Es ist: 30-10-2020, 21:48
Es ist: 30-10-2020, 21:48 Hallo, Gast! (Registrieren)


"Wer soll das verstehen?"
Beitrag #1 |

"Wer soll das verstehen?"
"Wer soll denn das verstehen?" - diese Reaktion taucht im Umgang mit Lyrik und bei manchen Prosawerken immer wieder auf. Hermetische Gedichte, Texte voller Metaphern, Sprachbilder und Verschlüsselungen ... manche lieben sie, andere stehen ihnen verständnislos gegenüber.

Aus der Perspektive eines Lesers:
Wie klar muss ein Gedicht oder Text sein, wo ist für euch die "Schmerzgrenze"? Rätselt ihr gern beim Lesen oder lassen euch Metaphern und Symbole mit dem Gefühl zurück, ausgesperrt zu sein - auf der vergeblichen Suche nach dem Schlüssel? Interpretiert ihr gern oder habt ihr das Gefühl, euch mit euren Assoziationen und eurem Unverständnis zu blamieren?
Haben verschlüsselte Texte und Gedichte überhaupt eine Existenzberechtigung oder sind sie für euch bloße Spielereien des Autors, nur für ihn verständlich und daher nicht für die Öffentlichkeit gedacht? Im Grunde nur intellektuelle Angeberei?

Aus der Perspektive eines Autors:
Schreibt ihr gerne in Metaphern und Symbolen oder ist das für euch nur mühselig und aufwändig? Wie steht ihr Interpretationen von Seiten der Leser gegenüber - sind sie interessant und ein Kompliment (immerhin hat sich jemand Zeit genommen und sich ausführlicher mit dem Werk auseinandergesetzt) oder eher eine brutale Zerstückelung und Reduzierung des Werkes? Wird ihm damit vielleicht gerade das besondere Flair des Geheimnisvollen genommen?
Erklärt ihr eure Gedichte und Texte gerne, wenn ihr gefragt werdet, oder lasst ihr lieber Spielraum für eigene Interpretationen? Was fühlt ihr, wenn eure Werke absolut missinterpretiert werden oder ihr sogar nur verständnislose Reaktionen erhaltet?
Drückt ihr euch lieber allgemein verständlich aus oder bevorzugt ihr Rätsel?

Viele Fragen - jetzt seid ihr dran! Icon_wink


Mira

Ich bin ein Fragezeichen
kein Punkt
- Rose Ausländer -

Avatar von Zwielichtstochter

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Beitrag #2 |

RE: "Wer soll das verstehen?"
Als Autor verzichte ich meistens auf Verschlüsselungen etc, aber einfach deshalb, weil es mir nicht liegt / nicht besonders viel Spaß macht.
Als Leser stehe ich manchen Metaphern zwar einigermaßen ratlos gegenüber, grade in Gedichten stört das aber meistens weniger. In der Prosa sollten schwerer verständliche Passagen nicht den Lesefluss stören, können aber ansonsten einen Text aufpeppen und den Leser zum Nachdenken anregen.


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Beitrag #3 |

RE: "Wer soll das verstehen?"
Beim Lesen ist es bei mir eindeutig: Ich bevorzuge Gedichte mit Metaphern (die Prosa lasse ich hier mal aus, weil sich diese Frage besonders an der Lyrik festmachen lässt), mag aber ab und an auch "einfachere", die aber dann einen guten Hintergrund haben müssen. Gedichte mit volkstümlicher, einfacher Sprache mag ich gar nicht.

Der Grad zwischen dem Gefühl, ausgesperrt zu sein (schöne Umschreibung übrigens) und dem Gefühl und der Bewunderung, ein sprachgewaltiges Gedicht vor sich zu haben, ist fließend.
Allzu viel rätseln deprimiert mich eher als dass es mir Spaß macht. Ich bewundere dann die Sprache an sich, genauso wie ich ein gutes Lied von der Melodie her mag, aber der tiefere Sinn dahinter verschließt sich mir dann - eben genauso wie ich keine Ahnung von Musik habe Mrgreen
Ich hab selten die Kraft, sehr lange über ein Gedicht nachzudenken, wenn ich weiß, dass es eh zu nichts führt.



