Literatopia

Normale Version: Homosexualität und Gendernormen in Fantasy
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Liebes Literatopia,

bei der Konstruktion einer Fantasywelt bin ich in letzter Zeit immer wieder auf die Frage gestoßen, in wie weit es heutzutage noch sinnvoll und vernünftig ist, eine Fantasywelt nach unseren Gendergesetzen aufzubauen (die Frage kann natürlich auch genauso gut für andere Genres gelten). Ich bin damit persönlich ein wenig überfordert. Zum einen finde ich es unlogisch eine Fantasywelt nur mit heterosexuellen Figuren zu bevölkern, zum anderen finde ich es ebenso unsinnig nur eine oder zwei homo- oder bisexuelle Figuren einzubauen. Dann stellt sich die Frage, wie die Homosexualität von den anderen Figuren aufgenommen wird. Ist es etwas normales? Ist es ungewöhnlich oder gar abstoßend für die ein oder andere Figur? Schließlich ist es eine fiktionale Welt und unsere Normen müssen dort nicht gelten. Oder etwa doch? Vielleicht wenn man die altmodisch gesinnten Leser nicht schocken will? Oder sollte man es tun?

Mich würde sehr interessieren wie ihr diese Frage in euren Geschichten löst und welche Beispiele in der Fantasyliteratur euch einfallen, in denen Gendernormen erfolgreich (oder auch ungeschickt) gebrochen wurden. Ich denke dabei sofort an Anne Rice und ihre Vampirromane, in denen praktisch alle Figuren bisexuell sind, ohne dass es je als etwas ungewöhnliches thematisiert wird. Ich habe vielleicht nicht genug gelesen, um wirklich darüber urteilen zu können, aber es scheint mir gelungen. (Oder habt ihr da Gegenargumente?) Persönlich habe ich immer Angst, dass das Ganze zu einem ungeschickten „Ich-möchte-zeigen-wie-modern-ich-bin“ hinausläuft. Und gewollt und nicht gekonnt, ist schließlich das Schlimmste, was einem beim Schreiben passieren kann.

Das ist das eine. Wenn man sich aber damit befasst, muss man auch alle anderen Gendervorstellungen in Frage stellen. Dass es nicht mehr der starke Prinz sein muss, der ein naives Mädchen vor einem Monster rettet, wissen wir schon. Doch was ist mit grundlegenden Dingen wie unterschiedlicher Kleidung, politischen Positionen oder KinderMÄDCHEN und PutzFRAUEN. Achtet ihr beim Schreiben auf diese Dinge? Gibt es einen Punkt, ab dem eine gendergerechte Welt einfach nur unecht rüberkommt? Fallen euch da konkrete Bücher ein, die es gut oder schlecht gelöst haben? Meine Sorge ist immer, dass sobald man eine Norm bricht, alle anderen Normen keinen Sinn mehr ergeben. Z.B. Wenn Frauen und Männer in einer Fantasywelt als gleich angesehen werden und die Figuren eher bisexuell sind, ist es DANN noch sinnvoll Frauen Röcke und Männern Hosen anzuziehen? Tragen dann beide Röcke? Oder keiner?

Ich bin sehr neugierig auf eure Antworten!

Liebe Grüße,
Meluse
Meluse!

Erstmal ein herzliches 'Schön, Dich mal wieder hier zu sehen!' Warst ja doch eine gefühlte Ewigkeit nicht da.

Zu Deinen Fragen:
Zitat:bei der Konstruktion einer Fantasywelt bin ich in letzter Zeit immer wieder auf die Frage gestoßen, in wie weit es heutzutage noch sinnvoll und vernünftig ist, eine Fantasywelt nach unseren Gendergesetzen aufzubauen (die Frage kann natürlich auch genauso gut für andere Genres gelten).
Grundsätzlich kommt es darauf an, was Du für Absichten mit Deiner Geschichte (respektive Deiner Welt) verfolgst. Vor allem ist es wichtig, da ja auch (unter anderem) bestimmte Interaktionen der Darsteller (beziehungsweise Hintergründe) erklärbar werden. Denn jemand, der heterosexuelle Wesen nicht mag, wird sich bestimmt nicht auf eine Rettungsaktion für solche Personen einlassen. (Wobei dieser Satz natürlich auch im Sinne einer Botschaft umstellbar wäre.)

Zitat:Ich bin damit persönlich ein wenig überfordert.
Ich auch, denn wenn man sich das bei ruhigem Licht betrachtet, braucht eine Gesellschaft, in der das, was man mit den Gendergesetzen (!) beabsichtigt, ..., eigentlich keine Gesetze.

