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Normale Version: Sag, was du zu sagen hast
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[Vortrag: Als Inquit-Formel wird die Redeeinleitung bezeichnet, die üblicherweise aus einem Verb des Sagens und einem Nomen / Pronomen besteht, das den Sprecher kennzeichnet.]

[Nachtrag: Um nicht mögliche Diskussionsteilnehmer schon mit der puren Länge meines Eingangsposts zu verschrecken, hier die Fragestellung kurz und knapp: Bist du eher der Schreibtyp, für den "sagen" im Dialog das Allheilmittel ist, oder setzt du auf die Vielfalt der Synonyme und drückst die Stimmung der Dialoge zusätzlich mit Verben wie "brüllen", "kontern", "scherzen" und "blaffen" aus?]

Sag, was du zu sagen hast ...

… und bring es in wörtlicher Rede unter. Nicht in der Inquit-Formel.
So predigen es manche Schreibratgeber und manche Autoren. Selbst manche Leser verteufeln alles, was nicht »sagen« ist.
Ich hab mir sagen lassen, dass es im englischen Sprachgebrauch tatsächlich so ist, dass »said« hinter allem steht. Egal ob gebrüllt, geflüstert, gekeift oder gefragt wird. Es wird wohl gar nicht als Wort wahrgenommen, dient lediglich als Sprecherzuweisung. Damit der Leser den Überblick über die Dialogpartner nicht verliert.

Von deutschen Autoren wird nun immer häufiger das Gleiche gefordert:
Die wörtliche Rede allein soll dem Leser nahebringen, WIE etwas gesagt wird. Der Fokus soll auf dem gesprochenen Wort liegen, auf der wörtlichen Rede allein. Daher ist auf allen angehängten Firlefanz zu verzichten, ein schlichtes »sagte er/sie« muss genügen.
Nun, wenn’s bei Stephen King funktioniert, muss es ja gut und richtig und sklavisch einzuhalten sein, oder nicht?

Was ist aber so schlimm daran, wenn ein Autor nicht nur den Inhalt der wörtlichen Rede in den Fokus rücken will, sondern auch die Art, wie der Sprecher seine Worte von sich gibt?
Es scheint das Hauptargument der Sager zu sein, dass ein anderes Verb zu sehr vom eigentlichen Gesprochenen ablenkt. Dass der Ausdruck über die wörtliche Rede zu erfolgen hat, ob ein Satz nun geflüstert, geschrien oder aufgeregt hervorgebracht wird.
Es gibt tatsächlich Texte, da habe selbst ich mir schon gedacht, dass der Autor es übertreibt mit der Synonymfindung. Wenn hinter JEDER wörtlichen Rede eine neue, tolle, originelle Inquit-Formel zu finden ist, liest sich das in der Tat meist sehr unangenehm und bemüht.
Um fair zu bleiben: Hinter jeder wörtlichen Rede ein »sagte er« zu lesen, bringt mich nur geringfügig langsamer auf die Palme.

Ich muss sagen, ich bin als Autor ein absoluter »sagen«-Gegner. Ich bin der Meinung, die wenigsten Menschen »sagen« einfach so etwas, ohne einen Beweggrund, ohne Emotionen und ohne Motivation.
Wenn ich außer Puste bin und kaum Luft kriege, dann »sage« ich nicht »Sie sind hinter mir her!«, sondern ich »bringe es mühsam hervor« oder ich »keuche« es oder vielleicht benutze ich einfach gar kein Verb, sondern meine Stimme überschlägt sich oder der Satz ist kaum zu verstehen, weil ich um jeden Atemzug kämpfe.
Wenn jemand etwas zu mir sagt, und ich sage etwas als Erwiderung darauf, warum sollte ich es nicht »erwidern« dürfen? Warum sollte ich nicht »schlagfertig kontern« dürfen oder »geknickt klein beigeben«? Unsere wunderschöne Sprache bietet so viele Synonyme, die so viel mehr transportieren können als das pure »sagen«.

