Literatopia

Normale Version: Das Lefavre-Experiment
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Der Fremde

Camille beschlich das ungute Gefühl einen unglaublich großen Fehler begehen zu werden. Sie konnte sich das merkwürdige Gefühl nicht anders erklären, welches mit den zarten Beinen einer Spinne über ihre Haut zu wandern schien.
Doch die Neugier besiegte ihren Instinkt. Diese fatale Charaktereigenschaft hatte ihr schon das ein oder andere Mal großen Ärger eingebracht. Camille gehörte schon immer zu den sprunghaften Menschen, zu all denen die erst dann ihr Gehirn einschalteten, wenn sie in Schwierigkeiten geraten waren.
Jetzt jedenfalls war ihre Erschöpfung wie weggeblasen, sie machte einen unbeholfenen Schritt nach dem anderen und tappte langsam in die Höhle herein.
Plötzlich hörte sie es Knacken, gefolgt von leise unterdrücktem Wimmern. Ihr Puls beschleunigte sich.
Zaghafter als zuvor wagte sie sich weiter hinein.
Eine unerwartete Schwüle schlug ihr entgegen, machte es einen winzigen Augenblick unmöglich zu atmen. Die Höhle wurde Camille zunehmend bedrückender. Das vom Eingang hereinfallende Licht malte mit gekonnter Hand Furcht einflößende Fratzen auf die unebenen Felswände. Die Schatten bewegten sich im Licht des Tages, als gehörte jeder von ihnen zu einem festgelegten Theaterstück, welches sich immer wieder von Beginn an wiederholt.
Camille strich langsam an der feuchten Wand entlang, jederzeit bereit sich notfalls abzustützen, falls ihre eigentümlichen Beine sie nicht mehr tragen würden.
Camilles Atmen stockte, als sie die Kreatur erblickte, die da auf sie zu gekrochen kam. Halb kriechen, halb gehen und immer begleitet von leisen Schluchzern des Schmerzes. Es war ein grotesker Anblick, der sich ihr bot. Ein Anblick, der ihr Herz so mit Trauer und Schmerz füllte, dass sie glaubte, in Tränen ausbrechen zu müssen.
Monster, schoss es ihr durch den Kopf und eine elementare Angst begann, sich in ihr auszubreiten. Als sich ihre Blicke jedoch im Halbdunkel der Höhle trafen, erkannte sie in seinen Augen nicht mehr als die Verwirrung, die auch aus ihren Augen sprechen musste. Sie sah keine Mordgier oder den für Ungeheuer typischen Wahnsinn, sondern glaubte nur, das verräterische Glitzern von Tränen in ihnen zu sehen. Wie versteinert stand sie da, unfähig auch nur einen Fuß zu bewegen. Ihre Gedanken rasten und überschlugen sich: Nicht allein! Nicht allein! Nicht allein! , hallte es wie eine dumpf klingende Melodie in ihrem Kopf. Zögernd streckte sie die Hand nach ihm aus.
Ganz behutsam nur, doch die Kreatur vor ihr zuckte erst zurück und … schnappte dann nach ihren Fingern. Um ein Haar biss er ihr ein Stück Fleisch heraus und das er dies getan hätte, daran zögerte sie nicht eine Sekunde.
Bei genauerem Betrachten fielen ihr nicht nur die glänzenden, über seinen Schädel verlaufenden Schuppen auf, sondern auch die zwischenzeitlich hervorblitzende gespaltene Zunge.
Sein Körper war missgestaltet, entstellter als es selbst ihrer war. Was bei ihr nur die Beine und einen Teil der Arme betraf, war bei ihm überall verändert. Ein leises und heiseres Entschuldigung riss sie aus ihren Gedanken. Völlig entgeistert starrte sie den Mann ihr gegenüber an.
„Ich wollte dich nicht beißen! Es ist nur…“, seine Stimme brach weg.
Camille sah in sein Gesicht und erkannte darin die Aufrichtigkeit seiner Worte. Ihr fiel auf, dass er in sauberem Französisch sprach. Ihren Gedanken fügte sie hinzu, dass er eine erstklassige Bildung genossen haben musste.
