Es ist: 22-09-2019, 20:19
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Eine chinesische Legende
Beitrag #1 |

Eine chinesische Legende
Eine chinesische Legende

Erzählung von
Hans Werner


Im Herzen Chinas, in der altehrwürdigen und volkreichen Stadt Peking, machte sich einst ein junger buddhistischer Mönch auf die große Pilgerschaft. Er war sich in jeder Beziehung seiner Unvollkommenheit bewusst, er fühlte den großen Abstand zwischen sich und seinen älteren Ordensbrüdern, welche, so schien es ihm, auf dem Pfad der Tugend, der Selbstbescheidung und Verinnerlichung viel weiter vorangedrungen waren als er. Gleichzeitig empfand er schmerzlich die Trennung zwischen seinem geistlichen Ordensleben und der modernen kommunistischen Weltanschauung, welche ihn stets und überall feindselig umgab und sich optisch auf riesigen, blutroten Plakaten bedrohlich vor ihm entfaltete. Er war in dieser Welt ein Fremdling und manchmal schwach genug, um jenen Entschluss zu bereuen, den er vor Jahren gefasst hatte, nämlich Mönch zu werden und sich dem alten Geist Chinas zu verschreiben.
Und da ist ihm, dem Unwürdigen, Unfertigem, Unvollkommenen in der vergangenen Nacht etwas Unglaubliches, Unerhörtes passiert. Als er tief im Schlummer lag, überkam ihn ein seltsames und eindringliches Traumgesicht. Er sah sich, wie er gerade im kleinen Tempelchen seines Ordens dabei war, Buddha, seinem Gott, das tägliche Gebet zu verrichten. Und wie er in erdtiefen Verbeugungen dem Erhabenen seine Verehrung bezeigte, und wie er dann seine Augen erhob, um das Antlitz des Gottes inbrünstig anzuschauen, da erwachte das steinerne Gesicht Buddhas plötzlich aus seiner verschlossenen Unbeweglichkeit, die Augen öffneten sich, und der Erhabene begann so zu sprechen:
"Mein lieber Sohn, ergreif den Wanderstab und geh in die Lande. Ich, dein Gott, sende dich hinaus zur Familie des Unglücks, die ich dir anzeigen werde. Verweile bei diesen Menschen und bringe ihnen meinen Segen, auf dass Glück und Heil wieder bei ihnen einkehren mögen. Geh immer vor dich hin, schau nicht nach rechts und links, folge nur stets deinem fühlenden Herzen, und du wirst den Weg nicht verfehlen! Ich habe dich so geschaffen, dass dein Mitleid stets vom Leid der anderen angezogen wird. Vertraue auf die Kraft, die ich dir in dein mitfühlendes Herz gelegt habe.«
Also sprach Buddha. Aber der Mönch fühlte, wie das Traumgesicht ihm Angst einjagte und wie ihn dieser gewaltige Auftrag, diese umfassende pastorale Verantwortung, erschreckte. Die Vision durchschüttelte seine Seele wie mit einer gewaltigen Faust. Und mit einem Freimut, wie er nur im Traum möglich ist, gab der junge Mönch seinem Gott eine Antwort, die das Bedanken, den Zweifel an seiner Eignung für diesen Auftrag ausdrücken sollte.
"Erhabener, gestatte eine Erwiderung. Ich bin der Ärmste und Schwächste unter den Brüdern. Alle meine Mitbrüder sind viel weiter in der Übung der Tugend. Wolle die Güte haben, mich von diesem Auftrag zu verschonen. Ich bin dieser Auszeichnung nicht würdig."
Buddha aber antwortete:
"Wohl dir, du mein wohlgefälliger Sohn. Nur wer sich unvollkommen fühlt, kann in Wahrheit vollkommen werden. Ich liebe dich um deiner Natürlichkeit und Ehrlichkeit willen. Menschen wie du werden es sein, die meine Religion in dieser Zeit des Unglaubens retten. Sei unverzagt, ich bin mit dir, und wer von mir gesandt ist, der wird Kraft haben, im schlimmsten Märtyrertod meine Religion zu verherrlichen. Große Worte und tollkühner Mut sind überflüssig, solange wir ihrer nicht bedürfen. Wenn aber die Zeit der Prüfung gekommen ist, dann werde ich mit dir sein, werde deine Seele und deine Glieder stärken, auf dass sie die Nachstellungen der Feinde aushalten, die Pfeile der Bosheit, die glühenden Zangen der Folter, die bitteren Tränen seelischer Marter. Sei zuversichtlich, denn ich bin mit dir. Und nun sende ich dich zur Familie des Unglücks, auf dass du in meinem Namen Glück bringen mögest."
So sprach Buddha. Der junge Mönch aber verneigte sich tief und fühlte schon in der Verneigung mit seelischer Lust seine Ergebung in den Willen des Erhabenen. Er fühlte, wie sich ein Willensstrom in ihn ergoss, wie eine fremde Kraft seine Seele belebte und wie Zuversicht und Ruhe über sein Gemüt kamen. Er versank in einen tiefen Schlaf, es war, als ob er nach dem Entschwinden des Traumgesichts in die tiefste Bewusstlosigkeit hinab geworfen werden sollte, in einen Zustand des Nichtseins, der Gottferne, der Verlassenheit, welche seiner vom Gotteserlebnis überanstrengten Seele dennoch Entspannung und Erholung geben mochten.