Als Autor habe ich die gleiche Meinung: Manchmal ist weniger auch mehr.
Bisher ist mir noch kein Leser untergekommen, der eines meiner Gediche absolut fehlinterpretiert hat (das gibt es sowieso selten). Natürlich kann ein Leser nie wissen, über was der Autor ganz genau geschrieben hat, aber wenn ich das erzählen würde, wären die meisten eh geschockt *g* Bei mir entstehen Gedichte oft aus den banalsten Situationen heraus und daraus mache ich mit schönen Worten, einer Metapher hier, einer Metapher da, ein Gedicht.
Wenn jemand konkrete Fragen hat, dann beantworte ich die auch gerne, aber den wahren Hintergrund enthülle ich selten bis nie, weil dann dem Gedicht einfach beinahe schon die Existenzberechtigung genommen wird... Ja, es wird entzaubert und mir selbst ist es ja auch manchmal lieber, wenn ich vergesse, aus welcher Situation heraus ich ein Gedicht geschrieben habe, weil es einfach spannender ist ^^

Eine Interpretation ist immer etwas schönes und ich habe noch nie zu jemandem, der sich die Mühe gemacht hat, gesagt: "Hey, danke für die Mühe, aber da stimmt überhaupt nichts!".
Analysen wie in der Uni finde ich hingegen fast krank. Jedes kleine Wort zerpflücken, jede Metapher, jedes stilistische Mittel erklären und dann denken, man weiß: ja, das hat der Autor da genau deswegen geschrieben, und doch keine Ahnung haben...


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Beitrag #4 |

RE: "Wer soll das verstehen?"
Ich glaube, ich kann meine Meinung in drei Sätzen erläutern Icon_wink

Ich finde (für gewöhnlich, es gibt immer Ausnahmen) nichts so fürchterlich wie ein Gedicht komplett in seine Einzelteile zu zerlegen und zerkauen, um es dann bedeutungsschwanger auszukotzen. Für mich ist eine Metapher, ein Symbol - eben weil ich zu 99% den Autor nicht fragen kann, was er denn meinte - unabhängig von der Art des Einsatzes eher eine Stimmung, die authentisch oder nicht vermittelt wird, denn eine konkrete Bedeutung. Bei Interpretationen gibt es sowieso (sagt das mal den Deutschlehrern) kein "richtig" und kein "falsch", zumindest nicht als absolute Größe, denn jeder Leser liest ein Gedicht vor einem anderen Hintergrund an Erfahrungen etc. und nimmt somit auch individuell verschiedene Dinge daraus für sich mit, auch wenn es etwas ganz anderes sein mag als der Autor ursprünglich meinte.

Ich mag Metaphern eigentlich, wenn sie gut gemacht sind, d.h. nicht gleich ins Auge springen (als wollte der Autor sagen: hey schau, ich hab ganz viele Metaffan rein gemacht, bin ja so pötisch Icon_wink) sondern harmonisch in den Text eingeflochten sind. Grad bei Liebesgedichten vor allem jüngerer Autoren fällt das so stark auf: die einen schreiben "und sie knutschten wild" und das andere Extrem "der Wellenschlag einer Vogelfeder umschlingt blabla" Icon_wink

na gut, sind doch fünf Sätze geworden Icon_wink

Icon_jump t.

Ich bin absolut dafür, daß man Narren von gefährlichen Waffen fernhält. Beginnen wir mit Schreibmaschinen. (Frank Lloyd Wright)

Prinzessin von Kagran

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Beitrag #5 |

Muss Lyrik klar und verständlich sein?
Es hat sich eine Diskussion in einem anderen Thread zu einem Gedicht ergeben, allerdings wollen wir nicht weiter den betreffenden Thread "zuspammen" - daher habe ich die Beiträge geteilt und jeder der mag, kann sich gerne an der Diskussion beteiligen ...

@Rorschach: Wenn ich dazu was einwerfen darf:

Gedichte sind nicht dazu da, sofort verstanden zu werden. Bei manchen geht das, bei anderen nicht.
Ich persönlich mag Gedichte, an denen man herumrätseln kann - und viele Gedichte kann man vielfach interpretieren. Es gibt kein richtig und falsch in dem Sinne. Alles ist "richtig", was man anhand des Gedichtes belegen kann ...
Ist natürlich alles Geschmackssache Icon_smile ...