Zögernd setzte sie selbst an: „Ich heiße Camille. Camille Bertoulle…Wo sind wir?“
„Ich glaube es ist Zeit das herauszufinden. Ich bin Alban Hérissan.“, sagte er in feierlicheren Ton, als es die aussichtslose Situation erlaubte.
Albans erster Gedanke, als er Camille gesehen hatte, war Ekel gewesen. Dann erst war ihm aufgefallen, dass er ebenso Monster war wie sie, ja noch viel mehr. Die Frau hatte geradezu eine seltsame Schönheit an sich und trotz ihrer monströsen Gliedmaßen eine Grazie, wie sie ihm früher einmal gefallen hätte. Aber am Wichtigsten war, dass er in ihren Augen denselben Schmerz erkannt hatte, der auch in ihm tief verankert war; den Schmerz einer verlorenen Identität.
Trotzdem vertraute er ihr nicht - kein bisschen. Ein Teil von ihm hatte sich nur mit dem Angriff zurückgehalten, weil er nicht sicher war, ob er gewinnen würde. Er wusste nicht, wie gut er mit seinem neuen Körper umgehen konnte.
Seine neue Situation war beängstigend, ja, doch er war bisher mit Allem klargekommen. Zum ersten Mal begann er zu überlegen, ob seine neue Situation vielleicht auch Gutes mit sich brachte. Das Gefühl, als er die Ratte getötet hatte, ließ ihn nicht mehr los. Es war ein Gefühl von Macht, das er bisher so nie empfunden hatte. Die Macht des Todes.
Dennoch, er musste vorsichtig bleiben und sich vorerst mit Camille gut stellen. Später würde er weitersehen. Er brauchte nun den Intellekt eines Menschen und die List einer Schlange um zu überleben.
Er hörte sie etwas sagen.
"Was ist?"
"Ich sagte, es könnte vielleicht andere Überlebende geben. Wir sollten nach ihnen suchen."
"Du könntest recht haben. Aber was ist, wenn sie gefährlich sind? Lass uns erst mal einen Unterschlupf suchen. Danach sehen wir weiter."
Lange Schatten lagen über der Insel, als Åke erwachte. Das Hämmern in seinem Kopf hatte sich gelegt, dafür war die Stille um ihn herum umso erdrückender geworden. Kein Lüftchen regte sich. In der Ferne trieben ein paar Wolkenfetzen im unendlichen Blau eines abendlichen Himmels. Während Åke angestrengt die trägen Segler fixierte, wobei ihm ein Auge immer wieder zu entgleiten suchte, lauschte er in seinen Körper und erstellte er eine Inventur seines Zustandes.
An sich herabzusehen wagte er indes nicht.
Da war sein linker Fuß, die Zehen, die gegen den rauen Stoff des Segeltuchs stießen, als er mit ihnen wackelte. Im Knie darüber saß ein dumpfes Gefühl, eine ungewisse Taubheit. Er wagte es dennoch, das Bein anzuwinkeln, nur um festzustellen, dass sich das Bein zwar bewegte, aber nicht so wie es sollte! Schabend schoben sich die Knochen des Gelenks in eine unmögliche seitliche Richtung. Mit panisch klopfendem Herzen hielt er inne und wandte sich dem anderen Bein zu. Hier arbeitete das Knie normal, knickte mühelos um einige Grad an der Körperachse entlang, wie es sich gehörte. Als er mit den Zehen wackeln wollte, merkte er zuerst, dass da kein Widerstand war – das Tuch seines Schuhs einfach verschwunden -, dann, dass er keine Zehen mehr besaß. Wo einst fünf recht bewegliche Glieder gesessen hatten, bewegte sich nun eine einheitliche Masse. Geschmeidig und viel weiter, als es ihm für möglich erschien.
Zitternd fuhr er sich mit der Rechten durch das Haar. Als er die Hand zurückzog, hingen helle Fasern, darin, die ihn an dünnes Heu erinnerten. Es musste dem Sturz geschuldet sein, dass er mehrere Sekunden brauchte, bis ihm dämmerte, was er in Händen hielt.
Als er schreiend emporfuhr, fuhr ein reißender Schmerz seine Wirbelsäule entlang. Åke beachtete ihn nicht, konnte nur auf seine Hand starren und das Büschel Haare darin. Konnte nicht aufhören mit Schreien.
