Es ist: 20-10-2021, 17:28
Es ist: 20-10-2021, 17:28 Hallo, Gast! (Registrieren)


VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #61 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Kara beugte sich hinab, um eine Kornblume zu pflücken. Die Sonne stand bereits tief, Mutter würde sicherlich schimpfen, wenn sie nicht bald nach Hause käme. Und das abgeerntete Stoppelfeld stach schmerzhaft in ihre nackten Fußsohlen… sie hätte sich doch besser Schuhe auf diesen Ausflug mitnehmen sollen. Die Silhouette ihres Bruders zeichnete sich dunkel vor dem im Abendrot glühenden Himmel ab.

„Ist es noch weit?“, rief sie ihm zu.

Er wandte sich um und sie erkannte ein Schmunzeln auf seinem Gesicht. „Wieso, kannst du etwa nicht mehr?“, neckte er sie. „Soll ich dich tragen?“

Kara antwortete nicht, sondern machte sich stattdessen schleunigst daran, ihn einzuholen. Natürlich sollte er sie nicht tragen. Vor wenigen Tagen war sie fünf geworden, seitdem versuchte er ständig, ihr weis zu machen, dass sie noch gar nicht besonders groß war. Blöder Bruder!

„Ist die Blume für Mama?“, fragte er. Im gleichen Moment verrauchte Karas Ärger. Das war eine gute Idee, ja, sie würde Mutter eine schöne Blume mitbringen, dann würde sie bestimmt auch gar nicht schimpfen.

„Hier ist es.“ Der Ältere blieb stehen. „Jetzt musst du ganz leise sein. Sonst haben sie Angst und kommen nicht aus ihrem Versteck.“

Vorsichtig näherten sie sich der Stelle, und tatsächlich: der ganze Boden war von Mäuselöchern übersäht. Einige Zeit lang kauerten die Geschwister still auf dem Feld und lauschten den Vögeln, die ihr letztes Lied sangen. Karas Blick schweifte zu dem Dorf, von dem der dunkle Klang der Abendglocke herüber schallte. Lustig flatterte die Fahne über den Dächern im Abendrot, fast schien es, als ob der weiß aufgestickte Vogel seine Flügel ausbreiten und davonfliegen wollte. Auf der anderen Seite des Felds stand die riesige alte Weißblatteiche. Doppelt so hoch und drei mal so breit wie alle anderen Bäume streckte sie ihre massigen Äste der glühenden Sonne entgegen. Fast glaubte Kara, das Wispern in den silbrigweißen Blättern zu hören und das Rauschen des Wasserfalls in der Nähe...

Ihr Bruder tippte sie an und legte noch einmal mahnend den Finger auf die Lippen. Dann sah es Kara auch: Die Mäuse kamen. Eine nach der anderen huschten sie aus den Löchern und suchten zwischen den Stoppeln nach heruntergefallenen Körnern. Entzückt beobachtete Kara, wie sie mit ihren winzigen Pfoten die Samen aufnahmen und daran knabberten.

„Es ist eine ganze Mäusefamilie“, flüsterte sie begeistert.

Ihr Bruder lächelte. „So wie wir, kleine Maus“, raunte er zurück.

Kara drückte sich an ihren Bruder. Mit ihm fühlte sie sich sicher. Mochten Magier sie verfolgen, mochte sie auch ihr Gedächtnis verlieren… ihr Bruder Tajan würde gut auf sie Acht geben.


Wasser rauschte, ein Wispern durchzuckte Karas Geist. Dann verblassten die Geräusche. Die eben noch so lebendigen Bilder verloren schlagartig ihre Farbe, und über alles legte sich eine schwere, erdrückende  Stille. Die Konturen verschwammen zu immer abstrakteren Mustern, und über die Szene legte sich ein Schleier. Einen Moment lang schien es Kara, als ob sie sich nur fest genug konzentrieren müsste um den richtigen Fokus zu finden - als ob sie nur rasch die Hand ausstrecken müsste - um den immer dichter werdenden Nebel in ihren Gedanken zu lichten. Sie war nur eine Haaresbreite von ihren Erinnerungen entfernt - sie spürte es! -, und nur eine diffuse Wolke, ein Wirrwarr aus um sich wirbelnden und schemenhaften Schatten, trennte sie von dem, was sie nun erahnen konnte: von dem Gefühl wahrhaftig und ganz zu sein, das sie nur einen Augenblick lang erhascht hatte, bevor alles wieder in sich selbst zusammenbrach. Fieberhaft klammerte sie sich an die letzten Fetzen der Erinnerung, die wie kleine Leuchtfeuer im undurchdringlichen Nebel aufleuchteten: Ein mächtiger Baum, das Geräusch von Wasser, ein Name ...


Kara erwachte. Sie fühlte sich benommen, unvollständig und miserabel, versuchte der Tiefe ihres Traums nachzuspüren und konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sie gerade eben noch etwas furchtbar Wichtiges gewusst hatte. Doch so sehr sie auch nach Innen spürte - da war nichts mehr, was sie nicht die letzten Tage auch schon vorgefunden hatte: Leere. Sie fühlte sich wie in einem unendlich großen und unendlich dunklen Raum, sobald sie versuchte irgendeine Erinnerung, irgendeine Faser ihres Gedächtnisses aufzuspüren. “Also auch hier nichts Neues…”, dachte sie, und schlug die Augen auf. Mit einem tiefen Seufzer richtete sie sich auf und betrachtete überrascht den Raum, in dem sie sich unerwarteter weise wiederfand.

Sie lag zwar auf einem einfachen Strohsack, nur zugedeckt mit einem Mantel. Doch der Raum ringsherum war wohl der schönste, den sie je gesehen hatte - zumindest regte sich in ihr nicht der leiseste Hauch einer vergleichbaren Erinnerung. Der glänzende Marmorboden war überzogen von Mosaiken und Einlegearbeiten, dass ihr beinahe schwindelig wurden. Der Tisch in der Mitte des Raums war vollgestellt mit Obst, Brot und Wein, doch wo zwischen all den Köstlichkeiten das Holz zu sehen war, sah sie wundervolle Schnitzereien. In dem Raum verteilt standen und saßen drei Soldaten und einige einfach gekleidete Menschen, die sich leise unterhielten. Vor den Fenstern bauschte sich blutroter Stoff, durchscheinend und mit Goldfäden durchzogen.

„Oh, Ihr seid endlich aufgewacht - ich hatte schon begonnen mir Sorgen zu machen”, ertönte eine heisere Stimme dicht neben Kara und ließ sie erschrocken herumfahren.
“Der Herzog hat es offenbar ernst gemeint, als er uns als seine <Gäste> bezeichnete.“ 
Kara blickte auf und sah in das bärtige Gesicht von Dhanas, dem Bibliothekar.

„Herzog? Gäste?“, stammelte Kara verwirrt und rappelte sich langsam auf, während sie mentale Notiz von mehreren dumpf schmerzender Stellen an ihrem Körper nahm.

„Herzog Vulun möchte nicht, dass Augenzeugen des Vorfalls durch die Stadt laufen und hat uns deshalb festgesetzt. Aber wenn das hier Gefangenschaft ist“, Dhanas machte eine Handbewegung über den elegant eingerichteten Raum -, „dann bin ich gerne dazu bereit. Wären nicht die Soldaten da drüben an der Tür, könnte man sich regelrecht willkommen fühlen.“

Mit einem Schlag war Kara wieder in der Gegenwart angekommen. Sie hatte sich im Auftrag von Milena in die Bibliothek geschlichen, einen gewissen Andamir gesucht und - nach einem kurzen Faustkampf - auch gefunden. Dann trat der alte Bibliothekar aufs Tapet, dessen Rolle in diesem verrückten Spiel sie noch nicht ansatzweise durchschaute, und danach ging es Schlag auf Schlag, als ihr plötzlich vor Wut kochende Schwarzmagier auf der Spur waren. Der wahnsinnige Schwarzmagier, der sie letztendlich gefangen nahm, hatte vor dem Palasttor ein gutes Dutzend unschuldiger Menschen töten wollen, nur um Herzog Vulun einzuschüchtern. Erst jetzt wurde Kara bewusst, dass sie beinahe gestorben wäre. Zitternd tastete sie nach ihrem Hals, um den sich der unsichtbare Würgegriff des Schwarzmagiers gelegt hatte, und zuckte zurück, als sie ihre eigene Berührung auf der geschundenen Haut spürte... Ein Schauder lief ihr über den Rücken. Obwohl Herzog Vulun und seine Soldaten in prächtigen Rüstungen herausgeritten kamen, war Kara überzeugt gewesen, dass sie dem Schwarzmagier nichts entgegenzusetzen hatten. Es war schlussendlich Andamir gewesen, der ihn aufgehalten hatte. Wie auch immer er das gemacht hatte. Andamir… warum kam er ihr bloß so bekannt vor? Irgendetwas in seinen Augen, seiner Stimme, seinem Ausdruck musste ihr schon einmal untergekommen sein. Aber sie konnte es beim besten Willen nicht in Worte fassen. Konnte er eine Spur auf der Suche nach ihrer Vergangenheit sein?

„Wo ist Andamir?“, fragte sie besorgt. Er war nirgends zu sehen. Hieß das etwa… er war bei dem Angriff gestorben? Es hatte nicht gut für ihn ausgesehen, draußen vor dem Tor.

„Sein Onkel hat ihn wohl nach dem Tumult separat untergebracht und lässt ihn nicht mehr aus den Augen”, Kara atmete erleichtert auf, “Nach allem was geschehen ist, versteht Ihr nun vielleicht, warum ich den jungen Prinzen für zu gefährlich hielt“, sagte der Bibliothekar.

„Welcher Prinz?“ Kara räusperte sich. Ihre Kehle war wie ausgedörrt und mit jedem Wort wurde ihr mehr bewusst, wie unangenehm selbst die kleinste Bewegung ihres Halses war. Als schien er sich an die magische Umklammerung zu erinnern...

„Andamir“, erklärte Dhanas.

„Andamir ist … ein Prinz?“ Kara konnte nicht anders, sie lachte unwillkürlich los - und bereute es sofort wieder, als ihr ein stechender Schmerz durch die Stimmbänder schoss und ihr Lachen in ein gequältes Husten überging. Einen Prinzen hatte sie sich anders vorgestellt. Auch wenn er ihr bekannt vorgekommen war, jetzt war sie sich sicher, dass das eine Täuschung gewesen sein musste. Woher in aller Welt sollte sie einen Prinzen kennen? Sie war auf keinen Fall die Tochter eines Adeligen, so viel wusste sie mittlerweile über sich selbst. Aus ihrem Unterbewusstsein stieg plötzlich ein dünner Faden aus purem Gold hervor und breitete sich vor ihr aus. Sie war – jetzt fiel es ihr wieder glasklar ein, so als ob sie es nie vergessen hätte – auf einem Bauernhof groß geworden, mit ihrem Bruder. Kara wurde ganz schwummrig vor Glück. Sie konnte sich tatsächlich an etwas erinnern! Der Name ihres Bruders… er lag ihr förmlich auf der Zunge...

„Hier, trinkt das.“ Der Bibliothekar hielt ihr einen Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit hin. Unwillkürlich zuckte sie zurück. Im Vergleich zu den Schwarzmagiern schien Dhanas harmlos wie ein Lamm, doch Kara hatte nicht vergessen, wie er, plötzlich alles andere als alt und gebrechlich, mit gezücktem Messer vorgesprungen war um Andamir anzugreifen.

„Keine Sorge, junge Dame.“ Dhanas schien ihre Gedanken erraten zu haben. „Ich hege Euch gegenüber keinen Groll.“

Mit einem kurzen Blick stellte sie fest, dass alle anderen Gefangenen ebenfalls das Gebräu tranken, und nahm es schließlich entgegen. Wohltuend rann es durch ihre schmerzende Kehle. Es schmeckte herrlich süß nach Früchten, Honig und Gewürzen… das Bild eines Marktes stieg in ihr empor, in einer sehr weit entfernten Stadt. Hier war sie in einer schattigen Ecke mit einem Händler ins Gespräch gekommen, der ihr verschiedene Kräuter und Gewürze zeigte. Eines davon hatte genauso gerochen wie das Getränk. Kara schluckte die Freudentränen hinunter. Wieder eine Erinnerung, die einfach so zu ihr zurückkam! Sie sog den Duft des Getränks tief in sich auf. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung für sie.

Dhanas Stimme riss sie aus ihrem Glück. „Nun? Ihr kennt den Prinzen also wirklich nicht? Ich hatte den Eindruck, ihr seid befreundet…“

Dass Andamir ein Prinz sein sollte, trieb Kara noch immer ein amüsiertes Lächeln auf die Lippen. Nein, nichts deutete darauf hin, dass sie sich an Orten aufgehalten hatte, an denen man einem Adeligen über den Weg läuft.

Es sei denn, er ist sehr verzweifelt.

Ein seltsamer Gedanke… Kara würde ihn später weiterverfolgen.

Dhanas musterte Kara mit einem berechnenden Blick, der ihr einen Schauder den Rücken hinab jagte und ihr rasch das Lächeln vom Gesicht vertrieb. Dieser Mann war skrupellos. Er hatte Andamir töten wollen, weil er ihn für gefährlich hielt. Dabei hatte Andamir sich bisher nur verteidigt und den Angriff eines Schwarzmagiers neutralisiert… Kara hingegen hatte einen ganzen Marktplatz verwüstet. Was würde Dhanas wohl dazu sagen? Es war wohl besser, sie hielt sich bedeckt. Wenn sie sich geschickt anstellte, konnte sie vielleicht etwas mehr darüber erfahren, was dieser verrückte Mann überhaupt im Schilde führte…

„Nein“, sagte Kara und versuchte so viel Selbstbewusstsein wie möglich auszustrahlen. „Ich kenne ganz bestimmt keinen Prinzen.“ Wieder meldete sich das dumpfe Gefühl, dass das nicht stimmte, aber Kara schob diesen unlogischen Gedanken weg. „Und schon gar nicht diesen Andamir - schließlich hat er mich erst kräftig verdroschen, als ich ihm begegnet bin. Ich hatte lediglich den Auftrag erhalten, ihn zu einem bestimmten Treffpunkt zu bringen. Das ist alles. Und Ihr?“

Fragend blickte sie den Bibliothekar an, der sie immer noch eingehend beobachtete.
Dhanas schien einen Augenblick lang zu überlegen wie viel er Kara anvertrauen wollte, dann entspannten sich seine zusammengepressten Lippen fast unmerklich, als er sich für seine Antwort entschied:. „Oh, mir erteilt schon lange niemand mehr Aufträge und Befehle. Wer gab Euch den Auftrag?“

Kara zögerte. Es war nun wieder an ihr, zu entscheiden wie viel sie diesem Unbekannten preisgeben wollte. „Eine Magierin der Grauen Gilde“, sagte sie schließlich wahrheitsgetreu.

„Ihr seid Mitglied der Gilde?“ Dhanas Überraschung kränkte Kara schon fast. Sah sie so unmagisch und harmlos aus?

„Ich bin nur eine Novizin“, antwortete sie schließlich ausweichend, „wenn man es genauer nimmt sogar erst eine angehende Novizin und noch nicht einmal offiziell vereidigt. Ich hatte nur das Pech, gerade in der Nähe zu sein. Anscheinend musste es schnell gehen, sonst hätten sie mich sicherlich nicht ausgewählt.“

Die Geschichte schien Dhanas zu überzeugen. Doch Kara wollte es nicht darauf ankommen lassen, weitere Fragen beantworten zu müssen, und fragte schnell: „Was genau ist da draußen passiert? Ist Andamir ein Magier? Wie hat er es mit dem Schwarzmagier aufnehmen können?“

Dhanas schüttelte missbilligend den Kopf. „Das sieht den Grauen ähnlich. Sie haben Euch in diese Geschichte hineingezogen, ohne Euch zu erklären, worum es eigentlich geht“, brummelte er.

Kara musste fast erneut lachen. Das traf die Sache erstaunlich genau auf den Punkt. Schnell entschloss sich Kara, die Unschuldige zu spielen und Dhanas‘ Vertrauen zu erlangen.

„Ja“, sagte sie schnell und versuchte ihre ungespielte Frustration und Hilflosigkeit in Worte zu fassen, „Die ganze Zeit schicken sie mich hin und her -  von einer Gefahr zur nächsten -  ohne mir wirklich zu sagen, was hier eigentlich vor sich geht. Und plötzlich finde ich mich in dieser verrückten Geschichte wieder, am Rande des Todes und in Intrigen verwickelt, die ich nicht einmal im Ansatz verstehe.“ Sie blickte Dhanas an und versuchte, möglichst große verzweifelte Augen zu machen. In Wahrheit hatte sie nicht ein Wort gelogen, es war wirklich an der Zeit sich aus diesem Schlamassel herauszuholen. „Könnt Ihr mir bitte erklären, was hier vor sich geht? Ich habe Angst davor, was wohl als nächstes geschieht…“

„Nun, ich denke, Ihr habt ein Recht darauf zu erfahren, warum Ihr hier festgehalten werdet“, sagte Dhanas langsam. „Aber Ihr seid immer noch ein potentielles Mitglieder der Gilde. Eigentlich spreche ich nicht mit Gildenmitgliedern… Sie versuchen alle nur auf ihre Weise, an möglichst viel Macht zu gelangen.“

„Vielleicht könnt Ihr mir dabei helfen den richtigen Weg in dieser ganzen Situation zu finden?“, fragte Kara zurückhaltend und mit gerade dem richtigen Maß an Unsicherheit in ihre Stimme gepackt. Sie versuchte, sich an Geriyons Worte zu erinnern. „Ich dachte, die Graue Gilde möchte doch nur das Gleichgewicht halten? Genau deshalb bin ich zu ihnen gegangen, um diese ständigen Machtspiele und Kriege zu verhindern.“

Das klang fast schon zu naiv und gutgläubig, um wahr zu sein, aber Dhanas schien es ihr abzukaufen.

„Die Graue Gilde hat zu viel Macht angesammelt, die sie zu verlieren hätte. Sie ist schon lange nicht mehr neutral, was auch immer Euch ihre Magier erzählen.“ Dhanas blickte sie an. „Die Gilden fördern Euch so lange, wie es Ihnen vorteilhaft erscheint. Sobald Ihr mehr Kosten als Nutzen verursacht, werden sie euch fallen lassen. Jede der Gilden. Auch die Graue. Habt ihr das verstanden? Vertraut – keiner – Gilde!“ Der Mann hatte die Worte förmlich ausgespuckt, mit einer Inbrunst, die Kara erschreckte. Er musste einst Mitglied einer Gilde gewesen sein, schoss es ihr durch den Kopf. Doch sie hütete sich, ihren Verdacht zu äußern. Stattdessen bemühte sie sich, ihre Unsicherheit und Ahnungslosigkeit in ihrer Miene widerzuspiegeln so gut sie konnte. Das war schließlich auch wieder nicht einmal gelogen - wenngleich in ihr langsam aber sicher die eiskalte und felsenfeste Gewissheit wuchs, dass sie sich von nun an nicht mehr wie ein Spielball durch dieses Mächtespiel wirbeln lassen würde. Sie würde ihren eigenen Weg finden, mit oder ohne der Hilfe all dieser sonderbarer Gestalten, die um sie kreisten wie Motten um das Licht.

„Gut.“ Dhanas holte Luft, wie um sich zu beruhigen. „Warum also sind wir hier. Der Mann, den Ihr Andamir nennt, ist kein Magier. Wohl aber ist er der letzte einer ganz bestimmten Blutslinie in der Familie Dravar’kesh. Er, und nur er, kann die Waffe nutzen, die seit Generationen in der Familie vererbt wird. Mithilfe dieser Waffe kann er einfache Lebensenergie in arkane Energie umwandeln. Für Außenstehende sieht es aus wie Magie, ist es aber nicht.“

Das kam nun selbst für Kara, die in den letzten Tagen so einige scheinbar unmögliche magische Kunststücke an eigener Haut erlebt hatte, überraschend. „Er entzieht einfach so Lebenskraft?“ Der pure Gedanke daran schockierte Kara.  „Von wem?“

„Wenn die Waffe erst einmal vervollständigt ist, kann er jede Pflanze, jedes Tier, jeden Menschen in seinem Umkreis als Quelle benutzen. Er wird nicht nur solche Angriffe ausführen, wie wir es bereits gesehen haben. Er wird dabei gleichzeitig auch durch den Entzug des Lebens selbst Andere zerstören. Das macht die Waffe so vernichtend, sie tötet doppelt. Zunächst mag er sich damit begnügen, ganze Wälder zu zerstören um Lebensenergie in etwas Zerstörerisches umzuwandeln, doch früher oder später wird er Dörfer ausrotten, um seine Kriege führen zu können…“

„Warum sollte dieser Andamir denn Kriege führen?“ warf Kara ein. Ihre erste Begegnung mit ihm war zwar nicht gerade freundlich verlaufen, doch wie ein Monster war er ihr nun auch nicht erschienen. Selbst obwohl er sie nun absolut nicht freundlich empfangen hatte. Doch in seinem Blick hatte sie etwas Getriebenes erkannt, das ihr aus unerfindlichen Gründen so bekannt vor kam...

