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Normale Version: Politische Science-Fiction?
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Hallo ihr Lieben,
ich habe zugegebenermaßen das Genre Science-Fiction erst kürzlich für mich entdeckt. Was mich hauptsächlich interessiert ist sehr politische Science-Fiction, als Beispiele nenne ich einmal "Planet Magnon" von Leif Randt, sowie "Wind" von Marcus Hammerschmitt. Beides sind Bücher die den Hauptaugenmerk eher auf individuelle und gesellschaftliche Entwicklungen legen, zwar spielt auch Technik eine Rolle, aber eben nicht die Hauptrolle.


Vielleicht hat hier noch jemand weitere Tipps für Bücher die in so eine Richtung gehen?
Hallo Kolporteur,

hab dein Thema mal hier in die Plauderecke verschoben, da passt es besser Icon_smile

Politische Science Fiction gibt es wahnsinnig viel, ich hab grad auch nicht so viel Zeit, daher hier nur kurz ein paar aktuelle Titel:

Bei politischer Science Fiction fällt mir spontan "Die Optimierer" von Theresa Hannig ein (Rezension siehe hier): Im Jahr 2052 hat sich die Bundesrepublik Europa vom Rest der Welt abgeschottet. Hochentwickelte Roboter sorgen für Wohlstand und Sicherheit in der sogenannten Optimalwohlökonomie. Hier werden alle Bürger von der Agentur für Lebensberatung rund um die Uhr überwacht, um für jeden Einzelnen den perfekten Platz in der Gesellschaft zu finden.

In eine ähnliche Richtung geht "QualityLand" von Marc-Uwe King (Rezension siehe hier).

Auch "Autonom" von Annalee Newitz könnte für dich interessant sein (Rezension siehe hier), der Roman ist ein bisschen Cyberpunk, aber auch ein bisschen utopisch. Es geht um Patentrechte und darum, dass die Menschheit für alles eine Droge hat, auch Arbeitsdrogen, mit deren Hilfe man quasi bis zum Umfallen arbeiten kann. Die politische Ausgangslage ist sehr interessant, da nicht alle Menschen freie Bürger sind, sondern viele unter Kontrakt stehen, also so etwas wie moderne Arbeitssklaven sind. Dabei geht es auch um die Frage, wem eigentlich welche Medikamente und Drogen zustehen - und nebenbei geht es noch um die Frage, ob eine künstliche Intelligenz Emotionen haben kann und inwiefern sie ein eigenständiges Wesen ist.

Viele Grüße

- Zack
Hi Kolporteur,

ich gehe gerade in Gedanken mal meine SciFi-Buchsammlung durch. Ich kenne zwar beide von dir genannte Titel nicht, aber beim Nachdenken fallen mir doch etliche Titel ein, in denen gesellschaftliche/politische Entwicklungen zumindest einen bedeutenden Teil einnehmen oder eine wichtige Rolle spielen.

"Stand on Zanzibar" von John Brunner - einer der großen Klassiker; hat damals auch den Hugo gewonnen. Ist schon recht alt, aber nach wie vor brandaktuell. Ich habe selten ein SciFi-Werk gelesen, das gesellschaftliche Entwicklungen derart gekonnt analysiert und vorweggenommen hat. Andere Klassiker von Brunner leisten aber ähnliches. Durch die ersten Seiten muss man sich quälen, die sind ziemlich "besonders", aber danach lässt es sich besser lesen.

"Starship Troopers" von Heinlein - ebenfalls ein Klassiker und Hugo-Gewinner und auch bereits sehr alt. Ok, es ist Military Science Fiction, aber im Kern geht es um eine absolut militarisierte Gesellschaft und welche Auswirkungen dies hat.

"Three Body Problem" von Cixin Liu - eine Trilogie, die meiner Meinung nach zu dem Besten gehört, was die SciFi in den letzten Jahren produziert hat. Stellenweise extrem technisch und wissenschaftlich, aber Liu gelingt es im Verlauf der drei Bücher in immer größeren Maßstäben, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zu projizieren. Ein atemberaubendes Gedankenspiel, wenn man sich auf die Axiome, die er aufstellt, einlassen kann.

"The Left Hand of Darkness" und "The Dispossessed" von Ursula K. Le Guin - beides Klassiker und Hugo-Gewinner, in denen Gesellschaftsentwürfe eine zentrale Rolle spielen.

