Literatopia

Normale Version: Das Lefavre-Experiment
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Sanya und herzlich willkommen zu unserem Experiment! Die Vorgeschichte ist im Diskussions-Thread nachzulesen.
Der Übersicht halber:
Adsartha -
Åke Strindberg
Eselfine -
Fjóla Hrönnsdóttir
LaFleur -
Camille Bertoulle
rex noctis -
Alban Hérissan
Trinity of Chaos -
Frieda Stratberg


Es beginnt ...

Die unheimlichen Geräusche, die zwischen blanken Rohren, höhlenartigen Kellerwänden und Zellenwänden durcheinandergeworfen wurden, hallten in Frieda Stratbergs Dämmerzustand wider. Die Lichtblitze und Dampfpfade, die ab und zu an ihrem vergitterten Fenster vorbeizogen, schienen sie bis in das Halbbewusstsein zu verfolgen. Längst hatte sich ihre Zelle mit den lautlosen Fragen gefüllt, die sich die junge Frau immer wieder gestellt hatte, während die Erinnerungen an den Frühling in Trier, das Haus von Onkel und Tante und die fortwährenden Kämpfe gegen den starren Widerwillen der altertumskundlichen Dozenten gegen Damen bei Surveys verblassten. Frieda dämmerte in Düsternis und Einsamkeit der Zelle, in der nur ab und an das Gesicht dieses merkwürdigen Franzosen zu flimmern schien, der sie und ihren Cousin auf dem Heimweg angesprochen hatte. Doch beim besten Willen konnte sie an nichts weiter erinnern, das sie in diese surreale Welt aus Stein und Kupfer gebracht haben könnte, deren Luft dampfgeschwängert war, angereichert mit dem Stampfen von Maschinen, knisternder Elektrizität und den Rufen, in denen sie manchmal Tiere zu erkennen glaubte. Und Schmerz, Angst.
Frieda hatte unbestimmte Zeit an die unnachgiebige Wand gelehnt verbracht, mit kältesteifen Fingern an ihrem langen Rock gefriemelt und war immer wieder herumgerutscht, um ohne Stuhl oder Hocker eine Position zu finden, in der die Korsage sie nicht traktierte. Neben ihr glänzten die von fadem Licht belebten Federn an ihrem Hut, den sie irgendwann abgelegt hatte, um sich statt der Krempe ihren blonden Dutt von der Wand in den Nacken drücken zu lassen. Ein Knistern ging durch die Luft, und es schien ihr einen Augenblick, als lade sich die Luft ihrer Zelle mit statischer Energie auf … Wie in Watte gepackt betrachtete sie verschwommen, wie blaue Blitze über die metallische Tür jagten, die sie einschloss, konnte sie aber kaum für wirklich halten. Ihr Geist driftete ab, sie meinte ein helles Kreischen zu hören, wie aus weiter Ferne, und ein lähmendes Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus. Sie schloss die Augen und fühlte ihren Herzschlag, der zu versuchen schien, sich einem fremden Takt anzupassen.
Dann fiel der Schuss.
Er schreckte Frieda auf, jagte sie eilig auf die Beine und ihren Blick zu den Gitterstäben. Ein Aufschrei leitete einen Tumult ein, dessen Ursache Frieda nicht sehen konnte, der aber begleitet von heftigem Knistern und einem zuckenden Lichtspiel auf dem Gang vor ihrem Fenster etwas derart Unheimliches hatte, dass sie den Anblick nicht misste. Voller Furcht konnte sie nichts anderes tun, als abzuwarten, was als nächstes geschehen würde – horchend, zitternd und mit den klarsten Gedanken seit Antritts ihres Heimweges vom Gebäude der ehrwürdigen Instituts. Ein weiterer Schuss fiel, Frieda hörte das Projektil scharf gegen einen metallischen Gegenstand prallen, hörte gewaltiges Scheppern und Zischen, dazu die unverständlichen Schreie mehrerer Stimmen. Dazwischen erhob sich wie das surreales Relikt eines Traumes das Gebrüll eines Raubtieres, Frieda drückte sich gegen die Wand und hielt sich die Ohren zu. Elektrizität schien in der Luft zu toben und wieder befiel ein Kribbeln ihren gesamten Körper, diesmal klar und scharf, schmerzvoll. Frieda schrie, fiel kraftlos zu Boden und wand sich in Krämpfen. Mächtige Energien rissen an ihren Armen, zerrten an ihren Fingern, zogen an ihren Knochen. Die Halbschatten verschwammen vor ihren Augen und ihr war, also würde etwas sämtliche Kraft aus ihren Gebeinen saugen, bis sie nur noch wie eine Hülle ihrer Selbst dalag.
Ewigkeiten schienen zu vergehen, bevor der Schmerz sie aus seiner verzerrten Welt ließ. Ein metallischen Kreischen, gefolgt von rumpelnden Bewegungen drangen an Frieda heran, die sich kehlig stöhnend auf dem Zellenboden wiederfand. Die Düsternis schien nicht mehr dieselbe zu sein, es war, als hätte man alles um sie herum nur auf Pappe gemalt, und sie fühlte sich so kraftlos wie noch nie in ihrem Leben. Der Stoff ihrer Röcke schien sie zu Boden zu drücken, die Korsage schnürte ihr mit einem Mal alles ab und als sie die Lippen bewegen wollte, schienen diese knöchern verwachsen. Ihre Hände waren unbeweglich wie die starr gegossenen Formen von Prothesen, die zittrig nach ihrem Gesicht tasteten und die beinerne Oberfläche erfühlten, die sich aus ihrem Gesicht zu schälen schien und ihren Unterkiefer geradezu versteinerte. Wo einst die vertrauten Formen ihrer Wangen gewesen waren, saßen die Knochen wie mutwillig verbogen unter ihrer Haut und als sie nach ihrer Schläfe tasten wollte, sah sie ihre Finger direkt vor Augen. Von ihrer Hand waren nur groteske Formen übrig, um die der schlaffe Stoff ihrer Handschuhe zusammengefallen war: ein einziger langer Fingerzeig, flankiert von zwei verkümmerten Gebilden, die einst weitere Finger gewesen sein mochten. Sie zuckte zurück, wollte schreien. Erstickte Laute waren das einzige, was sie herausbekam. Frieda wollte sich aufrappeln, stemmte die skurrilen Gebilde ihrer Hände gegen den Boden und kämpfte gegen das Gewicht ihrer Kleidung, als seien ihre Knochen mit einem Mal hohl, während ihr Blick zuckte wie der einer Verrückten. Wo vorher das Metall der Tür schimmerte, drang nun das diffuse Licht des Ganges über den steinernen Boden.
Frieda hielt bei dem Anblick inne. Um alles in der Welt wollte sie diesem Horror entkommen, wieder sie selbst werden. Mit einiger Kraft schaffte sie es auf die Füße, konnte aber kaum aufrecht gehen. Die Stiefel hingen schwer um ihre Füße und schienen sie bei jedem mühsamen Schritt fest auf dem Boden verankern zu wollen. Gekrümmt, soweit es die mit einem Mal so strenge Korsage zuließ, schleppte sie sich auf die Öffnung ihrer Zelle zu. Am Rahmen angekommen, lehnte sie sich gegen die Metallfassung, während die kümmerlichen Überreste ihres Daumens im versuchten Griff daran abglitten, und spähte voller Angst hinaus in den Gang. Was mochte sie dort draußen nur erwarten?
Derweil am Strand

