Es ist: 23-07-2018, 16:33
Es ist: 23-07-2018, 16:33 Hallo, Gast! (Registrieren)


Literarisches Tagebuch
Beitrag #301 |

RE: Literarisches Tagebuch
Einundvierzig ...

... ist auch nur eine Zahl, ein Sammelsurium aus Bildern, Momenten, Erlebnissen, Träumen, Wünschen, Gefühlen, Hoffnungen und selbsterklärten Zielen. Sie ist aber auch ein Synonym für Erfolglosigkeit, Niedergeschlagenheit, Unerfülltheit, Nackenschläge, Niederlagen, Phantasielosigkeit, von viel zu kalten Tagen, wo es einfach nicht warm ums Herz wird.
Ja, und auch von Tagen, die um ihrer selbst willen nur sich selbst als Daseinsberechtigung haben und elendig am Strand der Vergänglichkeit anbranden, wie Strandgut, willig, geborgen zu werden, rostend im eigenen Saft - da in der Sperrzone, wo niemand hingelangt.
Ein Elefantenfriedhof voller abgehalfterter Minuten, die da sang- und klanglos im Leben mitgetrieben worden sind und jetzt plötzlich meinen, etwas Besonderes sein zu müssen.
Leider zu spät.

Aber was wäre, wenn man alle Sekunden, die sich unter dem Rockzipfel der Ewigkeit verstecken, mitnehmen könnte, mitreißen, so begeistern könnte, dass sie die Zeiger der Uhrwerke mit Freude erklimmen und die Zeit zum Singen bringen? Was wäre, wenn die Zeit Hand in Hand mitgeht, hier, auf diesem Spaziergang am Rande der Zahlen? Was wäre, wenn sie ein Begleiter, eine feste Punktion im Meer des tristen Lebens wäre, niemals von der Seite weicht und immer, immer, bei jeder Frage, jedem Unwohlsein, jedem Rätsel, jeder neuen Aufgabe, jedem mühsamen Berg daneben steht und Ermutigungen ohne Großbuchstaben ins heimische Ohr flüstert?

Was wäre dann noch die Einundvierzig? Nur die Frage einer Zahl ...

... die die nächste beantworten könnte.
Denn 42 ist schließlich: Die Antwort auf alle Fragen.


(Nachdenkliche Gedanken am letzten Tag einer Zahl. Wie jedes Jahr. Dreads Lit-Talk for himself. Hm.)

LGD.


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Beitrag #302 |

RE: Literarisches Tagebuch
Du gingst, vor so langer Zeit.
Fremde um dich, Fremde in dir -
doch, immer noch
freudestrahlend
eine Hülle, so qualvoll bekannt
gefüllt mit Erinnerungen an Dinge, nie geschehen
und dann
nur noch -
Erde. Asche.
Und der Schmerz bei jedem Atemzug
Das Lachen unter Tränen.

Ich vermisse dich. 

29.12.2017


We are all accidents
Waiting
Waiting to happen
Radiohead, "There There"

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Beitrag #303 |

RE: Literarisches Tagebuch
Ich war ein Narr
zu glauben, alles besser zu wissen.

Ich war ein Idiot
zu glauben, ein Heilmittel zu kennen.

Ich war töricht
zu glauben, helfen zu können -
ohne selbst dran zu leiden.

Ich weiß jetzt
wie Du Dich gefühlt hast
abseits des Lichts
mit dieser Last.

Wie gerne würde ich Dir das sagen wollen? Wie gerne hätte ich eine Zeitmaschine? Wie gerne würde ich das Fundament erneuern? Solide gebaut, diesmal auf drei Pfeilern? Was bleibt am Ende des Tages, wenn der Mond sich anschickt, sich hinter den Sternen zu verstecken? Dort, wo die Rosen nachts keine Dellen haben?

Nur das Ich ...

... eines schlechten Menschen,
das jetzt weiß, was all das heißt.

(Es tut mir leid.)

D.


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Beitrag #304 |

RE: Literarisches Tagebuch
Ich hatte gedacht, dich zum Leben erwecken zu können

Zu begeistern und zu befreien
Und das wach zu rufen, was ich verborgen in dir sah.

Hatte gedacht, eine Chance zu haben
Und vielleicht Gefühle in dir zu wecken.

Mit der Erkenntnis, dass alles vergänglich ist
Und nicht jeder Gedanke stimmen muss.

