Literatopia

Normale Version: Countdown
Du siehst gerade eine vereinfachte Darstellung unserer Inhalte. Normale Ansicht mit richtiger Formatierung.
Seiten: 1 2 3 4
(1914) "Blinde Flecken"

Karges Land.
Am Horizont schwebende Karaffen in Weiß, neben Abbildern von erstarrten Rindern am klaren blauen Himmel. Teilnahmslos glitten sie langsam über das Land hinweg, während die ferne Sonne ihre letzte Glut in den ausklingenden Tag herunter sandte.
Ein flacher Fluss, der sich durch die Ebene schlängelte. Dornige Sträucher, mancherorts beigefarbene Gräser, die aus dunkelbraunem Boden hervorsprießen.
Und inmitten des Unlands zwei Menschen, die sich durch die stehende Hitze quälten.

Ein alter Mann mit einem Tuch um seinen Kopf. Die Augen starrten müde aus ihren Höhlen, während einige Schweißtropfen an seinen kantigen Wangen herunterliefen und erst von grauen Barthaaren um seine Mundpartie gestoppt wurden.
Eine einst weiße Hose und eine dunkle Steppjacke, unter der sich die Hitze staute. Ein Junge in khakifarbenen Kleidern um seine Schultern geschwungen. Die Hose zerrissen, die Beine baumelten leblos herab und schwangen im Takt hin und her. Er keuchte und stapfte schweigend weiter auf den fernen Fluss zu. Schritt für Schritt. Seit ewigen Stunden.
Die Augen suchten das Land vor ihm nach Bewegungen ab, während die Ohren nach hinten lauschten. Doch nur knackende Geräusche trockener Zweige waren zu hören.
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und kniff die Augen mehrmals zusammen, als der Fluss hinter der ansteigenden Ebene verschwand. Die Stirn zog krause Falten, dann begannen seine Beine zu traben.
Am Fluss entlang, dachte er. Nicht mehr weit bis zum Canyon.

Die Schatten krochen unter den wenigen Büschen hervor und wurden länger, während die Sonne hernieder sank. Ein letztes Mal schaute sie kritisch auf die beiden Menschen, die sich dem Canyon näherten, indem der Fluss verschwand, dann machte sie der Nacht mit ihren Sternen Platz.
Eine kurze Verschnaufpause, den Jungen nochmal richtig um die Schultern gelegt. Ein Blick in die Sterne, einer zurück in den vergangenen Tag. Nachdenklich schaute er auf seine Spuren im Steppenboden. Ein Gedanke in den unsicheren Morgen gerichtet, ein anderer an die fehlende Flinte, die etliche Kilometer hinter ihm lag. Missmut umspielte seine Lippen, dann drehte er sich entschlossen um. Leichtes Traben, das in schnelles Laufen ausartete. Kleine Wölkchen, die seine Stiefel am Boden hinterließen.
Ein Tag bis Marienthal, dachte er. Hoffentlich.

Der schwarze Mann floh weiter durch das wüste Land. Mit dem bewusstlosen weißen Jungen.
Und irgendetwas folgte ihnen.

*

Der sternenklare Nachthimmel hauchte ihnen kühle Luft entgegen, als sie auf den Kämmen des Canyons ankamen.
Der alte Mann verharrte am Abgrund und schnaufte. Mit dem Stiefel fegte er das Geröll des zersprungenen Bodens zur Seite und legte den Jungen vorsichtig ab. Als er sich wieder erhob, streckte er stöhnend seinen Rücken, dann spähte er hinunter zum Fluss, der sich wie eine Schlange durch den Canyon wand. Das Licht des Vollmonds tauchte die zerklüftete Welt in Blau und Schwarz. Außer den funkelnden Spiegelbildern einiger Sterne im Fluss war nichts zu sehen. Keine Bewegung, kein künstliches Licht. Nichts.
Er überlegte, presste die Lippen zusammen und brummte schließlich.
Der Arm des Jungen bewegte sich. Ein, zwei Finger zuckten.
Der Mann drehte sich um und beugte sich über seinen Schützling.
"Kannst Du mich hören?", flüsterte er und rüttelte leicht an dessen Schultern. Ein Stöhnen drang aus dem Mund des Jungen, die Augen öffneten sich zaghaft. Eine weiße Hand wanderte zitternd über den Oberkörper, bis sie eine Stelle fand, die das Gesicht schmerzverzerrte.
"Durchschuss", murmelte der alte Mann und schlug die Jacke des Jungen ein Stück zur Seite. Khakifarbene Stofffetzen der Hose um den Bauch gewickelt. An der Seite ein dunkler Fleck, der sich nicht weiter ausbreitete. "Nicht schlimm."
Die trockenen Lippen des Jungen zogen sich auseinander, versuchten eine Frage zu formulieren, doch nur röchelnde Buchstaben erklangen.
"Du bist Lothar, Sohn des Alfons - richtig?", fragte der Mann und schaute auf den Jungen herab.
Angedeutetes Nicken.
"Du weißt, wo Du bist?"
Der Junge überlegte, zögerte.
"Nein."
"Du weißt, was passiert ist?"
Kopfschütteln.
"Weißt Du, wer ich bin?"
Die Augen suchten das Gesicht des Mannes in den Sternen über ihm, das trotz des Mondlichts mit der Nacht verschwamm.
"Nein."
"Hendrik", sagte der alte Mann und griff in eine Tasche seiner Steppjacke. "Hunger?"
Der Junge nickte.
"Hier." Etwas wanderte von Hendriks Hand in Lothars Mund. "Kauen, nicht schlucken."
Fragende Blicke des Jungen, doch langsam begann sich der Kiefer zu bewegen.
"Hoodia", meinte Hendrik. "Besiegt den Hunger."
"Schmeckt wie ..."
"Kaktus." Der alte Mann richtete sich auf. "Kannst Du laufen?"
Lothar versuchte aufzustehen, doch er kam nur langsam auf die Beine. Wankend. Das Gesicht verzogen, die Lippen zusammengepresst. Dann nickte er.
"Ich versuchs."

*

Zaghafte vorsichtige Schritte. Die Arme ausgestreckt, die Hände lauerten auf eine Möglichkeit sich festzuhalten. Ein wankender Tanz auf lockerem Gestein. Ab und zu lösten sich kleinere Brocken und stürzten den Abhang hinunter, während Hendrik und Lothar zwischen den großen Felsen nur mühsam vorankamen. Der Junge hinter dem alten Mann. Schritt für Schritt, während der Erdtrabant belustigt hinunter schaute und mit den Sternen bereits Wetten abschloss.
Mehrere kleine Steine unter Lothars Schuhen rissen ihn plötzlich von den Beinen und er stürzte stumm an Hendrik vorbei, verpasste die ausgestreckte Hand - konnte sich jedoch für einen kurzen Moment an der weißen Hose festhalten, bevor der Schwung weiter an ihm zerrte. Und den alten Mann ebenfalls mitzog.
Hendriks Hände suchten krampfhaft nach Halt, fanden aber nur scharfe Kanten, die ins Fleisch schnitten, während sie an den Schatten der Felsen vorbeiflogen.
Die dunkle Welt drehte sich immer schneller, während spitze Brocken klaffende Löcher in ihren Kleider hinterließen. Abgeschürfte Haut, zerkratzte Arme und Beine.
Zusammen trudelten sie stumm den Abhang hinunter.

*

Unendliche Stunden vorher, in einem Dorf namens Gibeon.
Ein Planwagen mit einem älteren Weißen und einem vierzehnjährigen Junge, den Hendrik nur vage kannte. Der Vater hob die Planen. Karabiner, Stilhandgranaten, Munitionskisten, die Hendriks Männer eilig abluden. Der Junge half, so gut es ging. Irgendwann ein Brummen, ein Dröhnen - dann flog ein hölzerner Vogel über sie hinweg.
Kleine Punkte fielen hinab auf die Erde. Explosionen, Schreie, Splitter gruben sich in die Leiber. Aus einigen Hütten loderten gierige Feuerzungen in den Himmel, während sich von Süden eine Wolke aus Staub und Tod gierig näherte. Pferde mit Menschen in fremder Uniform. Sie schossen sofort. Hendriks Männer hatten keine Chance, wurden von den Salven niedergemäht. Blieben neben ihren Frauen und Kindern schreiend stumm liegen.
Der weiße Mann lag halb auf seinem Sohn, im Hinterkopf ein hässliches Loch. Der Sohn schrie, versuchte sich von seinem Vater zu befreien, krabbelte auf allen vieren panisch auf Hendrik zu, der sich mit einigen seiner Getreuen im Schutz des Planwagens befand. Davor die sterbenden Pferde. Und der weiße Hut des alten Mannes.
Die Gewehre auf die Speichen der Räder gelegt, über die Rücken der toten Pferde anvisiert, Schuss, nachladen. Hendriks weißer Hut tanzte zwischen den umher schwirrenden Projektilen auf dem staubigen Boden hin und her.
Der Junge hatte ihn fast erreicht - als etwas durch seinen Körper sauste. Blutspritzer, ein verzerrtes Gesicht, dann stürzte der Junge zu Bod-

Und Hendrik prallte mit dem Kopf an einen dunklen Felsen. Unweit von Lothar, der kurz vor dem Fluss liegen geblieben war.
Dunkelheit senkte sich gnädig auf ihn herab und legte seine trudelnden Erinnerungen schlafen.
Nur noch einige lose Brocken, die nachrutschten, dann ebbte der steinige Lärm ab und die Nacht drang wieder hindurch. Das leise Plätschern des Flusses. Das Gelächter des Mondes. Das enttäuschte Blinken der Sterne.

*

Zehn Jahre zuvor ...
Ein älterer Weißer in kaiserlicher Uniform. Herrischer Blick. Sein Hut an der einen Seite nach oben umgeschlagen. Er stand bei einem langen Tisch. Flaschen mit Feuerwasser, Aschenbecher, weiße Glace-Handschuhe, kartographische Landkarten - abseits einige andere verschwommene Menschen.
Die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Aufrechter Stand, ausdrucksloses Gesicht mit verhärmten Zügen. Der General.
Lothar von Trotha.
Jemand redete von der Seite vehement auf ihn ein. Ein anderer Weißer, Schnauzbart, zornige Röte. Der Gouverneur. Theodor Leutwein.
Der General blieb ausdruckslos, schüttelte den Kopf, donnerte markante Worte seinem Gegenüber zu, zeigte dabei immer auf seine eigene Uniform mit den klimpernden Ehrenzeichen. Beschwörende Hände des Gouverneurs, die sich in den Himmel reckten.
Hitziges Gespräch. Die Worte wurden lauter, Finger zeigten plötzlich in Hendriks Richtung.
Der General lachte, als der Gouverneur Jemanden zu sich winkte. Ein dritter Weißer erschien. Hendrik kannte ihn, aber der Name entglitt der Zunge. Schwarze Schirmmütze mit schwarz-weiß-roter Kokarde, doppelreihige Knopfleiste auf der dunklen Jacke, keine Ehrenzeichen. Auch ein Schnauzbart, die Augen glichen denen treuherziger Hunde.
Er hielt dem General ein Zettel hin und machte eine auffordernde Geste. Der General lachte wieder, brüllte, zischte. Doch als einige deutsche Soldaten ins Bild rückten und ihre Gewehre auf den General richteten, stieß er die Soldaten zurück und griff nach seiner Waffe ...

Es ging sehr schnell. Ein kurzes Handgemenge, ein zielloser Schuss in den Himmel, dann wurde der General aus dem Bild geschleift. Nur sein Säbel und die Pistole lagen friedlich auf dem Tisch. Ein erleichterter Gouverneur, der in Hendriks Richtung schaute. Seine Lippen formten stumme Worte, die der alte Mann nur zu gut kannte.
'Wir sehen zwar gleich aus. Aber wir sind nicht gleich.'


*

Funkelnde Lichtblitze vor seinen Augen. Etwas stupste an seinen Kopf. Fremder Atem an seiner schmerzenden rechten Hand. Ein befriedigendes Knurren, dann öffnete er die Augen.
Die ersten Ausläufer des Morgens fluteten den Himmel und blendeten ihn. Nur langsam schälte sich Braun mit weißen und schwarzen Flecken heraus. Zwei große Katzenaugen, die ihn hungrig anstarrten. Eine rosa Zungenspitze, die sich die Nasenlöcher leckte.
Hendrik schaute einem Leoparden direkt ins Gesicht, der fremde Atem blies ihm heiß entgegen. Keine Bewegung, das Raubtier schnaufte, drehte den Kopf zum Fluss, und näherte sich dem Jungen, der immer noch regungslos am Boden lag.
Hendriks Augen weiteten sich. Langsam bewegte er seine Arme, stützte den Oberkörper mühevoll nach oben und zischte dem Leoparden hinterher, der sich wieder umdrehte und den schwarzen Mann fragend anstarrte. Der Schwanz schlug unentschlossen hin und her, während Hendrik ihn unentwegt anvisierte. Die Hand suchte nach irgendwas zum Werfen, und fand einen scharfkantigen Stein. Ohne den Blick vom Leoparden zu lösen, nahm er ihn in die Hand, wiegte ihn vorsichtig und erhob sich langsam.
Wankender Stand, dann der erste Schritt und die Hand kribbelte und brannte. Pochende Adern und Venen. Das Blut begann zu kochen. Hendrik unterdrückte einen Schrei, wollte den Stein loslassen - doch seine Hand behielt ihn einfach.
Der Leopard bleckte seine Zähne, die Ausläufer des Morgens verschwanden wieder, der Fluss hörte auf zu plätschern und verharrte.
Kein fließendes Wasser mehr.
Nur noch der bewusstlose Junge und er.
Dann blitzte es am dunklen Himmel. Ein Feuerschweif raste in einem weiten Bogen durch die Atmosphäre. Erst hellgelb dann dunkelrötlich, bevor er sich in viele Lichter teilte. Kleine Feuer, die auf die Wüste niederregneten. Staub und Erdfontänen schossen aus dem kargen Boden empor. Explosionen hallten über das Unland hinweg und der Boden erzitterte, rissen Hendrik beinahe von den zittrigen Beinen.
Stille.
In der falschen Nacht rollten plötzlich von allen Seiten die dunklen Trümmer des Meteoriten auf ihn zu. Sie sahen fast genauso aus, wie der Stein, den er in der Hand hielt. Schwarz glänzend, mit napfförmigen Vertiefungen. Sie bildeten einen Ring um den am Boden liegenden Jungen, funkelten und glühten.
Der Fluss plätscherte wieder, als der Stein in seiner Hand an ihm zerrte und ihn zu seinem Zwilling im Wasser zog. Doch sein vertrautes Spiegelbild verschwamm und löste sich langsam auf.


*

Ein blauer Blitz in der Tiefe des Flusses.
Ein Loch, ein Riss in der Dunkelheit. Dann tauchte etwas Metallisches im Blau auf, ein längliches Artefakt. Glatt, eckig und kastenförmig. Langsam glitt es aus dem pulsierenden Blitz heraus ins Schwarz. Das Wasser gebar nächtliche Sterne, die um das Gefährt herum zu flackern begannen, während es sich Hendriks Blicken näherte. Auch wenn er es sich nicht erklären konnte, lag ihm das Wort 'Schiff' auf die Zunge. Am Bug sah es aus wie ein breiter Reisekoffer, aus dem glatte Spitzen wie scharfe Messer nach vorne ragten. Dahinter eine breite ausladende Kuppel auf dem Rücken, unter der es hell leuchtete.
Als der Bug nah an ihm vorbeiglitt, konnte er verblasste weiße Blockbuchstaben auf dem matten grauen Stahl erkennen. Ein E mit zwei S, darunter glitt ein Name stumm an ihm vorbei. Daniel Defoe.
Er schüttelte den Kopf, als das Schiff ungerührt weiter flog. Die ausladenden Enden der Kuppel rückten näher ins Bild, der Blick durchbrach die Außenhaut des Schiffes und Hendrik konnte das Innere erkennen.
Eine sanfte Sonne unter der Kuppeldecke. Darunter weites Land. Wiesen, Bäume, ein kleiner See in der Ferne. Vögel flogen durch das Innere. Und überall verteilt metallische Särge mit gläsernen Deckeln, unter denen er Menschen erkennen konnte.
Kopfschüttelnd sah er ihnen nach, während die Landschaft vor seinen Augen weiter glitt und die Vögel plötzlich leblos zu Boden stürzten. Grashalme färbten sich hellgrau, dann schwarz. Die Sonne flackerte, erlosch, als der Blick das Innere der nächtlichen Kuppel verließ und weiter am Rumpf entlang glitt. Kleine Lichter an der Außenhaut hörten auf zu blinken und verstummten. Das Heck tauchte vor ihm auf. Gewaltige Röhren, die ein gleißendes Orange abstießen. Nur kurz, während die Lichter des Schiffes nacheinander einen schnellen Tod starben. Nur noch ein Klotz, der sich jetzt von ihm entfernte und sich zwei kargen Monden näherte, die einen bunten Planeten umkreisten.
Hendrik kniff die schmerzenden Augen mehrmals zusammen, schüttelte den dröhnenden Kopf. Als er wieder auf den Fluss blickte, sah er die ferne Erde. Die blauen Meere. Die orangefarbenen Wüsten. Die weißen Wolken, die mit einer stoischen Ruhe wie eine Elefantenherde durch die Lüfte wanderten. Nur ein kleiner bunter Ball, der sich jetzt näherte. Der Blick fing an zu rasen, stürzte auf die Erde hinab und durchbrach die Wolkendecken. Darunter die Kontinente in ihren Farben, umhüllt von den Meeren.
Irgendwo am Rand des Bildes blitzte es. Kleine Explosionen. Rötliche Ringe, die sich vom Ursprungsort ausbreiteten wie stürmische Wellen einer störrischen See, während der Blick unbeirrt weiter hinab zur Oberfläche fiel.
Er sah seine wüste Heimat an ihm vorbei gleiten. Der Kontinent der Weißen kam näher. Eine See, die sich mit ihren Meerbusen wie Finger durch das Land fraß. Eine Stadt am Wasser. Zwei Flüsse, die sich in der Innenstadt trafen und gemeinsam zum Meer flossen. Am östlichen Rand eine Ansiedlung. Ein Haus mit einem flachen Anbau zur Straße hin, abgeschieden inmitten eines grünen Landes.
Aus den Tiefen des Flusses erklang ein Donnern, ein Rauschen, als das Bild über dem Haus schwebte und langsam auf der gegenüberliegenden Straßenseite zum Stillstand kam.
Menschen in Kleidern, die Hendrik noch nie gesehen hatte, liefen im Bild panisch von links nach rechts. Seltsame Automobile standen vereinsamt auf der Straße, oder drehten hastig um und fuhren zurück - kurz bevor eine der rötlichen Flutwellen von der linken Seite ins Bild raste ...


Zwei Schüsse, dann fuhr etwas Heißes durch Hendriks Hand und der Stein entglitt ihm.

*

Fremdes Khaki.
Zuerst schmeckte er einen Stiefel, der seinen Kopf zur Seite trat. Dann sah er den leblosen Leoparden, umringt von fremden Soldaten, die das Tier an den Pfoten packten und lachend wegschleiften. Daneben der Junge. Bewusstlos und gefesselt - wie auch er. Die fremden Steine waren verschwunden, stattdessen überall Pferde mit Karabinern in Buchsen an den Seiten. Schnaubend, die Hufen scharrten nervös.
Der Stiefel trat wieder nach ihm. Fragendes Knurren, doch Hendrik schwieg. Schließlich packten sie ihn und wollten ihn wegschleifen, als erneut Schüsse ertönten und sie ihn wieder fallen ließen. Der Kopf traf einen Stein. Und die Dunkelheit blendete den Morgen wieder aus.

*

Nur langsam kamen die Sinne wieder.
Der Hals war trocken und die Hand brannte noch immer. Hendrik lag, doch der Untergrund schaukelte hin und her. Er bemerkte, dass sich jemand über seinen Kopf beugte. Eine tiefe brummige Stimme, aus der Erleichterung herauszuhören war.
"Wie geht es Ihnen?"
Langsam öffnete der die Augen. Das flatternde Dach eines Planwagens über ihm. Das Geräusch der Räder auf den staubigen Boden, vermischt mit dem Klang von Pferdehufen an den Seiten.
Das Gesicht des Gouverneurs erschien.
"Können Sie mich hören?"
Hendrik nickte langsam, dann zwang er seinen Oberkörper in eine aufrechte Position und blickte verwundert auf die langen Reihen der deutschen Reiter, die ihnen folgten. Das Gesicht des Offiziers mit den treuen Hundeaugen führte die Kolonnen an.
"Wir können von Glück sagen,", meinte der Gouverneur, "dass Oberst von Lettow-Vorbeck hier geblieben ist."
Der alte Mann nickte und kniff die Augen zusammen. Weiter dahinter andere Gespanne ohne Dach, auf denen die fremden Soldaten zu erkennen waren. Gefesselt und bewacht.
"Der Junge?", fragte Hendrik.
"Der Arzt kümmert sich um ihn."
"Gut." Hendrik brummte zufrieden und dachte an die Steine, die den Jungen eingekreist hatten. "Er ist etwas Besonderes."
Der Gouverneur schmunzelte und tippte auf die Flagge an seinem Ärmel. Ein diagonaler roter Streifen, links ein dunkles Blau mit einer Sonne, rechts saftiges Wiesengrün.
"Wir sind alle etwas Besonderes ..."
"Ja", brummte Hendrik. "Auch wenn wir nicht alle gleich aussehen."
Der Gouverneur nickte und reichte dem alten Mann seinen weißen Hut, den dieser verwundert entgegennahm und nachdenklich betrachtete.
"Wir konnten Gibeon von den südafrikanischen Truppen zurückerobern", beantwortete Leutwein die unausgesprochene Frage. "Und so wie es aussieht, haben Maritz' Gefolgsleute die Kontrolle über Pretoria erlangt."
Der alte Mann seufzte zufrieden.
"Ich hoffe nur, unser Namibia übersteht diese schwierige Zeit, Herr Leutwein."
Der ehemalige Gouverneur schmunzelte.
"Portugal hat uns als erstes Land bereits anerkannt", meinte Leutwein. "Die Unionstruppen ziehen sich zurück. Was soll uns jetzt noch passieren, Herr Präsident?"
"Das wird die Zukunft zeigen", meinte Hendrik Witbooi und setzte sich den weißen Hut auf.
(1923) Schwelbrand

Der Lumpen fuhr unablässig über das Leder, doch es behielt sein stumpfes Grauschwarz.
Konrad Schmidt ließ sich trotzdem nicht davon abbringen. Der hochgeschossene Leutnant legte Wert auf eine ordentliche Uniform. Sein Lebtag war er ein ordentlicher Mensch gewesen, aber seit er bis zu den Knien im Schlamm von Ypern gestanden hatte, war das Sauberhalten der Uniform zum unverzichtbaren Ritual geworden. Mit dem Schmutz versuchte er seither, sich die Gräuel des Großen Krieges von der Seele zu waschen. Beim Wienern der Stiefel rückten die senfgasentstellten Gesichter toter Kameraden in den Hintergrund, ebenso das unaufhörliche Krachen der Artillerie, die Leichenberge vor dem Unterstand, der erstarrte Blick des jungen Briten, aus dessen Hals Konrads geschärfter Spaten ragte. Die gesplitterten Bäume, die kronenlos mahnend aus der Kraterlandschaft ragten. Stacheldraht und Gliedmaßen.
Zwischen den Zähnen pfiff er geistesabwesend vor sich hin, verwob freie Töne mit geläufigen Melodien. Ein Schatten fiel auf Konrads Stiefel, als ein Kamerad neben ihn trat.
Lieb Vaterland ...“, trällerte der vierschrötige Mann und verzog das narbige Gesicht zu einer Grimasse. „... , kannst ruhig sein.
„Halt den Rand, Gamm.“
Adern pochten an Konrads Schläfen und die Züge verhärteten sich. Er konnte Werner Gamm und seine permanenten Provokationen nicht leiden. Sie kannten sich zwar schon seit Jahren, hatten nach dem Krieg in Berlin in einer Freikorps-Einheit gekämpft und waren sich einig in ihrer Ablehnung gegenüber den Linken, ob sie sich nun Spartakisten oder Kommunisten oder Sozialisten nannten, doch sonst verband sie nicht viel.
„Schon gehört, wer sie hält, deine Wacht am Rhein?“ Werner lehnte sich vor, hielt theatralisch die rechte Hand an den Mund und senkte die Stimme zu einem höhnischen Flüstern. „Der Franzmann!“
Konrad stand ruckartig auf.
„So, du bist ja ein ganz Schlauer! Und? Was willst du unternehmen?" Er funkelte Werner aus nächster Nähe drohend an. "Poincaré nach Paris zurückschießen? Der Ruhrstreik …“
„Ruhrstreik? Passiver Widerstand?“, höhnte Werner. „Verzweiflungstaten sind das! Nutzlos und gefährlich. Siehst du nicht, wohin uns diese Blockade und das Abwarten treiben? Hundertfünfzig Milliarden für einen Laib Brot!“
„Gamm, du musst den Realitäten ins Auge sehen!“
„Nein, mein Bester. Du siehst die Realitäten nicht. Das Volk verhungert, der Franzmann raubt unser Land, und die Bücklinge in Berlin sagen zu allem Ja und Amen. Selbst ihr, und ihr schimpft euch noch deutschnational. Ihr Lumpenhunde seid doch keinen Deut besser als die anderen Berliner Verbrecher!“
„Diese Republik ist alles, was wir noch haben. Ich bin nicht glücklich mit den Verhältnissen, aber ich habe im Krieg meinen Schädel für dieses Land hingehalten. Diesen Rest lasse ich mir nicht nehmen. Und du? Wofür stehst du, wenn es knallt? Für Deutschland oder gegen Deutschland?“
„Für Deutschland. Und gegen die Republik.“
Konrad entgegnete nichts, doch die Missbilligung stach aus seinen Augen. Werner hielt dem Blick eine Weile stand, bis er sich abwandte und mit den Händen in den Hosentaschen durch die Stube schlenderte.
„Da wird sich bald eine Menge ändern“, meinte er. „Verlass dich drauf. Der Duce hat es vorgemacht mit dem Marsch auf Rom."
Er schaute durch das Fenster auf den dämmernden Himmel über dem Kasernenhof, auf dem noch einige Kompanien Formaldienst durchexerzierten. Die lauten Kommandos schwirrten zwischen den angrenzenden Gebäudeblöcken hin und her.
"Nicht mehr lang, und wir machen es nach, das verspreche ich dir. Für Deutschland.“
„Wer?“, höhnte Konrad. „Dieser Kunstmaler und sein marodierender Haufen?“
„Adolf Hitler ist ein großer Mann!“, fauchte Werner. „Ein Mann mit einer Vision. Ein Mann, der vorangeht, Dinge angeht. Ein Führer!“
Konrad winkte ab und schickte sich an, die Stube zu verlassen. Er stoppte, als die Tür vor seiner Nase aufschwang und zwei Kameraden eintraten.
„Damit hat es dann auch ein Ende“, tönte Werner hinter ihm. „Ein Neger in Uniform!“
Lothar packte den bebenden Joseph fest am Arm und hielt ihn zurück.
„Und Negerfreunde. Eine Schande für einen guten Deutschen bist du, Krieger“, giftete Gamm Lothar an.
Konrad rührte sich nicht. Nur allzu deutlich sah man, dass er seinen Groll über Werner noch nicht begraben hatte, aber im Angesicht eines schwarzen Leutnants in der Reichswehr – und sei es als Verbindungsoffizier – war er mit seinem Kontrahenten offenbar einer Meinung.

*

Die Dämmerung war hinfortgezogen und hatte der Nacht Platz gemacht, die nun sternenklar über dem Kasernenhof thronte.
Ein Soldat mit einer blauen Kordel unter seiner rechten Schulter lief plötzlich aus den Schatten kommend über den großen Hof, stellte sich in der Mitte hin und griff in seine linke Brusttasche.
Ein langgezogenes Trillern einer Pfeife ertönte und Lichter blinzelten sich zaghaft hinter den dunklen Fenstern wach.
„Alarm!“
Nur einige Sekunden später wurden die Türen der Blöcke aufgestoßen und die ersten Soldaten stürmten heraus. Frisch dem Schlaf entronnen, die Stahlhelme panisch unter den Arm geklemmt und die Tornister teilweise nur über eine Schulter gehängt.
„Bataillon an-tre-ten!“

Auch Lothar hörte im gegenüberliegenden Block, wie die Kaserne erwachte, schlug die alte Pferdedecke zur Seite und sprang aus dem Bett. Tastende Hände im Dunkel, Joseph zog die Vorhänge zur Seite, während Konrad und er zu den Alarmstühlen am Tisch hasteten. Von oben nach unten: Socken, Hose, Jacke. Unter den Stühlen die Stiefel, darauf die Tornister mit den Stahlhelmen.
„Bewegt euch!", rief Jemand vom Flur. „Und macht euren Zügen Beine!“
Lothar schwang sich den Rucksack über die Schulter und hechtete aus der Stube. Die Jacke knöpfte er sich im Laufen zu, während er über den Flur an den anderen Stuben vorbeirannte, in denen ebenfalls hektisches Treiben herrschte. Joseph und Konrad waren gleich hinter ihm, Werner hatte er schon den ganzen Abend nicht gesehen.
„Wo steckt Gamm?“, rief Lothar über seine Schulter. „Ausgang?“
„Keine Ahnung“, brummte Konrad.

Vor den hell erleuchteten Mannschaftsquartieren herrschte reges Treiben. Unteroffiziere bellten Befehle, Türen im Inneren wurden aufgerissen und wieder zugeschlagen, Stiefel schlugen auf den Steinboden der langen Flure, bevor die Träger auf den Hof rannten.
Lothar fluchte auf das Chaos. Er würde wohl bei diesem Trubel erst im Kasernenhof feststellen, ob sein Zug vollständig angetreten war.
„Be-we-gung!“, bellte ein Leutnant weiter hinten. „Noch langsamer, und Sie reisen in der Zeit zurück!“
Er nahm sich fest vor, seinen Männern bei nächster Gelegenheit eine Lektion in Disziplin zu erteilen, während die Zugführer ihre Männer zusammentrommelten und versuchten, Ordnung ins Durcheinander zu bringen. Markante Sätze gellten über den Hof, schossen vorbei an den Köpfen der Mannschaften, die noch im Halbschlaf verharrten.
„Arme und Beine ergeben eine rotierende Scheibe!“
„Fin-den-Sie-sich!“
„Das geht auch schneller!“
„Wir sind hier doch nicht im Freudenhaus!“
Irgendwann standen die fünf Kompanien mit ihren jeweils drei Zügen im Karrée vor den Mannschaftsunterkünften - und Lothar fuhr der Schreck in die Glieder.
"Durchzählen!", befahl er.
"Eins ..."; "Zwo ..."; "Drei ..."
Als der Letzte seine Zahl verkündet hatte, erkannte Lothar, dass von seinen fünfzig Jägern gerade einmal gut die Hälfte angetreten war. Josephs Zug, der sich gleich neben seinem sammelte, zählte etwa fünfzehn Köpfe. Manche Züge waren besser bestellt, andere noch viel dürftiger. Selbst einige Offiziere fehlten.
Das Bataillon schien vor Unruhe zu beben, als Lothar beim Kompaniechef Meldung machte.
"Herr Hauptmann, melde Ersten Zug in Stärke Eins/Null/Fünfundzwanzig angetreten."
"Kein Unteroffizier?"
"Melde: Nein."
In den Reihen hinter ihm wurde aufgeregt getuschelt.
„Da ist Ruhe drin!“, bellte der Hauptmann, doch vereinzeltes Tuscheln verblieb. „Testen Sie mich nicht!“
Erst als die hünenhafte Gestalt des Oberstleutnant Mayrhofer auf dem Kasernenhof erschien, verebbte das Geflüster. Lothar kannte den Bataillonskommandeur seit Jahren. Kurz nach seiner Ankunft aus Namibia hatte er unter seinem Kommando im finnischen Bürgerkrieg gedient. Er hatte ihm stets vertraut; wusste, dass Mayrhofer sinnloses Blutvergießen verachtete, Himmelfahrtskommandos um wenige Meter Landgewinn vermied, wo er konnte.
Lothar kannte die Körpersprache, und was er sah, beunruhigte ihn.
Dem Oberstleutnant war offenkundig nicht wohl in seiner Haut, wusste nicht, was ihn und seine Männer erwartete.

*

„Und gäb‘ es nur eine Krone …“
Soldatenlieder vermischten sich mit dem gleichförmigen Schlagen der Stiefel im Gleichschritt und hallten durch die nächtliche Straßenschlucht, die sich bald zur Isar öffnete.
„… wohlan, ich schenkte sie …“
Die Stiefel schlugen weiter auf das Pflaster.
„… der Tapferkeit zum Lohne …“
„Lied aus“, befahl Lothar, als sein Zug über die Brücke vorrückte. „Ohne Tritt marsch!“
Sie ließen die langjährige Großbaustelle links liegen. Hinter der Insel marschierten die Männer mit ihren umgehängten Gewehren weiter durch die Straßen und Gassen Münchens. Die kalte Novemberluft bildete Wölkchen vor dem Mund, brannte beim Atmen in den Lungen.
Das Jägerbataillon sammelte sich von allen Seiten kommend in der Rosenheimer Straße und umstellte den Bürgerbräukeller. Lothar wusste, dass die Wirtschaft über einen großen Saal verfügte, in dem vielfach politische Versammlungen abgehalten wurden, doch drinnen schien alles ruhig zu sein.
Warum nur sind wir hierher beordert worden?, fragte er sich, doch letztlich war es ihm gleich. Befehl ist Befehl, also Gebiet abriegeln.
"Vorne halt!", rief Lothar und der Zug stoppte.