... ich werf's nur ein, weil ich in einem anderen Kommentar von dir gelesen habe, dass du dir nicht die Blöße geben willst, zu interpretieren. Insofern auch an dieser Stelle (um nicht noch einen Thread zuzuspammen): Trau dich - die meisten Autoren freut es ungemein, wenn der Leser Gedanken äußert, sich versucht, interpretiert. Das zeigt, dass der Leser sich mit dem Werk beschäftigt hat und das ist doch eines der größten Komplimente überhaupt! Icon_smile

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #6 |

RE: Zweiundsiebzig
Hi Zack,

ich persönlich habe als Autor für mich eine andere Mission übernommen: Verständlichkeit als oberstes Ziel. Da bin ich in der Lyrik vermeintlich falsch. Aber ich glaube, auch hier ist Verständlichkeit erreichbar. Es geht nicht um das sofortige Erkennen, aber genausowenig um das Rätselraten bis zum Tod. Wem nützt ein Werk, das niemand versteht? Ganz recht: Niemandem.
Ich versuche, das Surreale, Metaphorische oder Ideelle so greifbar wie nur irgend möglich zu machen. Verschleiern ist nicht mein Ding. Ich versuche, es auf den Punkt zu bringen - ein (Überbleibsel will ich nicht sagen) Wert aus der Romanschmiede. Nicht jeder ist meiner Meinung. Ganz besonders dürfte es auf die Lyriker zutreffen - leider.

Warum ich nicht gerne interpretiere: Ich kann es nicht, wenn ich keine Spuren habe, denen ich folgen kann. Bei guten Texten sind sie immer gegeben. Bei schlechten nicht. Manchmal führen sie im Kreis. Manchmal zum Ziel. Ich persönlich bevorzuge sichtbare Spuren, die ans Ziel führen. Aber, ob sie sichtbar sind oder nicht, liegt auch an meiner Fertigkeit, sie zu sehen. Ich bin kein guter Spurenleser.
Weiterhin interpretiere ich nicht gerne, weil ich der Meinung bin, dass es Aufgabe des Autors ist, mir als Leser etwas zu sagen. Wenn er nichts sagen will, warum soll ich zuhören? Wenn er nichts sagen kann, dann ist es für mich kein richtiger Autor.
Wenn er etwas nur so sagen kann, dass es niemand versteht, dann ist er arm. Wenn er etwas so sagt, dass es nur Menschen verstehen, die sich näher damit befassen, dann kann ich als Leser entscheiden, ob ich einer dieser Menschen sein möchte, oder nicht.

Ich, als der, der ich bin, bin auch immer um Lesbarkeit bemüht. Inhalt und Lesbarkeit sind zwei paar Schuhe. Natürlich rennt niemand mit nur einem Schuh herum, aber jeder zieht sie einzeln an. Ich achte (vor allem bei Prosatexten) sehr genau auf Wortwahl und Satzkonstruktion. Wenn ich jedoch den Inhalt dieses Satzes nicht verstehe, bringt mir die Wortwahl wenig. Da hohle ich mir einen kalten Fuß - der linke Schuh fehlt.

Ich denke schon, dass man falsch interpretieren kann. Und ganz schlimm wird es dann, wenn der Autor selbst nicht weiß, worüber er schreibt, und sich nur darüber freut, dass es sich schön anhört.

"Wer sich tief weiß, bemüht sich um Klarheit; wer der Menge tief scheinen möchte, bemüht sich um Dunkelheit."
- Friedrich Nietzsche

Ich weiß, das sagt der Richtige. Aber Recht hat er dennoch.
Oft gibt es scheinbar Tiefgründiges, das, einmal auseinandergepflückt, als hohles Gefäß endet.

Als Leser interpretiere ich nicht. Ich ziehe Schlüsse. Ich ziehe Schlüsse aus den Informationen, die mir der Autor vor die Füße legt, oder meinetwegen auf die Ablage. Aber er rennt nicht damit in den Wald und vergräbt das, was er mir zeigen will, damit ich ihm nachlaufe und den Boden umpflüge, um herauszufinden, was er mir zu sagen versuchte (oder eben nicht versuchte - meine Meinung).

