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Normale Version: William Paul Young: Die Hütte
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Dieses Buch habe ich durch Zufall in die Hände bekommen. Zuerst war ich skeptisch, da ich derartige Untertitel "Ein Wochenende mit Gott" nicht gerade gut finde. (Ich finde, der Obertitel hätte es alleine auch getan.) Aber ich habe es gelesen.
Wenn man allerdings ein wirklich gutes Buch davor gelesen hat, beispielsweise Tony Parsons "Max-Wolfe-Reihe", oder Sebastian Fitzeks "Das Paket", dann ist der Schreibstil zuerst etwas gewöhnungsbedürftig. Hier schreibt keiner, der dies bereits seit Jahren mit Erfolg tut. Oder nur aufgrund des Erfolges.
Wenn man sich daran gewöhnt hat, dass es dem Autoren zuallererst wirklich nur um die Geschichte geht, dann kann man langsam eintauchen.

Aber zuerst die Handlung, kurz dargestellt:
Vor Jahren ist Mackenzies jüngste Tochter verschwunden. Ihre letzte Spur hat man in einer Schutzhütte im Wald gefunden nicht weit vom Camping-Ort der Familie. Vier Jahre später, mitten in seiner tiefsten Trauer, erhält Mackenzie eine rätselhafte Einladung in diese Hütte. Ihr Absender ist Gott. Trotz seiner Zweifel lässt Mackenzie sich auf diese Einladung ein. Eine Reise ins Ungewisse beginnt. Was er dort findet, wird Macks Welt für immer verändern.
Quelle: https://www.buecher.de/shop/glaube/die-h.../33365279/

Wie oben bereits erwähnt, war ich zuerst skeptisch, denn das Thema Gott sollte mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und Respekt umgesetzt werden. Alles andere erinnert mich an bestimmte Menschen, die früher an Haustüren klingelten und über Gott philosophieren wollten. Natürlich nicht ohne das Finanzielle zu vergessen.

Die Geschichte ist, wenn man sich darauf einlässt - und vielleicht ein paar Tage zwischen dem letzten Buch und diesem verstreichen lässt - eine sehr menschliche.
Die Hauptperson ist MacKenzie. Ein Vater, der seine Tochter verloren hat. Ohne eine Spur, ohne irgendeinen Hinweis, wo sie ist oder was mit ihr geschehen ist. Es bleibt nur die Schlussfolgerung, dass sie tot ist, und man noch nicht einmal ihren Leichnam begraben kann um in Ruhe von ihr Abschied zu nehmen.

Es ist in dem Zusammenhang egal, wo die Geschichte spielt. Es ist auch egal, was MacKenzie für eine Arbeit nachgeht. Wichtig sind nur die Familie und die Freunde, die versuchen ihm zu helfen über die Trauer hinwegzukommen, doch es wird spürbar, dass es scheinbar nicht funktioniert. Im Buch wird von einer Zeit der großen Traurigkeit gesprochen, und sie ist wirklich greifbar, sowohl durch den Charakter selbst, als auch durch die Umwelt, die ihn umgibt.

Es wird bereits durch den Titel angedeutet, dass das Buch aus dem Alltagsbereich eine scharfe Wendung ins Fantastische macht. Dadurch, dass es angekündigt ist, kann man sich langsam darauf einlassen. Der Autor macht auch keinen Hehl daraus, was wann passiert - aber es beschreibt es sehr feinfühlig, und ohne auf pompöse Effekte zurückzugreifen.

Selbst die später beschriebenen fantastischen Szenen im Buch brauchen keine reißerischen Überzeichnungen. Die Momente selbst sind dezent, liebevoll gestaltet und dadurch auch in ihrer Wirkung glaubhaft.

Allerdings, und hier kommt der kritische Teil dieser Buchvorstellung, hadere ich mit der Charakterisierung von Gott.
Sowohl in seiner Darstellung als Triumvirat, als auch in dem, was er über die Vergangenheit sagt und was er damals wirklich (angeblich) beabsichtigt hat.
Diese Stellen, die Dialoge zwischen den (beiden) Hauptfiguren sind zwar rund und gut zu lesen, aber manchmal muss man sich ein wenig verbiegen, um die Argumentationsstruktur zu verstehen. Trotzdem hatte ich an den Punkten immer den Eindruck, dass das (sehr stark) der Autor ist, der seinen Gottesglauben (aufgrund seines Werdeganges) vermitteln will.

Um ein sehr provokantes Beispiel zu geben: Jesus, als Teil des Triumvirats, meint an einer Stelle:
"Du irrst Mac. Ich bin kein Christ."
Das ist in meinen Augen wirklich sehr diskutabel, um es dezent auszudrücken. Man versteht zwar, wie Jesus auf diesen Gedanken kommt und was er damit bezweckt, aber es bleibt auch ein Hauch von Gottes-Demontage im Kopf haften.

Zuzüglich dazu wurde das Buch letztes Jahr übrigens auch verfilmt. Hier der Link zu einer kleinen Vorschau: https://www.youtube.com/watch?v=gt2g-gfPa-A

Zum Ende hin habe ich bei den religiösen Themenbereichen die Stimme des Autoren ausgeschaltet und das alles als Teil der Gesundung von MacKenzie gewertet. Und wenn man es so abschließend im Kopf und im Herzen behält, ist es eine traurige, liebevolle Geschichte um einen Menschen, dessen Umwelt (aus seiner Frau, den anderen Kindern und seinen Freunden) ihn nicht mehr stützen kann. Diese Hilflosigkeit ist latent spürbar, auch wenn sowohl seine Frau, als auch seine Freunde nicht aufgeben und kapitulieren. Dass erst Gott selbst ihm helfen kann, ist für mich der tiefere Sinn des Buches.

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Ich habe jetzt lange überlegt, ob ich das Buch empfehlen kann, oder ob es ein eher eingeschränkter Lesetipp ist. Dabei fällt mir ein, dass ich vor einigen Wochen in einer Kirche war, in der anstelle der Sitzbänke die Urnen der Feuerbestatteten aufgestellt sind. Mit Bildern, Fotos der lachenden Menschen, die nicht mehr unter uns weilen.
Diese Kirche ist ein Friedhof - und so schön und merkwürdig es auch ist; es ist auch der einzige Grund, warum die Kirche nicht abgerissen wurde. Denn eine Gemeinde gibt es nicht mehr.

Vielleicht ist es in diesen Zeiten besser, wenn ich das Buch uneingeschränkt empfehlen kann.

VG
Ray