Die Flasche beschrieb einen perfekten Bogen vor der untergehenden Sonne. An seinem höchsten Punkt brach sich das Licht in dem grünen Glas, blinzelte vorwurfsvoll. Ein Sprühregen aus feinen Tropfen, herausgeschleudert im Moment der Trägheit, fingen winzigste Regenbögen, bevor auch sie, der Flasche folgend, im Meer versanken. Während die Bierflasche sich schwebend zu den dreizehn anderen gesellte, schritt Åke Strindberg mit den wiegenden Bewegungen eines Mannes, der sich den Großteil seines Lebens auf Planken aufgehalten hatte, den Steg entlang. An seiner Seite baumelte ein Käfig von vielleicht 30x30 cm, und über seiner Schulter trug er ein aufgerolltes Seil, das an einigen Stellen stark abgewetzt war. Immerhungrige Möwen kreischten über seinem salzgebleichten Haupt. Nur wenige, wahrscheinlich fürs erste gesättigte, trieben gleichmütig zu beiden Seiten des Stegs oder hockten auf den Brettern, um die gespeicherte Wärme des Tages zu genießen.
Am Ende des Stegs tänzelte die Santa Ana unruhig auf den Wellenkämmen. Ein Schaumnest umgab den Hochseesegler, so, dass es schien, als würde der weiß-rote Rumpf nicht auf Wasser, sondern auf Wolken schaukeln. Die Bewegung und der erhöhte Sitz hatte eine Handvoll der Möwen angelockt, die es sich in der Takelage gemütlich gemacht hatten und nun, da wie Kleinkinder in den Schlaf gewogen, leise schnarrend vor sich hindösten. Sie ließen sich auch nicht stören, als Åke Strindberg lächelnd an den Bug trat.
„Hallo, Hübsche.“
Geradezu liebevoll wanderten seine See-verwitterten Pranken über den schlanken Rumpf. Er schloss die Augen, lauschte seiner Ana, wie sie knarzte und ächzte - all die Geräusche von sich gab, die eine Landratte nervös machten, zu einem Schiff aber dazugehörten wie das Wummern des Herzens zum Menschen. Darüber der stetige dumpfe Schlag der Wellen. Zuhause.
Sicherlich die Jobs brachten ihm mehr Geld als all die Abenteurer und selbsternannten Entdecker, die vor seiner Anstellung beim Professor sein kärgliches Einkommen bestimmt hatten. Sie verlangten aber auch ein enormes Maß an Zeit an Land. Zeit, die er sich zwischen lauten, stinkenden Menschen hindurch schieben, bei ihnen sitzen und mit ihnen lachen musste. Dabei hasste er sie, verabscheute ihre abgelebten Blicke, und all die überfüllten, müll- und urinstarrenden Gassen. Ebendiese Gassen, die anonym genug waren für seine Geschäfte.
Vierzehn Jobs hatte er auf diese Art und Weise bereits hinter sich gebracht, und der herrische Alte wollte immer noch mehr. Ja, er hatte eine wahre Goldgrube aufgetan.
Aber zu welchem Preis?
Er dachte an die letzte Ware, die er abgeliefert hatte. Wie alt war sie gewesen? Vierzehn? Fünfzehn? In diesem Alter hatte er bereits Vollzeit auf dem Kahn seines Vaters geschuftet, war tagelang mit ihm rausgefahren; hatte Köderhaken um Köderhaken an endlos scheinenden Seilen ins Wasser geworfen; Fische – so viele Fische – eingeholt, dass er dachte, ihm würden die Muskeln in Schulter und Armen reißen. Und dann, dann hatte die wirkliche Arbeit erst begonnen. Denn, ob Fisch, Krabbe, Schildkröte oder Krake, sie alle wollten ausgenommen und präpariert werden. Seine Jugend: Eine ewige Litanei aus den gleichen fünf Geräuschen. Zuerst das Ächzen und Plonk, mit dem er die Beute auf den Tisch hievte, das lange Ritsch des Messers – ein Schnitt entlang der Mittelgräte. Die Finger hinein in das Fleisch, quirk, und raus mit den Gedärmen in den bereitstehenden Eimer aus Metall – Platsch, Flopp. Dann das Knirschen des Eises, wenn er es in die hohlen Bäuche stopfte. Oder waren es seine Kiefer gewesen, die die Pein der kältezernagten Finger durch mahlende Bewegung zu verdrängen gesucht hatten?
Niemals Fischer, war sein letzter Gedanke gewesen, wenn in diesen Tagen zu Bett gegangen war. Niemals Fischer, bis sein schmerzgekrümmter Körper ihn endlich in den Schlaf entlassen hatte.
Nach dem Tod des Vaters hatte ihn sein erster Gang zum Hafen geführt, um die Gräfin zu versenken. Vielleicht war der Name einmal gerechtfertigt gewesen, aber nach über zwanzig Jahren Sturm und Gischt war aus der Lady eine Schabracke geworden: Die Farbe seit Jahren nicht einmal mehr zu erahnen, darunter lauerte morsches Holz und die Netze waren alt und so häufig geflickt, dass sie wie eine Knotenschau wirkten.
Åke, damals noch Hølmen nicht Strindberg, hatte sich eine Laterne vom Hafengebäude gestohlen und dann zugesehen, stumm, jedoch innerlich jauchzend, wie sich das Feuer durch das alte Holz fraß, es innerhalb von Minuten aufzehrte. So schnell, es war nicht mehr als ein schwarzer Rippenbogen zu Boden gesunken. Niemals Fischer, hatte er sich damals feierlich geschworen. Aber erst auf dem Weg nach Hause war ihm bewusst geworden, dass sein Leben von nun an nicht nur frei von Köderhaken, Fisch und Eis war. Auch sein Vater, der Berg, Lars Hølmen, war nicht mehr. Er war in jeder Hinsicht frei.
Am nächsten Tag hatte er auf einem großen Lastenkahn angeheuert. Siebzehn war er da gewesen und stark wie ein Ochse. Ganz nach seinem Vater kommend, hatte sich der Kapitän sogleich auf ihn gestürzt und seine 1, 90m Muskeln unter Vertrag genommen.
Anders als dieses Kind. Vierzehn, fünfzehn Jahre und Glieder so fein, wie die einer Dame. Die Eiche hätte ihn sicherlich lachend von Bord werfen lassen, hätte er sich auf die Walfänger gewagt.
Åke Strindberg fragte sich nicht zum ersten Mal, was der Professor mit den Paketen tat, die er ihm so regelmäßig brachte. Ebenso wie er sich wunderte, was es mit dem Burschen auf sich hatte, der ihn jedes Mal an der Pforte empfing, um ihn in den Salon zu führen. Er meinte, den Mann geradezu vor seinen Augen schrumpfen zu sehen, so wenig Mensch war mittlerweile nach den zweieinhalb Jahren, die er für den Professor arbeitete, übrig geblieben. Etienne, so hatte sein Auftraggeber ihn genannt, wirkte müde und abgekämpft, die Augen so zutiefst unglücklich, als bäten sie Åke persönlich um den Todesstoß.
Mit einem Ruck stieß Åke die Fragen von sich. Dass er mit dem Professor keinen Heiligen vor sich hatte, war ihm bereits bei ihrer ersten Begegnung bewusst geworden. Sein Auftraggeber war herrisch, ungeduldig und beschäftigte sich ganz eindeutig mit Dingen, die wider die Natur waren. Entwürfe und Skizzen, für ihn nicht verständlicher als es Kinderbilder gewesen wären, pflasterten die Wände des Büros als Tapetenersatz, stapelten sich auf Tisch und Boden. Dazwischen hockten seltsame Dinge, Konstruktionen und Maschinen, wie die, die er bei sich trug, um zwischen den unzähligen Landratten die rechte Ware zu finden. Er wusste nicht, wie dieses UnDing funktionierte, wollte es auch nicht wissen. Ebenso wenig wie er wissen wollte, was es mit den Paketen und Tieren auf sich hatte, die er unermüdlich für den Verrückten heranschaffte. Sollte er sich so viele Sklaven halten wie er wollte. Dazu einen Privatzoo? Bitte, ihm war es Recht. Solange es nur Geld in seine Taschen brachte.
Niemals Fischer!
Sein Gewissen fürs erste erstickt, fasste Åke Strindberg den Riemen des Käfigs fester. Der Ruck ließ die kleinen Kotkügelchen darin aufgeregt von einer Seite auf die andere rollen. Neben dem Knaben war der Professor auch mit diesem farbenfrohen Wesen, das er in seinem letzten Hafen überraschend entdeckt und dem Besitzer, einem Neger mit gespaltener Oberlippe, abgenommen hatte, mehr als nur zufrieden gewesen. Er würde Ana von dem Geld einen Ausflug in die Werft schenken, um sie von den Algen, Muscheln und Krebsen zu befreien, die sich während der letzten Monate auf ihrem schönen Rumpf angesiedelt hatten. Dazu eine ordentliche Generalreinigung, und ein paar Münzen würden sicherlich auch für ihn rausspringen. Schließlich war er in gewisser Weise auf sein Äußeres angewiesen, wenn es in seinem Job galt, die Ware von einem kleinen Spaziergang zu überzeugen. Ein merkwürdiges Kribbeln im Nacken wischte den Gedanken an kleine, geschmeidige Frauenhände, die seinen Rücken mit duftenden Ölen massierten, und später vielleicht auch noch andere Dinge, die tiefer lagen, beiseite.
Mitten auf der Planke drehte sich der Schwede um und suchte die vor ihm liegende Küstenlinie nach eventuellen Beobachtern ab, die das Gefühl hervorgerufen haben könnten. Möwen, Wellen, Klippen und kleine, sture Sträucher, die sich an die Felsenwand klammerten. Alles war wie immer.
In der Gewissheit, sich das Kribbeln nur eingebildet zu haben, wandte er sich wieder seiner Ana. Nur um im nächsten Moment von einer gewaltigen Entladung von der Holzlatte gestoßen zu werden.
Als Åke Strindberg fiel, zogen Blitzgeschwader über den rotgetünchten Himmel. Ana bäumte sich auf als kämpfe sie in einem unsichtbaren Sturm, stemmte sich mit aller Macht gegen die Halteseile. Die Möwen, sonst losgelöst von der Schwerkraft, sanken nun wie Steine herab. Einen Moment schien Âke in der Luft zu stehen. Um ihn herum das Knistern von Elektrizität und der Gestand verbannter Haut.
Im nächsten Moment schlugen die Wellen über ihm zusammen. Schmerz, ach so vertrauter Schmerz von der Zeit auf der Gräfin, grub sich in seine Muskeln. Dieses Mal spürte er sie reißen, vernahm das Bersten seiner Knochen, während die Wellen ihn wie einen Spielball umherwirbelten. Er schrie. Er schluckte Wasser. Er starb.
Eine Welle wirbelte ihn herum, zerrte an seiner Kleidung wie ein Fisch am Haken und verdrehte die zuckenden Glieder ins Unmögliche. Ein letzter Blick auf Blasen werfende Haut, dann traf sein Kopf auf einen der Pfosten des Stegs …
Über dem Meer trieb eine befreite Ana in den Sonnenuntergang.
Irgendwo im Dickicht der Insel