Weitere Bücher, die zu den Meilensteinen des Genre zählen und zur Thematik passen: "Enders Game" von Orson Scott Card, "The Man in the High Castle" von Philip K. Dick (sowie auch etliche andere von Dick), "Lord of Light" von Roger Zelazny.

So, das muss reichen, ich würde sonst noch bis morgen hier sitzen Mrgreen 


Viele Grüße
Garuda
Mit Science Fiction habe ich mich auch noch nie auseinandergesetzt. Aber vielleicht ist ja jetzt der richtige Zeitpunkt
Hallo miteinander.

Politische Science-Fiction ist, sehr zu meinem Erstaunen, kaum noch in meinem Fundus vorhanden. Daher würde ich gerne auch - wenn es nicht unbedingt Bücher sein sollen - auf ein oder zwei Geschichten hier verweisen, beispielsweise Tejas '1254 A.D.', oder Cocos Zukunftsvision 'Das Loch im Nichts'. Das sind nicht hundertprozentige 'politische' SF-Geschichten, aber sie behandeln dies als Teil der Zukunft oder der Welt mit.

Wobei ich gerade mit mir hadere: Was ist eine rein politische SF-Geschichte? Mir würde sofort der Klassiker 1984 einfallen, aber das würde auch die Frage in den Raum werfen, ob es nicht eher eine Alternativwelt-SF-Geschichte wäre. Oder sind beide Bezeichnungen gleichbedeutend?

Nachdenkliche Grüße
D.

Edit, weil es mir gerade einfällt: Der Planet der Affen im Original von Pierre Boulle dürfte demnach auch politische (eventuell gesellschaftliche) SF sein, oder?
Kolporteur hatte von Werken geschrieben, die eher die individuelle oder gesellschaftliche Entwicklung in den Vordergrund stellen (im Gegensatz zur Technik). Daran habe ich mich bei meiner Aufzählung orientiert und den Begriff der 'Politischen SciFi' erst einmal außen vor gelassen. Für mich ist Politik zumindest nicht von der Gesellschaft, in der sie ausgeübt wird, zu trennen.

"1984" würde ich demnach definitiv auch in diese Kategorie fassen. Schande über mein Haupt, dass mir das nicht zuerst eingefallen ist Mrgreen


Letztendlich behandelt aber jedes (zumindest mir bekannte) SciFi-Werk in gewisser, wenn auch nicht immer zentraler, Weise gesellschaftliche Komponenten. Selbst Werke, die der Hard SiFi zuzurechnen sind und sich haupstächlich mit wissenschaftlichen/technischen Fragestellungen auseinandersetzen. Das ist ja das Schöne an der SiFi, dass sie versucht, eben jene Fragestellungen auf ihre Auswirkungen in Bezug auf das Individuum bzw. die Gesellschaft darzustellen, durchzuspielen usw.


Viele Grüße
Garuda
Hallo Garuda.

Ich verstehe, was Du meinst. Ich hatte jetzt, beim Verfassen meiner Anmerkungen und auch danach, nachgedacht, wie 'reine' politische Science-Fiction aussehen soll, kann oder mag. Dass das Auswirkungen auf das Individuum und die Gesellschaft hat, erscheint logisch, da es miteinander verzahnt ist.

Aber eine Geschichte, die rein politische SF darstellt ... Müsste ich in mich gehen. Und wenn ich so überlege, den technischen Hintergrund einfach weglasse, mich nur auf die Politik konzentriere ...

(Ist jetzt nur ein akademisches Gedankenspiel.)
Nehmen wir mal eine Welt an, die sich parallel zu unserer entwickelt hat. Die Handlung ist im Jetzt angesiedelt, also 2018. Nur die Politik ist anders.
Nehmen wir einmal weiter an, der böse Postkartenmaler wurde von einer Kugel Anfang 1914 irgendwo nahe der belgisch-französischen Grenze getroffen und ist zwar noch am Leben, aber aufgrund der Verletzung Vollinvalide. Er liegt irgendwo in Pasewalk auf der Station, wo die Invaliden hinkommen, die nur noch sabbern und kaum noch sprechen können.
( Icon_fies )

Nehmen wir weiter an, die Weimarer Republik würde immer noch existieren, dann hätten wir 2018 - wenn alle alten Parteien überlebt hätten - ziemlich viele davon im Reichstag sitzen.
Über die Inhalte dort, sowohl globaler Natur, als auch im tagtägliche Gebrauch, müsste man spekulieren:
Gäbe es Rückgabeforderungen an Polen wegen dem Korridor, oder wäre dies geklärt? Wäre Danzig immer noch autonom? Hätten die Russen, oder analog die Sowjets, ihre Gas-Pipeline durch das abgetrennte Ostpreußen verlegt - vielleicht mit der Zustimmung des alten Reichskanzlers Gerhardt Schröder? (*hust*)

Hm. Wenn man die - akademisch angenommene Geschichte - einzig im Reichstag spielen lassen würde, mit all den politischen und den häuslichen Geflogenheiten, dann wäre es für mich tatsächlich eine reine politische SF-Geschichte. Also House of Cards mal anders.

