Literatopia

Normale Version: Politisch korrekte Kinderliteratur
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Hallo ihr,

ich möchte eine Diskussion ins Forum tragen, die schon eine ganze Weile durch die Medien geistert. Es geht um die guten, alten Kinder- und Jugendbücher, die wohl doch nicht mehr so gut sind. Die Frankfurter Neue Presse berichtet, dass das „Negerlein“ aus der kleinen Hexe verschwinden soll und das aus Pippi Langstrumpfs „Negerkönig“ ein Südseekönig wird. Auch vor Enid Blyton macht die Modernisierung keinen Halt. So soll nicht nur Kinderspielzeug verschwinden, Charaktere umbenannt werden und auch die Aufgaben im Haushalt werden politisch Korrekt verteilt. (Quelle: Die Welt)

Im Focus wird angedeutet, dass Ottfried Preußler sich wohl lange gegen Änderungen gesträubt hat, sich aber dann wohl umentschieden hat. Und auch den Töchtern von Enid Blyton scheinen die Änderungen nicht unbedingt zu gefallen.

Aber: Was haltet ihr davon? Würden Fußnoten nicht ausreichen? Und wird den Eltern durch diese "Zensur" nicht die Aufgabe abgenommen, ihren Kindern solche Begriffe zu erklären? Nimmt die Modernisierung den Büchern nicht irgendwie ihren Charme, ihren Zeitgeist?

Liebe Grüße,
Lady
Hey Lady,

ich finde solche Modernisierungen unter dem Banner der Politischen Korrekheit übertrieben ...

Ersten machen sich Kinder wohl keinen Kopf, dass ein Wort rassistisch oder sexistisch sein könnte und zweitens obliegt es immer noch den Eltern, ihren Kindern die Welt zu erklären und ihnen beizubringen, dass manche Menschen sich an manchen Bezeichnungen stören. Ich glaube nicht, dass ein Kind zum Rassisten wird, weil es in einem Kinderbuch einen "Negerkönig" gibt.

Ich bin dafür, dass man gewisse Begriffe vermeidet, weil sie eine rassistische Bedeutung haben, aber historisch gab es auch Zeiten, in denen diese Worte keinen negativen Beiklang hatten. Da war es eben einfach nur eine Bezeichnung und es gehört zum Zeitgeist, den man nicht verfälschen sollte. Ich würde mich als Autor sehr daran stören, wenn in Zukunft jemand in meinen Werken herumzensiert.

Mein Gott, dann heißen halt zwei Figuren wie die slangmäßig so genannten Geschlechtsteile, aber das wissen die kleinen Kinder nicht. Und wenn sie groß genug sind und die Wörter als Slang überhaupt noch aktuell sind, dann lachen sie über diesen Zufall. Über die im Artikel angeführten Beispiele kann ich nur den Kopf schütteln, da hat es jemand mächtig übertrieben.

Sonst kann man ja anfangen, hunderte Namen zu ändern, weil sie in irgendeiner Sprache auf der Welt anstößig sind ...

Viele Grüße

- Zack
Moin.

Meine Güte, das ist ja wohl nicht deren Ernst. Mehr kann man dazu nicht sagen, hmm?

Fassungslosen Gruß,
Lehrling
Hallo zusammen.

Schöne heile weiße korrekte Welt - wer will sie denn nicht? Und wo wir schon mal dabei sind:

Unten steht eine Astrid-Lindgren-Serien-Reihe mit Editionsbüchern oder sowas.
Immer, wenn die Kinder beispielsweise Schokolade naschen, steht ein Sternchen (scusi) daneben mit einer Fußnote - die darauf hinweist, das Schokolade ja gar nicht gut für Kinder ist etc. pp.

War 'Neger' nicht mal ein korrekter Begriff - und 'Nigger' politisch/rassistisch verpönt?

Naja, egal was man dazu meint, es geht auch ohne unser Zutun. Und das ist gut so.

Man könnte auch fragen:
Wie lautete der berühmte erste Satz aus Herman Melvilles Roman Moby Dick?

*Tick-Tick-Tick*

Antwort: "Nennt mich Ismael."

Falsch: ( Mrgreen )

"Als ich vor einigen Jahren - wie lange es genau her ist tut wenig zur Sache - mit nichts in der Tasche ..."
(Anaconda-Verlag, Übersetzung Wilhelm Strüwer, 2012. Kleiner Text nach dem Schmutzumschlag: "Orthografie und Interpunktion wurden den Regeln und Empfehlungen der neuen Rechtschreibung angepasst, der Text an mehreren Stellen behutsam überarbeitet, das unterschiedliche Genus der Schiffsnamen beibehalten.")