Der letzte rote Schimmer der untergehenden Sonne tauchte die Landschaft in ein Meer aus Glut und Schatten. Die Szenerie schien wie übergossen mit Gold, Orange und Rot. Die Wärme des Tages hing noch in der Luft, sich weigernd ganz zu verschwinden und alles kalt zurückzulassen.
Das verbleibende Licht tanzte in unterschiedlichsten Formen über Bäume, Büsche und anderes Gewächs. Pflanzen so unterschiedlich und exotisch, wie man sich nur vorstellen kann genossen diese Minuten vor der kommenden Dunkelheit.
Irgendwo, eingerollt und geschützt durch den Wald lag die junge Camille Bertoulle. Zitternd wie Espenlaub beobachtete sie die verschwindenden Lichtstrahlen.
Eine bleierne Angst lag auf ihren Knochen so schwer, dass sie nicht einen Zeh bewegen konnte.
Sie sollte sich bewegen und aufstehen, das wusste sie! Aber sie konnte es nicht, ihr fehlte die Kraft. Sie fühlte sich vollkommen erschöpft, wie nach einem schnellen Lauf. Jeder Muskel schmerzte ihr.
Deswegen blieb sie still, beobachtete weiterhin das Treiben um sie herum. Die Sonne zierte den Horizont nur noch als eine gold glühende Sichel. Die letzten tag-trunkenen Geschöpfe tummelten sich ein letztes Mal im sterbenden Licht. Kleine Schmetterlinge kamen in Tausenden herbei, wirbelten durch die Luft und vollführten wahre Kunststücke. Von diesem Schauspiel ganz verzückt, vergaß Camille für einen Moment ihre Angst. Die winzigen Artisten gaben ihr ein bisschen Kraft zurück, sodass sie sich aufsetzte und den Anblick genoss.
Plötzlich hörte sie ein Knacken hinter sich. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Doch es kam niemand. Dankend blickte sie ins Sonnenlicht. Auch der warme Schimmer konnte ihr keine Antworten auf die Fragen geben, die sich in ihren Verstand brannten, je länger sie über ihre Situation nachdachte.
Wo war sie? Warum war sie hier? Wie kam sie hierher? Und die wichtigste Frage: Wer war sie?
Sie kannte ihren Namen: Camille Bertoulle. Doch damit hörten ihre Erinnerungen auch schon auf.
Ihr blieb nichts, dass Camille auch nur etwas Trost spendete. Nichts, an dem sie sich hätte festhalten können. Während das Mädchen weiter über sich nachdachte, schien die Sonne mit letzter Kraft auf die Traurige hinab. So, als wollte sie ihr Trost spenden. Ein warmer Wind kam auf, umspielte die Blätter der Bäume, umhüllte Camille. Als ob der Wind ihr etwas bringen wollte, kamen ihr auf einmal Fragmente einer Erinnerung in den Kopf:
Ein lachendes Mädchen, das auf dem Rücken eines überdimensionalen Ponys saß. Ihre weizenblonden Locken wippten bei jedem Schritt des Pferdes. Langsam lief es über ein Feld voller in Blüte stehender Mohnblumen. Das Mädchen war glücklich! ...- so schnell wie die Erinnerung gekommen war verschwand sie auch wieder. Ein stilles Lächeln umspielte Camilles Lippen. Roger. Der Name des Ponys war Roger.
Die Minuten verstrichen, doch das Lächeln blieb, sowie auch die Erinnerung.
Das komische Kribbeln begann in ihren Zehen. Arbeitete sich schnell hinauf in die Beine, den Bauch. Es hinterließ eine merkwürdige Taubheit. Mit der Taubheit kamen weitere Bilder:
Sie, wie sie rannte. Schneller als jemals zuvor. Ihre Röcke, die sich ständig im Buschwerk verhedderten. Ihr Herz raste und sie fiel ständig hin, blieb irgendwann erschöpft liegen. Schloss die Augen…- Camilles Angst kehrte mit einem Schlag zurück. Sie wollte aufstehen und weglaufen, soweit ihre Beine sie tragen konnten. Mühsam kam sie auf die Füße und… fiel direkt wieder hin. Ihr gesamter Unterkörper versagte ihr den Dienst. Alles fühlte sich an wie gelähmt. Tränen füllten ihre Augen, liefen ihr Gesicht hinab. Kurz nachdem die Lähmung auch ihre Brust erreicht hatte und ihr der Atem wegblieb, setzte der Schmerz ein. Höllenfeuer fraß sich durch ihre Adern, ihr Blut raste, Hitzewellen überrollten sie. Das Feuer übernahm die Kontrolle über Camille. Wie aus weiter Entfernung hörte sie Knochen brechen, Sehnen reißen und ihre eigenen Schreie. Es brachen so viele Knochen, dass sie glaubte, nur noch aus Pudding bestehen zu müssen. Sie sah wie, ihre Finger sich verkrümmten und vorher jeder einzelne Knochen mit einem entsetzlichen Geräusch verformte. Dass alles war zu viel für sie, Schmerz explodierte erneut vor ihren Augen.
Camille verlor das Bewusstsein. Alles wurde Schwarz.
Das Licht des Tages machte nun endgültig der Dunkelheit platzt. Schweigend umhüllte die Nacht nun die Landschaft, umschloss Camille, deren Körper entsetzlich verkrümmt und in unmenschlicher Form zwischen den Blättern lag.
Zellengebet

Heyr, himna smiður,
hvers skáldið biður.
Komi mjúk til mín
miskunnin þín.
Því heit eg á þig,
þú hefur skaptan mig.
Eg er þrællinn þinn,
þú ert drottinn minn.


Halbdunkel umfing Fjóla Hrönnsdóttir wie ein sanftes, schlafbringendes Tuch. Mit beinahe geschlossenen Augen lag sie zusammengekrümmt auf dem kalten Fußboden ihrer Zelle und träumte in der ziehenden Dunkelheit von nicht endenden Sommernächten. Das Licht wandert, doch es schwindet nicht. Der Himmel wird weiß, rötlich, bevor er bereits jenen Ton annimmt, der den Tag ankündigt. Das Leben schwieg in diesem winzigen Moment, hielt den Atem an, als wäre es sich nicht sicher, ob die Illusion des kommenden Tages wirklich war oder nur eine Täuschung. Stille bildete einen Vorhang, der das Mädchen einwickelte und gleichzeitig einem kühlen Luftzug preisgab. Einzig eine Wärme spendende, beruhigende Stimme hallte in ihren Gedanken nach, rezitierte wieder und wieder die alten Zeilen von Kolbeinn Tumason.
Herr, himmlischer Schmied,
höre, was der Dichter fragt.
Möge deine Gnade sanft über mich kommen.
Und so rufe ich dich,
weil du mich geschaffen hast.
Ich bin dein Sklave,
du bist mein Herr.