Zitat:Schließlich ist es eine fiktionale Welt und unsere Normen müssen dort nicht gelten. Oder etwa doch? Vielleicht wenn man die altmodisch gesinnten Leser nicht schocken will? Oder sollte man es tun?
Eine sehr gute Frage, Meluse. Hier die Antworten:
1.) Wenn Du erfolgreich sein und Dich dem 'gesetzten' Bild unterwerfen willst, musst Du es gesetzeskonform einbauen. Linientreue fiele mir da als Begriff ein.
2.) Wenn Du dies anprangern willst, musst Du das auch tun, nur umgekehrt.
3.) Wenn Du es eher kühl/nüchtern und logisch betrachtest, wird Dir auffallen, dass es unterschiedliche Normen auf diesem Planeten gibt. Bei Tieren gibt es durchaus Spezies, wo die Frau der starke Teil ist. Daneben auch die klassischen Varianten mit dem starken männlichen Wesen.
Ausgehend von dieser Betrachtungsweise könnte man durchaus argumentieren, dass es Völker gibt (in dieser imaginären Welt), deren Gesellschaft klassisch aufgebaut ist, und welche, die die weiblichen Seiten stärker ins Zentrum des Handelns/Agierens rücken.
Dabei braucht es noch nicht einmal Gesetze oder Quoten, um dieses Bild entstehen zu lassen. Vielleicht haben sich die beiden Beispielvölker in ihrer fiktiven Geschichte eben so entwickelt.

Argumentatives historisches Beispiel aus unserer Zeit: Nach dem Deutsch-Französischen Krieg - in dem es wieder gegen einen Napoleon ging - war das (überwiegend männliche) Militär repräsentativ und mit positiven Eigenschaften untermalt. Das hat sich lange Zeit so gehalten, einfach weil man beim Anblick von Soldaten wusste, dass ebendiese die französische Fremdherschaft über Deutschland beendet hatten.
Angenommen, in der fiktiven Fantasywelt wäre die Situation ähnlich, nur dass die Männer - die das Militär mit Leben erfüllen - verhindert (Seuche und andere Krankheiten) wären und die Frauen dies (meinetwegen in Uniform) übernehmen. Amazonen käme da als Begriff ins Spiel.
Dies als Ausgangspunkt, der aber auch mehrere Folgemöglichkeiten offen lässt: Würden die Männer danach eine niedrigere soziale Stellung in der Gesellschaft bekleiden, da die Frauen - an deren Stelle - gekämpft haben? Oder würde sich eine Gleichberechtigung einstellen, wie man es beispielsweise in Starship Troopers sieht?

4.) Grundsätzlich stellt sich auch die Frage nach einer Etikette nicht. Und zwar meiner Meinung nach sogar 'gar' nicht. Dies wäre eine Einschränkung, die das Denken und die Phantasie behindert und ausmanövriert. Da heißt es, mutig sein und alle Möglichkeiten auszukundschaften.
Keine Furcht vor den gesetzten Grenzen, ob gendertypisiert oder klassisch. Denn die Furcht, die Angst, ist es letztendlich, die beim Übertragen und Ausformulieren der Botschaft behindert.

Zitat:Persönlich habe ich immer Angst, dass das Ganze zu einem ungeschickten „Ich-möchte-zeigen-wie-modern-ich-bin“ hinausläuft.
Das ist schon merkwürdig, wieviele Schriftsteller heutzutage auf diesen Modezug aufspringen. Ich habe meiner Frau unter anderem ein Buch zu Weihnachten geschenkt: Germania. Interessante Idee. Erst als sie es las (und ich darin ein bisschen herumstöberte), fand ich die für die Nazizeit (genauer: frühe vierziger Jahre) untypischen Worte wie 'Effektivität/Effizienz und Nachhaltigkeit'.
Muss das sein? Oder musste der Autor es einbauen?

Zitat:Das ist das eine. Wenn man sich aber damit befasst, muss man auch alle anderen Gendervorstellungen in Frage stellen. Dass es nicht mehr der starke Prinz sein muss, der ein naives Mädchen vor einem Monster rettet, wissen wir schon.
Das Problem hier an dieser Stelle ist nicht, dass wir es wissen - sondern das genau dies (starke Frau, schwacher Mann) überhand nimmt.