Gedanken mache ich mir um die Texte, die ich lese - welche auch immer. Sie sollen mich ruhig auch mal fordern, aber nicht überfordern.

Habe ich schon erwähnt, dass ich es unbehaglich finde, Threads anderen Zweckes mit Off-Topic vollzuspamen? Ich mag das wirklich nicht. Deshalb mache ich jetzt auch einen Punkt. Es ist auch alles gesagt.

Nichts von alledem, was ich soeben geschrieben habe, bezog sich auf dieses Gedicht. Ich werfe dem Autor dieses Gedichtes also keine Dunkelheit vor - nur damit es keine Missverständnisse gibt.
Und auch bitte ich darum, meine eigene Unzulänglichkeit zu berücksichtigen. Ein Blick für etwas Neues muss erst einmal geschaffen werden. Ich habe eher mit Romanen zu tun, die für eine breite Leserschaft geschrieben werden - folglich hat das Verständnis von Texten für mich oberste Priorität.


Liebe Grüße: Rorschach-Phoenix

P.S.: Ich diskutiere sehr gerne über alle möglichen Themen, nur nicht in einem Thread, wo das nicht hingehört.


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Beitrag #7 |

RE: Muss Lyrik klar und verständlich sein?
Na, das Problem haben wir ja schnell behoben, kannst dir also weiter alles von der Seele schreiben Mrgreen ...

Ich bin prinzipiell deiner Meinung. Natürlich sollte auch ein schwieriges Gedicht die Möglichkeit bieten, verstanden zu werden. Vielleicht nicht unbedingt, wie der Autor es meint, aber verstanden im Bereich dessen, was das Gedicht zu bieten hat.

Ich habe mit einem Satz von dir ein Problem:

Ich versuche, das Surreale, Metaphorische oder Ideelle so greifbar wie nur irgend möglich zu machen.

Okay, ein gutes Ziel.
Aber gerade das Surreale ist doch schwer greifbar - ist ein Traum gut greifbar? Mit Surrealismus hast du dir ein schlechtes Beispiel ausgesucht. Natürlich kann man auch diese Texte verstehen, können sie ein klares Bild vermitteln, aber gerade hier wird es oft schwierig, weil man solche Texte oft besser erfühlen als erdenken kann sozusagen ...

Auch wenn ich deinen Anspruch nachvollziehen kann, ich finde, es ist nicht die Aufgabe des Autors, es dem Leser so klar wie möglich zu machen.
Speziell bei Gedichten: Es wird keine Geschichte erzählt, es wird etwas ausgedrückt. Meist Gefühle. Auch Gedanken. Auch Verwirrung ... Lyrik ist mehr "Kunst", als es Geschichten sind (wobei ich nicht sagen will, dass Geschichten es nicht sind!) ... Lyrik kann unterhalten (Humor, ...), tut es aber seltener, als es Geschichten tun.

Und ich finde, es ist sehr wohl die Aufgabe des Lesers, zu interpretieren. Sich Gedanken zu machen ... bei Lyrik ist es manchmal schwer, weil vieles scheinbar keinen Sinn ergibt. Weil Metaphorik schwierig ist, weil jeder etwas anderes mit den Bildern verbindet. Aber da muss man auf sein Gefühl hören und dann nach Bildern im Gedicht suchen, die dieses Gefühl spiegeln.

Ein Beispiel:

Ein Tag im Exil (von Rose Ausländer)

Ein Tag im Exil
Haus ohne Türen und Fenster

Auf weißer Tafel
mit Kohle verzeichnet
die Zeit

Im Kasten
die sterblichen Masken
Adam
Abraham
Ahasver

Wer kennt alle Namen

Ein Tag im Exil
wo die Stunden sich bücken
um aus dem Keller
ins Zimmer zu kommen

Schatten versammelt
um‘s Öllicht im ewigen Lämpchen
erzählen ihre Geschichten
mit zehn finstern Fingern
die Wände entlang


Kein uninterpretierbares Gedicht, aber stellenweise schwer. Ohne Vorwissen wird es noch schwerer - trotzdem finde ich es wunderbar.
Ich "durfte" dieses Gedicht damals in der Schule interpretieren und es fiel mir nicht unbedingt leicht, aber schließlich hab ich's so hinbekommen, dass es für mich stimmig war ...