Das Gebet, das nicht geholfen hatte. Ein schleichender Schauer lief über Fjólas Gestalt. Wobei geholfen? Schwarze Löcher klafften in ihren Erinnerungen, nichts war klarer als die wenige Poesie, die sich hierher gerettet hatte. Sie sorgte für den nötigen Trost, wenn sie einsam war in einer Zelle, die ihr nichts sagte. Blanke, nackte Wände, die keinen Blick auf die endlosen Weiten zuließen, den Wind, der manchmal Eis, manchmal Schwaden beißendes Gases über die Hügel trieb, nicht hineinließen. Oftmals brachte er Kälte, überzog das Gras mit klirrendem Frost, der die Menschen in den erzählten Nächten des Winters an den nahen jökull erinnerte und ihnen verbat, leichtsinnig zu sein. Und auch die Dänen … Aus den Lücken krochen Gespräche hervor, die sie niemals verstanden und nur teilweise aufgeschnappt hatte. Gespräche über Freiheit. Doch was wollten sie? Freiheit, das waren für sie grasüberwachsene Ebenen, auf denen Schafe und hestar, Pferde, grasten. Freiheit, das waren die Hügel, das hinüberblinkende Weiß des Gletschers, der kühle Wind an endlosen, sonnendurchfluteten Tagen. Freiheit, das waren gelegentliche Rauchwolken am Himmel, das Schwarz der Lavafelder, das sprudelnde Schäumen der Skeiðará im Sommer, wenn sich die Seen unter dem Eis durch die Sonne füllten, die Gerfalken, die Jagd auf ihre Beute machten und an den Klippen nahe der Küste brüteten. Sie war frei. Gewesen. Eine Kralle grub sich in ihr Herz, zeigte ihr einen unbestimmten Verlust, ausgetauscht und ersetzt mit einer Enge, die nicht nur die Zelle in ihr verursachte. Doch woher? Von irgendwoher kam ein Geräusch, das sie sonst nicht vernahm und zerriss den Schutzmantel über ihr.
Langsam setzte sich Fjóla auf und warf einen Blick auf die verschlossenen Gitterstäbe, die sie von dem fernhielten, was sie unter Freiheit verstand. Die Dänen. Noch nie hatte sie etwas von ihnen gesehen, oder war es dieser Mann gewesen? Der Fetzen der Erinnerung löste sich auf, als ein Zucken sie wieder zu Boden warf und aufkeuchen ließ. Energie schien genauso schnell in sie zu fließen wie sie wieder entwich, höhlte sie aus und nahm ihr Bewusstsein mit sich. Bilder blitzten in schneller Folge auf, reihten sich aneinander wie in den zahllosen Geschichten, die den Winter vertrieben. Grummeln. Ein Rumpeln tief in der Erde, als hätte diese Bauchweh. Asche, die den Himmel verdunkelt, kreischende Falken. Wind, der das Gras platt drückt und auch Fjóla wie ein Schlag ins Gesicht trifft. Das ächzende Holz des gaflar, der Holzenden des Torfhauses, ängstlich rufende Lämmer. Dann Stille.
Wörter, Buchstaben, die ihr wenig bedeuteten und doch für etwas bedeutsam zu sein schienen, unterlegten die leere Ebene, auf der sich das Gras wieder aufrichtete. Nun eindringlicher, nahm die Stimme ihr Gebet wieder auf.
Guð, heit eg á þig,
að þú græðir mig.
Minnst þú, mildingur, mín,
mest þurfum þín.
Ryð þú, röðla gramur,
ríklyndur og framur,
hölds hverri sorg
úr hjartaborg.
Gott, ich rufe dich an,
damit du mich heilst.
Erinnere dich an mich, milder König,
So sehr brauchen wir dich.
Verdränge, o König der Sonnen,
jede menschliche Trauer
aus der Stadt unseres Herzens.

Von draußen ertönte ein Knall, wieder raste Energie durch das Mädchen, verbrannte ihre Eingeweide und ließ sie unfähig, sich zu bewegen, zurück. Etwas geschah, etwas, das sie nicht einordnen konnte, so weit war es von Schafen, Pferden und auch dem Wasser entfernt, das sie auf einmal umgab. Schmerz durchflutete sie, etwas Schweres, ein Gewicht, das sie nicht abschütteln konnte, drückte auf ihren Kopf, entlockte der Schwärze grausame Farben.
Der Fluss kam in der Nacht, ohne weitere Vorwarnung als ein Rauschen und die entsetzten Pferde, die schon am Vortag kaum noch zu halten gewesen waren. Nie hatten sie ihren Gefährten, die den Sommer im Hochland verbrachten, folgen wollen, doch nun schienen sie genau dies im Sinn gehabt zu haben. Fjóla hatte es nicht verstanden. Der Grímsvötn sei wieder lebendig geworden, wie ihr ihre Eltern erklärten, wie beinahe alle zehn Jahre. Es bestehe kein Grund zur Sorge, die Erde würde sich schon wieder beruhigen und höchstwahrscheinlich würde von dem Ausbruch nichts zu spüren sein. Die Schwärze umgab sie wieder, als sie in dem gletschergekühlten Wasser untertauchte und hilflos mit den Beinen ruderte, in einem letzten Versuch, dem Griff der Skeiðará zu entkommen wie die Falken, die am nächsten Tag über ihr kreisen würden.
Deutlich spürte sie Knochen brechen, dem Druck nachgeben, an ihrer Stelle bildete sich etwas Neues, Beängstigendes. Fjóla wurde von einer plötzlichen Gewalt in die Luft gehoben und schlug dann wieder auf, hörte Gitterstäbe krachen, doch das Geräusch kam nicht von ihrer Zelle. Fliehen wollte sie, fliehen, weg aus dem Halbdunkel, aus dem sie umgebenen Wasser, das sie lange nicht mehr gespürt hatte. Weg von den Schmerzen, dem Gefühl, ihr sei ein Arm abgerissen worden. Dem Stechen hinter ihren Augen, dem Knacken in ihren Füßen. Einem innerem Impuls folgend floh sie sich zu der immer noch rezitierenden Stimme, fiel in die Strophe mit ein und suchte Trost in dem ihr seit ihrer Geburt, seit elf Jahren, bekannten Text. Die Fluten wirbeln um sie herum und dringen in ihren zum Schreien geöffneten Mund, ersticken die Worte, die sie beruhigen und zuversichtlich werden lassen sollen.
Gæt þú, mildingur, mín,
mest þurfum þín,
helzt hverja stund
á hölda grund.
Send þú, meyjar mögur,
málsefnin fögur,
öll er hjálp af þér,
í hjarta mér.

Der Schmerz endete so abrupt, wie er gekommen war, nur ihr Körper zuckte noch weiter, aufgeladen von der Energie, die ihn durchflossen und zerstört hatte. Fjóla probierte etwas in der Finsternis um sie herum zu erkennen, doch der Versuch scheiterte ebenso wie der, aufzustehen. Ihr rechter Fuß schien sie nicht mehr zur Gänze tragen zu wollen. Noch einmal knackte es in ihren Schultern, ein Glühen rauschte durch das Mädchen hindurch, ließ die die blonden, nun fedrigweiß durchsetzten Haare erzittern. Erschöpft fiel sie auf den nun glitschigen Boden der Zelle, neigte den Kopf vor den schimmernden Gitterstäben und schloss die Augen. Die Nacht hatte vor ihr nicht halt gemacht und war eingebrochen.