Befehle hallten durch die Häuserschluchten. Einige Soldaten sperrten mit großen Schildern, auf denen 'Halt! Wer weitergeht, wird erschossen!' stand, die Zufahrten ab - davor ausgebreitete Stacheldrahtrollen. Andere drangen in die Häuser ein, hechteten die Treppen zum Dachgeschoss hinauf, öffneten die Fenster und bezogen dort Stellung. Der Rest von Lothars Zug ging hinter vereinzelten Automobilen, Wasserhydranten und in Hofeinfahrten in Stellung - die Mündungen der Gewehre auf den gegenüberliegenden Eingang des Bürgerbräukellers gerichtet.

Leutnant Krieger wusste noch immer nicht, was vorgefallen war.
Der Oberstleutnant will offenkundig kein Risiko eingehen, dachte er mit dem Blick starr auf die Tür gerichtet. Eine blutige Lehre aus den Unruhen und Putschversuchen der letzten Jahre.
Lothar schrak aus den Gedanken, als er Bewegung auf der rechten Seite bemerkte. Die Kameraden bei der Straßensperre rollten den Stacheldraht zur Seite und machten den Weg frei.
Was ist denn da los?
Der Oberstleutnant eilte zu ihnen, befahl, die Sperre aufrechtzuerhalten, doch die Männer ließen sich nicht abhalten. Aus der Distanz sah Lothar, wie sich die Nase eines schwarzen Automobils durch die Lücke im Stacheldraht schob. Sah, wie Mayrhofer den Wagen persönlich anhielt, innehielt, Haltung annahm und den Wagen passieren ließ.

*

„Krieger, kommen Sie.“
Mayrhofer winkte Lothar heran.
„Ich brauche Sie da drinnen. Wenn Sie wissen, was da los ist, machen Sie Meldung. Leutnant Koper übernimmt ihren Zug. Wegtreten.“
Lothar schlug die Hacken zusammen und eilte zum Bürgerbräukeller.
Hinter der Tür schlug ihm schwere, warme Luft entgegen. Sie roch schwer nach Bier, Rauch und Schweiß. Der große Saal, der sich vor ihm öffnete, war mit runden Tischen bestückt, die bis auf den letzten Platz belegt waren. Zwischen den Tischen standen dicht bei dicht Menschen. Lothar tat sich schwer damit zu sagen, wie viele Personen im Saal versammelt waren, doch zweitausend saßen und standen dort gut und gerne. Die Stimmung war angespannt. An jedem Tisch waren Diskussionen entbrannt. Alle mit sich selbst beschäftigt, niemand bemerkte ihn.
Ein Schuss.
Dann Ruhe.
An der Stirnseite auf dem Podium standen zwei Männer. Ein Mann in einer braunen Uniformjacke, an die eine Reihe Orden und Auszeichnungen geheftet waren; daneben der Schütze, die Pistole noch in die Luft gereckt. Der Mann trat einen Schritt vor und ergriff das Wort.
„Kameraden!“ Der schmale Schnauzbart bebte. „Hiermit erkläre ich die Reichsregierung für abgesetzt!“
Tosender Applaus brach los. Ungeduldig blickte er im Saal umher, bis der Applaus nachließ.
„Die Mitglieder der Reichsreg…“
„Sie sind von Sinnen, Hitler!“ Der dunkelhaarige Mann im grauen Anzug war von seinem Platz an einem Tisch in der ersten Reihe aufgesprungen.
„Die Mitglieder der Reichsregierung sind festzusetzen“, setzte Hitler wieder an und wandte sich dann an den Anzugträger. „Sehen Sie sich vor, Kahr. Sie waren Generalstaatskommissar, und ich war stets sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit. Ich hatte große Pläne mit Ihnen, aber ich kann niemanden in meiner Nähe dulden, auf dessen unbedingte Loyalität ich nicht setzen kann.“
Der Saal verharrte wie gebannt. Nur vereinzelt ertönten Zwischenrufe, die für die eine oder andere Seite Partei ergriffen. Hitler winkte einige braun Uniformierte heran, die Kahr fortschleppten.
Lossow! Seißer!“, tönte Hitler. „Kann ich auf Ihre Treue setzen?“
Die Angesprochenen erhoben sich von ihren Plätzen an Kahrs Tisch und gelobten mit dünner Stimme ihre Treue.
Lothar überlegte, ob er den Saal verlassen und Oberstleutnant Mayrhofer von den Vorgängen berichten sollte, entschied sich aber dagegen. Er war zwar soeben Zeuge eines Putsches geworden, doch noch wusste er nicht, was die Putschisten vorhatten und wie viel Rückhalt sie bei den Gästen im Saal hatten.
Hitler ließ den Blick zur Tür schweifen. Seine Miene hellte sich auf.
„Ich bin froh, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind, Exzellenz!“
Alle Blicke im Saal richteten sich auf die Tür, und erst jetzt bemerkte Lothar den Uniformierten, der nur zwei Schritte neben ihm stand. Er war hoch dekoriert mit etlichen Orden, die das schummrige Licht reflektierten, und unter dem Arm trug er eine aufwändige Pickelhaube in Schwarz und Gold. Lothar begriff, dass es der General gewesen sein musste, den Oberstleutnant Mayrhofer hatte passieren lassen. Der ältere Herr war sichtlich ungeduldig und der graue Schnauzer zuckte nervös. Er ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen und schritt durch den Saal auf Hitler zu, der ihm eilfertig entgegenkam.
„Kameraden!“, versuchte Hitler durch das Raunen an den Tischen zu dringen. „Ich ernenne General der Infanterie Erich Ludendorff zum Generalfeldmarschall!“
Ludendorff erstarrte, sein Kopf ruckte unmerklich nach hinten und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Langsam wandte er sich dem Putschisten zu.
„Von einem ... Gefreiten", zischte er, "nehme ich diesen Titel nicht an.“

*

Als Lothar Meldung bei Mayrhofer machte und von den tumultartigen Debatten berichtete, die losgebrochen waren, bevor er den Saal verließ, stieß ein Melder zu ihnen.
„Herr Oberstleutnant! Die Gebirgsjägerkompanie unter Hauptmann Dietl ist als Verstärkung eingetroffen.“
Wo kommen die denn jetzt so plötzlich her?, fragte sich Lothar, doch Mayrhofer unterbrach ihn in seinen Gedanken.
"Das reicht erstmal, Herr Leutnant", sagte er. "Wegtreten."
Lothar machte auf dem Absatz kehrt, eilte auf die gegenüberliegende Straßenseite und beobachtete, wie der fremde Hauptmann kurz mit dem Oberstleutnant sprach und dann mit seiner Kompanie zum Eingang marschierte. Mit einem Teil der Gebirgsjäger betrat er den Bürgerbräukeller, während der andere vor der Tür wartete. Mit dem Rücken zur Hauswand.

Einen Moment war es still, bevor die draußen wartenden Gebirgsjäger plötzlich ihre Gewehre von den Schultern nahmen - und die Tür von innen aufflog.
Dietls Soldaten stürmten heraus und schwärmten nach links und rechts aus.
"Verrat!", schrie jemand, als die Gebirgsjäger ihre Waffen drohend auf Lothars Soldaten im Dachgeschoss, hinter den Hydranten und Automobilen richteten.
"Lasst uns durch, Kameraden!", rief einer von Dietls Männern, während sie einen Halbkreis vor dem Eingang bildeten. "Oder schließt euch uns an!"
Irgendwo bei der Straßensperre drehte sich Mayrhofer verdutzt um.
"Festnehmen!", brüllte er.
"Feuer frei?", schrie Lothar.
Der Oberstleutnant formte mit seinen Händen einen Trichter vor dem Mund.
"Es wird nicht geschossen!"
Mayrhofers Jäger und Dietls Männer standen sich drohend gegenüber, die Gewehre auf Kameraden gerichtet, die noch vor Kurzem gemeinsam Höllen durchlitten hatten. Entsichert, die Finger nervös an den Abzugsbügeln, die Mündungen schwangen aufgeregt im Takt des Atmens leicht von oben nach unten.
"Truppe schießt nicht auf Truppe, verstanden?"
Nur eine friedliche Sekunde, dann versuchten die Gebirgsjäger, sich einen Fluchtweg durch die Straßensperren zu bahnen.

Einen Moment lang herrschte heilloses Chaos, Gerangel, als die Jäger auf die Gebirgsjäger vorrückten. Lothar erkannte im Zwielicht der Gaslaternen eine Reihe bekannter Gesichter aus dem Bataillon.
Müller schob sich dort durch die Menge, ein Obergefreiter aus seinem Zug. Daneben standen zwei von Josephs Unteroffizieren, die hektisch umherblickten. Dann sah Lothar seinen Stubenkameraden Gamm. Werner bildete einen Ruhepol in dem Gedränge.
"Lasst uns endlich durch!"
Seine Worte drangen aus dem Getöse klar bis zu Lothar vor, doch er konnte es nicht glauben, dass Werner das Kommando über einen Teil der Putschisten übernommen hatte.
"Krieger!"
Für einen Moment kreuzten sich ihre Blicke. Er war kein Freund von Werner gewesen, doch Lothar erschrak, als er die Kälte im Blick seines Kameraden sah. Gamm wandte den Blick nicht ab, sondern zog eine Pistole, zielte auf Lothars Kopf.
"Gamm, verdammt!"
Werner schoss.
Als Erster.

Pulverrauch.
Blitzende Mündungen.
Umherschwenkende Gewehre - fallende Kameraden. Auf beiden Seiten.
Wenige Meter neben sich sah der angeschossene Lothar Oberstleutnant Mayrhofer zusammenbrechen.
"Feuer einstellen!"
Die erste Reihe der Aufständischen zuckte im Kugelhagel der Soldaten, dann feuerten die Putschisten zurück. Schuss um Schuss. Sie waren besser vorbereitet als es zunächst den Anschein gemacht hatte. Viele Zivilisten waren bewaffnet und schossen wild um sich, andere jedoch waren brachen panisch aus den Reihen hervor, rannten mit erhobenen Händen zwischen die feindlichen Linien.
„F e u e r e i n s t e l l e n !“, brüllte Joseph rechts vom Maschinengewehrschützen.
Doch noch mehr Schüsse fielen, mehr Körper brachen leblos in sich zusammen.
Erst ewige Sekunden später war es still.

Lothar blickte sich taumelnd um.
Drei seiner Männer waren tot, gut die Hälfte des Zugs verletzt. Auf der anderen Seite lagen Gefallene über Verwundeten. In einer Ecke kauerten Putschisten, die Hände über dem Kopf verschränkt und starrten apathisch vor sich hin.
Lothar wechselte die Straßenseite und humpelte zwischen den leblosen Körpern umher. Er entdeckte den Leichnam eines vierschrötigen Mannes, dessen Kopf von mehreren Kugeln durchsiebt worden war, doch trotz der Wunden erkannte er die vernarbten Züge von Gamm.
"Werner", flüsterte er, kniff die Lippen zusammen und verharrte einen Moment. Dann ging er in die Hocke und schloss mit der blutigen Hand seinem Stubenkameraden die Augen.
„Halt!", rief einer seiner Männer. "Stehenbleiben!“
Lothar wirbelte herum und bemerkte, dass eine Handvoll der kapitulierenden Putschisten in der Ecke ausgebrochen war und die Straße hinab flüchteten.
"S t e h e n b l e i b e n ! "
Seine Männer feuerten Schüsse auf sie ab, aber nur drei der Flüchtenden stürzten getroffen zu Boden.

*

Helene Hanfstaengl wusste, dass sie eine Größe in der Münchener Oberschicht war, und sie genoss die Aufmerksamkeit, die man ihr entgegenbrachte. In ihrem Stadthaus hielt sie Soireen und Hausbälle, parlierte mit Industriellen, Diplomaten, Künstlern. Nun aber suchte sie etwas Erholung von all dem Trubel und hatte sich seit Anfang der Woche auf den Landsitz in Uffing zurückgezogen.
Es war schon spät, gerade wollte sie zu Bett gehen, da hörte sie den Fernsprechapparat läuten.
„Ja, bitte, wer spricht dort?“, nahm sie das Gespräch an. Am anderen Ende vernahm sie ein schweres Atmen.
„Ich bin es“, flüsterte eine Männerstimme über die knackende Leitung.
Putzi!“
„Es … Es ist etwas Schlimmes passiert“, setzte ihr Ehemann an. „Die Polizei wird kommen.“
„Die Polizei!“, entfuhr es ihr. „Putzi, was hast du getan? Wo bist du?“
„Ich … du darfst ihnen nichts sagen!“, zischte er. „Ich gehe nach Salzburg, und von dort – “
„Aber so sag doch, was …“
„Sie kommen! Pass auf dich auf, hörs-?“
Dann war die Leitung tot.

Die durchwachte Nacht hatte tiefe Ringe unter ihren Augen hinterlassen. Die Angst um ihren Mann hatte ihr Übriges getan. Helene trat vor die Tür, um etwas frische Luft zu schnappen. Sie traf einen Zeitungsburschen und gab ihm einen Groschen für die Morgenausgabe.
Putsch in München, titelte das Blatt. Reichswehr schlägt Aufstand nieder. Viele Tote. General Ludendorff verwundet, Rädelsführer Hitler flüchtig
Die Zeitung glitt ihr aus den Händen, die Farbe wich aus ihrem Gesicht. Sie schloss die Augen, atmete tief durch. Diese Katastrophe konnte ihre Existenz vernichten. Das wollte, konnte sie nicht zulassen. Zügigen Schrittes eilte sie zurück zum Haus. Sie packte einige Taschen mit dem Nötigsten, führte Telefongespräche mit ihren Verwandten in Übersee und verfasste ein Schreiben mit Anweisungen an das Hauspersonal.
Als sie den Umschlag verschloss, läutete es an der Tür. Helene schluckte einen Fluch hinunter.
Sie waren zu früh!
Sie setzte eine stolze Miene auf, kontrollierte ihre mit geübtem Griff die Frisur und legte sich einige Worte für die Polizei zurecht.
Sie erschrak, als sie die Tür öffnete. Davor stand ein erschöpfter Mann im abgetragenen Trenchcoat, auf dem Kopf ein grauer Schlapphut. Der linke Arm hing seltsam schlaff an seiner Seite. Als er den Kopf hob, blickte sie in ein vertrautes Gesicht.
„Adolf?“
Hektisch blickte sie umher und zerrte ihren Freund schnell ins Haus. Drinnen half sie ihm aus dem Mantel. Er stöhnte auf, als sie seinen Arm bewegte und ihn in einen Sessel im Salon setzte.
„Soll ich Professor Sauerbruch holen?“
„Ich brauche keinen Arzt“, brummte Hitler. „Hast du etwas zu schreiben?“
Sie nickte, griff nach einem Stoß Papier und zog Tinte in einen Füllhalter.

Helene und ihr Mann gehörten zu Hitlers ältesten Freunden in München. Sie war froh, dass er der Katastrophe im Bürgerbräukeller weitestgehend unversehrt entkommen war, war froh ihn zu sehen, und doch, mit seinem Besuch durchkreuzte er ihre Ausreisepläne. Sie hatte ihn vorübergehend in einem Gästezimmer im Obergeschoss untergebracht. Dort konnte er sich von den Strapazen des vergangenen Tages erholen, während sie sich den Kopf darüber zerbrach, wie sie den Flüchtigen außer Landes bringen könnte.
Salzburg sollte zu erreichen sein, und von da auf Umwegen über die Schweizer Grenze. Dort sollte sich ein Weg finden, nach Amerika auszureisen.
Sie selbst war halbe Amerikanerin und ihr Mann hatte während des Krieges die New Yorker Filiale des Kunstverlages seiner Familie geleitet. Sie kannte Land und Leute. Einmal in Übersee sollte es möglich sein unterzutauchen, bis sich die Wogen im Reich wieder geglättet haben.
Ein Läuten riss sie aus den Gedanken.
„Griaß Gott, Frau Hanfstaengl“, brummte der Polizist unter dem Zwirbelbart hervor und zog die Mütze. Die beiden Beamten hinter ihm taten es ihm gleich und nickten Helene ernst zu.
„Wachtmeister Brandhuber, die Kollegen Mayr und Staubichl. Hätten‘s vielleicht a Moment für a paar Fragen, gnä‘ Frau?“
Helene nickte und bat die Polizisten in den Salon.
„Ihr Herr Gemahl, Frau Hanfstaengl.“ Der Polizist nippte an der Tasse, die Helene ihm angeboten hatte und hob anerkennend die Brauen. „An hervorragenden Kaffee brauen‘s, gnä‘ Frau!“
Helene nickte lächelnd.
„Ihr Gemahl, da Herr Hanfstaengl. Wissen‘s zufällig, wo der sich grad aufhält?“
„Mein Gatte ist auf Geschäftsreise in Amerika“, log Helene. „Sie haben vielleicht gehört, dass unsere Dependance dort nach dem Kriege enteignet worden ist? Er versucht gerade, unser Eigentum wiederzuerlangen. Darf ich ihm etwas ausrichten?“
Dem Polizisten war sichtlich unwohl. Er drehte seine Mütze unruhig in der Hand.
„So sagen Sie doch! Ihm ist doch nichts zugestoßen?“, setzte Helene aufgeregt nach.
„Nun, gnä‘ Frau, sagen’s, in Amerika, ja?“ Wachtmeister Brandhuber schwitzte. „Uns wurde zugetragen, dass Ihr Mann am gestrigen Tage im Bürgerbräu in München zugegen gewesen sein soll, wissen’s, a Aufstand war da.“
„Ein Aufstand? Das ist ja furchtbar! Kommt denn dieses Land gar nicht zur Ruh?“, gab sich Helene erstaunt, dann lachte sie schrill auf. „Und mein Ernst bei einem Putsch? Nein, guter Mann. Mein Gatte ist in New York.“
Brandhuber lächelte verlegen.
„Des is mir recht unangenehm, Frau Hanfstaengl, und i möcht ihnen auch gern glauben, doch erlauben’s, wir müssten uns hier noch amal umschauen.“
Helene bedeutete den Polizisten ihr Einverständnis.
Sie selbst verließ den Salon und machte sich langsam auf den Weg ins Obergeschoss, um ihren Freund zu verstecken. Sie fand ihn im Badezimmer.
Er drehte sich um, als er sie kommen hörte, lächelte unbeholfen.
Dann griff er mit der Linken nach etwas in seinem Hosenbund und hob die Pistole zur Schläfe.
Helene stürzte auf ihn zu, versuchte, ihm die Waffe zu entreißen, doch sie griff ins Leere.
Ein Schuss.
Adolf Hitler sackte auf die Knie.
Und fiel vornüber.
(1932) "Abgenähert"

"Er hat uns allen einen geliebten Menschen genommen." Die Hände auf ihrem Schoß spielten verträumt miteinander, unbeobachtet von den Augen, die durch das fragende Gesicht des jungen Mannes hindurchschauten. "Ein Stück des Herzens ist für immer fort."
Er nickte. Nur langsam wanderte die Hand mit dem Stift wieder über den Notizblock und schrieb leise mit. Sein Mund formulierte bereits die nächste Frage, doch der Anstand des Kopfes stellte den Ton ab.
"Ich spüre noch immer seine Berührungen, seine Hand auf meiner Schulter. Sein gutmütiges Lächeln, seine Ausgeglichenheit."
Schweigend wartete er, während Sie die Wand hinter seinem Kopf anvisierte. Die Pupillen zu kleinen schwarzen Punkten verengt, während vergangene Lichter hinter ihren Augen vorbeihuschten.
"Es ... war wie ein ... ewiger Sommer." Für einen Moment schlossen sich ihre Augenlider und drückten die Tränen zurück. "Verzeihen Sie mir, ich ..."
Wortlos reichte er ihr ein Taschentuch, doch Sie wehrte lächelnd ab. Schimmernder Glanz, als die Lider die Augen wieder freigaben.
"Merci", flüsterte Sie. "Aber Tränen entspringen dem Meer des Herzens und sollten nicht in einem Zellstofftuch enden."
Schweigen.
"Darf ich frei sprechen?", fragte er und legte sein Notizbblock zur Seite.
"Nur zu."
"Sehnen Sie sich generell nach der Zeit vor dem Großen Krieg zurück?"
"Ich sehne mich nach meinem Mann zurück."
"Würden Sie denn gerne das Rad der Zeit zurückdrehen, nur um ihn zu sehen?"
Sie seufzte.
"Wie gerne würde ich das tun", sagte Sie. "Ich würde ihn festhalten, ihn anflehen nicht fortzugehen."
Er schwieg. Dann beugte er sich vor.
"Es tut mir leid - sehr leid - dass Sie alles verloren haben, was Ihnen lieb und teuer war."
"Eine kleine Welt für sich", flüsterte Sie. "Erst mein Mann ..., unser Kind kurz nach der Geburt, und dann ..." Sie presste die Lippen zusammen, schluckte und atmete tief ein. "Wenn eine Welt vergeht, ... trudelt man erst mit den Trümmern durch den Tag. Und erst eine Ewigkeit später, ..."
Ein krampfhaftes Lächeln stahl sich in ihr Gesicht.
"Wir-stehen-hier", sagte sie und eine Hand zeigte auf einen Punkt zwischen ihren Stühlen. "Was war, ist vergangen."
Stille. Der Holzboden knackte. Im Hintergrund wehte ein Luftzug herein und ließ den Vorhang flattern. Tanzende Schatten im Raum. Die Vergangenheit verblasste langsam.
"Sie finden also nicht", sagte er schließlich, "dass der Weg, den dieses Land beschritten hat, falsch ist?"
"Falsch?" Sie schüttelte verwirrt den Kopf. "Wir sollten uns nicht weiter fragen, ob es falsch gewesen ist, diese Fahrtrichtung einzuschlagen, sondern eher warum diese Frage ununterbrochen auftaucht."
"Können Sie sich erklären?"
Ihre Finger umgarnten sich wieder, diesmal nervös.
"Es ist schwer nach vorn zu schauen und das Gestern als vergangen zu betrachten", meinte sie. "Mir ist es gleich, welche Gesinnung ein Mitbürger hat, woher er kommt, in welcher misslichen Lage er sich befindet. Ob er der alten Zeit hinterher trauert oder nicht. Wir sollten unsere Hände ergreifen und - gemeinsam - den vor uns liegenden schweren Weg beschreiten."

***

Die Lokomotive hupte und pfiff, und ein Rucken deutete an, dass der Zug langsamer wurde.
Schlimmer als auf einem Schiff, dachte Lothar, während er weiter nach hinten zum Zugende wankte. Das Schaukeln ließ ihn zwischen den großen Fenstern des Ganges und den verglasten Schiebetüren der vollbesetzten Abteile hin und her pendeln. Dahinter Bürger in der zweiten Klasse. Einzelne Damen mit weitem Hut und eng anliegendem Kleid. Andere dagegen mit traditionellem langen Rock, Rüschenblusen und Haltenadeln in den Haaren. Die Männer teilweise im feinen Zwirn oder einfachen grauen Stoffhosen und leichten Sommerjacken.
In einigen Abteilen junge Frauen, die sehr eng beieinander saßen. In anderen Familien mit Kindern. Manche Väter hatten die kleineren Holztischchen ausgefahren und widmeten sich konzentriert einem Schachspiel. Die Mütter daneben fochten mit Stricknadeln gegen die zähe Baumwolle an, während der Nachwuchs in rosa Kleidern entweder schlief, oder in Matrosenanzügen mit selbstgebastelten Papierschiffchen auf dem Boden spielte.
Der Blick entrückte sich, die Menschen verschwammen langsam und sein eigenes Spiegelbild tauchte im Glas auf.
Ein glattrasiertes Gesicht, gesäumt von kurzem braunen Haar. Der Rest von ihm versteckte sich unter einem weißen Diensthemd mit doppeltem Windsorknoten, hellgrauer Uniformjacke und dunklerer Hose mit hohen Stiefeln. Die Schirmmütze korrekt zwischen linkem Oberarm und Herzen gepresst, während die Orden- und Ehrenzeichen oberhalb der rechten Brusttasche leicht im Takt des Schaukelns wippten.
Wehmütig schaute Lothar abwechselnd auf sein Spiegelbild und die verblassenden Kinder.
Er brummte und erinnerte sich an den Ausspruch des hünenhaften alten Mannes hinter dem massiven Schreibtisch.
'Noch kriegen Männer keine Kinder, Herr Oberleutnant!' Die Worte donnerten noch immer durch Lothars Kopf. 'Außerdem ist die Geburt Frauensache - aber ich werde es Sie wissen lassen, sobald der kleine Krieger die Welt betreten hat.'
Ein kräftiges Klopfen auf die Schultern, garniert mit einem ehrlichen Lächeln - und das musste reichen.
Lothar riss sich von seinem Ebenbild los und wankte weiter. Ab und zu knallte er mit der linken Schulter unsanft gegen die Holzwände und verzog schmerzvoll das Gesicht.
Die Landschaft hinter den Fenstern flog langsamer vorbei. Aus Punkten wurden Menschen, die links und rechts des Weges, an Bahnschranken oder zwischen Heuballen auf einem abgeernteten Feld standen. Sie unterbrachen kurz ihre Arbeit, senkten ihre Sichel und schauten müde dem Zug hinterher. Manche schwenkten ihre Hüte, andere verschnauften und schienen am Ende ihrer Kräfte zu sein.
Wir hätten nicht mit dem Zug fahren sollen, dachte er, als er die Zwischentüren zum nächsten Waggon erreichte. Davor einer seiner Männer. Breite Schultern mit einem bulligen Gesicht. Eine schwarze Koppel mit einer Pistole im ledernen Holster und einem zu allem entschlossenen Blick, der jeden traf, der sich ihm bis auf wenige Meter näherte.
"Hat sich irgend jemand dem Waggon genähert, Hansen?", fragte Lothar seinen Untergebenen.
"Bis jetzt nicht, Herr Oberleutnant."
"Weitermachen", sagte Lothar und schob sich an ihm vorbei in den nächsten Wagen.

Er passierte die leeren Abteile und zog vorsichtshalber an den Schiebetüren. Alle verschlossen.
Der Oberleutnant brummte zufrieden, sah zum Mann am anderen Ende, der ihm einfach nur zunickte.
Gut, alles in bester Ordnung, dachte Lothar, als er das Abteil in der Mitte des Waggons erreichte. Hinter dem Glas der Tür nur eine Frau Anfang vierzig. Schwarze Lockenhaare im Bubikopfschnitt, die auch die Ohren bedeckten. Sie trug einen doppelreihigen braunen Mantel; nur lose an der Taille mit einem Knopf verbunden. Zurückgelehnt, die Beine überschlagen, saß Sie mit einem Buch in den Händen auf der gepolsterten Sitzbank. Ordentlich wieder zusammengefaltete Zeitungen, ausgelesen neben ihr.
Als Lothar die verglaste Tür zur Seite schob, schaute Sie nicht auf.
"Irgendwelche bösen Kommunisten gefunden?", fragte Sie nur.
Lothar seufzte frustriert und trat ein.
"Bis zur Grenze dauert es nicht mehr lange", meinte er, setzte sich auf den Platz gegenüber und deutete auf die Zeitungen. "Sie haben bereits alle Zeitungen durchgelesen?"
"Viele Lobeshymnen auf meine Person", meinte Sie. "Und Vergleiche mit meiner Urgroßmutter - trotzdem ist der Geist irgendwann saturiert."
"Und was lesen Sie jetzt, wenn ich fragen darf?"
"Miyamoto Musashi", antwortete sie und schaute auf. "Das Buch der fünf Ringe - wieso fragen Sie?"
Sanfte Gesichtszüge, die Lippen neutral in der Horizontalen. Die nur ein Stück heruntergezogen Augenlider hinterließen den Eindruck einer gerade erst erwachten Dame. Die funkelnden Pupillen straften diesen Eindruck jedoch Lügen.
"Reine Neugierde", meinte Lothar und winkte ab. "Weiter nichts - verzeihen Sie."
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihre Lippen, als Sie das Buch zuschlug und auf die Zeitungen legte.
"Sie schauen mich bereits seit unserer Abfahrt merkwürdig an, Herr Oberleutnant."
"Alles in Ordnung."
"Sind Sie sicher?"
Der Versuch eines Lächelns wanderte über sein Gesicht.
"Bis auf die Tatsache, das man in der Reichswehr lange auf seine Beförderung warten muss."
"Ich glaube nicht, dass Ihr kritischer Blick in meine Richtung aufgrund ihrer fehlenden Beförderung zustande kam."
Er schwieg.
"Sie haben ein Problem mit mir."
"Wie kommen Sie darauf?"
"Es ist ein abfälliger Blick."
"Es steht mir im Dienst nicht zu, persönliche Meinungen kund zu tun. Auch wenn Sie es mir befehlen würden."
Sie beugte sich ein Stück vor.
"Ich bitte Sie darum."
"Kein hoheitlicher Befehl?"
Ihre Nase ging ein Stück nach unten, während Sie schmunzelte.
"Einen Befehl würde ich Ihnen morgen erteilen."
"Weshalb das Interesse?"
"Ich höre mir gerne alle Meinungen an", sagte Sie und deutete auf die Zeitungen. "Ungeachtet der gesellschaftlichen Hierarchie."
Stille, durchzogen vom Schaukeln des Waggons und der stumm vorbeifliegenden Landschaft hinter dem Fenster. Beigefarbene, mattgrüne Quadrate prägten die freien Flächen – auf den Feldern verteilten sich Heuballen, die aus der Ferne aussahen, wie kleine Fußbälle, dazwischen grade oder verschlungene Wege, die die kleinen Ortschaften miteinander verbanden oder einfach nur still wieder in den Wäldern verschwanden.
"Darf ich frei sprechen?"
Sie nickte wortlos.
"Ja."
"Ja?"
"Ja - ich habe ein Problem."
"Und welches?"
Lothar presste die Lippen aufeinander.
"Ich finde, ein Mann wäre besser geeignet, die Aufgaben zu erfüllen."
Ein Lächeln zog sich durch ihr Gesicht.
"Ich nehme an, Sie meinen damit nicht nur Wärme und Vertrauen."
"In der Tat", sagte Lothar und verschränkte die Arme vor seiner Brust. "Man muss auch den richtigen Ton treffen. Und nebenbei das Kunststück vollbringen, alle Menschen anzusprechen - und mitzunehmen. Ich rede nicht nur von Härte, sondern auch von Zielstrebig- und Durchsetzungsfähigkeit."
"Und das alles soll ich nicht können, nur weil ich eine Frau bin?"
"Ihr Amtsvorgänger hat diese hohe Kunst beherrscht."
Sie winkte ab.
"Sie wissen schon, dass ich lange Zeit meinen Mann vertreten habe", sagte sie.
"Aber das hier ist etwas anderes."
"Das scheinen die meisten Bürger im Reich anders zu sehen, Herr Oberleutnant."
"Ja, ihr Wahlerfolg war beeindruckend", meinte Lothar und beugte sich vor. "Aber was wäre denn die Alternative gewesen? Ernst Thälmann?"
"Also war für Sie die Wahl nur ein Abwägen von Unsäglichem? Kommunist gegen eine Frau - dann lieber die Frau?"
"So gesehen - ja."
"Sie haben ein sehr angedunkeltes Bild von Frauen."
"Mir ist die Rede dieser Marie Juchacz im Kopf geblieben, das reicht mir." Er räusperte sich. "Meine Herren und Damen - was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit, sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist."
"Es war ein Unrecht."
"Sie tat so, als wäre Ihr das Unrecht persönlich nicht hold gewesen. Und doch - was war Sie? Frauensekretärin im Zentralen Parteivorstand der SPD, Redaktionsleiter einer Zeitschrift und Gründerin der Arbeiterwohlfahrt." Er schüttelte den Kopf. "In der Tat, ihr wurde Zeit ihres Lebens übel mitgespielt."
Sie schaute ihn skeptisch an.
"Frau Juchacz war - auch - eine Schneiderin, Herr Oberleutnant."
"Es war die Revolution, die die Gleichbehandlung hergestellt hat. Und es waren die Männer, die die Revolution ausführten und einer Marie Juchacz die Gelegenheit gaben, im Reichstag zu sprechen. Männer - keine Frauen."
"Und Sie vergleichen mich nun mit Ihr?" Sie lächelte. "Finden Sie nicht, dass Sie alle Frauen durch eine dunkle Brille sehen?"
"Seien Sie gewiss, ich differenziere durchaus", meinte er. "Und im Gegensatz zu Ihnen ist Frau Juchacz keine Adelige."
Sie runzelte die Stirn.
"Adelig - das klingt wie ein Vorwurf."
Er schüttelte den Kopf.
"Der Umstand gereicht Ihnen zum Vorteil."
"Ach?"
"Dieses Land ist noch immer zerrissen zwischen dem Neuen und dem Alten. Und nur eine Person des Adels mit Ihrer Einstellung kann diese Wunde heilen."
Schweigen. Dann spitzte sie den Mund.
"Das Problem ist nur, dass ich kein Mann bin. Richtig?"
Lothar schwieg, als die Tür zum Abteil plötzlich zur Seite glitt und ein dunkler Kopf zu ihnen herein schaute.
"Sieh an, sieh an - Ihr namibischer Kamerad rettet Sie aus einer misslichen Lage", rief Sie und winkte einladend. "So treten Sie ruhig ein. Keine falsche Scheu - ich bin nur eine Frau."
Verdutzt schaute der Neuankömmling abwechselnd zu Lothar und der Frau.
"Wollte nicht stören ...", begann er, doch Lothar winkte ab.
"Zeit für meine zweite Runde", sagte er und erhob sich. "Vielleicht bist Du ja ein besserer Gesprächspartner, Joseph."
Er klopfte dem Namibier aufmunternd auf die Schulter und quetschte sich in den Gang hinaus.
"Aber aber!", rief die Frau Lothar hinterher. "Eine Flucht kann unmöglich eine Option sein, Herr Krieger!"
"Er ist noch nie geflüchtet", meinte Joseph, schloss die Tür und setzte sich.

