung als Personal Assistent - oh, Verzeihung, als PA - doch nicht so schlimm werden.
"Sicher", sagte ich mit einem ironischen Lächeln und dankte Gott dafür, dass er meinem Chef genug Selbstüberschätzung gegeben hatte, damit er es nicht sah und hörte. "Gut. Sie beziehen dann auch das kleine Büro neben Lucys ..." Ich hätte wissen müssen, dass es da einen großen Haken gab.
"Die bringt mich um!", sagte ich, bevor ich mir dessen bewusst war.
"Ach was, äh ..." Mein Chef fuchtelte hilflos mit den Armen.
"Hubmöller", erwiderte ich verwundert. Hatte er ein Kurzzeitgedächtnis von drei Sekunden? - und ... warum konnte ich nicht die Klappe halten?!
"Äh ...", machte mein Chef, dann endlich kapierte ich, worauf dieser Schleimsack hinaus wollte.
"Irina", seufzte ich und betete, dass man mich in zwei Wochen nicht mit Lucy verwechselte. Nach dieser Ewigkeit mit der Killerblick-Sekretärin würde ich sicher zu gackern anfangen ...
Ohne Umschweife begann ich gleich damit, mich in meinem neuen Büro mehr oder weniger häuslich einzurichten.
Hühner-Lucy lehnte mit verschränkten Armen in der offenen Tür und nahm ihren Blick keine Sekunde von mir.
"Gehören Sie zur Inneneinrichtung?", fragte ich patzig, "wenn ja, dann muss ich noch mal dringend mit Herrn Schnipkoweit sprechen. Ich glaube nicht, dass ich diesen Anblick jeden Tag ertragen kann."
Ich sah sie mit schiefgelegtem Kopf an. "Ich könnte Sie auch vor die Tür stellen, dann habe ich wenigstens meine Ruhe vor dem, was im allgemeinem Sprachgebrauch als Mitmensch bezeichnet wird."
Grinsend wandte ich mich wieder meinem Schreibtisch zu. Eigentlich hatte ich vorgehabt, dieser Ich-muss-immer-die-Wahrheit-sagen-Sache auf den Grund zu gehen. Aber bei Lucy machte mir das richtig Spaß. Warum konnte ich nicht ihre PA sein? Ich könnte im Büro Wetten annehmen, wann sie ihren ersten Nervenzusammenbruch bekommen würde.
Lucy löste sich aus dem Türrahmen, knallte die Tür hinter sich zu und ging mit langsamen Schritten auf mich zu.
Mein Grinsen verschwand. Nur noch der Schreibtisch trennte sie jetzt von mir und sie machte nicht den Eindruck, als wenn sie das aufhalten würde.
"Vorsichtig, Hubmüller..."
"Möller..."verbesserte ich, doch sie hob unwirsch die Hand und ich verstummte augenblicklich.
"Ich weiß genau, was du vorhast."
"Ach ja?"
Da wusste sie mehr als ich. Heute morgen war ich eigentlich nur mit dem Ziel zur Arbeit gekommen, so wenig Leute wie möglich gegen mich aufzubringen.
"Oh ja, und du brauchst gar nicht so unschuldig zu tun, du männermordende Verführerin. Ich war zuerst hier."
Sie klang wirklich wie ein gackerndes Huhn, das um die Herrschaft auf dem Hühnerhof kämpfte.
Ihre Lippen waren zu schmalen Linien zusammen gekniffen. Naja, zumindest so schmal, wie das bei den aufgespritzten Schlauchbooten möglich war.
Jetzt erst begriff ich, dass sie nicht Angst um ihren Arbeitsplatz hatte, sondern...
"Iiihhh, das ist ja widerlich!"
07. Oktober - ich glaube, ich will gar nicht mehr aufwachen

Mein Leben ist ein Traum! Ähm, ja, jetzt ein schöner, meine ich. Ich habe einen guten neuen Job, bekomme die ganzen Idio... ehemaligen Fachkollegen nicht mehr zu sehen und der Chef nervt auch nicht übermäßig. Ich durfte Fräulein Eschenberg zusammenstauchen, weil sie nicht schnell genug das Banner fertig bekommen hat. Und ... ja, ich habe viel mit Lucy zu tun. Meine äußerst liebe, freundliche und hilfsbereite Büronachbarin zeigt mir immer wieder nette Gesten und präsentiert mit jedem Gespräch neue Charakterzüge. Aaaargh! Sie darf mir die Anweisungen vom Chef überbringen und sie genießt es! Wie gerne würde ich ihr einmal ordentlich in den süßen, kleinen Orangenhaut-Hintern treten! Aber es gibt natürlich bessere Methoden, zum Beispiel lehrte man mich früher immer, dass Reden mehr bei den Leuten bewegen. Dies ist nun bestätigt. Nehmen wir meine Ankunft im Büro, nachdem ich Fräulein Eschenberg zusammengestaucht habe ...
"Es wartet Arbeit auf Sie", quietschte Lucylein gleich los. Man hätte sie ignorieren können.
"Haben wir heute zu wenig fettfreien Joghurt gehabt, Nilpferd?", erwiderte ich gut gelaunt und ich muss sagen: Sie ist sehr anpassungsfähig. Nach dem Huhn kommt nun der Fisch an Land. Sie brachte kein Wort raus, aber den Mund nicht mehr zu. Doch bevor ich in Gelächter ausbrechen konnte, hatte ich ihr das natürlich schon gesagt.
"Sie!", gneinte sie hilflos. Sie hätte Lehrerin werden sollen, bei kleinen Kindern hätte der Zeigefinger wahrscheinlich gezogen.
"Sagen Sie doch einfach, was ich jetzt zu tun habe", seufzte ich theatralisch. Das beste, was ich tun konnte, denn das hilflose Tanzen ihrer drei Gehirnzellen hinter ihrer künstlich gebräunten Stirn war amüsanter als alles, was ich bislang gesehen hatte.
Sie schnappte wieder nach Luft. "Jetzt gacker schon, dann habe ich einen Grund, dich rauszuschmeißen!", dachte ich, sprach es aus. Jetzt konnte sie mir natürlich noch weniger sagen, was ich zu tun hatte. Also trat ich an ihren Schreibtisch und las die Notizen neben dem Telefon.
"Das Namensschild, ach so. Der Pressetermin, ist klar ... Frack aus der Reinigung holen?!"
Sie grinste jetzt äußerst fies aus ihrem kleinen Spinnengesicht. "Sie sind hier der PA."
"Ach was, bei Ihnen hat man doch nur Angst, dass sie in einen Gulli fallen", knurrte ich und nahm die Adresse der Reinigung entgegen. "Obwohl das ja nur um den Frack schade wäre."
Und weil Klein-Lucy zu dumm war, um den Typen der Reinigung zu verklickern, wann der Frack gebraucht wurde, sitze ich hier herum und darf warten. Mann, ich sollte dem Huhn einen Ballen Heu mitbringen. Als Speichererweiterung.
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