Wache über mir, milder Einer,
So sehr brauchen wir dich,
in jedem Moment
in der Welt der Menschen.
Gib uns, Sohn der Jungfrau,
gute Absichten,
alle Hilfe ist von dir,
in meinem Herzen.
Todeskampf

Ein bestimmtes Geräusch wiederholte sich wieder und wieder, während sein Bewusstsein im Halbschlaf schwebte und zwischen toten Mäusen und einem einsamen Mann auf stürmischer See eine Brücke zu bauen versuchte. Es ähnelte dem Geräusch eines Tautropfens, der vom Eukalyptusblatt hinunter auf den heißen Stein fällt. Wieder und wieder. Das Blatt müsste längst leer sein.
Weitere Wassertropfen fielen in einem zufälligen Rythmus auf den Boden, während sein Bewusstsein Brücken bauen wollte zwischen einem Krankenwagen vor einem Stuckgebäude und einem verendenden Wombat, zwischen einem Wasserspeier, der sein Kind verflucht und Sonne, die auf einen Baum scheint, zwischen einem Russen mit kurzen schwarzen Haare und Eiern, die sich drehen ... zu viele Erinnerungen und die Brücke reißt ...
Mit einem Schrei schlug er die Augen auf. Wo ist die Sonne hin? Erfrischend kühl war es, fiel ihm nun auf. Dennoch brannte sein Körper, zumindest der Teil, den er spürte. Er sah über sich eine recht niedrige Höhle, zackig wie unsauber ausgeschnittenes Papier, wie ein vom Blitz gespaltener Gingko-Baum. Er sah auf den Boden: ein schwarzer seichter See.
Das Licht wiederum kam von der anderen Seite. Feuer? Nein, natürlich eine Petroleum-Lampe. Eine weitere Schmerzwelle durchfuhr seinen Körper. Er fauchte, als sich ein Geräusch den Weg aus seinem Körper bahnte – das Geräusch von reißenden Sehnen, berstenden Knochen und brechender Haut.
Er schrie und während es sich seinen Weg im Körper freimachte, schlängelte er sich durch die Höhle bis er zum Ausgang kam. Erst als er sie bereits verlassen hatte, wurde ihm bewusst, dass aus dieser Richtung das Feuer kam. Schnell machte er sich auf den Weg nach draußen, doch nach einigen Schritten zersplitterte sein Oberkörper und er stürzte. Doch er ließ sich nicht unterkriegen und robbte weiter. Jeder Schritt schmerzte, doch es war besser als hier zu bleiben und so zog er sich immer weiter voran, bis er schließlich das Ende der großen Höhle erreichte. Er stürzte mehr nach draußen als er humpelte und dennoch währte die Erleichterung nicht lange. Der Schmerz blieb und durchfuhr seinen Körper immer wieder, als er seinen Schwerpunkt langsam in Richtung der Lenden verlagerte.
Nur noch weg hier. Flucht! Er stürzte bei dem ersten Schritt und blieb beim zweiten liegen. Dann, als der Schmerz in ihm wieder tiefer saß als die Erschöpfung, schleppte er sich weiter nach vorne. Ein Schritt noch ...
Er wusste nicht mehr, wie er es schlussendlich geschafft hatte, doch irgendwann lag er auf dem Boden und bemerkte wie der Schmerz kleiner wurde. Es war weiterhin ein Schmerz, der seine Glieder durchschwappte wie flüssiges Feuer, doch nun glaubte er nicht mehr jeden Moment schreien zu müssen. Einige Momente lang blieb er liegen und erlaubte dem Schmerz sich zu beruhigen, bis sich die Wogen geglättet hatten.
Dann erst machte sich eine neue Panik in ihm breit: Er wusste nichts.
Wo bin ich? Wer bin ich? Was bin ich? Sein Verstand meldete sich zurück aus der Deckung und beharrte auf sein Recht. Er schluchzte auf und wusste gleichzeitig nicht, warum. Dann, auf einmal, erinnerte er sich an einen Namen und hielt sich an ihm fest, ließ ihn nicht mehr los – ein Faden heraus aus dem Wahnsinn. Langsam atmete er ruhiger und schloss die Augen.
Hérissan. Ich heiße Alban Hérissan.
Schwere Schritte

Die Stille des Ganges schlug Frieda entgegen wie ein flatterndes Gespensterlaken, das sich über ihren geduckten Körper legte. Mit jeder Bewegung schien ein Gelenk zu knacken, ein Knochen sich schmerzhaft einem ungewohnten Muskelspiel widersetzen zu wollen. Ein letztes Knistern legte sich hinter ihrem Rücken auf dem Boden ihrer Zelle nieder und trieb sie letztendlich dazu, die schleppenden Schritte in das unbekannte Terrain zu tun. Draußen schien etwas zu fehlen, das Geräusch von arbeitenden Maschinen, das vorher zu omnipräsent gewesen war, um ihr wirklich bewusst zu werden. Die Finger der jungen Frau glitten schlaff vom Türrahmen ab, zuckten ob eines Impulses, der noch der Energie geschuldet sein mochte, die Friedas Körper in diesen reißenden Sturm gebadet hatte. Das Korsett zwang sie zum Versuch, sich ganz aufzurichten, doch als es in ihren Schultern schmerzlich krachte, gab sie es auf und schloss die Lider. Ein seltsamer Anflug von Gleichmut legte sich mit der Dunkelheit hinter ihrer Augen über sie. Im nächsten Moment war er bereits verflogen und ließ zu, dass Angst ihr Herz in einen schnellen Takt zwang.
Ihre Lippen fühlten sich so trocken an wie noch nie in ihrem Leben, als sie den Mund öffnete.
„Hallo?“, rief Frieda zaghaft, doch selbst dieses simple Wort verkümmerte halb auf ihrer Zunge und hinterließ einen sauren Geschmack nach Panik. Vorsichtig führte sie ihr Handgelenk zum Mund und berührte ihn damit – fühlte kaum etwas.
Es erschreckte sie fast mehr darüber, wie sehr dieser skurril verunstaltete Arm zu ihr gehörte, wie sensitiv die Haut daran war. Sie wandte den Kopf, um sich den Rest ihres Körper zu besehen – sicher hatte sie sich irgendetwas gebrochen, sie hatte es doch gespürt! –, und musste blinzeln. Etwas stimmte nicht, ihr Sichtfeld verschob sich, die Bilder schienen nicht zueinander zu passen. Die Welt hatte ihre Längen eingebüßt, ihre Räumlichkeit, und stand ihr wie lieblos aus Schatten gezeichnet entgegen.
Ich brauche einen Arzt!
Dieser Gedanke ermutigte ihre Schritte, die sie weiter über den Gang führten. Völlig willkürlich schlug sie eine Richtung ein, gesäumt von der Kulisse aus steinernen Wänden und ab und an im fahlen Licht spärlich verteilter Lampen schimmernden Metallstäben. Das konnte sie besser erkennen als alles, was vor ihr lag. Der Weg schien genau zwischen ihren Blicken zu liegen und Frieda zwang sich, nicht darüber nachzudenken, was die einzig logischen Rückschlüsse daraus waren. Ahnungen verwehrten ihr im Glanz der Panik die Rückkehr zu der wissenschaftlichen Denkweise, die sie sich in Monaten des Studiums angeeignet hatte; hier schien sie zu versagen und hinter die Kulissen eines Albtraumes zurückzuziehen.
Als Frieda eine der an der Wand aufgehängten Lampen passierte, wagte sie nicht, sie ab- und mit sich zu nehmen. Einzig der Gedanke an die Missbildungen, die ihre gepflegten Hände ersetzten, ließ den Schrecken der Erkenntnis in ihrem Unterbewusstsein gären.
Schatten schienen über die Kulissen zu fleuchen, in die sich die Welt vor ihren Augen verwandelt hatte. Wie objektlose Bewegungen, Geister aus elektrischen Impulsen vielleicht, oder reine Schreckgestalten, die sich unsichtbar über ihre Netzhaut zogen und ihre Spuren aus Angst hinterließen. Beim Weiterschlurfen drehte Frieda ihren Kopf umher, jede Bewegung setzte ein paar Teile mehr in das Bild. Sie folgte einem Schimmer satter werdenden Licht, dem sich kupfern glänzende Gebilde als Wegweiser in den Gang stellten. Zwischen den gähnenden Öffnungen der dunklen Räume zu beiden Seiten sahen sie aus wie verzerrte Kesselkörper, die sich mit Gliedern aus Metallröhren als Wachen positioniert hatten, manche verströmten einen sauren Geruch. Der Dampf, den Frieda aus ihrer Zelle heraus beobachtet hatte - vor einer Ewigkeit! -, schwirrte nur noch in vereinzelten Fetzen umher, ebenso verirrt wie die junge Frau selbst. Als Frieda vor sich eine nahe Bewegung zu erkennen glaubte, war sie überrascht, wie viel härter ihr Herz noch schlagen konnte als sowieso schon, wie heftig es sich gegen ihre Rippen warf. Ohne groß darüber nachzudenken, warf sie sich zur Seite, dem Schmerz geradezu in die Arme. Die Fischbeinstäbe ihres Korsetts knackten - oder waren es ihre Knochen? - die Halbstiefel schabten nur zu laut über den Steinboden, dann presste sich Frieda gegen den Türrahmen, betete stumm um Beistand und hoffte, selbst in diesem verfluchten Ort würde sich ein rettender Engel finden.
Mit gespitzten Ohren lauschte sie auf die Geräusche aus dem Gang, vernahm nur ein Schnaufen, das nicht menschlich und weit entfernt schien, und doch aus unbestimmter Richtung. Sie blickte auf, schluckte.
Pater noster, qui es in caelis ...
Mit den stummen Worten schienen ihre Augen in der Dunkelheit tatsächlich etwas zu erblicken, das in der Zelle auf dem Boden kauerte oder lag.
... sanctificetur nomen tuum, adveniat regnum tuum ...
Die Umrisse waren zu schal, als dass sie sie vollständig erfassen konnte, zudem war ihr die ganze Zeit nur zu deutlich bewusst, wie sehr sie den Kopf verdrehen musste, um geradeaus auf das zu sehen, was den Zellenboden bedeckte. Es war nicht einzuordnen, und doch streckte sich ein Teil der Form Frieda entgegen und löste ein Flackern von zunächst unbestimmten Assoziationen aus, die aus ihrem Unterbewusstsein an die Oberfläche zu dringen versuchten. Sie duckte sich etwas tiefer, streckte sich vor und starrte sich fest an dem schelen Lichtfleck, der sich auf die Oberfläche gesetzt hatte. Kein kalter Schimmer wie im Gang, der sie Stein um Stein, Schritt um Schritt hierher geführt hatte, sondern ein sanfterer Glanz. Fedrig, ja, es schien ihr wie ein Flügel, der in ihre Richtung ausgebreitet aus dem Düster erblasste. Unwillkürlich erinnerte sich Frieda an die Bibelbilder ihrer Kindheit, die sie so oft bestaunt hatte, den Kirchenschmuck in wunderbar ausgeführten Kunstwerken, die herrlich bemalten Statuetten zu Weihnachten, Engel ...
Tropfenfall