Zitat:Gibt es einen Punkt, ab dem eine gendergerechte Welt einfach nur unecht rüberkommt?
Ja, unsere aktuelle gerade. Icon_wink (Denn was sich aus der Gesellschaft heraus entwickelt, kann keine Quote brauchen. Das schließt sich aus.)

Zitat:Achtet ihr beim Schreiben auf diese Dinge?
Beim aktuellen Projekt ja. Sehr sogar. Da gibt es keine Ansprache à la 'Sehr verehrte Bürgerinnen und Bürger' mehr, sondern 'Sehr verehrte Bürgerinnen'. Die neutrale (männliche) Form gibt es nicht mehr.
Dazu kommt die Stellung innerhalb der Gesellschaft. Frauen haben meistens mehrere Nachnamen (Frau Hackesmann-Lyzcow-Right) um zu verdeutlichen, wie weit oben sie in der sozialen Hierarchie stehen. Desweiteren wird die Stellung der Frau innerhalb der Familie herausgehoben, indem man sie als Oberhaupt darstellt und die männlichen Menschen visuell degradiert. (Abgesehen davon, dass alle sieben Jahre die Ehe neu geschlossen werden muss und auch der geschlechtliche Verkehr zwischen Erwachsenen und Minderjährigen nicht mehr tabuisiert und verfolgt wird. "Liebe kennt eben keine Grenzen" ist dafür ein Schlagwort.)

Zitat:Meine Sorge ist immer, dass sobald man eine Norm bricht, alle anderen Normen keinen Sinn mehr ergeben.
Das darf keine Sorge sein, Meluse. Überhaupt nicht. Das, was man dafür braucht, ist Phantasie und Logik.
Brich die Mauern ein. Erfinde es neu. Schaffe was Neues.

Zitat:Wenn Frauen und Männer in einer Fantasywelt als gleich angesehen werden und die Figuren eher bisexuell sind, ist es DANN noch sinnvoll Frauen Röcke und Männern Hosen anzuziehen? Tragen dann beide Röcke? Oder keiner?
Donald Duck, blauer Matrosenanzug. Mädchen, die in rosafarbenen Klamotten mit Puppen spielen.
Anno dazumal war es anders. Blau war die Farbe der Mädchen. Und Rosa die der Jungs. Icon_wink

Das dazu.

Schön, dass Du wieder da bist.

LGD.
Jo Meluse

Literarisches Gendern habe ich bereits in einem anderen Thread angerissen, falls es dich interessiert.

Also ich komme aus der Urban-Fantasy-Ecke, schreibe zwar auch in anderen Genres (wie ich dieses Wort hasse), verbringe aber doch in meiner Urban-Fantasy-Welt die meiste Zeit. Als ich diese zu schreiben begonnen habe, habe ich mir eingebildet einen Quoten-Homosexuellen drin haben zu müssen. Ich dachte mir einfach, für jede meiner Figuren ist Liebe so wichtig, doch ich hatte eindeutig die Nase voll von noch einer heterosexuellen Beziehung, dass ich mich bei der neuen Figur für eine andere sexuelle Orientierung entschieden habe. Und das habe ich dann ziemlich plump umgesetzt. Bei der späteren Überarbeitung habe ich diese Figur dann "entsexualisiert", also ihre sexuellen Vorlieben an letzte Stelle gesetzt und wenn nur subtil angedeutet, dass diese Person in ihren Meister verliebt sein könnte, wo also tiefe Ehrerbietung und Liebe Hand in Hand gehen.

Daneben habe ich eine ganz offen bisexuelle Figur (ein Engel, der sich sowieso nicht menschliches Klischeedenken zwängen lässt), die bei beiden Geschlechtern Verwirrung stiftet. Oft gibt es auch bisexuelle Tendenzen zwischen eigentlich heterosexuellen Figuren. Der Großteil meiner Figuren befindet sich im Teenageralter, d.h. die eigene Identität muss erst gefestigt werden, Grenzen werden ausgetestet, es wird experimentiert.

Was ich dir jetzt an Beispielen versucht habe, aufzuzeigen, ist: Ich schreibe zwar überwiegend Fantasy, doch bin bemüht um eine möglichst realistische Darstellung, wo ich alle Lebensbereiche meiner Figuren abdecken will. Sexualität gehört da unweigerlich dazu. Ich unterteile hier aber nicht dezidiert nach hetero- und homosexuell, sondern bin dabei die Feinheiten herauszuarbeiten und schon gar nicht führe ich gezielt sexuelle Orientierungen ein, nur um dann sagen zu können: "Ich bin tolerant, ich gehe mit der Zeit und berücksichtige jede Randgruppe."