Die Stille sickerte wieder ins Abteil, nur unterbrochen vom malerischen Rattern des Zuges.
Im Eiltempo durchfuhren sie Berge und Täler und schnauften sich durch zahlreiche Tunnel. Tag und Nacht wechselten sich im Waggon ab, während die Wälder stets von Neuem auf der hellen Seite grüßten. An manchen Stellen brachen sie auf und es schien, als hätten Riesen sich für eine kurze Rast dort vor Urzeiten nieder gelegt.
Beide saßen sich schweigend gegenüber.
Joseph regungslos, die Augen verschlossen, die gefalteten Hände ruhig auf dem Schoß der anthrazitfarbenen Uniformhose abgelegt. Sie dagegen musterte ihr Gegenüber. Der Kopf mit den kurzen Haaren, schwärzer als die Nacht und dicker als Strickwolle. Ein dünner Bart, nur einen Finger breit, rankte sich an den Ohren vorbei abwärts, folgte dem Unterkiefer, teilte sich und umspielte die Mundpartie.
Der Blick wanderte weiter hinab über die graue Feldjacke. Gut gebürstet, kein Staubkorn, kein Häarchen - nichts. Selbst die anthrazitfarbene Hose hatte die unverwechselbaren Bügelfalten.
Der Brustkorb des dunklen Mannes hob und senkte sich nur langsam. Gemächlicher Puls. Keine Atemgeräusche zu hören. Nichts. Nur ein Afrikaner in einer deutschen Uniform mit namibischen Hoheitszeichen auf den Unterärmeln.
"Sie schauen mich fragend an", sagte Joseph, ohne seine Augen zu öffnen. "Wenn Ihnen etwas auf dem Herzen liegt - nur zu."
"Bin ich so leicht zu durchschauen?"
"So eine Frage würde ich Ihnen selbst ab morgen nicht beantworten."
"Gut, eine andere?"
"Wie Sie wünschen."
Sie lehnte sich zurück.
"Was machen Sie hier?"
Josephs Brauen über den geschlossenen Auge hoben sich ein Stück, während der Zug ruckelte und abermals langsamer wurde.
"Das Wachbataillon des Reichspräsidenten hat den Auftrag, Sie zu beschützen."
"Das meinte ich nicht."
"Dann erklären Sie sich."
"Es ist kein alltägliches Bild, einen Neger aus einer ehemaligen Kolonie in deutscher Uniform zu sehen, Herr Leutnant."
"Neger?"
"Afrikaner", verbesserte Sie sich. "Excusez-vous."
"Ich bin offiziell Verbindungsoffizier zur namibischen Armee."
"Und inoffiziell?"
Seine Augen glitten müde auf und starrten die Frau vor ihm an.
"Meiner Familie wurde von Präsident Wittbooi der Schutz von Lothar Krieger befohlen."
"Aber nur Sie sind hier?"
"Ein Koper reicht."
Stille.
"Und was unternehmen Sie, wenn er Frau und Kinder hat?" Sie lachte. "Wollen Sie sich dann teilen?"
Joseph schmunzelte nur und schwieg.
"Sie sind mir ein Rätsel, Herr Leutnant."
"Ich kann Ihnen versichern, alles verstehe ich auch nicht."
Sie lehnte sich zurück.
"Vielleicht kann ich Ihnen ja helfen?" Das spitzbübische Lächeln tauchte wieder auf. "Ich habe ein Faible fürs Knobeln."
"Sie?" Josephs Kopf zuckte leicht nach vorne. Es schien, als würde ein Fragezeichen über seine Stirn huschen, dann nickte er. "Warum nicht."
Er griff in seine Jacke und holte einen großen braunen Umschlag hervor, während sich außerhalb des Zuges die Gleise ins schier Unendliche teilten.
"Mir wurden aus Windhoek diese Utensilien zugeschickt", sagte er und breitete den Inhalt des großen Umschlags auf dem Nachbarsitz aus. "Aus dem Anschreiben geht hervor, dass Präsident Wittbooi dies vor seinem Ableben selbst gefertigt hatte."
Ein kleines Daumenkino und zwei Zettel, fein säuberlich zu kleinen Quadraten gefaltet.
Sie nahm das Daumenkino und betrachtete es. Jeweils ein Strichmännchen auf den Papierzettelchen, die nicht größer als eine Handfläche waren und am Rand zusammengeleimt. Sie ließ das Daumenkino von unten nach oben durchlaufen und lächelte beim Anblick des lebendig gewordenen Männchens, dass von links nach rechts lief.
"Und was ist daran merkwürdig?", fragte Sie, nahm den Umschlag und betrachtete die für Kurrentschrift typischen kantigen Formen der Buchstaben. "Selbst die Schrift ist klar zu entziffern."
Am Rand des Blickes flog das Schienenmeer außerhalb des Zuges langsamer vorbei, nur spärlich mit hölzernen Wachtürmen und Stahlmasten versehen. An manchen Trägern Weichensignale, an anderen Schilder mit der Aufschrift:

'Achtung! Sie verlassen das Hoheitsgebiet des Deutschen Reichs! Ausweiskontrolle!'.

Joseph beugte sich vor, nahm ihr das Daumenkino aus der Hand und zeigte ihr das unterste Blatt, auf dem unter dem Männchen ein 'X' zu sehen war. Und das Wort 'Leben'.
"Das verstehe ich genauso wenig, wie das hier", meinte er, griff nach den beiden Zetteln neben sich und faltete sie nacheinander auseinander. Auf dem Ersten oben rechts die Zahl 1, eingekreist. Darunter war eine selbstgezeichnete Taschenuhr mit einer Kette zu sehen.
"Faszinierend", sagte Sie und zeigte auf die beiden Zeiger, die die Uhrzeit mit neunzehn Minuten nach acht angaben. "Aber das muss doch auch irgendwas bedeuten?"
"Ich habe keine Ahnung, der Präsident hat diesen Brief persönlich an mich adressiert", sagte er und reichte ihr den anderen Zettel. "Und dieser ist noch merkwürdiger."
Oben rechts die Zahl 4, ebenfalls eingekreist. Darunter stand in geschwungener Schrift:
1. Samuel 17
Sie schwiegen beide, während Sie abwechselnd auf die beiden Zettel starrte. Ein Bahnsteig schob sich am Fenster vorbei wie der stählerne Bug eines Schiffes, ohne Gischt auf der glatten Woge des Fensterbretts. Aus vorbeifliegenden Tupfern wurden Menschen, Zollbeamte, Grenzsoldaten mit umgehängten Gewehren. Ein letztes verzweifeltes Ruckeln, dann stand der Zug.
"1. Samuel 17, ... wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, geht es dort um den Kampf Davids gegen Goliath."
Auf dem Bahnsteig erschien ein Zollbeamter und winkte Lothar zu sich. Eine lebhafte Diskussion, unnachgiebige Gesichtszüge und erhobene Zeigefinger des Zollbeamten, erhitztes Gemüt und zusammengepresste Lippen Lothars. Schließlich ein vergebliches Achselzucken, dann drehte er sich um und näherte sich dem Fenster.
"Leutnant Koper?", rief er von draußen und klopfte gegen die Scheibe. "Heda!"
Joseph schaute auf, erhob sich und schob das Fenster nach unten.
"Was ist los?"
Lothar nickte zu dem Zollbeamten.
"Ich verstehe ihn einfach nicht."
Das Gesicht des dunklen Kopfes verzog sich zu einem Schmunzeln, als er den Zollbeamten ansprach.
"Dag!", rief er. "Wat scheelt er?"
Der Zollbeamte trat neben Lothar und schien erleichtert zu sein.
"Luister!", sagte er. "Ze moeten afstappen!"
"Waarom?" Joseph schüttelte den Kopf. "Wij hebben onze bevele."
"De tocht is niet zeker."

Als Joseph sich wieder umdrehte, schaute die Frau immer noch stirnrunzelnd auf die Utensilien.
"Wahrlich, ein vertracktes Rätsel", murmelte Sie und besah sich zum wiederholten Male das Daumenkino. "Zettel Nummer 1 und 4, doch wo sind 2 und 3?" Sie schaute fragend zu Joseph und bemerkte sein angespanntes Gesicht. "Was ist passiert?"
"Wir sollen aussteigen", antwortete Joseph. "Anscheinend ist die Strecke nicht sicher, die Botschaft hat einige Wagen geschickt."
Leichte Blässe schlich sich in ihr Gesicht, doch dann nickte Sie.
"In Ordnung."
Einige Stunden später rasten drei Automobile über die dämmerigen Landstraßen.
Alle im gleichen schwarzen Ton. Geschwungene Kotflügel wie angebaute Schiffswellen. Ein Kühlergrill so groß wie das Schild eines Ritters - darüber ein geflügeltes W.
Über den Dächern der Fahrzeuge breitete sich allmählich die Nacht aus, während die letzten Reste des Tages am Horizont vergingen. Eine müde Sonne, die noch einmal kurz durch Wolkenrisse blinzelte, bevor sie verschwand. Nur noch die Scheinwerfer, die sich mit ihren Lichtkegeln durch die Nacht bohrten. Vorbei an Ackerflächen, vereinzelten Bauernhöfen, meist kilometerweit entfernt. Teilweise standen noch Kühe und Pferde auf den Weiden und Koppeln, während fleißige Hände auf den Feldern noch damit beschäftigt waren, Heu zu bündeln, die schließlich auf der Seite lagen wie umgeworfene Litfaßsäulen. Vereinzelt tauchten am Fahrbahnrand Bäume auf, die im aufkommenden Wind ihre grünen Häupter schüttelten. Die ersten schweren Tränen klatschten auf die Windschutzscheibe - und wurden von den Wischblättern achtlos weggefegt.

Im beengten Fond des mittleren Wagens saßen sich Lothar und die Frau aus dem Zug gegenüber, während Joseph neben Hansen auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte.
"Sehr bequem", meinte Sie und sog die Luft hörbar ein. "Und das Leder riecht herrlich frisch."
"Eine Spezialanfertigung des Auswärtigen Amtes", sagte Lothar. "Ein Wanderer W26."
"Sehr elegant."
"Dann frage ich mich,", schmunzelte Lothar, während sein Kopf bei der unebenen Straße hin und her schaukelte, "warum wir unbedingt mit dem Zug fahren mussten?"
"Ich pflege mich nicht zu verstecken, Herr Oberleutnant", sagte Sie. "Wenn wir irgendwann wieder einmal unterwegs sein sollten, dann können wir ja die neuen Reichsautobahnen ausprobieren."
"Sie sind der Chef."
"Ab morgen." Ein warmes Lächeln, das sich langsam im Gesicht verlor. Dann beugte Sie sich mit ernster Miene ein Stück vor. "Darf ich Sie trotzdem nochmal mit einer Frage belästigen?"
"Wollen Sie sich jetzt über Politik unterhalten?"
"Haben Sie Familie?"
Lothars Augenbrauen hoben sich erstaunt ein Stück nach oben.
"Sie müssen nicht antworten, Herr Oberleutnant", antwortete Sie auf die unausgesprochene Frage. "Aber ich interessiere mich sehr für die Menschen, die mich umgeben."
Für einen Moment schien es, als ob die Stille zwischen ihnen die einzige Antwort bleiben würde. Dann schluckte er schwer und lehnte sich zurück.
"Familie", sagte er schließlich. "Meine Mutter ist kurz nach meiner Geburt gestorben. Und mein Vater ..., mein Vater ist nur noch schemenhaft hinter meinen Augen."
"Was ist geschehen?"
Lothars Pupillen wurden kleiner, entrückten sich in die Vergangenheit.
Von Süden näherte sich eine Wolke aus Staub und Tod. Pferde mit Menschen in fremder Uniform. Sie schossen sofort. Dann lag der alte Mann halb auf seinem Sohn, beschützend, im Hinterkopf ein hässliches Loch. Der Sohn schrie, versuchte sich vom glasigen Blick seines Vaters zu befreien.
"Er wurde von südafrikanischen Truppen erschossen."
"Das ... tut mir leid."
Für einen Moment erstarrte die Zeit, nur unterbrochen vom Schaukeln des Wagens. Dann nickte Lothar, mehr zu sich selbst, während er aus dem Fenster auf die ausufernde Nacht schaute.
"Die Zeit danach ... Ich wurde ein Soldat, ein Kämpfer - inmitten anderer Krieger. Eine Ersatzfamilie, in der Hautfarben - in der Vieles - keinen Unterschied bedeuteten." Er seufzte schwer. "Irgendwann hieß es dann, dass alle ehemaligen deutschen Soldaten das Land verlassen müssten - und ich landete mit ihnen im Land meines Vaters."
"Das Ferne so nah, die Heimat so fern ..."
Lothar schaute Sie fragend an.
"Wir sind wie der Wagen", antwortete Sie und schaute nachdenklich aus dem Fenster. "Wanderer zwischen zwei Welten."
Er nickte bedächtig.
"Joseph und ich wurden von der Reichswehr übernommen. Wieder eine Armee, wieder eine Familie. Zusammenhalt." Er schüttelte den Kopf. "Bis einige Kameraden aufeinander schossen."
"Sie meinen den Putsch in München?"
Er nickte, dann schaute er auf und beugte sich zu ihr hinüber.
"Und jetzt sitze ich hier, mit dem Befehl Sie unter allen Umständen zu beschützen", knurrte er, während seine Augen zu funkeln begannen. "Weitab von Zuhause, wo ich Vater werde."
Sie hielt sich ihre Finger vor den Mund, während Joseph sich auf dem Beifahrersitz umdrehte.
"Dienst ist Dienst", sagte er im ruhigen Ton und klopfte Lothar beruhigend auf die Schulter. "Und Annemarie schafft das auch ohne Dich!"
"Das ... wusste ich nicht."
"Schon gut." Lothar hob entschuldigend die Hände. "Ich lasse andere Krieger ungerne im Stich."
Schweigende Stille. Joseph drehte sich wieder um und überließ die Beiden sich selbst.
"Manchmal frage ich mich, was geschehen wäre, wenn es diesen unseligen Krieg nie gegeben hätte", meinte Lothar schließlich. "Würde ich heute neben meinem Vater auf der Terrasse sitzen und ein kühles Bier mit ihm trinken? Und würde er sich über den kleinen Krieger genauso freuen, wie ich es tue?"
"Der Krieg hat uns allen einen geliebten Menschen genommen."
Er nickte leicht.
"Sie haben wenigstens noch einen Vater", meinte er. "Genießen Sie jeden Moment, freuen Sie sich, dass er da ist, dass er atmet und lebt."
Schwermut blühte auf, während Sie nervös ihre Finger rieb.
"Das ist wahrlich schwer."

***

Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde die Fahrt langsamer. Ein Ortseingangsschild tauchte aus der Dunkelheit auf und flog an den Fenstern vorbei. Im Schlepptau einige Straßenlaternen, die ihren gelben Schein durch die Nacht streuten. Leblose Straßen, verschlossene Fensterläden - der Schlaf hatte das Dörfchen überrannt.
Nach einigen Kurven und einer langgezogenen Straße bogen die drei Wagen schließlich links ab. Ein Haus, das wie ein ausladendes U gebaut worden war, erschien. Dunkle Fenster, nur die halbrunde Durchfahrt war beleuchtet. Eine Gestalt tauchte vor dem eisenbeschlagenen Tor auf und gestikulierte mit den Armen.
"Was will er?", murmelte Joseph und kurbelte das Fenster herunter, als der Wagen neben dem Mann hielt. "Goedenavond."
"Hij will ze niet zien."
"Wij hebben onze bevele."
Der Mann seufzte und zuckte schließlich mit den Schultern.
"Mijn naam is haas", murrte er. "Ik weet van niets."
"Bedankt!"
Joseph schmunzelte und tippte dem Fahrer an die Schulter, als der Mann das Tor öffnete.
"Weiterfahren."

"Wie oft bin ich hier schon durchgegangen?", fragte Sie und zeigte auf die roten Backsteine. "Es kam mir immer vor, wie das Tor zu einer anderen Welt."
Hinter der Durchfahrt führte der Weg noch einige Meter geradeaus, dann teilte er sich. Zwischen den mächtigen Bäumen mit ihrem Blätterwerk schimmerten die erleuchteten Fenster eines großen Hauses hindurch.
"Dort", sagte Sie und zeigte zum linken Fenster hinaus. "Dort steht das Taubenhäuschen, das aussieht, wie ein versunkener kleiner Turm. Und da ..." Ihr Kopf schwenkte nach rechts, als die Wagen eine freie Fläche passierten. "Da standen so viele Bäume ..."
Ein Hauch von Wehmut umspielte ihre Lippen.
"Karges Land. Die Bäume verbrannt, ausradiert aus dem Leben."
"Es scheint seine Leidenschaft gewesen zu sein, nicht wahr?"
Ihre Augen entrückten sich für einen Moment.
"Nur der Große Krieg war ein bessere Holzfäller."

Die Wagen hielten an. Türen wurden aufgestoßen. Kurze leise Befehle, während Josephs Finger auf markante Punkte zeigten. Nachbargebäude, Einfahrt, und ein Punkt hinter dem großen Haus.
Die Soldaten nickten nur, zogen ihre Pistolen und liefen los. Kein Geräusch war zu hören, leise wie der Wind stoben sie auseinander und verloren sich in der Nacht.

Die Frau stand zwischen Joseph und Lothar und starrte auf den Eingang.
"Ich danke ihnen, meine Herren", flüsterte Sie. "Aber den Rest des Weges muss ich alleine gehen."
Sie hob den Kopf, streckte den Rücken durch und trat den ersten Schritt nach vorn.
Kleine Pflastersteine, zwischen den Kanten reckten sich die Hälse des Unkrauts nach oben. Das Gittertor aufgeschwungen, dahinter eine kleine Brücke über einem Graben mit stillem Wasser.
Das Haus, wie ein gedrungenes U erbaut. Einladend, die beiden Flügel wirkten wie die zu kurz geratenen Arme einer Mutter. Die Fensterläden im ersten Stock waren verschlossen und im Erdgeschoss sickerte dämmriges Licht in die Nacht hinaus.
Eine braune Doppeltür, nach oben hin abgerundet, mit eingesetzten kleinen Glasscheiben. Dahinter bewegten sich Schatten aufgeregt hin und her, während Sie die steinerne Treppe erklomm. Stufe für Stufe. Sie verharrte vor der Tür, atmete durch und drückte die Türklinke herunter.

Hinter der Tür erstreckte sich ein roter Teppich. Weiße Holztüren, beigefarbene Wände, an denen die unterschiedlichsten Bilder mit vergoldeten Rahmen hingen. Landschaften, mit und ohne Menschen. Manchmal ein Mann mit hochgezwirbeltem Schnurrbart in einer Husarenuniform. Der Totenkopf auf dem Wollhut verschwommen.
In einigen Ecken Statuen und Büsten, ein dunkelbrauner Sekretär. Seitlich der hohen Fenster schwere Gardinen aus schwerem dunkelroten Stoff.
Eine weiße Tür, durch dessen Rahmen der rote Teppich in den nächsten Raum flutete.
Ihr Herz begann zu klopfen, als Sie das angrenzende Zimmer betrat.
Ein runder Tisch mit einem tiefhängenden Deckchen und einem Stapel Zeitungen, umrundet von vier gepolsterten Stühlen und einer einladenden Couch, deren hölzerner Rahmen allesamt verschnörkelt und verziert waren. Zwischen den Fenstern wieder Bilder. Mal rund, mal eckig. Manchmal wieder detailiert gemalte Frauen und Männer in den mannigfaltigsten Trachten und Uniformen.
Der spärliche Schein der Kerze auf dem Tisch tanzte funkelnd über die Kommoden und Regale. Die Schatten an der Wand begrüßten Sie stumm, als Sie vor der Couch hielt und andächtig das Polster berührte. Ihre Finger fuhren über die Armlehne - und rissen sich los, als ein Luftzug neben ihr durch das offene Fenster wehte und den schweren Vorhang aufblähte.
Sie atmete erleichtert aus und trat zum Fenster, als hinter ihr eine brummige Simme erklang.
"Was wollt Ihr hier?"
Sie drehte sich erschrocken um und sah sich einem alten Mann gegenüber.
Weißes Haar, ordentlich nach links gekämmt. Ein gestutzter Kinnbart, darüber verbarg der buschige Schnurrbart die Oberlippe. Dunkle Stoffhose, die linke Hand in der Jacketttasche, in der rechten eine Zigarette, von der feine weiße Linien zur Decke empor stiegen.
Sie schluckte, ihr Herz bäumte sich auf und schlug bis zum Hals.
"Vater", sagte Sie, doch er winkte ab.
"Habt Ihr eure Herkunft vergessen?"
"Non, mon père."
Er nickte und schnippte mit der Zigarette in den Aschenbecher.
"Ich wiederhole mich nur ungerne: was wollt Ihr hier?" Die freie Hand beschrieb einen langsamen allumfassenden Bogen. "Hier - von all dem, was mir übrig geblieben ist."
Sie stand einfach nur da, während die Zeit ihre Klauen zur Seite legte. Für einen Moment tauchten Fragmente vergangener Zeiten vor ihrem inneren Auge auf. Sie alle beim Holzfällen, dann nachmittags auf der Terrasse, abends beim Spazierengehen über das weite Anwesen.
"Ich möchte nicht im Unmut von Euch scheiden", flüsterte Sie schließlich. "Nichts läge mir ferner."
Er schnaubte.
"Unmut!", rief er und aus seinen Nasenflügeln schoss heißer Dampf. Ein Drache, der wütend wurde. "Ein Dolchstoß, hinterrücks geführt. Das habt Ihr getan!"
"Vater ..."
Sein Gesicht begann zu beben.
"Erst dieses erste Interview mit dem Reporter, ... wie eine klatschsüchtige alte Jungfer, die um die Aufmerksamkeit des ganzen ... Landes buhlt!" Er verzog das Gesicht und deutete auf die Zeitungen auf dem Tisch. "Und seitdem nur noch Euer Konterfei auf allen Titelseiten!"
"Es lag nicht in meiner Absicht, mich damit für den Posten des Reichspräsidenten zu bewerben."
"Törichtes Frauenzimmer!", fauchte er. "Ein Reporter, der nicht mitschreibt, ist immer noch ein Reporter."
"Hindenburg wollte sich endlich zurückziehen - und Thälmann wurde immer beliebter." Sie hob die zitternden Hände und schaute ihren Vater verzweifelt an. "Was hätte ich denn tun sollen, als mein Name im Gespräch war?"
Der Zeigefinger in ihre Richtung erhoben.
"Ihr hättet bedenken sollen, was ich Euch gesagt habe", zischte er. "Wenn Ihr diesen Posten übernehmt, so müsst Ihr den Eid auf die Republik schwören - tut Ihr dies, so seid Ihr für mich erledigt!"
"Ihr redet von Eurer Tochter!"
Sein Gesicht beugte sich ein Stück vor.
"Von meiner einzigen Tochter!"
"Mais je ...", begann Sie, doch seine fuchtelnde Hand durchbrach den Satz.
"Und schwört Ihr nur, um den Eid bei Gelegenheit zu brechen, so werdet Ihr meineidig und ebenfalls für mich erledigt! Hohenzollern brechen ihre Eide nicht. Niemals."
"Ich auch nicht - Vater!" Ihre Stimme wurde fester, als Sie sich erhob. Trotz schimmerte in ihren Augen. "Das Reich ist in eine andere Richtung gegangen, und ich tue dies jetzt auch."
"Reichspräsidentin Viktoria Luise von Preußen - welch ein Hohn in meinen Ohren!"
"Ihr wart immer gut zu mir", sagte Sie, ignorierte den Zorn in seiner Stimme und trat einen Schritt auf ihn zu. "Aber wenn Ihr mir diesen Weg nicht gutheißt, werde ich ihn auch ohne Euren Segen gehen."
Ein Funkeln in seinen Augen. Stille, nur unterbrochen von einem Telephon aus einem der angrenzenden Räume. Tapsende Schritte, dann nahm jemand das Gespräch an.
"D'accord. Ich enterbe Euch", zischte ihr Vater, während die Hand nach draußen zeigte. "Und schließe Euch für alle Zeiten aus meinem Hause aus."
"Vater ..."
"Hinfort mit Euch!"

Draußen vor dem Wagen schauten Joseph und Lothar die Reichspräsidentin in spe fragend an, während Sie versuchte, ihre Tränen zu verbergen.
"Alles in Ordnung?", fragte Joseph, während Lothar ihr ein Taschentuch reichen wollte.
"Herzlichen Glückwunsch", flüsterte Sie mit erstickter Stimme und drückte ihm etwas in die Hand, bevor Sie ohne zu warten in den Wagen stieg. "Lassen sie uns nach Hause fahren."
"Was ...?", murmelte Lothar und schaute auf einen kleinen Zettel. Eine geschwungene Handschrift, schnell geschrieben:

'Krieger, Krieger, Krieger - Gratulation. Hindenburg.'
(1941) "Hinterland"

I. Akt

Dunkelheit.
Keine Gedanken.
Pochen im Kopf.
Und das Atmen in der Zelle, die für einen kleinen Menschen gerade groß genug zum Stehen war.
Eine Frau in einer blauen Häftlingsuniform. Zerschlissen und ausgewaschen. Einst lange Haare, die unfreundlich auf Höhe des Nackens abgeschnitten worden waren.
Ihr Gesicht schien ausgestorben zu sein. Mit dem Kopf an der vorderen Mauer gelehnt, danach kam ihr gekrümmter Rücken an der hinteren Wand – links und rechts zwei Stahltüren, und unten ihre zur Hälfte eingeknickten Beine.
Die Zeit war hier nicht mehr präsent, als Sie irgendwann in diese kleine Zelle gepresst worden war. Ab und zu öffneten schemenhafte Gestalten die Türen, zerrten sie in einen anderen Raum hier unten und versuchten etwas aus ihr heraus zu prügeln. Namen, Orte, Geständnisse - doch nur Blut und Erbrochenes kam zum Vorschein, untermalt von blauen Flecken und roten Striemen auf ihrem Körper.
Danach wieder in die Zelle, wieder raus, Prügel, ab und zu in einen kargen Raum und unfreundlichen Männern. Verschlossene Augen, ihre auf dem Boden liegenden braune Haare. Leblos. Zurück in die Zelle, wieder raus.
Irgendwann versiegte ihre Gegenwehr und ihr Gehirn schaltete die letzten Lichter in ihrem Kopf aus. Das Ich flüchtete hinter den matten Glanz in ihren Augen. Und ihre Lippen sangen ein lautloses Lied.

Die Türen wurden aufgeschlossen, sie packten wieder nach ihr und zogen sie heraus. Sie fiel auf die Knie, ihre Hände suchten nach Halt - hinterließ aber nur einen blutigen Abdruck neben der Tür.
Ohne Gegenwehr fesselten sie die Frau und schleiften sie über den Boden fort.

Treppe rauf, Tür – und dann stand sie mit wackeligen Beinen draußen auf dem Innenhof.
Länglich. Geformt wie die Innenseite eines großen D's. Kopfsteinpflaster, an manchen Stellen wucherte Unkraut zwischen den Steinen hindurch. Einige alte Laternen mit kalten weißen Licht, in dessen Kegel sich die ersten dicken Schneeflocken verirrten.
Sie schaute sich zaghaft um. Der Blick glasig, die Bilder unscharf. Die Welt vor ihren Augen lag weit entfernt. Ein heftiger Stoß in ihrem Rücken.
"Dawaj!", rief Jemand von hinten und trieb sie weiter vor sich her.
Rote Backsteingebäude um den Innenhof herum, nahtlos aneinander gebaut. Das Glas mancher Fenster zersprungen, in einigen Stockwerken dunkle Einschusslöcher. Links am Haupteingang mit den zwei gewölbten Durchfahrten und den verschlossenen Stahltoren schemenhafte Gestalten in braunen Kleidern.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofes öffnete sich quietschend eine Tür.
"Tam chisto."
Im Gebäude endlose Flure, auf denen sich selbst die Zeit verlaufen konnte. Ein schmutziges Grau an den Wänden, der Boden abgelaufen und unter der Decke hingen grüne und rote Lämpchen, verbunden durch verschiedenfarbige Kabel, die von einer Tür zur anderen reichten - aber keine Bilder.
Unsanft wurde Sie von der Person hinter ihr durch die Gänge dirigiert. Mal nach rechts, mal nach links. Und immer ähnliche Flure. Dasselbe Grau. Die Kabel. Lampen. Sonst nichts.
Nach einiger Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, hielten sie vor einer unscheinbaren Tür an, die genauso trüb aussah, wie ihre Gegenstücke zu beiden Seiten des Flurs.
Ein Arm in einem braunen Ärmel schob sich an ihrem Blickfeld vorbei und klopfte erst, dann öffnete er die Zimmertür.
„Svobodno!", rief die Stimme hinter ihr und schubste Sie unsanft nach vorn.

Unfassbare Stille, die sich am Schreibtisch zwischen der Frau und einem Mann ausbreitete.
Sie auf einem harten Holzstuhl. Er in einem bequemen Sessel dahinter. In einer tadellosen braunen Uniform, mit Bügelfalte in der Hose, Orden und anderen Ehrenzeichen über der rechten Brusttasche. Eine schwarze Koppel wand sich um seinen Bauch, an der eine Pistolentasche hing. Die Offiziersmütze mit einem grünen Streifen und dem roten Stern lag auf dem Tisch mit dem Schirm zu ihr. Daneben ein schwarzes Telefon. Eine kleine Stehlampe. Im Hintergrund hing ein alter grüner Vorhang, der das vergitterte Fenster nur schwer verbergen konnte. An der Wand ein Bild von einem älteren Mann mit Schnauzbart und gutmütigen väterlichen Blick.
Sonst nichts.
"Wenn Sie endlich mit uns zusammenarbeiten, bekommen Sie Haftmilderung."
Sie schaute in an, vorbei an dem unehrlichen Lächeln, durch seine unscheinbaren dunklen Augen auf den schäbigen Vorhang hinter ihm. Ihre Lippen bewegten sich lautlos.
"Haben Sie das verstanden?"
Kein Zucken, die Pupillen verkrochen sich in den Kopf. Leise Töne drangen aus ihrem Mund.
"Und gäb' es nur eine Krone ..."
Er beugte sich vor und kniff die Augen zusammen.
"Was?", und hielt sich eine Hand ans Ohr.
"... wohlan, ich schenkte s-"
"Schluss damit!", rief er und schlug mit der Hand auf den Tisch. "Wo ist Ihr Mann?"
Sie schloss die Augen.
"Halten Sie mich nicht zum Narren!"
Ein geöffnetes Fenster breitete sich vor ihr aus. Dahinter waren dicke Schneeflocken zu erkennen, die langsam vom Himmel herunter trudelten. Sie trat ans Fenster und schaute hinaus. Eine steile Straße. Autos standen halb auf dem Bürgersteig und halb auf der verschneiten Fahrbahn.
"Wir wissen, dass - Sie - nur ihm vertraut!", rief er.
Von oben winkten ihr ein Mann und ein kleiner Junge zu, während sie in dicken Wintersachen eingepackt einen großen Schlitten bestiegen. Sie lachten, als sie Fahrt aufnahmen.
'Mama, schau mal!', rief der Kleine, als sie an ihrem Fenster vorbeischossen und mit einer ungeheuren Geschwindigkeit die steile Straße hinunter sausten.
Ruhige Atmung, versteinerte Lippen. Das Lied versiegt, der Moment verblasst, als sie die Augen wieder öffnete. Der Mann lächelte. Dann glitt etwas über den Tisch.
"Wollen Sie nicht ihren Sohn wiedersehen?", fragte er und in seiner Stimme lag eine wohlige Wärme.
Ihr Blick senkte sich. Ein Photo. Ein Junge vor seinem neunten Geburtstag. Schwarze Haare, lockig, zerzaust. Ein trüber Ausdruck auf dem Gesicht. Das einzige, was aus der blauen Uniform herausschaute.
"Das ist doch Ihr Sohn. Oder etwa nich-?"
Sie stand abrupt auf und spuckte auf das Bild mit dem väterlichen Kopf. Wacklige Beine.
Zufriedenheit zog sich durch ihr Gesicht, als Sie den Weg des Speichels quer über den Schnurrbart verfolgte.
"Verstehe." Er nickte und das Lächeln verschwand, als er nach dem Telefonhörer griff. "Sie brauchen noch Zeit zum Nachdenken."
Sie verharrte. Schloss die Augen.
Sie wusste, was kam.

***

Ein Gerippe aus Ästen zerschnitt das Antlitz des wolkenverhangenen Himmels.
Drückender Winter am Grund des Waldes. Kein Wind, kein Luftzug. Die Kälte hatte den Nachmittag fest im Griff, als die ersten zarten Schneeflocken herunter trudelten und sich wie eine Schicht aus weißem Puder über Äste, Laub und Gras legte. Kreuz und quer.
Bis zwei Augenlider an einem der Baumstämme aufschlugen.
Ein gimmiger Blick folgte, dann wischte sich eine Hand den Winter aus dem Gesicht.
Leises Geraschel. Ein Arm reckte sich gebieterisch in die Höhe. Dann öffnete sich ein weiteres Augenpaar im Schatten des Nachbarbaumes.