Ja Gedanke, denn den Reiz konnt ich auch in deinen Augen sehen.
Bis er erlosch, die Neugier befriedigt,
Und ich allein mit der Frage des Warums.

Hatte etwas gesehen dass wohl nicht war, bis eine andre dein Herz eroberte,
Und viele andere viel anderes ..

Perplex, verletzt und so viel mehr - bin ich
Nicht du.

Allein. Hier.

Weil mein Schatten auch nur ich selber bin.

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Beitrag #305 |

RE: Literarisches Tagebuch
Endstation

Ein weißer Raum. Weißer Boden, rutschfest. Die Wände weiß, garniert mit idyllischen Bildern. Die Fenster links von ihm waren dick und ohne Hebel. Dafür surrte es unter der Decke leise.
Er hatte sich mit dem Stuhl nach links vom Tisch abgewandt, saß auf dem kargen Plastik und zog die Beine an. Der brillenlose Blick auf den Boden gerichtet, am nichtssagenden Shirt und der Trainingshose vorbei. Das Herz schlug langsam und ruhig, während das Blut gleichgültig seine Bahnen durch den Körper zog.
Stille. Das Schweigen toter Worte in sechs Buchstaben gepresst.
„Reden hilft.“ Eine Stimme, jenseits der Karaffe aus Wasser. Nur eine durchsichtige Insel auf dem Ozean aus weißem Tisch. „Auch wenn es schwer fällt, die ersten Worte zu finden.“
Seine Socken begannen zu zittern. Der Blick blieb starr. Und der Kopf wippte mit dem Oberkörper langsam vor und zurück. Lippen öffneten sich, versuchten sich an Worten, und schlossen sich schweigend wieder.
Ein Bild wanderte von der anderen Seite der weißen Welt herüber. Angeschoben mit bezahlter Empathie. Eine Frau, mit langen dunkelbraunen Haaren. Gütiger Ausdruck auf dem Gesicht, direkt davor eine gelbe Kaffeetasse. Haltend in warmen Händen.
„Ist sie das?“
Eine Frage, die eine Feststellung war. Hinschauen unsinnig. Antworten überflüssig. Das Bild blieb unbeachtet, obwohl sein Herz einen Stich abbekam. Tief in seinem Inneren stiegen die ersten Bläschen aus dem See eines erloschenen Vulkans nach oben. Und trieben kalte Perlen durch seine drückenden Augen.
„Warum ist sie so wichtig?“
Die Stimme klang weiblich, der dazugehörende Mensch jenseits seiner Brille auf dem Tisch blieb verzerrt. Unwirklich. Wie alles hier.
„Sie ist doch wichtig, oder etwa nicht?“
Sein Kopf nickte. Sein Herz nickte mehr. Und seine Tränen kullerten mit einem stummen „JA“ die Wangen hinunter, bevor sich die Augenlider schlossen.
„Das ist meine große Schwester“, flüsterten seine Lippen. „Mein bester Freund.“
Fragmente vergangener Tage tauchten in der Dunkelheit vor seinen Augen auf: Sie, für die er immer dagewesen war. Sie, die er vom Rotwein und der viel zu heißen Wärmflasche befreit hatte. Sie, die er ins Bett gebracht hatte, nachdem sie zitternd vom Teppich festgehalten worden war. Jedem Hilferuf war er gefolgt. Ohne Kompromisse.
„Hab … War … immer für sie da.“ Seine Stimme klang brüchig im weinenden Meer. „War … Hab alles getan, damit sie am … Leben bleibt.“
Seine Schwester erschien in seinem Kopf. Mit einem traurigen Gesichtsausdruck, zur Seite abgewandt, als wäre dort etwas, das interessanter wäre. Ihr Mund sang ein leises Lied von Tod und Erlösung. Strophe um Strophe. Gefüllt mit der Hoffnung auf ein Ableben. Irgendwo in der Schweiz, dort, wo man in Würde abtreten konnte. Und immer, wenn sie davon gesprochen hatte, hatte es weh getan. Tief in ihm drin. Eine Welt ohne sie. Unvorstellbar.
„Und sie hat den Kontakt zu Ihnen einfach abgebrochen?“
Er nickte.
„Warum?“
„Weiß … nicht.“
Das Damals. Der Tag des Abschieds. Gesperrt und geblockt. Er. Von ihr.