Sonst heißt es doch immer, ein Text brauche starke Verben. Nun, bei aller Liebe, aber »sagen« ist kein starkes Verb. Es sagt nämlich überhaupt nichts aus. Dass die wörtliche Rede gesagt wird, verkünden schon die Anführungszeichen, ein weiterer Hinweis auf das gesprochene Wort wäre nicht nötig. Die Sprecherzuweisung könnte über die Dramen-Form erfolgen. Name, Doppelpunkt, Rede.
Demnach wäre »sagen« nur ein Füllwort, überflüssig, durch die Anführungszeichen redundant. Und solche Wörter schmeißen wir für gewöhnlich raus. Das sagen uns auch die Schreibratgeber. Weg damit.
Wieso sollte ich als Autor diese Gelegenheit nicht nutzen, dem Leser ein bisschen Stimmung und Tonfall des Gesprächs über die Inquit-Formeln zu vermitteln? Was ist schlimm am »zischen«, »flüstern«, »fauchen«, »schnauzen«, »jammern«, »verkünden«, »nachhaken«, »entgegnen«, »erwidern«, »spotten«, »trösten«, »kreischen«, »keuchen«, »hauchen«, erklären« und all ihren Brüdern und Schwestern?

Ich verstehe die Abneigung gegen (umständliche) Wendungen, die konstruiert wirken, dem Ton der wörtlichen Rede widersprechen oder auch eine klar aus der wörtlichen Rede hervorgehende Tatsache nur wiederholen. Aber was spricht gegen kurze, emotional gefärbte Synonyme für »sagen«? Wörter, die nicht nur den Tonfall des Gesagten transportieren können, sondern auch über die Intention des Sprechers Auskunft geben oder über die Auffassung des Angesprochenen. Jemand der etwas »stolz verkündet« kann aus der Sicht einer anderen Person »prahlen« oder auch einfach nur etwas »mitteilen«.
Inquit-Formeln sind meiner Meinung nach ein wunderbares Werkzeug, um in einem Dialog die Sprecher über das Gesagte hinaus zu charakterisieren und Stimmung zu schaffen.

Wohlgemerkt: In Maßen, nicht in Massen.
Wenn JEDE wörtliche Rede mit einem anderen Synonym eingeleitet wird, ist das natürlich nicht besser, als wenn jede Rede mit einem »sagen« eingeleitet wird. Aber das liegt nicht an den Wörtern, sondern an der Masse.
In einem zehnzeiligen Dialog mit drei Inquit-Formeln darauf zu pochen, dass da jedes Mal »sagen« stehen muss und bloß nichts anderes, weil es den Leser vom Inhalt der wörtlichen Rede ablenkt … Bisher hab ich noch kein Argument dafür gelesen, das mich überzeugt hätte, »sagen« wäre immer und überall die bessere Wahl.
Ist es in unserer (echten) Kommunikation nicht meistens sogar wichtiger, WIE unser Gesprächspartner etwas sagt und nicht, welchen genauen Wortlaut er dafür wählt? Für die geschriebene Sprache gelten natürlich andere Regeln, aber den Tonfall kann wörtliche Rede eben nicht (immer) transportieren. Und bei einer Figur, die gerade erst neu auftaucht, fehlt auch die Erfahrung, um den Leser selbst seine Schlüsse ziehen zu lassen, ob ihre Aussage nun ironisch, zaghaft oder anklagend gemeint ist.

Ich habe gar nichts dagegen, beim Lesen ab und zu mal über ein »sagen« zu stolpern. Ich habe schon Texte gelesen, da hat es mich kaum gestört und war an manchen Stellen sogar richtig gut und passend.
Aber ich habe Angst vor dieser Entwicklung, nichts anderes mehr zuzulassen. »sagen« als die einzig richtige und gute Inquit-Formel zu preisen. All den schönen Synonymen die Daseinsberechtigung abzusprechen.

Ich selbst verwende »sagen« nie. Weil es mir einfach viel zu wichtig ist, WIE meine Figuren sprechen, mit welchem Ziel sie einen Satz von sich geben oder wie sie einen Satz von jemand anderem auffassen.
Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass mir schon hin und wieder eine Inquit-Formel ins Auge fällt, bei der ich nur denke »Aua, was hast du da geschrieben?« - aber dann ersetze ich sie entweder durch eine passendere oder lasse sie ganz weg. Wenn ich den Sprecher kennzeichnen will, gebe ich ihm eine kleine Aktion, lasse ihn nicken oder eine Geste machen oder jemanden ansehen. Denn das ist ebenso Teil eines Gesprächs wie die wörtliche Rede.