„Nun, ich bin nicht nur Bibliothekar, ich bin auch Historiker“, antwortete Dhanas. „Diese Art von Macht hat schon gestandene Männer verführt. Sie mögen zu Beginn davon überzeugt gewesen sein, etwas Gutes zu tun – so wie die Graue Gilde – aber je mehr sie von der Macht kosteten, desto weniger konnten sie davon lassen. Dieses Mal wird sich die Sucht nicht über Jahre und Jahrzehnte entwickeln, sondern schnell. Dieser Prinz ist quasi noch ein Kind – alleine, verängstigt, misstrauisch, eine leere Leinwand, auf die jeder gerade malt, was ihm in den Sinn kommt. Was glaubt Ihr, wird wohl passieren, wenn dieses Kind die Macht erhält, Rache zu üben?“

Eine leere Leinwand, ein Spielball, mutterseelenallein – genau so hatte Kara sich gefühlt, als sie ohne ihr Gedächtnis aufgewacht war. Sie fröstelte. Schnell rief sie sich den Bauernhof und ihren Bruder in Erinnerung, die Orte ihrer Kindheit. Sie hatte eine Erinnerung, und daran hielt sie sich fest. Je öfter sie daran dachte, desto heller leuchtete diese Erinnerung in ihr auf - desto mehr Halt gab sie ihr.

„Macht Euch keine Sorgen.“ Dhanas deutete ihr Schweigen wohl als Angst. „Im Moment ist die Waffe noch nicht vollständig. Vorerst kann er noch nicht auf die Lebenskraft von Anderen zugreifen.“

„Kann er nicht?“, fragte Kara verwirrt. „Aber wie konnte er dann den Schwarzmagier angreifen?“

Zu ihrer Überraschung kicherte Dhanas. „Wir haben es hier wohl mit einem besonderen Dummkopf zu tun“, sagte er. „Ich kann es mir nur auf eine Weise erklären: Er hat seine eigene Lebenskraft benutzt. Das ist die einzige Quelle, die ihm im Moment zur Verfügung steht. Mit jedem Angriff, den er ausführt, verletzt er sich selbst. Mit etwas Glück bringt er sich einfach schon bald selbst um.“

„Das… klingt… am einfachsten.“ Kara starrte angestrengt auf ihre Hände und versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch insgeheim schauderte sie. Andamir hatte sich lediglich gegen einen skrupellosen Schwarzmagier verteidigt. Genau genommen hatte er dabei auch Kara, Dhanas und all den anderen Anwesenden das Leben gerettet. Doch für den Historiker zählte das wohl alles nichts – er sah Andamir schon Kriege führen und Menschenmassen vernichten. Kara schauderte.

„Wäre es nicht das Naheliegendste, zu verhindern, dass die Waffe jemals vervollständigt wird?“, schlug sie vor. „Wie wird diese Waffe denn überhaupt vollständig?“

In dem gleichen Moment, in dem Kara die Frage aussprach, passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Aus der Dunkelheit ihrer Erinnerung blitze plötzlich etwas Mächtiges auf, eine … Gestalt? Nein, ein Baum -  eine riesige Weißblatteiche, die sie bereits in ihrem Traum gesehen hatte. In ihrem Magen drehte sich ein schwerer Stein um und plötzlich wusste sie, welche Antwort folgen würde, obwohl sich jede Faser ihres Seins dagegen stemmte.

 „Zu dem Ring gibt es ein Gegenstück, ein ebenso mächtiges und gefährliches Amulett. Beide Schmuckstücke werden in der Familie vererbt, beide Schmuckstücke ergänzen sich.“

Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Das Medaillon. Kara fühlte sich als ob der Boden unter ihren Füßen weggezogen würde. Sie hörte kaum mehr Dhanas Stimme, stattdessen pochte ihr Herz so fest, dass sie ihr Blut in den Ohren rauschen hörte. Oder… war das ein Wasserfall?

„Beide Waffen können nur von einer einzigen Person benutzt werden, nämlich der letzten Person in ihrer Blutslinie. So wie die Schmuckstücke, so sind auch ihre Erben einander das Gegenstück. Sie brauchen einander. Du hast sicher von der Explosion auf dem Marktplatz gehört? Das war der zweite Erbe. Er befindet sich in Kayro’har, und er hat das Amulett.“

Mit größter Anstrengung versuchte Kara sich aufrecht zu halten und nicht dem Zittern nachzugeben, das in ihr aufkeimte. Sie erinnerte sich.

Der Marktplatz… der kleine Junge, der mit bunten Tüchern spielte, all die Menschen in ihrer Einzigartigkeit… und diese unbändige Kraft, die sie warm und bunt umgab, mit ihr tanzte. All die bunten tanzenden Feuer, das war die Lebensenergie der Menschen auf dem Marktplatz gewesen. Sie war das Medium gewesen, durch das all die Energie floss. Wunderschön und übermächtig.

Bis plötzlich alles umschlug. Gefahr ihre Nerven erzittert ließ. Sie in Panik nach den bunten Feuern griff, um sich zu verteidigen. Doch das Feuer war unkontrollierbar…

Dhanas’ Stimme riss sie schon fast schmerzhaft zurück in die Realität: „Hört gut zu, Kara. Der zweite Erbe ist bereits hier in der Stadt. Er seine Macht auf dem Marktplatz gekostet, und er wird alles daran setzen, sein Gegenstück zu finden. Die beiden Erben und ihre Waffen sind aneinander gebunden, sie ziehen einander an. Die Geschichte ist voller Beispiele, wie die beiden Erben immer wieder auf den unwahrscheinlichsten Wegen zueinander gefunden haben. Wenn Ihr irgendetwas von dem Amulett hört, oder von seinem Besitzer, müsst Ihr es mir sofort sagen, hört Ihr? Andamir zu töten wird schwierig werden, jetzt wo er im Palast ist. Aber der zweite Erben läuft noch irgendwo da draußen herum. Ihn können wir noch ausschalten, bevor es zu spät ist. Sonst werden diese zwei unsäglichen Blutslinien uns alle ins Verderben stürzen.“

Karas Herz raste so sehr, dass sie fürchtete ohnmächtig zu werden. Bunte Lichter flackerten unwirklich vor ihren Augen. Sie war der zweite Erbe. Ihr Schicksal mit einer mächtigen magischen Waffe verbunden. Sobald der Bibliothekar auch nur ahnte, dass sie das Medaillon verwenden konnte, würde er nicht einen Moment zögern, sie auszuschalten. Am liebsten wäre sie zu ihrem großen Bruder gerannt, wie damals, als sie klein waren. Doch Kara war alleine, der Bauernhof und das Lächeln ihres Bruders nur ein weit entfernter Hafen in stürmischer See.

„Kara…?“

„Ich…“ Kara presste für einen quälend langen Herzschlag lang ihre Hände an die Schläfen und zwang sich schließlich zu einem schwachen Lächeln. „Ich bin nur… verwirrt. Das ist alles so furchteinflößend.“

„Ja, das ist es in der Tat, das ist es in der Tat“, sagte Dhanas und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Es sollte wohl eine tröstende Geste sein, doch Kara erschauderte unter der Berührung.

„Sagt, der Prinz. Vertraut er Euch?“

„Vertrauen?“ Kara hob langsam den Kopf, überrascht von dieser Frage. „Das kann man wohl kaum sagen, da wir uns noch nicht einmal wirklich kennen“, antwortete sie ausweichend.

„Nun, jetzt kennt ihr euch.“ Dhanas strich sich nachdenklich über den Bart. „Und ich war mir beinahe sicher, bei ihm eine Schwäche zu spüren.“

„Er hat sich die Hand verletzt, aber nicht allzu schlimm“, gab Kara widerwillig Auskunft. Ihre Gedanken rasten. Was bezweckte der alte Mann seinen Fragen bloß? 

Dhanas lachte trocken in seinen Bart hinein. „Ich meine nicht diese Schwäche, Kara. Ich meine eine Schwäche für ein hübsches Mädchen. Ich glaube, Ihr habt ihm gut gefallen.“

“Was?!”, Kara konnte nicht anders, sie zog verwundert die Augenbrauen nach oben und traute ihren Ohren nicht. Worauf wollte der Alte hinaus? Was auch immer er sich einbildete, in der Bibliothek hatten sie wirklich andere Probleme gehabt. Nicht nur die anfängliche Prügelei hatte jegliche Sympathie nachhaltig gedämpft, sondern spätestens als die Schwarzmagier auftauchten, war es doch sicherlich mit jedem Anflug von Romantik vorbei gewesen. Trotzdem spürte Kara, dass sie rot wurde.

„Nun Kara, wärt Ihr bereit, diese Schwäche zu nutzen? Ich hätte eine Idee, wie Ihr an ihn herantreten könntet, sein Vertrauen gewinnen und ihn ausspionieren könnt. Ihr seid doch auf meiner Seite, oder?“

Kara blickte Dhanas entgeistert an. Dieser Mann verfolgte seine komplett eigene Agenda und schien nicht einmal den absurdesten Wegen abgeneigt zu sein um an sein Ziel zu kommen - Andamir und den zweiten Erben auszuschalten und die magischen Waffen zu vernichten. In diesem Moment wusste sie, dass sie vollkommen überzeugend wirken musste. Der alte Mann würde auch ihre Schwäche sofort wittern, mit der Sicherheit eines Bluthundes. In der Wasserspiegelung am See hatte sie gesehen, dass sie große, blanke Augen hatte, Augen von der gleichen strahlend blauen Farbe wie die eines von Sonne beschienenen Eiskristalls. Dieselben Augen wie Milena’s, die soweit Kara wusste alle Welt nach ihrer Pfeife tanzen ließ. Diese Augen richtete sie nun in aller Unschuld auf den Bibliothekar.

„Ihr meint, ob ich auf der Seite derer bin, die die Welt nicht zerstören wollen?“, fragte sie und achtete darauf, die nächsten Worte mit vollster Überzeugung zu sprechen. „Aber natürlich. Ihr könnt euch darauf verlassen, dass ich ein ebenso großes Interesse daran habe, Andamirs’ geheime Pläne aufzudecken, wie Ihr.“

Dhanas musterte sie einen Moment lang, dann begann er leise, sie in seinen Plan einzuweihen. Kara versuchte, seinen Worten aufmerksam zu folgen. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Es war ein riskantes Spiel, dass sie da begann, und die Details von Dhanas‘ Idee trugen nicht gerade dazu bei, ihre Nervosität zu beseitigen.

„Ich weiß nicht“, murmelte sie. „Das klingt sehr riskant. Was wird der Herzog  tun, wenn er mich ertappt…?“

Dhanas zuckte mit den Schultern. „Ich würde Euch raten, bis dahin das Vertrauen von Arjuk Nystrad zu erlangen. Vulun ist viel schwächer, als Ihr glaubt. Auch wenn es nicht so aussieht, am Ende wird es der junge Prinz sein, der über das Schicksal der Welt bestimmt. Dennoch, ganz ohne Risiko lässt sich die Welt nun einmal nicht retten. Was sagt Ihr, werdet Ihr mir helfen?“

Kara zögerte einen Herzschlag lang.

Arjuk Nystrad. Dieser Name hinterließ ein schwaches Echo in ihrem Geist, das sich zusammen mit seinem Gesicht immer klarer aus der Dunkelheit ihrer Erinnerung hervorhob. Was wusste er möglicherweise von ihr, falls sie sich wirklich schon einmal getroffen hatten, und ihre dumpfe Eingebung, sie hätte ihn schon einmal gesehen, sie nicht in die Irre führte? Was wusste sie bisher über ihn? Er war paranoid und in die Enge getrieben. Er besaß unheimliche Kräfte, die er nicht kontrollieren konnte. Er befand sich in Lebensgefahr. Er war mutterseelenallein. Zweifelsohne hatte sie vieles mit ihm gemeinsam. Etwas zog sie unwiderstehlich an, dem verrückten Plan des Bibliothekars zu folgen: Wahrscheinlich war Arjuk der einzige Mensch auf der Welt, der ihren „Unfall“ verstehen konnte. Der einzige Mensch, der annähernd wusste, wie es sich anfühlte von dieser gewaltigen Macht erfüllt zu sein. Keiner der Magier war bislang daraus schlau geworden, denn sie verstanden sich nur auf arkane Energie, aber anscheinend war das nicht das Prinzip, nach dem diese verfluchten Waffen funktionierten.

Kara unterdrückte ein Seufzen. Hatte sie überhaupt eine Wahl? Wenn sie hier irgendwie lebend herauskommen wollte, dann müsste sie ab sofort ihre eigenen Regeln aufstellen. Sie straffte ihre Schultern und hielt Dhanas die offene Hand hin.

„Einverstanden“, sagte sie, und ergänzte in Gedanken, “... zu meinen eigenen Bedingungen.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Beitrag #62 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Dreimal verflucht, eine Sachgasse!

Geriyon hielt inne, mit der linken Hand an eine Hauswand gestützt. Mühsam hob er den Kopf, um den kleinen Platz vor sich zu begutachten. Mondlicht malte einen hellen Kreis auf das Kopfsteinpflaster, währen dunkle Hauswände ihn nach allen Seiten abschlossen.
Der Atem des Magiers ging schwer und rasselnd. Blut rann ihm warm und klebrig über das Gesicht. Und als er den Blick auf den Weg zurück wandte, den er gekommen war, bemerkte er nicht zum ersten Mal die verräterische Spur aus schimmernder, roter Flecken, die er hinter sich herzog.

Die Götter müssen sich köstlich amüsieren. Mir erst auf so spektakuläre Weise zur Flucht verhelfen und dann das.

Irgendwo hinter ihm - deutlich näher als er gehofft hatte - erklangen die Stimmen seiner Häscher. Sie hatten sich aufgeteilt, um ihn zu finden. Und wie es aussah, würden sie Erfolg haben. Mit zusammengekniffenen Zähnen setzte Geriyon einen Schritt vor den anderen. Hinein in den Schatten der Häuserwände. Dort ließ er sich zu Boden gleiten und harrte mit dem Gesicht zur Gasse, die hier her führte, den Dingen, die nun folgen würden.

Silberschwinge, wo bist du nur?

Eigentlich hätte sein Vertrautentier doch längst zurück sein müssen? Er hatte gehofft, dass er den Vogel Hilfe holen lassen könnte. Nun schnürrte ihm die Sorge um den Raben die Kehle nur noch weiter zu.
Da - Schritte in der Gasse. Geriyon umklammerte seinen Stab, aber seine Hände zitterten. Ein Magier in den Roben der schwarzen Gilde trat in den Durchlass zum Platz und für einen Atemzug hoffte Geriyon, dass er im Schatten nicht zu sehen sein würde. Dann flackerte eine schwebende Flamme über der ausgestreckten Hand des Schwarzmagiers auf und vertrieb die Dunkelheit wie eine Fackel.
Der konzentrierte Gesichtsausdruck des Schwarzen wich einem wölfischen Grinsen. Er holte tief Luft, um seine Kumpanen herbei zu rufen.

Doch dann zuckten seine Augen zur Seite, fokussierten auf irgendetwas schräg hinter Geriyon.
"Wa-"
Die Pupillen des Schwarzmagier weiteten sich bis zum Anschlag, sein ausgestreckter Arm sackte nach unten und sein Mund blieb offen stehen.
Geriyon riss sein unverhülltes Auge weit auf. Was war denn jetzt schon wieder los?
Noch bevor er sich umwenden konnte, spürte er den Lufthauch einer raschen Bewegung, hörte schnelle Schritte auf dem Kopfstein und dann fiel ihm eine Gestalt mit so viel Schwung um den Hals, das er mit einem unterdrückten Schmerzenslaut einfach nach hinten kippte.
Er erkannte die Gestalt fast sofort. Alles war vertraut, bishin zum Geruch ihrer Haare nach Sommerblumen und Wind.

"Geri! Du lebst! Ich dachte schon ... ich dachte ..." brachte Taniya hervor, ihre Augen schimmerten feucht. Glücksgefühle drängten wie flüssiges Gold an die Stellen in Geriyons inneren, wo gerade noch Verzweiflung gewesen war.
Jaaaa! Ich lebe, ich lebe, ich lebe! Danke, Taniya, du großartige, wunderschöne Retterin in der Not!

Doch bevor Geriyon irgendetwas sagen konnte, trat eine weitere Gestalt einfach durch die Häuserwand hindurch, die sich mit einem unangenehmen Schmatzen hinter ihr Schloss. Ein Elf, mit weißen Haaren und violetten Augen.
Mit aufreizender Gelassenheit schlenderte Dende zum Schwarzmagier hinüber und tippte ihm mit dem Zeigefinger ziwschen die Augen. Ohne einen Laut von sich zu geben kippte der nicht gerade kleine Mann einfach hintenüber.
Der alte Graumagier nickte anerkennend.
"Ich muss schon sagen, junge Dame, da habt Ihr ganze Arbeit geleistet. Ein wenig rabiat vielleicht, gleich das ganze Bewusstsein auszulöschen, zumindest für meinen Geschmack."
Taniya löste hastig ihre Umarmung, stand auf und klopfte sich Staub aus dem Gewand.
"Wir hatten nur den Bruchteil eines Augenblicks Zeit und ich wusste nicht wie stark seine mentale Verteidigung war, also hab ich mit allem zugeschlagen was ich hatte."
Ihr Gesicht war wieder ganz Entschlossenheit und Energie, aber wenn man sie sehr gut kannte - so wie Geriyon etwa - dann konnte man einen leicht rötlichen Schimmer auf ihren Wangen entdecken.

Geriyon stahl sich ein Lächeln auf die Lippen, das jedoch sofort wieder verblasste, als die junge Magierin sich wieder zu ihm herum wandte und ihn nun eindeutig wütend anfunkelte.
"Geriyon Raven, WAS IST EIGENTLICH IN DICH GEFAHREN? Du hättest draufgehen können! Begnadeter Hellseher hier, begnadeter Hellseher dort und dann tappst du einfach so in diese Falle. Weißt du eigentlich, wie egoistisch du bist!"
Mit einem abschließenden "Hm!", das keine Antwort mehr zuließ, und mit verschränkten Armen wandte sie sich um und setzte einen großen Schritt über den nun am Boden liegenden Schwarzmagier.
"Worauf warten die Herren? Wir haben einen Arjuk und eine Kara zu retten. Oder schon vergessen?"
Von einem der Dachfirste löste sich flatternd ein Schatten und Silberschwinge landete auf Taniyas ausgestreckten Arm.

Geriyon wechselte einen hilfesuchenden Blick mit Dende, der aber nur schmunzelnd die Arme hob.
Also stämmte der verletzte Hellseher sich ächzend in die Hohe und stützte sich schwer auf seinen Stab.
"Gavrakas hat die beiden mitgenommen. Wahrscheinlich zum Schloss. Er hat von einem Exempel gesprochen, das er am Fürsten statuieren wolle."
"Dann sollten wir keine Zeit verlieren", brummte Dende und auf eine beiläufig wirkende Handbewegung hin, öffnete sich erneut ein Spalt in einer der Hauswände.
"Folgt mir, es wird Zeit, dass wir ein paar Antworten bekommen. Ich empfinde es als sehr irritierend, wenn mir Geheimnisse vorenthalten werden. Wir gehen zum Schloss."

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

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Beitrag #63 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
“Mein Name ist Miriana von Pirmarys, geboren in Nomae’har, Tochter von Gräfin Irina Pirmarys und ihrem Gatten …”

Verdammt. Wie hieß ihr vermeintlicher Adoptivvater noch einmal? Dhanas hatte ihr in kürzester Zeit so viele Informationen in den Kopf gehämmert, dass sie schon alles durcheinander brachte, noch bevor sie dem Herzog gegenüber stand. Kara schlug seufzend die Hände vors Gesicht, rieb sich die Augen und fuhr sich nervös durch die Haare. Halt! Hände aus dem Gesicht!, erinnerte sie sich selbst, genervt. So ein Verhalten würde sich wohl kaum für eine junge Dame von Rang und Adel geziemen. Auch das hatte Dhanas, neben hastigen Ausführungen über höfische Etikette, versucht ihr in aller Kürze einzubläuen. Doch zuvor hatte sie in schwindelerregendem Tempo den Stammbaum von Miriana von Pirmarys vorgebetet bekommen, alles über die teils skandalösen, teils stinklangweiligen familiären Verbindungen erfahren, sowie Hauswappen und Gutsgrenzen auswendig gelernt.

Miriana von Pirmarys, geboren aus erster Ehe von Gräfin Irina Pirmarys und ihrem Gatten - seine Seele möge friedlich ruhen - Orvex Pirmarys, Adoptivtochter von … Enkor? Erhan…? Erkhan von und zu Lichtenhain. Kara seufzte erneut. Wenigstens war ihr der Name ihres angeblichen Adoptivvaters wieder eingefallen, wenngleich ihr auch die Namen ihres Cousins zweiten Grades mit gerüchteweise zwielichtigen Ambitionen aber guten Verbindungen zum Hofe Gandal’hars, sowie der Name ihrer einflussreichen Großmutter väterlicherseits partout nicht einfallen wollten.
Miriana, die ihr ganzes Leben lang in der Grafschaft ihrer Mutter verbracht hatte, Gerüchten zufolge bereits mehrere Verehrer aus niedrigerem Stand eiskalt abblitzen lassen hatte, und die zuweilen den Ruf hatte, etwas wählerisch und … exzentrisch zu sein. Vor allem, was den Umgang mit Bediensteten anging. Miriana, Verlobte von Arjuk Nystrad - und somit Kara’s beste Eintrittskarte zum Hof des Herzogs von Kayro’har.