Ihr Whatsup profillos. Seine Anrufe sinnlos. Er blieb haltlos. Zurück. In seinem Alptraum voller Fragezeichen.
„Über was haben sie zuletzt gesprochen?“
Davor. Die letzten Sätze aus einem anderen Leben, die er nicht sehen wollte.
Er öffnete die Augen. Der Blick mit Schlieren durchzogen. Hinter dem Fenster konnte man sehen, dass die Etage, wo er sich befand, quadratisch aufgebaut war. Gegenüber sah er die schemenhafte Anmeldung, geschützt hinter Plexiglas. Eine junge Frau wehrte sich gerade, als zwei Pfleger sie packten und in ein Zimmer bringen wollten. Auf dem Weg dorthin flog ein Stuhl durchs Bild. Aus einem der angrenzenden Räume konnte er durch das Rauschen in seinen Ohren Geschrei hören. Wehleidig, schimpfend, brüllend, weinend.
„Krebs“, flüsterte er. „Wir haben uns über den Krebs unterhalten.“
„Die Erkrankung ihrer Frau.“
„Ja.“
„Die Therapie läuft gut?"
Aus seinem Mund entkam ein Schluchzen. Fragmente aus Leid und Elend folgten, mit wechselnden Szenen: Auf der Toilette, dem Behandlungszimmer, den Ärzten, dem Schlafzimmer. Blasses Gesicht seiner Frau, der Schatten einer Ahnung von Mensch.
„Nein.“
Jenseits des Ozeans aus weißem Tisch hörte er ein mitfühlendes Seufzen. Ein seltenes Gefühl in einer emotionslosen Gesichterwelt.
„Bevor wir mit einer Therapie anfangen“, sagte die Frauenstimme, „müssen Sie sich von Ihrer … Schwester lösen.“
Er schluckte schwer. Lösen. Freigeben. Es dem Wind und den Wellen überlassen. Forttragen lassen.
„Und … wie?“
„Mit einem Grabstein vielleicht“, sagte die Frauenstimme. „Mental. Mit ihrem Namen darauf.“
Sein Brustkorb hob sich, seine Lungen sogen Luft, als würden sie platzen wollen – und hielten dem Druck stand, auszuatmen. Sie, sein Fels in der Brandung, sein großer Stein im Fundament – nur noch ein Grabstein. Nur noch ein Name, der vergehen soll.
„Nein.“ Ein Hauch, unterstrichen von Augen, die sich wieder schlossen. „Nein!“
„Sie können sich auch ein anderes Bild aussuchen.“ Eine Kladde, eine Akte, die er nicht gesehen hatte, wurde gerade geschlossen. „Und Sie müssen sich von Ihrem gestrigen Handeln distanzieren.“
Gestern. Weit entfernt. Ein Leben, oder zwei. Dazwischen tauchten Pillen auf, in seinen Händen, deren Namen er kaum aussprechen konnte. Unzählige Pillen.
„Und zwar nachweislich, sonst können wir Sie nicht entlassen.“
Er kniff die Augenlider fest zusammen, wehrte sich gegen das, was da von unten auftauchte. Wehrte sich gegen die Flut aus Gefühlen, aus Fotographien einer anderen Galaxis.
„Bitte“, wimmerte er. „Bitte …, lassen Sie mich gehen ... Muss nach Hause!“
Wieder ein Seufzen, diesmal ausruckslos. Dann wurde die Tür geöffnet. Die zwei Pfleger erschienen dahinter und schauten fragend herein.
„Sie haben keine Schwester“, sagte die Frau. „Sie war auch nie Ihr bester Freund. Und sie kommt auch nie wieder.“
Seine Lippen fingen an zu beben. Wimmernde Worte, geräuschlos ausgesprochen. Tränen, schlagendes Herz – und in seinem Inneren ein Schrei nach dem Warum und Wieso.
Sie schob den Stuhl nach hinten, stand auf, tippte leise mit den Fingern gedankenverloren auf den Tisch. Die Akte wanderte nach oben, eingeklemmt zwischen Arm und Brust.
„Und so lange Sie sich nicht von Ihren Absichten distanzieren, werden Sie hier bleiben müssen. Das Urteil bleibt bestehen.“ Sie seufzte wieder. „Auch wenn Ihre Frau Sie jetzt eigentlich braucht.“
Sie nickte den beiden Pflegern zu, bevor sie an ihnen vorbeiging und verschwand.
„Nein. Bitte!“
Zum Schweigen verurteilte Stille.
Sechs Buchstaben.
Wie Suizid, nur sein -versuch war länger.

***


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