Was die Klischeevorstellungen der Geschlechter betrifft. Hier spiele ich mich besonders gerne. Mrgreen Ich führe die Rolle vom starken Mann und von der schwachen Frau gerne ad absurdum. Indem ich die einzelnen Charaktere in diesen Eigenschaften überzeichne, versuche ich auf die Unsinnigkeit von solchen Vorurteilen hinzuweisen. Ich habe das schüchterne Mauerblümchen, den muskelbepackten Frauenheld usw., die anfangs eben durch solche "typischen" Eigenschaften auf sich aufmerksam machen. Im Laufe der Geschichte zeigen sich allerdings Brüche in der Maske des aufgesetzten Rollenbildes, sodass unterm Strich jede einzelne Figur +/- "weiblich" und "männlich" gleichermaßen ist.

Rückblickend betrachtet habe ich den "Rock" als Metapher für das Weibliche gebraucht, die sowohl die Schwächen als auch die Stärken einer Frau rerpräsentieren. Einerseits - wie von dir angesprochen - wird er von den Frauen getragen, die dem Ideal der eleganten, zarten, wohlerzogenen Frau entsprechen, andererseits aber wird er von der durchtriebeneren Sorte als Mittel zur Verführung eingesetzt, um sich die Männer gefügig zu machen. Einer Figur, die sich nur einer dieser Kategorien zuordnen lässt, wird zuletzt kein Happy End beschieden sein (Achtung Spoiler!), doch diejenigen, die den "Rock" nur als Attribut haben und sich nicht darüber definieren, sprich, sich über dieses binäre Denken erheben, schaffen es, sich zu verwirklichen, als Mensch (nicht als Frau).
So der Plan zumindest. ^^

LG
Guten Morgen Dread und Sniffu,

ja, es war nicht nur eine gefühlte Ewigkeit. Aber ich bin in letzter Zeit so uninspiriert und bringe nichts zu „Worddatei“, so dass ich mich hier nicht hineingetraut habe. Icon_smile

Zitat:Beim aktuellen Projekt ja. Sehr sogar. Da gibt es keine Ansprache à la 'Sehr verehrte Bürgerinnen und Bürger' mehr, sondern 'Sehr verehrte Bürgerinnen'. Die neutrale (männliche) Form gibt es nicht mehr.
Dazu kommt die Stellung innerhalb der Gesellschaft. Frauen haben meistens mehrere Nachnamen (Frau Hackesmann-Lyzcow-Right) um zu verdeutlichen, wie weit oben sie in der sozialen Hierarchie stehen. Desweiteren wird die Stellung der Frau innerhalb der Familie herausgehoben, indem man sie als Oberhaupt darstellt und die männlichen Menschen visuell degradiert. (Abgesehen davon, dass alle sieben Jahre die Ehe neu geschlossen werden muss und auch der geschlechtliche Verkehr zwischen Erwachsenen und Minderjährigen nicht mehr tabuisiert und verfolgt wird. "Liebe kennt eben keine Grenzen" ist dafür ein Schlagwort.)
Das ist eine interessante Idee. Vor allem das mit den Nachnamen und der visuellen Degradierung. Wie genau findet sie denn statt?

In der Fantasywelt, die ich gerade entwickle, versuche ich, die Gesellschaft nicht nach Mann/Frau aufzuteilen, sondern nach Magier/Nicht-Magier. Die Magier haben die politische und gesellschaftliche Macht. Sie unterrichten in den Unis, gehen zum Militär und zahlen beim ersten Date das Essen. Es herrscht die allgemeine Annahme, dass Nichtmagier einfach nicht so intelligent sind wie Magier und deswegen für bestimmte Tätigkeiten nicht geeignet. Praktisch wie es bei Frauen früher war (nach dem Motto, Frauen hätten ein kleineres Gehirn und seien deswegen weniger intelligent). Mal sehen was daraus wird. (Hier stellt sich auch die Frage, die Sniffu in ihrem ihrem Thread gebracht hat: Magier und Magierinnen? Mein Autocorrect wehrt sich gegen das Wort. Duden sagt es sei richtig.)