Um die Atmosphäre von wörtlicher Rede zu transportieren, greife ich daher immer zu einer gesunden Mischung aus abwechslungsreichen (aber nicht zu ausgefallenen) Inquit-Formeln, Handlungsbeschreibungen und ab und zu einfach mal gar keinem Autoren-/Erzähler-Kommentar.

Für mich fällt »sagen« in die gleiche Sparte wie »klein« und »groß« oder »sein« - schwache Wörter, die hin und wieder angebracht sein können, die sich aber meist durch ein aussagekräftigeres, originelleres und ausdrucksvolleres Wort ersetzen lassen.


Mein (etwas länger gewordenes) Wort zum Sonntag
– oder –
Was ich schon immer mal verkünden predigen beklagen sagen wollte

Liebe Grüße
Lanna
Hallo Lanna.

Aufgrund der frühen Stunde nur ein kurzer Einwurf:
Was erwartest Du? Wir sind auch im sprachlichen Bereich auf dem Weg in die Zukunft. Dass das wahrscheinlich einigen Leuten nicht schmeckt, wen interessierts? (Edit: natürlich der Minderheit - die Mehrheit ist dafür.)

Du hast sicherlich schon mitbekommen, dass das Wort 'Gefühl' durch ein kaltes 'Emotionen' ersetzt wurde. Falls nicht, schau Dir doch mal ein Fußballspiel an und zähle die Worte, die einfach kalt nichts aussagen und keine Begeisterung wecken. 'Emotionen' ist nur eines davon.

Im normalen Sprachgebrauch gibt es auch noch meine persönliche Hitliste: Angeführt von 'Kompetenzen' (Genderkompetenz, Fachkompetenz, Humankompetenz). Gefolgt von 'Zentrum' (Gesundheitszentrum). Oder ein Mischmasch aus beiden? Kompetenzzentrum.

Das hieß früher mal Fähigkeiten. Befähigungen. Fachliche Qualifikationen. Oder schlicht 'Qualifikationen'.

Also, der Trend geht dahin, dass alles unpersönlich und am besten so neutral wie möglich dargestellt wird. Und da passt das 'Sagen' doch hervorragend. In ein paar Jahren werden wir schon soweit sein, dass wir auch keine Emotionen mehr spüren.
Und Kritik? Die sagen wir nur noch, brüllen/fauchen/donnern sie auch nicht mehr.

Aber wir sollten ja froh sein, dass wir noch deutsch sprechen dürfen. Irgendwann versuchen sie es mit Esperanto nochmal.

Willkommen im (europäischen) 21. Jahrhundert.

LGD.
@ Dread: deprimierende Aussichten.
Aber glücklicherweise muss mir ja nicht alles gefallen, was die Zukunft möglicherweise so bringt.

Zur englischsprachigen Literatur: ich habe selbst noch nicht viel auf englisch gelesen, aber bei dem was ich kenne, kann ich getrost sagen: auch die Amerikaner benutzen nicht auf Teufel komm raus nur "said". Wenn auch häufiger als im deutschsprachigen Raum. Und Amerikaner charakterisieren ebenso ein Gespräch mit Gesten und verziehen hin und wieder ihr Gesicht. Falls es jemanden tröstet, glaube ich übrings nicht, dass sich das in der Unterhaltungsliteratur bis zur absluten, gefühlsmäßigen Unterkühlung steigern wird. Mimik und Gestik sind seit Anbeginn der Menschheit Träger von wichtigen Informationen und Gefühlen. Darauf zu verzichten, würde einen grundlegenden Wandel im gesamten Wesen der fiktiven Charaktäre und nicht zuletzt der Menschheit an sich bedeuten. (An dieser Stelle denken sich bitte die Fachkundigen unter euch einfach den vulkanischen Gruß aus Star Trek rein.)
Dann kommen da noch die Unterschiede zwischen dem Englischen und dem Deutschen hinzu. Wenn selbst Briten und Amerikaner in ihrer Sprache teilweise Verständigungsprobleme haben, wie soll es dann erst bei einer Übersetzung ins Deutsche aussehen?
Ich selbst bin ein Fan von Übersetzungen, die möglichst nah am Urtext liegen, aber ich weiß ebenso, dass das nicht immer möglich ist. Bei Serien kann man das beispielsweise sehr schön beobachten. Eine gute Übersetzung muss einfach wissen, wann sie den Urtext verlässt, weil der in der anderen Sprache so nicht übersetzt werden kann. Beispielsweise Redewendungen. Und in ganz harten Fällen, ist es meiner Meinung nach das Zeichen einer guten Übersetzung, dass beispielsweise ein Witz einfach ausgetauscht wird, weil der in der anderen Sprache einfach nicht funktionieren würde. Andere Dinge, wie Wortspiele, sind oft gar nicht zu übersetzen und der Lacher fehlt dann halt in der Geschichte. (Beispiel: Brend Weeks "Miststück von Hexe" im Deutschen und im englischen Orginal schlicht "Bitch Witch")