Sie waren zu zweit.
Verschwommene Gestalten, die sich mit ihren gekrümmten Körpern leise durch den erfrorenen Wald bewegten. Übergeworfene zerschlissene graue Decken aus leichtem Stoff, darunter eine
Splittertarnuniform. Braune, olive und beige Flecken in den unterschiedlichsten Größen und einer kleinen schwarz-rot-goldenen Flaggen auf den Oberärmeln. Und eine Mündungsspitze, die gierig unter den Decken hervor lugte.
Ihre Blicke streiften wachsam durch die kahlen Baumkronen, an den Stämmen hinab bis auf den Boden, während sie langsam weitermarschierten. Vorsichtig. Schritt für Schritt. Manchmal abhockend, manchmal lauernd. Wartend - als sich der gebieterische Arm wieder hob und langsam nach vorn zeigte.
Nicht weit entfernt. Das Geräusch knackender Zweige.
Die erhobene Hand kreiste flach über dem getarnten Kopf, und schloss sich schließlich zu einer Faust zusammen. Neben ihr bewegte sich der Gefährte und glitt vorwärts.
Fremdes Geraschel, das sich keuchend näherte. Dann tauchte eine andere Gestalt auf. Mit einem Körper um seine Schulter geschwungen. Umherschwingende Arme und Beine. Leblos.
Mütze, Jacken und Hosen im gleichen Splittertarnmuster. An den Oberärmeln aufgenähte kleine schwarz-rot-goldene Streifen.
Eine Maske verhing das Gesicht des Tragenden, ein Arm hielt Bein und Arm des Leblosen fest, während sich die andere Hand mit der Pistole suchend umschaute.
Die Schulterstütze, die seinen Hinterkopf traf, sah er nicht.

Sie fesselten die beiden Fremden und schleppten sie durch den Wald. Irgendwann legten sie die Beiden kurz hin und der Anführer hockte sich ab. Auf dem Boden des zugewachsenen Pfades verlief in Knöchelhöhe ein unscheinbarer Draht, noch gespannt. Friedlich schlang er sich an einem benachbarten Baum empor und mündete in einer kleinen schwarz angemalte Konservendose, aus der der Kopf einer Handgranate hervorschaute.
Der unter der zerschlissenen Decke verborgene Kopf nickte zufrieden, dann erhob sich der Anführer wieder und sie marschierten vorsichtig am gefährlichen Pfad vorbei. Nach einigen Metern hockten sie sich wieder ab. Der Anführer fuhr mit dem Lederhandschuh über das Gras, fand eine metallische Kante und drückte schließlich eine massive Platte zur Seite. Darunter gähnte sie ein schwarzes Loch an.

Sie schleppten die Beiden mit unterdrückten Flüchen auf den Lippen unter die Erde und schoben die Platte wieder zurück in ihre Ausgangsposition.
Eine Taschenlampe wurde angeknipst und rotes Licht warf seinen blutigen Schein auf die Wände links und rechts.
Ein unterirdisches Stellungssystem. Hoch genug, um aufrecht stehen zu können. Das Erdreich wurde durch Wellblech zurückgehalten, im Boden alte feucht gewordene Holzbohlen.
Der Lichtkegel wanderte umher. Weiter vorn verlor sich der Gang in der Dunkelheit, rechts ging ein Stollen ab.
"Los", flüsterte der Anführer und zeigte auf den abzweigenden Gang. Zusammen schleiften sie die beiden Fremden hinter sich her, bis sich der Gang tiefer und breiter wurde. Ein schmaler matter Lichtkegel strömte von oben herab. An den Seiten Schlafsäcke auf dem Boden. Daneben ordentlich zwei Rucksäcke mit darauf abgelegten Stahlhelmen.
Sie schleiften die Beiden in die Mitte, unter den Lichtkegel. Die zerschlissenen Decken wurden abgeworfen, zusammengefaltet und ordentlich auf die Stahlhelme gelegt. Zwei Gesichter mit weiblichen Gesichtszügen tauchten im Zwielicht auf, die sich fragend anschauten.
Die Anführerin zog die Lederhandschuhe aus und tastete die Fremden vorsichtig ab. Leere Beintaschen, nichts im Inneren der Jacken. Nur
Erkennungsmarken an den Hälsen. Geburtsdatum und der Anfangsbuchstabe des Nachnamens - beides ein K. Sowie eine vierstellige Nummer. Mehr nicht.
Misstrauisches Murren, dann griff die Anführerin nach der Maske desjenigen, der den anderen getragen hatte, und zog sie ihm vom Kopf.
Erschrockenheit breitete sich aus.
Ein Finger wurde befeuchtet und rieb im fremden Gesicht.
Doch der Kopf blieb schwarz.

***

Die letzten Reste des Tages am Horizont vergingen. Eine müde Wintersonne, die noch einmal kurz durch die dichten Wolken blinzelte, bevor sie verschwand.
Drei Automobile. Alle im gleichen olivfarbenen Ton. Die Kühlrippen so groß, wie die Schilder von Rittern - darüber ein geflügeltes W in mattem Silber. Geschwungene Kotflügel, die wie erstarrte Schiffswellen wirkten. Auf den Türen ein weißes taktisches Zeichen. Ein Kasten mit einem Kreuz, darüber drei senkrechte Striche, daneben die Zahl 9.
Über den Wagendächern breitete sich allmählich die Nacht aus, während sie ungeduldig über die schmale Landstraße rasten. Vorbei an endlosen Kolonnen von Lastkraftwagen, die nur mühsam vorwärts kamen. Ebenfalls oliv, und auch mit dem weißen Zeichen an den Seiten. Hinten auf den vollbesetzten Ladeflächen schauten erschöpfte Köpfe unter den Planen heraus. Gesichter von Kindern und Frauen. Stumpf und ausgebrannt.
Überall nur noch Scheinwerfer, die sich mit ihren Lichtkegeln durch die Nacht bohrten. Vorbei an den Kolonnen und dem heißen Dampf aus den Auspuffrohren. Dazwischen vereinzelte Gespanne, Pferde mit zotteligen Mähnen und Menschen, die ihre Karren selbst zogen. Mütter hatten sich ihre kleinen Sprösslinge um den Oberkörper festgebunden und schoben Kinderwagen mit den letzten Habseligkeiten vor sich her. Am Straßenrand kauerten Alte und Gebrechliche und starrten stumm vor sich hin. Manche lehnten mit dem Rücken an den Stämmen der kahlen Bäume. Schon seit Stunden. Leblos. Die Worte der Sanitäter hörten sie nicht mehr. Bahren kamen zu spät.
Die ersten schwermütigen Schneeflocken tauchten auf der Windschutzscheibe auf - und wurden von den Wischblättern achtlos weggefegt.

Als sie den vordersten LKW der Kolonnen überholten, stoppten die drei Wagen. Aus dem mittleren Fahrzeug sprang ein Mann in Tarnuniform. Gesplitterte ockerfarbene Töne, durchsetzt mit waldgrünen Punkten, eingebettet auf dunkelbraunem Grund. Auf dem Kopf ein grünes Barett mit einem goldenen Eichenlaub an der Seite. Um die Hüfte schwang sich eine schwarze Koppel mit einem ledernen Pistolenholster. Breite Schultern mit einem bulligen Gesicht und einem zu allem entschlossenen Blick, der jeden traf, der sich ihm bis auf wenige Meter näherte. Zielstrebig marschierte er zur Fahrertür des Lastkraftwagens und riss sie auf.
Ein schmutziges gelbes Licht entsprang unter der Decke des Fahrerhäuschens. Ein junger Gefreiter hinter dem großen Lenkrad. Blasses Gesicht. Gerötete Augen. Verwundert schaute er hinunter.
"Herr Oberleutnant?", fragte er.
Der bullige Offizier hielt ihm eine zusammengefaltete Karte hin. Manche Landstraßen, Wege und Pfade waren rot oder blau angemalt.
"Weiter vorn sind die Straßen verstopft", rief er und tippte auf die blaue Linie. "Nehmen Sie die südliche Route. Das Ausweichziel ist S'-Gravenhage."
"Und Sie?"
"Wir kommen nach."
"Südliche Route, S'-Gravenhage", wiederholte der Fahrer und nickte. "Jawohl."
"Viel Glück!" Der Offizier warf die Tür wieder zu, wandte sich um und lief zum Wagen zurück.

Eine Frau Ende vierzig. Schwarze Haare, kurz geschnitten. Ihr Körper verbarg sich unter einer Splittertarnhose, die ihr ein Stück weit zu groß war, und einem ärmellosen Unterhemd. Verhärtete Miene, blasses Gesicht. Die Lippen schmerzhaft verzogen, als ihre Finger den durchbluteten Verband an ihrer Schulter berührten.
Die Tür wurde aufgerissen und der bullige Offizier sprang hinein.
"Weiterfahren!", rief er dem Fahrer zu und wandte sich an die Dame gegenüber. "Sie sehen blass aus, Frau Reichspräsident."
Sie nickte tapfer.
"Das wird schon wieder."
Er schaute sie skeptisch an und flog mit den Augen besorgt über ihren Körper, wobei er den fehlenden Büstenhalten geflissentlich ignorierte. Die einst sanften Gesichtszüge waren verhärtet, die Lippen nur noch schmale Striche.
Auf dem Verband drückte sich wieder Rot hindurch, als Sie nach den Uniformstücken neben sich griff.
"Alles in Ordnung, Hansen", sagte Sie und zog sich weiter an. Erst den oliven Pullover, dann die Tarnjacke. "Die Menschen dort draußen sind schlimmer dran."
"Das Regiment kümmert sich um die Flüchtlinge." Er beugte sich ein Stück vor. "Und ich kümmere mich um Sie."
"Das erste Mal als Leitender - oder?"
"In der Tat", sagte er. "Wieso fragen Sie? Vermissen Sie Ihre langjährigen Schatten?"
Sie seufzte.
"Die Beiden haben mich schon so lange auf Schritt und Tritt begleitet", antwortete sie. "Nie sind sie von meiner Seite gewichen."
"Ich-werde-auch-nicht-von-Ihrer-Seite-weichen."
Sie hob entschuldigend die Hände.
"Verzeihen Sie mir."
Flüchtiges Schweigen, dann nickte der Oberleutnant.
"Letztendlich ist es egal,", brummte er, "ob das legendäre K.-&-K.-Gespann hier ist - oder meine Wenigkeit. Schließlich haben wir alle dieselbe Ausbildung durchlaufen."
"Ich weiß." Sie zog an der Jacke. "Etwas zu groß, finden Sie nicht?"
"Besser zu groß und anonym, als passend und erkennbar." Ein kurzlebiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. "Seien Sie froh, dass Sie keine von mir haben."
Sie ließ die Hände kraftlos in den Schoß fallen und schluckte schwer.
"Ich fühle mich, als wäre die Zeit wie ein Zug über mich hinweggerollt."
"Sie wurden angeschossen." Sein Blick wurde kälter als der Schnee. "Und beim nächsten Mal hören Sie besser auf ihren Schutzengel, ansonsten ..." Er tippte sich mit dem Finger an die Stirn. "... haben Sie Durchzug im Kopf."
"Es tut mir leid", sagte Sie und seufzte. "Aber ich kann nicht einfach tatenlos herumstehen."
"Sie sind zu wichtig."
Sie funkelte ihn müde an.
"Ich als Mensch - oder als Staatsoberhaupt?"
"Beides."
Sie schüttelte den Kopf.
"Wo soll das alles nur enden, Hansen?"
"Wenn alles nach Plan läuft, in S'-Gravenhage."

***

Beigefarbene Wände. Die massiven Steine in den Mauern waren noch gut zu erkennen. Manchmal verliefen Risse quer über die Oberfläche, gekreuzt von Lichtstrahlen, die durch die mosaikbesetzten Fenster in den Raum fielen.
Das Zimmer war groß, an den Seiten Bücherregale, in der Mitte ein ausladender Tisch auf einem dicken Teppich, der die Schritte verschluckte. Überall verteilt Kisten, halb geöffnet. Bücher und Akten schauten heraus, manchmal eine Truhe mit Kleidungsstücken. Eine schwarz-rot-goldene Flagge lag zusammengefaltet auf einem der gepolsterten Sessel.
Die Tür flog ächzend auf und ein Mann eilte hinein. Fester Schritt. Die weißen Haare hatten sich in den letzten Jahren verschämt auf die hintere Hälfte des Kopfes zurückgezogen. Ein schmaler Oberlippenbart. Zusammengepresste Lippen. Ein Ausdruck von Unmut hatte sich in seinem Gesicht verfangen. Den Mantel über seinen Arm warf er über den Garderobenständer, den Hut hängte er an den Haken daneben.
"... und ich wiederhole mich nur ungerne!", rief er dem Mann in seinem Windschatten zu, während er den Schreibtisch umrundete und sich auf der anderen Seite aufbaute. "Meine Antwort ist: Nein!"
"Aber Herr Severing!", meinte der andere Mann und blieb kopfschüttelnd vor dem Tisch stehen. "Sie verbieten uns zu kämpfen?"
Der Minister schlug mit der Faust auf den Tisch und der Telefonhörer rutschte von der Gabel.
Für Sie immer noch 'Herr Minister'!", knurrte er. "Und wenn sie wirklich kämpfen wollen, dann nur in regulärer Uniform und unter dem Oberbefehl der Reichswehr."
"Nur Partisanen können andere Partisanen effektiv bekämpfen", meinte Stichert. "Wir können die Rotfrontkämpferbesiegen, die in unserem Hinterland ihr Unwesen treiben."
Der Minister schüttelte den Kopf.
"Sie werden verbrannte Erde hinterlassen", zischte er. "Ihnen geht es nur darum, sich zu beweisen."
"Wir bieten ihnen ein Bündnis an, Herr Minister. Und wir stellen uns ganz in den Dienst der ..., des Landes."
"Und dann?" Der Minister funkelte Stichert wütend an. "Danach kommen sie wieder aus ihren Löchern und trachten danach, sich als alleinige Helden aufzuspielen."
Stille zwischen den beiden, als sich die Tür wieder öffnete. Ein junger Mann in einer Splittertarnuniform schaute herein.
"Herr Minister? Die Lagebesprechung ...". rief er, wurde aber vom Weißhaarigen unterbrochen.
"Ich komme sofort."
Stichert beugte sich vor.
"Das Reich ist am Ende. Sie brauchen jede Hilfe, die Sie kriegen können - Sie haben keine Wahl!"
"Ich habe die NSFP damals nicht grundlos verboten", knurrte er. "Soll ich ihnen jetzt den Ritterschlag geben?" Er schnaufte. "So weit kommt es noch!"
"Das wird Herrn Heinrich nicht gefallen."
"Grüßen Sie ihn nicht von mir." Der Minister zeigte auf die Tür. "Und jetzt raus mit Ihnen!"
II. Akt

Ein langer Klassenraum. Verblichene Farben am Mauerwerk. Fenster mit schweren dunklen Vorhängen, die die Gitter außerhalb nicht ganz verbargen. Auf Hüfthöhe ein kaltes helles Grün. Darüber Weiß, das sich im Grau verlor. Von der Decke hing eine alte Glühbirne in ihrer Fassung. Kaputt und tot. An der Wand das Bild eines Mannes mit hochgezwirbeltem Schnurrbart und väterlichem Blick. Daneben ein langes Wandplakat mit dem Spruch:

Wir danken dem großen
Stalin für unsere glückliche Jugend!

Alte verschlissene Schultische, das Holz abgerieben und verkratzt. Drei Reihen, an denen Kinder in einheitlicher Uniform saßen. Kurzgeschorene Haare. Blaue Hosen und Jacken, um den Bauch herum eine schwarze Koppel mit rotem Stern.
Weiter vorn die alte Tafel, das Lehrerpult, die hagere Gestalt des Lehrers. Eine braune Uniform, eine Mütze mit einem grünen Band unter dem Schirm. Braune Haare, mit einem leichten Ansatz von Grau. Er stand auf, griff nach der Kreide und schrieb in kantigen Buchstaben 'Gott' an die Tafel.
"Gott?", murmelte eines der Kinder in der letzten Reihe hinter vorgehaltener Hand. Blondes Haar, blaue Augen, die apathisch durch die Rücken der anderen Kinder vor ihm starrten.
"Georg!", zischte der Junge rechts neben ihm und knuffte ihn in die Seite. "Sei still!"
Links neben ihm ein Mädchen. Verängstigter Blick, die Hände unruhig auf dem Schoß unter dem Tisch versteckt, als der Lehrer sich mit strengem Blick umdrehte.
Ein unehrliches Lächeln huschte über sein Gesicht.
"Kinder des sowjetischen Volkes ...", rief er. "... wer von euch glaubt an den lieben Gott?"
Verwirrung auf den Gesichtern, dann hoben sich einige Hände.
Der Lehrer zählte die Ärmchen und schüttelte den Kopf.
"Mehr als die Hälfte", meinte er. "Nun gut."
Er trat vor die erste Tischreihe und stemmte die Arme in die Hüften.
"Ich will euch mal zeigen, was der liebe Gott kann", sagte er und schaute dabei jedes Kind der Reihe nach scharf an. "Macht die Augen zu und tut so, als ob ihr beten würdet."
Die Finger verhakten sich ineinander. Andächtig gefaltete Hände, die Augen verschlossen.
"Und sagt nun: Lieber Gott, schenke mir doch ein Bonbon."
Die Jungen und Mädchen murmelten leise vor sich hin.
"Lauter! Gott kann euch nicht hören!"
"Lieber-Gott, schenke-mir-doch-ein-Bonbon!", "Bitte lieber Gott, nur ein Bonbon!", "Oh Gott, bitte ein Bonbon!"
"Das reicht!"
Stille senkte sich von der Decke herab und erstickte die Stimmen. Erstarrte Mienen, manche noch zur Decke gerichtet. Auf den Lippen unausgesprochene Wünsche, die nichts mit Süßigkeiten zu tun hatten.
"So." Der Lehrer grinste und klatschte in die Hände. "Und nun macht die Augen wieder auf. Seht ihr irgendwo Bonbons?"
Irritierte Blicke auf die leeren Tische. Hochgezogene Augenbrauen, einige Fragezeichen schlichen sich durch Gestirne.
"Da könnt ihr sehen, wieviel der liebe Gott wirklich kann ...", lachte der Lehrer, während er zu seinem Pult zurückging. "Aber nun wollen wir es einmal anders ausprobieren. Macht wieder die Augen zu. Die Hände braucht ihr diesmal nicht zu falten, legt sie einfach auf den Schoß."
Er wartete, bis sich alle Lider gesenkt hatten, zog vorsichtig eine Schublade auf und griff hinein.
"Und nun sagt: Liebes Väterchen Stalin ..." Langsam wanderte er durch die Reihen. "... schenke uns doch einen Bonbon!"
"Liebes-Väterchen-Stalin, schenke-uns-doch-ein-Bonbon."
Manche Kinder zitterten in der blauen Uniform, während der Lehrer leise etwas auf die Tische legte.
"Diesmal braucht ihr es nur einmal zu sagen."
Vor jedem Gesicht ein Bonbon.
Als er wieder am Pult stand, drehte er sich um und klatschte wieder in die Hände.
"Macht die Augen auf!", sagte er und zeigte auf die Süßigkeiten vor ihren Nasen. "Seht ihr? Jeder hat vor sich einen großen Bonbon, den ihr gleich essen dürft."
"Ein billiger Trick", murmelte Georg.
"Hör endl-"
Der Nachbarjunge erstarrte. Der Blick des Lehrers wanderte über die Köpfe, die Augen zuckten, als er die beiden Jungen abwechselnd anvisierte.
"Glaubt ihr immer noch an Gott?", donnerte die Frage über die verängstigten Köpfe hinweg.
Georg nahm das Bonbon und musterte es akribisch.
"An Gott?", rief er nach vorn und nickte zum Wandbild. "Ich soll doch an den Mann da glauben - oder nicht?"
Der Lehrer stieß sich vom Pult ab, näherte sich langsam der letzten Reihe.
"Magst Du keine Süßigkeiten?", fragte er, während sich die Augen zu Schlitzen verengten. "Oder magst Du Väterchen Stalin nicht?"
Näherkommende Schritte. Dann stand er vor Georg, der seine ganze Aufmerksamkeit dem runden Objekt in seiner Hand widmete.
Eine Faust schlug auf den Tisch.
"Antworte!", knurrte der Lehrer.
Stille. Dann schaute Georg auf. Ausdrucksloses Gesicht, in das sich Müdigkeit eingeschlichen hatte.
"Ich stelle mir gerade vor, dass dies hier eine Kugel wäre."
"Eine Kugel."
"Ja - eine Kugel aus der Waffe meines Herrn Vaters." Georg schaute zum Lehrer und deute auf dessen Kopf. Zeigefinger und Daumen sahen wie eine Pistole aus. Seine Lippen formten einen lautlosen Schuss. "Glaubt ihr dann auch noch an den Mann da?"
Der Nachbarjunge erschrak und riss Georg das Bonbon aus der Hand.
"Sehen Sie ...", sagte er zum Lehrer und schluckte es hinunter. "Das Bonbon ist weg."
Stille.
Der Kopf des Lehrers erbleichte erst, dann wurde er krebsrot, während er abwechselnd die beiden Jungen anfunkelte.
"Ihr braucht wohl beide etwas Zeit zum Nachdenken ..."

***

Funkelnder Schein. Vier Gestalten kauerten im alten Grabensystem und starrten sich an. Zwei Frauen auf der einen Seite, zwei Männer auf der anderen.
Ein langes Schweigen, nachdem der weiße Mann wieder zu sich gekommen war. Zwischen ihren Fußspitzen im Boden ein kleines Loch, aus dem ein spärlicher Feuerschein zu sehen war. Darin eine Brennstofftablette und ein kleines Kochgestell mit einem olivfarbener Esspott, aus dem wohlriechender Duft hochstieg.
Die zarten Flämmchen einiger Hindenburglichter loderten langsam vor sich hin, warfen tanzende Schatten auf die Gesichter, die dreckigen Uniformen, die lehmigen Wände.
Eine der Frauen saß etwas abseits und schärfte nebenbei ein langes Jagdmesser, zerlegte ihr Gewehr und reinigte mit einer Bürste das Patronenlager. Ihr kurzgeschorener Kopf wandte sich schließlich desinteressiert von den beiden Männern ab, während die Anführerin weiterhin die beiden Männer von oben bis unten musterte.
Ihre langen schwarzen Haare waren zu Zöpfen zusammengebunden, die sich unter dem Kragen verloren. Augen braun wie die Erde, die Pupillen weit geöffnet. Unter all dem Dreck konnte man die Reste von Sommersonnensprossen erkennen.
Es blieb lange Zeit still, nur das Brennstofftablett knackte leise. Über ihnen heulte der Wind hinweg, fauchte ab und zu durch ein kleines Luftloch in der Decke irgendwo hinein und brachte die Kälte des Winters mit.
Schließlich griff sie nach einem Löffel, rührte vorsichtig und leise im Esspott die Linsensuppe um, während sie die beiden Männer nicht aus dem Blick ließ. Der dunkelhäutige mit den dichten schwarzen Kurzhaarlocken. Das Gesicht durch Wind und Wetter gezeichnet, gegerbt wie Leder. Schweigsam, die Augen verschlossen. Ein schmaler Bart rankte von seinen Ohren zum Kinn hinab und wand sich um die Lippen. Die Hände zum Gebet gefaltet, auf dem Bauch abgelegt. Die restliche Ausrüstung lag neben ihm und dem weißen Mann.
Der Oberkörper entblößt, ein Verband wand sich um seine linke Schulter. Prüfend drückte er mit zusammengepressten Lippen drauf, doch keine dunkelroten Flecken erschienen.
"Wenn wir uns weiter anschweigen, sitzen wir morgen noch hier", flüsterte sie, als er nach seinem Feldhemd griff und sich anzog.
"Also." Sie hielt ihm auffordernd den Esspott hin. "Wer sind Sie?"
"Danke", sagte der weiße Mann und griff mit dem anderen Arm nach dem Henkel. "Major Krieger. Und Sie?"
"Oberfeldarzt Jäger." Ihr Kopf nickte zum Dunkelhäutigen. "Und er?"
"Hauptmann Koper."
"Ein Deutscher?"
Der Major schaute vom Esspott zwischen seinen Beinen auf, als der Hauptmann neben ihm die Augen öffnete.
"Namibischer Verbindungsoffizier", sagte Koper.
Stille, nur die Reinigungsbürste im Hintergrund war zu hören.
"Sie können von Glück reden, dass sie noch leben", sagte Jäger. "Hier in der Gegend soll einer der besten russischen Scharfschützen herumlaufen."
Der Major führte den Löffel mit der heißen Suppe wieder zum Mund, während sie verwundert den Kopf schüttelte.
"Also, was um Himmelswillen machen sie hier?"
"Lecker."
"Was?"
"Sie sind Arzt?", fragte der Major. "Welche Fachrichtung?"
Sie zog eine Augenbraue fragend nach oben.
"Zahnarzt - wieso?"
"Der Schulterverband sitzt gut."
"Es ist ein glatter Durchschuss", meinte Sie und winkte ab. "Könnte sogar ein Veterinär anlegen."
"Danke."
Schweigen. Dann beugte sie sich vor.
"Nochmal: Was machen Sie hier?"
"Ich esse."
"Das meinte ich nicht." Ihre Augenbrauen senkten sich ein Stück nach unten. "Eigentlich gibt es deutsche Soldaten hier nur noch in den Lagern."
"Lager?"
Sie nickte.
"Durchgangslager. Die meisten werden in den Osten abtransportiert."
Der Major schüttelte den Kopf.
"Nein - wir sind aus keinem Lager." Die Hand führte wieder den Löffel zum Mund. Einige Linsen fielen zu Boden. "Wir waren zu fünft."
Sie lehnte sich wieder zurück und nickte auffordernd, doch er kratzte leise den letzten Rest aus dem Pott und reichte ihn wieder zurück.
"Abgeschossen", meinte er nur und wischte sich mit dem Ärmel über die Lippen. "Kennen Sie sich in Königsberg aus?"
"Königsberg?"
"Ja."
Sie griff nach einem neuen Brennstofftablett, zündete es an und legte es auf das Kochgestell im Boden.
"Sie meinen sicherlich Kaliningrad, oder?"
"Macht das einen Unterschied?"
Sie schaute ihn mit funkelnden Augen an.
"Stationiert waren wir im Krankenhaus der Barmherzigkeit in Königsberg." Sie griff nach einer weiteren Konservendose, schnitt sie leise auf und schüttete den Inhalt vorsichtig in den Esspott. "Geflohen sind wir aus den Trümmern von Kaliningrad - noch Fragen?"
Stille, dann räusperte sich der Hauptmann.
"Und Sie?", fragte er und musterte die andere Frau, die das Bodenstück mit der Schulterstütze in das Gewehr einrasten ließ.
"Feldwebel Jelena Wolkowa", sagte sie und drückte die Verriegelungsbolzen in die vorgesehenen Bohrungen. "Notfallchirurgie."
"Notfallchirurgie?", fragte der Major, schaute erstaunt auf das Gewehr und dann fragend zur Ärztin.
"Hier draußen lernt man mehr, als einem lieb ist." Sie griff hinter ihren Rücken und zog ein Kampfmesser hervor. "Wollen Sie wissen, wieviele Stiche ein Mensch aushalten kann, ohne das er ..." Sie ließ den Satz unvollendet.
Erneutes Schweigen, schließlich schmunzelte der Major.
"Was ist daran so lustig?", fragte sie.
"Nichts - abgesehen von der Tatsache, dass sie uns helfen werden."
"Wir?" Sie hob fragend eine Augenbraue. "Wobei?"
"Hier." Er griff in die Innentasche seiner Tarnjacke und holte ein Foto hervor. "Es geht um diesen Mann", sagte er und reichte ihr das Bild. Darauf ein Mann mit einer Celluloid-Brille, schätzungsweise um die dreißig. Schlank, hohe Stirn, schwarze mittellange Haare.
"Wer ist das?"
"Er heißt Zuse. Konrad Zuse."
"Nie gehört von ihm." Sie zuckte mit den Schultern und reichte dem Major das Bild zurück. "Was ist so besonderes an ihm?"
"Geheimsache."
"Und wie sollen wir ihnen helfen?"
Er griff in seine Beintasche, zog ein Messer hervor und klappte es auf.
"Er wurde aus Berlin hierher deportiert", sagte er und zeichnete ein großes D in den feuchten Boden. "In die Kronprinz-Kaserne am östlichen Stadtr-"
Jelena Wolkowa erschien plötzlich neben dem Major und riss ihm das Messer aus der Hand.
"Wir gehen nicht wieder in die Stadt zurück!", zischte sie. "Ist das klar und deutlich?"
Verblüfftes Schweigen. Dann pulsierte die Halsschlagader des Majors.
"Wie reden Sie mit mir, Feldwebel!"
"Wir. Gehen. Nicht. Wieder. Zurück!"
"Das ist ein Befehl, Feldwebel." Er funkelte sie zornig an. "Be-fehl. Das dürften sie doch noch kennen, oder?"
"Wir werden von hier verschwinden", zischte sie. "Den Mann können sie von mir aus auch alleine retten." Jelena Wolkowa schaute sich hilfesuchend zur Ärztin um. "Du hast gesagt, wir verschwinden. Weg von hier. Nie wieder zurück."
"Ganz ruhig ..."
"Ich sage ihnen, wann und wohin sie gehen!", fauchte der Major. "Was haben sie für ein Problem, Feldwebel?"
"Ich habe kein Problem, Freundchen!"
"Haben wir zusammen im Sandkasten gesessen, Feldwebel?", zischte er. "Ich glaube nicht!
Der dunkelhäutige Hauptmann räusperte sich.
"Ober sticht unter", sagte er und tippte mit der anderen Hand auf seine Schulterklappe. "Der Oberfeldarzt entscheidet."
"Sie ist nur ein Arzt, Joseph!"
"Im Range eines Oberstleutnants."
"Ich gebe hier die Befehle", knurrte der Major. "Und wir werden unseren Auftrag ausführen." Sein Gesicht wurde rot vor Zorn. "Um jeden Preis. Habe ich mich klar ausgedrückt, Herr Hauptmann?"
Schweigend fuhr der kalte Wind von oben durch den Gang. Die Hindenburglichter flackerten. Die Schatten schienen davon zu laufen, während die Ärztin erst ihre Kameradin musterte, dann die zwei Offiziere. Schließlich blieb ihr Blick am Major hängen.
"Wen wollen Sie eigentlich retten?", fragte sie ihn.

***

Der Schneefall wurde stärker, die Wischblätter schneller und die holprige Landstraße ruhiger. Ein Ortseingangsschild mit der Aufschrift 'Doorn' geriet in die Lichtkegel der Scheinwerfer und flog an den Scheiben vorbei. Dahinter alte leblose Straßen, verschlossene Fensterläden und Laternen, in deren gelben Schein verirrte Schneeflocken gen Boden trudelten.
Nach einigen Kurven und einer langgezogenen Straße bogen die drei Wagen schließlich links ab. Ein Haus mit rotem Backstein und einer gewölbten Durchfahrt erschien. Dunkle Fenster, nur der Weg auf das dahinter liegende Gelände war beleuchtet. Gestalten standen neben dem eisenbeschlagenen Tor und winkten die Fahrzeuge hektisch durch. Der Weg führte noch einige Meter geradeaus, bevor er sich in zwei Pfade aufteilte, die einen Kreis beschrieben und in der Ferne wieder aufeinander trafen. Durch die kahlen Bäumen waren die hell erleuchteten Fenster eines großen Hauses zu erkennen. Auf einer abgeholzten Lichtung links vom Weg tauchte ein kleines Taubenhäuschen aus der Nacht auf, das aussah wie ein versunkener Turm, während die Autos über dem knirschenden Untergrund rasten und schließlich vor dem Haus hielten.
Türen wurden aufgestoßen. Kurze leise Befehle, während die Finger des Oberleutnants auf markante Punkte zeigten. Nachbargebäude, Einfahrt, und ein Punkt hinter dem großen Haus.
Die Soldaten aus den anderen beiden Fahrzeugen nickten nur, zogen ihre Pistolen und liefen los. Kein Geräusch war zu hören, leise wie der Wind stoben sie auseinander und verloren sich in der Nacht.

Die Reichspräsidentin und der Oberleutnant eilten über eine kleine Brücke mit einem stillen Wassergraben, die zu einer kleinen Insel führte. Darauf ein Haus, wie ein gedrungenes U erbaut. Die Fensterläden im ersten Stock waren verschlossen, doch das Erdgeschoss hell erleuchtet.
Eine braune Doppeltür, nach oben hin abgerundet, mit eingesetzten kleinen Glasscheiben. Dahinter bewegten sich Schatten aufgeregt hin und her, während sie die steinerne Treppe zum Eingang hinauf liefen und die Haustür aufstießen.
Hastig eilten sie durch den Flur mit dem roten Teppich. Weiße Holztüren, beigefarbene Wände, an denen helle rechteckige Flecken zu sehen waren. Landschaftsbilder mit goldenem Rahmen lagen auf dem Boden neben eingepackten Statuen, Büsten und Kisten voller Bücher.
Im Wohnzimmer hingen nur noch die schweren Gardinen seitlich der hohen Fenster. Stühle standen auf Tischen, auf der Couch lagen hingeworfene Hosen und Jacken, in der Ecke neben dem Kamin ein Stoß Zeitungen.
Eine ältere Frau kam ihnen aufgeregt aus dem angrenzenden Zimmer entgegen.
"Bent u klaar, Hettie?", fragte die Reichspräsidentin. "Wij hebben niet veel tijd!"
Die Frau schüttelte den Kopf.
"Het is niet erg goed, Viktoria", flüsterte Hettie. "Ik denk dat hij niet zal overleven de nacht."
Die Präsidentin fasste die alte Dame an den Schultern.
"We moeten opschieten. Wij vragen alleen het uiterste minimum van", sagte sie. "We zullen gaan verzorgen van mijn vader."
"Was sagt Sie?", fragte der Oberleutnant, doch die Präsidentin packte seinen Arm und zog ihn mit sich.
"Kommen Sie mit."