Zitat:Ich unterteile hier aber nicht dezidiert nach hetero- und homosexuell, sondern bin dabei die Feinheiten herauszuarbeiten und schon gar nicht führe ich gezielt sexuelle Orientierungen ein, nur um dann sagen zu können: "Ich bin tolerant, ich gehe mit der Zeit und berücksichtige jede Randgruppe.“

Genau dieser Eindruck ist das, wovor ich mich bei diesem Thema fürchte. Ich habe ein Buch von „House of Nights“ gelesen und da hatte ich genau dieses Gefühl als die schwule Figur eingeführt wurde. Bei Pretty Little Liars (was weder ein Buch, noch Fantasy ist, aber trotzdem) hatte ich das Gefühl nicht. Die lesbischen Figuren in der Serie kamen mir ganz natürlich vor.

Zitat:Im Laufe der Geschichte zeigen sich allerdings Brüche in der Maske des aufgesetzten Rollenbildes, sodass unterm Strich jede einzelne Figur +/- "weiblich" und "männlich" gleichermaßen ist.

Das finde ich auch gut. Das Klischee einfach umzudrehen (also starke Frau und weinerlicher Mann) bringt, meiner Meinung nach, auch nichts. Das bestätigt dann einfach nur das binäre Denken, weil jedem Leser bewusst ist, dass die Rollen einfach umgedreht sind. Man sagt praktisch: Es gibt klare Unterschiede zwischen den Geschlechtern und ich habe sie gerade einfach nur verdreht, weil ich so kreativ bin. Wie du sagst, können auch extrem „maskuline“ Männer „weibliche“ Eigenschaften haben und es bringt nicht viel diese Eigenschaften nach Geschlechtern zu ordnen. Das kennt man schließlich auch aus dem wahren Leben.

Das war's erstmal. Da es bisher noch nicht aufkam ... kennt ihr denn Fantasybücher, die das umsetzten?

Liebe Grüße,
Meluse
Hallo Meluse,

schön, dich mal wieder zu lesen Icon_smile ... und spannende Gedanken ...

Homosexualität: Nun, wenn du es "realistisch" darstellen willst, dann schau dich in deinem Umfeld um. Wie viele homosexuelle gibt es da (die sich geoutet haben)? Wird das thematisiert?
Wenn du nur einen "Quoten-Homosexuellen" drin haben magst, finde ich das unnötig. Wenn der Fokus auf einer abenteuerlichen Fantasystory mit einem Hetero-Liebespaar liegt, dann fände ich es unnötig, einen homosexuellen Nebencharakter einzubauen und das zu thematisieren, vor allem, wenn du Homosexualität als etwas Normales darstellen möchtest. Denn etwas Normales wird nicht großartig thematisiert, es ist eben normal.

Wenn du es thematisieren willst und realistisch bleiben willst, dann musst du auch auf die Probleme wie Ausgrenzung etc. eingehen - aber dann bekommt dein Fantasyroman schnell eine ganz falsche Richtung. Dann verliert man die Fantasystory aus dem Blick.

Wenn du es dennoch einbauen willst, würde ich es eher so machen, dass der Protagonist mal zwei Frauen oder zwei Männer knutschen sieht und es bei einer reinen Beschreibung belassen, sprich, der Protagonist denkt sich nichts dabei, für ihn ist es in der Fantasywelt ganz normal. Oder der Protagonist denkt sich "eklig" - dann musst du es aber wieder thematisieren und dein Prota wird schnell unsympathisch, weil homophob Icon_wink ...

Genderfragen: Boah ... die hab ich über Icon_wink ...

Ich hab nichts gegen Männer mit Rock, das kann gut aussehen (es gibt ja richtige Männerröcke), aber dass Frauen Röcke tragen liegt auch viel an der fraulichen Körperform (lassen wir die knochigen Models mal außen vor). Sprich, ein Rock oder Kleid betont die Kurven und ich sehe keinen Grund, warum eine emanzipierte und gleichgestellte Frau keine Röcke und Kleider tragen sollte - oder warum nur deswegen Männer das tun sollen. Ich finde, es wird auch schnell lächerlich, wenn du Kleidung etc. angleichst.

Frauen und Männer sind nun mal nicht gleich, es so hinzudrehen, wäre schlicht unrealistisch und komisch. Trotzdem können sie rechtlich und moralisch gleichgestellt sein.

Aber auch hier würde ich das in einem Fantasyroman gar nicht groß thematisieren. Weil der Fokus ja auf der Fantasy liegen soll und wenn du kein mittelalterliches Bild willst, dann zeig einfach ein paar starke und durchsetzungsfähige Frauen und stell es als normal dar. Aber weil es eben normal ist, musst du es nicht großartig thematisieren oder ausschmücken.