Zurück zum Thema: Wenn jemand jegliche, gefühlsbewertete Äußerungsform ablehnt, weil das die Englichsprachigen auch so machen, dann ist das ein ziemlich lahmes Argument.
Wer mit Sprachentwicklung argumentiert, der übersieht ebenso etwas. Nämlich dass Sprachentwicklung nur stattfindet, wenn die breite Masse etwas tut und nicht, wenn ein paar Hardliner eine fixe Idee haben. Zwar beginnt eine Entwicklung genau damit, aber Sprachentwicklung wirkt sich zu allererst auf den mündlichen Sprachgebrauch aus und so lange man auch in der Realität japst, faucht, schimpft, brüllt und flüstert, wird das auch in der (deutschsprachigen) Literatur zu finden sein.
Dreads Beispiel mit der zunehmenden Verwendung unpersönlicher Begriffe schrammt dieses Thema meines Erachtens nur unwesentlich und ist anderen Mechanismen geschuldet. Aus meinem eigenen Berufsleben weiß ich, dass man es bei der Befundung eines Menschen nicht mag, wenn man Dinge schreibt wie: er weinte, sondern lieber sagt: es flossen Tränen. DENN: wenn das ein Anderer ließt, will der die Fakten wissen, nicht das, was ich in die Situation hereinonterpretiert habe. Sinn des Ganzen ist nicht der Trend zum zukünftig erhofften Roboterdasein, sondern die Gewährleistung der Unvoreingenommenheit. Wenn ich sage, er weinte, ist die Botschaft möglicherweise: er ist ne Heulsuse, emotional labiel, hat gerade schweres durchgemacht... wenn ich sage, es flossen Tränen, kann das ebenso bedeuten, dass er Heuschnupfen oder gerade eine Zwiebel schnitten hat. Wer brüllt, ist ein Choleriker, ein Arsch oder beides. Wer laut wird, versucht sich möglicherweise sich einfach nur Gehör zu verschaffen, ohne jedoch die anderen beiden Optionen auszuschließen.

So die Realität in der Fachwelt. Doch Unterhaltungsliteratur ist nicht fachlich, sondern immer emotional gefärbt (wenn sie gut ist) und damit bei weitem nicht so anfällig für ausschließlich gefühlsneutrale Beschreibungen. Dass man dennoch mit ihren arbeiten kann, steht auf einem anderern Blatt.
Und was unsere Behörden so verzapfen hatte ja noch nie den Grund für irgendwen verständlich zu sein oder gar emotionale Wärme zu vermitteln.
Moin Chewi.

Zitat:Dreads Beispiel mit der zunehmenden Verwendung unpersönlicher Begriffe schrammt dieses Thema meines Erachtens nur unwesentlich und ist anderen Mechanismen geschuldet.
Die Verwendung unpersönlicher Begriffe wird nach dem gleichen Muster vorangetrieben, wie alles andere auch in unserer heutigen Zeit. Beispielsweise das Verschleiern von Nachrichten aufgrund des Pressekodexes Nr. 12, wonach in Meldungen nichts irgendwie geartetes Negatives auf das betreffende Objekt oder Subjekt auftauch darf. Das führt in solchen Fällen dazu, dass die Meldungen mit dem heutigen Vokabular/den gewählten Worten anders ausfällt, als beispielsweise vor 15 Jahren.

