Literatopia

Normale Version: Die 7 Stufen einer Verlags-Annäherung
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Stufe 1  (naiv)
Der Autor sendet sein Manuskript unaufgefordert und postalisch an die ihm bekannte allgemeine Adresse eines großen Publikumsverlages und „hofft“ (man weiß ja nie). Die Auswahl des Verlages erfolgt nach dem Motto „breites Verlagsprogramm, da passt meins auch hinein“. Bevorzugt werden (natürlich) Random House, Droemer und Bastei Lübbe, schon wegen den dort publizierten Bestseller-Autoren, in deren Fußstapfen der Autor zu treten hofft.
 
Variante:
Wie oben, jedoch schickt der Autor sein Manuskript (um Kosten zu sparen oder weil die Einsendebedingungen es so vorsehen) per Email an die allgemeine Verlagsadresse (info@...). Ein Emailaccount, in dem täglich 200 Eingänge zu verzeichnen sind: Beschwerden, Praktikumsanfragen, Werbeemails, fehlgeleitete Nachrichten und Manuskriptangebote hoffnungsvoller Nachwuchsautoren. Diese Umstände sind dem Autor in seiner grenzenlosen Naivität entweder nicht bekannt oder er verdrängt sie und hofft „die große Ausnahme“ zu werden.
 
 
Stufe 2  (überlegt)
Der Autor ist sich aufgrund zahlreicher Berichte über die Aussichtslosigkeit seines Unternehmens mittlerweile seiner „Tropfen-im-Ozean-Situation“ bewusst. Er versucht seine Lotteriechancen durch kreative Maßnahmen zu erhöhen. Zur Auswahl stehen: - auffällige und schöne Umschlagsbeschriftung (Bewerbungsratgeber)
- farbige Manuskripthülle (J.K. Rowling)
- kreativ-lustiges Anschreiben (Hera Lind) oder
- Bezugnahme auf Bestseller, die der Verlag bereits veröffentlich hat, und die dem eigenen Buchprojekt „ähneln“ (Ingrid Noll).

Der Autor hofft so, aus der Masse „hervorzutreten“. Völlig ausgeschlossen ist das nicht, manchmal klappt das (siehe obige Beispiele).
 
 
Stufe 3  (gezielt)
Der Autor hat nun verstanden, dass Verlage folgendes niemals lauthals verkünden:
„Sie können uns schicken, was Sie wollen, wir nehmen gar keine Manuskriptangebote von Newcomern an, sondern nur von (inländischen und ausländischen) Agenten oder wir suchen uns unsere Autoren selbst.“ –

denn sie wollen keine Leser vergraulen (auch Autoren sind Leser).
Er hat sich vorher informiert und gibt sich nicht mehr mit der „allgemeinen“ Anlaufstelle – sei sie postalisch oder online – zufrieden. Er hat in Büchern des Verlages  unter Danksagung den Namen des Lektors herausgefunden. Er hat im Börsenblatt oder bei buchmarkt.de gelesen, wer für das Belletristikprogramm, die Fantasy-, Krimi- oder Jugendbuchsparte in den jeweiligen Verlagen zuständig ist und kennt nun einen konkreten Adressaten. Diesen schreibt er namentlich auf den Dina-4-Umschlag (dick und unterstrichen) drauf.
 
Variante:
In die allgemeine Emailadresse des Verlages schreibt der Autor „zu Händen von Frau/Herrn X…“; bitte weiterreichen an Frau/ Herrn X... oder „Frau/Herrn X persönlich“.
 
Der Autor ist sicher, dass sein Manuskriptangebot nun zumindest an der richtigen Stelle im Verlag ankommt und nicht bereits von den Praktikanten in der Poststelle binnen Sekunden aussortiert wird, weil entweder
1. kein neuer Dostojewski in Sicht ist oder
2. dies auf Anweisung der Verlagsleitung generell bei unverlangten Manuskriptangeboten so gehandhabt wird.

Der Autor ist der Meinung, dass er nun reelle Chancen hat, im Verlag zumindest gelesen zu werden.
 
 
Stufe 4  („clever“)
Die Situation des Autors ist unverändert. Nach wie vor trudeln formell oder pseudo-individuell formulierte Absagebriefe erst nach Monaten ein oder er hört gar nichts mehr von den Verlagen. Der Autor weiß nun, dass die bloße Namenskenntnis von Lektoren/ Programmleitern kaum weiterhilft. Deren Namen kennt zwar nicht jeder, aber jeder zweite oder dritte.
Er sucht jetzt den telefonischen Kontakt, er will einen „Ansprechpartner“, dem er sein Projekt „kurz“ vorstellen kann und der dann hoffentlich so reagiert: „Schicken Sie mir mal Exposé und Leseprobe, ich sehe es mir an“.
Falls dies gelingt, denkt der Autor, vermeidet er den „Praktikantenstapel“ und die „Formabsagen“. Dann geht er nicht mehr in der Masse unter, sondern sticht aus der Anonymität hervor und seine Chancen haben sich signifikant erhöht. Sie liegen nicht mehr im Promill-, sondern im Prozentbereich. Damit ließe sich (für den Anfang) leben.
 