Viele Grüße

- Zack
Heyho,

ich hatte den Thread entdeckt und durchgelesen und gedacht: "Uh, da würdest du gerne was zu schreiben, aber das werden dann wieder so viele Seiten" und jetzt kann ich sagen:

Was Zack gesagt hat.
Unterschreib ich Icon_wink

Jeder Versuch, da noch "eine Kleinigkeit" zu ergänzen, artet aus, deshalb lass ich es mal Mrgreen

Liebe Grüße
Lanna
Sanya,

auf die Gefahr hin, dass sich hier Sachen wiederholen, möchte ich mal unverbindlich ein Stück meiner Meinung dalassen - eigentlich nur ein paar Anmerkungen, immerhin kann man Zacks Post guten Gewissens unterschreiben und es wurde schon sehr viel dazu gesagt. Aber das Thema hat mich auch sehr beschäftigt, gerade weil in einigen meiner Geschichten doch einige Figuren auftauchen, die nach konservativen Maßstäben Randgruppen darstellen, wie du sie angesprochen hast.

Grundsätzlich finde ich, dass man alles schreiben kann. Wenn man angemessen damit umgehen kann, versteht sich (wie du schon sagtest, "gewollt und nicht gekonnt", obwohl ich noch schlimmer finde: "einfach nur gewollt, aber nicht näher drüber nachgedacht"). Die Möglichkeiten sind ja unbegrenzt, und so weiter, kennt man. Ich will gleich auf die Wirkung zu sprechen kommen, da ich unheimlich viele sogenannte Geschichten lesen musste, in denen solche Themen meiner Meinung nach nicht angemessen behandelt wurden. Das finde ich nicht in Ordnung, fällt unter Taktgefühl, Recherche und Plotaufbau, in den meisten Fällen. Auch Zwangsverschwulung sämtlicher Charaktere, was zugegeben vor allem Fanfictions betrifft, und offensichtliche "Quotenschwuchteln"/"-kampflesben"/"-bis"/"-transen"/whatever quer durch alle Sparten, die zu gerne als Charakter darauf reduziert werden, sind nicht mein Fall. (Oder wie ein weiser Mann einst so oder so ähnlich sagte: Sie sind es, aber das ist nicht das, was sie dann ausmacht und bei ihren Freunden von ihnen in Erinnerung bleibt.) Bei letzterem schiebe ich das - persönliche Theorie - oft auf das Alter und die oberflächliche Herangehensweise an das eigentliche Thema seitens der Autoren.

Andererseits sind meine Figuren tatsächlich oft einzelne Vertreter, die sich eben speziell nach Charaktersituationsmischpoke zusammensetzt. Sitzen an einem Tisch ein Hetero, ein Weiberheld, zwei Lesben und ein MtoF-Transgender ... Aber ich kann auch schlecht sagen, dass sie je eine Randgruppe vertreten, denn die klare Trennung, wie sie oft gesehen wird, halte ich bei näherer Betrachtung nicht für haltbar. Es sind Individuen, und das in all ihren Aspekten. Und wenn man sie auch so darstellt, weil sie einem eben als Charakter am Herzen liegen, kann man nichts falsch machen, auch wenn es vielleicht immer Leser geben wird, die darin "Ach so modern!" sehen wollen. Aber es soll ja auch Leute geben, die in Realität solche Sachen für eine Modeerscheinung halten. Ein in der heutigen Zeit - es gibt schließlich einen Grund, warum man sich in der Quellenarbeit auch immer die Abfassungszeit angucken muss - schwierigeres Thema als Genderneutralität, Frauenpower und Regenbogenfamilien ist zum Beispiel, was noch tabuisiert und teils verboten ist. Alleine Begriffe wie Beziehungen zu Minderjährigen (Link zur "Welt") oder Inzest (Geht wieder zur "Welt") oder auch leider immer noch so Leiden wie Schizophrenie sind da heftige Schlagworte, und wenn man sich mit den Themen befasst, dann nur mit Samthandschuhen und auf Zehenspitzen. Und, auf die Gefahr hin, an den Pranger gestellt zu werden, für mich gehört das im Prinzip alles in eine ähnliche Richtung: Themen, mit denen man sich auch als Autor beschäftigen kann, gerade weil es sie gibt, auch wenn, grob gesagt, kaum einer darüber reden mag. Natürlich gilt auch hier wieder, dass man gebührenden Respekt, Recherchewilligkeit(!) und Taktgefühl beweisen muss, aber das gilt im Endeffekt doch für jedes Thema, über das man schreibt. Ich finde aber übrigens nicht, dass man sich als Autor damit beschäftigen muss, die Sache mit dem Mode-Queer im Cast halte ich für genauso sinnlos, wie es schon im Thread geäußert wurde. Wenn man solche Themen in seine Geschichten aufnimmt, dann doch zu einem Zweck. Ob das nun ein größerer Realismus der Darstellung einer Gesellschaft oder schlichtweg Interesse an einem solchen Aspekt in der Charakterentwicklung ist, ist dafür ja im ersten Moment einmal gleich.