Dhanas hatte seine Authorität als Bibliothekar und angesehenen Historikers voll ausgespielt um den Wachen glaubhaft zu machen, dass sie neben den gemeinen Zeugen des Vorfalls vor dem Palasttor auch irrtümlicherweise eine waschechte Adelige aus Nomae’kan festgesetzt hatten, welche noch dazu die Verlobte von Vuluns Neffen sei. Während Kara noch damit beschäftigt war ihre neue Identität zu verinnerlichen und sich einen Plan zurecht legte, was sie eigentlich tun wollte, sobald sie Kontakt zu Arjuk hergestellt hatte, hatte Dhanas schon erreicht, dass die Wachen einen Boten zum Herzog schickten und Kara zwar mit scheinbar gebührendem Abstand und Respekt, aber dennoch misstrauisch anstarrten. Sie setzte ihr kühlstes Gesicht auf und versuchte die Abneigung, die sie vor der gesamten Situation hatte, in ihrem Ausdruck so wiederzugeben, dass es einer Adeligen, die unfreiwillig festgesetzt wurde, gerecht werden würde. Ob ihr laienhaftes Schauspiel überzeugend war oder nicht, das konnte sie nicht beurteilen, da nach kurzer Zeit der Bote zurück gekommen war und den Wachen den Auftrag übermittelt hatte, sie mögen die ehrenwerte Lady Pirmarys doch in annehmbarere Gemächer geleiten, bis der Herzog sie empfangen würde.

Dort befand sie sich nun, in einem prunkvoll eingerichteten Zimmer, in dessen Vergleich der vorige Raum tatsächlich fast wie ein schlichtes Gefängnis wirkte. Auch hier hingen blutrote Vorhänge vor dem Fenster, eingewebte Goldfäden harmonierten mit den kunstvoll eingelassenen Wandreliefs aus Gold. Ein gigantisches Himmelbett prangte mitten im Raum, bedeckt von unzähligen Kissen aus feinsten Stoffen und Seide. Nicht weit davon entfernt, ein ausladender Arbeitstisch mit feinsäuberlich gestapeltem Briefpapier, Tinte und Feder, Siegelwachs in allen erdenklichen Farben. Ein ausladender Diwan nahe dem Fenster, begleitet von einem goldenen Tischchen, auf dem sich Obst türmte. Eine Sitzgruppe an einem etwas größeren Tisch, auf dem sich ebenfalls Speisen und Getränke drängten. Eine Kommode, beladen mit Kerzen, Tiegelchen und Parfümflakons, ein silberner Handspiegel.


Kurz nachdem die Wachen sie in diesen Raum geführt und sich höflich verabschiedet hatten, war auch schon ein edel gekleideter Bediensteter mit einem recht auffälligen, schlangenbedeckten Wappen auf der Brust aufgetaucht. Aus ihrer Kurzeinführung in die Geschichte Athalems wusste Kara gerade noch, dass das wohl das Wappen des Hauses Dravar’kesh sein musste. Im Schlepptau waren noch zwei weitere Diener, die Speis und Trank gebracht und sämtliche Kerzen im Raum entzündet hatten. Ihr wurde mitgeteilt, dass der Herzog gerade unabdingbar sei und sich entschuldigen lasse, er würde rufen lassen, sobald es ihm genehm wäre. Nachdem die Bediensteten den Raum verlassen hatten, wagte Kara es zum ersten Mal, seit sie im Palast aufgewacht war, tief durchzuatmen. Sie war alleine, und zumindest vorerst nicht in unmittelbarer Gefahr. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit seit dem Vorfall vor dem Palasttor genau vergangen war, aber ein Blick aus dem Fenster zeigte ihr, dass es noch mitten in der Nacht war. Wie wahrscheinlich war es wohl, dass der Herzog sie vor Morgengrauen empfangen würde? Musste sie damit rechnen, dass jederzeit jemand zur Tür herein stürmte, der sie verhören würde, wer sie sei und was sie hier täte? Vermutlich nicht, beruhigte sie sich, sonst hätte man es ihr wahrscheinlich nicht so gemütlich gemacht. 


Kara wandte sich vom Fenster ab, von dem aus sie den Blick auf einen schwach erleuchteten Innenhof hatte. Sie befand sich also im ersten Stock des Palastes und man hatte ihr sichtlich ein ihrer vermeintlichen Stellung angemessenes Zimmer zugeteilt. Nun gut, dann sollte sie sich vermutlich so verhalten, wie man es von einer Adeligen erwarten würde. Nachdem sie den Raum ausgiebig erkundet hatte und die Tür immer noch nicht überraschend von bewaffneten Wachen, die ihre Scharade durchschaut hatten, aufgerissen wurde, begann Kara sich langsam etwas zu entspannen. Sie kostete vorsichtig von den appetitlich arrangierten Speisen, die auf einem edlen Tablett dargeboten waren und nippte an einem Kelch von Rotwein, der mit Gewürzen versetzt war. Daran konnte sie sich bestimmt gewöhnen! Sie schlenderte zur zum Arbeitstisch und klappte wahllos ein paar Bücher auf, die dort auf einem Regal ausgestellt waren. Kurz erwog sie “Die Geschichte Athalems und seiner Adelshäuser” näher zu studieren, doch sie entschied sich dagegen. Die sehr kurze Geschichte des Hauses Pirmarys musste fürs Erste reichen. Sie wollte nicht noch mehr Titel und Wappen und unaussprechliche Familiennamen in ihrem Kopf herumschwirren haben. Gedankenverloren ließ Kara ihre Finger im Vorbeigehen über die edel verzierten Buchrücken gleiten, drehte sich dann zur ausladenden Kommode um und begann die verschiedenen Tiegel und Flakons zu studieren, die dort dicht an dicht aufgereiht waren. Man hatte sichtlich mit allem Erdenklichen aufgewartet, das man an Kosmetik für lebensnotwendig erachtete. Doch mit einem Anflug von Verzweiflung erkannte Kara, dass sie nicht einmal bei der Hälfte der dargebotenen Dinge wusste, was sie damit anfangen sollte. Das eine ging bestimmt als Gesichtspuder durch, ein andere war wohl unmissverständlich dazu da, die Lippen Rosenrot zu färben. Aber all diese Cremen, Salben und Wässerchen? Kara seufzte überfordert und schnupperte an einem kristallenen Flakon in dem sich eindeutig Parfüm befand. Der aufdringliche Geruch von Blumen und Süßholz stieg ihr in die Nase. Was für ein gewaltiger Aufwand bloß betrieben wurde, nur um dieses eine Fläschchen Parfüm herzustellen? 
Sie griff zum versilberten Handspiegel und betrachtete ihr blasses Gesicht im Kerzenschein. Für einen kurzen Moment lang starrte sie verwirrt in die Reflexion und konnte nicht genau sagen was daran sie irritierte. Die strahlend blauen Augen blitzen ihr fremd entgegen, die Wangenknochen stachen im flackernden Licht besonders stark hervor. 
Dann plötzlich, ganz ohne Vorwarnung, schoss ihr ein Gedanke wie ein Silberpfeil durch den Kopf: Das ist nicht dein Gesicht. Das ist deine Maske, deine zweite Chance.
Jetzt fiel es ihr wieder siedendheiß ein! Sie hatte mit Geriyon eine magische Maske erschaffen, die sie vor der Verfolgung durch die Stadtwache und Schwarzmagier schützen sollte. Wie hatte sie das nur vergessen können? Jetzt, da sie sich darauf konzentrierte, konnte sie auch wieder das schwache, fast unmerkliche Kribbeln spüren, das sich über ihr Gesicht bis in den Nacken ausbreitete. Kara runzelte die Stirn und bewegte ihr fremdes Gesicht probehalber hin und her. Sie musterte die ungewohnten Züge eingehend und probierte verschiedene Gesichtsausdrücke aus bis sie einen fand, der ihr edel und unnahbar genug vorkam. Ja, das konnte funktionieren. Schaudernd nahm sie Notiz von dem blutunterlaufenen blauen Fleck, der sich um ihren gesamten Hals wand und legte dann rasch den Spiegel zur Seite.


Wie spät es wohl war? Kara schnappte sich den Kelch mit Wein und setzte sich seufzend auf den Diwan am Fenster. Noch war es im gesamten Palast totenstill und dunkel. Wann würde man sie bloß vor den Herzog zitieren? Wann würde der Erste ihren gewagten Schwindel durchschauen? Würde man sie dann in den Kerker werfen oder Schlimmeres mit ihr anstellen? Wenn sie doch vorher wenigstens die Möglichkeit hätte mehr über ihr gefährliches Erbe, über ihre seltsamen Fähigkeiten zu erfahren… Ein Gähnen breitete sich in ihr aus, und Kara blickte zum Fenster, das immer noch dunkel blieb. Sie konnte ja wenigstens kurz ihre Augen ausruhen, entschied sie, und lehnte sich zurück an die seidenen Kissen. Wenn sie es schaffte, Arjuk’s Vertrauen zu gewinnen, dann könnte sie vielleicht aus diesem ganzen Schlamassel heil rauskommen und sich wieder erinnern, wer sie war… 

Kara’s Gedanken kreisten immer langsamer und langsamer, bis sie schließlich dem sanften Drang nachgab und in einen tiefen Schlaf glitt. Kurz darauf stimmte der erste Vogel sein Morgenlied an, und wenig später zeigte sich ein goldener Schimmer von Morgengrauen am Horizont über dem Palast.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Beitrag #64 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Schnee knirschte unter Arjuks Schuhen. Dicke Flocken legten sich auf sein Gesicht, versetzten ihm einen kleinen kalten Biss und schmolzen dann. In der Ferne zeichnete sich der hünenhafte Schemen der alten Weißblatteiche hinter einer Wand aus Schneegestöber ab. Doppelt so hoch und drei mal so breit wie alle anderen Bäume streckte sie ihre massigen Äste in den grauen Himmel, der sie in Weiß kleidete. Fast glaubte Arjuk, das Wispern in den silbrigweißen Blättern zu hören und das Rauschen des Wasserfalls... aber das musste eine Sinnestäuschung sein, denn in diesem bitterkalten Winter war jedes Wasser längt gefroren.

***

Die Vorhänge an seinem Bett waren vertauscht. Wer immer sie aufgehängt hatte, hatte nicht richtig aufgepasst. In den nachtblauen Samt waren feine Silberfäden eingewebt, und wenn man die Vorhänge zuzog, sollte sich auf dem Stoff eine Landkarte Athalems öffnen. Doch so, wie sie nun angebracht waren, würde Aven’kan wohl in den Westen rutschen und Nomae’kan an die Wüste Sheragi grenzen…

Macht nichts. Arjuks Welt war ohnehin auf den Kopf gestellt. Die Vorhänge passten so besser dazu.

„Na endlich“, ließ eine Männerstimme vernehmen. „Bist du jetzt wach, Schlafmütze?“

In einem prächtigen Sessel neben dem Bett lehnte ein junger Mann und sah mit stechendem Blick auf Arjuk herab. Arjuk richtete sich langsam auf, wobei ein stechender Schmerz in seinen Schläfen anschwoll. Er zuckte zusammen – auf dem eleganten Nachttisch lagen vier Messer in verschiedenen Größen säuberlich ausgebreitet. Auf den zweiten Blick erkannte Arjuk die Tinkturen und Tücher zur Reinigung daneben. Offenbar hatte sich der Mann die Zeit bis zu Arjuks Erwachen damit vertrieben, seine Dolchsammlung zu polieren.

Der Nachttisch kam Arjuk genauso bekannt vor wie die Vorhänge, das Bett, der dunkle Teppich … und all die Möbel, die im Raum verteilt standen. Es waren die Dinge aus seinem alten Zimmer in Noato. Nur dass er hier nicht in Noato war. Die Morgensonne schien durch das falsche Fenster hinein, alles stand am falschen Ort, in den Ecken stapelten sich unausgepackte Kisten und Truhen. Die Wand gegenüber von seinem Bett war so, wie es im Palast von Noato üblich war, weiß und mit einem zartsilbernen, fast unmerklichen Fischgrätenmuster. Doch als er den Kopf wandte und sich umsah, zeigte sich, dass an allen anderen Wänden gerade erst damit begonnen worden war, sie zu überstreichen. Sie zeigten deutlich ihre ursprüngliche Farbe: Flammendrot, durchzogen von Goldfäden.

Arjuk erinnerte sich gut an diese Wände. Er befand sich in Vuluns Palast. Endlich. Das Versteckspiel hatte ein Ende.

„He, ich rede mit dir. Sehr unhöflich, ich muss schon sagen.“ Der junge Mann hob entrüstet seine dunklen Brauen. Arjuk starrte ihn an. Sein Hemd war aus erlesener schwarzer Seide gefertigt. Darüber leuchtete ein purpurnes Wams, durchzogen von feinsten Goldfäden, welche sich auf der Brust zu einem Schlangensymbol formten. Mit seinem starken Kinn und der Habichtnase hatte der Mann einen schneidigen Ausdruck, doch etwas an seinem stämmigen Körperbau erinnerte Arjuk an einen kleinen, etwas pummeligen Jungen…

Arjuk lächelte. „Jarmak“, murmelte er schwach. „Du bist groß geworden.“

Jarmak Dravarkesh brach in Lachen aus. „Leider nicht ganz so groß wie du, Cousin“, gab er mit unverhohlenem Neid zurück. „Du kannst es immer noch nicht lassen, mich zu übertrumpfen, was?“

„Nicht doch, Jarmi.“ Arjuk setzte sich vorsichtig auf und hoffte inständig, dass sein Cousin nicht bemerkte, wie viel Kraft ihn dies kostete. „Ein kleiner Wuchs hat viele Vorteile. Sicher kannst du dich noch immer bequem unter dem Thron verstecken…“

„…und dort einen halben Tag lang schmoren, während mein verträumter Cousin schon längst vergessen hat, dass er mich suchen sollte“, ergänzte Jarmak düster.

Einen Moment lang schwiegen sie, dann brachen beide in Lachen aus. Es war seltsam. Arjuk freute sich aufrichtig, nach all den Jahren seinen Cousin wiederzusehen … und während er lachte, stand ihm in aller Klarheit vor Augen, dass er sich in Lebensgefahr befand.

Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie einer der Dienstboten den Raum verließ. Es stand außer Zweifel, dass er Herzog Vulun benachrichtigen würde. Einen Moment lang wunderte sich Arjuk über seine eigene Ruhe, doch dann zuckte er die Schultern. Es war einfach zu kalt für Angst – und es war besser so. Er hatte die Angst satt.

Arjuk wollte aufstehen, doch Jarmak hielt ihn zurück. „Langsam, langsam. Erinnerst du dich an gar nichts mehr? Du bist verletzt.“

Er deutete auf Arjuks Arm. Arjuk erinnerte sich daran, dass er sich den Arm am Fensterglas in der Bibliothek zerschnitten und die Knöchel seiner Hand geprellt hatte. Komischerweise spürte er nicht den geringsten Schmerz. Kurz streiften seine Gedanken zurück. Das letzte, an das er sich erinnern konnte, war das alles vernichtende Eis, das von dem Ring aus in seine Hand, in seinen Arm, seinen Körper sickerte. Jetzt war der Schmerz zu einer angenehm frischen Kälte abgeflaut.

Vorsichtig schälte Arjuk den Verband von seiner Hand, um sie zu mustern. Sie war zur Faust geschlossen und angeschwollen. Die Knöchel waren violett verfärbt, der Rest der Faust schimmerte bläulich. Arjuk hob sie vor sein Gesicht, um sie aus der Nähe zu betrachten. Eine dünne Schicht Eis zog sich über die Faust, ein filigranes Gewebe aus Eiskristall, das sich wie ein Handschuh über seine Haut schmiegte. Plötzlich begriff er, dass der Ring noch immer in der Faust lag. Offenbar hatte es niemand geschafft, seine Faust zu öffnen, während er bewusstlos war. Kalter Triumph durchfloss ihn.

„Als du hier reingeschleift wurdest, warst du eiskalt“, sagte Jarmak. „Vater sagt, du hast deine eigene Lebenskraft benutzt, um sie in etwas umzuwandeln… etwas, das wie Magie wirkt, aber keine ist. Und es sieht ganz so aus, als würdest du es noch immer tun.“

Arjuk blickte seinen Cousin an. „Und du meinst, es wäre das Beste, ich höre damit auf, ja? Damit ihr meine Faust öffnen und den Ring herausholen könnt.“

Einen Moment lang sah Jarmak ertappt aus. „Vermutlich wäre es das Beste für dich“, gab er zurück. „Mir persönlich ist es gleich. Denn weißt du was? Wenn du dich mit diesem Ding selbst umbringst, dann bin ich der Letzte in unserer Blutslinie und der Ring geht an mich über. Und dann werden wir sehen, wozu er wirklich imstande ist.“ Seine Augen blitzten plötzlich gefährlich. „Ist das nicht verrückt? Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Arjuk y Nystrad plötzlich mit Superkräften vor der Tür steht! Was wird unser kleines Träumerchen wohl damit anstellen? Einen Regenbogen zaubern? Einen Rosengarten? Ein Bild für seine Mami?“

Ein unangenehmes Kribbeln durchzog Arjuks Arm, schwoll an zu stechendem Schmerz. Ein leises Knacken. Eiskristalle wuchsen über seinen Arm, legten sich um seine Haut, töteten den Schmerz. Das Eis schützten ihn vor allem, was ihm zu nah zu kommen drohte. Er setzte ein kaltes Lächeln auf. „Ich werde deine Vorschläge in Betracht ziehen. Aber als erstes werde ich wohl der Schwarzen Gilde einen Besuch abstatten müssen und meinen Vater holen, da dein Vater nicht in der Lage ist, in seinem eigenen Land für Ordnung zu sorgen.“

Jarmak atmete hörbar aus. Doch er schluckte alle Erwiderungen herunter. „Vergib mir meine Enttäuschung, Cousin“, sagte er schließlich mit einem schwachen Lächeln. „Du musst verstehen. Mein Vater schiebt deinetwegen schlaflose Nächte, führt Kriege, und dann ist alles, was du zustande bringst, einen Arm abzufrieren. Ich hatte etwas mehr erwartet.“

Irgendwo, sehr fern hinter einer Eisschicht, verspürte Arjuk den Hauch von Erleichterung: Er hatte den Schwarzmagier also nicht getötet. Wohl aber schwer verletzt. Unter Verwendung des Rings.

„Dürfte ich dann jetzt aufstehen und meinen Onkel sprechen…“, fragte Arjuk und konnte es sich nicht verkneifen, nachzuschieben: „…Doktor?“

Jarmak grinste breit. „Nicht in diesem Zustand, Cousin. Du siehst nicht nur aus wie ein Stallbursche, du riechst auch wie einer. Ich rufe die Diener herein, sie werden dich etwas herrichten und zu meinem Vater führen.“

Versonnen beobachtete Arjuk, wie sein Cousin seine Messer aufräumte. Die Klingen erschienen ihm plötzlich nicht mehr allzu bedrohlich. Er war in Vuluns Palast, er wusste mittlerweile sogar in etwa, was Vulun von ihm wollte – und er war bewaffnet. Was immer es mit dem Ring auf sich hatte, er konnte ihn benutzen. Kalter Triumph durchflutete ihn, dann schloss er die Freude wieder sorgfältig unter eine Eisschicht. Hatte Dhanas nicht genau das gesagt? Dass er einen kühlen Kopf brauche? Nun, er hatte Recht gehabt. Arjuk war immer zu sehr mit sich beschäftigt gewesen. Zorn, Angst, Schmerz, Sehnsucht – so viele lästige Gefühle, die ihn verwirrten. Doch jetzt nicht mehr. Sein Kopf war klar, nichts verstellte ihm mehr die Sicht. Nur sich selbst spürte er nur noch undeutlich. Aber das war ihm im Moment gar nicht so Unrecht.

„Arjuk.“ Jarmak wandte sich noch einmal um. „Es hat mich wirklich gefreut, dich zu sehen. Lass uns einfach nicht mehr über diesen Ring sprechen, ja?“

Nachdenklich blickte Arjuk seinem Cousin nach. Als sie sich das letzte Mal gesehen hatten, war er sechs und Jarmak acht Jahre alt gewesen. Sie hatten in dem Heckenlabyrinth im Palastgarten gespielt und die Dienstboten, die sie zum Abendessen holen sollten, so lange an der Nase herumgeführt, bis Nataliya Dravarkesh persönlich erschien und die Jungen zur Ordnung rief. Warum hatten sie aufgehört, sich zu besuchen?

Arjuk vertrieb die widersprüchlichen Gedanken. Nicht Jarmak war sein Feind, sondern Vulun. Und gleich würde er ihm gegenüberstehen.


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Beitrag #65 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Ein Rabe ließ sich von den Aufwinden die Stadtmauer entlangtragen - das Licht des untergehenden Mondes verlieh seinem dunklen Gefieder einen sanften silbernen Schimmer.
 