Sie hechteten die Treppen hinauf und liefen ins Schlafgemach.
Ein großes Zimmer. Durch die Spalten der verschlossenen Fensterläden kroch die Kälte herein und breitete sich erbarmungslos aus. In der Ecke eine silberne Badewanne, ein kleiner Verschlag für die Verrichtungen der Notdurft, auf der anderen Seite offene Kleiderschränke und hölzerne Kisten, aus denen hastig verstaute alte Uniformen hervorlugten. Auf dem Boden ein ausufernder Perserteppich, auf dem die vordersten Beine eines breiten Bettes standen.
"Vater!", rief sie und eilte zum Rand des Bettes. Unter dicken Decken vergraben schaute ein altes Gesicht mit weißen Haaren heraus. Rotgehustete Wangen, geschlossene Augen, schweißnasse Stirn. Daneben eine Schüssel mit kaltem Wasser und einem Lappen, während sich der Oberleutnant umschaute.
"Für den ganzen Kram haben wir keinen Platz", meinte er und trat neben ihr ans Bett. "Kann er gehen?"
"Ich weiß es nicht", sagte sie und beugte sich an das Ohr ihres Vaters. "Mon pere?"
Ein Husten, ein Röcheln. Eine Hand bewegte sich unter der Decke und griff nach ihrem Arm.
"Vik-to-ria?", hustete der alte Mann und öffnete zaghaft seine geröteten Augen. "Seid-Ihr-es?"
"Oui, mon pere", sagte sie. "Kannst Du gehen?"
"Ich gehe nirgendwo hin."
"Dafür haben wir keine Zeit", brummte der Oberleutnant neben ihr. "Zur Not trage ich ihn über den Kanal." Er beugte sich über den alten Mann und wollte ihn aus dem Bett hieven, als die Präsidentin ihn davon abhielt.
"Das ist meine Aufgabe", flüsterte sie. "Geben Sie mir zehn Minuten."
"Sie haben fünf."
Er drehte sich um und verließ das Zimmer.

Oberleutnant Hansen eilte die Treppe hinab. Die alte Dame namens Hettie und zwei weitere Diener stapelten Koffer und Kisten im Wohnzimmer.
"Ich schicke gleich zwei Männer zum Tragen", sagte er und tat mit den Armen, als würde er etwas schweres hochheben. "In Ordnung?"
"Bedankt", stöhnte Hettie und verschwand im Nebenzimmer, während er kopfschüttelnd vor die Haustür trat.
Blicke nach rechts und links. Im Dunkel nur kaum erkennbar. Seine Männer hinter Bäumen, beim zweiten Gebäude, hinter den Autos. Er hob seine rechte Hand in die Höhe. Kurz darauf erhoben sich die rechten Arme der anderen Soldaten. Im Kopf zählte er seine Männer und nickte schließlich zufrieden. Der Oberleutnant formte seine Hand zu einem Kelch und ließ sie neben seinem Barett kreisen.
Einer seiner Untergebenen löste sich aus dem Schatten der kahlen Bäume und lief zu ihm.
Die kleinen Schneeflocken wurden dichter und fielen immer schneller zu Boden. Er legte den Kopf in den Nacken und schaute in den sternenlosen Himmel. Neben dem Wispern des Windes in den Ästen der Bäume konnte er ein weiteres Geräusch hören. Er kniff die Augen zusammen und legte die Hände so an die Ohren, dass sie wie ein Trichter wirkten.
"Ruhe!", zischte er, als der Soldat schließlich vor ihm stand.
Unterschwellig, gleichbleibend, näherkommend. Das Geräusch schwoll an, wurde aber nicht lauter als der Wind. Dunkle Schatten, nur schwer erkennbar, flogen durch den Himmel.
Und verloren kleine schwarze Punkte.

***

Ein anderer beigefarbener Raum. Schmal geschnitten. In der Mitte drängten sich Menschen in Uniform und Zivil um einen ausladenden Tisch. Links und rechts Verbindungstüren zu den Nebenzimmern, aus denen hektische Stimmen zu hören waren. Ein Soldat mit einem Kopftelephon rannte in das Zimmer und reichte einem Mann in einer Marineuniform einen Zettel. Sein Gesicht drückte Besorgnis aus - auf den Wangen die Nachmittagssonne, die ihren Schein überall verteilte. An der Wand eine riesige Karte von Europa. Daneben Flaggen mit den Farben Blau, Weiß und Rot.
Die Tür flog auf und ein Mann mit weißem Haar schoss in den Raum.
"Was ist denn hier los?", donnerte der Minister und schaute sich fragend um. "Haben wir den Krieg schon gewonnen?"
Die Anwesenden drehten sich um und erschraken. Einige nuschelten eine Entschuldigung und quetschten sich an Severin vorbei zur Tür. Eine Handvoll stand weiter um den riesigen Tisch mit einer Landkarte Mitteleuropas in der Mitte und warteten.
Der Minister schüttelte den Kopf und hielt zwei Finger in die Höhe.
"Die Herren Rheinhardt und Schmidt", rief er. "Der Rest verschwindet wieder!"

Als die Tür sich schloss, standen nur noch zwei Männer dem Minister gegenüber.
Ein Hüne in dunkler Marineuniform mit goldenen Ringen am Unterärmel. Neben ihm ein kleinerer
Mann in einer hellgrauen Heeresuniform.
"Also meine Herren", sagte der Minister. "Fürs Protokoll: Mein Name ist Carl Severing. Und so wie es aussieht, bin ich vorerst das einzige Mitglied der Reichsregierung, das es hierhin geschafft hat." Er griff in seine Weste und zog eine Taschenuhr heraus. "Ich übernehme hiermit bis auf Weiteres um Punkt 18 Uhr 50 den Oberbefehl über alle Verbände der Reichswehr."
Die beiden Soldaten schwiegen, während der Minister seine Uhr wieder in die Tasche steckte.
"Um es vorab zu sagen: ich habe erstens keine Ahnung, wer von ihnen wer ist. Und zweitens ist mir die aktuelle Lage unbekannt."
Der Mann in der Marineuniform presste die Lippen zusammen.
"Kapitän zur See Günther Rheinhardt", brummte er. "Kommandant Kreuzer 'Emden', zur Zeit in Lorient in der Werft."
Der Minister kniff die Augen zusammen und überlegte.
"Sie hatten Flüchtlinge aus Königsberg an Bord, nicht wahr?", fragte er.
"Ja."
"Wieviele mussten Sie zurücklassen?"
"Viele", antwortete der Kapitän. "Viel zu viele."
Der Minister wandte sich an den Heeresmann.
"Und Sie?"
"Major Konrad Schmidt, Amt Abwehr."
"Dann hätten wir das ja geklärt", sagte Severing und trat vor den großen Tisch mit der Landkarte Mitteleuropas. Die Staatsnamen Ungarn, Polen, Tschechoslowakei, Österreich und Rumänien waren bereits fein säuberlich durchgestrichen worden. Darunter stand handschriftlich das Wort 'Besetzt'.
"Wie schlimm sieht es aus?", fragte er und stützte sich mit beiden Armen an der Kante ab, während er aufmerksam auf die Karte schaute. "Und könnte mich jemand freundlicherweise einweisen?"
Der Kapitän rollte mit den Augen und nickte schließlich ergeben.
"Die roten Linien stellen die Staatsgrenzen dar. Die schwarze durchgehende Linie dagegen die Front Anfang der Woche. Und die gestrichelte Front den Verlauf von gestern Abend."
Der Minister nickte.
"Gut. Weiter."
Major Schmidt trat vor und zeigte auf die Zinnfiguren, die vor und hinter den Linien standen.
"Leider mussten wir uns hier mit dem begnügen, was wir finden konnten", sagte er. "Der größte Teil des Reichs ist besetzt, die Front konnte erst wieder vor dem Rhein stabilisiert werden. Der Feind hat die belgische Grenze nahe Aachen erreicht und dadurch die nördlichen Einheiten von den südlichen getrennt."
"Das sehe ich, Herr Schmidt." Er atmete tief ein. "Frage Nummer Eins: Wo ist die Reichspräsidentin?"
"Sie koordiniert die Evakuierung der flüchtenden Zivilbevölkerung durch niederländisches Gebiet."
"Frage Nummer Zwei: Was haben sie geplant?"
Der Kapitän nahm einen Zeigestock und tippte auf die Westgrenze zu den Niederlanden.
"Die nördlichen Truppen können auf der Linie Osnabrück-Münster die Front nicht mehr lange halten, daher hatten wir keine Zeit die Bevölkerung hierhin zu evakuieren." Der Admiral deutete auf die Kanalküste. "Wenn alles nach Plan verläuft, können die Flüchtlinge nach Großbritannien übersetzen. Der Sprecher des Premierministers hat bereits zugesagt, entsprechenden Transportraum zur Verfügung zu stellen."
Der Minister nickte.
"Belgien?", fragte er. "Luxemburg?"
Die beiden Offiziere schüttelten den Kopf.
"Die beiden Länder haben offiziell die Aufnahme von Flüchtlingen abgelehnt."
"Die Vereinigten Staaten - was ist mit denen?"
"Der amerikanische Botschafter ist zur Zeit nicht zu sprechen", meinte Schmidt. "Unbestätigten Gerüchten zufolge, eskalieren die Spannungen zwischen den USA und Japan."
"Immer noch wegen dem Ölembargo?"
"Ja."
Der Minister seufzte und starrte auf die Zinnfiguren nahe Münster.
"Nun gut. Die Truppen sollen sich nach Süden durchschlagen. Die Rettung der Zivilbevölkerung dort hat nun absolute Priorität", brummte er.
Der Major hob erstaunt die Augenbrauen.
"Herr Minister", sagte er und hob beschwörend die Hände. "Lassen Sie die Truppen nach Westen nachrücken. Wenn die Niederlande das nächste Angriffsziel sind, dann sitzen unsere Leute in der sprichwörtlichen Mausefalle!"
"Das Leben Vieler ist wichtiger, als das Leben weniger - oder eines Einzelnen", zischte Severing. "Und jetzt: Frage Nummer drei - Wie sieht es bei den südlichen Truppen aus?"
"Bei allem ...", begann der Major, doch der grauhaarige Mann unterbrach ihn.
"Was haben Sie nicht verstanden, Herr Schmidt?", knurrte er. "Das ich Minister bin, oder das ich hier die Befehle gebe?"
Der Kapitän klopfte dem rot werdenden Major auf die Schulter und schob sich an ihm vorbei.
"Gleiches Bild", sagte er und deutete auf die kleinen bunten Zinnfiguren, die in Baden und Württemberg herum standen. "Im nördlichen Abschnitt sind die Truppen auf linksrheinisches Gebiet ausgewichen, im südlicheren wird die Linie Karlsruhe-Freiburg-Stuttgart gehalten. Munitionsvorräte erschöpft, die Evakuierung der Zivilbevölkerung über den Rhein schreitet aber rasch voran. Die Lager im Elsaß und in Lothringen sind bereits überfüllt. Zur Zeit werden alte französische Kasernen zur Aufnahme hergerichtet."
"Sonst noch was?", fragte der Minister und sein kalter Blick traf die beiden Offiziere nacheinander.
Dann meldete sich Major Schmidt zu Wort.
"Zur Zeit läuft noch eine Operation und Federführung der Abwehr", sagte er. "Evakuierung wichtiger Persönlichkeiten, die für den Kriegsverlauf entscheidend sind."
"Abbrechen", brummte der Minister, während hinter ihm die Tür geöffnet wurde. "Den Kriegsverlauf kann sowieso niemand mehr ändern."
Ein Soldat im grauen Dienstanzug, am Oberärmel nur ein schräger Balken, der ihn als Gefreiten auswies. Nervös und unschlüssig blieb er im Türrahmen stehen.
"Aber die meisten Zielpersonen konnten bereits durch Spezialkräfte evakuiert werden", sagte Schmidt. "Nur haben wir den Kontakt zu einer der Gruppen verloren."
"Ich sagte doch schon: Abbrechen!"
Kapitän Rheinhardt schaute auf, sah den Gefreiten und hob fragend eine Augenbraue - zur Antwort nickte der Soldat zum Minister, der sich ebenfalls fragend umdrehte.
"Ich wollte nicht gestört werden!", donnerte er. "Ich hoffe, es ist wichtig!"
Der Gefreite senkte den Blick.
"Der General ist eingetroffen."
III. Akt

Eine unheimliche Dunkelheit. Flackerndes Zwielicht unter der Decke. Die Wände rissig und grau, unterbrochen von massiven Holztüren. Eisenbeschlagen. Verschlossen.
Ein eintöniger langer Korridor. Stille, nur ihre Schritte auf dem alten Steinboden waren zu hören, als der Kellergang in einen breiteren Raum mündete. In der Mitte eine Art Pfeiler. Links und rechts Türen im frischen Mauerwerk.
Die beiden Jungen sprachen kein Wort, als sie auf die weiße Farbe schauten - und auf den blutigen Abdruck einer Hand neben einer der Türen.
Aus einem der angrenzenden Gänge näherten sich ihnen weitere Gestalten. Zwei Männer in braunen Uniformen mit einem Mann in einer schmutzigen Häftlingsuniform. Zerzaustes schwarzes Haar, hohe Stirn. Gekrümmter Oberkörper, ein Bein zog er beim Gehen nach. Leere Augen hinter der schwarzen Celluloid-Brille, als er an den Jungen vorbeischlurfte.
"Dawaj!", rief Jemand hinter ihren Rücken und schubste sie zu einer offenen Tür. "Tam chisto!"
Eine kleine schmale Zelle, in der ein hölzernes Bett mit einer alten Pferdedecke stand. In der Ecke ein Eimer mit einem Deckel drauf. Über dem Bett ein kleines vergittertes Fenster.
Dunkelheit breitete sich aus, als der Soldat die knirschende Tür zuwarf und verriegelte.

Eine Ewigkeit später. Licht drang nur unter der Türkante zu ihnen herein, doch ihre Augen hatten sich an die zwielichtige Finsternis gewöhnt.
Der Junge mit den blonden Haaren und den blauen Augen saß auf dem harten Bett, der andere kauerte in der Ecke. Der Eimer stand weit weg neben der Tür - nachdem sie den Deckel angehoben hatten, weil es so komisch roch.
"Mein Vater wird mich hier rausholen", sagte Georg irgendwann. "Dich auch, Hendrik."
"Du hättest still sein sollen."
"Er wird uns rausholen, wirst' sehen."
"Du wirst wieder in der einen Zelle landen, wenn Du so weiter machst."
"Rausholen, und die da alle in ein schwarzes Loch werfen."
"Georg ..."
"Werfen und lebendig verscharren."
Stille. Dann drehte Georg seinen Kopf zu Hendrik.
"Was ist mit Deinem Vater?", fragte er. "Ist er auch in der Partei?"
"Partei?"
"Die Nationalsozialistische Freiheitspartei."
"Nein."
"Es wie eine große Familie."
Schweigen. Nur der Atem antwortete hörbar.
"Hendrik?"
Schritte auf dem Gang draußen, die sich näherten und wieder entfernten.
"Hast doch eine Familie, oder?" Georgs Stimme war leise und neutral. "Jeder hat eine."
"Ja."
"Wo kommst Du her?"
"Meerane", flüsterte Hendrik. "Liegt in Sachsen."
"Und wie ist es da so?"
Ein schweres Schlucken, dann wischte sich der Junge in der Ecke hastig über die Augen.
"Du weinst?"
"Nein." Hendriks Kopf versank in den Ärmeln seiner Uniform. "Schon in Ordnung."
"Gut", meinte Georg irgendwann. "Weinen ist Schwäche."
Stille.
"Wir haben ein Haus an der Steilen Wand", flüsterte Hendrik. "Im Winter sind Papa und ich immer mit dem Schlitten runtergefahren, aber Mama wollte das nie, weil der Schwung zu groß war."
Georg nickte.
"Im letzten Winter hat mich mein Vater zum ersten Mal zu einer Parteiversammlung mitgenommen", sagte er, und in seiner Stimme schwang Stolz mit. "Und er ist sogar Schriftsteller."
"Schriftsteller?"
Georg nickte.
"Ja, er hat ein Buch geschrieben: 'Sein Kampf'. Vater hat mir jeden Abend da raus vorgelesen."
Hendrik seufzte.
"Mein Papa war nur an Wochenenden Zuhause", flüsterte er und rutschte mit den Sohlen seiner Schuhe über den Steinboden. "Meistens hat mir Mama vorgelesen. Aber wenn Papa da war, hat er uns meistens immer etwas mitgebracht. Und gesungen haben wir auch."
"Gesungen?", fragte Georg. "Was denn?"
Hendrik lächelte.
"Ein Lied, pass auf, das geht so", sagte er und räusperte sich theatralisch. "Und gäb' es nur eine Krone, wohlan ich schenkte sie ..."
"Das kenn' ich!", rief Georg und stimmte in den Gesang mit ein.
"... der Tapferkeit zum Lohne ...", hallte es durch die Zelle. "... der deutschen Infan'trie!"

***

Durch die kahlen Baumkronen blinkten die Sterne am nächtlichen Firmament, während sich vier Gestalten vorsichtig durch den Wald bewegten. Hintereinander, Schritt für Schritt. Der Vordermann ging langsam voran. Die Augen suchten akribisch nach verräterischen Drähten in Knöchelhöhe, während sich die Stiefelspitzen behutsam über den Boden bewegten. Die zwei hinter ihm zielten mit ihren Gewehren zuerst nach oben in die Baumkronen, bevor die Mündungen mit dem Blick einem unsichtbaren Z folgend wieder nach unten wanderten. Der letzte Mann schaute sich dabei mehrmals nach hinten um. Ab und zu hielt er sich die Hände an die Ohren und lauschte, bevor er sich wieder umdrehte und Schritt hielt.

Irgendwann wanderten die Bäume auseinander und der Winterwald lichtete sich. Ein breiter Waldweg tauchte quer vor ihnen auf, als sich aus der Ferne ein dröhnendes Motorengeräusch näherte. Der Vordermann hob die linke Hand und ballte sie kurz zur Faust. Die anderen verharrten. Seine Hand streckte erst den Daumen nach oben, dann kam der Zeigefinger dazu. Anschließend tippte er an seinen Kopf, dann zeigte er nach links.
Die zwei Gefährten hinter ihm wandten sich in die befohlene Richtung.
Die rechte Hand mit der Pistole zeigte erst nach vorn, dann zeigte der Arm in den Nachthimmel und fuhr zweimal senkrecht hoch und runter. Der letzte Mann brummte leise. Dann eilten sie still und stumm nach rechts und verharrten am Wegesrand im Schatten der verschneiten Bäume.

Zwei Lichtkegel bohrten sich durch die Nacht. Lautes Motorengeräusch. Ein LKW fuhr über den holprigen Weg durch den Wald. Auf der Plane über der Ladefläche ein roter fünfzackiger Stern.
Zwei Soldaten im Fahrerhäuschen. Ausgelassene Gesichter, die Mützen lagen achtlos an der Windschutzscheibe, als im Gesicht des Fahrers das Lachen versiegte. Die Augen zusammengekniffen starrte er auf den Weg, als die beiden Scheinwerfer plötzlich eine Gestalt beleuchteten, die mit erhobenen Armen mitten auf dem Weg stand.
Er trat ruckartig auf die Bremse und der Beifahrer flog fast gegen die Scheibe, als der LKW mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam.
Kurze Sätze, hochgezogene Augenbrauen, Schulterzucken des Beifahrers, dann griffen sie nach ihren Gewehren und stiegen aus.
Im Licht der Scheinwerfer stand die Gestalt immer noch mit erhobenen Armen, während aus der Motorhaube heißer Dampf durch die Kühlrippen in die kalte Nacht entwich.
Die beiden Soldaten traten einen Schritt vor, die Mündung ihrer Gewehre auf die Gestalt zielend - doch bevor ein fragendes Wort ertönen konnte, hallten zwei Schüsse durch die Nacht.
Mit einem kleinen Loch auf der Stirn sackte der Beifahrer zu Boden, als die fremde Gestalt blitzschnell hinter ihren Rücken griff. Noch bevor der Fahrer reagieren konnte, schoss ein Kampfmesser durch die kalte Luft und bohrte sich in seinen Schädel.

Zwei weitere Gestalten tauchten hinter dem LKW auf und rannten zur verschlossenen Luke der überplanten Ladefläche. Jeweils einer nach Links und Rechts. Handschuhe ergriffen die Verriegelungen, ein Blick, ein Nicken - ein Ruck und die Ladeluke klappte polternd auf.
Stille. Vorsichtig hoben sie ihre Pistolen mit den Schalldämpfern und zielten in das dunkle Innere.
"Los, raus da", rief einer der Beiden.
Zuerst geschah nichts, dann rutschte eine Maschinenpistole über den Ladeboden und fiel über die Kante hinaus. Ein Soldat erschien und sprang von der Ladefläche.
"Auf den Boden!", zischte einer der beiden Gestalten und wollte nach ihm greifen. Doch die Hände des Soldaten schossen plötzlich vor, schlugen seinem Gegenüber die Pistole aus der Hand, packten den Kragen und zogen den Oberkörper herunter, während er ihm gleichzeitig das Knie in den Bauch rammte. Mehrmals, bis sein Gegenüber zu Boden sackte. Dann drehte er sich zur zweiten Gestalt um, doch bevor er reagieren konnte, schoss bereits eine Faust auf ihn zu und fegte die Nacht aus seinem Kopf. Einige Meter flog der Soldat über den erfrorenen Waldweg, dann blieb er regungslos liegen.
"Scheiße", rief die erste Gestalt am Boden. "Erst der Arm und jetzt das."
"Wie oft muss ich Dich eigentlich noch retten?", zischte die zweite.
"Setz' es doch auf die Liste!"
Die zweite Gestalt reichte der ersten die Hand.
"Die ist schon voll", sagte er und half ihm hoch.
Nur wenige Minuten später lagen zwei tote Soldaten in einer kleinen Mulde am Wegesrand unter kalten Zweigen und Ästen verborgen - und der LKW fuhr weiter.

Im Fahrerhäuschen saß Feldwebel Jelena Wolkowa am Steuer, während der Major neben ihr die Uniform eines der beiden toten Soldaten anzog. Er hielt die Luft an, als seine Finger die Jacke zuknöpften.
"Eng?", fragte der Feldwebel, doch er schnaufte nur.
"Sie wissen, wie Sie fahren müssen?"
Sie tippte sich an die Schläfe und nickte.
"Gut", sagte er, öffnete die Klappe vor seinen Beinen und durchwühlte das Ablagefach. Eine halbvolle Flasche, er drehte den Verschluss auf und roch vorsichtig, dann verzog er das Gesicht, öffnete das Fenster und warf die Flasche in die Nacht hinaus.
"Widerlich", murmelte er, griff wieder hinein und wühlte sich verbissen durch verklebte Blätter. Schließlich beugte er sich zur Fahrerin.
"Können Sie das lesen, Feldwebel?", fragte der Major und hielt ihr ein Blatt mit einer Überschrift in großen roten Buchstaben hin.
Sie schaute nur kurz hin, bevor sie ihren Blick wieder auf den Weg vor ihnen richtete.
"Da steht, dass ein feindliches Flugzeug abgeschossen wurde", sagte sie. "Es wurden zwei Fallschirme beobachtet."
"Und?"
Sie zuckte mit den Achseln.
"Sie sind unbedingt lebend gefangen zu nehmen", antwortete sie. "Und der GPU zu übergeben."
Der Major grinste und reichte ihr die anderen Zettel, die sie ebenfalls nur überflog.
"Ladelisten, Diensteinteilungen, Technische Merkblätter", meinte sie. "Was suchen Sie denn?"
"Eine Karte." Er warf die Blätter wieder zurück ins Ablagefach. "Nur eine verdammte Karte ..."
Er schlug verärgert gegen die Tür, dann griff er ächzend durch die beiden Jacken und holte eine Taschenuhr hervor. Der große Zeiger stand nahe der Elf, der kleine kurz dahinter.
"Wir haben nicht viel Zeit", meinte er und steckte die Uhr wieder ein.
Sie nickte nur, während er schweigend aus dem Fenster schaute. Die rechte Hand hielt die gesicherte Pistole mit dem Schalldämpfer fest umschlossen. Dann seufzte er.
"Kronprinzkaserne - Sie kennen den Weg?"
"Wie meine Westentasche."

Nach einiger Zeit fuhr der LKW vom Waldweg auf eine breitere Straße, gesäumt von Laternen am Rand. Einige flackerten nur noch, andere warfen ein gelbes Licht durch die Nacht und beleuchteten die ramponierte Fahrbahn. An einigen Stellen Einschusslöcher der Artillerie, notdürftig mit Geröll und Schutt gestopft. Neben den Laternen zur Seite geschobene Autowracks, ausgebrannte Panzer, deren Ketten zerfetzt von den Laufrollen hingen. Das Eiserne Kreuz am Turm verblasst, manchmal siegestrunken mit einem roten Stern übermalt. Alte und neue Telegraphenmasten, mit Drähten verbunden. Und ein angeschossenes Ortseingangsschild, auf dem 'Königsberg' durchgestrichen worden war. Müde hing es an den letzten Schrauben nach unten.
Der Lastwagen wurde langsamer, als eine alte Panzersperre aus spitzen Betonpfeilern auftauchte. Dahinter eine Baracke mit einem Schlagbaum, links und rechts zerteilten Stacheldrahtrollen die Fahrbahn. Überall Schilder mit kyrillischer Schriftzeichen, darunter in deutsch die Übersetzung:
'Halt! Ausweiskontrolle! Militärischer Sperrbezirk!'
"Willkommen in Kaliningrad", brummte sie, als der Lastwagen sich langsam dem Schlagbaum näherte und ein Soldat aus der Baracke trat. Er hielt sich die Hand vor die Augen, als das Scheinwerferlicht ihn traf, dann hellte sich sein Gesicht auf und er hob winkend die Schranke an.

"Ne budet schastja, esle neschastje ne pomoglo by", murmelte die Feldwebel und tippte zum Gruß an die Schläfe, als sie den Soldaten am Schlagbaum passierten.
"Was haben Sie gesagt?", fragte der Major.
"Es gäbe kein Glück, hätte das Unglück nicht geholfen."
Schweigend lenkte sie den Lastwagen durch die engen Wege zwischen den Stacheldrahtrollen.
"Gut gesagt", meinte der Major, während er angestrengt hinausstarrte. Keine weiteren Soldaten, keine weiteren Schlagbäume. "Wir werden es brauchen."
"Bevor Sie fragen: Ich bin hier aufgewachsen", sagte sie. "Meine Eltern wurden in den Zwanzigern vertrieben, als ich noch ein kleines Kind w-"
Der Major hob eine Hand und unterbrach sie.
"Sie sind Soldat der Reichswehr", sagte er. "Das genügt mir."
Sie hob eine Augenbraue.
"So einfach?"
Er nickte.
"So einfach - ja."

Nach einiger Zeit bog der LKW auf eine breite Straße nach Norden. Auf einem verwitterten Straßenschild konnte man das Wort 'Hansaring' entziffern. Weit und breit keine Menschenseele zu sehen, nur flackernde Laternen und abgebrannte Häuserreihen auf der Seite zur Stadt hin. Gähnende Leere hinter zerstörten Fenstern. Manche Dächer waren nicht mehr vorhanden. Nur noch Betonskelette, die ihre Überreste in den verhangenen Himmel reckten.
Auf der anderen Straßenseite tauchte ein langes Gebäude auf. Massiv wie eine Festung, dessen Enden sich in der Nacht verloren. Der LKW fuhr nach links am Gebäude entlang und hielt vor einer gewölbten Durchfahrt mit einem Stahltor.
Zwei Soldaten tauchte abseits aus einer Tür auf. Braune adrett gebügelte Uniform, eine schwarze Koppel, auf dem Köpfen Schirmmützen mit grünem Band. Geblendet vom Scheinwerferlicht kniffen sie die Augen zusammen und näherten sich den beiden Fahrzeugtüren.
Sie kurbelte mit der linken Hand das Fenster herunter. Die rechte hielt eine Pistole und drückte den Lauf unterhalb des Fensters gegen die Tür.
"Bumagi", sagte der Soldat und sein Gesicht drückte Kompromisslosigkeit aus.
"Nikakih bumagi", sagte sie und reichte ihm das Blatt mit den gesuchten Flüchtigen. "My naschli jego v lesu."
Der Soldat starrte erst auf das Blatt, dann ins Gesicht der Fahrerin. Schließlich nickte er dem anderen Soldaten zu.
"Na kuzowe!"
Der andere griff er nach seiner Maschinenpistole, näherte sich der Ladeluke und entriegelte sie. Polternd fiel sie herunter, als er mit einer Taschenlampe hinein leuchtete.
Eine leblose Person auf dem Boden, daneben eine weitere Person mit dunkler Gesichtsfarbe. Beide in deutscher Splittertarnuniform. Beide bewacht von einer weiteren Gestalt in zerschlissener brauner Uniform, die dem Wachsoldaten zunickte.
"Vsjo v porjadke!", rief er nach vorn und schloss wieder die Ladeluke.

***

Der Flur des Stockwerks schien endlos zu sein. An den Seiten geöffnete Türen, dahinter aufgeregte Stimmen, emsiges Tippen auf Schreibmaschinen, hastige Stiefelschritte. Ab und zu liefen Soldaten in den unterschiedlichsten Uniformen über den Flur. Dunkle Marineuniform, hellblaue Anzüge der Luftwaffe oder die Splittertarnjacken und -hosen des Heeres. Übermüdete Augen in blassen Gesichtern, teilweise unrasiert. In den Händen Papiere, Meldungen, Photos. Auf den Häuptern Kopftelephone, deren Anschlüsse an der Seite herunter baumelten.
"Unfassbar", knurrte der Minister, der mit schnellen Schritten über den Flur eilte. "Wo sind Zucht und Ordnung nur hin?"
Der Kapitän neben ihm schüttelte den Kopf.
"Lassen sie die Kameraden ihre Arbeit verrichten", sagte er und rollte mit den Augen. "Sobald der Krieg beendet ist, können sie die preußischen Tugenden gerne in ihr Parteiprogramm aufnehmen."
"Was geht Sie das an?", knurrte der Minister. "Sie sind nur ein Primat der Politik."
Der Kapitän presste die bebenden Lippen zusammen und schwieg, während sie die Treppen herunter liefen.

Im ersten Stock war es ruhiger. Die Türen waren verschlossen, die Hektik des ersten Stocks nur gedämpft zu hören, im Gegensatz zu ihren Schuhen, die klackernd über die Fliesen schritten. Vorbei gläsernen Schaukästen, in denen mittelalterliche Rüstungen und Waffen zu sehen waren. An den Wänden aufgemalte Gemälde französischer Schlachten aus dem Mittelalter, flankiert von einst große Feldherrn in ihren Siegerposen.
Auf der Hälfte des Ganges blieben sie vor einer Tür stehen. Der Kapitän klopfte, hielt dem Minister die Tür auf und sie traten ein.