Ich denke, solange man sich mit dem beschäftigt, über das man schreibt, und die Strukturen (des Individuums und der zugehörigen Umgebung gleichermaßen) gut durchdenkt, kann man nur gewinnen. Und gerade dieser Aspekt, die Bewegung des Charakters in seiner Umgebung, die Spannungen zwischen dem, was ein Charakter ist, und was seine Umwelt dazu denkt oder denken will/angeblich soll/whatever, ist doch genau das Spannende bei der Entwicklung, Finde ich.

... und jetzt bin ich ja doch eine ganze Strecke abgeschweift, hoffentlich ohne jemandem auf die Zehen zu treten. Wenn einer von euch so freundlich wäre, mich mit einem geeigneten Vehikel am Andromeda-Nebel abzuholen ...? Icon_ugly

Lieben Gruß,
Trinity

EDIT. Und weil's so schön war, werfe ich zum Thema "Schubladendenken" auch unterm Regenbogen stichworthaft zwei Begriffe in den Raum: Asexualität und Crosssexualität.
Wie ich sehe scheinen hier alle einer sehr ähnlichen Meinung zu sein. Mrgreen

Zitat:Zack: Wenn du nur einen "Quoten-Homosexuellen" drin haben magst, finde ich das unnötig. Wenn der Fokus auf einer abenteuerlichen Fantasystory mit einem Hetero-Liebespaar liegt, dann fände ich es unnötig, einen homosexuellen Nebencharakter einzubauen und das zu thematisieren, vor allem, wenn du Homosexualität als etwas Normales darstellen möchtest. Denn etwas Normales wird nicht großartig thematisiert, es ist eben normal.
Das sehe ich genauso. Wenn man unnötigerweise eine homosexuelle Figur einbaut, ohne dass es einen natürlichen Zusammenhang mit der Handlung gibt, dann ist für mich nur eine sehr billige Art wie der Autor versucht seine Figuren „besonders“ zu machen. (Natürlich stellt sich hier die Frage, ob diese Meinung nicht in einer sehr sexistischen Weltsicht wurzelt.)

Zitat:Zack: Wenn du es dennoch einbauen willst, würde ich es eher so machen, dass der Protagonist mal zwei Frauen oder zwei Männer knutschen sieht und es bei einer reinen Beschreibung belassen, sprich, der Protagonist denkt sich nichts dabei, für ihn ist es in der Fantasywelt ganz normal.

Das kann ich auch unterschreiben. Es ist eine vernünftige Herangehensweise. Soll der Leser sich seinen Teil eben selbst denken.

Zitat:Trinity: Auch Zwangsverschwulung sämtlicher Charaktere, was zugegeben vor allem Fanfictions betrifft, und offensichtliche "Quotenschwuchteln"/"-kampflesben"/"-bis"/"-transen"/whatever quer durch alle Sparten, die zu gerne als Charakter darauf reduziert werden, sind nicht mein Fall. (Oder wie ein weiser Mann einst so oder so ähnlich sagte: Sie sind es, aber das ist nicht das, was sie dann ausmacht und bei ihren Freunden von ihnen in Erinnerung bleibt.) Bei letzterem schiebe ich das - persönliche Theorie - oft auf das Alter und die oberflächliche Herangehensweise an das eigentliche Thema seitens der Autoren.

Ja, das ist auch eine interessante Beobachtung. Man macht eine Figur schwul und weil man ja nicht klischeehaft ist, gibt man ihm lauter sehr maskuliner Interessen und ruht sich dann auf dieser Charakterisierung aus. Die Figur bleibt dann für immer langweilig und flach.Icon_rolleyes

Zitat:Trinity: Aber ich kann auch schlecht sagen, dass sie je eine Randgruppe vertreten, denn die klare Trennung, wie sie oft gesehen wird, halte ich bei näherer Betrachtung nicht für haltbar. Es sind Individuen, und das in all ihren Aspekten. Und wenn man sie auch so darstellt, weil sie einem eben als Charakter am Herzen liegen, kann man nichts falsch machen, auch wenn es vielleicht immer Leser geben wird, die darin "Ach so modern!" sehen wollen.