Sie fanden bald eine geeignete Stelle. Unter einem kleinen Steinvorsprung, der umgeben von Bäumen war, nahmen sie platz. Zu zwei Richtungen ging der Waldboden steil bergab, in die dritte Richtung stieg er an. Und in der vierten Richtung umgab die Felswand den Vorsprung. Ein gut geschützter Platz. Der Boden war ein wenig nass, was Alban sehr zugute kam. Weil er im Schneidersitz sofort zusammengebrochen wäre, setzte er sich auf die Knie. Camille schaffte sich mit erstaunlicher Kraft einen halbwegs trockenen Stein heran, auf dem sie sich niederließ. Dann saßen sie einfach nur da. Keiner von beiden verspürte das Bedürfnis etwas zu sagen – nicht um Zeit für sich zu haben, sondern weil bereits der Anflug einer Rede fröhlicher gewirkt hätte als sie sich fühlten. Alban bemühte sich, über nichts nachzudenken, doch er konnte nichts gegen die Bilder tun, die sich in seinem Kopf aufbauten: die Partys, die Frauen und – nicht zuletzt – eine Wohnung, in Schutt und Asche gelegt. Ein brennendes Gebäude, aus dem Menschen wie Wesen der Hölle flohen.
„Ich bin froh, dass du hier bist.“ Es war Camille und er nahm sich zum ersten Mal Zeit, sie wirklich zu beobachten. Wenn man von ihrem Körper absah, den Klauen und Krallen, war sie noch menschlich. Sie sprach ein sauberes Französisch mit Einschlägen der Normandie. Ein Mädchen vom Lande.
„Ich auch.“ Und er merkte, dass das wahr war.
Wieder legte sich das Schweigen wie eine vom Wind gehobene Feder.
Schließlich richtete er sich auf. „Ich denke, wir sollten mehr über unsere Lage herausfinden.“
„Und einander kennenlernen.“
„Ja, das auch. Aber das kann warten.“ Ich kann warten.
Camille wollte etwas einwenden, doch sagte schließlich nur: „Wie du meinst. Zumindest aber solltest du mir erzählen, ob du etwas weißt oder kannst, was uns helfen würde.“
Er bewunderte Camilles Ruhe, ihren freundlichen Ton und so beschloss er, so schmerzhaft es auch war, von sich zu erzählen. „Ich … mein Name ist Alban Hérissan. Ich bin Sohn eines Unternehmers. Und ich habe drei Jahre lang Alchemie der Elemente studiert, bevor ich abgebrochen … wurde.“
„Klingt nach einem aufregenden Leben. Tja, was soll ich sagen, ich wurde in Fécamp geboren und bin nie sonderlich weit gekommen. Aber es war ein glückliches Leben und ich vermisse es.“
„Das würde ich auch“, sagte er heiser. Bleib ehrlich. „Nein, würde ich nicht. Hätte ich es, würde ich es nicht schätzen.“
„Du bist ehrlich. Ich mag das.“ Sie rückte näher an ihn ran.
Ich weiß nicht, warum, aber aus irgendeinem Grund hat sie sich entschlossen, mir zu vertrauen. Für einen Moment vergaß er ihre Klauen und Hufe. Für einen Moment interessierten sie ihn nicht. Er sah nur diese Augen. Die Augen, die mehr Mensch zeigten als der ganze restliche Körper. Sie erwiderte den Blick, scheu, doch herausfordernd.
Er atmete aus, wollte etwas sagen, doch ihm fiel nichts ein. Warum nur? Warum fange ich an sie zu mögen? Es wird im Chaos enden. Es endet immer im Chaos.
In diesem Moment drang ein Hall an seine Ohren und die Spannung zwischen ihnen löste sich auf. Wie das leichte Erzittern durch ein fernes Erdbeben schwang die Luft.
„Hörst du das auch?“, fragte er.
„Ja“, hauchte sie und Angst schlich sich in ihre Stimme. „Was ist das?“
Wieso fragt sie mich? Wieso vertraut sie mir? Die Frau war ihm ein Rätsel.