Ein ebenfalls beigefarbenes Zimmer. Ein ausufernder Schreibtisch in dunklem Holz, auf dem zwei kleine französische Miniaturflaggen neben einem Telephon standen. Davor standen zwei karge Holzstühle, die weniger einladend wirkten, wie der schwarze Ledersessel hinter dem Tisch. Am offenen Fenster stand ein Mann in einem dicken Mantel und einem zylinderförmigen Käppi auf dem Kopf. Er schaute schweigend in den kleinen Innenhof hinaus, während der kalte Hauch des Winters herein strömte. Erst als die beiden Neuankömmlinge die Tür wieder schlossen, drehte er sich um. Ein längliches Gesicht jenseits der Fünfzig, gerade spitze Nase und ein nach unten wachsender Schnurrbart.
"Ah, bonjours mes amis!", rief der General und deutete auf die beiden Stühle. "Bitte, nehmen sie doch Platz."
"Wir bleiben stehen", sagte der Minister, als der Kapitän bereits nach einem der beiden Stühle greifen wollte. "Nichts für Ungut."
Der General nickte freundlich.
"Bon", sagte er und lehnte seinen Gehstock an den Schreibtisch. "Mein Name ist General Henri Lacroix, Chef des Generalstabes."
"Carl Severing", sagte der Minister und zeigte auf seinen Begleiter. "Herr Rheinhardt."
Der General zog die Handschuhe aus und legte sie neben das Telephon.
"Ich bin beauftragt worden, ihnen folgendes zu übermitteln", sagte er und knöpfte sich langsam den Mantel auf. "Gestern Abend erhielt Premierminister Blum eine Note des sowjetischen Botschafters, betreffend den ..., Ausnahmezustand ..., zwischen der UdSSR und dem Deutschen Reich."
"Kriegszustand beschreibt es wohl treffender", flüsterte der Kapitän.
"Seien Sie ruhig", zischte der Minister und nickte dem General zu. "Fahren sie fort."
"Alors - um es kurz zu machen: die Sowjetunion bietet Gespräche zur Beendigung des Konfliktes an."
"Unter welchen Bedingungen?"
Der General zog den Mantel aus und warf ihn über den wuchtigen gepolsterten Sessel, dann nahm er den Hut mit den goldenen Verzierungen ringsherum ab und legte ihn demonstrativ auf den Schreibtisch.
"Nun, die Note war in dem Punkt sehr vage. Es enthielt hauptsächlich die Forderung nach einer handlungsfähigen Regierung."
"Die steht gerade vollzählig vor Ihnen", brummte der Minister.
"Darauf haben wir den Botschafter auch hingeweisen."
"Fein", murmelte der Minister und fuchtelte mit der Hand. "Was noch?"
"Die Demobilisierung der Reichswehr, die zukünftige Begrenzung auf die Truppenstärke vor den
Revisionsverträgen von 1936 ..."
"Das darf doch nicht wahr sein!", entfuhr es dem Kapitän.
"... sowie der Abschluss eines zehnjährigen Nichtangriffspaktes, die Verpflichtung zur strikten Neutralität und die Aufhebung des KPD-Verbotes."
Schweigen breitete sich im Raum aus.
"Dann machen wir den Bock zum Gärtner!", rief der Kapitän und schüttelte den Kopf.
"Ruhe, Rheinhardt!", zischte der Minister und wandte sich an den General. "Wirtschaftliche Forderungen? Demontage von Industriebetrieben? Reparationszahlungen? Gebietsabtretungen?"
"Non." Der General schüttelte den Kopf. "Und in Anbetracht eines baldigen Ende des ... Krieges, hat der Premierminister das Ersuchen des Reichskanzlers mit der Bitte um Beitritt zu unserem Militärbündnis mit dem Vereinigten Königreich abgelehnt."
"Bitte? Das können sie nicht machen." Das Gesicht des Kapitäns bebte. "Woher wollen sie wissen, dass die Roten nicht nach ganz Europa greifen?"
"Die UdSSR hat ihren Willen zu einem baldigen Ende bekräftigt, Monsieur Kapitän."
"Es gab noch nicht einmal eine Kriegserklärung!"
"Mäßigen Sie sich, Kapitän."
"Würden Sie ruhig bleiben, wenn es um Ihr Land gehen würde?"
"Im Gegensatz zu Deutschland hat Frankreich keine Panzer und Gewehre nebst Munition an Polen geliefert, als diese die Sowjetunion angriff."
"Angriff?" Der Kapitän schüttelte fassungslos den Kopf. "Ein inszenierte Überfall auf einen sowjetischen Rundfunksender ..., ist ein polnischer Angriff?"
"Das steht nicht zur Debatte, Kapitän", rief der General. "Wenn einem die friedliche Hand gereicht wird, fragt man nicht nach einer Lappalie."
"Lapp-?" Das Gesicht des Kapitäns erblasste. "Friedliche Hand?"
Der General nickte.
"Ich habe die friedliche Hand gesehen, mon general", sagte der Kapitän und trat einen Schritt vor. "In Königsberg. Ausgemergelte Gesichter, abgemagerte Körper, mehr Knochen als Fleisch ..."
"Rheinhardt - das reicht!"
"... selbst die Kinderaugen hatten ihren Glanz verloren. Stumpf und tot!"
Die Augen des Generals blitzten gefährlich.
"Bei allem Respekt", zischte er und starrte den Kapitän scharf an. "Aber dieses Bild hat sich dem französischen Volk auch ins Gehirn gebrannt - vor über zwanzig Jahren!"
"Wollen Sie etwa behaupten, wir wären genauso?", schrie der Kapitän und zeigte mit dem Finger auf die Orden und Ehrenzeichen des Generals. "Wer hat denn einen Zirkus voller Kinder in Karlsruhe bombardiert?"
"Sie vergessen sich, das ist eines Offiziers unwürdig!"
"Und es war ihre Seeblockade, die mein Land verhungern ließ - wissen sie, wieviele Greise, Frauen und Kinder das waren?"
"Sie stehen vor einem General!"
"Rheinhardt!", rief der Minister. "Ruhe bewa-"
"Sie sind ja noch nicht einmal ein - deutscher - General!"
"Was erlau-"
Der Minister schlug mit der Faust auf den Tisch.
"Ruhe-verdammtnochmal!", brüllte er. "Es-reicht-meine-Herren!"
Verblüfftes Schweigen der beiden Uniformträger, während der Hals des Ministers rot anschwoll.
"Wenn sie sich unbedingt duellieren wollen, dann machen sie das dort", schrie er und zeigte in den Hof. "Und zwar schnell - ich kann sie beide nicht mehr hören!"
Von draußen peitschte das Unwetter durch den Hof. Einige Regentropfen verloren sich in das Zimmer, während ein fernes Rauschen zu hören war, das zu einem Brummen anschwoll.
"Was erdreisten Sie sich?", rief der General.
Auf dem Flur der zweiten Etage wurden die Türen aufgeworfen. Stimmengewirr. Hektik. Geräusche von Stiefeln, die über den Flur rannten, die Treppen hinabliefen.
"Ich erdreiste mich Ihnen folgendes mitzuteilen, Herr Lacroix!", brüllte der Minister. "Ich wurde vom Volk gewählt - und Sie?" Sein Gesicht schwitzte den Zorn heraus. "Ich sage es ihnen: sie sind - beide - nur Primaten der Politik. Haben sie das verstanden? P-r-i-m-a-t-e-n!"
Die Tür wurde aufgestoßen und ein Gefreiter schaute entsetzt herein.
"Herr Minis-!", rief er, doch weiter kam er nicht. Der Boden zitterte und bebte.
"Ich habe die Faxen endgültig satt! In die Wiege gelegte Erbfeindschaften! Damit. Ist. Jetzt. Schl-!"
Das Licht verschwand.
Ein ohrenbetäubende Explosion am anderen Ende des Gebäudes.
Erschrockene Blicke. Augenbrauen fragend hochgezogen, als die Wände wackelten. Durch die Decke zog sich erst ein dicker Riss, bevor die ersten Brocken herunter stürzten.

***

Der alte Mann mit dem weißen Haar röchelte und verzog das Gesicht.
"Was macht ihr hier?", hustete er ihr entgegen.
"Ich bin hier, um Euch mitzunehmen ..."
"Ich habe Euch aus meinem Haus ausgeschlossen", zischte er. "Unwiderruflich."
"Mon père, wir müssen von hier f-."
Er hob eine Hand und unterbrach sie.
"Ich sagte doch: Ich gehe nirgendwohin."
"Vater!", rief sie und erhob sich vom Bettrand. "Sie werden kommen."
"Törichte Närrin - schaut mich an. Mein Sand rinnt unentwegt nach unten."
"Ich habe einen Eid geschworen ..."
"Auf diese unselige Republik!"
"... dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widme und Schaden von ihm abwende."
Er richtete sich ein Stück auf und schaute sie mit seinen blassen Augen an.
"Na und?", höhnte er. "Was in Gottes Namen hat das mit mir zu tun?"
Sie presste ihre bebenden Lippen zusammen und stemmte die Hände zornig in die Hüften.
"Das Leben eines Einzelnen ist genauso wertvoll", rief sie, "wie das von Vielen - selbst wenn es im Sterben liegt."
"Geht mit Gott, oder allein - aber geht endlich aus meinem Leben!"
Sie griff wütend nach den Kleidungsstücken, die auf dem Stuhl neben dem Bett lagen.
"Zieht Euch endlich an", knurrte sie und warf die Sachen auf die Decke. "Oder ich schleife Euch im Nachthemd über den Kan-."
Ein Knall unterbrach ihren Satz.
Sie schaute ihren Vater mit großen Augen an, dann packte sie ihn und zog ihn aus dem Bett zu Boden, bevor ein Schuss durch die Läden und das Fenster knallte. Holz- und Glassplitter regneten herunter, in der Wand gegenüber klaffte ein Loch.
"Vater?", flüsterte sie. "Ca va bien?"
Er hielt sich eine Hand vor den Mund und hustete nickend.
Die Eingangstür wurde aufgestoßen. Schnelle Schritte, die ins Haus liefen. Unten hallten kurze Befehle durch das Erdgeschoss. Weitere Schüsse von draußen. Die Haustür wurde wieder zugeworfen. Die Fensterläden verschlossen. Danach hörten sie, wie Kommoden und andere Möbelstücke hastig über den Teppich gezogen wurden.
Unten weiteres Gemurmel, die Soldaten verteilten sich im Erdgeschoss. Schritte liefen die Treppe hinauf. Aus dem Augenwinkel erkannte sie Hansen, der kopfschüttelnd den Lichtschalter ausknipste.
"Unten bleiben!", zischte er und hockte sich neben dem Fenster hin.
"Was ist passiert?"
"Wir haben Gäste", knurrte er, schwenkte seinen Kopf zum Fenster und spähte durch das Schussloch nach draußen. Am Rand des Vorplatzes. Das Licht der Laternen versiegt. Schemenhafte Gestalten rannten am Rand des Vorplatzes von einem Schatten zum anderen. Vor der Brücke die drei Autos. Fenster zerschossen, Einschusslöcher im Blech.
Er drehte sich wieder zu den Beiden um, presste die Lippen zusammen und überlegte.
"Gibt es noch einen anderen Ausgang?", flüsterte er.
"Non, ne pas", antwortete der alte Mann.
"Verdammt ..."

Die Fremden in ihren braunen Uniformen huschten geduckt von Baum zu Baum, die Mündungen ihrer Gewehre und Pistolen auf das dunkle Haus gerichtet. Geschwind verteilten sie sich um das Haus. Dann teilten sie sich. Die einen feuerten auf die Fenster, das andere halbe Dutzend trat aus den Schatten, rannte zu den drei Autos und warf sich dahinter. Vorsichtig sich hebende Köpfe, die Mündungen der Gewehre wanderten langsam aus der Deckung hervor und zielten auf das Haus. Stille breitete sich zwischen den Wagen, der Brücke und dem Haus aus. Die Wolken des Nachthimmels rissen auf und das Licht des Vollmondes tauchte die Brücke in ein verschlafenes Blau.
Ein Nicken des ersten Soldaten, dann griffen Nummer Zwei und Drei in ihre Beintaschen und holten Handgranaten hervor. In der rechten Hand haltend, an den Oberschenkel gepresst, mit der linken Hand den Splind erfasst.
Nummer Eins hielt alle Finger einer Hand hoch, klappte sie langsam wieder zurück. Dann zogen die Soldaten den Splind und warfen aus der Deckung die Granaten in Richtung des Hauses. Gleichzeitig schossen Eins und Vier mit ihren Gewehren auf die Fenster, während Fünf und Sechs aus der Deckung der Wagen eilten und auf die Treppe zur Eingangstür zu rannten. Zwei gezielte Schüsse, und sie brachen mit einem Kopfschuss noch auf der Brücke zusammen.

Der Oberleutnant hockte zwischen den Fenstern und schaute vorsichtig durch das Einschussloch.
Zwei Gestalten lagen leblos auf der Brücke. Mit einem kleinen Loch auf den Stirnen.
Er nickte zufrieden, drehte den Kopf über Vater und Tochter, die am Boden lagen, zur Treppe und formte mit beiden Händen einen Trichter vor dem Mund.
"Mun?", schrie er. "Stellv, Meldung! Unten zuerst!"
Von unten hörte man das Klacken von Magazinen und das Rascheln der Munitionstaschen.
"Unten. 10. Voll", rief der Stellv nach oben.
"Oben?"
Aus den angrenzenden Zimmern wurde der Bestand mit '10. Voll!' wiederholt, und Hansen nickte zufrieden zur Reichspräsidentin, die ihn fragend anstarrte.
"Jeder Schuss muss sitzen", sagte er und tippte sich an den Kopf. "Wir sind ja nicht bei den Mexikanern!" Dann formten seine Hände wieder einen Trichter vor dem Mund.
"Sperrbestand: 3", schrie er in alle Richtungen, richtete er sich halb auf und kroch geduckt zu den am Boden liegenden. "Zwölf sind abgesprungen, zwei ausgeschaltet", flüsterte er. "Zehn gegen Zehn. Autos scheinen fahrtüchtig."
"Was haben Sie vor?"
"Wir schießen uns den Weg frei." Er nickte zur Treppe. "Auf mein Zeichen rennen sie zu den Wagen, verstanden?"
Vater und Tochter nickten, dann wollte sich Hansen erheben, doch von draußen schossen wieder die feindlichen Kugeln durchs Fenster herein.

Die vier Soldaten hockten im Schutz der Fahrzeuge. Eins griff nach seiner Taschenlampe, schaltete auf Rotlicht und blinkte zweimal in Richtung der schweigenden Bäume. Grünes Licht leuchtete auf, fünfmal. Eins drehte sich zu den anderen um. Er deutete auf die Eingangstür, hielt alle Finger seiner Hand hoch und klappte wieder langsam einen nach dem anderen zurück.
Nach fünf Sekunden schossen aus den Schatten der Bäume das andere halbe Dutzend auf alle Fenster des Hauses. Dicht hintereinander knallende Gewehre, pfeifende Projektile. Durchsiebte Fensterläden im ersten Stock, klirrende Scheiben im Erdgeschoss.
Eins schrie, richtete sich auf und rannte schießend aus der Deckung auf die Brücke zu. Die anderen folgten ihm, hechteten an den leblosen Gestalten vorbei und erreichten die Treppe. Als sie die zerschossene Tür aufstießen, konzentrierte sich das Feuer der eigenen Soldaten hinter ihnen nur noch auf die Fenster im oberen Geschoss. Vorsichtig, die Mündungen der Gewehre nach links und rechts geschwenkt, traten sie ein. Dunkel, durchlöcherte Kommoden, Bilder, Statuen. Einschusslöcher an den Wänden. Und zwei leblose Körper auf dem Teppich vor ihnen.
Als das eigene Feuer aufhörte, deutete Eins auf Zwei und Drei, und dann nach rechts. Er und Vier wandten sich nach links.
In den angrenzenden Räumen. Zerschossene Fenster, leblose Körper am Boden.
Ein Knirschen auf der Treppe, dann knallte es mehrmals hintereinander im Erdgeschoss und Vier brach zusammen.
Eins wirbelte herum, schoss aus der Drehung heraus und traf einen hünenhaften Mann, der im Türrahmen stand. Stumm wurde er gegen ein Bild an der Wand geschleudert, die Pistole fiel polternd zu Boden. Doch als der Finger von Eins wieder den Abzug betätigte, kam nur ein leeres Klicken.
Der Hüne lächelte. Der unverwundete Arm beugte sich zur Pistole, doch bevor er sie erreichen konnte, schwang Eins das Gewehr wie einen Knüppel und stürzte auf den Mann zu, der dem Schlag nur knapp ausweichen konnte. Ein Tritt und die Pistole flog über den Teppich in die Dunkelheit.
Ein stummer Kampf. Der Hüne konnte die Schläge kaum abwehren, die auf ihn einprasselten. Kopf, Rücken, verwundeter Oberarm. Als Eins nah genug heran war, schlug er ihm mit der Hand des unverletzten Arms mehrmals in den Schritt. Das Gewehr fiel zu Boden, Eins klappte stöhnend zusammen. Noch bevor er reagieren konnte, schlang der Hüne seinen unverletzten Arm um den Hals des Fremden und drückte ihn gegen die Brust, bis Eins leblos zu Boden sackte.

Hansen beugte sich über den leblosen Fremden. Eine braune Uniform, wie sie bei der Roten Armee gebräuchlich war - doch am Oberärmel war ein Abzeichen mit einer erhobenen Faust aufgenäht.
"Rotfrontkämpfer!", zischte er, spuckte Blut aus seinem Mund, als er sich umdrehte und mit zittriger Hand nach der Pistole griff. Ein Klicken und das Magazin schoss aus dem Griff. Ein kopfschüttelnder Blick auf die drei messingfarbenen Patronen - dann führte er das Magazin wieder in die Waffe ein.
"Vier", murmelte er. "Nur noch vier."
Eine weitere Gestalt erschien aus dem Dunkel und lehnte sich schützend an den Türrahmen. Das Gewehr nach unten gerichtet.
"Wieviele, Stellv?", fragte der Oberleutnant.
"Vier ausgeschaltet."
"Verluste?"
"Wir sind die einzigen ..."
Hinter dem Stellv erklang wieder das Knarren der Treppe, knirschende Schritte über Glassplitter, dann tauchte die Reichspräsidentin auf, die ihren Vater stützte.
"Um Himmelswillen!", flüsterte sie, als sie das Gesicht des Oberleutnants sah, doch er winkte ab.
"Unerheblich", murmelte er, ging schwerfällig in die Hocke, kroch zum Fenster und spähte vorsichtig hinaus. Der kalte Hauch des Winters wehte herein. Am Rand der schweigenden Bäume lösten sich Gestalten aus ihren Schatten und rannten in Richtung der Autos.
"Wie sieht der Ausweichplan aus?", fragte sein Stellvertreter hinter ihm.
Hansen schüttelte schweigend den Kopf, als aus den dichten Wolken weitere dunkle Punkte auftauchten und an Fallschirmen zur Erde hinab glitten.
IV. Akt

Die Augen geschlossen, hinter ihren Lidern flackerten Bilder vergangener Tage.
Ein Mann mit kurzem schwarzen Haar und breiten Schultern. Er stand in dicken Wintersachen vor ihr, während sich ein kleiner Junge an sein Bein presste. Treuherzige Bernsteinaugen schauten sie an, während sie die Lippen zusammenpresste.
'Weißt Du eigentlich, wie gefährlich das ist?', sagte sie. 'Warum geht ihr nicht auf den Hügel hinten im Wald?'
'Da kann man nicht so viel Schwung holen, Mama', meinte der Junge.
'Ich kriege wegen euch noch einen Herzinfarkt!'
'Annemarie', schmunzelte der Mann und strich dem Jungen über den Kopf. 'Sei doch nicht so streng.'
'Ich ...', begann sie, doch der Mann und der Junge lösten sich langsam auf. Die Dunkelheit breitete sich wieder hinter ihren Lidern aus, während sie langsam in ihren Körper zurückkehrte.
Sie registrierte, dass ihre nackten Füße in etwas Flüssigem standen. Ihre Handgelenke an Armlehnen fixiert. Sie kniff mehrmals die Augen zusammen, doch der Blick blieb verschwommen.
Ein dunkler Raum. Karges Mauerwerk. Irgendwo eine flackernde Lampe mit gelbem Licht. Im Hintergrund eine geöffnete Tür. Zwei Gestalten gestikulierten. Einige Wortfetzen drangen an ihre Ohren, doch der Klang blieb verzerrt.
Sie versuchte den Kopf zu drehen - es gelang nicht ganz. Doch sie konnte erkennen, dass nicht weit von ihr entfernt ein zweiter Stuhl stand. Ein festgebundener Mann, die Augen geschlossen. Zerzaustes Haar, Schweißperlen auf der hohe Stirn, Erschlaffter Oberkörper. Auf einem silbermattem Tablett neben dem Stuhl lag eine schwarze Celluloid-Brille.
Eine kräftige Hand packte ihr Kinn und riss sie vom Anblick des anderen Gefangenen weg. Weiße Zähne in einem unehrlichen Lächeln. Ein übler Atem der Gestalt.
"Ein Jammer", hauchte ihr der üble Atem der Gestalt ins Ohr. "Wir brauchen sie nicht mehr."
Dann wurden ihre Handgelenke befreit. Andere Hände packten nach ihr, zogen sie vom Stuhl hoch, doch ihre Beine knickten einfach weg und sie fiel mit dem Gesicht voran auf den harten Boden.

Der Kopf hing nach unten, als sie wieder zu sich kam. Klirrende Kälte griff nach ihr und drang durch die zerschlissene Häftlingskleidung. Blinzelnde Augenlider, dann rauschte der weiße Untergrund des Innenhofes an ihr vorbei. Der Schnee hatte sich wie ein dickes Laken über das Kopfsteinpflaster und das Unkraut gelegt, nur durchbrochen von Stiefelabdrücken und dem gelben Schein der alten Laternen. Hinter ihr hörte sie das Motorengeräusch eines Lastwagens, der gerade die Toreinfahrt passiert hatte und sich knirschend durch den Schnee in ihre Richtung wandte.
Eisige Flocken fielen auf ihren Hinterkopf und tropften in ihren Nacken, doch sie spürte es kaum. Eine Tür wurde geöffnet und die Kälte verschwand, als sie die Treppe hinunter gezogen wurde. Sie schleiften sie durch den Keller, begleitet von enttäuschtem Brummen und Knurren. Irgendwann hielt der Boden an. Andere Gestalten standen plötzlich hinter ihren beiden Trägern. Ein kurzer Wortwechsel, dann wurde sie plötzlich fallen gelassen. Die stützenden Hände gehorchten noch weniger als die Beine und sie schlug wieder mit der Nase zuerst auf.

Eine Stimme rief ihren Namen aus der Ferne. Dann beugte sich jemand über sie und hob ihre Augenlider. Ein verschwommenes Gesicht, die Lippen bewegten sich schnell. Hände griffen nach ihrem Kopf. Ein sanfter Klaps an die Wange. Eine zweite verzerrte Stimme mit fragendem Unterton. Hände rüttelten an ihren Schultern, ein Kopf beugte sich über sie und wandte sich dann hektisch zur Seite. Leise dumpfe Worte, dann erschien eine Spritze und wanderte wieder weg.
Schließlich wurde an rechter Ärmel hochgezogen. Ein druckvoller Stich und etwas entleerte sich in ihr.
Sterne blitzten auf, tanzten zwischen ihren Augen und dem verschwommenen Gesicht. Wieder die verzerrte Stimme mit einem fragenden Unterton.
Sie blieb reglos, starrte an die Kellerdecke, die jenseits der gelben Lampen im Schatten lagen. Und das Gesicht presste die Lippen zusammen, nickte abermals zur Seite.
Noch ein Stich, ein weiteres Rütteln - nur kräftiger.
"...nne...ari...?", flüsterte das Gesicht. "K...nnst Du m...ch hören?"
Sie nickte schwerfällig mit dem Kopf. Aus der Verschwommenheit schälten sich vertraute Züge heraus. Der Kopf eines Mannes. Unrasiert, spröde Lippen - doch die funkelnden Bersteinaugen erkannte sie.
"Keine langen Erklärungen", flüsterte er. "Vertrau mir. In Ordnung?"
"Ja", hauchte sie und wollte ihre Finger nach seinem Gesicht ausstrecken, es berühren, fühlen, dass er wirklich da war - doch die Hand zuckte nur.
"Schone Deine Kräfte", flüsterte er, griff in seine Uniformjacke und holte etwas hervor. "Gesehen?"
Er hielt ihr ein Foto direkt vor die Nase.
Zerzaustes schwarzes Haar, hohe Stirn. Eine schwarze Celluloid-Brille auf der Nase.
Sie nickte schwerfällig und wollte gerade antworten, als ihr der Mann einen Finger auf den Mund legte.
"Ruhe!", flüsterte er, drehte sich zur Seite und lauschte.
Ein leiser Gesang war zu hören.
Mehrere Stimmen, die ein Lied sangen.

Für einen Moment wurde es hörbar still. Sie hörte vorsichtige Schritte, dann wanderte eine andere Gestalt durch ihr Blickfeld. Mit einer Pistole in der einen, und einer Taschenlampe in der anderen Hand. Klopfen auf Stahl, dann wurde eine Tür entriegelt und schwang knirschend auf.
Kinderstimmen drangen an ihr Ohr. Sie versuchte sich aufzurichten, wurde aber von einer Hand sanft zurück gedrückt.
"Machen Sie langsam!", flüsterte eine weibliche Stimme neben ihr. "Sie werden ihre Kräfte noch brauchen."
Sie hob die Hand, als jemand aus dem Dunkel auf sie zu schoss. Ein kleiner Junge.
"Mama!", rief er und umarmte sie so fest, dass sie kaum Luft bekam.
Hinter ihm erschien eine kurzhaarige Frau in einer Splittertarnuniform und schaute zufrieden auf die Frau herunter.
"Es gäbe kein Glück", murmelte sie, "hätte das Unglück nicht geholfen."

***

Nach einigen Sekunden standen der Major und der Hauptmann vor der Kellertür zum Innenhof, die anderen dicht dahinter. Die Ärztin und die Feldwebel stützten Annemarie. Hendrik und Georg standen noch auf den ersten Stufen der Treppe.
"Ist unser sowjetischer Freund gut untergebracht?", fragte der Major nach hinten.
"Der kommt da nicht raus", antwortete die Ärztin. "Aufwachen wird er sowieso nicht so schnell."
"Gut." Der Major nickte. "Ab jetzt passt jeder auf jeden auf. Niemand bleibt zurück - verstanden?"
Hinter ihm zustimmendes Gemurmel, als er sich umdrehte.
"Wissen alle, was sie zu tun haben?"
Nickende Köpfe.
"Fürs Protokoll", sagte er und schaute die Ärztin an. "Einverstanden?"
"Machen Sie es so."
Der Major tippte dem Hauptmann an den Arm.
"Dann los", sagte er und öffnete die Tür. "Galavorstellung."

Die Tür öffnete sich und ein Soldat in einer viel zu engen braunen Uniformen stieß mit dem Gewehr einen dunkelhäutigen Mann in Splittertarnuniform hinaus. Die Hände auf dem Rücken gefesselt, stolperte er und fiel mit den Knien voran in den Schnee.
"Dawaj!", rief der Soldat, zerrte ihn an den Handschellen wieder auf die Beine und schubste ihn nach vorn.
Die Schneeflocken wurden immer dicker und größer, während sie langsam vom Himmel hinab trudelten. Die Reifenspuren, die der Lastwagen erst kürzlich in den Schnee gedrückt hatte, und die Stiefelabdrücke waren fast wieder verschwunden. Nur die Lichtkegel der alten Laternen waren geblieben, die immer noch den Innenhof beleuchteten, der aussah, wie das Innere des Buchstabens D.
Das Stahltor der gewölbten Ausfahrt verschlossen, aus den Augenwinkeln konnte man auf dem teilweise eingestürzten Dach schemenhafte Gestalten mit umgehängten Gewehren erkennen. Hinter den Vorhängen einiger Fenster waren Licht und Bewegungen zu erkennen, bei anderen hatte sich die Dunkelheit der Nacht bereits hereingeschlichen.
Der Himmel über ihren Köpfen war wolkenverhangen und regnete seine gefrorene Fassungslosigkeit herab, während die Kälte um sie herum den Hauch des Atems sichtbar machte.
Der Soldat und der Gefangene erreichten die gegenüberliegende Tür. Bevor er den Dunkelhäutigen ins Gebäude stieß, drehte sich der Soldat für einen kurzen Moment um und bemerkte, wie sich die Tür auf der anderen Seite des Innenhofes ebenfalls öffnete. Jemand trat hinter den Lastwagen und öffnete leise die Luke und ließ sie langsam heruntergleiten.
Ein zufriedenes Brummen, dann wandte sich der Soldat in der viel zu engen braunen Uniformjacke um und betrat das Gebäude.

Endlose Flure, auf denen sich selbst die Zeit verlaufen konnte.
Ein schmutziges Grau an den Wänden, der Boden abgelaufen und unter der Decke hingen grüne und rote Lämpchen, an den Wänden verschiedenfarbige Kabel, die von einer Tür zur anderen reichten.
"Weißt, wo wir hin müssen?", flüsterte der Hauptmann. "Sieht alles gleich aus."
"Vertrau mir, Joseph", presste der Soldat zwischen den erstarrten Lippen hervor. "Heute ist unser Glückstag."
Die Arme hinter dem Rücken gefesselt wurde der Gefangene vom Soldaten durch die Gänge dirigiert. Mal nach rechts, mal nach links. Und immer ähnliche Flure. Dasselbe Grau. Die Kabel. Lampen. Sonst nichts.
Nach einigen Minuten hielten die Zwei vor einer unscheinbaren Tür an, die genauso trüb aussah, wie ihre Gegenstücke zu beiden Seiten des Flurs.
Der Soldat mit der engen Uniformjacke klopfte und öffnete.
„Rein da", rief er und schubste den dunkelhäutigen Mann unsanft nach vorn.

Ein dunkler Raum, nur marginal beleuchtet von zwei flackernden Stehlampen und ihrem gelben Licht.
Links ein leerer karger Holzstuhl, der in einer Pfütze mit Wasser stand. Daneben ein kleiner Tisch mit einem Tablett. Kleine Messer, Zangen, Spritzen. Stumpfes Silber.
Im Hintergrund ein zweiter Stuhl, vor dem zwei Gestalten standen.
Der Linke in einer braunen Uniform, adrett gebügelt. Der andere in einem weißen Arztkittel. Als sie sich fragend umdrehten, gaben sie den Blick auf einen Mann im Stuhl frei. Zerzaustes Haar, Schweißperlen auf der hohen Stirn. Erschlaffter Oberkörper, der Kopf auf die Brust gesunken, die Handgelenke mit Stricken an den Armlehnen gefesselt. Auf einem Tablett neben ihm lag eine dunkle Celluloid-Brille neben blutigen Messer, Zangen und benutzten Spritzen.
"CHego oni zdes' hot'at?", zischte der Mann in der braunen Uniform und zeigte auf den dunkelhäutigen Gefangenen, der am Boden kniete.
Anstelle einer Antwort richtete der Soldat eine Pistole mit einem Schalldämpfer auf die Beiden. Bevor die sie reagieren konnten, ertönten zwei schalllose feine Pfeifgeräusche - und sie fielen mit einem dunklen Loch auf der Stirn zu Boden.

"Beeilung!", rief der Major, als er dem Dunkelhäutigen die Handschellen abnahm.
Dann eilte er zum Mann im Stuhl, entknotete die Stricke und rüttelte an seinen Schultern.
"Kommen sie zu sich!", zischte er. "Aufwachen!"
Der Mann reagierte nicht.
"Müssen wir ihn eben tragen", meinte der Hauptmann, während er sich die Uniform des Offiziers anzog.
"Tolle Verkleidung", meinte der Major und zeigte auf dessen Gesicht. "Schon mal einen dunkelhäutigen Russen gesehen?"
Der Hauptmann zog sich die Lederhandschuhe an, klappte den Kragen hoch und zog die Mütze tief ins Gesicht.
"Besser?" Er rollte mit den Augen und hob den bewusstlosen Mann aus dem Stuhl. "Oder soll ich warten, bis eine Frau mit einem Puderdöschen vorbeischaut?"
"Schon gut, Joseph", brummte er. "Dann muss es eben so gehen."

Der Major öffnete die Tür einen Spalt weit und spähte vorsichtig um die Ecke den Gang hinunter. Niemand war zu sehen, als er dem Hauptmann ein Handzeichen gab. Dann öffnete er die Tür ganz und trat langsam mit der Pistole in den Händen aus dem dunklen Raum. Der Lauf folgte den Augen den Gang hinunter. Hinter ihm der Hauptmann, der sich den bewusstlosen Zivilisten um die Schultern gelegt hatte und mit beiden Händen festhielt.
"Beeilung!", flüsterte der Major und sie rannten den Gang hinunter, an den anderen Türen vorbei, hinter denen leise Stimmen zu hören waren. Doch niemand zeigte sich.
An der Treppe zum Erdgeschoss richtete er die Pistole zuerst nach oben, dann suchend nach unten.
"Frei", flüsterte er und stieg als erster die Treppe hinab, mit dem Rücken an der Wand. Die Mündung der Waffe zeigte abwechselnd nach oben und unten, während ihm der Hauptmann folgte. Erst am Fuß der Treppe hielt der Major die linke Hand hoch und sie verharrten. Er spähte langsam mit der Waffe voran nach links und rechts, dann nickte er wieder. Seine linke Hand zeigte auf die Tür zum Innenhof.
"Los!"
Der Hauptmann huschte an ihm vorbei, während der Major nach links und rechts sicherte - keuchte, als er die Tür langsam mit einer Hand öffnete und die heruntergelassene Ladeluke des tuckernden Lastwagens sah.
Ein Blick nach oben, zu den Seiten. Niemand konnte ihn sehen. Dann stürmte er los, warf den bewusstlosen Mann auf die Ladefläche, stieg mit einem Stiefel auf die Stiege und sprang hinterher.
Im dunklen Inneren sah er die beiden Jungen und die beiden Frauen, dann drehte er sich um, hob leise die Luke hoch und verriegelten sie von innen, während der Major ruhig aus der Tür trat, dicht am Lastwagen vorbeiging und die Beifahrertür öffnete.

"Und los", sagte er, als er die Tür schloss. "Abfahrt."
Die Ärztin nickte, löste die Handbremse und fuhr langsam über den knirschenden Schnee auf die gewölbte Ausfahrt zu.
Die beiden Wachsoldaten hielten sich die Hände an den Mund und wärmten sie mit ihrem Atem. Dann schauten sie grimmig auf und öffneten das Stahltor.
"Spokojnuyu sluzhbu!", rief sie, während die rechte Hand die Pistole an die Innenseite der Fahrertür hielt.
"Seit wann können sie russisch sprechen?", fragte der Major.
"Ich sagte doch: Man lernt so einiges", sagte sie. "Und wohin jetzt?"
Die anderen Soldaten schauten kurz auf, als der Lastwagen durch die gewölbte Ausfahrt fuhr.
Keine hektischen Bewegungen. Nur frierende Soldaten. Als sie das Wachhäuschen beinahe passiert hatten, trat ein Offizier heraus und stellte sich vor den Lastwagen.
"Stoj!", Schrie er und griff nach der Waffe in seinem Holster.
"Runter!", rief der Major, hob seine Pistole und schoss durch die Windschutzscheibe auf den Mann. Der Knall hallte im Fahrerhäuschen nach, Blutspritzer brannten sich in den jungfräulichen Schnee, während der Offizier nach hinten torkelte und sich die Hände vor den Bauch hielt. Die Soldaten links und rechts richteten ihre Gewehre auf den Lastwagen, als sie das Gaspedal durchtrat. Die Reifen drehten erst für einen Moment durch, bis sie im Schnee griffen.
"Meine Güte!", entfuhr es ihm. "Wie fahren Sie denn?"
"Wollen Sie etwa?", schrie die Ärztin, drückte die Kupplung durch und schaltete in den ersten Gang zurück. Der LKW machte einen Satz nach vorn, der Major knallte mit der verletzten Schulter gegen die Tür, als sie unkontrolliert auf den breiten Platz hinter der ehemaligen Kaserne schlingerten.
"Verdammt nochmal ..."
"Wohin?"
"Zurück auf die Straße!", fauchte der Major, rieb sich die Schulter und zeigte nach rechts. "Und dann nach Süden."
Sie presste die Lippen zusammen, während ihre Hände das Lenkrad umherwirbelten. Der Lastwagen stieß mit der rechten Seite gegen einige abgestellte Autos, schrammte an anderen LKWs vorbei und schlitterte schließlich auf die Straße.
Die Reifen griffen auf dem Asphalt.
"Jawohl Herr Major", knurrte sie und trat das Gaspedal durch. "Süden."