Farben, in einer Wölbung verzerrt. In einem atemlosen Moment löst sich ein Teil des Spiegels von seiner Gesamtgestalt, zieht sie in die Länge, lässt den Hintergrund an den Rändern schimmern und zeigt unscharf die Umrisse flacher Hügel vor grauem Himmel. Über ihnen kreisen dunkle Striche, einer von ihnen stürzt auf den Grund, verschwimmt in einem klaren Weiß.
Plopp.
Feine Schauder laufen über die glatte Oberfläche, kräuseln und zerknittern dunklere Schemen auf dem nahen Grün. Wieder erzittern die Ränder, dehnen sich ins Unermessliche, halten der Belastung nicht stand und reißen.
Plopp.
Ein Schatten verdunkelt den verschwommenen Himmel, breitet sich aus und nimmt das Licht, verwischt mit einem mächtigen Grollen die noch sichtbaren Überreste. Der Grashalm neigt sich unter der Last, wird nach unten gezogen und federt dann zurück, als er losgelassen wird, verspritzt wie zu seinem Vergnügen violette Strahlen in alle Richtungen.
Plopp.

Einzelne Tautropfen breiteten ihr feines, violettes Netz vor Fjólas geschlossenen Augen aus, leuchteten durch ihren tauben Körper und erstickten Wörter wie Erinnerungen. Einzig der sanfte Wind, der das grobe, widerstandsfähige Gras streichelte, tastete sich noch über ihre Haut. Freiheit. War sie eingeschlafen, als sie an der Skeiðará nach besonders geformten Steinen gesucht hatte, die der Fluss aus den Eismassen des Vatnajökull wusch und durch den Grímsvötn trug? Hatte sie einen beängstigenden Traum gehabt, von gefräßiger Dunkelheit in geschlossenen Zellen, von seltsamen Apparaturen und dem gelegentlichen Zischen eines brodelnden Vulkans? Langsam hob sie den Kopf, löste ihn vom feuchten Boden und versuchte, in der grauen Dunkelheit um sie herum etwas zu erkennen. Es musste schon sehr spät sein, wenn sie nichts mehr sehen konnte. Ihr Blick wanderte weiter zu dem Punkt, an dem sie Sterne zu entdecken erwartete, doch von überall her starrte sie dumpf eine Blindheit an, die sie nicht begreifen konnte. War es denn Neumond? Und warum war der Himmel vollständig mit Wolken bedeckt? Das Zischen aus ihren Gedanken vermischte sich mit dem, was sie zu sehen glaubte und flößte ihr dumpf pochende Angst ein, mehr ein Magengrummeln als ein deutlich sichtbarer Ausbruch. Ein Vulkan –
Plopp.

Stechender Schmerz hinter ihren Augen schärfte das Bild und schälte einzelne Umrisse aus der Dunkelheit. Steine, flimmernd hinter einem dichten Ascheregen, der violett durchsetzt war, flüsterten ihr Geschichten von einer Zelle zu, der sie nicht entfliehen konnte. Die Erkenntnis warf ihre Hoffnungen so heftig zu Boden wie der Schmerz, die Leere in sich, an die sich das Mädchen nun erinnerte. Energieströme, die sie als Leitmittel genutzt hatten, bevor die Nacht hereinbrach. Und das Wissen, dass sie ihr gebracht hatten: Sie war nicht mehr dort, wo sie die ersten wenigen Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Nicht mehr dort, wo der Wind seine Lieder auf taubedeckten Grashalmen spielte und das Eis die Lava erstarren ließ, während die Lava das Eis schmolz und in reißende Flüsse verwandelte. Sie war gefangen in bedrohlichen Wänden unter unbekannten Geräuschen, die sich in ihr Denken schlichen und sie nicht einmal im Schlaf in Ruhe ließen.
Plopp.
Aber nun schien sich etwas geändert zu haben, das hörte sie an dem Singen des Luftzuges, der ihren Sinnen schmeichelte, an einem Poltern weiter entfernt, einem näherkommenden Schlurfen. Kann ich entkommen? Der Gedanke an bekannte Weiten unter dem wachsamen Blick des Gletschers gab ihr den Willen, sich aufzurichten, es zu versuchen. Mit den Augen tastete sie die spärlichen Bilder ab, die sie ihrer Umgebung entlocken konnte, versuchte den Schatten, den hellen und den blinden Flecken, mehr Informationen zu entnehmen als sie eigentlich baten. Der violette Schimmer unter ihr irritierte sie ebenso wie das Gewicht ihres rechten Armes, das Rascheln bei jeder Bewegung, fast wie ein - Federkleid. Fjólas Atem stockte, mit zunehmender Panik öffnete und schloss sie zunächst ihre linke Hand und dann, als sie mit einer gewissen Erleichterung deren Normalfunktion feststellte, berührte sie vorsichtig das, was sie als rechten Arm empfand. Ihre kalten und verschwitzten Fingern stießen auf weiche, aber erstaunlich widerstandsfähige Federn, zerknickten manche noch nicht völlig ausgehärtete Kiele mit einem kaum hörbaren Knacken. Stumm entfloh ein Entsetzensschrei dem aufgerissenen Gefängnis ihrer Gedanken und breitete sich in der unbeteiligten Steingesellschaft ihrer Zelle aus. Ich – ich – was ist das? Es war zu viel für den Verstand des elfjährigen Mädchens, eine unbestimmte Vorahnung verwandelte sich in einen realen Albtraum, als sie die Kraft zu Aufspringen fand. Vom Gewicht ihres Armes – des Flügels – hinabgezogen, taumelte sie gegen eine Wand und knickte wieder ein, spürte Fetzen zerrissener Kleidung von den Stellen regnen, an denen Federn die Haut durchbrochen hatten und auf den Wind antworten zu schienen, der sich immer noch in die Zelle schlich. Stöhnend fuhr sie mit der linken Hand, der Hand, die noch ihr gehörte, über die sie noch volle Kontrolle hatte, durch ihre Haare, ertastete dort dieselben Gebilde wie auf ihrem anderen Arm, durchsetzt von einzelnen Strähnen. Fjólas Entsetzen wuchs nur noch, während sie den nächsten Versuch zur Flucht startete. Ihr rechter Fuß wollte sie nicht mehr tragen, unerträgliches Scharren von Krallen jagte ihr Angstschauer über den Rücken. Was war mit ihrem Körper geschehen? Guð, heit eg á þig, að þú græðir mig. Gott, ich rufe dich an, damit du mich heilst. Von weit, weit her tönte der einsame Singsang einer warmen Stimme zu ihr herüber, erreichte ihr benebeltes Sein.
Wellen der Dunkelheit engten ihre schlechte Sicht noch mehr ein, hämmerten sich in ihr Bewusstsein, das vor den Schrecken der Gegenwart zu fliehen schien und einem anderen, unbekannten Teil den Vortritt ließ. Ein Teil, der sich in ihr duckte, lauschte und den passenden Moment abwarten zu schien, unbeeindruckt von der Verzweiflung seiner Ergänzung, die er besiegt hatte und unterdrückte. Doch auch er kam nicht gegen die Erschöpfung an, die mit dem nächsten Schmerzstich einherging und Fjóla wieder zusammenfallen ließ.
Plopp.
Schritte lassen das Gras aus Angst vor dem Tod erzittern, verziehen die Oberfläche des kleiner werdenden Tautropfens. Langsam rollt er auf die Spitze zu, drückt sie ein letztes Mal nach unten – und fällt.
Die Schlange am Strand