Er schüttelte sich innerlich. Es gab wahrlich Wichtigeres zu tun. Wahrscheinlich war das Geräusch ungefährlich, doch – nein. Irgendwoher weiß ich, dass etwas Gefährliches im Gange ist. Er verspürte Angst und seine Beine zitterten unruhig. „Ich weiß es nicht. Es klingt wie ein gewaltiges …“
„Tier?“ Camille sprach aus, was er tatsächlich gedacht hatte. Wieder erbebte die Luft, diesmal deutlich stärker. Der Fels über ihm zitterte.
„Wir bleiben hier“, entschied er. „Hier kommt es nur schwer hin.“
„Sicher? Alban, ich weiß nicht. Ich …“ Die Hölle brach über sie herein. Das Geräusch, das zunächst seine Ohren irritiert hatte, bereitete ihm nun üble Kopfschmerzen. Er drehte sich nach oben und sah eine groteske brennende Gestalt über ihnen fliegen. Die Arme waren unnatürlich langgezogen und der Körper schien wie gekreuzigt an eine Tiergestalt, die viel zu groß für ihn war. Ein Drache! Der Fels über ihnen knackte. Ohne zu zögern, sprang er weg, in Richtung Abhang, während gleichzeitig Feuer vom Himmel fiel und er etwas Schweres hinter sich auf dem Waldboden aufprallen hörte. Er strauchelte und stürzte, ignorierte die Schmerzen und rappelte sich sofort wieder auf. Er wollte voran in Richtung Abgrund springen – die Froschschenkel trugen ihn weiter als seine normalen Beine -, doch aus einem Impuls heraus drehte er sich um. Alchemisches Feuer hatte die Erde in Brand gesetzt. Er blinzelte mit den Augen und hyperventilierte. Einige Sekunden war er weder fähig sich zu bewegen noch irgendetwas zu unternehmen. Dann schüttelte er sich. Sein Blick fiel auf Camille. Ihre Beine waren augenscheinlich von einem massiven Felsblock getroffen worden, der sie gefangen hielt. Ihre Augen sahen flehend zu ihm auf.
Er hörte, wie die Schwingungen wieder lauter wurden. Der Drache kam näher. Seine Angst schwoll an. Er – oder zumindest ein Teil von ihm – wollte ihr helfen. Er machte einen hüpfenden, zögerlichen Schritt zu ihr hin, doch die Panik bremste ihn. Er begriff seine übermächtige Furcht, einen Moment, bevor er einen gewaltigen Sprung in Richtung des Abhangs machte, nein, beinahe über ihn hinaus. Er strauchelte und in der Fallbewegung drehte er nochmals seinen Kopf. Die Angst und Verwirrung in Camilles Augen brannten sich in sein Gedächtnis ein. Dann verlor er die Sicht. Er prallte auf, seine Beine stießen sich wieder vom Boden ab und beschleunigten so die Fahrt nach unten. Gemeinsam mit Erde, Panik und Selbsthass fiel er den Wald hinab, bis der Schmerz ihn überwältigte und er das Bewusstsein verlor.
Schrecken in der Dunkelheit

Wie ein Hoffnungsschimmer fiel etwas Zwielicht in die fremde Zelle und hob grob die Umrisse einer flügelumspannten Gestalt aus dem Dunkel hervor. Friedas Herz klopfte und im Stummen griff sie zu den Gebeten, die aus den Tagen ihrer Kindheit wieder zu ihr fanden.
"Danke, Herr", flüsterte sie und stolperte weiter in die Zelle, um zu dem Engel zu gelangen, den ihr irgendein gütiges Schicksal gesandt haben musste. Als sie sich in einer gewohnten Geste am Türrahmen abstoßen wollte, knackte ihre missgestaltete Hand und jagte Schmerz hinunter in den übrig gebliebenen Fingerzeig. Mit dem Schmerz rutschte auch einer ihrer Handschuhe - ohnehin nur noch locker um das Gelenk zusammengefallener Stoff - zu Boden. In einem zuckenden Reflex ruckte sie ihren Kopf in die Richtung und in ihrem Kopf kämpfte die Welt um Gleichgewicht, als das ungewohnte Abbild um sie herum verschwamm. Nur einen winzigen Sekundenbruchteil, dann war das Bild wieder scharf und sie sah den Fetzen bleichen Stoff auf dem grauen Boden liegen.