Der Autor ruft vor Absendung seines Manuskriptes bei den Verlagen an und verlangt Lektor/-in X zu sprechen. In der Zentrale wird gefragt, um was es geht und dann wird der Autor entweder
1. nicht durchgestellt
2. auf den offiziellen Weg verwiesen
3. in Ausnahmefällen (und bei kleineren Verlagen) durchgestellt, wobei der Lektor   

   a) krank
   b) im Urlaub
   c) im Meeting

   d) gerade nicht am Platz ist.
Nach mehreren solcher Kaltaquisen ist der Autor stark ernüchtert. Zudem hat er erfahren müssen, dass Lektoren dieses Vorgehen „nicht so gerne haben“.

 
 
Stufe 5  (forsch)
Der Autor hat es geschafft auf Umwegen (und mit Tricks aus dem Hardselling) die Durchwahlen der Lektorate herauszubekommen. Da er es unermüdlich probiert, bekommt er tatsächlich irgendwann einen Lektor zu sprechen. Allerdings
1. hört dieser bloß in abweisender Manier zu
2. unterbreitet der Lektor selbst kein Einsende-Angebot
3. reagiert er kühl-zurückhaltend auf den Einsendevorschlag des Autors
4. kann er in jedem Fall „nichts versprechen“.

Das Telefonat führt beim Autor zu der Erkenntnis, dass der Lektor ihn für ziemlich naiv halten muss.
 
Hat der Autor doch einmal eine freundliche, entgegenkommende und sehr interessierte „Lektorin“ an der Strippe, mit der er sich herzlich austauscht, stellt sich am Schluss des Gespräches überraschend heraus, dass er die ganze Zeit mit der Praktikantin telefoniert hat. Die Lektorin sei erst nächste Woche wieder da. Den Autor beschleicht das Gefühl, seine Zeit zu verschwenden und wieder am Anfang zu stehen.
 
 
Stufe 6  (mutig)
Der Autor ist nun der Meinung, dass telefonischer Kontakt wenig bringt. Er hat verstanden, dass „Buchmenschen“ scheue Wesen sind, die vor brüsker Kontaktaufnahme zurückschrecken und „unverlangte Anrufe“ noch weniger schätzen als „unverlangte Manuskripte“. Er sucht jetzt den persönlichen Kontakt zum Lektor, die physische Präsenz. Er will im Vier-Augen-Gespräch sein Buchprojekt nahe bringen. Da Klingeln am Verlagstor kontraproduktiv erscheint, bleibt dem Autor nur die jährliche Buchmesse, um mit seinen Wunschlektoren in Kontakt zu treten.
 
Wegen seiner Bedeutung und geographischen Nähe kommt vor allem Frankfurt in Betracht, wobei Leipzig als „Notlösung“ akzeptabel erscheint. Der Autor ist nicht so naiv, an den Privatbesuchertagen zur Messe zu gehen. Sie gleicht einem indischen Basar. Sein Ersuchen wäre aussichtslos, schon aufgrund der schieren Menschenmasse. Er müsste seine ganze Energie darauf verwenden, im Trubel nicht unterzugehen.Er hat bereits veröffentlicht als Selfpublisher, er hat eine ISBN und ein vorzeigbares Produkt, er wird an den Fachbesuchertagen hingehen. Das dortige Treiben ist schon immens genug.
 
Der Autor verzichtet darauf, sein Manuskript selbst mit auf die Reise zu nehmen. Es wäre bei der Kontaktaufnahme bloß hinderlich. Es würde die Aufdringlichkeit seines Anliegens von weitem verraten. Es bliebe, selbst wenn man es in Empfang nähme, womöglich im Hotel oder Zugabteil liegen. Der Autor ersehnt allein das Gespräch mit dem Lektor und misst an dessen Zustandekommen seinen Erfolg.
 
Der Autor lauert um die Stände der Buchmesse, er sieht die Bestsellerautoren bei ihren Verlagen sitzen und reden und begrüsst werden, er sieht Verlagsmitarbeiter und Gäste mit Gläsern in der Hand, er sieht die großen Plakate und Ankündigungen, die Bücherstapel, ihm läuft das Wasser im Mund zusammen, er fasst sich ein Herz. Er spricht die freundliche Praktikantin am Verlagsstand an, fragt nach dem Lektor. Der Lektor ist gerade im Gespräch. Macht er mal Pause? Ja, wann kann sie nicht sagen und dann wartet gleich der nächste Gesprächspartner.
 