Manchmal kann es Spaß machen, den Boden umzupflügen Icon_wink
Das sehen "eingefleischte" Lyriker wohl anders als du - jemand der sozusagen aus der "Prosawelt" stammt tut sich oft mit "rätselhaften" Gedichten schwer. Wenn du den Anspruch hast, alles muss verständlich sein, okay - aber ich finde es schwierig, einem Autor die Unverständlichkeit anzukreiden.
Natürlich gibt es Leute, die würfeln irgendwas zusammen und verstehen es selbst nicht - aber grundsätzlich sollte man fairerweise davon ausgehen, dass sich der Autor was gedacht hat. Und gerade in so einem Forum hat man jederzeit die Möglichkeit, einfach nachzufragen, wenn denn Interesse besteht. Wenn dann eine hingestammelte Erklärung kommt, kann man immer noch Kritik üben.

Das ist nichts gegen dich, sondern einfach nur meine Meinung.
Ich vertrete wohl auch das anderem Extrem - ich liebe schwierige Gedichte (und Texte), die mir ganz subtil die Essenz vermitteln, die ich aber erst erfassen kann, lese ich das Gedicht mehrmals, höre ich auf dieses diffuse Gefühl und suche im Gedicht selbst nach Brotkrumen - umso glücklicher ist man dann, wenn das "Aha-Erlebnis" kommt. Es macht unheimlich viel Spaß ...

So, deine Meinung, meine Meinung - bin auf andere Meinungen gespannt.

(diese Diskussion passt auch zu: "Wer soll das verstehen?")

Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #8 |

RE: Muss Lyrik klar und verständlich sein?
Von mir gibt es zu dieser Frage ein klares und dickes Nein.
Wenn ich einen Text lese, habe ich es gerne, wenn ich einen Satz nicht zehnmal lesen muss, bevor ich ihn verstehe. Bei Gedichten ist es genau anders herum: Wenn ich ein Gedicht lese, mag ich es nicht sofort in seiner Gesamtheit direkt erfassen können, sondern erst einmal eintauchen, die Worte genießen und erst DANN mache ich mich an das Verstehen. Ein Gedicht, das mir zu viel sofort offenbart, finde ich schnell langweilig. Es muss nicht einmal ein hochmetaphorisches Gedicht sein, aber es muss mehr sein als ein in Strophen und Verse gepacktes Stück Prosa Icon_wink


@ Zack:

Zack schrieb:Auch wenn ich deinen Anspruch nachvollziehen kann, ich finde, es ist nicht die Aufgabe des Autors, es dem Leser so klar wie möglich zu machen.
Speziell bei Gedichten: Es wird keine Geschichte erzählt, es wird etwas ausgedrückt. Meist Gefühle. Auch Gedanken. Auch Verwirrung ... Lyrik ist mehr "Kunst", als es Geschichten sind (wobei ich nicht sagen will, dass Geschichten es nicht sind!) ... Lyrik kann unterhalten (Humor, ...), tut es aber seltener, als es Geschichten tun.

Dito! Du nimmst mir geradezu die Worte aus dem Mund Icon_smile


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Beitrag #9 |

RE: Muss Lyrik klar und verständlich sein?
Ich darf an dieser Stelle mal ein bisschen zuspitzen:

Wenn der Autor, sofern er mehr will, als nur eine Geschichte zu erzählen, mit dem, was er uns vorsetzt auch etwas "Tieferes" ausdrücken will, dann könnte er konsequenterweise aufs Geschichtenerzählen verzichten und uns einfach sagen, was er denkt!

So, z.B.: Ich finde Krieg scheiße!
Oder: Eifersucht ist ne schlechte Sache!

Man könnte darüber streiten, ob er damit mehr Zuhörer erreicht, als wenn er diese Botschaft über eine Geschichte, die der Leser erleben kann, vermittelt. Auf jeden Fall würde dadurch die Auswahl an Büchern deutlichst reduziert.