Ich werde ihn nicht aufheben können, dachte sie, denn schon die geringste Bewegung lastete schwer auf ihrem Körper und ließ ihn ungesund knacken. Ihre Hilflosigkeit erkennend kehrte die gerade erst mühsam bezähmte Angst zurück und Frieda wandte den Kopf wieder um. Ein Schluchzen verwandelte sich in ihrem Mund in ein krächzendes, keuchendes Irgendetwas, das gerade so über ihre versteinerten Lippen kam.
Engel. Sie klammerte sich an dem Gedanken fest und bewegte ihren Kopf, um sehen zu können, so gut sie es in ihrer Lage vermochte.
Dann zitterte die Spitze des Flügels, den sie sicher gedeutet hatte, und schliff in einer Rührung der Gestalt über den Boden. Frieda erstarrte. Im ersten Moment war sie sich nicht sicher, ob sie sich das Zucken nur eingebildet hatte, doch dann kam Bewegung in die Dunkelheit. Mit einem Laut, der nach einem Stöhnen klang, bewegten sich die Schwingen der Gestalt - zogen sich wie eigene Lebewesen zurück, nur um im nächsten Moment mit beeindruckender Geschwindigkeit einen Windstoß durch die Zelle zu wirbeln und ihren Besitzer von nun auf jetzt in eine geduckte Haltung zu bringen.
Frieda wich zurück, behäbig und schwerfällig dank ihrer Schuhe und der unnachgiebigen Korsage, und starrte für einen Sekundenbruchteil in ein Paar Augen, das im Dunkeln glänzend zurückstarrte. Gespenstisch wirkte der Blick, wie der eines Dämons, und eine Gänsehaut jagte über Friedas Rücken und Arme. Die Hoffnung, die eben noch ihre Funken in die Zelle geworfen hatte, verwandelte sich in Entsetzen, als die Gestalt sich mitsamt ihrer beeindruckenden Schwingen zögerlich in ihre Richtung beugte. Während sich die vordere in Anspannung ausbreitete, war die hintere halb verborgen und schien mehr als groteske Verformung herabzuhängen. Schatten und Stein untermalten den Moment des Zögerns. Frieda blickte, gefesselt von Schreck, auf die halb aufgerichtete Gestalt, die sich wie ein Gargoyle vor ihr manifestiert hatte - und mit ihr eine plötzliche, panische Angst.
Flieh, wisperte eine neue Stimme in Friedas Kopf. Sofort!
Frieda kam kaum dazu, sich zu fragen, wo diese Stimme herkam, denn die im Dunkeln glänzenden Augen bewegten sich mit einem Mal. Wie fragend legte die schattenhafte Gestalt ihren Kopf schief und blinzelte. Einmal. Dann stieß sie ein Kreischen aus und katapultierte sich mit einem heftigen Flügelschlag in die Luft. Friedas Verstand schaltete sich sofort aus und sie warf sich herum. Ihr Fußknöchel protestierte heftig und als sie sich mit aller Kraft über die Türschwelle warf, wusste sie, dass sie fallen würde. Sie riss die Arme hoch, um ihr Gesicht zu schützen, und hörte das Krachen, bevor der Schmerz wie ein Blitz ihren Körper durchfuhr. Von ihrem linken Handgelenk aus eroberte er ihren Arm bis in die Schulter, dazu ertönte hinter ihr das schwere Aufprallgeräusch der gargoylehaften Gestalt, und Frieda schrie. Sie schrie, so laut sie konnte, noch während sie mit bloßen Grau vor den Augen sich weiterschleppte. Irgendwie kam sie wieder auf die Beine und hatte nur einen Gedanken - weg hier, bloß weg hier!
Der Gang verschwamm, nach vorne konnte sie kaum sehen. Sie stieß gegen Pfeiler, die aus dem Nichts vor ihr auftauchten, prallte schmerzhaft gegen Wände und polterte schließlich an eine Tür, die ihrem Gewicht nachgab. Dahinter zuckte blaues Licht in kleinen Blitzen, die sich an Rohre und fahles Licht klammerten, doch sie nahm den Raum kaum wahr. Mit Schmerz in allen Gliedern fiel Frieda erneut und fand diesmal ein vor ihren Augen verschwimmendes Pult, über dessen Oberseite ein paar blaue Funken sprangen. Sie kroch dahinter und sackte in sich zusammen, sicher, dass sie sterben würde.