Eine leise Böe zupfte an Åke Strindbergs salzverkrustetem Haar, hob eine verlorene Strähne von der Stirn, wehte sie Richtung Ohr, ließ sie fallen, zögerte einen Moment und begann aufs Neue. Als der Schwede zu sich kam, war die Böe bereits gelangweilt weitergezogen. Zaghaft lugte die Sonne über den Rand der Welt, und wo am Abend zuvor noch Möwen gesessen hatten, rissen sich Ratten um ihre ertrunkenen Überreste.
Åke sah einen Kadaver in Nahaufnahme: Die Abdrücke winziger Zähne auf Knochen. Muskelfetzten. Ein Herz. So nah, dass er zurückschreckte.
Sonnenlicht stach ihm in die Iris, während er eine Ratte beobachtete, die eine andere geifernd den Schwanz abriss. Die Bilder überlagerten sich. Eine Doppelbelichtung.
Er blinzelte. Die Szene verrückte. Plötzlich eine Möwe, hoch oben, so hoch, dass er den Wind in ihren Federn zu spüren vermochte. Zugleich das Blatt einer Palme. Zwischen zwei Fiederblättern lugte eine Eidechse hervor, erkannte ihn und erwiderte geradezu stoisch seinen Blick.
Blinzeln. Sandkörner, die tückischen Augen einer Ratte. Blinzeln. Wieder ein Kadaver, halb zerfetzt. Eine schuppige Schlange. Blinzeln. Ein verlorener Rauchfetzen - gekörnt von dickem Ruß. Eines der Seile, das Ana gehalten hatte, wie es träge im Morgenlicht trieb.
Åke schüttelte den Kopf. Die Gewalt der Bilder überwältigte ihn. Wären die Ratten nicht gewesen, hätte er sich dem Schmerz hinter der Stirn ergeben und sich wieder in den Sand gelegt. So jedoch zwang er sich aufzustehen. Er brauchte Hilfe. Bei seinem Sturz musste irgendetwas in seinem Kopf durcheinander gebracht worden sein.
Sein Unterfangen gestaltete sich schwieriger als gedacht. Er taumelte, fiel. Die Welt schien im Ungleichgewicht – schlimmer als es das Meer im übelsten Sturm je gewesen war. Zudem hörte die Bilderflut nicht auf.
Ratten, Kadaver, Ratten, Kadaver. Die Schlange. Ratten. Immer wieder in den unterschiedlichsten Einstellungen. Als würde ihm jemand einen sehr einseitigen Bildband vor die Augen halten.
Er schloss die Lider. Wollte nicht länger hinsehen. Nicht länger sehen.
Erneut versuchte er sich aufzurichten. Langsamer dieses Mal. Zugleich horchte er in seinen Körper, fühlte seine Wundheit. Wo einst Geschmeidigkeit geherrscht hatte, schabten Sehnen und Muskeln. Er humpelte dennoch weiter. Was immer er sich bei dem Sturz für Verletzungen zugezogen hatte, sie würden nicht am Strand zu heilen sein.
Der Professor. Er musste zurück.
Nur am Rande dämmerte ihm der Gedanke, dass die Ursache seine Sturzes, diese seltsame Welle aus Energie vielleicht auch den Professor getroffen hatte. Sein träger Verstand arbeitete anderweitig, störte sich an etwas. Während er vorsichtig den Weg entlang wankte, den er so viele Male zuvor mit seiner Ware entlanggeeilt war, stieß er wie bei einem wackligen Zahn immer wieder gegen die Bilder, die nach seinem Erwachen auf ihn eingestürzt waren.
Ratten, Kadaver, Ratten, Kadaver. Die Schlange. Ratten.
Die geschuppte Schlange. Hatte sie ihn gebissen? Kam daher sein gestörtes Sehen? Mit einem Auge zugekniffen, rief er sich das Reptil in Erinnerung. Wie nah war es gewesen? Wo sein Kopf? Hatte es gelebt oder war es ebenso wie die Möwen verendet?
Die Schlange.
Sie hatte keinen Kopf! Keinen Kopf. Nur einen Schlund.
Åke taumelte.
Die Schlange. Vereinzeltes Lapislazuli auf strahlend grünem Grund. Und darin Sprenkel von … Haut? Menschlicher Haut?
Würgend brach Åke zusammen.
Eine Treppenstufe grub sich unangenehm in seine gepeinigten Rippen. Steine drückten ihre spitzen Kanten in seine Wange. Aber er konnte sich nicht bewegen. Seine Augen standen weit offen, sahen grau – den Zement der Treppe – und davor die Schlange. Sie lag über seinem Hemd. Lapislazuli auf strahlend grünem Grund. Darin Sprenkel von Haut. Seiner Haut.
Als er seine Hand öffnete, verschlang ihn der Schlund.
Bestie im Morgengrauen

Die Sonne brannte schon unbarmherzig vom Himmel herab. Obwohl sie ihr Zenit noch nicht erreicht hatte, und ließ ihr Strahlen durch die Luft tanzen. Der Morgen war erfüllt von Leben, Insekten summten, vollführten wagemutige Kunststücke im warmen Wind.
Blätter raschelten, als Camille aus ihrer tiefen Starre erwachte.
Langsam kam Leben in sie. Beim Strecken krachten ihre Gelenke unheilvoll. Jede einzelne Sehne schien zu spannen, jeder Muskel sich zum ersten Mal zu bewegen. Vielleicht taten sie dies ja auch, die junge Frau wusste es nicht.
Zaghaft öffnete sie ein Auge nach dem anderen, nahm die Welt um sich jedoch nur verschwommen wahr. Farben und Muster waren miteinander verworren und ineinander geschlungen und über allem lag ein grauer Schleier, wie eine verhangene Wolkendecke. Nur langsam lichtete sich das Farbenwirrwar , die Schlieren wurden zu Bäumen und Pflanzen und schließlich war ihre Umgebung beinahe so klar, wie sie sein sollte.
Doch die Farbzusammensetzung stimmte noch immer nicht, mit ihrem linken Auge sah sie nur Grau, Schwarz und Weiß, eine verstörende Mischung. Das rechte Auge nahm die Welt in ihrer vollen Farbvielfalt wahr und so gab das Gesamtbild eine komische Kombination.
Sie blinzelte immer wieder, doch es wurde nicht besser.
Der Schreck darauf fraß sich in ihre Glieder, wanderte durch ihre Arme und Beine, hinterließ ein heißes Prickeln unter ihrer Haut. Eine leise Böe kam auf, wirbelte Camilles Haare umher, die vorher völlig verschwitzt an ihrem Kopf geklebt hatten. Spielte mit ihnen, ließ sie im Windhauch tanzen.
Camille hatte Angst, vor dem, was kommen würde und vor dem was geschehen war.
Was ist nur los mit mir? Warum sehe ich nicht richtig? Warum fühlt sich alles so fremd an?
Die Fragen schwirrten ihn ihrem Kopf wie Geister umher. So viele und auf keine wusste sich auch nur eine passende Antwort. Ganz erschöpft und mit sich überfordert bemerkte sie zunächst nicht den Schmerz, der in ihr pulsierte wie ein schlagendes Herz. Ein Schmerz so allgegenwärtig, dass sie sich fragte, warum sie ihn nicht schon vorher bemerkt hatte. Ein Blick auf ihren unter einer Lage Röcke verborgenen Körper genügte, um einen widerlichen Geschmack in ihren Mund zu treiben. Was einmal schneeweiße Beine gewesen waren, ähnelten nun mit Fell überzogenen Läufen. Die Füße waren riesigen Pfoten mit langen schwarzen Krallen gewichen. Sie drohte in Ohnmacht zu fallen.
Schmerzen. Höllenfeuer. Knochen,die brachen. Sehnen, die rissen und neu zusammenwuchsen. Schreie, markerschütternd! Fell gewachsen aus zarter Haut.
Schreie, Schmerzen, Ohnmacht!