Literautur in welcher Form auch immer hat etwas mit Entfremdung zu tun. Das, was der Autor ausdrücken will, wird in eine "schöne" Form gesteckt, die die eigentliche Hauptaussage entfremdet bzw. verschleiert und sie dadurch erlebbarer macht.

Lyrik tut das in verdichteter Form (daher auch der Name Gedicht). Daraus ergeben sich naturgemäß höhere Anstrengungen bei der Entschlüsselung. Das mag zu größeren Schwieigkeiten im Verstehensprozess führen, wenn man diesen aber hinter sich hat (oft ist es nur eine Ahnung) dann ist das Verstehen umso intensiver.
Und ich empfinde es insgesamt als nichts Schlechtes, wenn man sich mit dem, was man liest, auch ein bisschen beschäftigen muss, weil es eben manchmal nicht nur darum gehen kann, sich in höchster Geschwindigkeit möglichst entspannt zu unterhalten.

Liebe Grüße
Philipp


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Beitrag #10 |

RE: Muss Lyrik klar und verständlich sein?
Hi,

Ich glaube, ich wurde gerade fehlinterretiert. Icon_wink

Lyrik muss gar nichts. Nichts auf der Welt muss etwas. (Und jetzt bitte nicht der Spruch mit dem Klo.)

Isola schrieb:Wenn ich einen Text lese, habe ich es gerne, wenn ich einen Satz nicht zehnmal lesen muss, bevor ich ihn verstehe. Bei Gedichten ist es genau anders herum: Wenn ich ein Gedicht lese, mag ich es nicht sofort in seiner Gesamtheit direkt erfassen können, sondern erst einmal eintauchen, die Worte genießen und erst DANN mache ich mich an das Verstehen.

Da frage ich mich nur, woher der Verständlichkeits-Anspruch an den Text kommt und woher der Unverständlichkeits-Anspruch an das Gedicht.
Man möchte nicht gleich erfassen können, worum es geht? Das liegt außerhalb meines Fassungsvermögens. Ich möchte grundsätzlich wissen, worum es geht. Ich werde gerne getäuscht und über einzelne Dinge in Unklarheit gelassen. Du brauchst mir die Himmelsrichtung nicht unbedingt zu zeigen, aber ich möchte festen Boden unter den Füßen haben, damit ich mich für eine Richtung entscheiden kann.

Zitat:Ein Gedicht, das mir zu viel sofort offenbart, finde ich schnell langweilig.

Der Wunsch nach Verschleierung?

Zitat:Es muss nicht einmal ein hochmetaphorisches Gedicht sein, aber es muss mehr sein als ein in Strophen und Verse gepacktes Stück Prosa Icon_wink

Wo ziehst du die Grenze?

Zitat:Auch wenn ich deinen Anspruch nachvollziehen kann, ich finde, es ist nicht die Aufgabe des Autors, es dem Leser so klar wie möglich zu machen.

Zitat:Dito! Du nimmst mir geradezu die Worte aus dem Mund Icon_smile

Nicht wirklich, oder? Jedenfalls hast du an die Prosatexte (und deshalb auch an den Autor solcher) ganz andere Erwartungen, nämlich die Verständlichkeit.

Zitat:Speziell bei Gedichten: Es wird keine Geschichte erzählt, es wird etwas ausgedrückt. Meist Gefühle. Auch Gedanken. Auch Verwirrung ... Lyrik ist mehr "Kunst", als es Geschichten sind (wobei ich nicht sagen will, dass Geschichten es nicht sind!) ... Lyrik kann unterhalten (Humor, ...), tut es aber seltener, als es Geschichten tun.

Was ich darlegte, war mein eigener Anspruch an meine Texte. Klar und verständlich - Schauen wir uns das mal unter der Lupe an:
Einen Gedanken konsequent zu verfolgen und ihn niederzuschreiben, ohne abzuschweifen. Auch Gefühle können klar sein, gebündelt und zielgerichtet.
Ich finde auch, man kann trotz Verschlüsselung verständlich sein. Und ob Lyrik nun mehr Kunst ist als ein Prosatext, ist hinfällig. Auch Kunst hat Maßstäbe. Nicht jeder kann sagen, welcher Maler mehr Talent oder Fertigkeit besaß, aber wenn ein Strichmännchen daneben steht, auf Papier gekritzelt - dann brauche ich niemanden, der mir sagt, was Kunst ist. Kunst ist auch abhängig von Fertigkeiten - meine Meinung.