Beute

Sanft kitzelten sie die Strahlen einer kaum wahrnehmbaren Dämmerung und zerrissen die lärmende Dunkelheit um sie herum. Knacken.
Die Heimatgemälde von Gletschern und den kargen, windgepeitschten Gräsern wurden verdrängt von Abbildern knirschender, brechender Knochen, dem Geschmack von Blut auf ihrer Zunge, untermalt vom verängstigten Quietschen hilfloser Beute. Fjóla erinnerte sich an die Mäuse, die manchmal über die Holzbohlen in der Küche huschten, Mäuse, die sie früher immer erheitert hatten. Doch nun nagte der Gedanke als Hunger in ihrem Magen und breitete sich langsam zu ihrem einzigen Daseinszweck aus.
Das Trappeln der winzigen Pfoten, ein leichtes Schnuppern mit dem Näschen. Das Fell vibriert vor Lebendigkeit und beinahe kann sie das Blut sehen, das darunter pulsiert, das Fleisch, das ihren Magen füllen wird. Die Augen sind völlig auf den Fischabfall neben dem gaflar gerichtet, es besteht keine Gefahr, dass sie frühzeitig entdeckt wird.
Augen. Fjóla hob den Kopf und kniff ihre nutzlos gewordenen Augen zusammen, wie um herauszufinden, ob ihre Sicht sich dadurch bessern würde. Es half nicht, nur das Verlangen nach Mäusen wurde größer und beunruhigender. Sie war Fjóla, ein Mädchen von neun Sommern, und befand sich –
Ich – ich weiß nicht, wo ich bin. Die schockierende Wahrheit des Gedankens entfaltete sich zwischen den enger rückenden Wänden der Zelle und umschlossen Fjóla wie die Fänge eines Gerfalkens seine Beute. Das hier ist nicht Island, wurde ihr klar, das Rauschen da draußen ist nicht das Rauschen der Skeiðará. Das hier ist –
Und ich bin anders.

Die Wucht der Erkenntnis hob den Boden an und tunkte ihren befiederten Arm in Feuchtigkeit, was ihn noch schwerer machte. Nein, schrie es in ihr, was ist passiert? Wo ist der Gletscher, unser gaflar, Mama, Papa? Worte schälten sich aus ihrer Angst, Worte, die die Kraft der Heimat in sich trugen.
Heyr, himna …
Die violett schimmernden Lachen auf dem Boden gewannen an Kontur und plötzlich erkannte sie ihre Bedeutung. Wasser. Wo es Wasser gibt, gibt es auch Beute. Ihr Körper gehörte nicht ihr, als Fjóla sich aufrichtete und mit einem Ächzen auf die Beine kam. Ihre Füße fühlten sich unsicher an, wie rutschige Felsbrocken, starr und unbewegliche wie erkaltete Lava. Doch sie stand, halb auf die ihren Flügel-Arm gestützt, halb gegen die nächste Wand gelehnt, die ihr grauenvolle Geschichten der Enge zumurmelte, halb unter der Hand, wie eine Erzählung, die sie eigentlich gar nicht hören sollte. Fjóla musste aus der Zelle, wisperte der kalte Stein, hinaus in das Schimmern und Rauschen und den Luftzug. Sie blickte auf.
Augen. Die Dämmerung starrte zurück, jagte sie rückwärts in die Ecken ihrer Zelle, die ihr sicherer erschienen als die freie Fläche davor. Hunger. Und Augen, die sich mit den Fischabfällen beschäftigen … Beute.
Langsam kroch sie wieder nach vorne, gebeugt unter der Last ihrer Flügel, Kraft sammelnd für den Todesstoß und angelockt von dem Grauen in den Augen ihres Gegenübers. Verlangen sammelte sich in den steifen Krallen ihrer Füße, bereit, sie zu biegen und zu brechen, um das Glänzen aus diesen Augen zu pressen und damit die Leere in ihr zu füllen.