Am großen Stadttor, das dem Goldenen Turm der schwarzen Gilde zugewandt war, ging er in einen gemächlichen Kreisflug über. Tief unter sich konnte er Gestalten in schwarz-roten Roben erkennen, die die Verteidigungsanlagen des Tores vollständig überrannt hatten. Einige Soldaten der Wachmannschaft hatten sich offenbar ergeben und saßen nun gefesselt an einer Wand aufgereiht. Die Zahl der Leichen überstieg die Ihre jedoch deutlich.
Mit einem Mal - viel zu plötzlich, um ein natürliches Phänomen zu sein - wallte dichter Nebel auf und hüllte diesen Teil der Stadtmauer in einen undurchdringlichen Schleier. Oder jedenfalls nahezu undurchdringlich. Denn wenn man scharfe Rabenaugen hätte, dann würde man vielleicht Gestalten in den weiten Kapuzenmänteln der grauen Gilde erkennen, die sich in lautloser Schnelligkeit über das Gelände bewegten. Als der Nebel sich verzog - ebenso rasch, wie er gekommen war - fanden die verbliebenen Wachen sich verdutzt in Freiheit wieder und selig schlummernden Schwarzmagiern gegenüber. Sie fackelten nicht lange.
 
Silberschwinge wandte sich nun stadtinwärts. Mit einigen gemächlichen Flügelschlägen erreichte er, ungefähr zeitgleich mit dem ersten Licht der aufgehenden Sonne, das herausstechende Gebäude des Rates der Drei. Um die Speiche der schwarzen Gilde zog sich ein Wall aus baumhohem, mannsdickem Eis. Flankiert wurde er von einer Hand voll Paladinmagistern der weißen Gilde, deutlich zu erkennen an den Wappenröcken über ihren Roben und den Magierstäben, die eher Speeren als Stecken glichen.
 
Nun hatte Silberschwinge genug gesehen und beschleunigte seinen Flug. Rasch näherte er sich dem Schloss des Fürsten von Kayro'har und steuerte zielsicher einen der Wachtürme an, an dessen Zinnen sich ein Soldat deutlich gegen die Dämmerung abzeichnete. Der Wachmann nahm jedoch keine Notiz vom Raben - noch nicht einmal, als der Vogel nur wenige Handbreit an seinem Gesicht vorbeirauschte. Stattdessen blieb sein seltsam entrückter Blick ins Nichts gerichtet.
 
***
 
Elegant landete Silberschwinge auf Taniyas Arm und mit einer gewissen Genugtuung kraulte sie ihn unterm Schnabel. Erst dann hüpfte der Rabe mit typischen Vogelsprüngen hinüber zu Geriyon. Dessen Anblick wiederum versetzte ihr einen Stich. Ihr langjähriger Freund wirkte mit seiner gekrümmten Haltung, den blutleeren, bleichen Wangen und den zum bloßen Strich zusammengekniffenen Lippen nur noch wie ein Schatten seiner selbst. Und gleichzeitig ... gleichzeitig war sie ziemlich stolz auf ihn. Er hatte eine Situation überstanden, die viele andere das Leben gekostet hätte, und tat dennoch alles in seiner Macht, um Kara und Arjuk zu retten. Nicht das sie ihm das sagen würde. Sein Selbstbewusstsein war schon so groß genug.
Ein feines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, während Geriyon sie und Dende über das Geschehen in der Stadt unterrichtete. Die drei Magier saßen im Kreis im Schutz der Zinnen des Wachturms mit gutem Blick auf das Hauptgebäude des Schlosses, während der Wachsoldat von einer ruhigen, ereignislosen Schicht träumte, die Taniya aus seinen Erinnerungen ausgegraben hatte. Ruhig und ereignislos und gelegentlich von einem intensiven Déjà-vu durchbrochen.
 
"Na endlich. Es wurde Zeit, dass die Gilde aufhört, auf ihren Händen zu sitzen und endlich etwas unternimmt. Dann hat meine kleine Ansprache tatsächlich etwas bewirkt bei diesen Kleingeistern." Dendes Mimik verriet keine Emotion, lediglich eine schmale Falte war zwischen seinen Brauen zu sehen. Taniya entschied, dem alten Magier diese Respektlosigkeit gegenüber ihren Meistern zu verzeihen - vorerst. Schließlich war er der Grund, dass sie die Erlaubnis erhalten hatte, Geriyon zu suchen.
"Und Ihr seid Euch sicher, dass dieses Mädchen und dieser Junge hier im Schloss sind?" wandte Dende sich an Geriyon. Der hob die Schultern.
"Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Ich spüre die Maske, die ich mit ihr zusammen angefertigt habe. Da Arjuk und Kara zusammen waren, als wir getrennt wurden ..." Sein Gesicht verfinsterte sich bei der Erinnerung daran.
Dende seufzte.
"Nun ja, besser als nichts. Ich schlage vor, dass ..."
Er wurde je vom Aufflammen eines magischen Lichts unterbrochen, das nicht nur bei den drei anwesenden Magiern, sondern bei allen Gildenmagiern im Umkreis von mehreren Meilen eine helle Glocke im Bewusstsein ertönen ließ. Unisono wandten sich die drei ab vom Schloss und blickten Richtung Innenstadt. Kaum zu übersehen leuchtete nun das Zeichen des Rates der Drei als riesige Glyphe am Himmel über Kayro'har.
"Das werden die Weißen sein" brummte Dende. "Nachvollziehbar, wenn auch sehr vorhersehbar, nun eine Ratssitzung einzuberufen. Wenn wir nicht gewesen wären, wäre die weiße Gilde von den Ereignissen einfach überrannt worden."
Nachdenklich schloss er die violetten Augen.
"Eine solche Sitzung dürfte weitestgehend ergebnislos bleiben, aber Information ist alles. Maga von Weißfels, ich würde vorschlagen, Ihr begebt Euch dorthin und nehmt ein wenig Einfluss. Magus Raven benötigen wir hier, um das Mädchen aufzuspüren und damit hoffentlich den Jungen. Und -"
"Nein!"
Taniya funkelte den elfischen Magier an, während sie den aufglühenden Zorn niederrang, der wie ein Stück heiße Kohle in ihrer Kehle saß.
"Ihr solltet gehen" setzte sie hinzu, während sie Dendes stechenden Blick standhielt. "Ihr könnt mich jetzt nicht einfach wegschicken! Es ist meine Aufgabe, Arjuk zu beschützen. Ich fühle mich verantwortlich, ich werde nicht länger tatenlos rumsitzen." Unprofessionell! brüllte etwas in ihrem Hinterkopf, aber sie schob das vorerst beiseite.
Bevor Dende etwas entgegnen konnte, sprang ihr auch Geri bei.
"Ihr habt schon bewiesen, dass ihr die Geschicke der Gilden beeinflussen könnt, Meister Dende. Maga al Weißfels und ich würden von den Ratsmitgliedern ignoriert werden. Euch wird das nicht passieren. Es ist viel sinnvoller, wenn ihr geht."
Dende wirkte sehr unzufrieden. Für einige Atemzüge schloss er die Augen.
"Nun gut, das Argument ist nicht von der Hand zu weisen. Vielleicht kann ich diese Kindsköpfe davor bewahren, einen neuen Magierkrieg anzuzetteln." Der alte Magier verdrehte die Augen. Dann wurde sein Blick wieder stechend und sein Zeigefinger schoss wie ein Dolch in Taniyas Richtung.
"Vergesst nicht, dass wir Verbündete sind. Ich habe euch einen großen Dienst erwiesen. Ich erwarte, dass ihr mir im Gegenzug sofort mitteilt, wenn ihr auf neue Informationen stoßt. Und mit sofort, meine ich sofort."
Ohne eine Antwort abzuwarten erhob sich Dende und vollführte eine beiläufig wirkende Handbewegung. Schmatzend verschluckte ihn der gemauerte Boden.
 
Für einen kurzen Moment blieb Taniya still, dann sank sie seufzend gegen die Mauer zurück. "Das war nicht schlecht, Geri. 'Nur Ihr könnt die Geschicke der Gilden beeinflussen!' Du hast ihn bei seiner Arroganz gepackt. Das hätte glatt von mir kommen können." Geriyon lächelte nur schwach, aber sein Auge funkelte vergnügt. Beide wurden jedoch schlagartig wieder ernst.
"Dieser Dende ist gefährlich. Gut, dass er zur Zeit auf unserer Seite ist."
Geriyon nickte nur.
"In Ordnung, wie gehen wir weiter vor?" fragte er.
Taniya erhob sich und ließ ihren Mantel zu Boden gleiten. Darunter trug sie immer noch das Bauerkleid, mit dem sie sich und Kara in die Stadt gebracht hatte.
„Ich schleiche mich im Palast ein. Du findest Kara und nimmst dann über Silberschwinge wieder Kontakt mit mir auf. Mit Karas Hilfe finden wir Arjuk und holen die beiden da raus. Und dann bringen wir dich an einen sicheren Ort, damit du dich erholen kannst.“ Entschuldigend sah sie den Hellseher an. “Geri, es tut mir leid, dass du noch hier sein musst. Eigentlich gehörst du in ein Krankenbett, aber …“
 
Geriyon unterbrach sie mit einer beschwichtigenden Handbewegung. „Alles in Ordnung, Taniya. Deine Mission ist von großer Bedeutung. Und außerdem möchte ich den beiden auch helfen. Allen voran Kara – sie ist völlig unverschuldet in die Angelegenheit hineingeschlittert.“
Allen voran Kara, so so. Aus unerfindlichen Gründen versetzte ihr das einen Stich, doch sie schob diese Empfindung mit einer gewissen Willensanstrengung beiseite.
„Danke, Geri!“ Taniya wandte sich zur Wendeltreppe, die hinab in den Schlosshof führte.
„Taniya … sei vorsichtig!“ Geriyons Miene war sorgenvoll.
„Das sagt der Richtige!“ Die Magierin strahlte ihn an. Mit zwei schnellen Schritten war sie bei ihm und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich bin froh, dass es dir gut geht!“ Nicht ohne Genugtuung bemerkte sie, dass Geriyons Gesicht leicht rötlich zu schimmern begann. Dann machte sich Taniya auf den Weg.

***

„Eine neue Dienstmagd? Erster Tag? Und das bei den verschärften Sicherheitsvorkehrungen?“ Zweifelnd musterte der Gardist am Nebeneingang zum Palastgebäude sie von oben bis unten. „Also mir hat man davon nichts gesagt!“
„Doch, das hat man.“
Taniya fing seinen Blick mit ihrem und das intensive, prickelnde Gefühl magischer Kraft füllte ihre Augen. Ihre Magie sickerte durch die Ritzen und Risse in dem Schutzwall seines Bewusstseins und stellte die Verbindung zwischen ihrem und seinem Geist her. Die Magierin schöpfte tief aus ihrem arkanen Reservoir, das in den letzten Stunden viel zu viel seines Inhalts eingebüßt hatte und wob eine Pseudoerinnerung in das Gedächtnis des Wachmanns. Es war eine feine Balance nötig: Nicht zu wenig Details, denn dann war die Erinnerung zu leicht als falsch zu durchschauen, jedoch auch nicht zu viele, damit das Unterbewusstsein des Gegenübers die Lücken ausfüllen konnte und die Erinnerung nicht als Fremdkörper herausstach. Taniya war recht stolz auf ihre Fähigkeiten als Psionikerin. Hier und jetzt jedenfalls gelang das Kunststück. Der Gardist kniff die Augen zusammen und blickte für einen Augenblick ins Nichts.
„Doch, jetzt wo Ihr es sagt … der Hauptmann hat in der allgemeinen Aufregung wohl vergessen, es uns heute Morgen noch einmal …“ Er schüttelte den Kopf. „Verzeiht meine Unhöflichkeit, die Situation ist angespannt, Ihr versteht.“
Taniya schenkte ihm ihr bezauberndstes Lächeln. „Ach, das ist doch nicht der Rede wert!“
„Nun, ähm, wisst Ihr, wo Ihr hinmüsst?“
„Ich soll mich direkt in der Waschküche melden. Vielleicht wäret Ihr so freundlich mir den Weg zu verraten?“
„Ah, selbstverständlich.“

Wenige Augenblicke später betrat Taniya den Palast und folgte dem Weg zur Waschküche. So weit, so gut. Am Ziel angekommen, würde sie sich Kleidung der hiesigen Dienstmägde besorgen und sich dann auf die Suche machen.
Als sie an zwei tuschelnden Bediensteten vorbeikam, hielt sie kurz inne, um sich – scheinbar – den Rock zu richten.
„Gestern Nacht am Tor …“ hörte sie. Und: „Man sagt, es sei der Neffe des Fürsten …“ Arjuk ist also wirklich hier. Ein Glück!  Taniya setzte sich wieder in Bewegung.
„Ein Gardist hat mir gesagt, er hat dem Schwarzmagier einfach den Arm a b g e f r o r e n!“
Bitte WAS hat Arjuk gemacht?

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Beitrag #66 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Natürlich führten sie ihn durch die Ahnengalerie. Es hätte viele Wege zum Thronsaal gegeben, doch die Leibgardisten wählten den langen, marmornen Korridor, dessen Wand mit einer schier endlosen Reihe schwerer Goldrahmen geschmückt war: Die Porträts der Dynastie Dravar’kesh blickten streng aus ihren Rahmen herab, von der Gründung bis zur Gegenwart.

Sehr geschickt, Onkel.

Arjuk lächelte schmal und straffte sich. Die sechs Männer – zwei vor ihm, zwei hinter ihm und jeweils einer zu seiner Seite – waren keine einfachen Soldaten. Die Elite-Einheiten trugen mit Sicherheit mehr Waffen, als man ihnen ansah, und waren keineswegs nur in der Kampfkunst ausgebildet. Er musste davon ausgehen, dass sie ihn genau beobachteten, jedes Anzeichen von Schwäche registrierten und Vulun berichteten.

Drei Mal hatte er die Dienstboten um Nachschlag gebeten, bis sein Wolfshunger endlich gestillt gewesen war. Er fühlte sich jetzt besser, stärker. Seine Beine gehorchten ihm wieder, und auch das Eis. Und er sah endlich wieder aus wie ein Prinz. Ein Prinz der Dravar’keshs zwar, denn Vulun hatte ihm Kleidung in Schwarz und Rot schicken lassen, die Farben seiner Familie. Vermutlich, um ihn zu demütigen. Doch Arjuk kamen die düsteren Farben gerade recht. Die dunkle Weste ließ ihn so viel älter und ernster wirken als es das sanfte Blau der Nystrads vermocht hätte, und im Moment konnte er jeden Trick gebrauchen, der ihn stärker aussehen ließ, als er sich fühlte.

Die Bilder an den Wänden näherten sich der Gegenwart und Arjuk wusste, gleich würde er unter den in Öl gemalten Augen seiner Mutter hindurchgehen. Seine Finger schlossen sich fester um den Ring. Die Dienstboten hatten seinen Arm wieder neu verbunden, doch das machte nichts. Arjuk spürte noch immer die hauchdünne Eisschicht, die seine Faust umschloss, spürte jede einzelne der filigranen Eisblüten. Die Kälte schützte ihn, legte sich gnädig über den dumpf pochenden Schmerz in seinem Arm, über das hämmernde Herz in seiner Brust – all das verschwand unter einer angenehm kühlen Decke.

Arjuk hob den Kopf und schritt langsam, mit unbewegtem Gesicht an seiner Mutter vorbei, die aus ihrem schweren Bilderrahmen auf ihn hinabblickte. Sie war in einem Rosengarten gemalt worden, die blutroten Blüten schmiegten sich an sie wie Kinder. Ihr Gesicht sah noch trauriger aus als sonst. Und neben ihr… hing Arjuks Bild. Arjuk blieb stehen und sah erstaunt hinauf. Es war ein altes Porträt aus seiner Kindheit. All die Jahre hindurch hatte Vulun ihm einen Platz in der Ahnengalerie reserviert. Als würde er Arjuk noch immer als Teil der Familie betrachten...

Plötzlich lag die schwarze Weste schwer auf Arjuks Schultern. Am liebsten hätte er sie sich doch noch vom Leib gerissen, doch er unterdrückte das Gefühl. Mit einem sanften Knacken rankten sich die Eiskristalle noch etwas dichter über seine Hand, dann er setzte seinen Weg fort.

Nun war es nicht mehr weit. Auf dem Fußboden begann nun der nachtschwarze Teppich, auf dem sich blutrot eingewebte Schlangenkörper in endlosen Mustern wanden. Er war so dick, dass sich selbst die Gardisten beinahe lautlos darauf bewegten, und führte auf ein riesiges Tor aus schwarzem Ebenholz zu. Arjuk spannte sich und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, dann öffneten die Bediensteten das Tor.

Obwohl Arjuk den Thronsaal noch gut in Erinnerung hatte, war er einen Moment lang gebannt von seiner Schönheit. Die Decke war über und über von goldenen Ornamenten und kristallenen Leuchtern überzogen. Jeden Tag verbrachten die Dienstboten mehrere Stunden damit, alle Lampen zu entzünden, die sich tausendfach in den Kristallen und auf dem roten, spiegelglatten Marmorboden widerspiegelten. Deshalb wurde der Thronsaal auch der Hundert-Feuer-Saal genannt.

Eine Gruppe elegant gekleideter Männer stand an einem Tisch und tuschelte. Als Arjuk eintrat, verstummten sie. Dann löste sich Fürst Vulun aus der Gruppe Berater und trat auf Arjuk zu.
Er war klein. Arjuk überragte ihn mindestens um eine Handbreit. Draußen vor dem Palasttor, als Vulun in voller Rüstung und zu Pferd herausgeritten kam, war es nicht so aufgefallen, aber Onkel Vulun war wirklich klein, so viel kleiner als in seiner Erinnerung.

„Arjuk. Du bist wach.“ Vulun schritt auf ihn zu, etwas zu schnell, wie Arjuk fand. Nein, sein Onkel war ganz eindeutig aufgewühlt von den letzten Ereignissen. Der purpurne Umhang auf den Schultern seines Onkels war imposant, doch Arjuk bemerkte mit schlafwandlerischer Sicherheit, dass er ihn schnell und achtlos übergeworfen hatte. In den dunklen Locken leuchteten einzelne silberne Strähnen im Schein der Kronleuchter auf.

Anstatt vor ihm Halt zu machen, eilte Fürst Vulun direkt auf ihn zu und schloss ihn fest in die Arme. Arjuks Schild erzitterte gefährlich.

„Du bist wohlauf.“ Vulun klang ehrlich erleichtert. „Das ist… unglaublich. Furchtlos hast du dem Magier die Stirn geboten. Du bist wahrlich ein würdiger Erbe der Blutslinie. Ich bin stolz auf dich, Arjuk.“

Arjuk blinzelte. Stolz auf dich. Wann hatte jemand zuletzt so etwas zu ihm gesagt? Hatte sein Vater jemals so etwas zu ihm gesagt?

Und das Gesicht seines alt gewordenen Onkels schien echte Freude auszudrücken. Einen Moment konnte er nichts anderes sehen als den Onkel, der Mutter zum Lachen brachte und die Kinder mit Süßigkeiten verwöhnte.

Schnell konzentrierte sich Arjuk auf den Ring in seiner Hand und ließ die Empfindung an sich abprallen. Hinter seinem Eisschild ging ihn das alles nichts an. Vulun war sein Feind, mehr brauchte er nicht zu wissen.

„Nun, Onkel, danke für das hier.“ Arjuk hob die Faust, die noch immer fest um den Ring geschlossen war. „Ich hätte nicht gedacht, dass aus dem Hause Dravar’kesh doch noch etwas Nützliches an mich übergehen würde.“

In Vuluns Gesicht zuckte es. „Ich habe damit gerechnet, dass du nicht gut auf mich zu sprechen bist“, sagte er. „Aber glaub mir, all das habe ich nur getan, um dich zu schützen. Ich werde dir alles erklären, sobald du dich etwas erholt hast. Was ist mit deinem Arm, ist die Verletzung schlimm?“

„Sah nicht allzu hübsch aus.“ Arjuk zuckte die Schultern. „Aber keine Sorge, sie haben ihn verbunden. Wohl um dir den Anblick zu ersparen, wo du doch so ein fürsorglicher Onkel bist. Sogar die Gemächer aus Noato hast du versucht, nun… nachzubilden. Ich schätze die Geste. Da wir uns eine Weile lang aus den Augen verloren hatten, Onkel, konntest du nicht wissen, dass ich schon seit einigen Jahren mehr Zeit im Turmzimmer verbrachte als im eigentlichen Palast.“

Vulun wechselte einen Blick mit dem Anführer der Leibgarde und seufzte. „Meine Bemühungen,
dass du dich hier zu Hause fühlst, haben wohl nicht gefruchtet. Aber ich kann zumindest noch ein guter Gastgeber sein.“

Vulun winkte den Dienstboten zu, und sie begannen, Kuchen und Obst und süßen Tee hereinzubringen und aufzutischen.