Dazu kommt natürlich auch der Modegrund. Es ist einfach schick/chique, wenn man anders ist. Und in einer - durch die Medien als sonnendurchflutete, nach Flower-Power-Zeiten duftende - Multi-Kulti-Gesellschaft ist die Verwendung von nicht-inlandsprachlichen Worten mit Kraftausdruckcharakter geradezu ein Muss.
Aber der Trend geht wieder zurück zur amtlichen Inlandssprache - aber dort eben verstärkt emotionslos. Nüchtern. Kraft- und saftlos. Ein neuer Weg, sich zu profilieren. Gefördert durch Funk- und Fernsehen und die jeweiligen Multiplikatoren in den Bereichen der sprachlichen Ausgestaltung von Meldungen, Werbungen oder Event-Bereich. (Event. Event Horizon??? Mrgreen *hustja* )

Wir alle sprechen so, wie die "Welt" spricht. Und wonach richtet sich die Welt?

Zitat:Zurück zum Thema: Wenn jemand jegliche, gefühlsbewertete Äußerungsform ablehnt, weil das die Englichsprachigen auch so machen, dann ist das ein ziemlich lahmes Argument.
Das ist zwar absolut richtig - aber wird auf Dauer nicht abzuwenden sein. Englisch ist eine weltumspannende Sprache.

Zitat:Und was unsere Behörden so verzapfen hatte ja noch nie den Grund für irgendwen verständlich zu sein oder gar emotionale Wärme zu vermitteln.
Gut gebrüllt - schade, dass hier einer von der dunklen Seite der Macht sitzt. (*zuviel Star-Wars-Gerüchte über den nächsten Teil von Disney gehört*) Mrgreen

Ein bisschen aus dem Nähkästchen? Nicht alle auf einmal. Mrgreen
Die in Bescheiden verwendete Sprache hat zwei wesentliche Ursachen. Zum einen muss sie so spezifisch sein, dass der Inhalt verständlich herüberkommt. Das problem ist beim Inhalt, dass es um Rechtsbegriffe geht, die nicht - oder nur schwer - vorstellbar sind. Zumindestens für die Mehrheit in diesem Lande. Problem Nummer 2: Will man - oder kann man sogar - einen Sachverhalt so plastisch beschreiben, wie beispielsweise in einem Buch, dann ist es zwar sehr gut lesbar, aber auf der anderen Seite nicht unbedingt genau. Und durch diese mögliche Ungenauigkeit werden Mechanismen in Gang gesetzt, die ich nur andeuten möchte: Widerspruch (nur noch teilweise in NRW), Klage, Eilanträge etc.
Und das nur, wegen einem zwar gut lesbaren, aber ungenauen Bescheid/Verwaltungsakt.

Ich denke, man kann es herauslesen, aber ich möchte es nochmal besonders betonen: Es gibt leider Rechtsanwälte, die gegen jeden Fehler im Bescheid klagen. Der Sachverhalt eines Verwaltungsaktes kann noch so klar vor Augen liegen - es wird wegen einem Fehler vors Gericht gezogen. (Nicht Komma-Fehler. Ungenaue Sachverhaltsschilderung beispielsweise. Oder fehlender Passus im Rechtsbehelf.)

Ich persönlich finde, dass die Verwaltungssprache eine Sprache für sich ist. Und sie so einfach wie möglich zu sprechen, damit auch der letzte Mensch in diesem Kontinent das versteht, ist schier unmöglich. Es braucht einfach die besonderen Wort-Umgangsformen.

Dies wollte ich loswerden.

LGD.
Ich würd gerne darauf hinweise, dass das Thema des Threads die Inquit-Formeln und die Frage "sagen oder anders sagen?" ist.

So viel man auch über den Einfluss von Verwaltungssprache auf Literatur, Anglizismen, Übersetzungsstil und den Subtext / die Neutralität von anderen Verben diskutieren könnte, sprengt es den Thread, wenn sich hier all diese Themen noch mit reinschleichen.

Ich versuche immer nachzuvollziehen, woher Trends kommen (die ich nicht mag Icon_ugly ) und bei diesem "sagen"-Thema taucht einfach oft der Ratgeber von King auf. Und ich weiß, dass es im Englischen durchaus Standard ist. Die Übersetzer sind gewiss nicht Schuld daran, dass sie für "sagen" nicht auf eigene Faust Synonyme finden. Vielmehr richtet sich meine Sorge auf die deutschen (Hobby- / angehenden) Autoren, die solche Tipps unreflektiert übernehmen.
Ich weiß auch nicht, ob das tatsächlich eine moderne Entwicklung ist. So lange beschäftige ich mich ja nun auch noch nicht mit solchen Themen. Aber es kommt mir einfach so vor, als wäre die Diskussion in unterschiedlichen Foren und Blogs immer häufiger anzutreffen.