Philipp schrieb:Wenn der Autor, sofern er mehr will, als nur eine Geschichte zu erzählen, mit dem, was er uns vorsetzt auch etwas "Tieferes" ausdrücken will, dann könnte er konsequenterweise aufs Geschichtenerzählen verzichten und uns einfach sagen, was er denkt!

Dieser Gedanke ist mir schleierhaft. Ein Autor soll, wenn er mehr möchte, als eine Geschichte zu erzählen, einfach sagen, was er denkt? Der Konsequenz wegen? Das ergibt für mich keinen Sinn. Das selbe könnte man zu einem Maler sagen. "Du könntest statt ein Bild zu malen einfach sagen, was du denkst." Die Geschichte ist die Kunst, das Gemälde ist die Kunst. Die Kunst ist es nicht, einfach zu sagen, was man denkt - und ich hoffe nicht, dass meine Ansicht so rübergekommen ist - denn dann würde ich mich im Grabe umdrehen. Verständlichkeit heißt nicht Offenbarung. Verständlichkeit heißt nicht: Ich sage dir alles, was ich weiß. Verständlichkeit heißt: Ich rede mit dir, und du verstehst, wovon ich rede. Das kann auch verschlüsselt stattfinden, solange der Autor seinen Text so verschlüsselt, dass der Leser ihn entschlüsseln kann. Undzwar als gemeinsame Sprache. Bitte nehmt es kleinlich. Ich feilsche für die Bedeutung des Wortes "Verständlichkeit".

Zitat:Literautur in welcher Form auch immer hat etwas mit Entfremdung zu tun. Das, was der Autor ausdrücken will, wird in eine "schöne" Form gesteckt, die die eigentliche Hauptaussage entfremdet bzw. verschleiert und sie dadurch erlebbarer macht.

Dem stimme ich zu. Sinn ist es, die Aussage dem Leser nahezubringen, indem sie für ihn erlebbar gemacht wird.

Zitat:Lyrik tut das in verdichteter Form (daher auch der Name Gedicht). Daraus ergeben sich naturgemäß höhere Anstrengungen bei der Entschlüsselung.

Wenn es denn so ist. Denn es gibt auch viel Lyrik, die eben keine verdichtete Form ist, sondern eher ein Auseinanderdriften, Verwaschen und Verschleiern, statt ein Bekräftigen, auf den Punkt bringen, konsequent sein - und genau das ist Verdichtung.

Zitat:Das mag zu größeren Schwieigkeiten im Verstehensprozess führen, wenn man diesen aber hinter sich hat (oft ist es nur eine Ahnung) dann ist das Verstehen umso intensiver.

Dieses Phänomen habe ich auch bei Prosatexten beobachtet. Es liegt daran, dass man für Dinge, für die man sich müht, mehr empfindet, wenngleich sie schwierig sind. Es sind erarbeitete Dinge.
Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch erwähnen, wie ich das sehe: Der Inhalt einer Geschichte muss nicht immer klar genannt werden, aber es muss klar geschrieben stehen, was momentan Sache ist.
Es ist wie mit der Kamera und dem Film: Der Film kann mysteriös sein, kann Fragen aufgeben, etc. Aber die Kamera sollte nicht davon betroffen sein. Sie sollte trotzdem auf das zeigen, was mit der Handlung zu tun hat und nicht auf Dinge zeigen... ach lassen wir das: Der Vergleicht ist zu schwammig.

Zitat:Und ich empfinde es insgesamt als nichts Schlechtes, wenn man sich mit dem, was man liest, auch ein bisschen beschäftigen muss, weil es eben manchmal nicht nur darum gehen kann, sich in höchster Geschwindigkeit möglichst entspannt zu unterhalten.

Ich rede nicht von "Schmalspurliteratur": "Er hat kacka gemacht."