Vulun ließ sich an der Tafel nieder. „Ich weiß, du hast bereits gegessen. Wenn man den Worten meiner Dienstboten Glauben schenken darf, soll es mehr gewesen sein, als drei ausgewachsene Männer an einem Tag vertilgen. Doch falls du noch einen kleinen Nachtisch…“

Arjuk hörte nicht mehr zu. Essen. Schon wieder verspürte er diesen bodenlosen Hunger. Ohne das Ende von Vuluns Ansprache abzuwarten, stürzte er an die Tafel und griff zu, so gut es mit der linken Hand ging. Die Leibgardisten positionierten sich um den Tisch, während Arjuk Früchte und Pasteten, Kuchen und Käse wahllos in sich hineinstopfte. Am Rande registrierte er den etwas entsetzten Blick seines Onkels. Ihm wurde klar, dass er wohl nicht gerade die Tischmanieren an den Tag legte, die man von ihm erwartete. Vielleicht hatte die Zeit bei Yerim mehr Spuren hinterlassen als gedacht. Oder – es war ihm einfach egal.

Schließlich gewann Fürst Vulun seine Fassung wieder. Während Arjuk wahllos aufaß, was ihm vorgesetzt wurde, schilderte Vulun in knappen Worten, was vorgefallen war.
Der Schwarzmagier war schreiend zusammengebrochen und gestorben. Also hatte er den Mann doch getötet. Arjuk hatte das Gefühl, dass ihn das irgendwie berühren müsste, aber das tat es nicht, nicht hier, hinter dem Eisschild.

Schnell verdrängte er den Gedanken und konzentrierte sich wieder auf Vuluns Darstellung der Ereignisse. Sein Onkel hatte demnach in aller Eile die Zeugen des Vorfalls festsetzen lassen. Als Schwarzmagier auftauchten und sich um ihren toten Kameraden scharten, konnte Vulun den Magiern seine eigene Geschichte auftischen. Demnach war nicht Arjuk verantwortlich für den Vorfall, sondern ein gewisser Dende do Avarion, der in der Stadt bereits seit einigen Stunden gesucht wurde, doch ein außerordentliches Talent besaß, sich zu verstecken.

Arjuk konnte nicht umhin, seinen Onkel für dessen Scharfsinn zu bewundern. Mit Dende hatte er sich in der Tat einen fantastischen Sündenbock ausgesucht. Und dass Vulun ein Flugblatt mit Dendes Konterfei herausziehen konnte und dazu aufrief, jeden Graumagier in der Stadt sofort festzusetzen, brachte ihm am Ende sogar noch Sympathie der Schwarzen Gilde ein.

„Dann allerdings forderten sie den Ring von mir. Ich forderte sie auf, mir im Austausch für den Ring Kalil und Arjuk zu bringen. Ich habe ihnen unterstellt, dass sie euch beide gefangen genommen hatten. Ich hoffe, sie kommen eine Weile lang nicht auf die Idee, dich hier zu suchen. Wir treffen uns in drei Tagen, um zu verhandeln.“

„Kluger Onkel.“ Arjuk griff nach der Obstschale und biss herzhaft in einen Pfirsich, dass ihm der Saft über das Kinn lief.

Vulun beobachtete ihn mit ausdruckslosem Gesicht. „Eine Sache ist allerdings seltsam“, schloss er seinen Bericht. „Die Schwarzmagier hatten mir angekündigt, ab sofort die Stadttore zu kontrollieren und Kayro’har zu durchsuchen. Aber meine Generäle berichten mir heute einstimmig, dass sie die Stadttore unter Kontrolle haben.“ Er seufzte. „Irgendetwas stimmt dort nicht. Die Schwarzmagier sind keine Leute, die es sich anders überlegen.“

Arjuk ließ den Pfirsichkern achtlos auf den Tisch fallen, dann lehnte er sich zurück und leckte sich die Finger ab. „Wo wir gerade bei den Schwarzmagiern sind“, sagte er, „wie kannst du erklären, dass du meine Stadt angreifst und sich Fürst Kalil am Ende in der Gewalt der Schwarzmagier befindet?“

Vulun senkte den Blick, scheinbar reuevoll. „Es tut mir leid, Arjuk“, sagte er. „Ich hatte Kalil gefangen genommen – unversehrt gefangen genommen – doch dann wurde der Tross überfallen. Gegen die Schwarzmagier hatten selbst meine besten Soldaten keine Chance.“

Arjuk starrte auf seine Hände. Er spürte seine rechte Hand pochen. Er spürte den Hass pochen. Und er spürte den Ring pochen. „Nun, ich hatte eine Chance gegen die Schwarzmagier. Ich gehe ihn holen.“

Arjuk stand auf. Das viele Essen hatte ihm neue Kraft gegeben. Er fühlte sich stark.

„Du gehst… was machen?“, fragte Vulun entgeistert.

„Ich gehe Kalil holen“, erklärte Arjuk ungerührt. „Danke für das Essen, Onkel.“

Er schritt auf die Tür zu. Währenddessen fixierte er seine Faust. Ein leises Knacken ertönte, als das Eis zu wachsen begann, seine Finger einhüllte, den Oberarm hinaufkroch. Er würde es brauchen. Schon kreuzten die Wachen ihre Hellebarden vor dem Tor, und die Leibgardisten schlossen einen engen Kreis um ihn.

„Arjuk!“, rief Vulun. „Du kannst nicht einfach so in die Schwarze Gilde hineinspazieren. Jedenfalls nicht jetzt. Du musst erst deine Kräfte kennenlernen, und wenn du den Schwarzen Magiern entgegentreten willst, brauchst du einen Plan. Du brauchst Hilfe, Arjuk.“

Arjuk blieb stehen, in erster Linie, weil er nicht genau weiterwusste. Er hatte einen Schwarzmagier vereist, aber das hatte ihn seine ganze Kraft gekostet. Er musste sich irgendetwas sparsameres einfallen lassen.

„Hilfe von dir, Onkel?“, erwiderte Arjuk, um Zeit zu gewinnen. „Warum solltest du mir helfen wollen?“

„Glaubst du wirklich, ich würde Kalil einfach zurücklassen?“ Die Entrüstung auf Vuluns Gesicht wirkte ehrlich. „Kalil ist ein Schwachkopf, aber er ist nun einmal der Schwachkopf, den Nataliya unbedingt heiraten musste. Lass mich dir helfen, Arjuk. Wenn du so weiter machst wirst du sterben. Und das kann ich deiner Mutter nicht antun. Du musst dich erholen, Arjuk. Lernen, wie der Ring funktioniert und dich langsam an ihn gewöhnen. Und du solltest… einige Familiengeschichten hören. Geschichten, die dir verschwiegen wurden. Du musst mich nicht als Freund sehen, Arjuk, aber bevor du dich entscheidest, solltest du die Wahrheit über einige Dinge erfahren. In drei Tagen wollen die Schwarzmagier den Ring haben. Bis dahin brauchen wir einen Plan.“

Fürst Dravar’kesh stand regungslos da, das Gesicht voller Sorgenfalten. Ein Hauch von Ärger streifte Arjuk. Es wäre so viel einfacher, Vulun aus ganzer Seele zu hassen. Aber sein Onkel machte gerade alles unnötig kompliziert mit seiner freundlichen Stimme, seinem ergrauenden Haaransatz, mit seiner frappierenden Ähnlichkeit zu Nataliya Dravarkesh.

Schnell wandte Arjuk sich ab. Er wollte ihn nicht mehr sehen. Und er wollte Nataliya nicht mehr sehen. Er blickte die Leibgardisten an, blickte in den schmalen Sehschlitz ihrer Visiere. Dann konzentrierte er sich auf das Eis um seine Hand. Er konnte das Eis formen, das spürte er, konnte es bis ins letzte Detail zu filigranen Kristallen und Ranken formen.

„Ruh dich jetzt aus, Arjuk“, sagte Vulun in seinem Rücken. „Ich lasse dir einige Bücher schicken, damit du deine Geschichte besser verstehst, deine und die des Rings. Hauptmann, bringt meinen Neffen zurück in seine Gemächer.“

Die Leibgardisten traten auf Arjuk zu.

Einen Moment lang schloss Arjuk die Augen und sog die Struktur der Eisblüten in sich auf. Ihre eleganten geometrischen Formen, endlos ineinander gewebt, ihre unendlichen Verästelungen, ihre scharfen Zacken.

Dann explodierte der Boden um ihn herum. Eis schoss empor, wuchs und wucherte zu einer Hecke aus gigantischen Eisblüten. Arjuk legte den Kopf in den Nacken und sah zu, wie sich der kalte Turm in die Höhe wand. Er spürte jede Furche darauf, jeden einzelnen Kristall. Er spürte, dass die Soldaten außerhalb der Mauer auf das Eis einschlugen, doch es hielt stand. Arjuk lächelte und betrachtete die erstarrte Schönheit des Kristallgewebes, auf dem sich golden die Feuer der Kronleuchter spiegelten. Es war wunderschön.

Der Ring sog und sog, sog alle Gedanken aus Arjuk heraus und verwandelte sie in immer neue vollendete Kunstwerke. Sehr weit entfernt meldete sich der Gedanke, dass er langsam aufhören sollte. Aber wollte er diesen fantastischen Fluss wirklich unterbrechen?

Die Kristalle erreichten die Decke und bohrten sich hinein. Kronleuchter klirrten, Kerzen fielen herab. Erstaunt bemerkte Arjuk, dass sein Atem gefror; eine kleine weiße Wolke stieb vor seinem Gesicht auf, wenn er ausatmete. Dann stellte er fest, dass er am ganzen Körper zitterte. Seine Beine gaben unter ihm nach. Er hörte, wie das Eis um ihn herum mit einem hellen Klirren in sich zusammenfiel, fühlte Kristalle auf sich herabregnen. Dann verlor er das Bewusstsein.
 

***

Arjuk fuhr hoch. Er befand sich in einem Raum, der halb silbern, halb rot gestrichen war. In einem Bett, dessen Vorhänge vertauscht waren. Rings um das Bett herum standen Gardisten und starrten ihn lauernd an. Seine Faust schloss sich um den Ring, und unter der dünnen Eisschicht pochte ein leiser Schmerz in seiner Hand. Sein Kopf dröhnte. Und sein Magen knurrte.

Arjuk ließ sich in die Kissen zurückfallen. Er war wieder genau dort, wo er heute morgen angefangen hatte, nur noch stärker bewacht. Mit einem Fluch presste er die Finger um den Ring zusammen. Sein Onkel hatte Recht. Er brauchte Hilfe.


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Beitrag #67 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Ein lautes Klopfen riss Kara aus ihrem tiefen, diesmal traumlosen Schlaf. Sie brauchte einen Moment lang um sich in der ungewohnten Umgebung zu orientieren, zu erinnern, wo sie gerade war. Doch als sie ihren Blick durch das prachtvolle Zimmer lenkte, wusste sie mit einem Schlag wieder, wo sie sich befand: in einem brandgefährlichen Spiel mitten im Palast des Herzogs von Kayro'har.
Das Klopfen wiederholte sich, und Karas Augen schnellten zur schweren Eichentür, während sie sich hastig vom Diwan aufrappelte. Sie musste doch tatsächlich eingeschlafen sein, denn ein kurzer Blick zum Fenster zeigte, dass die Sonne mittlerweile deutlich über den Palastdächern stand. 


“Milady?”, ertönte eine gedämpfte Stimme vom Gang vor dem Gemach. Kara fasste ihren Mut zusammen und räusperte sich. Miriana von Pirmarys würde bestimmt nicht länger zögern.
“Herein!”, rief sie, unglücklich über ihre brüchige Stimme, die nicht gerade vor Autorität strotzte. Das musste sie definitiv noch üben.
Die Tür schwang auf, und herein trat ein edel gekleideter Bediensteter, der von zwei etwas schlichter gekleideten Dienern gefolgt wurde, die sich sogleich emsig in den Raum bewegten um die kaum angefassten Speisen und Getränke abzuservieren. 
Kara war einen Moment lang überrumpelt von der ungewohnten Situation und beobachtete das plötzliche Treiben der Diener. Dann stand sie rasch von ihrem gemütlichen Platz auf, wo sie wenige Minuten zuvor noch friedlich geschlafen hatte, und versuchte sich nicht von dem Blick undurchdringlichen Blick des sichtlich ranghöheren Bediensteten einschüchtern zu lassen. Seine stechenden, sturmgrauen Augen wurden von schmalen Lippen, hervorstechenden Wangenknochen und einem ehrwürdig angegrauten Haaransatz über den zusammengezogenen Augenbrauen ergänzt.
"Milady Pirmarys, gestattet mir mich vorzustellen: mein bescheidener Name ist Hoarim, Hofbediensteter des Hauses Dravarkesh, zu Euren Diensten”, sprach er mit unerwartet schmeichelnder Stimme, die Kara für einen Moment lang fast aus der Fassung brachte.
“Ich hoffe Ihr habt wohl geruht und die Unterkunft ist zu Eurer Zufriedenheit?"
Kara straffte die Schultern, blickte kurz prüfend links und rechts, und antwortete dann in einem wie sie hoffte für den Umgang mit Bediensteten angemessenen und möglichst unpersönlichem Ton: "Eure Gastfreundschaft ist sehr großzügig, ich könnte mich über nichts beklagen."
Ein vage angedeutetes Lächeln auf zusammengepressten Lippen erschien auf dem Gesicht des Mannes, der trotz seiner unscheinbaren Statur und leicht demütiger Körperhaltung eine Autorität ausstrahlte, die Kara nervös machte.
"Der Herzog ist noch beschäftigt und bittet um etwas Geduld, bis er Euch empfangen kann. Wenn Milady gestatten, lasse ich in der Zwischenzeit ein leichtes Frühstück servieren?", sprach Hoarim, und auf ein verhaltenes Nicken von Kara hin schickte er mit einem Handzeichen die zwei Diener wieder in den Raum. Diese hatten gerade erst die spärlich angerührten Speisen der vergangenen Nacht abserviert, und trugen nun sofort wieder frische silberne Teller und Platten hinein, auf denen sich so viel Essen stapelte, dass Kara sich sicher war, es könnten mehr als vier hungrige Männer davon satt werden. Das leichte Frühstück schien mindestens so opulent zu werden wie die Häppchen und Speisen, die ihr in der Nacht dargeboten wurden.
"Eure Reise war sicherlich ... turbulent", sagte Hoarim und Kara fühlte förmlich, wie er ihre Erscheinung von oben bis unten penibel musterte, "Wenn Milady wünschen, dann lasse ich eine Kammerzofe rufen und veranlasse, dass Ihr euch etwas frisch machen könnt?" Kara spürte, wie ihre Wangen rot wurden. Sie wurde sich unwohl bewusst, dass sie mit ihrer einfachen Kleidung vollkommen fehl am Platz wirken musste. Selbst die Uniform der Bediensteten waren trotz schlichtem Schnitt weitaus edler und prachtvoller als ihre abgetragene Bluse und der ausgewaschene Rock, den sie mit Milena für ihren Ausflug in die Stadt besorgt hatte.
"Dafür wäre ich Euch sehr dankbar, die letzten Tage waren in der Tat sehr turbulent", sagte Kara, und setzte nach kurzem Überlegen hinzu, "Ich fühle mich tatsächlich nicht ganz wie ich selbst, in diesem Aufzug."
Der Bedienstete nickte, fast schon verständnisvoll, und sagte: "Ich lasse Euch etwas Angemessenes schicken. Sobald der Herzog für Euch Zeit hat wird er nach Euch rufen lassen."
Dann verneigte er sich und verschwand mit den anderen Dienstboten ebenso schnell wieder, wie er aufgetaucht war. Als sich die Tür hinter ihm schloss merkte Kara, dass ihr Herz bis zum Hals schlug.


"So weit, so gut", dachte sie. Zumindest war ihr falsches Spiel noch nicht sofort entdeckt worden und man behandelte sie immer noch wie die, die sie zu sein vorgab. Wenngleich sie sich auch nicht ganz sicher war, ob sie ihre Rolle in der kurzen Konversation überzeugend genug gespielt hatte. Der ältere Bedienstete schien ein gewisses Maß an Misstrauen auszustrahlen, von dem Kara nicht genau sagen konnte, ob es seiner Grundeinstellung entsprach, oder ob sie ihm Anlass dazu gegeben hatte. Jedenfalls erinnerten ihre glühenden Wangen sie daran, dass sie sich bisher noch keine Gedanken gemacht hatte, wie ihr Aussehen zu ihrer neuen Rolle passte. Sie musste sich nicht nur so verhalten, wie eine Adelige, sie musste auch überzeugend aussehen, um den Herzog nicht sofort misstrauisch zu machen, wenn sie ihm begegnete.


Kara war noch nicht weit gekommen, darüber nachzudenken welche Kleidung wohl für Miriana von Pirmarys angemessen wäre, und was sie mit den langen, dunklen Haaren anfangen sollte, die in einem unordentlichen Zopf über ihre Schulter hingen, da klopfte es erneut an der Tür. Diesmal war es ein schüchternes Dienstmädchen, das eintrat und mit gesenkten Augen sprach:
“Milady, Euer Bad ist soweit, wenn es Euch genehm ist…”
Kara erhob sich vom Tisch, an dem sie gerade vom Frühstück probiert hatte, und wollte schon in Richtung Tür gehen, doch das Dienstmädchen zeigte zögerlich auf einen kunstvoll bestickten Wandteppich, dem Kara bisher noch keine große Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Verwirrt blieb sie davor stehen und beobachtete, wie das Dienstmädchen sich flink an einer Seite des Teppichs zu schaffen machte. Plötzlich schwang eine bisher verborgene Tür samt Teppich auf, und Kara blickte in einen kunstvoll gefließten Raum. Das Dienstmädchen huschte sogleich voraus, und als Kara ihr zögernd folgte, fand sie sich in einem Badezimmer wieder, das in seiner Pracht dem Schlafgemach um Nichts nachstand. Ein hohes Fenster aus bunten Glasmosaiken ließ schimmernd das Sonnenlicht in den sandfarbenen Raum fallen und bunte Lichtflecken tanzten auf dem Wasserbecken, das sich in der Mitte des Badezimmers befand. Von dort stieg warmer Dampf auf, der Kara sofort ins Gesicht schlug und sie mit dem Duft von Jasminblüten einhüllte. Neben dem Becken türmten sich wieder Kissen auf verschiedensten Sitzmöbeln, und auch hier waren mehrere Tischchen reichlich gedeckt mit silbernen Karaffen und einer ausladenden Schüssel voll exotischer Früchte. Das Mädchen deutete schüchtern auf einen hölzernen Paravent, hinter dem Kara eine gepolsterte Bank und ein Regal mit schneeweißen Handtüchern vorfand. 
“Braucht Milady Hilfe beim Entkleiden?”
Kara überlegte einen Moment lang und entschied dann, dass ihr das nun doch zu weit ging. Tarnung hin oder her, sie hatte weitaus Dringenderes zu tun als sich den ganzen Tag lang mit edlen Speisen füttern zu lassen und keinen Finger zu rühren, während Bedienstete um sie herum schwirrten.
“Danke, das ist nicht notwendig”, sagte sie, und begann ihre schlichten Kleider abzulegen. Auf dem spiegelglatten Boden kamen ihr die staubbedeckten Stiefel auf einmal besonders schäbig vor. Ein Blick hinter dem Paravent hervor zeigte Kara, dass das Dienstmädchen mit gesenkten Augen dastand und immer wieder kurze, prüfende Blicke in ihre Richtung schickte. Kara seufzte und zog die blaue Bluse über den Kopf.
“Wie heißt du, Mädchen?”, fragte sie, während sie ihre abgetragenen Kleider auf seidene Polster bettete.
“Mein Name ist Ariane, Herrin”, kam die schüchterne und leicht überraschte Antwort.
“Ariane, wärst du bitte so freundlich nebenan zu warten, während ich mein Bad nehme? Ich komme selbst ausgezeichnet zurecht.”
Es folgte eine kurze Pause, in der Kara sich fragte welche höfische Etikette sie wohl schon jetzt schon wieder verletzt haben könnte.
“Jawohl Herrin, wie Ihr wünscht. Bitte zögert nicht, mich zu rufen, wenn Ihr mich brauchen solltet!”
Kara seufzte erleichtert als sie die schnellen Fußtritte und das Rascheln der weiten Röcke des Dienstmädchens hörte, das sich von ihr entfernte. Nach drei Herzschlägen, trat Kara hinter dem Paravent hervor, sah sich prüfend im Badezimmer um, packte einen Pfirsich vom Obstteller, und begann ins Bad zu steigen. Als das warme, duftende Wasser sie umfing, und sie es sich am Beckenrand gemütlich gemacht hatte, machte sich ein zufriedenes Lächeln auf Karas Gesicht breit. Es wäre doch eine Schande, den ganzen dargebotenen Luxus nicht auszunutzen, solange sie noch konnte. Entspannt schloss sie die Augen und dachte: “Dieser Teil von Mirianas Leben ist gar nicht so schlecht…


***


“Milady, Ihr seht bezaubernd aus!”, sagte Ariane überschwänglich und in ihrer Stimme schwoll sichtlich Stolz mit, als sie Kara’s letzte Haarsträhnen in einen kunstvoll über die Schulter drapierten Zopf verwandelte. Kara blickte wie gebannt in den Handspiegel vor ihr und betrachtete die erneute Verwandlung, die durch die tatkräftige Hilfe des Dienstmädchens soeben stattgefunden hatte. In penibler Arbeit hatte Ariane der Reihe nach fast alle Puder, Tinkturen und Cremes, die auf der Kommode bereit standen, zum Einsatz gebracht, und auf Karas Lippen, Lidern, Wimpern und Wangen ein subtiles aber beeindruckendes Kunstwerk aus Textur und Farbe geschaffen. Die eisblauen Augen blitzten nun noch klarer und strahlender unter den dunkelschwarzen Wimpern hervor und die rosigen Lippen setzten einen warmen Kontrast dazu, der Kara fast automatisch dazu brachte zu Lächeln. Ihr gesamtes Gesicht glich einem feinen Gemälde, welches sich mit der Frisur aus komplex ineinander geflochtenen Strähnen perfekt zu einem Gesamtkunstwerk ergänzte.
“Danke, Ariane”, sagte Kara und riss sich von ihrem Spiegelbild los. Als sie aufstand raschelten die weiten Röcke des ungewohnten Kleids, in das Ariane sie nach ihrem Bad gesteckt hatte.
“Und du bist dir sicher, dass dieses Kleid nicht zu… extravagant ist?”, fragte sie zu wiederholten Mal, als sie über den seidigen Stoff strich.
“Aber nein, Milady, es passt wunderbar zu Euren Augen, und der Herzog - “
Ein lautes Klopfen an der Tür unterbrach das Dienstmädchen, und im selben Moment wurde die Tür auch schon weit geöffnet. Hoarim, der ältere und distanzierte Bedienstete, trat ein und schien gänzlich unbeeindruckt von Karas Verwandlung, als er sie nüchtern ansah und meinte: “Milady Pirmarys, der Herzog erwartet Euch nun. Wenn ihr mir also folgen würdet?”
Kara drehte sich kurz zu Ariane um, die Kara rasch den Handspiegel aus der Hand nahm und dann mit gesenktem Kopf einen kleinen Knicks machte.
“Also dann…”, murmelte Kara, als sie Hoarim mit einem mulmigen Gefühl im Bauch auf den Gang hinaus folgte, und ergänzte in Gedanken, “...auf in die Höhle des Löwen.