(Damit wir uns richtig verstehen: 'Nennt mich Ismael taucht gar nicht auf.)

LGD.
Mittag ; )

In der Bäckerei bitte einen Mohrenkopf - Verzeihung.
Tatsächlich bin ich aber eine Spur zwiegespalten bei diesem Thema. Denn auf der einen Seite kann ich es schon nachvollziehen dass es Einwände gegen das Wort 'Neger' gibt. Ich denke, auch diese Bevölkerungsgruppen haben ein Anrecht darauf, so etwas kritisieren zu dürfen, wir würden uns auch nicht unbedingt gerne in älteren, weltweit verbreiteten Büchern als Sklaventreiber etc. bezeichnen lassen wollen.

Aber auf der anderen Seite finde ich die Auswüchse des Themas gelinde gesagt übertrieben. Enid Blyton umschreiben !? Ich habe noch die über 30 Jahre alten 5 Freunde - Ausgaben (Die dicken mit dem flachen Buchrücken, etwa solche: Bild ) meiner Mutter gelesen, die wir beide heiß und innig geliebt haben und es hat uns wohl kaum 'geschadet'. Ich denke, solche massenhaften Änderungen des Inhaltes gehen zu weit.

Wo will man dann die Grenze ziehen? Wie gesagt, bei 'Neger' kann ich das noch wage nach vollziehen, aber da hört es auch schon auf. Tendenziell kann man in jedem Buch unter Garantie etwas finden, dass Irgendwen stören wird.

Grüße,
sandy
Man könnte die Chose auch umdrehen: Alte Bücher mit Inhalten, die heute (ggf.) als anstößig empfunden werden, kann man Kindern doch gerade solche Probleme erklären, etwa die Problematik, dass früher der Begriff "Neger" entweder nicht so abwertend verwendet wurde oder dass es damals einen mehr oder minder latenten Rassismus gegeben hat, der sich in der Sprache niedergeschlagen hat. Kommt das Wort im Kinderbuch vor, bietet sich die Chance, dem Kind zu erklären, dass man das heute nicht mehr sagen soll.
Und diese Dick- bzw. Fanny-Geschichte ist ja völlig lachhaft. Ok, es ist schon ein drolliger Zufall, dass beide Begriffe als Namen in ein und demselben Buch vorkommen. Andererseits lässt sich bspw. G.W. Bushs Vizepräsident Cheney auch nicht Richard oder Rick rufen, sondern weiterhin Dick, und in den Ämtern, die er bekleidet hat, dürfte das vielen Spöttern gefallen haben. Also mal ehrlich, so what?!
Literatur verkörpert Zeitgeist, den darf man aus Respekt vor dem Autor nicht einfach wegfeilen, finde ich. Ist ein Buch irgendwann untragbar geworden aus politischen oder gesellschaftlichen Gründen, dann liest man es eben nicht mehr, oder man diskutiert darüber. Ändern geht nicht.
Also zum Thema politisch Korrekte Kinderliteratur kann ich nur eines sagen: Quatsch!

Für mich sind gerade die Originalversionen wertvoll. Diverse Nachdrucke, wo ich dann anstatt Vertrautem plötzlich lächerliche Umschreibungen finde, landen sofort im Müll, sollte ich doch so etwas versehentlich gekauft haben.
Mein Sohn(11 Jahre alt) weiß schon welche Worte heute in der Öffentlichkeit eher problematisch sein können, aber lesen will er sie dennoch, weil es Teil unserer Kultur ist. Warum sollte auch plötzlich unsere Herkunft verleugnet werden?
Vielleicht bin ich da etwas altmodischer als andere, aber wenn Werke eines alten Autors in dieser Art zensuriert werden, dann kann man sie gleich ganz verbieten, denn das ist nur der nächste logische Schritt...
Hallo an alle,

diese politische Überkorrektheit ist eine Krankheit. Das beginnt bei Gästinnen und frau (statt man) und endet in dieser Umschreibwut. Das sind Bücher - Kunstwerke. Es wird ja auch niemand plötzlich anfangen, Bilder umzumalen, um nackte Frauen zu verhüllen oder Schwarze vom Baumwollfeld zu holen - weil es eben nun mal so war.