Die Maus hat den Schatten bemerkt, der hinter ihr lauert, wendet sich um und erstarrt im Angesicht ihres Jägers. Doch die Jagd wird nicht erfolgreich sein, wenn sie auf dem Boden lauert, sie muss –
Fjóla hob die Arme und sprang mit einem Kreischen in die Luft. Für einen Moment schwebte sie, spürte den Jubel in sich, versuchte, nach vorn zu gelangen, um zuzustoßen, doch dann sprudelten die Flüssigkeiten gleich einem Geysir in die Höhe und umschlossen sie, um sie wie die Skeiðará zu ertränken. Diesmal würde es gelingen, sie strampelte, ruderte mit Armen und Beinen, stieß an Felsbrocken und erstickte –
Schreie, Trampeln. Der Grimsvötn spuckt und raucht, keucht letzte Schwaden aus und schickt die Pferde in einem entsetzten Gewühl davon. Sie werden zurückkehren, wenn der Fluss wieder gesunken ist, so ist es immer gewesen. Doch das lauter werdende Rauschen kündet von einem Unheil, das ihnen den Rückweg abschneiden wird. Die Asche verdunkelt den Himmel und beerdigt schwarz die Sonne.
Fjóla wusste nicht mehr, wie lange sie im Violett des Wassers gelegen hatte, als die Feuchtigkeit ihre Federn verklebte und ihren pochenden Körper in eine aufrechte Position zwang. Die Augen vor der Zelle waren nun verschwunden, vielleicht waren sie Einbildung gewesen wie diese Maus und das Verlangen, sie zu fangen. Es musste Einbildung gewesen sein, eine Einbildung in der Einbildung, denn nichts anderes konnte dieser Körper sein, in dem sie steckte. Morgen würde sie in ihrem Bett aufwachen, den salzfischigen Geruch des Meeres und die raue Note der Asche einatmen und die Gräser mit den Pferden niederreiten, begleitet von den Rufen der Möwen und Falken und Papageientauchern. Normalerweise wachte sie immer auf, wenn ihr etwas vollkommen Seltsames geschah, doch offenbar war ihre Verwandlung noch nicht seltsam genug. Was konnte draußen auf sie warten, außer einem Anlass zum Aufwachen?
Sie kämpfte sich auf die Füße und wunderte sich darüber, wie schnell es vorhin gegangen war. Was hatte sie nur so angetrieben? Die Augen. Der Hunger. Ein sanfter Schimmer desselben Gefühls kroch über ihre Haut und ließ sie schaudern. Mäuse. Was würde ich nur für eine Maus geben. Hier müssen doch irgendwo welche sein, was sonst konnte es vorhin gewesen sein? Langsam kroch sie los, den schweren Flügel-Arm hinter sich her schleifend, und taumelte durch eine neue Lücke in den Gitterstäben, gerade groß genug für ihren nun unförmig befiederten Körper. Das Violett, das sie auf Wasser auf dem Boden hinwies, zog sich einen Gang entlang, in dem das Rauschen immer lauter wurde.
Atmen. Stoßweise gehender Atem ließ sie auf eine Öffnung in den Wänden aufmerksam werden und erneut meldete sich das Verlangen nach etwas, das ihren Magen füllen könnte, nach Beute. Beinahe sah sie die Maus wieder, als sie über Holztrümmer in einen düsteren Raum kletterte, dem Atemgeräusch folgend. Es gab kein Wasser hier, fiel Fjóla mit dem Fehlen der violetten Flecken auf dem Boden auf, das wenige, was sie von ihrer Umgebung erkennen konnte, beschränkte sich damit auf verschwommene Flecke in Einheitsdunkel. Ihre Federn untermalten den Takt ihrer Schritte, näherten sich stetig dem Geräusch, bis einzelne violette Flecken sie von ihrem Weg weglockten. Flüssigkeit, kein Wasser, wie ihr die dunklere Farbe mitteilte, eher etwas Dickeres, etwas, das trocknete. Beute, flüsterte der kräftiger werdende Hunger und bäumte sich auf, als sie den Farbton des Violetts erkannte.
Dann stießen die Krallen an ihren steifen, deformierten Füßen an lebloses, weiches Fleisch, rutschten ab und verloren den Halt auf dem glitschigen Boden. Als die Dunkelheit wieder nach ihr griff, schmeckte sie Blut.
