Literatopia

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Der Adventskalender offenbart euch allen einen ganz neuen Ort, an dem die Wörter zu Hause sind - mit all den Schriftjongleuren dieses Forums! Willkommen in der ...

Villa Litera

Der Wind blies kalt und unnachgiebig und trieb die Schneemassen durch die Straßen des Städtchens Rosenlagen, kurz RL genannt. Die peitschenartigen Zweige der winterkahlen Büsche schlugen mehr oder weniger rhythmisch gegen die großen Fenster der Villa Litera. Trinity fand, das gehörte zum Winter dazu. Es trug zur gemütlichen Atmosphäre bei, die durch frisch gebackene Wörterkekse, literweise heiße Schokolade und natürlich der großen Bibliothek getragen wurde. Trinity stand im Gemeinschaftsraum. Welcher normale Schreiber blieb auch auf seinem Zimmer, wenn hier unten die Lesekreise zu Hauf stattfanden und aus der großen Küche der unvergleichliche Duft von gebackenen Leckereien hereinzog?
Trinity wandte sich von dem hinter hohem Glas zur Schau gestelltem Schneesturm ab und durchmaß das Lesezimmer in seiner Breite mit circa fünfzehn Schritten, die sie zu dem silbernen Tablett mit den Thermoskannen führten. Irgendein vorausschauender LiteraTopianer, wahrscheinlich Sternchen, hatte massenweise Becher bereitgestellt. Während sie sich einschenkte, sah sich Trinity um. Die Sitzsäcke waren von den Bewohnern der Villa Litera zu verschiedenen Zirkeln aufgebaut worden, die in diesen Tagen besonders gut besetzt waren – speziell die vor dem Kachelofen. Dort standen auch die beiden alten, mit rotem Leder bezogenen Lehnsessel, die für die Hausdamen reserviert waren. Zack hatte es sich dort schon gemütlich gemacht – und nun trat von der Küche her Lady ein.
„Die Lyrikkipferl sind fertig!“
Damit löste sie einen Ansturm auf den Weidenkorb aus, aus dem es appetitlich roch ...
Längs zu einem der Fenster auf der Fensterbank sitzend - nur eine kühle Scheibe trennte ihn vom Winterwetter - ein junger Weltenwanderer.
Die eine Hand hielt ein in Leder gebundenes Notizbuch auf dem in goldenen Lettern prangte:
'Leitfaden für den am Rande des Wahnsinns Reisenden'
in der anderen eine Schreibfeder, die ... definitiv grün war, auch wenn die Farbe zu den Rändern hin ausfranzte und sich ein wenig in der Realität des Raumes zu verlieren schien.
Eine geübte Bewegung mit dem Handrücken schob die widerspenstige Brille wieder die Nase hinauf, dann ein Lächeln.
"Trin? Bringst du einem hungrigen Reisenden eins von den lyrischen Gebäcken mit?"
Wie grenzgenial! Mrgreen