@ Sandy
Zitat:In der Bäckerei bitte einen Mohrenkopf - Verzeihung.
Tatsächlich bin ich aber eine Spur zwiegespalten bei diesem Thema. Denn auf der einen Seite kann ich es schon nachvollziehen dass es Einwände gegen das Wort 'Neger' gibt. Ich denke, auch diese Bevölkerungsgruppen haben ein Anrecht darauf, so etwas kritisieren zu dürfen, wir würden uns auch nicht unbedingt gerne in älteren, weltweit verbreiteten Büchern als Sklaventreiber etc. bezeichnen lassen wollen.
-- Da muss ich wiedersprechen. In älteren Büchern stehen wir als Sklaventreiber und Nazis und das zu recht! Denn so war es nun einmal. Dies zu ändern, würde bedeuten, die Geschichte zu verfälschen! Und das ist es, was hier getan wird: Verfälschung von Zeitgeschichte/ Zeitkultur.

Es mag Ausnahmen geben, wenn man zum Beispiel sperrige Texte so anpasst, dass sie sich flüssiger Lesen lassen. Aber hier geht es um Lesbarkeit und darum, alte Werke einen jungen Publikum schmackhaft zu machen. Das kann man nicht vergleichen.

Ich denke, die Welt hat wirklich wichtigere Probleme als sich um solch einen Unsinn zu kümmern. Das erinnert mich an die Diskussion in den USA, warum den Santa Clause/ Jesus weiß ist. wallbash

Ich sage nur, schöne neue Welt, die solche "Probleme" löst.

Adsartha
Was ich mich aber frage ist, inwiefern das Gesamt-Kunstwerk wirklich davon geändert wird, dass einige Worte ausgetauscht werden?

Wenn aus Pippi-Langstrumpfs Vater plötzlich ein Südseekönig wird, dann wird das wohl niemandem groß auffallen, der kein Pippi-Langstrumpf-Fanaktiker ist.
Einfach aus dem Grund, dass sich die Rolle, die er dann in der Geschichte spielt, kaum bis garnicht ändert.
Anders ist es, wenn sich Dinge, die für die Handlung relevant sind, ändern.
Zitat:Wenn aus Pippi-Langstrumpfs Vater plötzlich ein Südseekönig wird, dann wird das wohl niemandem groß auffallen, der kein Pippi-Langstrumpf-Fanaktiker ist.
Hallo Rothyd von Sobey,
ich würde das anders formulieren:
Warum darf die kleine Pippi ihren Vater nicht als Negerkönig bezeichnen, war doch dieses Wort zur damaligen Zeit einfache Umgangssprache, und somit passend zur Zeitepoche!

Wenn wir heute einen Roman über eine andere Zeitepoche schreiben, dann versuchen doch auch viele Autoren, wenigstens ein paar Ausdrücke jener Zeitepoche zu verwenden, die gerade beschrieben wird, um authentischer zu schreiben.

Und wenn ich eine Geschichte über alte Sklaventransporte in die Karibik schreibe, soll ich dann Deiner Meinung nach anstatt Neger oder Sklave ...? was schreiben, waren doch diese Worte noch bis vor relativ kurzer Zeit sehr verbreitet. Und ich will gar nicht wissen, wie uns Schwarzafrikaner so alles bezeichnen. Es stört mich auch nicht weiter, denn Sprache wächst eben, aber man sollte deshalb nicht alte eindeutige Definitionen einfach zensurieren, nur weil sie plötzlich den modernen GesinnungsgenossInnen der politischen Korrektheit entgegen stehen.

So wie Adsartha richtig bemerkt, hätte ich auch nichts dagegen, wenn jemand Österreicher oder Deutsche als Nazis bezeichnet, wenn es um eine Geschichte in jener Zeit geht, denn jede Zeitepoche hat ihre speziellen Ausdrücke, und die sollten auch im Sinne der Verdeutlichung beibehalten werden.(Oder wird bei deutschen Filmsynchronisationen dieses Wort etwa zensuriert? Wäre doch lächerlich)

Das heißt jetzt natürlich nicht, dass man in der heutigen Zeit unbedingt diese alten Ausdrücke verwenden sollte, wenn sie nicht mehr zeitgemäß sind... Icon_smile
Aber deshalb alte Werke umschreiben zu lassen geht doch eindeutig zu weit, meiner Ansicht nach.
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