Die Lichtkegel der beiden Scheinwerfer zerteilten die Dunkelheit, während der Lastwagen durch die Nacht raste. Auf der breiten Straße standen Wracks an den Seiten. Rechts alte ausgebrannte Häuserzeilen, Schuppen und Werkhallen. Links säumten kahle Bäume die finstere Straße.
Der Major holte seine Taschenuhr hervor.
"Die Zeit wird knapp!", rief er.
Aus der Nacht tauchte eine Straßenkreuzung auf. Zur Linken ein kleines Gebäude. Wehrhafte Zinnen, spitze Türmchen. Es sah aus, wie die verkleinerte Ausgabe einer Festung.
"Festhalten!", rief sie, als sie zwei zerschossene Autos auf der Kreuzung bemerkte. Der Major trat die Stiefel auf die Ablage, die Hände suchten im schaukelnden Fahrerhaus nach einem Halt. Der Lastwagen flog am Gebäude vorbei und rammte die beiden Wracks, die durch die Wucht zur Seite gefegt wurden. Und der Kopf des Majors knallte gegen die Beifahrerscheibe.
"Alles klar?", fragte sie, doch er nickte nur und rieb sich die Schläfe.
Die Bäume links verschwanden. Nur noch Trümmer zu beiden Seiten. Dachlose Häuserzeilen, ausgebrannte Ruinen. Die Straße beschrieb einen abgeflachten Bogen und schien unendlich lang, immer mehr Asphalt tauchte aus der Nacht auf. Und ein zweites Festungsgebäude auf der linken Seite. Diesmal länglich, zwei Türme auf der Front zur Stadt hin.
"Königstor", sagte sie nur. An dem Gebäude schlossen sich alte Baracken an, die nahtlos ineinander übergingen. Offene Türen, zerschossenes Glas, verbrannte Hauswand, die einst kaminrot war.
Die Straße wurde schlechter, im Asphalt taten sich kleine Granattrichter auf und sie lenkte den Lastwagen halb auf den Bürgersteig, während der Major ungeduldig mit den Fingern auf der Armablage der Beifahrertür tippte. Im Spiegel sah er ferne Lichter hinter ihnen, die schnell näher kamen.
"Nicht mehr weit", rief sie, als die Straße abrupt endete und nur noch verschneiter Schotter vor ihnen lag.
Kleine Hütten rauschten an ihnen vorbei, alte Ruderboote, die schon bessere Tage gesehen hatten. Eine Miniaturausgabe eines Strandes. Verschneiter Sand, dahinter der zugefrorene Fluss.
"Da!", rief die Ärztin und zeigte nach vorn. "Der alte Pregel!"
"Wir müssen aber auf die andere Seite!", meinte er. "Wo ist die Brücke?"
"Hier gibt es keine!"
"Was?"
"Ich hoffe, das Eis trägt uns!"

Sie rasten über den Strand auf den Fluss zu. Die Reifen drehten auf der Eisdecke durch. Der Lastwagen brach zur Seite aus, fing an zu trudeln und kippte bedrohlich, während die Ärztin fluchend versuchte gegenzulenken. Als sie in der Mitte des Flusses stehenblieben, schaltete sie in den ersten Gang und gab vorsichtig Gas. Doch die Reifen drehten durch, sie bewegten sich keinen Meter vor oder zurück.
"Das wird nichts!", rief sie, als der Lastwagen mit der Front in die Richtung zeigte, aus der sie gekommen waren. Die anderen Lichter kamen schnell näher. Zornige Rufe von der anderen Uferseite waren zu hören. Motorengeheul. Irgendwo Hundegebell aus der Stadt.
Der Major nickte.
"Plan B", rief er, öffnete die Tür und sprang auf die Eisdecke. Kleine Risse bildeten sich unter dem LKW, doch er lief weiter nach hinten und schlug mehrmals gegen die Bordwände.
"Absitzen!", schrie er, entriegelte die Luke, die polternd nach unten fiel. "Los, Abmarsch!"
Ein Rucksack flog ihm entgegen, er fing ihn auf und warf ihn weiter zur Ärztin.
"Sie gehen vor", rief er und zeigte auf das gegenüberliegende Ufer. "Los!"
Die beiden Erwachsenen sprangen herunter, während die zwei Jungen Annemarie und Konrad herunter halfen. Der Hauptmann schwang sich den kraftlosen Mann um die Schulter, während die Ärztin Annemarie stützte. Als die beiden Kinder auf dem Eis landeten, bemerkte er, wie die Risse unter dem Lastwagen größer und breiter wurden.
"Wir müssen weg!" Ein Blick nach vorn. Ihre Verfolger hatten das Ufer erreicht, stoppten aber und stiegen aus ihren Fahrzeugen aus. Mit nach vorn gerichteten Gewehren liefen sie auf den zugefrorenen Fluss zu und bellten zornige Befehle.
Der Major richtete seine Pistole auf die ersten Soldaten und schoss, doch er verfehlte sie.
Dann presste er die Lippen zusammen. Von allen Seiten kamen neue Lichter aus der Nacht herangefahren. Noch mehr Lastwagen, noch mehr Soldaten, die abstiegen und aufs Eis traten.
"Geht!", rief er den beiden Jungen zu, die sich wortlos umdrehten und den anderen hinterher rannten.
Er spähte wieder vorsichtig um die Kante, wartete - dann griff er nach dem Gewehr und schoss auf die erste Reihe der Soldaten.

Die Ärztin schlingerte über das Eis, fiel der Länge nach hin und rutschte schließlich durch den Schwung zum rettenden Ufer hin. Sie rappelte sich auf, hechtete hinter ein altes Ruderboot, das auf der Seite lag. Hinter ihr schlugen Projektile in den Boden und ließen den Schnee verschreckt hoch spritzen. Hastig nahm sie den Rucksack ab, öffnete die obere Lasche und wühlte fluchend im Inneren herum, bis sie schließlich die Signalpistole und die dicken Patronen gefunden hatte. Ein Blick auf die Bezeichnungen, dann schob sie eine Patrone in den kurzen Lauf, spannte den Hahn, hielt die Pistole senkrecht in die Höhe, drehte den Kopf zur Seite und hielt sich mit der anderen Hand das naheliegende Ohr zu.

Der Major schoss die letzte Patrone, als der Hauptmann neben ihm erschien und seine Pistole ebenfalls auf die feindlichen Soldaten abfeuerte. Eispartikel flogen in die Höhe, doch die Soldaten glitten weiter.
"Alle in Sicherheit, Joseph?", fragte er und griff in die Beintasche. Einn Klick. Das alte Magazin flog heraus, das neue wanderte zielstrebig hinein. Durchladen, und die Mündung zeigte erneut auf die erste Reihe der Soldaten, die sich robbend näherten.
"Ja", rief der Hauptmann, als die Signalpistole hinter ihnen abgefeuert wurde. Drei weiße Sterne blitzten am wolkenverhangenen Himmel auf und trudelten blasser werdend zur Erde zurück.
Ein Knacken unter ihren Stiefeln ließ sie plötzlich nach unten schauen. Die Risse waren noch breiter geworden, Wasser sickerte bereits von unten nach oben.
"Wir müssen!", rief der Hauptmann und ging mit dem Rücken voran auf das Ufer zu, während er weiterfeuerte. Der Major hechtete an ihm vorbei, verlor den Halt unter den Stiefeln und flog in einem hohen Bogen aufs Eis.
"Scheiße!", rief er, wollte sich aufrappeln, als etwas Schnelles durch seine rechte Schulter raste. Er schrie, stützte sich mit der linken Hand mühevoll ab und versuchte, aufzustehen, als ein zweites Projektil seinen linken Oberarm traf. Blutspritzer sprengten das Weiß, dann erschien der Hauptmann neben ihm, packte seinen Kragen und zog ihn einfach übers Eis, während er hin und her schwenkend weiterfeuerte. Die erste Reihe der Soldaten zog die Köpfe ein und robbte weiter, bis sie den Lastwagen erreichte.

Der Hauptmann zog den verletzten Major im Schlepp ans rettende Ufer und schleifte ihn hinter eines der Ruderboote, als sich aus dem Himmel flatternde Geräusche näherte. Einem Heulen gleich schwebten über ihren Köpfen vier Schatten unter den Wolken.
Der Major legte den Kopf in den Nacken und grinste.
Dann senkten sich drei der Schatten hinter dem alten Bootshaus, während eines sich nicht von der Stelle rührte. Plötzlich bellte schweres Maschinengewehrfeuer über ihren Köpfen. Lang anhaltender Donner, dessen Projektile in das Eis einschlugen. Wasser spritzte hoch, der Lastwagen brach mit dem Fahrerhaus voran durchs Eis und riss die feindlichen Soldaten mit sich.

Als das MG des Hubschraubers über ihnen auf die Fahrzeuge am anderen Ufer schoss, sprang der Hauptmann hinter dem Ruderboot hervor und zog den Major hinter sich her. Nur wenige Meter, mehr gestolpert als gelaufen. Zwei der drei Hubschrauber hoben bereits ab, drehten sich nach Westen und flogen mit nach unten geneigter Nase davon.
Als sie den dritten erreichten, schob sich ein kleines Fenster an der gläsernen Kanzel zur Seite.
"Sie müssen zusammenrücken", rief der Pilot durchs Motorengeheul. "Einer zuviel."
Der Hauptmann nickte und schob die Luke zur Seite.
Im Inneren kauerten bereits die beiden Jungen, die verschreckt zusammen zuckten - dann halfen sie ihm den Major hinein zu ziehen. Als letztes kletterte der Hauptmann an Bord und rüttelte an der Tür, doch sie ließ sich nicht zuziehen, als der Hubschrauber abhob. Ein Windstoß drückte ihn zum Fluss und dem anderen Luftfahrzeug hin, das noch immer feuerte.
Dann ertönte ein einzelner Schuss. Splitterndes Glas und der erste Hubschrauber fing an zu drehen, sackte trudelnd um seine eigene Achse ab und krachte schließlich auf den zugefrorenen Fluss. Die beiden Rotoren zerschlugen das Eis, als er zur Seite kippte. Das Eis brach unter der gläsernen Kanzel, der Bug versank und riss den Rest mit sich in die Tiefe.

Der Pilot fluchte, fingerte mit einer Hand an den Schaltern vor und über ihm herum, während die andere den Steuerhebel zwischen seinen Beinen entschlossen festhielt. Ein Ruck und der Hubschrauber drehte sich endlich nach Westen, als ein zweiter Schuss ertönte, der den linken Tank durchschlug.
"Verdammter Scharfschütze!", brüllte der Pilot, als die Nadel der Treibstoffanzeige vor ihm langsam nach unten wanderte. "Wird eng!"
Ein dritter Schuss jagte durch die Seitenwand und der Hubschrauber neigte sich zur Seite.
Georg kreischte, als er den Halt verlor und aus der offenen Luke segelte, doch die linke Hand des Majors schoss vor und griff nach dem Arm des Jungen.
"Hab Dich!", rief der Major und hatte Mühe, sich mit dem verletzten Arm abzustützen. "Ganz ruhig!"
"Hilfe!", schrie Georg.
"Nicht loslassen!"
"H-i-l-f-e!"
"Joseph!"
Der Hauptmann glitt zur offenen Luke, doch bevor er ebenfalls nach der Hand des Jungen greifen konnte, schüttelte sich der Hubschrauber wieder.
Die kleinen Finger rutschten durch die Hand des Majors.
Und Georg fiel hinab in den Fluss.

***

Mit dem Schnee fielen die Bomben aus dem nächtlichen Himmel herab und rissen tiefe Wunden in die Erde. Brennende Dächer, eingefallene Mauern, dazwischen kleine Punkte, die panisch durch die Trümmer um ihr Leben rannten. Zivilisten, Soldaten.
Die Flammen brannten sich gierig durch die Stockwerke, während sich der Rauch beißend durch die Flure zog. Leblose Körper am Boden, halb in Trümmern begraben. Verdrehte Köpfe, gebrochene Arme in brennenden Uniformen. Das Beige der zerrissenen Wände angerußt. Die Fenster zersplittert.
Die Menschen flüchteten. Hektisch, ziellos. Die Ausgänge unter Schutt begraben. Auf dem Kopfsteinpflaster des großen kareeförmigen Innenhofes lagen brennende Körper neben einem Bombentrichter, als zwei Personen am Rand erschienen. Der eine in der Uniform eines Kapitäns, der andere in der Tracht eines Generals. Beide trugen gemeinsam einen leblosen Mann in ziviler Kleidung und verharrten für einen Moment im Schatten eines der vielen Säulen. Keuchend, schnaufend. Hinter ihnen die ersten Ausläufer der Flammen, die ihnen den Weg hinab gefolgt waren.
Ein Blick nach rechts. Der große Torbogen, der Ausgang zum dahinter liegenden Platz der Invaliden. Verschüttet, die Etagen zusammen gefallen, als das Dach einen Treffer abbekommen hatte. Darunter die Statue Napoleons, die noch stand, dessen Kopf aber zur Hälfte fehlte.
"A trois", sagte der General und zeigte auf die gegenüberliegende Seite. Dort, wo vor alten Kanonen ein Eisenbahnwaggon auf abgeschnittenen Schienen stand. Auf den Arkaden der ersten Etage flüchtende Menschen und Feuer, das zwischen den klaffenden Löchern nach den Lebenden griff. Überall.
"Was?", fragte der Kapitän.
"Auf ... Drei", sagte der General und zeigte auf den Waggon, der unbeschädigt vor der anderen Seite stand.
Der Kapitän nickte.
"Un."
Zusammen packten sie die Arme des Leblosen und hielten sie fest um ihre Schultern.
"Deux."
Das Brummen des Himmels hatte gedreht und kam wieder auf sie zu. In der Ferne, hinter den Resten der Mauern und Gebäude blitzte und donnerte es.
"Trois", rief der General.
Die Beiden schossen aus dem Schatten der Säule hervor. Keuchend schleiften sie den Körper des Ministers in ihrer Mitte über den Hof, während die schwarzen Halbschuhe mit den Spitzen über das Kopfsteinpflaster schabten.
"Vite! Vite!"
Rechts von ihnen heulte eine weitere Bombe auf die Statue Napoleons. Ein ohrenbetäubende Explosion. Nur noch ein Fiepen im Ohr, als kleine Trümmerstücke auf sie hinabregneten und blutige Spuren an Köpfen hinterließen.
Sie rannten weiter, nur wenige Meter, dann standen sie am vorderen Ende des alten Waggons. Der General öffnete kurzentschlossen die Tür, griff nach dem Minister. Gemeinsam zogen und schoben sie ihn hinein.
Im Inneren. Der General schob die verglaste Doppeltür auf. Dahinter ein langer Holztisch, jeweils vier Stühle, an Kopfende zwei.
"Allez!", rief er, doch als sie den Minister unter die massive Tischplatte ablegen wollten, bebte der Boden. Die Scheiben zersprangen, Glassplitter schossen durch das Innere. Teile der Arkaden stürzten auf den Waggon, durchschlugen das Dach und prasselten auf sie herab.

Einige Ewigkeiten später, als die Donner verhallt waren.
Zwei Hände wühlten sich durch den Schutt, packten große Brocken des Dachs und warfen sie zur Seite. Holz kam zum Vorschein. Massiv, zerkratzt, aber nicht durchschlagen. Die Hände griffen nach der Tischkante, rüttelten und zogen, bis sie langsam nachgab. Darunter in verdrehten Körperhaltungen der Minister und der Kapitän.
"Bien", keuchte der General, beugte sich über die beiden, rüttelte an ihren Schultern. Doch nur die Augen des Seemanns öffneten sich schwerfällig.
"Ca va bien?", rief der General, doch die Lippen murmelten unverständlich und der Blick blieb glasig. Er schüttelte den Kopf und näherte sich mit seinem Ohr den leisen Worten.
"Alles schwarz", flüsterte der Kapitän und streckte suchend seine Hand aus. "Sind wir ...?"
"Was?"
"Sind wir ... tot?"
Der General schmunzelte.
"Non", sagte er und ergriff die Hand. "Ihr seid bei Freunden!"

***

Zuerst flogen Rauchgranaten durch die Fenster. Beißender Qualm in den Augen und der Lunge, dann kamen sie von allen Seiten auf das Haus zu. Rannten an den Autos vorbei, über die beiden Brücken. Drangen durch die Tür, sprangen durch die Fenster im Erdgeschoss. Und standen schließlich überall im Haus, gestikulierend, in einer fremden Sprache zischend. Sie hoben die Arme, doch der Oberleutnant und sein Stellv wurden brutal zu Boden geworfen. Noch bevor sie reagieren konnte, krachte eine Schulterstütze an ihren Hinterkopf. Und die Nacht verschwand.

Riechsalz drang in ihr Bewusstsein, die ihr einer der fremden Soldaten unter die Nase hielt. Blinzelnde Augen, ein Blick auf die gefesselten Hände, bevor sie erkannte, dass sie auf dem roten Teppich im Arbeitszimmer lag. Der breite Schreibtisch, der Ledersessel dahinter unversehrt - die Fenster im Hintergrund zerschossen.
"Wo ist mein Vater?", rief sie, doch der Soldat antwortete nicht.
Dann trat ein Mann herein, der die gleiche Uniform trug, wie die Toten. Einen schwarzen Aktenkoffer in der Hand. Mit dem Emblem einer erhobenen Faust am Ärmel. Er hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und trat mit hoch erhobenen Haupt ein, schüttelte den Kopf als er die Reichspräsidentin sah und fuhr die fremden Soldaten wüst in deren Sprache an. Dann griffen Arme nach ihr und hoben sie hoch. Der kalte Hauch des Winters blies unaufhörlich herein, als sie unsanft in den Sessel gestoßen wurde.
"Verzeihen Sie das Chaos", sagte der fremde Mann mit der Faust und schaute seinen Nebenmann wütend an. "Das war nicht geplant."
"Hat die Entschuldigung auch einen Namen?"
Er schwieg, schaute sie von oben herab an und überlegte.
"Mielke", sagte er schließlich. "Das muss reichen."
"Ich würde Ihnen ja gerne die Hand geben, aber ...", sagte sie tonlos und hielt auffordernd ihre gefesselten Arme hoch.
Auf einen Wink von Mielke löste ein fremder Soldat die Fesseln.
"Danke", sagte sie und rieb sich die Handgelenke. "Wer ich bin, dürfte Ihnen geläufig sein, nehme ich an."
Keine Regung in seinem Gesicht, als er die schwarze Aktentasche nahm und damit die Trümmer vom Schreibtisch fegte.
"Natürlich, nur wegen Ihnen sind wir hier."
Dann ein Wink mit der Hand und andere Soldaten traten ein. Mit Besen und Kehrblechen bewaffnet räumten sie die Trümmer rund um den Schreibtisch herum weg. Danach richteten sie die Stange über dem Fenster wieder her und zogen den unbeschädigten Vorhang zu, so dass das Fenster nicht mehr zu sehen war.
"Was soll das werden?", fragte sie verwundert, doch Mielke gönnte sich und ihr ein kurzlebiges Lächeln, während zwei weitere Soldaten eintraten. Mit einer Filmkamera nebst Stativ und Kabeln, die sie geschäftig vor dem Schreibtisch aufbauten und verlegten. Ein Mikrophon wurde demonstrativ direkt vor ihr hingestellt, zwei Filmrollen an der Kamera eingerastet.
"Geduld", sagte er nur, während er mit dem Finger die letzten Krümel wegschnippte. Dann öffnete er die Aktentasche, entnahm ihr eine Ledermappe und legte sie ordentlich auf den Tisch. Ein Griff in die Seitentasche und ein Füller erschien, den er behutsam daneben legte.
Verwundert schaute sie auf, doch er wich ihrem Blick aus, wandte sich zur Kamera und schaute hindurch. Im Bild der Schreibtisch, das Mikrophon, der Sessel, die Frau in Tarnuniform, der Vorhang. Von Zerstörungen nichts zu sehen.
Mielke wandte sich an einen der Soldaten, der zur Bestätigung nickte, für einen Moment verschwand und kurz darauf mit Damenbekleidungen auf seinen Armen wiederkam.
"Ausziehen", sagte Mielke und deutete auf ihre Uniform.
"Bitte?"
"Ausziehen!"
"Und wenn nicht?"
Ein Gewehr am Rand des Blicks wurde demonstrativ durchgeladen.
Sie starrte ihn an, sah die ausdruckslosen Gesichter links und rechts von ihm und knöpfte langsam ihre Feldjacke auf.
"Sie könnten sich wenigstens umdrehen", zischte sie, doch niemand bewegte sich. Jacke, Hose, die Arme nicht schützend über den Körper verschränkt. An der rechten Schulter ein dicker Verband, blutverkrustet. Als sie nur noch mit ihrer Leibwäsche bekleidet war, zeigte Mielke auf die Kleidungsstücke.
"Anziehen."
Wortlos zog sie die Sachen an und sank dann wieder in den Ledersessel. Ein fragender Blick Mielkes zum Soldaten hinter der Kamera, dann nickte er und schob ihr die Ledermappe mit dem Füller zu.
"Unterschreiben", sagte er.
Sie öffnete die Mappe. Darin lagen mehrere Blätter. Maschinengeschrieben. Auf der ersten Seite stand:

Verordnung des Reichspräsidenten zur Auflösung des Reichstags
'Da sich keine arbeitsfähige Mehrheit mehr bilden kann, löse ich auf Grund des Artikels 25 der Reichsverfassung den Reichstag auf, damit das deutsche Volk durch Wahl eines neuen Reichstags zu der neu gebildeten Regierung der Nationalen Front Stellung nimmt.'

Auf der zweiten Seite stand:

Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat
"§1: Auf Grund des Artikels 48 der Reichsverfassung werden die Artikel 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 bis auf weiteres außer Kraft gesetzt."

Das letzte Papier war eine Kartonage, auf der oben von Verzierungen eingerahmt zu lesen war:
'Im Namen des Reichs'
Und darunter:
'Hiermit ernenne ich Herrn Walter Ulbricht zum Reichskanzler. Berlin, den 07.12.1941'

Auf allen drei Seiten ein Dienstsiegelabdruck, nur die Unterschrift fehlte.
"Das ist nicht ihr Ernst!", rief sie und hielt ihm die Urkunde hin. "Das soll ich unterschreiben?"
"Ja. Alles", sagte er und gab dem Soldaten an der Kamera einen Wink. "Und zwar jetzt."
Für einen Moment war nur der Mann hinter der Kamera zu hören, dann schleuderte sie die Ledermappe mit den Seiten vom Tisch.
"Ich werde hier gar nichts unterschreiben!", zischte sie.
Mielke schaute sie ausdruckslos an. Dann beugte er sich hinunter und sammelte die Papiere wieder auf.
"Aufstehen", sagte er.
"Sie haben mir nichts zu sa-"
"Aufstehen!"
Stille, dann erhob sie sich.
Mielke nickte zum verdeckten Fenster.
"Schauen sie raus."
Sie zog die Vorhänge zur Seite und erschrak. Ihr Vater, nur noch ein Schatten seiner selbst. Hansen, ein gefallener Goliath. Der Stellv und die beiden Bediensteten, sie alle knieten im Schnee vor den Autos mit dem Gesicht zum Haus. Dahinter die fremden Soldaten, die die Mündungen ihrer Gewehre auf die Nacken der fünf Gefangenen richteten.
"Und jetzt werden Sie unterschreiben", sagte Mielke hinter ihr. "Oder wir werden nacheinander jeden erschießen."
Sie presste die Lippen zusammen. Sah, wie ihr Vater langsam nach vorn zu kippen drohte. Sah, wie Hansen neben ihm ihn auffing. Der alte graue Kopf schaute zu seiner Tochter hinauf.
"Das Leben eines Einzelnen ist genauso wertvoll, wie das von Vielen", flüsterte sie, als ihre Blicke sich trafen.
Sie drehte sich um und starrte auf die Papiere, die Mielke beinahe andächtig wieder vor ihr ausgebreitet hatte.
"Was haben Sie gesagt?", fragte er.
"Nichts", antwortete sie, setzte sich mit schwerem Herzen und griff nach dem Füller.
(1950) "Waisenland"
Rückschau: 09.11.1945

Das Röhren der Motoren dröhnte durch die Maschine und fraß sich durch die vollverglaste Pilotenkanzel. Gleichbleibend und monoton, während von oben dunkles Rotlicht auf die beiden Männer in ihren dicken grauen Fliegerjacken heruntersickerte. Zerknautschte Offiziersmützen, darüber die Bügel der Kopftelephone, deren große Hörmuscheln die Ohren vollständig bedeckten. Der stetige Blick des rechtssitzenden Ersten Offiziers wanderte von den dichten Nachtwolken vor ihnen über die Instrumententafeln. Horizontale Lage, Höhe und Geschwindigkeit blieben konstant, nur die Nadel der Treibstoffanzeige wanderte langsam nach unten.
"Wie lange noch, Paul?", fragte er den linkssitzenden Kapitän, während dessen Hände das Steuer ruhig auf Kurs hielt.
Der Kapitän schaute auf seine Uhr, deren Zifferanzeige am Unterarm zu sehen war.
"Fünf Minuten, Moritz."
Der Kopilot starrte auf das runde Anzeigegerät zwischen ihnen. An der Seite ein kleines Schildchen: H2S Mark III. In der Mitte ein kreisrunder Ausschnitt in grün. Bodenerhebungen, Flüsse und sonstiges Gelände mit den Zahlen der Höhen und Tiefen. Militärische Positionen mit einem kleinen Kästchen. Langsam wanderten von oben die ersten Vororte der unter ihnen liegenden Stadt in den Ausschnitt.
Paul griff an das Mikrophon vor seinem Mund.
"Johann? Es ist gleich an der Zeit, wie weit bist Du?"
"Zünder eingesetzt. Der kleine Junge ist am Haken", antwortete eine mürrische Stimme. "Leg mich gleich unters Guckloch."
Der Zeigefinger des Kopiloten drückte eine Taste, die sich verstört wachblinzelte.
"Klappen geöffnet." Moritz starrte angestrengt auf das H2S, auf dem die feindliche Innenstadt in den Ausschnitt rückte. Kleine Punkte, weitere militärische Positionen, daneben Zahlenangaben.
"Höhe und Geschwindigkeit im grünen Bereich", rief Paul und tippte Moritz an den Arm, dann griffen beide in ihre Fliegerjacken und setzten sich Brillen mit verdunkelten Gläsern auf.
"Alles klar, Johann?"
"Lieg' in der Horizontalen. Bereit."
"Ziel im Ausschnitt", rief Moritz und tippte an einigen Schaltern über ihren Köpfen.
"Ziel erfasst. Korrektur Flugbahn 3° nach Steuerbord."
Paul lenkte das riesige Flugzeug ein wenig nach rechts.
"Korrigiert!", rief er.
"Zähl' jetzt: 3, ..."
Moritz zückte eine Stopuhr.
"2 ..."
Die Wolkendecke riss auf und ein angefressener Mond leuchtete von oben herab.
"1 - kleiner Junge ausgeklinkt."
Die Maschine ruckte nach oben, als wäre ihr eine schwere Last vom Herzen gefallen.
"LOS!", schrie Paul und zog abrupt das Steuer zurück, während Moritz auf den Knopf der Stopuhr drückte.
"Ich zähle!", rief er, griff gleichzeitig nach den Motorenhebeln und schob sie nach vorne auf 'Voll'.
"Zehn ..."
Die Motoren heulten auf, die Geschwindigkeitsnadel stieg genauso stark an, wie die des Höhenmessers.
"Neun ..."
Die Maschine stieg mit der Nase voran in den Nachthimmel, legte sich backbords zur Seite und die Stadt wanderte langsam nach rechts aus dem Ausschnitt.
"Johann? Rauf mit Dir!", rief Paul, doch der Bordmechaniker stand bereits grinsend neben.
"Acht ..."
"Schon da, Boss", sagte er, setzte sich ebenfalls eine dunkle Brille auf und schloss die Kabinentür.
"Sieben ..."
Hinter ihnen stieg plötzlich eine Sonne aus der Stadt auf, bohrte sich mit ihrem scharfen Licht von hinten durch jede Ritze des Bombers und tanzte auf dem Glas der Instrumententafeln.
"Verdammt!", schrie Paul.
Es schien, als würde man jede Schraube, jede Niete im Bomber schreien hören, während die beiden Piloten die ruckelnden Steuer nur mühsam in den Händen halten konnten.
"Zu früh!"
Für einen ewig langen Moment erhellte das Licht die Pilotenkanzel so stark, dass alles in einem reinen Weiß verschwand.
"Oh mein ..."
Dann sickerte ganz langsam wieder die Nacht herein und weckte das dunkle Rot der Beleuchtungslämpchen über ihren Köpfen.
Stille, nur noch das Dröhnen der Motoren war wieder zu hören. Gleichbleibend und monoton. Im Gegensatz zu den drei Herzen, die sichtlich angeschlagen hinter den Brustkörben klopften und den Schweiß auf die Gestirne der Männer trieb.
"War's das jetzt?", fragte Johann schließlich.
Paul legte den Kopf schief, setzte die Brille ab und wischte sich über die Stirn.
"Ich hoffe es", sagte er. "Ich mache das nicht nochmal."


***


I. Akt: "Anstoß"

Sonntag, 09.07.1950

In der Dunkelheit des Alls ...
Eingebettet zwischen funkelnden Sternen, drehte ein unscheinbarer Planet seine Bahnen um sein Zentralgestirn. Stumm und monoton.
Die finstere Seite grüßte ein letztes Mal den halbleuchtenden Mond, als am Rand der Nacht das erste Licht des Tages erschien und glühend durch die Atmosphäre brach.
Schlaftrunken wanderte es über die Oberfläche, vertrieb das dunkle Tuch der Stille und schickte die Nacht zu Bett.
Und der Planet erwachte.
Große und kleine Farbtupfer leuchteten auf, in allen Variationen. Sandfarbene leere Steppenwüsten, grüne Wälder und dunkle Berge mit ihren schneeverhangenen Kronen - alles umgeben vom übermächtigen Blau der Meere.
Am Himmel tauchten weißgraue Wolkenherden auf, wanderten grußlos dem Morgen entgegen, je weiter sich die Erde um ihre Achse drehte.

Ein Kontinent. Europa mit einem Stiefel, der mit einer Insel Fußball zu spielen schien. Im Norden das ewig frierende Skandinavien. Die angrenzende Ostsee, die tief in den Kontinent hineinragte. Weites Meer, ruhige See, die Menschen auf dem Land noch in ihren Alpträumen gefangen.
Eine leblose, friedliche Morgenwelt.
Und ein Schlachtschiff, das sich dampfend aus dem Norden näherte.
Lichtgrauer Anstrich, ein schnittiger Rumpf mit drei schweren Geschütztürmen - zwei vorn, einer achtern. Am Heck eine schwarz-rot-goldene Flagge.
Das Vorschiff hob und senkte sich. Der Bug brach sich durch die See, Wellen glitten am Schlachtschiff vorbei und das letzte Mondlicht funkelte auf der aufgewühlten Oberfläche. Die Schotten dicht, die Scheiben der Kommandobrücke hinter dem zweiten Geschützturm waren durch gepanzerten Rolladen verhangen. Niemand an Deck, es herrschte gespenstische Stille.
Bis auf die Admiralsbrücke im turmhohen Aufbau mittschiffs, die in ein höllisches Rot getaucht war.