Der Autor geht erst mal zum nächsten Verlagsstand auf seiner Liste. Dort ist der Lektor „dieses Jahr nicht mit zur Messe gekommen“; er ist in München, Hamburg, Berlin oder Köln geblieben.
Das ist aber schade, sagt der Autor. Ja, sagt die freundliche Praktikantin und begrüsst zwischendurch eine Verlagsautor.
Kommt der Lektor im Frühjahr nach Leipzig? Vielleicht.
Ist noch jemand vom Lektorat da? (der Autor gefällt sich mit dieser professionellen Formulierung)
Ja, aber völlig ausgebucht.
Ob man eben nicht mal kurz dazwischen…?
Um was geht es? Manuskriptangebot? Ach so!
 
Der Autor geht zurück zum ersten Verlagsstand. Dort sitzt inzwischen ein anderer Gesprächspartner beim Lektor. Verflixt! Dann weiter zum dritten Verlag. Der Lektor ist gerade nicht am Stand. Er ist „irgendwo in der Halle unterwegs“, müsste aber „gleich wiederkommen“.
Soll ich ihn abpassen?, fragt sich der Autor. Soll ich hier überhaupt observieren, beschatten, verfolgen? Bin ich Schriftsteller oder Privatdetektiv? Mit einem Ohr hört er das Gespräch am Nachbarstand. Ein Jungautor bietet sein Manuskript an. Die Dame am Infostand verweist ihn auf die formelle Einsendung und  überreicht ihm ein Formblatt. Der Jungspund zieht dankend ab.
Ach so, denkt jetzt auch der Autor und tritt desillusioniert die Heimreise an.
 
 
Stufe 7  (routiniert)
Der Autor hat nach monatelangem Bemühen endlich einen dauerhaften Kontakt zum Lektor hergestellt. Er hat dies dadurch geschafft, dass er entweder sehr beharrlich (aber stets freundlich) nach ihm gefragt hat, von der Zentrale mit ihm verbunden wurde (bei kleineren-mittleren Verlagen möglich) oder sich gleich auf die inhabergeführten Verlage beschränkt hat, in denn der Verleger noch selbst ans Telefon geht.
Eventuell haben „Lektoren gewechselt“, es weht ein frischer Wind im Lektorat. Die Nachfolgelektorin ist die frühere (freundliche) Praktikantin, der jetztige Lektor sieht und handhabt einiges anders als sein Vorgänger, Programme werden durchmischt, Sparten neu eingeführt oder ausgebaut. Plötzlich, passt es.
 
Das  Manuskriptangebot des Autors wurde als „grundsätzlich interessant“ wahr genommen, wobei man noch sehen müsse, wann und wo es „reinpasst“. Der Autor telefoniert oder emailt zwei- bis dreimal im Jahr mit „seinem“ Lektor, fragt nach dem Stand der Dinge und informiert ihn, wenn sich in seiner Vita etwas Neues ergibt.Auch hat der Lektor beim letzten Gespräch angeregt, dass sich der Autor eines bestimmten Themas oder einer bestimmten literarischen Form einmal annehme und zu Exposé und Probekapitel aufgefordert.
 
Der Autor hat nun eine „richtige Verlagsbeziehung“ (wenn auch noch keinen Verlagsvertrag). Sie ist das Ergebnis professionellen, ausdauernden Bemühens und geprägt von gegenseitigem Interesse, wobei die einseitige Abhängigkeit des Autors vom Verlag nicht mehr so deutlich zu Tage tritt. Der Autor sieht sich nicht mehr als Bittsteller, sondern als Lieferant, der mit einer Firma ins Geschäft zu kommen wünscht. Auf diesem fruchtbaren Boden kann der erste Erfolg des Autors (Verlagsveröffentlichung) irgendwann gedeihen. Der Autor ist nun vorsichtig optimistisch.
 
Schöne Zusammenfassung - es ist wirklich schwer, auch nur den kleinen Zeh in eine Verlagstür zu bekommen, zumindest bei den größeren.

Da hat man es bei Kleinverlagen meist leichter oder auch bei Agenturen, wobei es da bei den bedeutsameren auch schwierig sein kann.

Der Autorenmarkt ist eben auch ziemlich überlaufen, aber wer wirklich etwas veröffentichen will, der sollte hartnäckig sein - eine Eigenschaft, die viele Autoren eher nicht haben, da es sich oft um sensible, eher scheue Menschen handelt. Die haben es dann besonders schwer ...
Besten Dank. Icon_smile
Hallo Herr Waldbauer.