Eine Flut von Bildern stürmte auf sie ein, beschlagnahmte ihren Geist. Doch Camille wollte es nicht sehen, wollte sich der Erinnerung nicht hingeben und diese auch nicht begrüßen! Sie wollte gar nichts, nur wieder so sein wie zuvor. Der Wind umspielte wieder ihr Gesicht, strich ihr mit zarten Fingern über die Wange und spendete dem Mädchen so ein wenig Mut, ein wenig Hoffnung in absoluter Hoffnungslosigkeit. Das Mädchen strich sich mit ihren verkrümmten Fingern die Tränen aus dem Gesicht. Es waren nicht die schlanken Finger einer Musikerin, sondern die Klauen einer Bestie. Mit Krallen und fellüberzogen. Das Herz wurde Camille schwer, drückte sie nieder.
Sie schloss ihre Augen und wollte sich der Trauer hingeben, doch eine Lawine neuer Bilder rollte über sie ein:
Eine junge Frau, mit geschlossenen Augen im Takt der Musik. Eine Melodie so wunderschön, dass sie nur von einer Göttin gespielt werden konnte. Ihre Finger, die die Seiten der riesigen Harfe gekonnt zupfen und strichen. Ein Moment des Glücks.
Die Melodie noch immer in den Ohren fasste sie neue Kraft, richtete sich mühsam wieder auf und schleppte sich einen ungewohnten Schritt nach dem anderen voran. Die neuen Beine und Füße taten, was sie sollten, forderten dafür aber große Anstrengung und enorme Willenskraft.
Camille wollte einfach nur weg von hier, raus aus dem scheinbaren Paradies, das so erfüllt war von Leben. Sie wollte die munteren Insekten verlassen und am liebsten nie wieder eines zu Gesicht bekommen. Deswegen schleppte sie sich weiter, nur angetrieben von dem Gedanken der Flucht.
Sie Sonne wanderte währenddessen weiter am Himmel entlang und wurde noch erbarmungsloser als zuvor. Bald stand sie vollends im Zenit und schicke ihre Strahlen auf die trockene Erde.
Camilles Beine wurden lahmer und die aufzuwendende Anstrengung immer großer.
Als das Gelände steiniger wurde, verließen sie ihre Kräfte, mit einem letzten Rest Energie erreichte sie eine kleine Höhle. Doch sie war nicht länger allein, sie vernahm gequälte Geräusche …
Auf Konfrontationskurs


Als Alban erwachte, sah er in die Augen einer Ratte - einer Ratte von der Größe eines Pudels. Absurderweise war sein erster Gedanke, wie es wohl Mordrat ging. Hatte er das Unglück überlebt oder jagte er die Ratten jetzt im Jenseits - Kreaturen mit verzerrten Proportionen, einer Schale aus Stein und Augen aus flüssigem Feuer. Er hasste Ratten.
Jetzt erst erfasste ihn die Panik. Langsam wich er auf dem Boden zurück, sein Verstand verabschiedete sich.
Die Umwelt mutierte zu einer Diashow und er stieß wieder vor; biss zu, ein-, zwei-, dreimal. Während das Gift langsam in ihre Venen eindrang, erstarrte die Kreatur und kippte langsam um, während das Leben aus ihren Augen verschwand. Tote Ratten hasste er nicht.
Es dauerte eine Zeit, während der er auf dem Boden lag und einfach verharrte, bis Alban realisierte, was falsch an diesem Tod war. Zunächst war er nur verwirrt, dann schließlich wuchs seine Vorstellung in ihrem Grauen, bis sie unmöglich schlimmer sein konnte als die Wirklichkeit. Er sah auf seine Arme runter und erhaschte einen kurzen Blick auf etwas bedeutend kleineres, bevor er schnell wieder wegsah. Lieber zuerst das Gesicht.
In der Nähe war eine kleine Pfütze, die fortwährend Wellen schlug und nur ein unscharfes Bild erlaubte. Langsam stieß er sich zu ihr hin - mit Beinen, über die er nicht nachdenken wollte, vorerst. Dann sah er in sein Gesicht.
Der erste Gedanke war, dass es ihn hätte schlimmer treffen können. Die schuppige Haut einer Schlange schloss die linke Seite seines Kopfes ein wie ein Helm und floss an der Stirn langsam über in menschliche Haut. Seitlich am Kopf hatte er noch einige Haare, die jedoch stellenweise die beige Farbe der Schuppen hatten und nicht das ursprüngliche Blond. Die Schlangenhaut zog sich links über seinen Unterkiefer und führte dann wieder hoch zum Mund aus dem eine gespaltene Zunge hervorsah - auf der einen Seite die einer Schlange, auf der anderen die eines Menschen. Es war auf eine eigenartige, befremdliche Weise schön. Schlangen konnte er ausstehen. Die töteten Ratten. Er tötete Ratten.
Dann erst traf ihn mit voller Wucht, was tatsächlich geschehen war. Er war nicht mehr er. Er war gespalten wie seine Zunge, missgestaltet. Er war immer recht gut aussehend gewesen, ein markantes Gesicht, der Körper durchtrainiert. Er hatte keine Schönheitspreise gewonnen, doch durchaus auf sein Aussehen geachtet. Dementsprechend war er auch beim weiblichen Geschlecht angekommen - bis jetzt. Denn nun würde niemand ihn mehr nehmen, nicht einmal für Geld und er wusste auch gar nicht, ob er überhaupt konnte.
Um sich abzulenken von der Tristesse dieses Gedanken, dachte Alban darüber nach, wo er eigentlich war. In einer Höhle, klar. War das noch in Australien, wo er seinen Entzug hatte vollziehen wollen, nachdem er ... Nein, damit gar nicht erst anfangen! Was war nur mit ihm geschehen? Wie hatte sein Leben derart den Bach runtergehen können. Vor einigen Monaten noch war er Teil der angesehenen Gesellschaft von Paris gewesen, war auf den exklusivsten Partys eingeladen und htte selbst die besten Feiern von allen geschmissen. Und jetzt? War er mehr Tier als Mensch und wälzte sich im Dreck, weil er nicht mehr aufstehen konnte.
Es musste einen Weg zurück geben. Und der erste Schritt wäre, diese Höhle zu verlassen. Er sprang auf und flog einige Meter. Selbst überrascht von dieser Leistung reagierte er nicht mehr richtig auf die Landung, knickte ein mit seinen Beinen und landete auf dem verkrüppelten Brustkorb. Er schrie auf, als er ein unnatürlichen Knacksen hörte und umschlang mit den Überresten seiner Arme den Körper als könnte er den Schmerz einfangen.
Nach einiger Zeit ebbten die Schmerzwellen langsam wieder ab - vielleicht hatte er auch einfach schon zu viel erlitten - und er rappelte sich wieder auf. Eine Stimme in seinem Kopf drängte ihn, hier drinnen zu bleiben. Es war hier feucht und warm und sicher! Doch er zwang sich nicht aufzugeben und verbissen sah er hinunter auf seine Beine. Eine fluoreszierende Farbschicht, die zwischen gelb und grün nuancierte bedeckte muskulöse Schenkel. Im Mund lief ihm das Wasser zusammen* und er erkannte riesige Froschbeine. Wie viel Mensch bin ich eigentlich noch?
Doch er quälte sich nicht weiter mit Fragen, sondern sprang ab. Diesmal meisterte er die Landung besser, doch die anscheinend gebrochenen Rippen schmerzten wieder mit dem Aufprall. Etwas vorsichtiger und langsamer, doch stetig setzte er seine Weg vor, zwischen Springen, Kriechen und Schmerzen.
Was erwartete ihn bloß draußen?
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