Zwei Männer auf dem sich hebenden und senkenden Boden, die vor den Scheiben standen und hinausschauten. Beide trugen ein kurzärmeliges weißes Hemd, eine anthrazitfarbene Hose und schwarze Halbschuhen. Doch nur der rechte Mann hatte aufgesteckte Dienstgradabzeichen auf den Schultern des Hemdes.
"Wie geht es Ihrem Magen, Wiedemann?", fragte der Kapitän, während er zufrieden seine dampfende Pfeife in der rechten Hand hielt.
"Schon besser, Herr Keyner", antwortete der Mann mit dem strubbeligen Haar neben dem Kommandanten, schob die Celluloid-Brille auf dem Nasenrücken wieder hoch und klopfte sich leicht auf den Bauch. "Obwohl ich mich nicht dran gewöhnen werde."
Über ihren Köpfen in der rot leuchtenden Decke verborgene Lautsprecher, aus denen angespannten Stimme sprachen.
'Feuer Abteilung XVI gelöscht.' 'Sanitätstrupp ist unterwegs.'
"Nehmen Sie es mir nicht übel", sagte Kapitän Keyner und schmunzelte, "aber so kreidebleich, wie Sie noch vor einigen Tagen aussahen, hatte ich Sorge, dass Sie nicht beim Kotzen über Bord gehen."
"Vielen Dank." Wiedemann stützte sich auf dem Plotttisch ab, auf dem eine genaue Seekarte unter einer dicken Plastikfolie lag. Links und rechts drehbare Sessel, hinten jeweils Schilder mit den Aufschriften 'Admiral' und 'Chef des Stabes' angeschraubt.
'Turbinenraum I - Schaden behoben.'
"Glauben Sie mir, ich wäre lieber in meinem wohlbehüteten kleinen Sendebureau in Leverkusen geblieben."
"Da sieht man aber nichts von der Welt, Wiedemann", meinte der Kapitän und zog an seiner Pfeife. "Auch wenn es zur Feldnachrichtentruppe gehört."
"Vielleicht - aber dann könnte ich wenigstens auf einem nicht schaukelnden Untergrund die Fußballweltmeisterschaft weiter kommentieren."
"Ach, schau an."
Wiedemanns Augen strahlten.
"Gestern hat Brasilien die Schweden mit 7 zu 1 geschlagen."
'Wassereinbruch Kesselraum II gestoppt.'
"Ja, und die Jungs von Onkel Joe Uruguay mit 3 zu 0." Keyner nahm die Pfeife aus dem Mund. "Wie dem aus sei, hier spielt das Leben."
Er zeigte nach Backbord, als die ersten Sonnenstrahlen des Tages durch die Atmosphäre brachen. "Haben Sie ihre Kamera dabei?"
Wiedmann nickte, griff nach seiner Tasche am Fuß des Tisches und holte ein schwarzes mattes Gerät hervor, während er begeistert auf die glühende See starrte.
"Wunderschön", murmelte er und hob die Kamera ans Auge.
Klick, Klick, Klick.
'Vormars an IO: Dicker Schornstein und Mast mit Gefechtsstand ausgemacht, wahrscheinlich auch Landedeck. Nähert sich steuerbords aus NNO.'
'I.Artillerieoffizier an IO: Erkenne einen Flugzeugträger, zwei Zerstörer. 17 Knoten, 170 Hektometer.'
"Falls Sie noch ein paar - dienstliche - Photos brauchen ...", meinte der Kapitän, paffte an seiner Pfeife und zeigte aus den vorderen Fenster. "... sollten Sie sich beeilen."
Unter ihnen befand sich der vordere Decksaufbau mit der Kommandobrücke zum Bug hin und dem Hauptgefechtsstand.
'Erkennungsdienst an IO: Bestätigung. CVA Shangri-La, Eskorte zwei Cannon-Klasse-Zerstörer.'
"Zu Befehl."
Die Kamera schwenkte nach vorn.
Klick. Klick.
"Was ist das da eigentlich?", fragte Wiedemann und zeigte auf das Dach des Hauptgefechtsstandes, auf dem ein waagerechtes Rohr installiert war.
"Eine Art Scherenfernrohr, eher ein verbreitertes Periskop."
'IO an I. AO: Zielverteilung: Schwere Artillerie Flugzeugträger, Mittelartillerie Zerstörer.'
"Und wofür?"
Keyner lachte.
"Passen Sie auf."
Im Fokus der Kamera schwenkte das waagerechte Rohr nach rechts - und die beiden Hauptgeschütztürme mit ihren drei Rohren ebenfalls.
"Dort, wohin das Periskop gerichtet ist,", sagte der Kapitän und zeigte erst nacheinander auf die beiden vorderen Geschütztürme, dann nach hinten, "zielen Anton, Bruno und Cäsar automatisch."
Klick.
"Im Inneren wird die Entfernung, der Seegang und alle sonstigen notwendigen Daten von den neuen Zuse-Zentralrechnern ermittelt und zu den Geschütztürmen übertragen. Minimiert die Zielerfassungszeit."
"Faszinierend."
'Rechenstelle an I.AO: Anton und Bruno geladen und gesichert.'
"Vor Midway hat die Scharnhorst die japanische Kongo auf 240 Hektometern getroffen." Der Kapitän brummte zufrieden. "Unser weitester Treffer auf ein bewegliches Ziel."
Wiedemann nickte anerkennend. "Und wenn der Hauptgefechtsstand ausfällt?"
'I.AO an IO: Anton und Bruno klar zum Feuereröffnen.'
"Entweder übernimmt der hintere Leitstand, oder die Türme schießen selbständig."
"Finden Sie nicht, dass Sie Ihren Ersten Offizier endlich erlösen sollten?"
"Meinen IO erlösen?" Kapitän Keyner schmunzelte und klopfte auf den Plotttisch. "Die Scharnhorst wird in einem halben Jahr außer Dienst gestellt - dann wird der größte Teil der Besatzung auf die Graf Zeppelin wechseln."
'IO an I.AO: Feuererlaubnis.'
"Sie meinen den Flugzeugträger?"
Der Kapitän nickte und zeigte nach vorn, wo die Küste schwach zu erkennen war.
"Liegt noch im Frischen Haff vor Königsberg, soll aber für die Überführung nach Kiel vorbereitet werden."
"Und der IO?"
"Fregattenkapitän Jansen wird der neue Kommandant", sagte Keyner und griff nach dem Sprechgerät neben den Lautsprechern an der Decke. "Hier spricht der Kapitän. ÜBUNGSENDE, ich wieder hole: ÜBUNGSENDE!"
'Verstanden. Übungsende', tönte es aus dem Lautsprecher mit Jansens Stimme. 'Wachfreie Schichten herauslösen. Notlazarett in Mannschaftsmesse räumen. Anton, Bruno, Cäsar zurück in Nulllage. Meldung Hauptabschnittsleiter an OpZ.'
"IO?", rief der Kapitän und räusperte sich. "Meldung an Shangri-La nicht vergessen!"
'Aye.'
"Shangri-La", murmelte Wiedemann. "Wie kann man ein Schiff nur nach einem mystischen Ort benennen?"
"Das ist eine lange Geschichte, Wiedemann." Der Kapitän lachte. "Eine sehr l-"
'Achtung: Funkmeß ortet drei unbekannte Einheiten backbords aus SW.'
Die beiden Männer schauten sich fragend an, dann griff der Kapitän nach dem Doppelfernglas und drehte sich zur linken Seite der Brücke um.
Im runden Ausschnitt waren vor dem Sonnenaufgang zwei dunkle Umrisse zu erkennen, die sich mit schneller Fahrt nahe der Küste nach Westen bewegten.
"Fotos!", rief der Kapitän. "LOS!"
Wiedemann neben ihm setzte wieder die Kamera an und vergrößerte den Ausschnitt, doch die beiden Punkte blieben verschwommen, während der Kapitän ins Sprechgerät schrie:
"HIER SPRICHT DER KAPITÄN: GEFECHTSBEREITSCHAFT HERSTELLEN!"
Klick. Klick. Klick.
"IO! MELDUNG!"
'Erkennungsdient kann nicht bestätigen, ich wiederhole: Keine Bestätigung!'
Im Sichtfeld des Fernglases tauchte ein weiterer Schatten auf, der sich den anderen beiden aus entgegengesetzter Richtung näherte.
'Achtung: Eine dritte unbekannte Einheit hat Feuer eröffnet!'
"Was wird das hier?", murmelte der Kapitän, als zwei Feuersäulen plötzlich in den jungfräulichen Morgen schossen.
Erschrocken starrte Wiedemann hinaus.
"IO", rief der Kapitän. "MELDUNG!"
Eine dritte Feuersäule schoss in den Himmel und kleine Trümmer regneten zurück aufs Meer.
Stille auf der Admiralsbrücke, dann erklang einer der Lautsprecher wieder.
'Funkmess ortet keine Einheiten.'
"Überlebende?"
'Keine Sichtung.'
"Sie bleiben hier, Wiedemann" Der Kapitän nahm das Fernglas von den Augen, öffnete die Brückentür und wollte den Raum verlassen. "Das muss ich mir gen-!"
Tief unter dem Schiff rummste es.
Der Boden vibrierte und ein metallisches Jaulen zog sich vom unteren Deck durch die zitternden Wände zur Admiralsbrücke hinauf. Die Tür knallte wieder zu und traf den Kapitän, der durch die Wucht mit dem Hinterkopf hart auf dem Boden aufschlug.
'ALARM! Minentreffer mittschiffs!', tönte es aus dem Lautsprecher.
"Was zum ..." Wiedemann kniete sich neben den Kommandanten und rüttelte an seinen Schultern. "Kapitän?"
'Wassereinbruch Abteilung I bis IV!'
Keine Reaktion.
'DAS IST KEINE ÜBUNG!'

***
***
Montag, 10.07.1950
Königsberg-Roßgarten, Kommandantur, Arbeitszimmer des Befehlshabers


Der Mann, der vor dem Fenster stand, schaute mit seinem rechten Auge betrübt auf die Regentropfen, die stärker werdend an die Scheibe schlugen. Die Sicht auf den Schlossteich verwischt, nur die Baumkronen waren als grüne Schemen erkennbar.
"Preußisches Mistwetter", schimpfte er, und hielt sich selbst davon ab, abermals mit seinen Fingern unter der schwarzen Klappe zu kratzen, die sein linkes Auge verdeckte.
"Mit dem zweiten sieht die Welt sowieso nicht besser aus", murmelte er und stopfte stattdessen feinen Tabak in seine Pfeife.
Kleine Krümel verloren sich auf dem dunklen Schlips über seinem weißen Hemd und der anthrazitfarbigen Hose. Die typische Uniform eines Admirals. Verärgert pustete er sie weg, griff suchend in seine linke Brusttasche - fand aber nichts.
"Wo ...", murmelte er, drehte dem Unwetter jenseits des Fensters den Rücken zu und ließ seinen Blick durch das große Arbeitszimmer gleiten. Die Lampen erloschen, nur ein paar Hindenburglichter brannten im dunklen Raum und flackerten links über eine große Wandkarte, mit Folie überspannt. Rechts Regale mit den wichtigsten Büchern, die ein kommandierender Offizier für diesen Teil der Welt benötigte. Dicke Wälzer über kulturelle Gepflogenheiten, lokale Speisegerichte, Abhandlungen zur Stadtgeschichte. Und natürlich 'Die Kritik der reinen Vernunft' von Immanuel Kant. Dazwischen versteckte sich ein Buch mit einem breiten Rücken, vor dem eine Zigarre in einer silbernen Hülle stand.
'Ein Gruß von Winston', hatte sein Amtsvorgänger vor ein paar Tagen zu ihm gesagt. 'Nur zu verwenden, wenn über die Russen gesiegt wird.'
Still und unscheinbar stand sie da, wurde seit Jahren von Kommandant zu Kommandant weitergereicht. Noch nie wurde sie angebrochen.
Wozu auch, dachte er. Dem Waffenstillstand '45 war kein Frieden gefolgt - nur ein kalter dem heißen Krieg.
Er starrte nachdenklich nach links auf die breite Wandkarte, auf der die Stadt nebst Umland abgebildet war. Eine schwarze durchgehende Linie zog sich von Elbing im Süden, am Frischen Haff entlang, zum östlichen Rand Königsbergs bis nach Palmnicken im Norden hin.
Der kleine Eiserne Vorhang, wie die Demarkationslinie zuweilen auch genannt wird.
Im Osten der Stadt, dort wo der ehemalige Festungsring stand, waren die alten Fortifikationen wieder bemannt worden. In Richtung der alten Reichsgrenze zu Litauen und Polen kam nur noch wüstes Land. Die verlassene Pferderennbahn, der zerbombte Schrebergarten, das brachliegende Sportgelände. Stacheldrahtrollen, Sprengfallen, Minen. Und die Rote Armee.
Erstarrte Fronten, wie Jahrzehnte zuvor - auch wenn die Gewehre schwiegen. Noch.
Wie lange, bis das Ende wieder vor der Tür steht und Einlass begehrt? Das Ende, dessen Vorgeschmack bereits eine Stadt im Ruhrgebiet kosten musste.
Er schüttelte langsam den Kopf und schaute auf das große schwarz-weiße Bild des amtierenden Reichspräsidenten Severing, das über der Tür hing.
"So zerrissen wie die Provinz, Carl - so ist das ganze Land ", flüsterte der Admiral dem weißhaarigen alten Mann zu. "Besser: der Rest davon. So zertrümmert die Städte, so auch die Menschen. Verdrängung beherrscht das Denken, das Überleben."
Das Bild des alten Mannes schwieg, als er nach dem Feuerzeug griff und sich wieder zum Fenster wandte.
Niemand hat die DDR unterstützt, dachte er und zündete sich seine Pfeife an. Zarte Rauchschwaden schwebten um seine Nase. Niemand hat sie hochgejubelt, niemand hat ihr gedient. Woher die Toten in den 'Gulags' auf deutschen Boden kommen, weiß niemand.
Er seufzte.
"Draußen vor der Tür", flüsterte er und zählte unbewusst die schweren Regentropfen. "Da stürmt es, ist es lebendiger, weint der Himmel - doch in den Menschen verdampfen Tränen in der erfrorenen Seele."
Er hatte das dreimalige Klopfen nicht bemerkt, als sich die Tür hinter ihm mit einem leisen Knirschen öffnete. Schritte traten ein, und blieben für einen Moment verwundert stehen.
"Sie führen Selbstgespräche?", fragte jemand.
"Ich sagte", begann der Mann mit der Pfeife, drehte sich um und schaute den Neuankömmling verärgert an. "Verdammtes preußisches Mistwetter."
"Sie meinen wohl eher Ostpreußisches Mistwetter, Genosse Rheinhardt."
Ein älterer Mann in feinem Zwirn mit Hut und einem nassen Mantel unter dem Arm. Ein rundes Gesicht, mit einer haarlosen Wüste auf dem Kopf. Die unförmige Hose deutete auf einen unförmigen Bauch hin, der für jeden Schneider eine Herausforderung zu sein schien. Am Kragen das Parteiabzeichen der KPdSU.
"Ich bin erstaunt, Herr Borodinow", meinte der Admiral. "Vor Kurzem hatte ich noch eine Dame im Vorzimmer."
Der Mann schmunzelte.
"Ich bitte um Verzeihung", sagte er und schloss die Tür. "Ich habe ihr gesagt, dass es eilig wäre."
"Und was führt den Botschafter der Sowjetunion zu mir?"
"Ich möchte Ihnen stellvertretend für die Mannschaft der Scharnhorst die aufrichtige Anteilnahme des Oberbefehlshabers der Baltischen Flotte aussprechen", sagte er und hängte den tropfenden Mantel über den Garderobenständer.
"Das will ich auch hoffen", knurrte Admiral Rheinhardt und zeigte auf den freien Stuhl vor dem Tisch. "Bitte."
Mit einem Schnaufen auf den Lippen ließ sich Borodinow in den Stuhl fallen.
"... aber gleichzeitig setze ich Sie darüber in Kenntnis, dass das fragliche Minengebiet vor der Küste nicht durch die Baltische Flotte gelegt worden ist."
"Und woher kommen sie dann? Aus heiterem Himmel?"
"Das waren Streitkräfte der polnischen Marine."
"Bitte was?"
Die Tür flog abrupt auf und ein wutentbrannter Mann im dunklem Anzug stürmte in das große Zimmer des Admirals.
"Hier sind Sie!", zischte er und zeigte auf den sowjetischen Botschafter. "Sie haben zwei unserer Schiffe versenkt!"
"Es war Notwehr, Genosse Kraiewski."
"Notwehr?", fragte der Admiral verwirrt und blickte abwechselnd von einem Botschafter zum anderen. "Und was für Schiffe?"
Doch die Beiden hörten nicht hin.
"Die beiden Einheiten haben das Feuer zuerst eröffnet."
"Dreihundertachtzig Seeleute sind mit den Schiffen untergegangen!"
"Sie haben zuerst geschossen!"
"Meine Herren", rief der Admiral. "Beruhigen sie sich!"
"Das polnische Volk wird sich Ihrem tyrannischen System nicht länger beugen, Herr Botschafter!"
"Sie sollten sich mäßigen, Genosse."
"Ich bin kein Genosse."
"Ich darf Sie daran erinnern, dass es das sowjetische Brudervolk war, das Ihrem Land zur Demokratie verholfen hat?"
"Das nennen Sie 'Demokratie'?" Kraiewski starrte Borodinow fassungslos an. "Eine Ein-Parteien-Alleinherrschaft?"
"Wollen Sie etwa die Errungenschaften der UdSSR in Frage stellen, die der große Stalin eingeleitet hat?"
"Beruhigen-sie-sich!", rief Rheinhardt, doch die Wirkung verpuffte im hitzigen Wortwechsel.
"Stalin ist tot, Herr Botschafter. Und das ist die beste Nachricht seit fünf Jahren!"
"Was erlauben Sie sich?"
Der polnische Botschafter schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.
"Ich erlaube mir Ihnen im Namen der neuen Regierung folgendes mitzuteilen", sagte er. "Die Republik Polen betrachtet die Warschauer Verträge als annuliert."
"Eine Annulierung ist nicht möglich."
Kraiewski beugte sich zu seinem Kollegen, den erhobenen Zeigefinger drohend auf dessen Nase gerichtet.
"Ich erinnere an das Ultimatum meiner Regierung: Abzug aller Einheiten der Roten Armee." Er zog den Ärmel ein Stück zurück und schaute auf die Armbanduhr. "... bis morgen 23:59 Uhr."
"Das können Sie nich-"
Die Hand des Admirals ballte sich zu einer Faust und schlug auf den Tisch.
"RUHE!", brüllte er.
Die beiden Botschafter schauten den einäugigen Seemann erstaunt an.
"Es reicht mir so langsam", zischte der Admiral und funkelte den polnischen Botschafter an. "Ich verlange, dass das fragliche Minengebiet geräumt wird ..."
"Das dient dem Schutz des -"
"Und ich verlange, dass die international anerkannten und durch den Völkerbund garantierten Schiffswege wieder passierbar werden."
"Solange sich sowjetische Truppen auf polnischen Grund und Boden befinden, kann ich Ihnen dies nicht -"
"Ich verrate Ihnen ein Geheimnis, Botschafter", unterbrach ihn der Admiral erneut. "Die Strategie der NATO auf solche Bedrohungen entspricht der einer Kriegserklärung. Und was das bedeutet, können Sie sich sicherlich vorstellen."
Der Botschafter presste die Lippen zusammen.
"Hier geht es doch gar nicht um sie."
"Herr Kraiewski, die Bevölkerung der Sonderzone ist direkt von ihren Auseinandersetzungen betroffen. Und wenn die Seeverbindungen nicht wieder aufgenommen werden können, wird die Bevölkerung in einigen Tagen verhungern!"
Schweigend starrten sich die drei Männer an. Dann räusperte sich Kraiewski.
"Bei allem Respekt, Admiral. Im Grunde genommen tun wird dem Westen einen Gefallen, wenn wir die Kommunisten verjagen ..."
Der sowjetische Botschafter lachte.
"Ich gebe ihnen maximal eine Woche, dann werden sie friedlich auf dem Roten Platz kriechen und den Genossen Beria winselnd um Gnade anflehen!"
Kaltes Lächeln auf dem Gesicht des polnischen Botschafters.
"Ich erinnere daran, dass sich in unserem Besitz auch ein halbes Dutzend Uransprengköpfe der Roten Armee befinden." Die Augen verengten sich zu Schlitzen. "Sollte jemand auch nur einen Stein über die Demarkationslinie werfen, werden wir darauf antworten."

Ein paar Minuten später stand der Admiral im Vorzimmer am Fenster und zog die weiße Gardine ein Stück zur Seite. Draußen vor dem verregneten Gebäude tauchten Borodinow und Kraiewski auf, würdigten sich keines Blickes und stiegen in ihre wartenden Wagen.
"Fräulein Liebtraud Ertiné", sagte er zu seiner Sekräterin hinter dem Schreibtisch, während er seinen Blick nicht von den beiden Botschaftern löste. "Ihre Leidenschaft, im Keller des Hauses an alle möglichen technischen Geräten, herum zu arbeiten, in allen Ehren - aber ich mag es gar nicht, wenn jemand ohne Ankündigung in mein kleines Reich platzt."
Ihr Blick unter den langen dunklen Haare schaute demütig zu Boden.
"Verzeihen Sie."
Er drehte sich um, als die beiden Wagen davon fuhren.
"Es ist mir sogar egal, ob es der Reichspräsident ist", fügte er hinzu und schmunzelte. "Haben wir uns verstanden?"
Sie nickte, als ein junger Mann hereinkam. Ockerfarbene Uniform mit der blau-weiß-roten Miniaturflagge Frankreichs am Oberärmel. Die nass gewordene Offiziersmütze unter den linken Arm geklemmt, der rechte hielt eine schwarze Ledertasche.
"Herr Davignon!", rief Rheinhardt. "Wer einen Admiral warten lässt, wird selten vom Colonel nach oben befördert." Einer seiner Daumen zeigte zum Perserteppich am ausgetretenen Boden. "Eher nach unten."
"Excousez-vous", sagte der Colonel und wischte sich ein paar Regentropfen aus dem Gesicht.
"Kommen Sie mit."

Nachdem der Admiral die Tür seines Arbeitszimmers wieder geschlossen hatte, zeigte er auf den leeren Stuhl vor dem Schreibtisch.
"Bitte."
"Merci", sagte Davignon und setzte sich.
"Haben Sie alles?"
"Leider sind es mehr Mutmaßungen, als Tatsachen." Der Colonel öffnete die Ledertasche und griff hinein. "Die Telephonleitungen ins Reich sind immer noch unterbrochen und die Funkverbindungen über polnischem Gebiet werden des Öfteren massiv gestört."
"Dann teilen Sie mir eben die Mutmaßungen mit."
"D'accord", sagte Pierre und legte ein Photo auf den Tisch. Ein mürrisch dreinschauender Mann in der alten polnischen Uniform aus den Tagen der Republik. "General Hubal, bis vor Kurzem Oberkommandierender der Armia Krajowa, auch AK genannt."
"Weiter."
"Die AK und die anderen oppositionellen Kräfte in Polen haben seit dem Einmarsch der Roten Armee nicht nur die Kommunisten, sondern auch sich selbst bekämpft."
Ein zweites Bild landete auf dem Tisch. Ein Gruppenfoto mit mehreren Männer in Uniformen und ziviler Kleidung.
"Vor einigen Monaten hielten die verfeindeten Oppositionen ein Treffen ab, in der sich alle darauf einigten, zusammen die Kommunisten unter Bierut aus Warschau zu vertreiben."
"Weiter, Pierre."
"Die Lagemeldungen sind noch sehr vage, aber es scheint so, dass die AK die vollständige Kontrolle über das Staatsgebiet und die Organe besitzt."
Er legte einen maschinengeschriebenen Ausdruck auf den Tisch.
"Das wurde letzte Nacht verschlüsselt von der Shangri-La an die Scharnhorst gesendet", sagte er und tippte auf das Papier. "Es wurde bestätigt, dass Warschau abgeriegelt und eine neue Regierung gebildet wurde."
"Und?"
"Das waren die gesicherten Erkenntnisse, mon Admiral. Mehr haben wir nicht."
"Dann spekulieren Sie, Pierre. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf."
Der Colonel nickte.
"D'accord." Er griff wieder in die Ledertasche und legte ein weiteres Photo auf den Tisch. "Das ist Wladyslaw Gomulka. Ihm sind die Kräfte der Sozialisten unterstellt."
Ein Mann Mitte 40. Schwarze Celluloid-Brille, die weißen Haare nur noch an den Seiten des Kopfes. "Ich wiederhole: Die Lage in Polen seit dem Einmarsch der Roten Armee vor beinahe zehn Jahren ist konfus, verzwickt und unübersichtlich."
"Ja, das sagten Sie schon. Eine Art Bürgerkrieg im Bürgerkrieg."
"Oui, alors: die Regierungstruppen und die Rote Armee konnten die AK nie endgültig vernichtend schlagen. Und Anfang des Jahres wurden die gemäßigteren Kommunisten - die jetzigen Sozialisten unter Gomulka - aus der Regierung ausgeschlossen, was sicherlich nicht ohne Rückendeckung aus Moskau von statten ging. Und genau diese Kräfte drängten vor einigen Monaten auf eine Einigung und wurden sogar von der AK aufgenommen."
Der Admiral starrte den Colonel fragend an.
"Falls Sie es nicht sehen, Pierre", sagte er. "Auf meiner Stirn ist ein riesiges Fragezeichen."
Colonel Davignon lachte bitter.
"Die AK hat das gesamte Staatsgebiet unter ihre Kontrolle gebracht", sagte er und tippte auf das maschinengeschriebene Blatt. "Die Oppositionsführer haben in Warschau eine Regierung gebildet - und danach wurde die Stadt abgeriegelt!"
Die Tür öffnete sich und die Sekretärin schaute vorsichtig herein.
"Admiral Rheinhardt?", fragte sie.
"Was ist denn?"
"Ein Herr Wiedemann möchte Sie dringend sprechen."
"Soll reinkommen."
Sie nickte, verschwand und ein schlanker junger Mann Mitte Zwanzig betrat den Raum. Celluloid-Brille, strubbeliges Haare und ein Drei-Tage-Bart zierten sein Gesicht, während der Rest in einer Stoffhose und einem langarmigen Oberhemd steckte. An der rechten Hand eine schwarze Ledertasche.
"Günther Rheinhardt, Kommandant des Wehrkreis I!", rief der Admiral und deutete auf den Colonel. "Pierre Davignon."
"Wilhelm Wiedemann", sagte dieser, als sie sich nacheinander die Hände
schüttelten. "Feldnachrichtendienst, zur Zeit auf die 'Scharnhorst' abkommandiert."
"Sie sind Kriegsberichterstatter?"
Wiedemann lächelte gequält.
"Das war ich einmal, als ich noch nicht an Phantomschmerzen litt." Er schüttelte den Kopf. "Nein, ich bin ... vor ein paar Jahren verbeamtet worden."
"Setzen Sie sich doch." Der Admiral wies auf den zweiten Stuhl, den der Colonel hingestellt
hatte. "Worum geht es denn?"
"Danke", sagte Wiedemann und nahm Platz. "Mein Auftrag lautete einen Erinnerungsbildband über die Scharnhorst zu erstellen, da das Schiff nächstes Jahr außer Dienst gestellt wird." Er zog einen Umschlag aus der Tasche und holte nacheinander verschiedene Farbphotos hervor.
"Am 08. Juli befahl der Admiral StaNavForB eine Übung, in der die Scharnhorst versuchen sollte, den restlichen Verband um den US-Flugzeugträger Shangri-La anzugreifen.", sagte er und breitete sie sorgfältig auf dem Tisch aus.
Ein Sonnenaufgang am Horizont, das erste Licht des Tages spiegelte sich in der fast ruhigen See.
Dann eine Aufnahme der beiden vorderen Geschütztürme des Schiffes mit ihren je drei Kanonenrohren. Im Vordergrund das Scherenfernglas des Hauptgefechtsstandes. Die anderen Aufnahmen zeigten kleine Punkte am Horizont von der Brücke aus.
"StaNavForB?", fragte der Colonel.
"Standing Naval Force Baltic Sea", antwortete der Admiral. "Und weiter, Herr Wiedemann!"
"Am 09. kurz nach Übungsende befand sich die Scharnhorst einige Seemeilen vor Pillau, als das Schiff zuerst einen, dann zwei weitere Minentreffer erhielt. Wassereinbruch in den vorderen Abteilungen. Das Schiff musste gegengeflutet werden, konnte aber Pillau erreichen und liegt seitdem notdürftig repariert im Frischen Haff."
"Das ist bekannt", sagte Admiral. "So wie es aussieht, haben die Polen die Minen gelegt."
Wiedemann deutete auf die letzten Photos.
"Zwei polnische gegen ein sowjetisches Schiff. Sie tauchten einige Minuten vor dem ersten Minentreffer an Backbord auf und beschossen sich gegenseitig. Das Feuergefecht dauerte nicht lange, dann explodierten die Schiffe nacheinander und sanken. Keine Überlebenden."
"Das erscheint mir normal, wenn ein Land des Warschauer Paktes sich der UdSSR widersetzt, Herr Wiedemann."
"Nun, ich habe mich mit dem eingeschifften Trupp des Militärischen Abschirmdienstes unterhalten. Zusammen sind wir die Erkennungsblätter durchgegangen um zu sehen, welche Schiffe das gewesen sein könnten. Der Erste Offizier sagte mir, dass sie nicht größer als Zerstörer waren."
Er griff in die Ledertasche und legte zuerst die fraglichen Erkennungsblätter auf den Tisch. Technische Zeichnungen, Seitenansichten, Daten und Maße.
"Das sowjetische Schiff war die CCCP Swerdlowsk, die polnischen die ehemaligen CCCP Petropavlovsk und Murmansk."
"Nichts ungewöhnliches. Schließlich haben die Sowjets die Polen nach Kriegsende aufgerüstet."
"Das hier aber schon", meinte Wiedemann und legte drei schwarz-weiße Photos daneben. "Das sind die drei fraglichen Schiffe am 08. im Otto-Kuusinen-Hafen in Helsingfors. Wie sie unschwer erkennen können, liegen sie in den Trockendocks. Die Bewaffnung wurde größtenteils demontiert. Ferner Funkmessanlagen und Feuerleiteinrichtungen."
Der Admiral starrte mit seinem Auge auf die Photos.
"Das darf doch nicht wahr sein!"

***

Kurz vor Mitternacht ...

Das Unwetter schlug die schweren Regentropfen unbarmherzig gegen die Fensterscheiben. Donner grollte sich von draußen herein, ab und zu erhellte ein Blitz das Zimmer schlagartig und wies die zarten Flämmchen der Hindenburglichter in ihre Schranken.
Der Admiral saß mit dem Rücken zum Fenster, versuchte zum wiederholten Male, nicht unter seiner Augenklappe zu kratzen, während er zusammen mit dem Colonel auf Wiedemanns Photos starrte.
Schließlich seufzte er.
"Pierre, Pierre", murmelte er, griff in die Dose, holte etwas Tabak heraus und zerrieb es zwischen Daumen und Zeigefinger. "Es ist erst einen Monat her, dass der Reichswehrminister mir diesen abgeschiedenen Posten zugetragen hat." Der Tabak wanderte in den Pfeifenkopf. "Abgeschieden. Und jetzt sind wir nicht nur geographisch vom Rest des Reichs abgeschnitten - wir sind es tatsächlich!"
Colonel Davignon nickte, schwieg - dann räusperte er sich.
"Darf ich Ihnen eine Frage stellen, mon Admiral?"
"Nur zu."
"Bei allem Respekt", begann er. "Aber warum hat man Sie mit dieser ..." Er nickte zur Augenklappe. "... Verletzung hierhin versetzt?"
"Sie meinen: 'So einen Krüppel, wie mich'?"
Davignon hob abwehrend die Hände.
"Non! Ich finde es nur ... verwunderlich."
Ein Feuerzeug flammte auf und näherte sich dem Pfeifenkopf.
"Es war eine Gefälligkeit."
"Eine Gefälligkeit? Sie gehen in ein paar Monaten in den Ruhestand", sagte der Colonel. "Wieso dann noch dieser Posten?"
Schmatzen, paffen - dann trudelten die ersten Kringel durch den Raum.
"Die Pension berechnet sich nach dem letzten Sold, Pierre", antwortete der Admiral. "Und die Stelle als Wehrkreisbefehlshaber in Königsberg ist eine der am höchsten besoldeten Stellen."
Der Colonel schmunzelte, dann beugte er sich vor.
"Alors, was machen wir jetzt?"
Schweigen breitete sich aus, dann richtete der Admiral seine Aufmerksamkeit auf die Wandkarte. Im Norden, Süden und Osten waren kleine Zettel mit den Namen der dort stationierten Einheiten angebracht worden. Im Norden das italienische Infanterieregiment 10, im Osten das westfälische Jägerregiment 54, im Süden das namibische Landsturmregiment 8. Unter den Namen Zahlenstände: Krankenstand, Munitions- und Treibstoffvorräte.
"Wir machen es, als wäre Königsberg ein Schiff - weit draußen auf der See", sagte er. "Kohle und Lebensmittel müssen stärker rationiert werden. Ebenso Fleisch, Brot, Frischwasser." Er überlegte. "Ich brauche eine genaue Auflistung darüber, was die Stadt als absolutes Minimum braucht, wieviel Tonnen noch in den Lagern am Hafen sind. Et Cetera."
"Ich werde mich morgen früh mit dem Stadtdirektor unterhalten", sagte der Colonel. "Was machen wir mit dem Spiel?"
"Welches Spiel?"
"Dem Halbfinalspiel?" Der Colonel schaute den Admiral fragend an. "Fußballweltmeisterschaft?"
"Das müssen wir dann leider vertagen."
"Bitte? Das können Sie doch nicht machen!"
"Wir haben gerade andere Probleme!"
"Aber ..."
"Zurück zum Thema: ich brauche außerdem eine sichere Funkverbindung zum Generalstab in Wünsdorf."
"Das wird auch nicht einfacher", meinte der Colonel, hob aber plötzlich den Zeigefinger. "Moment, auf der Scharnhorst ist doch ein Trupp des MAD eingeschifft - oder nicht?"
Der Admiral kniff das Auge zusammen.
"Scharnhorst, stimmt", murmelte er. "Scharn-horst ..."
Nachdenklich starrte er auf die große Bucht westlich der Stadt, in der die Worte 'Frisches Haff' standen. Darin ein kleines Rechteck mit dem Kürzel GZ, neben dem ein kleineres Oval mit dem Buchstaben S frisch eingezeichnet worden war.
"Admiral?"
"Ich bin in Dortmund-Scharnhorst aufgewachsen", murmelte Rheinhardt. "Eine ruhige Ortschaft, trotz des Flugplatzes."
Davignons Augen weiteten sich.
"Dortmund?" Er schaute erschrocken auf die schwarze Augenklappe, doch der Admiral schüttelte den Kopf.
"Nein, Pierre. Ich war nicht da, als ..."
"Pardon."
"Schon gut."
Peinliches Schweigen, dann runzelte Rheinhardt die Stirn.
"Das gibts doch nicht!", rief er.
"Admiral?"
"Können Sie sich noch an Oberst Kriegers Geschichte erinnern?" Ein Donner kündigte den nächsten Blitz an. "Der Offiziersabend, an dem mir die unterstellen Kommandeure vorgestellt wurden?"
"Oui." Davignon nickte. "Die Rätselbriefe aus Namibia."
Der Admiral nickte.
"Der Verweis auf 1. Samuel 17 des ersten Testaments, die Taschenuhr mit der Uhrzeit 08:19 und das Daumenkino mit dem Wort 'Leben', wenn ich mich recht erinnere."
"Was ist damit?"
Das Auge des Admirals funkelte nachdenklich die Wandkarte an.
"Wir müssen vorsichtig sein."
Der Colonel schaute ihn fragend an.
"Wieso denn das?"
"In der Stadt gibt es mehr Agenten als Minen und Bomben ...", murmelte der Admiral und fasste sich nachdenklich ans Kinn, während es hinter seiner Stirn zu arbeiten begann.
"Ich verstehe Sie nicht." Davignon schüttelte den Kopf. "Können sie sich erklären?"
Rheinhardt schaute belustigt zu seinem französischen Adjutanten.
"Das sind Hinweise, Pierre. Hinweise!"
Der Colonel schüttelte verwirrt den Kopf.
"Ich kann Ihnen immer noch nicht folgen", sagte er. "Hinweise worauf?"
"Auf dieses Jahr."
Der angekündigte Blitz schlug unweit des Gebäudes ein und tauchte das Zimmer in helles Licht.
"1950!"

***
Seiten: 1 2 3 4