Verrat

Es gab Momente, in denen die Zeit stillstand.
Ich werde sterben.
In diesem Augenblick sah sie alles wie eingefroren- den Felsbrocken, der auf sie herabstürzte, das Drachenwesen, das sein Feuer auf die Erde niederregnen ließ und Alban, in dessen Augen blanke Furcht geschrieben stand.

Camille stolperte und fiel. Die warme Erde drückte sich in ihre Handflächen und sie konnte den Blick nicht von dem Brocken abwenden, der auf sie zufiel. Wie gelähmt saß sie auf dem Boden, die Angst machte ihre Beine steif. Sie wartete auf den Tod.
Der Felsen schlug auf und ihre lahmen Beine befanden sich genau darunter, Camille wartete auf den Schmerz, auf die Gewissheit, dass ihre Zukunft verloren war.
Doch es folgte kein Schmerz.
Sie traute sich kaum zu atmen, langsam öffnete sie die fest geschlossenen Lieder und sah mit traumwandlerischer Sicherheit direkt in Albans Gesicht.
Er sah sie an und schien mit sich zu ringen. Er muss mir einfach helfen. Dann drehte er sich um und verschwand mit einem kräftigen Satz aus ihrem Gesichtsfeld.
Verrat schoss es ihr durch den Kopf und Tränen sammelten sich in ihren Augen. Ihr Herz krampfte sich zusammen, sie hatte ihm vertraut! Er hatte sie zurückgelassen, um sie sterben zu lassen, denn er konnte ja nicht wissen, dass ihre Beine in Ordnung zu seien schienen.
Er hatte sie verlassen, um sich selbst zu retten, um sein Leben zu schützen.
Und ich dachte, er ist mein Freund.
Camilles schluckte heftig und Trauer füllte ihr Herz, Angst schnürte ihr die Kehle zu.
Das Drachenwesen befand sich weiterhin unmittelbar über ihr und sie war gefangen. Ihre Beine nutzlos eingeklemmt zwischen einer kleinen Kuhle in der Erde und einem massiven Steinblock. Sie wollte schreien, doch alles, was ihrer wunden Kehle entsprang, war ein leises Wimmern.
Sie schloss die Augen und lehnte ihr Gesicht an den Felsen. Sie wollte den Himmel nicht sehen, wohl wissend, dass dort oben ein Monster flog, wie sie es noch nie gesehen hatte.
Camille wollte leben, sie wollte sie sein, sie wollte frei sein.- Also musste sie warten und sich ruhig verhalten.
Raue Ecken drückten sich in ihre Haut und Tränen benetzten ihre Wangen.
Sie weinte in Todesangst, in Einsamkeit. Und sie konnte Albans Blick nicht vergessen, wie er sie angeschaut hatte, Angst und Wut, Mitleid und der eigene Wille zu überleben, hatten in ihnen gekämpft. Doch am Ende hatte er sich entscheiden. Für sein Leben und gegen sie.

Sie sah ihr Gesicht im Spiegel. Sie sah wunderschön aus, glaubte sie den Worten ihrer Mutter. Liebevoll kämmte diese ihre Locken und Camille genoss den Moment, die Vertrautheit und die Liebe. Sie wollte schön aussehen, so schön sie nur konnte.
Für ihn!
Ihr Vater hatte ihr gesagt, dass sie eine gute Partie würde machen können, wenn sie liebreizend war und fügsam.
Camille glaubte ihrem Vater, er achtete auf seine Tochter.


Als sie die Augen öffnete, war es Nacht und die Erkenntnis, dass sie noch lebte, raubte ihr erneut den Atem. Der Mond schien hell und klar auf sie herab, hüllte alles in gespenstiges Licht.
Ich muss mich befreien!
Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen den Felsen, sie musste ihn nur irgendwie bewegen, sodass sie die Beine freibekam. Ihre Klauenhände gruben tiefe Furchen in das Gestein, es zerkratzte ihre Handflächen und dunkles Blut vermischte sich mit Dreck, die grotesken Schlieren trockneten auf ihrer Haut.
Nur ein Stückchen. Du kannst das! Glaub an dich.
Und tatsächlich, der Brocken bewegte sich, nur ein Stücken, aber er tat es.
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