Ich will hier keinesfalls dafür sorgen, dass niemand mehr "sagen" verwendet. Warum auch? Es ist Geschmackssache. Aber ich finde es bedenklich, dass angehenden Autoren immer wieder erzählt wird, NUR "sagen" wäre gut und richtig. Genauso wie ich die Aussage bedenklich finde, ALLE Adjektive wären böse und jedes Tell (aus Show, don't Tell) wäre zu verteufeln. Aber das sind Themen für andere Threads.

Ja, Sprache lebt. Sprache verändert sich. Sprache wird verändert. Aber als Autoren haben wir die Möglichkeit, die Schönheit und die Vielfalt unserer Sprache zu verbreiten und an nachfolgende Generationen zu übermitteln. Wie haben die Möglichkeit, die Veränderung zu beeinflussen.
Geschriebene Sprache und gesprochene Sprache sind nach meiner Erfahrung zwei ganz unterschiedliche Paar Schuhe.

(Wer meine Geschichten kennt, wäre vermutlich entsetzt, wenn er mich mit meiner Schwester reden hört. Ganz anderes Sprachniveau Mrgreen )

Ich hoffe einfach, dass ich mit solchen Themen ein oder zwei Autoren zum Nachdenken anregen kann. Dass sie sich intensiver mit der Sprache auseinandersetzen. Dass sie "Regeln" hinterfragen. Dass sie neue Möglichkeiten entdecken.
Oder dass sie mich überzeugen, auch nur noch "sagen" zu verwenden. Bringt mir einen guten Grund und ich tu's Icon_wink
Hi Lanna,
ich stimme dir, wie so oft Icon_wink , in allen Punkte zu. Sagen kommt von nichtssagend, daher versuche auch ich, es stehts zu vermeiden. Habe sogar extra eine Word-Datei mit Synonymen.

LG
Addi
Jo

Ich wurde in der Schule darauf gedrillt, sagen (als Inquit) und gehen (als Fortbewegung) zu meiden. Einfach, weil diese Wörter es denkfaulen Menschen zu leicht machen und man schnell in einem Gefüge zwischen sagen-fragen-antworten und gehe-stehen-liegen hängen bleibt. Dazu muss ich auch sagen, dass ich auf Wortwiederholungen extrem sensibel reagiere, darum bemühe ich mich innerhalb einer Wordseite möglichst nicht 2x dasselbe Wort oder dieselben Konstruktionen zu verwenden. Hassbeispiel für Synonymsfindung: fragen und versuchen, aber auch bei Blick oder Moment kanns gefährlich werden.

Aber zurück zum Thema. Bei übersetzten (englischsprachigen) Autoren sehe ich toleranter über den Zusatz "sagte XY" hinweg als bei deutschsprachigen. Kommt mir diese Form innerhalb kürzester Zeit wiederholt unter, kreide ich das dem Verfasser dieses Verbrechens an der deutschen Sprache unter fehlender Vorstellungskraft, wenn nicht sogar unter mangelhaftem Wortschatz an.
Manche Genres scheinen aber leidenschaftlich Usus mit den Sagern zu betreiben - meine wenige Erfahrung mit dem Krimi-Genre rührt vor allem da her, dass dieses ganz besonders versessen darauf scheint und ich ganz einfach nicht in die Geschichte reinfinde, wenn eh jeder dasselbe sagt.

Vor allem denke ich mir, dass sich diese Form doch so oder so erübrigt, wenn sie inflationär in den Text Einzug hält - wieso lässt man dann nicht ganz einfach die direkte Rede nackt stehen statt ihr ein unschönes Anhängsel zu verpassen? Wenn man schon zu bequem ist, sich ein paar Synonyme einfallen zu lassen, dann kann man doch wenigstens noch dafür sorgen, dass die Sprecher automatisch erkennbar sind. Wie schon gesagt (XD), sagen heißt nichts, also kann man auch gleich drauf verzichten.

Aber! Was ich oben als dickes fettes Minus bezeichnet habe, muss nicht ganz so schlimm sein. Manche Schriftsteller haben einfach einen so schlichten Stil, dass eine blumige Wortwahl eher stören als helfen würde. Bei denen wäre das sagen gut aufgehoben, denn sie machen die karge Wortlandschaft durch andere stilistische Mittel wett. Aber hier meine ich echte Sprachgenies, die es nur vereinzelt gibt, kein Schreibanfänger soll sich damit angesprochen fühlen. Die "richtige", sprich, kreative Anwendung von sagen als Inquit ist schwieriger, als es den Anschein erweckt.