Flankiert von zwei gut gerüsteten Wachen, die penibel darauf achteten ihr in respektvollem aber doch kurzem Abstand zu folgen, wurde Kara zügig die Korridore entlang geführt. Man brachte sie vom ersten Stock über ein weitläufiges Treppenhaus ins Erdgeschoss, wo sie schließlich aus dem steinernen Korridor des Palastinneren in einen überdachten Arkadengang hinaus traten. Dieser führte den Innenhof entlang, den Kara von ihrem Fenster aus in der Nacht zuvor betrachtet hatte. Nun blendete sie das grelle Sonnenlicht, das auf den weißen Kieseln und dem kleinen geometrischen Wasserbecken reflektiert wurde, und eine Welle warmer, trockener Luft ließ Kara’s Haare im Nacken kurz in einem Anflug von Gänsehaut zu Berge stehen. In der unbarmherzigen Mittagssonne wirkter der Hof mit seinen verlassenen, steinernen Bänken äußerst uneinladend. Die Abwesenheit von Menschen und Pflanzen unterstrich dieses Gefühl nur, ebenso wie der einsame Schatten eines hoch oben kreisenden Vogels. Kara merkte, wie sie langsam unter den weiten Röcken zu schwitzen begann, und als sie endlich auf der anderen Seite des Hofes wieder durch eine Tür in den Palast eintraten war sie spürbar erleichtert, in die angenehm kühle Luft zurückzukehren, die die Marmorböden und Wände dort ausstrahlten. 
Doch die Erleichterung hielt nicht lange an, denn als sich ihre Augen wieder an die dunklere Umgebung gewöhnt hatten bemerkte Kara, dass sie nun durch einen langen, breiten Korridor geführt wurde, an dessen Ende sich ein großes, schwarzes Tor befand, hinter dem sich sicherlich der Herzog befinden musste. Zu offensichtlich waren die roten Schlangenmuster, die sich auf dem nachtschwarzen Teppich vor dem Tor ineinander schlangen und das Wappen der Dravaskeshs formten. Kara schluckte trocken und wünschte sich, sie hätte wenige Augenblicke zuvor in ihrem Zimmer noch die Zeit genutzt um etwas zu Trinken. Mit jedem Schritt, den sie dem dunklen Tor näher kamen, schlug ihr Herz schneller, und auch die goldgerahmten Portraits zu beiden Seiten des Korridors trugen nicht zu ihrer Beruhigung bei. Die Blicke der portraitierten Lords und Ladies schienen sich geradezu in ihren Rücken zu bohren und sie als Schwindlerin zu entlarven, und Kara war sehr bedacht darauf den Blickkontakt mit den auf Leinwand gebannten Adeligen zu vermeiden. Wenige Meter vor dem drohenden Tor ertappte Kara sich dabei, wie ihr Blick doch zum letzten Portrait auf der linken Seite des Korridors wanderte und dort für einen Moment lang hängen blieb. 


Ein blasser, dunkel gelockter Junge starrte ihr entgegen, die Brauen über den ebenso dunklen Augen leicht zusammengezogen. Er erschien ihr unnatürlich ernst für sein Alter, und ehe sie ihren Blick im Vorbeigehen losreißen musste, dämmerte es ihr langsam, wo sie diesen Blick schon einmal gesehen hatte: Arjuk Nystrad. Wie jedes Mal, wenn sie diesen Namen in ihren Gedanken wiederholte, machte sich ein schwaches aber beständiges Gefühl von Vertrautheit in ihr breit, dem sie aber nicht bis zu seiner Wurzel folgen konnte, bevor ein unnachgiebiger Nebel jeden klaren Gedanken unmöglich machte. Ob Arjuk wohl auf ihr falsches Spiel als angebliche Verlobte einsteigen würde? Oder würde er sie sofort vor seinem Onkel enttarnen? Ein Räuspern riss Kara aus ihren Gedanken, und sie beeilte sich wieder zu Hoarim aufzuschließen, der sich ungeduldig nach ihr umgedreht hatte. Auf ein Zeichen von ihm traten die Wachen vor und öffneten das schwarze Tor.


Der Blick auf den Thronsaal dahinter ließ Kara’s Atem stocken und einen Augenblick lang war sie von der Eleganz und Schönheit des Saales so abgelenkt, dass sie ganz vergaß, aus welchem Grund sie hier war. Mit vor Staunen geöffnetem Mund trat sie durch das Tor in diese vollkommen fremde Welt aus goldenem Licht und spiegelndem Marmor ein, bezaubert vom Widerschein der Kerzen in abertausenden Kristallen. Der hohe Raum strotze nur so von Reichtum und Macht und war gewiss so gestaltet worden, dass alle Gäste ausreichend Notiz davon nahmen.
“Mein Herr, Lady Miriana von Pirmarys”, hörte Kara Hoarim sagen und riss ihren Blick von den goldenen Ornamenten an der Decke. Vor ihr stand eine lange Tafel, an deren Kopfende ein Mann mit kantigem Gesicht, dunklen Locken und purpurfarbenem Umhang saß. Das musste also der Herzog von Kayro’kan sein, Vulun Dravarkesh. Der Herzog schickte mit einem knappen Nicken den Wachmann fort, mit dem er sich gerade noch leise unterhalten hatte, und stand langsam auf. 
“So, so… Lady Miriana von Pirmarys. Tretet näher”, sagte er mit einer Stimme, die Befehlen gewohnt war, und schickte gleichzeitig Hoarim mit einer Geste seiner Hand fort.
Etwas in Vulun’s Stimme und Körperhaltung versetzte Kara sofort in höchste Alarmbereitschaft. Ihr wurde schlagartig bewusst, dass sie ihre bisherige Situation vollkommen unterschätzt hatte, und das obwohl sie geglaubt hatte sie wüsste, auf was für ein gefährliches Spiel sie sich eingelassen hatte. Der Mann vor ihr war kein reicher, gelangweilter Einfaltspinsel, dem man so leicht etwas vorspielen konnte. Sein harter Blick und seine beiläufig lässige Gestik strahlten in Kara’s Bewusstsein vor allem eines aus: Gefahr. Obwohl sie sich fühlte wie eine Maus vor einer gefräßigen Schlange, bewegte sich Kara langsam auf den Herzog zu und versuchte ihre rasenden Gedanken unter Kontrolle zu bringen und ihren Herzschlag zu beruhigen. Sie hatte sich freiwillig in diese Situation gebracht, jetzt war es an der Zeit die Flucht nach Vorne anzutreten.


“Herzog Dravarkesh”, sagte sie und bat die Götter um stillen Beistand, “Es ist mir eine Ehre bei Euch zu Gast sein zu dürfen.” Demut, Verneigung, Knicks - das hatte ihr Dhanas eingeschärft - und auf keinen Fall den Kopf heben, bevor man angesprochen wurde! Ein paar quälend lange Herzschläge lang fühlte Kara nur den eisigen Blick des Herzogs auf ihr ruhen und verharrte in vollkommener Stille in ihrer Verneigung.
“Die Ehre ist ganz meinerseits”, sprach Vulun schließlich und erlöste Kara aus ihrer Starre.
“Immerhin hatte ich noch nicht das Vergnügen die Verlobte meines Neffen kennenzulernen.”
Kam es ihr nur so vor, oder hatte Vulun das Wort Verlobte ganz bewusst für den Bruchteil einer Sekunde lang hinausgezögert und seltsam betont? Sie versuchte sich an einem schüchternen Lächeln und wagte es einen Augenblick lang direkt in die bernsteinfarbenen Augen des Herzogs zu blicken. “Die Verlobung hat ja auch erst vor recht kurzer Zeit und im kleinsten Kreis stattgefunden und die beunruhigenden Ereignisse an den Grenzen Nomae’kans und in Noato selbst haben natürlich auch zu einer gewissen … Zurückhaltung beigetragen”, erklärte Kara und versuchte irgendeine Regung in Vulun’s Gesichtzügen zu erkennen. Doch der Herzog ließ in keinster Weise erkennen, was hinter seiner selbstsicheren Fassade vorging.
“Aber natürlich”, sagte er und setzte ein entwaffnendes Lächeln auf, “Das war bestimmt äußerst nervenaufreibend für Euch und Eure Familie.”
Vulun legte kurz den Kopf schief, so als ob er spontan über etwas nachdenken musste, und setzte dann nach: “Eure Eltern …  sie befinden sich doch wohl nicht etwa auch in Kayro’har?”
Kara schluckte und wusste, dass der Herzog nun jedes Wort von ihr auf die Goldwaage legen würde, wenn er auch nur den leisesten Verdacht hegte, sie würde nicht die Wahrheit sagen.
“Nein, meine Eltern - das heißt meine Mutter und mein Adoptivvater -  sind nach Nomae’har gereist, kurz bevor die ersten Truppen Noato erreichten und die Grenzen abriegelten.”
“Und wie kommt es dann, dass Ihr so unverhofft in Kayro’har gelandet und nicht mit Eurer Familie zusammen abgereist seid?”, wollte der Herzog mit aalglatter Stimme wissen.
“Nun, ich sollte meinen zukünftigen Ehemann und Noato trotz alledem noch etwas besser kennenlernen und hätte ein paar Tage später ebenfalls abreisen sollen. Doch niemand hatte gedacht dass sich die Lage so schnell zuspitzen würde…”
Kara strich sich verlegen eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht und hoffte, dass die angemessen betroffen aussah.
“Schließlich wurde allen bewusst wie ernst die Lage wirklich war, und Prinz Arjuk und ich verließen in letzter Sekunde die Stadt. Es war außerordentlich mutig und ehrenhaft von ihm, mir zur Flucht zu verhelfen. Ich stehe tief in seiner Schuld.”
“Welch eine rührende Geschichte”, Vulun seufzte und runzelte dann die Stirn, “Aber so erklärt mir doch bitte warum es meinen Neffen und Euch nun ausgerechnet nach Kayro’har verschlagen hat? Schlussendlich waren es ja meine Truppen, die Euch zur Flucht veranlasst haben…”
Auf diese Frage war Kara vorbereitet.
“Ihr kennt Euren Neffen sicherlich besser als ich, und wisst, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann kann ihn nichts mehr davon abbringen. Nach wenigen Stunden unserer Flucht hatte er sich bereits geschworen, diesen unnötigen Krieg um Noato zu beenden und Euch persönlich dafür zur Rede zu stellen … und dafür blieb uns nichts anderes übrig, als im Geheimen nach Kayro’har zu reisen.”
Das Körnchen Wahrheit, das sich in dieser gewagten Geschichte befand, gab ihr den nötigen Rückhalt um dem Herzog ohne zu Blinzeln eine weitere Lüge aufzutischen.
“Doch das Glück hat uns kurz vor den Stadttoren Kayro’hars verlassen, als uns dort plötzlich Schwarzmagier aufgriffen und vor Euren Palast zerrten. Bei ihrem grauenvollen Angriff muss ich wohl das Bewusstsein verloren haben”, sagte Kara und berührte demonstrativ die blauen Striemen an ihrem Hals, die Ariane nicht vollständig verstecken hatte können, “Und als ich wieder aufwachte, befand ich mich alleine unter Fremden in einem schwer bewachten Raum wieder.”

Vulun hatte nachdenklich die Arme vor dem Körper verschränkt und ließ einige Sekunden verstreichen, bevor auf Kara’s Bericht reagierte.
“Das sieht meinem Neffen tatsächlich ähnlich, dass er impulsive Entschlüsse fasst und sich damit von einer vertrackten Lage in die nächste manövriert.”
Kara atmete innerlich auf, als Vulun’s Lächeln diesmal auch seine Augen erreichte, und somit seinen raubtierhaften Ausdruck etwas menschlicher machte. Doch die Erleichterung hielt nur kurz an, denn Vulun fuhr mit unbeirrtem Lächeln fort: “Dennoch werdet Ihr sicherlich verstehen, dass ich Eure Geschichte zuerst überprüfen lassen muss, bevor ich dieser dramatischen Erzählung vollsten Glauben schenken kann.”
Da war es wieder, das Gefühl in einer schrecklichen Falle ohne Ausweg zu sitzen.
“Mein Neffe ist leider gerade etwas unpässlich, weswegen wir ihn erst etwas später in diesem Dilemma zu Rate ziehen können. Bis dahin steht Euch aber selbstverständlich grenzenlose Gastfreundschaft zur Verfügung, Lady Miriana.”
Kara schluckte. Wenn Arjuk mitspielte, dann hatte sie hoffentlich noch eine Chance den Herzog von ihrer Geschichte zu überzeugen. “Wo-”, sie räusperte sich und setzte mit etwas festerer Stimme erneut an, “Wo ist Arjuk? Geht es ihm gut?”
“Sagen wir so, er muss erst lernen mit seinen Kräften hauszuhalten und hat sich wohl etwas zu sehr verausgabt”, sagte Vulun mit einem rätselhaften Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Ärger, Belustigung und Stolz zu schwanken schien. Kara folgte dem Blick des Herzogs und sah plötzlich, dass einige Kronleuchter nahe dem großen Eichentor schwer in Mitleidenschaft gezogen waren und mehrere Kerzen vermissten. In einem Winkel war ein Bediensteter dabei möglichst unauffällig aber eilig einen Haufen Scherben zusammenzukehren und mit großen Tüchern den Boden zu trocknen. Die Scherben glänzten seltsam im Kerzenlicht. Oder war das etwa Eis?
Was zur Hölle hatte Arjuk bloß nun wieder angestellt...


Vulun’s Stimme riss Kara aus ihren Gedanken zurück:
“Keine Sorge, Arjuk ist in besten Händen. Ich lasse nach Euch rufen, wenn Euer Verlobter soweit ist euch zu sehen. Ihr fühlt Euch sicherlich in der Zwischenzeit im Kaminzimmer wohl. ” 
Mit einer lässigen Handbewegung winkte der Herzog die zwei Wachen, die Kara schon aus ihrem Gemach hierher begleitet hatten, wieder zu sich. Kara fühlte sich wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden geführt und verneigte sich erneut tief vor dem Herzog, der sie mit einem zufriedenen Lächeln beobachtete. Kara hätte gerne noch irgendetwas Bedeutsames erwidert um sich nicht vollkommen ausgeliefert zu fühlen, aber ihr Kopf war von einer bedrohlichen Leere erfüllt. So beschränkte sie sich darauf wortlos möglichst ungezwungen zu Lächeln und drehte sich dann in die Richtung, in welche die Wachen geduldig deuteten. Als sie sich nach wenigen Schritten noch einmal zum Herzog umdrehte, sah sie wie sich die Gestalt eines jungen Mannes aus dem Schatten einer Säule löste und schnurgerade auf Vulun zuging. Kara’s Herz versuchte erneut ihren Brustkorb zu sprengen, als sich just in diesem Moment ihre Blicke kurz kreuzten und ein selbstgefälliges Grinsen auf dem Gesicht des jungen Mannes erschien. Die kantigen Gesichtszüge und die Körperhaltung ließen keinen Zweifel aufkommen: das Raubtierhafte lag in der Familie Dravarkesh.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Beitrag #68 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Der Aufstand brach in sich zusammen, nachdem Krasimir der Schwarze eines der Dörfer niederbrannte. Seitdem ging nie wieder eine Revolte vom Südwesten des Landes aus.

Arjuk klappte das Buch zu und legte es auf den Bücherstapel neben sich auf der Parkbank. Er hatte erst einen Bruchteil der Familienchronik des Hauses Dravarkesh durchgeblättert, doch das reichte ihm bereits. Hatten seine Vorfahren nichts anderes im Sinn gehabt, als zu morden und zu plündern? Jeden kleinsten Vorwand nutzten sie als Anlass für militärische Auseinandersetzungen und die Verbissenheit, mit denen diese nutzlosen Schlachten geführt wurden, ließ Arjuk erschaudern. Das also war seine Familie.

Verstohlen blickte er sich im Park um. Seine Bewacher waren gut, sehr gut. Auf den ersten Blick schien er alleine in der weitläufigen Anlage zu sein. Man musste schon genau hinsehen, um zwischen Marmorstatuen, Wasserspielen und Blumenstauden die Leibgardisten zu erspähen, die ihn nicht einen Moment aus den Augen ließen. Nachdem Arjuk zähneknirschend versprochen hatte, sich zu schonen und keine unüberlegten Aktionen zu machen, hatte Vulun seinem Neffen gestattet, sich im inneren Ring des Palastes frei zu bewegen. Sofern „frei“ der richtige Ausdruck war, wenn einem auf Schritt und Tritt Spezialeinheiten folgten und die Tore zum äußeren Ring mit doppelter Besetzung bewacht wurden.

Arjuk blickte an dem Springbrunnen hinauf. Der Brunnen bildete den Mittelpunkt des Parks. Von hier aus breiteten sich säuberlich abgezirkelte Blumenmuster und Hecken aus. Zahlreiche Tiere und Götter rankten sich in Marmor gehauen an dem Brunnen empor, doch auf der Spitze der Skulptur stand natürlich ein Dravar’kesh, ein junger, schneidiger, der verwegen in die Ferne blickte. Nicht nur trug er das Wappen der Dravarkeshs auf seinem Schild, zu seinen Füßen wand sich darüber hinaus noch eine geschuppte, drachenartige Echse. Der verwegene junge Dravarkesh hätte sicher keine Probleme gehabt, eine magische Waffe zu benutzen. Der Chronik nach besaßen die Dravarkeshs ein Naturtalent für Waffen. Arjuk dagegen kam keinen Millimeter weiter. Er konnte alles Mögliche aus Eis herstellen, aber nichts davon würde ihm gegen eine Horde Schwarzmagier weiterhelfen – und nach einer Weile begann er am ganzen Körper zu zittern und verfiel einem bodenlosen Hunger. Irgendetwas fehlte ihm. Ein entscheidender Hinweis. Ein Schlüssel. Eine Brücke.

Arjuk nahm das letzte Buch von dem Stapel, den sein Onkel ihm gegeben hatte. Auf dem Einband prangte das Symbol der Schwarzen Gilde. „Geschichte der Schwarzen Schule der Magie“. Wieder stieg die Wut in ihm hoch, kochend, unbändig… Um seine Kräfte zu schonen, hatte er hier im Park, wo er alleine war (oder fast alleine), die Kälte weitgehend heruntergefahren. Jetzt fühlte es sich beinahe ungewohnt an, wieder Wut zu spüren. Arjuk zwang sich, das Buch aufzuschlagen. Seitenlang sahen ihm die fein gezeichneten Gesichter der verschiedenen Vorsteher der Schwarzen Gilde gegenüber, begleitet von einem Text, der ihre Lebensgeschichte darlegte. Arjuk blätterte durch bis zum letzten Bild. Er starrte den Mann an, der seinen Vater gefangen hielt, und versuchte, den Text zu lesen, um etwas über seinen Feind zu erfahren. Doch nach wenigen Zeilen warf er das Buch von sich. Es war zu viel. Purer Hass schoss ihm durch die Adern, vernebelte seinen Blick, nahm ihm den Atem.