Alles andere, insbesondere was Du aufgezeigt hast, ist immer in Kombination mit der Gesellschaft zu sehen. Ja. Und da fallen mir keine weiteren Bücher ein.

Wirr, aber ich musste es mal für mich definieren. Icon_wink

VGD.
Hallo Kolporteur,

ich weiß, du hast in erster Linie nach Büchern gefragt, die dieses "Genre" (falls man politische Science-Fiction so nennen kann) bedienen, da ich aber gerade auf einen Anime gestoßen bin, der sich in diesem Kontext perfekt anbietet, melde ich mich hier mal.

Die Rede ist von Psycho-Pass, wo eine Zukunft gezeichnet wird, in der ein Koeffizient über das Gewaltpotential bzw. die Neigung zum Verbrechen eines Individuums entscheidet. Das Sibyl-System (angelehnt an der Prophetin) kategorisiert Menschen nach ihren Eignungen für bestimmte Berufe sowie eben auch nach besagtem Koeffiezienten, der entscheidet, ob für sie Platz in der Gesellschaft ist oder sie eleminiert werden müssen. Natürlich spielen Maschinen (AI) eine Rolle, Handlungsträger*innen sind aber u.a. eine junge Inspektorin, die ihre Bestimmung in diesem System sucht, dabei ihren moralischen Kompass aber nicht aus den Augen verliert, ihr Untergebener, dem das System zum Verhängnis wurde sowie jemand, der es sich zum Ziel gemacht hat, besagtes System zu unterminieren.

Schön an dem Anime finde ich, dass er Querverweise zu Orwells 1984, Konrads Herz der Finsternis und auch Dicks "Standardwerk" Träumen Androiden von elektrischen Schafen bringt.

Schei*e ist die instrumentalisierte Gewalt gegen Frauen und dass diese zu Accessoires werden, um die Gewalt (nichts für schwache Gemüter) zu verdeutlichen.

Vielleicht hilft dir das.

LG
Hallo Dreadnoughts,

interessantes Gedankenspiel. Ich denke, deine Beschreibung kommt dem, was man unter einer 'rein politisches SciFi-Geschichte' verstehen könnte, sehr nahe.

Allerdings denke ich, dass selbst in diesem Szenario die gesellschaftlichen Hintergründe nicht völlig ausgeblendet werden können, wenn die Geschichte für den Leser noch verständlich sein soll.

Entweder muss dies innerhalb der Geschichte erklärt werden oder man setzt das Wissen bereits voraus, was im Falle einer solchen Alternativwelt natürlich schwierig wäre.

Dein Beispiel der alternativen Weimarer Republik finde ich hierfür sogar bezeichnend, denn meiner Ansicht nach, sind gerade die politischen Entscheidungen dieses Zeitabschnitts nur zu verstehen, wenn man die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Gegebenheiten kennt. Deswegen denke ich, dass selbst eine solche Geschichte, die sich ausschließlich im Reichstag abspielt, das berücksichtigen müsste.

Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass ich mit dir konform gehen und eine solche Geschichte als 'politische SciFi' bezeichnen würde.


Viele Grüße
Garuda
Hallo Garuda.

Bezüglich der gesellschaftlichen Hintergründe teile ich Deine Meinung. In dem obigen Szenario hätte man als Schreiber diese aber am wenigsten berücksichtigen müssen, denn die Situation ist vergleichbar mit heute: (Ohne Wertung!) Das Innenleben des parlamentarischen Betriebsablaufs und das ganze Drumherum verleitet zu einer Distanz zwischen den Politikern und den Wählern. Daher wären letztere, als Ausdruck der Gesellschaft, sehr spärlich im Szenario vertreten gewesen. Bestenfalls als passive Träger.

Um den Bogen wieder zur Eingangsfrage zurückzuschlagen:
Ich meine, auch einige Bücher von Christian von Ditfurth gehören empfohlen, als da wären:

1.) Der 21.Juli
2.) Die Mauer steht am Rhein
3.) Der Konsul

VGD.
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