Mein Wort zur Dienstag Nacht. Icon_smile
Danke, Lanna!

Ich finde diesen Trend auch ganz entsetzlich, wie bei jedem kaum verdauten Schreibratgeber RadSchlag, sind die Risiken und Nebenwirkungen immens. Unter dem Versprechen: "SO, (und nicht anders) hast du Erfolg und bist dann ein patentierter Autor!", lässt sich der geradezu biologisch zu chronischer Unsicherheit verdammte Schriftsteller auch wirklich zu allem überreden und wenn es eine rigorose Amputation ist.Icon_panik

Wer den autobiographischen King Ratgeber gelesen hat, wird auch feststellen, dass er durch eine journalistische Schule gegangen ist, die ihre Spuren hinterlassen hat. Der Rotschrift seines verehrten Redakteurs war da am Werk und hat sich mit Kings, sagen wie malIcon_wink, ureigenen Stil verbunden. Aber die "sagte Regel" stammt aus dem journalistischen Bereich, und hat da auch weit mehr Berechtigung. Denn da können solche Formulierungen ein Zitat verfälschen. Der Außenminister brüllte hysterisch, ist etwas ganz anderes, als wenn ein Autor das mit Fug und Recht von seiner Figur behauptet.

Neben den von Lanna angeführten Argumenten, finde ich noch eine elementar, die Wort- die Satzmelodie!
Sagte ist ein Wort so kurz und hart, wie kann man erwarten, dass es sich in jede Situation, jedes Setting, jedes Gefühl, in jeden Stil einfügt? Was hat das arme Sagte diesen Leuten denn getan? Denn auch ein Sagte, kann seinen großen Auftritt haben, kann unendlich traurig klingen, kühl, fatalistisch, endgültig. Wenn man ihm wie jedem anderen Wort einen Platz sucht, wo es glänzen kann, seine Aufgabe in Vollkommenheit erfüllen - das kann es nicht in einer Armee von Klonen.
Inquitformeln sind nicht nur dafür da einen Sprecher zu kennzeichnen, irgendeine Info rüberzubringen, sie sind Brücken in unendlich viele Facetten eines Textes, verbinden das gesprochene Wort der Figur mit ihrem Inneren, der Welt, dem Leser und bilden einen wichtigen Teil des Stiles eines Schriftstellers, sind Teil eines Klangbildes! im Kopf von Leser und Schriftsteller und da soll man sich beschneiden? Abschneiden von einer unendlichen Freiheit und Vielfalt, die wir in unserer Sprache erreichen können, einer Sprache, die Wortkombinationen und Neuschöpfungen zulässt, wie kaum eine andere, solange man sich den Duden nicht als Bibel unter das Kopfkissen legt. (Noch so eine schräge Idee gewisser Schreibpäpste, Wörter, die nicht im Duden stehen, gibt es nicht Icon_rolleyes )

Ich sage auch rigoros Nein! Wenn man diesen Stil als den eigenen entwickelt hat, bitte, als Hommage an King und allen gleichverfahrenden englischen Kollegen, meinetwegen. Als Kennzeichen guten Stiles? Nicht ohne eine stichfeste Argumentation, die für mich nur am orginalen Text führen lässt, ganz sicher nicht all - gemein - gebrüllt! Mrgreen
Guten Morgen alle zusammen,

auch, wenn es Off-Topic ist möchte ich noch eine Anmerkung aus dem Verwaltungsnähkästchen anbringen: Inzwischen sind auch wir als Behörde dazu übergegangen unsere Schreiben „bürgerorientiert“ zu verfassen. Also einfachere Sätze und nette Formulierungen wie „Guten Tag Herr/Frau ….“ Ich finde das eine gute Sache und formuliere ganz gerne in meinen Schreiben rum. Aber: Wie auch schon Dread anmerkte: Gerade bei Bescheiden muss das ganze ja rechtlich richtig sein und dadurch ergeben sich dann seltsame Konstruktionen. Icon_ugly