Arjuk tastete nach dem Ring in seiner Brusttasche, der eine tröstende Kühle ausstrahlte. Langsam beruhigte sich sein Atem.

Nein, er hatte genug gelesen, sinnlos in den alten Seiten geblättert. Er würde mit dem arbeiten müssen, was er hatte. Und als erstes würde er diesem schleimigen Dravarkesh das Lächeln von den Lippen fegen. Mit einem Ruck stand er auf und schritt zu dem Brunnen mit der Marmorstatue. Ein einzelner Gedanke genügte, um aus dem Wasserbecken feinen Schnee aufsteigen zu lassen. Schon war der marmorne Dravarkesh mit Eis überzogen. Schicht um Schicht hüllte Arjuk seinen Vorfahren in Eis. Es war, als ob er selbst eine neue Skulptur schuf. Nach und nach wurde aus dem Körper ein Baumstamm, aus den Armen und dem Kopf ließ er eine breite knorrige Baumkrone wachsen. Gestern hatte er von einer prächtigen Weißblatteiche geträumt, das hatte ihm gefallen. Es sah toll aus, wie der Baum aus dem Wasser emporwuchs. Eine Weile vergnügte sich Arjuk damit, Vögel, Früchte und Insekten in die Baumkrone zu setzen.

Dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk. Es war wirklich gut. Und es hatte ihn kaum Mühe bereitet. Wie blöd, dass er die Schwarzmagier wohl kaum mit Eisskulpturen bezwingen konnte. Arjuk seufzte. Er stammte aus einer Dynastie, die von Brutalität nur so strotzte, und alles was er mitbrachte war eine künstlerische Ader.

Etwas Feuchtes berührte seine Finger und Arjuk zuckte zusammen. Ein Hund stand schwanzwedelnd neben ihm und beschnüffelte winselnd Arjuks verletzte Hand.
„Wo kommst du denn plötzlich her?“, fragte Arjuk. Er ging neben dem Hund in die Knie und hielt ihm vorsichtig die Hand hin. Das sandfarbene Fell war bereits stumpf, um die Schnauze herum ergraute es. Auf der Stirn verteilten sich schwarzen Sprenkel, als hätte jemand ein Tintenfass umgestoßen.

„Warte… Razzkar? Bist du das etwa?“

Der Hund winselte leise. Arjuk traute seinen Augen kaum. Razzkar war noch ein Welpe gewesen, als Arjuk mit ihm gespielt hatte. Nun war er alt und gebrechlich, und dennoch schien sich das Tier noch an Arjuk zu erinnern.

Arjuk lachte und zottelte dem Hund übermütig das Fell, was dieser mit begeistertem Schwanzwedeln quittierte. Es war schön, wenigstens einen Freund hier zu haben, dem er vertrauen konnte. Das Fell lag weich unter seinen Händen, und darunter bewegten sich Muskeln, pulsierte Blut, Leben… Einen Moment lang blitzte ein filigranes goldenes Muster vor Arjuks Augen auf, das Netz des Lebens, und darin schimmerte eine tiefe Kraft… wie ein Feuer. Dann war das Bild verflogen.

In diesem Moment erklangen hinter ihm Stimmen. Es waren Vulun und Jarmak, die vom Palast her die große Freitreppe herabkamen und auf ihn zuschlenderten. Schnell trat Arjuk vom Brunnen zurück.

„Verplemperst du deine Kräfte wieder mit diesem Firlefanz?“, rief Jarmak schon von weitem, als er die Eisskulptur auf dem Brunnen sah.

Ein schmales Lächeln trat auf Arjuks Gesicht. Sein Cousin war immer der Stärkere gewesen, und er hatte sich nicht gescheut, diesen Vorteil auszunutzen. Aber diese Zeiten waren vorbei. Arjuk musste sich noch nicht einmal zu dem Brunnen umdrehen, um die Gestalt der Skulptur zu verändern. Das Eis schmiegte sich nun wieder der Form der Marmorstatue an, in der Form des schneidigen Dravarkesh-Helden. Auch um die Echse neben dem Helden wuchs ein Eispanzer, größer, höher, mit einer langen zähnebesetzten Schnauze, bis das Eis schließlich stehen blieb: Die Echse schlug ihre Kiefer tief in den Hintern des Helden, und der Held trug Jarmaks Gesicht.

Zufrieden registrierte er, dass Jarmak rot vor Wut wurde. Vulun dagegen setzte ein schmieriges Lächeln auf. „Ah, mein Neffe, fleißig wie immer“, sagte er. „Wie ich sehe, hast du bereits viel gelernt. Waren dir die Bücher eine Hilfe?“

„Dörfer auslöschen und Ernten vernichten ist nicht gerade das, was ich unter Inspiration verstehe“, gab Arjuk zurück. „Möglich, dass sich unser Geschmack hier unterschiedet.“
Vulun überhörte die Spitze mit einem flachen Lächeln. Sein Blick blieb an dem Hund hängen, der sich wie selbstverständlich neben Arjuk niedergelassen hatte. „Und wie ich sehe, hast du auch einen Freund gefunden.“

„Nun komm schon zur Sache, Vater.“ Jarmak warf einen missmutigen Blick auf die unvorteilhafte Statue von ihm und vergrub die Hände in den Taschen. Sicherlich waren sie zu Fäusten geballt.

„Mein Sohn ist wie immer direkt wie seine Messer.“ Vulun lächelte beinahe entschuldigend. „Nun, Arjuk, uns hat vor einiger Zeit die Nachricht erreicht, dass du verlobt bist.“

Arjuk runzelte die Stirn. „So ist es“, sagte er vorsichtig.

Was in aller Welt sollte das jetzt? Wollte sein Onkel ihn erpressen? Ködern? Verwirren? Nun, wenn Vulun glaubte, der Gedanke an die blasse Miriana mit ihrem schrillen Lachen würde ihn aus der Fassung bringen, dann hatte er sich geirrt.

„Leider hatte ich nicht die Freude, deine Verlobte kennenzulernen, daher befinden wir uns in einer, nun, etwas verworrenen Situation…“, holte Vulun umständlich aus.

Jarmak schien nun der Kragen zu platzen mit seinem weitschweifigen Vater. „Da ist ein Mädchen, das behauptet, sie sei Miriana von Pirmarys. Sie sagt, ihr seid gemeinsam aus Noato geflohen, und bei dem Angriff des Schwarzmagiers habt ihr euch verloren. Nur wissen wir nicht, ob das wirklich stimmt. Du musst ihr selbst begegnen.“

Jetzt wurde Arjuk klar, was vor sich ging. Milena versuchte wieder, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Dieses Mal gab sie sich nicht als einfaches Mädchen aus, sondern als Adelige. Nun, das Theaterstück würde ihr sicher genauso formvollendet gelingen wie zuvor. Aber dieses Mal wusste er, wer sie wirklich war. Eine Magierin. Eine Spionin. Eine Lügnerin.
Stechender, alles vernichtender Schmerz durchzuckte seine Hand. Razzkar winselte leise und leckte sanft an der verwundeten Hand, doch dann sprang der Hund erschrocken zurück, als Arjuk die Kälte heraufbeschwor und sie zu einem Handschuh aus Eiskristall formte. Es war die Wut, die ihm zusetzte, und er musste sie ersticken. Mit jedem Mal schien der Schmerz stärker zu werden.

Vulun beobachtete ihn genau. Bevor sein Onkel noch weitere Schlüsse ziehen konnte, richtete Arjuk sich auf. „Ich will sie sehen“, sagte er. Unauffällig lehnte er sich gegen den Brunnen, denn seine Knie begannen schon wieder zu zittern. Er tätschelte Razzkar den Kopf, um einen Vorwand zu haben, den Kopf zu senken und unbemerkt die Augen zu schließen. Kurz kämpfte er gegen das Schwindelgefühl an, das ihn zu übermannen drohte. Er hörte, wie das Tor zum Palast geöffnet wurde, hörte Röcke rascheln. Nystrad. Er rief sich das Bild des Prinzen vor Augen und sammelte seine Kräfte.

„Lady Miriana.“ In vollendeter Haltung verneigte sich Prinz Arjuk y Nystrad und trat auf die Dame zu, aufrecht und scheinbar unberührt von den Wendungen des Schicksals. Dann schnellten seine Brauen in die Höhe.

Nachtblaue Röcke strichen über die Treppenstufen; hunderte kleine goldene Sonnen überzogen den Stoff und blitzten fröhlich im Sonnenlicht auf. Nein, es war nicht Miriana von Pirmarys, die sich sichtlich eingeschüchtert in dem Garten umblickte. Aber es war auch nicht Milena. Es war Kara.

Hinter Arjuk ertönte ein lautes Platschen. Die Eisskulptur zerschmolz in einem einzigen Augenblick und fiel als Wasser in den Brunnen zurück. Mit Kara hatte er als allerletztes gerechnet. Noch dazu hatte er im Dämmerlicht der Bibliothek nicht im Geringsten geahnt, wie schön sie war. Sie blickte zwischen dem Brunnen, Fürst Vulun und Jarmak hin und her. Dann richteten sich ihre tiefblau strahlenden Augen auf Arjuk. Unruhig fingerte sie an dem kunstvoll geflochtenen Zopf, der ihre kastanienbraunen Locken in Form brachte.

Vulun blickte Arjuk fragend an, und er nickte schwach. Für einen kurzen Moment hob Vulun die Brauen, als sei er überrascht, dass dieses Mädchen wirklich die Dame sein sollte, für die sich ausgab. Arjuk konnte es ihm nicht verübeln. Er kannte Kara nicht, aber er war sich sicher, dass sie nicht aus hohem Hause stammte. Welcher Wahnsinnige hatte sie dazu getrieben, sich als Adelige auszugeben? Die Paläste Athalems waren voller ungeschriebener Etikette, Regeln und bedeutungsschwerer Andeutungen, die Kara unmöglich kennen konnte. Wer missbrauchte Kara derart für seine Zwecke? Arjuk spürte schon wieder die bodenlose Wut, aber er musste sich jetzt konzentrieren. Um Karas Willen.

„Lady Miriana“, grüßte Vulun aalglatt. „Es ist mir eine Ehre, Euch in meinem bescheidenen Heim begrüßen zu dürfen. Bitte verzeiht mir, dass ich unter den ... besonderen Umständen zuerst Sicherheit darüber erlangen musste, dass Ihr wirklich die Verlobte meines Neffen seid.“ Er ergriff die Hand der jungen Frau und führte sie ehrerbietig an seine Lippen. Einen schrecklichen Moment lang schien es, als ob Kara nicht wüsste, was sie mit dieser Geste anfangen sollte. Dann, kurz bevor Arjuk drauf und dran war einzugreifen, schien sie sich daran zu erinnern, was die Etikette von ihr verlangte. Sie neigte demütig den Kopf und vollführte einen eher unbeholfenen Knicks, bevor sie sich aus Vulun's Handkuss löste.

Arjuks Gedanken rasten. Ob Milena dahinter steckte? Ob sie versuchte, Kara als Spionin zu benutzen? An sich war es ein kluger Schachzug, sich als Miriana von Pirmarys auszugeben. Sie war die Tochter eines einflusslosen Grafen im äußersten Westen von Nomaekan, daher hatte Vulun sie nie zu Gesicht zu bekommen. Wahrscheinlich erinnerte er sich nicht einmal an diese bedeutungslose Familie. Aber würde Milena wirklich ein Mädchen aus dem einfachen Volk als Adelige verkleiden? So dumm war sie doch nicht, oder? Hatte sie Kara womöglich mit einem Hypnosezauber ausgestattet, der die Menschen in ihrem Umfeld in ihren Bann zog?

Eine Hypnose wäre jedenfalls eine willkommene Erklärung dafür, warum er sich gerade benahm wie der letzte Idiot. <Miriana> blickte ihn erwartungsvoll an, während er sie nur stumm angaffte. Arjuk räusperte sich verlegen.

„Milady. Ihr … ähm… Ich…“

Verzweifelt musterte er Kara auf der Suche nach einem höflichen Kompliment, das er über die Lippen bringen würde, ohne sich hoffnungslos zu verhaspeln. Sie erwiderte seinen ratlosen Blick mit fast unmerklich hochgezogenen Augenbrauen, schien einen Moment lang zu überlegen, und strahlte dann plötzlich über das ganze Gesicht.

„Arjuk!“, platzte sie heraus. „Wie erleichtert ich doch bin, dich wohlauf zu sehen! Ich habe mir große Sorgen um dich gemacht.“

Arjuk war nicht weit davon entfernt, sich mit der flachen Hand vor die Stirn zu schlagen. Nein, sie stammte eindeutig nicht aus hohem Hause. Immerhin erlöste ihr überschwänglicher Auftritt ihn aus seiner Starre.

„Danke, ich bin wohlauf und auch froh darüber, dich zu sehen“, brachte er endlich hevor. Da sie ihn viel zu vertraulich und formlos angesprochen hatte, blieb ihm kaum etwas anderes übrig, als sich dieser Form anzuschließen. In ihren Augen blitzte Erleichterung auf.

Natürlich war Vulun nicht entgangen, dass die angeblich Verlobten gerade alle Formen der Höflichkeit mit Leichtsinn sprengten. „Was für ein reizendes Paar, findest du nicht, Jarmak?“, bemerkte der Herzog. Sein Ton war aalglatt, doch darunter lauerte ein Raubtier. Arjuk glaubte fast, den Luftzug zu spüren, mit dem der Panther seinen Schwanz hin- und herschlug.

„Erstaunlich, wie nahe sie sich bereits stehen. Dabei berichteten mir meine Informanten doch von einer unterkühlten Beziehung.“

„Informanten…“ Arjuk hob die Brauen, doch währenddessen lachte Kara bereits auf. „Bis vor kurzem hatten eure Informanten auch Recht“, flötete sie. Mit wenigen Schritten stand sie neben Arjuk und hängte sich an seinen gesunden Arm. „Doch eine gemeinsame Flucht, tagelanges Ausharren in einfachsten Verhältnissen, was soll ich sagen? Wir haben bemerkt, dass wir wohl doch mehr gemeinsam haben als zuerst gedacht.“

Arjuk blieb nichts anderes übrig, als verlegen den Blick zu senken, während sich sein Gesicht vermutlich gerade die Farbe einer reifen Tomate annahm. Das war also die Geschichte, die sich Kara ausgedacht hatte… oder die Person, die hinter dem ganzen Theater stand.

Vuluns Ausdruck war noch immer von einer höflichen Leere, doch zumindest Jarmak schien bereits überzeugt zu sein. „So hatte der Krieg also auch einige unerwartet positive Seiten“, sagte er mit einem verschmitzten Grinsen.

Arjuk presste die Kiefer aufeinander, Kara brachte ein Lächeln zustande, das irgendwo zwischen betörend und gequält pendelte, Jarmak feixte und Vulun musterte die Szene mit seinem durchdringenden Habichtblick. Keine Frage: Sie mussten weg hier, und das schnell.

„Wenn ihr uns entschuldigt, Onkel… ich würde Lady Miriana gerne den Hängenden Garten zeigen“, sagte Arjuk schnell.

Er hatte die Hängenden Gärten bislang gemieden, denn es war der Lieblingsort seiner Mutter gewesen. Aber er brauchte einen Ort mit etwas Privatsphäre. Und der Garten würde Kara sicherlich gut gefallen.

Sofern er das beurteilen konnte. Und das konnte er nicht.

Arjuk zwang sich, sich daran zu erinnern, dass er Kara erst wenige Stunden kannte und ihr nicht einfach so blind vertrauen konnte. Aber es fiel ihm schwer, wenn sie ihn mit diesem halb fragenden, halb neugierigen Blick von der Seite ansah. Es erinnerte ihn plötzlich so sehr an Jo.

Vulun versuchte sie zwar noch, mit seinem Geplänkel aufzuhalten, ließ sich aber schließlich überzeugen. Als sie sich zum Gehen wandten, bemerkte Arjuk erleichtert, dass sich Kara tatsächlich bei ihm einhängte, wie man es von einer Dame erwartete. Schweigend spazierten sie in die Parkanlage hinein, gefolgt von den Leibwächtern, die sich nun jedoch taktvoll zurückfallen ließen und nur noch einen sehr weitläufigen Kreis bildeten. Vielleicht war die Sache mit der Verlobung doch keine so schlechte Idee, denn wie sonst hätten sie auch nur annähernd ungestört sprechen können?


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Beitrag #69 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Kara ließ sich von Arjuk zügigen Schrittes durch den Palastgarten führen und erlaubte sich einen kurzen Moment der Erleichterung. Der Prinz hatte sie nicht vor seinem Onkel enttarnt, sondern war auf ihr improvisiertes Schauspiel eingestiegen. Der erste und wichtigste Schritt hatte also geklappt -  wenngleich Kara auch nicht die leiseste Ahnung hatte, wie es nun weitergehen sollte. Sie war jedenfalls mehr als nur froh darüber, den kritischen Augen des Herzogs zu entkommen. Dieser hatte subtil aber dennoch deutlich genug zu verstehen gegeben, dass er trotz Arjuks Zeugnis immer noch seine durchaus berechtigten Zweifel an der Geschichte hegte, die sie ihm aufgetischt hatte. Mit jeder Minute, die Kara im Palast verbrachte, wuchs das Gefühl, dass sie schleunigst wieder verschwinden sollte, sobald sie die Antworten hatte, nach denen sie suchte.

Sie warf einen verstohlenen Blick zu dem Prinzen. Sie hatte sich nur locker bei ihm eingehängt, doch er drückte ihren Arm gegen sich, als fürchtete er, sie würde weglaufen. Sein Blick ging starr geradeaus, und Kara sah, dass unter seiner Haut die Kieferknochen nervös mahlten. Das wird ein interessantes Gespräch, dachte sie und seufzte innerlich.

Die weiten Röcke ihres Kleides strichen ihr um die Beine und streiften hie und da exotische Pflanzen, die ihre Blütenpracht in den Himmel reckten. Ein betörender Duft lag über den sorgfältig angelegten und penibel gepflegten Beeten, die sich rund um den gewundenen Kiespfad ausbreiteten. Insekten schwirrten von Blüte zu Blüte und erfüllten die Luft mit einem geschäftigen Summen, das der Stille Leben einhauchte. In regelmäßigen Abständen fanden sich steinerne Bänke und überdachte Pavillons am Wegesrand, und der Garten war sichtlich zum Verweilen und Flanieren angelegt worden. Doch außer Arjuk und ihr befand sich derzeit keine andere Menschenseele im Park. Abgesehen von dem alten Hund, der hechelnd hinter ihnen hertrottete… und den Leibwachen. Kara drehte sich beiläufig um und war zwar leicht beunruhigt, dass ihnen immer noch ein halbes Dutzend Wachen folgte, zugleich aber erleichtert, dass sie sich in einem respektvollen Abstand zu ihnen bewegten und ihrer Arbeit sichtlich entspannt nachgingen. Sie wusste zwar nicht, ob diese Leibgarde üblich war, hatte aber den Eindruck, dass selbst der Prinz normalerweise nicht dauerhaft so gut bewacht im Palastgarten unterwegs war. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr auch, dass die Stimmung zwischen Vulun und Arjuk schon vor ihrem Eintreffen angespannt gewesen war. Es schien also noch weitaus mehr im Busch zu sein, als sie ahnen konnte.

Der Prinz hatte ihren Blick zu den Gardisten offenbar bemerkt. “Keine Sorge, die kriegen wir noch auf Abstand”, sagte er leise.

Er blieb vor einem hohen Spalier stehen, dessen kunstvoll geschmiedeten gusseisernen Schnörkel beinahe unter der Blütenpracht einer blutroten Rosenpflanze verschwanden.

“Wow...” Trotz ihrer Anspannung konnte Kara nicht anders, als bewundernd über die üppige Kletterpflanze zu blicken. “Das sieht wunderschön aus!”

“Oh, das ist erst der Anfang.” Ein Schmunzeln huschte über Arjuks Gesicht, wich aber gleich wieder einer ernsten Miene. “Wenn alles noch so ist, wie ich es in Erinnerung habe, weiß ich einen Ort, wo wir reden können.” Er unterbrach sich. “Razzkar! Komm her!”

Der alte Hund hatte das Spalier beschnuppert und wollte gerade sein Bein heben, doch als der Prinz ihn rief, gehorchte er aufs Wort.

“Brav.” Arjuk streichelte ihm den Kopf, was dem Hund sichtlich gefiel. An Kara gewandt sagte er, etwas lauter: “Verzeih mir, Miriana, das Tier hat schon bessere Zeiten gesehen. Razzkar ist ein alter Freund aus Kindertagen. Ich hoffe, er stört dich nicht.”

“Ähm… nein, ganz und gar nicht”, murmelte Kara verwirrt. Arjuk war gekleidet wie ein Prinz, sprach wie ein Prinz, ging aufrecht wie ein Prinz… und dann kamen plötzlich solche Dinge, die überhaupt nicht dazu passten. Der alte Hund mit seinem stumpfen Fell und der elegante gekleidete Adelige hätten ungleicher nicht sein können, und doch schien sie ein unsichtbares Band zu verbinden.