"Für mich nicht", rief Sternchen aus ihrer privaten Kammer heraus, die sie sich - einem Besenkammerl gleich - unter den Treppen ins Obergeschoss eingerichtet hatte. Die Tür stand offen, das flackernde Licht einer Kerze schimmerte über die alten Dielen; hungernd nach Luft. "Ich werd mich der Lyrik erst wieder widmen, wenn ich was Vernünftiges zu Papier gebracht hab." Sie sog kurz die Luft zwischen den Zähnen ein. "Ich mein was für mich Vernünftiges und nicht generell was Vernünftiges, wenn jemand versteht was ich meine? Versteht das wer? Wie soll man überhaupt schreiben können, wenns hier so gut riecht? Und wie klar denken!" Ein hämmerndes Geräusch ging auf den Tisch hernieder, der erzitterte. Wachs ergoss sich über das alte Holz; gefolgt von einem unartigen Fluch. Dann war es still. Für einen Moment zumindest, wie für Sternchen üblich. Im Schweigen und freundlicher Zurückhaltung war sie nämlich noch nie geübt.
"Her mit den KEKSEN!" Sternchen stieß die Tür auf und kam grummelnd aus ihrer Kammer. "Trin, wenn du schon dabei bist. Ein Tee wär auch ganz nett. Ein Kreativitäts-Tee mit einem Schuss ... Erleuchtung."
"Ich habe 'Lust auf Aktivität'-Tee mitgebracht", kam es murmelnd aus einem der riesigen Ohrensesseln, die vor dem gemütlich zuckenden Kaminfeuer standen. Eine schmale Hand winkte träge in Richtung Kipferl-Gedränge, bevor sie erneut zur Rabenfeder griff, sie in ein bauchiges Tintenfass tunkte und sich an eine detailgetreuer Nachbildung einer Fliederblüte machte.
Die bestimmt Hundertste, denn um den Sessel herum stapelten sich Zeichnungen aller Formen und Größe. Der eine Turm - ungefähr so groß wie lu - schwankte bedrohlich in Richtung Feuer.
Trin grinste - das Prozedere war ihr gänzlich vertraut. Mit schnellen Fingern rettete sie einige Kekse vor dem Ansturm und trug sie brav herum.
"Was tut man nicht alles als Lyrikmod", jammerte sie gespielt und überreichte Sternchen als letzte ihren Tee in dem Becher mit den hübschen goldenen Sternenmustern darauf.
"Ihr solltet euch mal ein zusätzliches Dienstmäd... ich meine natürlich, einen weiteren Lyrikmod einstellen." Sie zwinkerte und stellte fest, dass für sie keine Kipferl mehr übrig geblieben waren.
Sind also doch sehr beliebt.
Trin lächelte fein und ging zu den Bücherregalen herüber. Der Schuss 'Eigentlich sollte ich hinter meinem Schreibpult sitzen und etwas zu Papier bringen'-Gewissen ließ sich am besten mit tollen Snacks aus dem Skriptorium verdrängen.
Verwirrt blickte der Weltenwanderer auf die Krümel an seinen Händen - die das einzige waren, was noch von Kipferl-Existenz zeugte.
Dann wischte er sich einen weiteren Krümel aus dem Mundwinkel.
"Lyrik eignet sich meiner Meinung nach einfach nicht als Hauptmalzeit." Es folgte ein breites Grinsen, das die Augen ein wenig verkleinerte.
"Aber wie war das mit dem 'Lust auf Aktivität'-Tee, Addi? Auf was für Aktivitäten macht er denn Lust?"
Er schwang seine Beine zur Seite und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Scheibe, so dass er das ganze Skriptorium im Blick hatte.
„Möchte jemand einen Wörterkeks?“, fragte Lady und hielt ein kleines Körchen in die Höhe. „Lyrikkipferl scheinen euch nicht zu bekommen.“ Auch sie nahm sich eine Tasse Kreativ-Tee und fragte sich wieviele sie davon trinken musste, bis er wirkte. Für jede Fantasy-Geschichte die es im Skriptorium gab eine? Und was würde passieren, wenn sie zuviel davon trinken würde?
Dann setzte sie sich auf einen Sessel, der nahe beim Fenster stand und warf einen Blick auf die Spielwiese, auf der noch Wortfetzen und Buchstabenstücke wild verstreut lagen. Auf der Wiese nebenan grasten friedlich die Athalämmer.
Plötzlich krachte es im Kamin und eine Aschewolke fegte durch die Bibliothek.
„Hat hier grad jemand was von Keksen gesagt?“, drang eine Stimme aus dem grauen Dunst. Lilith kam aus der Kaminöffnung gekrochen und klopfte sich den Staub von den Sachen. „Und so ein Kreadingsda-Tee wäre auch nicht schlecht. Mein Mund ist staubtrocken.“
Als sie im sich lichtenden Nebel die anklagenden Blicke sah, die auf ihr ruhten, hielt sie inne und drehte sich kurz zum Kamin um, durch den sie gepoltert war. „Was ist? Ich wollte nicht so einfach mit der Tür ins Haus fallen.“
Dann sah sie sich ehrfürchtig in dem großen Raum um und runzelte die Stirn. „Besonders sauber ist es hier aber nicht.“
"Seit du durch den Kamin kamst, nicht", seufzte Trin und widerstand der Versuchung, der hervorragend in Unschuldsmienen geübten Lilith einen Teppichkehrer in die rußigen Hände zu drücken. Lieber sorgte sie dafür, dass sie mit ihren Graupfoten da blieb, wo sie war.
"Kekse und Tee, ich laufe schon."
Trin warf im Vorbeigehen einen Blick aus dem Fenster. Der Sturm hatte etwas nachgelassen und trieb nun seltsam verschlungene Schneeflocken vorbei.
"Oh", erkannte sie leise lächelnd. "Leute, es regnet schon wieder kreative Ideen - vielleicht sollten wir die Lämmer im Frühling sehr früh auf die Weide lassen. Sie haben ja richtig viel angesetzt und sind etwas träge geworden, kann's sein?" Sie grinste in die entsprechende Richtung, aus der ihr ein vielfacher böser 'Das ist alles nur kuschelige Wolle!'-Blick antwortete.
Trinity kicherte leise vor sich hin und dachte, während sie Lilith schon mit warmem Tee versorgte, an den kleinen Gemeinschafts-Geschichtengarten, der unter einer Schneeschicht begraben lag.
Ich sollte dort mal wieder etwas anpflanzen ...
Auch weiterhin auf der Fensterbank:
Der Weltenwanderer hatte beide Hände um eine Tasse voll warmen Kreativ-Tee geschlossen - der aufsteigende Dampf formte, voll überbordender Inspiration, verschiedene Formen und Muster.
Ein dankendes Lächeln zur Lady, dann ein Blick auf die sowieso nie wirklich saubere Brille, die nun ein wenig (mehr) Staub abbekommen hatte.
Mit einer knappen Handbewegung strich er sich einige Haarsträhnen übers Gesicht, dann wurde sein Blick transparent.
"Wusstet ihr eigentlich, dass ein kleiner Teil dieses Staubes uralt ist und Jahrmillionen durch die große Leere zwischen den Sternen gewandert ist? Zerriebene Sterne sozusagen ... Sternenwanderer"
Der junge Mann nickte versonnen, erst dann wurde ihm bewusst, dass die Athalämmer ja eigentlich mit zu seinen Aufgaben zählten.
"Was? Die sind nicht dick ... nur ein wenig stark gebaut!"
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