Aber hier soll es ja um Unterhaltungsliteratur gehen:
Ich bin ja ein großer Fan vom Herrn King und habe schon einiges von ihm gelesen. Bisher sind mir die „sagte“ noch nie störend aufgefallen. Natürlich hat er einen recht einfachen, schnörkellosen Satzbau, aber trotztallem schafft er es mich so tief in die Geschichte hineinzuziehen, dass es mir egal ist, ob da jetzt ein „sagte“ oder „schaufte“ steht, viel interessanter ist der Inhalt für mich. Und ich denke dem Durchschnittsleser wird es genauso gehen.
Als Schreiberling muss ich aber schon sagen, dass er stilistisch noch mehr rausholen könnte, gerade bei den Namen hat er schon öfter Wortwiederholungen drin, aber ich kenn mich auch nicht gut genug mit der amerikanischen Sprache/Satzbau aus, um jetzt sagen zu können, ob es daran liegt, oder an der Übersetzung.

Zum Thema Schreibratgeber (welches auch schon hier behandelt wurde): Ich habe mich bisher noch nicht sehr ausführlich damit beschäftigt, höchstens in den ein oder anderen mal reingelesen. Aber, was ich bisher so gelesen habe, behauptet eigentlich keiner er wäre die „Bibel für Schreiber“ und müsste „sklavisch“ eingehalten werden.
Deshalb seh ich die Zukunft eigentlich nicht so düster: Wer liest den Schreibratgeber? Leute die sich mit dem Schreiben und der Sprache beschäftigen und jedem der sich damit beschäftigt sollte eigentlich klar sein, dass Wortwiederholungen (und ständig „sagte“ wäre eine) vermieden werden sollten und das es noch andere Wörter dafür gibt. Bisher ist mir auch noch keiner (zumindest hier im Forum) begegnet der auf etwas bestanden hätte nur weil es im Schreibratgeber stand. Icon_wink

Und wie auch schon Sniffu schrieb: Im Deutschunterricht bekommt man ja auch schon beigebracht solche nichtssagenden Wörter und Wortwiederholungen zu vermeiden. Ich persönlich versuche auch möglichst diese Inquit-Formel so wenig zu benutzen, denn meist ergibt es sich aus dem Zusammenhang wer was wie sagt. Oder sollte es zumindest.

Grüße Lady
Ein jedem Autor seinen Stil.
Da gehe ich mit. Schließlich habe ich ja auch meinen eigenen und an bestimmten Konstruktionen will ich einfach nichts ändern. Was schwache, also nichtssagende Worte angeht, so habe auch die ihre Bedeutung. Kai Mayer kann auch einem schlichten groß einen gewaltigen Nachhall geben und andere Autoren schaffen das ebenso mit einem sagte.
Wenn man lange oder viele Geschichten schreibt, wird man früher oder später einen eigenen Stil entwickeln und - egal was irendwelche Ratgeber behaupten - sich mit diesem Stil anfreunden und ihn annehmen. Der eine ist ein Meister ausgefallender Wortaktobatik und der andere hält es eher schlicht. Wer bin ich darüber urteilen zu dürfen, was gut ist und was schlecht? Mein einziges Recht ist es doch nur eine Geschichte eben nicht zu lesen, wenn mir der Stil nicht gefällt. Deswegen sollte ich sie aber nicht von Grund auf zu verurteilen. Die Lady beispielsweise liebt Steven King und ich habe nur ein Buch von ihm gelesen und das nicht einmal bis zum Ende. Und garantiert gibt es auch Bücher, die ich vom Stil her einfach nur genial finde und die bei der Lady keinen Splitter aus dem Zaun brechen.
Schreiben ist Kunst, ich denke mal darin sind wir uns alle einig. Picasso malte den Himtern neben das Gesicht und Da Vinci strebte nach (fotographicher) Perfektion. Beides hat seine Liebhaber und genauso ist es in der Literatur. Es gibt Richtlinien, aber nichts ist so starr, dass es nicht gebeugt werden könnte. Die Wahl der perfekten Inquit-Formel ist nur eine davon.
Wer nach Kings Ratgeber nur sagte verwenden will - soll er doch. Die, denen das vom eigenen Empfinden her suspekt ist, sind hoffentlich gefestigt genug, um das für sich abzulehnen und sich eben nicht danach zu richten. Meistens schreibt man ja zuerst ein paar (mehr) Seiten, bis man sich irgendwann dazu Fachliteratur holt - der eigene Stil ist also schon vorher da.
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