Dann legte Arjuk seinen gesunden Arm um ihre Schultern und führte sie durch das Spalier. Trotz der vertraulichen Geste jagte es Kara plötzlich einen kalten Schauer über den Rücken und sie musste all ihre Beherrschung aufbringen, um unter der Berührung nicht zusammen zu zucken. Sie wusste nicht, was sie nervöser machte, Arjuk’s Vorsicht oder sein schrecklich überzeugendes Schauspiel, das es ihr unheimlich schwer machte zu erkennen, was wirklich in ihm vorging. In manchen Momenten war er scheinbar ganz der galante Gentleman, in manchen Momenten nur ein unbeholfene Junge, und in manchen Momenten… war da plötzlich gar nichts mehr, keine Regung, keinerlei Persönlichkeit, nur eine eisige Kälte, die sich fast physisch um ihn auszubreiten schien. Als sie das Spalier schließlich hinter sich ließen und sich der Blick auf die Parkanlage öffnete, vergaß Kara ihre Nervosität.

“Willkommen in den Hängenden Gärten, Miriana. Endlich kann ich sie dir zeigen.”

Vor ihr öffnete sich ein Tunnel aus Grün und Gold. Der weiß gekieste Pfad war mit einem Gitter überspannt, das über und über von einer gelb blühenden Winde überwuchert war. Die anmutigen Blüten leuchteten wie kleine Sonnen zwischen den sattgrünen Blättern. Durch das Dickicht ertönte das Säuseln tausender Blätter und Blüten im Wind, das Summen von Insekten und das ferne Plätschern von Wasser.

Kara konnte nur staunend um sich blicken, während Arjuk sie tiefer in das Labyrinth hinein führte. Allmählich begriff sie, dass überall über den Wegen und zwischen den Bäumen Gitter aufgespannt waren, an denen sich verschiedene Pflanzen empor rankten. Zwischendurch öffnete sich das grüne Dach für ein Spalier oder für einen Goldregenbaum. Die Hängenden Gärten - dieser Name war wörtlich gemeint.

Manche Gänge lagen schattig vom Efeu verhüllt, weiß getupft von kleinen sternförmigen Blüten, die aus herabhängenden Pflanzschalen quollen. In anderen Gängen wucherten farbenfroher Wein und die gelbblühende Winde um die Wette und verschmolzen zu einem schwindelerregenden Farbenspiel aus rot, orange und grün. Einmal erhaschte sie einen Blick in einen Rosengang, aus dem ihr ein so schwerer süßer Duft entgegen schlug, dass ihr beinahe schwindelte. Sie war froh, dass Arjuk einen anderen Weg wählte und sie einen der schlichteren Pfade entlang führte. Eine alte Mauer säumte den Weg, und über die Mauer und das Gitter über ihren Köpfen rankten sich die knorrigen Äste eines Blauregens. Seine traubenförmigen Blütendolden wiegten sich als hellblaue Tupfen in der Brise und malten ein komplexes Spiel aus Licht und Schatten auf den Weg. Das Wasserrauschen wurde nun lauter, und schließlich öffnete sich der Weg zu einem kleinen Platz. Er war umgeben von Rankgittern und Mauern, auf denen sich der Blauregen ausbreitete, und an einer Stelle türmten sich Felsblöcke auf um einen künstlichen Wasserfall zu bilden, der sich in einen großzügigen Seerosenteich ergoss.

Arjuk deutete zu einer Bank am Teich, direkt neben dem Wasserfall.

“Dort können sie uns wohl kaum belauschen”, sagte er leise.

Kara nickte anerkennend, löste sich von Arjuk's Seite und hob ihre Röcke leicht an, um sich umständlich auf die Bank zu setzen. Der Schachzug mit dem Wasserfall war eine sehr schlaue Idee, der Prinz wusste sichtlich, was er tat. Die Wachen begnügten sich damit, in einiger Entfernung die Wege zu blockieren, die von dem kleinen Platz fortführen. Kara hatte das erste Mal seit ihrem Eintreffen im Palast das Gefühl, dass sie nun nicht konstant beobachtet und belauscht wurde.

"Danke", sagte sie, und lächelte Arjuk vorsichtig an. 

“Wofür?” Der Prinz verschränkte die Arme vor der Brust und starrte sie mit ernst zusammengezogenen Brauen an. Er machte keine Anstalten, sich zu ihr zu setzen. Der Hund Razzkar hatte sich ganz selbstverständlich neben dem Prinzen niedergelassen und blickte Kara ebenfalls aus seinen triefenden Augen an, als wolle er die Geste seines Herrchens unterstreichen.

Kara räusperte sich verlegen.

“Danke dafür, dass du mich nicht gleich hast auffliegen lassen." 

“Um aufzufliegen brauchst du meine Hilfe nicht”, entgegnete Arjuk trocken. “Das schaffst du schon ganz alleine. Das hier ist eine ziemliche Schnapsidee. Und ich nehme nicht an, dass sie von dir stammt.”

Er schien halb belustigt, halb wütend zu sein. Sein Blick erinnerte Kara unangenehm daran, dass sie sich in diese ganze Situation nur begeben hatte, um Informationen von ihm zu erlangen und dass dieser Plan schlicht und einfach furchtbar schief laufen konnte, wenn Arjuk ihr nicht vertraute.

"Äh also ich -" begann sie unsicher und wickelte gedankenverloren das Ende ihres Zopfes um ihre Finger, doch diese Geste machte ihr die eigene Nervosität nur noch deutlicher bewusst anstatt sie zu beruhigen. Der Prinz betrachtete sie regungslos und mit steinerner Miene.

Kara setzte zu einem tiefen Seufzer an, doch ihre Rippen stießen sofort auf die unnachgiebigen Grenzen ihres Korsetts. 

"Du hast Recht”, gab sie schließlich zu und wagte einen Blick in Arjuk’s Gesicht, aus dem sein berechnender Blick sie fixierte, “Es war tatsächlich nicht meine Idee, mich hier so einzuschleusen. Es war der irre Bibliothekar, Dhanas, der mich geschickt hat um dich auszuhorchen.”

“Dhanas…”, knurrte Arjuk, “Ich hätte den Alten wohl doch aus dem Verkehr ziehen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte.” 

Eiskalter Hass schlug Kara entgegen. Die plötzliche Kälte in seinem Blick ließ sie frösteln und die Haare auf ihren Armen begannen zu Berge zu stehen. Dieser Ausdruck stand ihm ganz und gar nicht… Sie beeilte sich fortzufahren:
“Aber das ist nicht der Grund warum ich wirklich hier bin. Du musst mir bitte glauben, ich möchte mit Dhanas und seinen Plänen nichts weiter zu tun haben." 

Arjuk schnaubte amüsiert.
“Ach, willst du vielleicht doch lieber deinen vorigen Auftrag abschließen und mich erneut daran erinnern, dass Milena mir auf den Fersen ist? Oder vielleicht hast du gar noch jemand anderen aufgetrieben, der mir ebenfalls das Leben schwer machen will?”
Der Sarkasmus tropfte geradezu so aus seinen Worten.

Bei den Göttern, hatte der Prinz überhaupt irgendwelche Freunde, oder war die ganze Welt gegen ihn verschworen? 
Kara seufzte tief. So wurde das nichts. Arjuk’s dunkle Augen mit den zusammengezogenen Brauen kamen ihr so verdammt vertraut vor, dass ihr fast mulmig wurde. Hatte er sie etwa schon einmal so angestarrt?

“Setz dich doch, bitte”, sagte sie und rutschte ein wenig zur Seite, um ihm Platz auf der Bank zu machen. “Wir sind doch verlobt, schon vergessen?”

Arjuk sah sie einen Moment ausdruckslos an, dann zuckte er mit den Schultern. “Klar. Verlobt.” Er ließ sich neben Kara nieder und blickte sich noch einmal zu den Wachen um, die aber in dem üppigen Garten kaum mehr auszumachen waren. “Also. Bringen wir es endlich hinter uns. Was ist dein Auftrag, Kara?”

Sie warf einen nervösen Blick zu Arjuk, der äußerlich wieder die beherrschte Fassade des Prinzen angelegt hatte. Doch sie spürte, dass sie weiterhin auf einem sehr schmalen Grat wanderte.

"Nun, also dass Milena mich in die Bibliothek geschickt hatte, um Andamir zu finden weißt du ja bereits", sagte sie. Bei der Erwähnung von Milena zuckten Arjuk's Mundwinkel gefährlich und Kara beeilte sich, schnell fortzufahren. "Von ihren Beweggründen weiß ich aber nichts. Sie hat mir geholfen und ich stand in ihrer Schuld, also habe ich diese Aufgabe übernommen, ohne zu wissen was dahinter steckt."

"Das sieht ihr ähnlich…", murmelte Arjuk grimmig und sein Gesicht sprach offene Bände, dass er auf Milena mehr als nur schlecht zu sprechen war. 

"Da Andamir nun wohl unauffindbar ist, sehe ich meine Schuld erstmal als beglichen und was zwischen euch vorgeht geht mich nichts an", versuchte Kara die Situation zu glätten und hoffte, dass sie nicht von einem Fettnäpfchen ins nächste treten würde. "Dann war dieser … Vorfall mit dem Schwarzmagier, alles ging drunter und drüber", Kara berührte geistesabwesend die Verletzung an ihrem Hals, "Und ich fand mich plötzlich im Palast wieder, eingesperrt mit diesem verrückten Alten, Dhanas."
Diesmal hatte Kara Arjuk’s Reaktion vorausgesehen und wunderte sich nicht über seine aufgeblähten Nasenflügel, als sie den Namen des verschlagenen Bibliothekars aussprach. Wenigstens schien seine Wut nun wieder halbwegs unter Kontrolle zu sein, und so fuhr Kara fort:

"Jedenfalls hat Dhanas mir eine wilde Geschichte aufgetischt, und wenn von dieser Geschichte auch nur die Hälfte wahr ist, dann bist du in größter Gefahr, Arjuk. Er sagte mir, du bist der Erbe eines magischen Rings, der dir im schlimmsten Fall deine Lebenskraft entzieht und dich umbringen kann. Schlimmer noch, Dhanas hofft sogar, dass es soweit kommt und du durch den Ring getötet wirst - sonst ist es sein selbst erklärtes Ziel, das eigenhändig zu erledigen. Aber den Teil weiß du wohl schon…"

Kara erinnerte sich an den Überfall des Bibliothekars und an seine Skrupellosigkeit. Für ihn stand fest, dass Arjuk beseitigt werden müsste - ein Gedanke, der Kara einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Ein kurzer Blick zu Arjuk zeigte ihr überraschenderweise, dass der Prinz keineswegs überrascht war. Stattdessen schien er seltsam unbeeindruckt von dem, was Kara gerade erzählt hatte. 

"Ähm…  ja. Und Dhanas war irgendwie fest davon überzeugt, dass…äh… wie soll ich sagen…", Kara versuchte verzweifelt eine möglichst unverfängliche Formulierung zu finden, "... dass ich es wohl leicht hätte dein Vertrauen zu gewinnen. Deshalb hat er diesen verrückten Plan mit der falschen Verlobung geschmiedet um mich an dich ran zu bringen und für ihn zu spionieren, damit er seine kranken Pläne umsetzen kann."

Sie ließ ihre Worte kurz im Rauschen des Wasserfalls verklingen, dann ergänzte sie rasch um Missverständnisse zu vermeiden:
"Aber wie schon gesagt, ich hab' natürlich nicht vor für diesen verrückten Mordlustigen zu spionieren, nur damit das glasklar ist."

Sie blickte vorsichtig in Arjuks Gesicht und fand dort wieder eine kühle und berechnende Fassade. 

"Aha", sagte er einsilbig und setzte nach einigen Augenblicken angespannter Stille schließlich nach, "Aber wenn du nicht für den Alten spionieren willst, und auch nicht in Milena’s Auftrag unterwegs bist, warum bist du dann hier? Was willst du, Kara?”

Kara wusste, dass sie dem Prinzen nun ihr Vertrauen schenken musste, wenn sie es von ihm erlangen wollte. 

"Im Grunde genommen befinden wir uns beide in einer sehr ähnlichen vertrackten Situation”, begann sie vorsichtig, “Und ich glaube wir könnten uns gegenseitig helfen, aus diesem Schlamassel wieder heil heraus zu kommen."

Arjuk lachte unwillkürlich auf.
“Wir beide? In einer ähnlichen Situation? Nichts für ungut, Kara, aber die einzige vertrackte Situation, in der wir beide wohl gerade stecken, ist diese verdammte angebliche Verlobung, die mir gerade noch gefehlt hat…”

“Zugegeben, diese Verlobungssache ist alles andere als ideal, aber es war mein einziger Weg um mit dir reden zu können”, versuchte Kara zu erklären, "Du musst nämlich wissen, zu diesem Ring gibt es angeblich ein Gegenstück. Ein magisches Amulett, das ebenfalls unheimliche Kräfte birgt und zusammen mit dem Ring Teil einer mächtigen Waffe sein soll. Und Dhanas setzt nun alles daran, den Erben des Amuletts zu finden und ebenfalls aus der Welt zu schaffen." 
Kara schluckte und atmete einmal tief ein und wieder aus. Dann rückte sie noch etwas näher zu Arjuk heran, so als ob sie ihre nächsten Worte nicht einmal dem Dickicht rund um sie herum anvertrauen wollte. 
"Und wie es sich so herausstellt, bin ich wohl die rechtmäßige Besitzerin dieses Amuletts, und somit die Nächste auf Dhanas' Abschussliste." 

Arjuk starrte sie regungslos an, und Kara war sich nicht sicher ob er sie überhaupt verstanden hatte, da sie so leise gesprochen hatte. 

"Arjuk?", fragte sie vorsichtig nach, "Ich bin die Erbin dieses Amuletts, das Teil einer magische Waffe sein soll, und -" 

"Du sollst die Erbin des Amuletts sein? ", entfuhr es Arjuk plötzlich, sichtlich lauter als beabsichtigt, und er vergewisserte sich kurz, dass die Wachen weiterhin unauffällig am Rande ihres Blickfeldes standen. Dann drehte er sich entgeistert zu Kara. 

"Ausgerechnet Du? Bist du dir da ganz sicher?" 

Kara war irritiert und fühlte wie ihre Wangen rot wurden. Dass der Prinz gerade diesen Teil ihrer Geschichte so unverblümt in Frage stellte verletzte schon fast ihren Stolz.

"Ja, ausgerechnet ich. Glaub mir, ich hab' mir das ganz bestimmt nicht freiwillig ausgesucht und steh' drauf, dass man mich plötzlich jagt!", entgegnete sie gereizt. "Und ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass es die Magie des verdammten Amuletts war, die vor ein paar Tagen aus meiner Hand den Marktplatz verwüstet hat, und nicht eine spontane Laune der Natur."

“Warte - was?! Du hast diese Explosion auf dem Marktplatz ausgelöst? Mit dem Amulett?” 
Kara nickte schwach. Ihr Magen verkrampfte sich bei den Gedanken daran, was sie hätte anrichten können. Wie gefährlich sie war.

“Seit diesem verdammten Unfall verfolgen mich die Schwarzmagier, und nun auch diese Dhanas. Und ich habe keine Ahnung, was ich jetzt tun soll, wie ich aus diesem Schlamassel wieder herauskomme…”

“Woher hast du dieses Amulett?", fragte Arjuk plötzlich schroff. 

Kara stutzte einen Moment lang und wusste nicht genau, was sie sagen sollte. Sie hatte nicht erwartet, dass der Prinz ausgerechnet diesen Teil der Geschichte so wichtig finden würde und es ihn scheinbar nicht interessierte, dass man ihnen beiden nach dem Leben trachtete. Dass sie beide die Erben einer magischen Waffe waren. 

"Also das ist eine etwas komplizierte Geschichte", antwortete sie ausweichend. Doch Arjuk ließ nicht locker. 

"Nun sag schon, wo hast du dieses Amulett her? Wem hast du es abgenommen?“ 

Bevor Kara groß protestieren konnte drehte Arjuk sich so zu ihr, dass sein Gesicht geradeaus in ihres blickte, seine dunklen Augen fixiert auf ihre, sein Blick eindringlich, so als ob er etwas Wichtiges suchen würde. 

"Kara, bitte. Ich muss es wissen", seine Stimme klang schon fast verzweifelt. 
"Hast du dieses Amulett von einem Mädchen namens Jo?" 


In diesem Augenblick geschahen mehrere Dinge gleichzeitig und zwischen zwei Herzschlägen schien die Zeit für einen Moment anzuhalten. 
Jo… dieser Name hinterließ ein starkes, unmissverständliches Echo in Kara's Geist, und es kam ihr so vor als ob ein Tropfen Wasser aus unendlich großer Höhe aus einer nachtschwarzen Dunkelheit auf einen Ozean zufiel. Gleichzeitig wurde sie sich bewusst, dass sie in dieser Dunkelheit nicht alleine war. Vielmehr war diese Dunkelheit lebendig, wickelte sich wie ein Kokon um Etwas, das plötzlich wie feine, silbrige Perlen vor ihr lag. 

Eine Stimme schälte sich aus der Dunkelheit und erfüllte sie mit gutmütiger Wärme:

"Jo, meinst du nicht du solltest schön langsam wieder nach Hause gehen?" 
"Noch nicht jetzt, ich bin noch viel zu beschäftigt!“ 
Ein kleines Mädchen hockte vorne über gebeugt vor einem Baumstumpf und betrachtete eingehend etwas, das dort am Boden lag. 
Ein Anflug von Belustigung und Resignation. Das Mädchen hatte seinen eigenen Willen und machte reichlich Gebrauch davon. 
"Schau mal, was ich gefunden habe!“ 
Das Kind hielt triumphierend ein Vogelnest in die Höhe, in dem ein einzelnes, grünes Ei lag.
"Kleines, deine Eltern werden sich wieder einmal Sorgen machen, wenn du nicht bald zu Hause auftauchst. Der Wald ist ein gefährlicher Ort, für ein Junges wie dich. Selbst wenn ich auf dich aufpasse."
Jo seufzte theatralisch. 
"Karara, sei nicht immer so eine Spielverderberin…" 

Die Szene änderte sich plötzlich, und die Wärme wich dem Gefühl von kaltem Stein unter bloßen Füßen, in der Luft lag etwas Metallisches. Betrunkenes Gelächter.
"Jo! Hinter dir! Mach dich klein und warte auf deine Gelegenheit."
Ein Knurren, gesträubtes Nackenhaar. 
"Ruhig atmen. JETZT, Kleines!" 
Das Mädchen wirbelte herum, ein Ellbogen traf auf einen schwarz verhüllten Körper und öffnete eine Lücke zwischen Backsteinmauer und der Nacht.
"Gut gemacht, und jetzt lauf so schnell du kannst."

Stille und Dunkelheit. 
"Karara?" 
Feuchtes Moos, der Geruch von erkalteter Asche.
Das Mädchen war groß geworden. 
"Ich bin hier, Jo." 
Ein vertrautes Rascheln auf dem Waldboden. 
"Karara! Wo warst du heute?“ 
"Seltsame Frage, Kleines. Du warst es, die an einen Ort gegangen ist an den ich dir nicht folgen kann…"

Gleißendes Licht, abertausende weiße Sterne. 
Eine Männerstimme, voller Sorge. 
"Jo!" 
Eine feuchte Nasenspitze an einem kühlen Hals. 
"Steh auf, Kleines. Alles wird gut." 

Der Duft von Zimt und Süßholz. 
Eine Kinderstimme. 
Dunkle Augen, ein Blumenkranz, ein tosender Wasserfall. 
Hunderte tanzende Feuer, die sie zu überrennen drohten. Zu viel Kraft, einfach zu viel! 

Eine gigantische Weißblatteiche.
Metall auf Metall auf Stein. 

“Keine Sorge, Jo, ich bin da… "


"Kara?" 
Eine seltsam vertraute Stimme riss sie aus dem Feuerwerk der Erinnerungen, das vor ihr gerade eben aufgeblitzt war. Einen Moment lang war sie desorientiert, hing zerissen zwischen zwei Welten. Dann spürte sie eine zögerliche Berührung an ihrem Bein, die sie vollständig zurückholte in die Welt des Wasserrauschens und der duftenden Pflanzen, die sich sachte im Wind wiegten. Als sie hinabblickte, sah sie den zotteligen, alten Hund, der seinen Kopf an ihr Bein gelegt hatte und gerade dabei war ihr Kleid anzusabbern. 

"Kara, ist alles in Ordnung?" Arjuk blickte sie besorgt an. "Du bist plötzlich ganz blass geworden…" 
Sie versuchte ihre Gedanken zu sammeln und eine kohärente Antwort zu formulieren. War alles in Ordnung? Sie wusste es selbst nicht. 
"Ich…. glaube schon", stammelte sie und versuchte zu verarbeiten, was sie gerade gespürt hatte. “Warte … wie hast du mich gerade genannt?”, wollte sie mit gerunzelter Stirn wissen und fixierte Arjuk’s braune Augen. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass darin alle Antworten lagen, die sie so dringend suchte.
“Kara. Ich habe dich Kara genannt”, antwortete Arjuk verwirrt, und fügte zögernd hinzu:
“Das ist doch dein Name, oder etwa nicht?”


Sie schüttelte langsam, aber bestimmt den Kopf.
“Nein, mein echter Name ist Jo.”

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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