Ich finde diese Übertreigungen auch nicht sonderlich dienlich. Ich sagte ja auch nicht: "Lyrik ist grundsätzlich unverständlich." Habe ich nicht getan. Ist nämlich auch nicht der Fall.

Was soll ich noch sagen? Wahrscheinlich werde ich damit immer noch nicht alle Missverständnisse, die immer auftauchen, wenn meine Finger die Tasten berühren, aus der Welt geräumt haben.

Hier noch eine kleine Sache zum Thema Interpretation - Ich sehe es so: Der Autor will dem Leser etwas sagen - indirekt (Verschlüsselt).
Der Autor weiß, was er dem Leser sagen will und erwartet vom Leser, dass er herausfindet, worauf er hinauswill. Wenn der Leser jetzt etwas anderes versteht, als der Autor sagen wollte, dann ist das für mich eine Fehlinterpretation. Autor und Leser haben aneinander vorbeigeredet - schade. Es kommt aber auch vor, dass es dem Autor egal ist, ob der Leser versteht, was er sagt, solange er nur überhaupt eine Antwort gibt - Zum Beispiel so:
"Hallo, wie geht's?"
"Ja, der Fisch hat gut geschmeckt."
Okay. Ist definitiv eine andere Antwort als erwartet, aber eine verwertbare Information.

Entschuldigt den Zynismus, aber ich suchte nach einem treffenden Beispiel.

Ich persönlich hasse nichts mehr, als wenn etwas, das ich geschrieben habe - bewusst geschrieben habe, um etwas bestimmtest zu sagen - falsch interpretiert wird. Falsch im Sinne von: Es entspricht nicht dem, was ich sagen wollte.
Und da ist es meine Aufgabe als Autor dafür zu sorgen, dass der Inhalt, den ich dem Leser mitteilen möchte, auch bei ihm ankommt. Und das hat auch alles nichts mit Künstlertum zu tun. Es ist einfach eine Entscheidung, die man treffen kann oder auch nicht. Ich für meinen Teil möchte, wenn ich etwas sagen will, dass der Leser versteht, wovon ich rede. Es gibt eigentlich keine Texte, bei denen mir das egal ist. Vielleicht sagt man: Der Text ist frei interpretierbar - aber innerlich bettelt doch jeder, der etwas sagen möchte, (Unterstellung - gerne widerlegbar) danach: "Interpretiere den Text so, wie ich ihn meine!"

Der kleine Exkurs in den Narzismus darf nicht fehlen (Narzismus ist unter Autoren - gleich welcher Art - weit verbreitet [und ich hatte auch leider eine derartige Phase - und wie man bisweilen sieht, habe ich sie immer noch - oder es ist Selbstbewusstsein, aus dem Nichts entstanden]):

"Der Erfolg besteht manchmal in der Kunst, dass für sich zu behalten, was man nicht weiß."
- Peter Ustinov

Das finde ich, ist das Schlimmste: Man selbst weiß nicht, wovon man redet, ergötzt sich an den Interpretationen der anderen, bejaht und redet sich ein: "Was habe ich nur Tiefes geschaffen?"

Das soll jetzt kein Vorwurf an irgendjemanden hier sein. So viele Texte habe ich noch nicht gelesen.
Ich will nur sagen: Gerade der, der im Dunkeln arbeitet (in der Verschleierung, Vertuschung, Verschlüsselung) wird leichter dazu verführt, nicht zu sagen, was er denkt, sondern seine eigenen Gedanken zu verschleiern, vertuschen, verschlüssen - im Dunkeln behalten. Icon_wink
Das soll jetzt aber auch reichen. Wahrscheinlich werde ich jetzt gekreuzigt - ach ne, des steht nur Gottessöhnen zu... dann gevierteilt.


Liebe Grüße: Rorschach-Phoenix

P.S.: Die Geschwindigkeit eines Texte dient nicht der Entspannung, sondern der Anspannung. Der Leser soll sich nicht entspannen, er soll aufrecht im Sessel sitzen vor "Spannung", daher das Wort.

Hoffentlich gelte ich nicht schon jetzt als Lyrikhasser und Klugscheißer. Mrgreen


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