Das finde ich auch einen guten Gedanken. Pro

Viel mehr kann ich dazu auch nicht mehr sagen. Außer @Lana: Schreib ruhig eine so lange Antwort, wie du willst. Es ist ja ein Schreibforum. Wo sollte man sich austoben können, wenn nicht hier? Icon_ugly
Sehr gut finde ich das Thema Homosexualität in "Cloud Atlas" gelöst - einer der Protagonisten hat einen Liebhaber, zwischen ihnen gibt es auch eine sehr schöne und dramatische Liebesgeschichte, die am Rande auch die Feinseligkeit gegenüber Homosexuellen / Bisexuellen aufgreift, es aber nicht groß thematisiert, schließlich geht es im Film ja um etwas anderes Icon_smile ...
Für mich ist dieses Thema nach wie vor von Brisanz.

In derselben Geschichte, von der ich oben erzählt habe, haben sich nun pan- (sexuelle und romantische Orientierungen unabhängig vom Geschlecht), trans- und asexuelle Personen (oft überlappend) ergeben. Ergeben, weil ich es wirklich nicht drauf angelegt habe, sondern es sich aus logischer Konsequenz so gestaltet hat. Während die einen von einem Liebeskummer in den nächsten getaumelt sind, sind andere nur danebeen gesessen und haben sich gedacht, was soll der Scheiß? Mrgreen Es hat sich sogar herausgestellt, dass ein ganzes Volk asexuell ist und nur der Nachkommenschaft wegen sich fortpflanzt, aber weder von sexuellen noch romantischen Impulsen getrieben ist.

Bevor ich die xte Mädchen trifft Junge-Geschichte schreibe, frage ich mich, ob Mädchen das wirklich will und sich überhaupt ins Schema F einordnen lässt. Ich habe eine Figur, der es immer an Tiefe gefehlt hat und irgendwie unrund war. Als Transperson ergab sie plötzlich mehr Sinn. Ich möchte in meinen Universen ein möglichst breites Spektrum bedienen, ohne immer dieselben Palette von Schablonen abzugrasen, dabei kann ich mich nur weiterentwickeln. Auf der anderen Seite habe ich auch sexistische Figuren, weil eben nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist und auch die (leider) ihre Daseinsberechtigung haben.

Binde ich das den LeserInnen auf die Nase? Nein. Die Figuren verraten sich durch Details, durch ihre Weltansichten, ihre Bedürfnisse, schreien aber nicht in die Welt hinaus: SEHT MICHT AN, ICH BIN XY (vorausgesetzt der Charakter ist nicht von Haus aus extrem mitteilungsbedürftig^^).

Um an der Eingangsfrage anzuknüpfen: Eine Norm zu brechen muss nicht die Vernichtung aller zwangsläufig zur Folge haben, es muss nicht mal noch bedeuten, dass die eine vollkommen abgeschafft wird. Die Überwindung solcher Normen ist ein langwirriger und -fristiger Prozess. Ich denke, es gibt viele Bücher, die davon handeln, aber keines, dass solche Normen absolut hinter sich gelassen hat.

Ein Negativ-Beispiel von Charlaine Harris aus der Sookie-Stackhouse-Serie (glaube letzter Band), wo die Bösewichte überrumpelt werden können, weil einer von ihnen homosexuell ist und die anderen das so gar nicht gut finden. Anstatt Sookie auszuschalten, kriegen die sich doch ernsthaft wegen seiner Sexualität in die Haare und schalten sich quasi gegenseitig aus. Hier wird Spaß auf den Rücken von Minderheiten betrieben und der Quotenschwule zur Lachnummer degradiert.

Was auch oft auffällt, ist, dass sobald mal solche "Minderheitencharaktere" (im Mainstream) eingeführt werden, sie - je expliziter sie von der Norm abweichen - extrem schnell von der Haupthandlung wieder abserviert werden. Ich erinnere mich an Cora (Avatar), die knapp vorm Ende der Serie homo- bzw. bisexuelle Tendenzen gezeigt hat und das Publikum damit ziemlich überrumpelt hat. Wieso konnte man die Protgaonisten nicht früher in diesem Licht darstellen, wieso auf den letzten Drücker? Vielleicht dieser Thematik nicht zu viel Gewicht beigemessen werden darf und die heterocis Norm bewahrt werden muss?
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