Manchmal finde ich, dass diese Industrie - nennen wir sie mal Veröffentlichungsindustrie - meiner Meinung nach nicht wirklich an guten Geschichten interessiert ist. Hier zählt nur der finanzielle Anreiz, das Geld, die Kohle, Moneten, Zaster, ...

Es ist interessant zu sehen, was man alles auf sich nehmen muss, wenn man den (unbändigen) Wunsch inne hat, sein Werk zu veröffentlichen. Mag eine Berechtigung dafür sein, wenn einige Verfasser den BoD-Weg beschreiten, weil der 'althergebrachte' Weg zu mühselig ist.

Ich versuche mir das gerade vorzustellen, für mich selbst: Eine Geschichte geschrieben, auf der Suche nach einem Verleger. Hunderte Absagen, die in meinem Kopf die Wertung ablegen, dass das Ganze doch nicht so toll ist. Vielleicht noch ein Vorgeplänkel mit einem Lektor, der schon am Telefon die Nase rümpft. Dann eventuell noch Buch-Messen, wo ich von Stand zu Stand renne, immer ein Grinsen, ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Immer die gleiche Leier, das gleiche Prozedere des Anpreisens, nur um am Ende des Tages sich im Spiegel anzuschauen und gewiss zu sein, dass man doch die größte Wurst ist, die da auf den heiligen Messehallen rumlief.

Vielleicht würde ich entdeckt werden, würde aus der Idee ein Buch, ein Bestseller machen, der mich scheißereich machen könnte. Und dann wären alle Strapazen vergessen. Vielleicht.

Natürlich wäre es schön, wie auch immer, was auch immer man geschrieben hat, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, besonders wenn es einen finanziellen Aspekt dabei geben würde. Aber dieser Traum von der Schriftstellerei zu leben, den können wahrscheinlich nur ganz wenige wirklich leben. Und was die dafür noch so alles haben über sich ergehen lassen müssen, möchte ich mir nicht ausmalen. (Vielleicht sogar redaktionelle Änderungen, Streichung von Passagen, Figuren, die zwar nebensächlich, aber doch vom Verfasser mit Liebe eingebettet wurden.)

Wenn man das alles Revue passieren lässt, was Du hier schreibst, dann kann das nur für die Menschen von Wichtigkeit sein, die das Ziel einer Buchveröffentlichung im Kopf unter den Top 5 haben. Für alle anderen, die in ihrer Freizeit schreiben und nebenher einem geregelten Arbeitsablauf nachgehen, wird es definitiv zuviel sein, sich mit dieser Veröffentlichungsindustrie auseinanderzusetzen.

Meine Gedanken dazu.

LGD.
Hallo Dreadnoughts,

sehr schöner (und wahrer) Kommentar zu meinem Artikel. Die Punkte, um die es dabei auch geht sind:

Qualität setzt sich durch? Ja, aber (fast) niemand schreibt dermaßen bahnbrechend gut, dass man sich zurücklehnen und ganz auf die Qualität verlassen könnte (Naja, wenn nicht dieser Verlag, dann ganz sicher der nächste ). Dem Veröffentlichungsodyssee ist - nach dem Schreiben - fast genauso viel Energie zu widmen wie der eigentlichen Erstellung des Werkes.

Viele Bücher, die veröffentlicht sind, könnten genauso gut nicht veröffentlicht sein (d.h. wg mangelnder Qualität abgelehnt) und manches nicht veröffentlichtes Buch müsste eigentlich veröffentlicht sein. Gekauft (bzw. gelesen) wird das, was auf den großen Platformen präsentiert wird und die großen Verlage (und in deren Folge die Buchhandelsketten) nehmen eine Art "Türsteherrolle" ein. Wer "drin" ist, wird präsentiert und gekauft und weil er sich verkauft wird er wieder verlegt, usw.

Das heisst, es könnte auf den Thalia-Tischen genausogut ein anderer (bisher unveröffentlichter) Autor liegen. Dann würden eben dessen Bücher in die Hand genommen und zur Kasse transportiert werden. Die Frage ist also, wie man diesen Teufelskreis durchbrechen will. Die obigen Ausführungen stellen die klassische Ochsentour da. Mittlerweile führt der Weg aber meist über Agenturen. Dort sind die Chancen deutlich besser.

Auf deinen Satz im vorletzten Absatz ("Vielleicht sogar redaktionelle Änderungen, Streichung von Passagen, Figuren, die zwar nebensächlich, aber doch vom Verfasser mit Liebe eingebettet wurden.") gehe ich u.a. in einer weiteren Glosse ein, die ich jetzt im Café einstelle.