Am anderen Morgen, nach dem Erwachen, erhob sich der Mönch vom Lager, rieb sich die Augen, entfaltete nach seiner Gewohnheit die Gebetsrolle, entzifferte die Schriftzeichen und erinnerte sich nach und nach des Traumerlebnisses. Denn es schien ihm nun, als ob die angelernten Glaubensübungen für ihn keine Gültigkeit mehr haben könnten. Er legte die Schriftrolle beiseite, denn es zog ihn gewaltig hinaus ins Freie, und in dem Sonnenlicht, welches ihm durch Tür und Fenster entgegenschlug, fühlte er die Kraft seines Auftrags.
Er legte sein härenes Gewand an, wusch sich Gesicht, Hände und Fu߬gelenke, stieg in seine Sandalen und sah sich noch einmal in seiner Zelle um, als wüsste er, dass er für längere Zeit Abschied nehmen müsse, und dann verließ er schnell und entschlossen das Kloster. Das Leben der Stadt brauste um ihn her, die Sonne brannte auf die harten Straßen und brachte das Pflaster zum Glühen, die Menschen strömten an ihm vorbei und beachteten ihn nicht. Der Mönch spürte in ihnen die harten Gesichter, und er ahnte, dass diese Harte, diese Gefühllosigkeit, eine Krankheit war, welche diese Menschen innerlich marterte, ohne dass sie sich dessen bewusst waren. Manchmal drohte ihn ein Schwindel zu überkommen, sodass er fast die Besinnung verlor. Aber dann stieg aus ihm wieder jene seltsame, wunderbare Kraft, und er konnte mit Mut und Zähigkeit den Weg fortsetzen.
Nach stundenlanger Wanderung kam er in die Vorbezirke der Stadt, die Häuser wurden kleiner und die Menschen freund-licher. Er hungerte und spürte Durst. Ein Mädchen kam gerade vom Brunnen, sie hatte einen Wasserkrug auf dem Kopf. Er sagte: "Gutes Mädchen, bitte, gib mir zu trinken. Mich dürstet." Das Mädchen sah ihn an, dann gab sie ihm von ihrem Wasser. In den Augen des Mönchs leuchtete dem Mädchen ein Blick voll Dankbarkeit entgegen.
"Gutes Kind, dieses Wasser, das du mir gegeben hast, hast du dir selbst gegeben. Solang du für andere Wasser übrig hast, wird deine Seele nie verdursten, und Freude und Glück werden dein Leben begleiten." Schließlich kam er zu einem Hirten. Zu diesem sprach er: "Guter Mensch, bitte, gib mir etwas zu essen. Mich hungert." Der Hirt sah ihn an und gab ihm Brot und Käse. Der Mönch nahm die Gaben und aß sie, dann sah er den Hirten an, all seine Dankbarkeit in seinen Blick legend, und sagte zu ihm:
"Guter Mann, Brot und Käse hast du nicht mir gegeben, sondern dir selbst. Deine Seele wird nie verhungern, solang du für andere Brot und Käse übrig hast, und Freude und Glück werden dein Leben begleiten."
Abends wurde der Mönch müde. Er legte sich unter einen Baum und schlief ein. Niemand bewachte seinen Schlaf als die Sterne am Himmels¬zelt, aber der größte Schutz für den einsam schlafenden Menschen war seine Armut. Am andern Morgen ging er weiter, bettelte und verzehrte das wenige, das man ihm darreichte. Abends legte er sich wieder unter einen Baum und schlief.
So ging es mehrere Tage. Die Glut der Sonne vertiefte die Furchen seines jungen Gesichts, die Augen standen ihm tief in den Höhlen, die Mundwinkel waren eingefallen und die sprossenden Barthaare gaben seinem Gesicht ein verwildertes Aussehen. Immer weiter ging er, bettelte, aß und schlief.
An einem Morgen erwachte er mit neuem Gefühl, mit einer Empfindung, die seine Seele in Angst und Erregung versetzte. Es war eine Vorahnung, dass sich an diesem Tag Entscheidendes ereignen würde. Der Weg führte ihn in ein Dorf. Die Häuser des Dorfes waren alle ärmlich und bescheiden, bis auf eines, welches im Zentrum der Ortschaft stand und groß, vornehm und stattlich wirkte. Über dem Tor hing ein weißer Schleier, ein Zeichen der Trauer und der Betrübnis.
Das Herz pochte dem jungen Mönch, als er über die Schwelle trat. Er kam in einen halbdunklen Raum, in dem eine mehrköpfige Familie beisammen saß. Der kniehohe Tisch bot die köstlichsten Speisen dar. An den Seiten des Tisches saßen die Kinder, oben und unten hatten sich Vater und Mutter niedergelassen. Die Frau hielt ihren Kopf gesenkt, doch der Mönch konnte bemerken, dass sie außerordentlich schön war, und selbst ihm, dem keusch lebenden Asketen, schoss bei ihrem Anblick das Blut in die Wangen.
Der Vater machte einen eigenartigen Eindruck auf ihn, er schien mit seinem Geist gar nicht anwesend zu sein. Seine schlitzförmigen Augen standen halb offen, sein Mund war fest verschlossen, Gesicht und Hände blieben unbeweglich. Nur manchmal bewegte sich automatenhaft sein rechter Arm, die Hand führte einige Reiskörner in den Mund, oder er ergriff die Trinkschale zu einem spärlichen Trunk. Die Kinder schienen bedrückt. Man sah ihnen an, dass sie nach Fröhlichkeit und unbeschwerter Heiterkeit lechzten. Aus ihren angstvollen und unruhigen Augen schimmerten frische Seelen, die nach Glück und Freiheit verlangten. Aber die Atmosphäre des Schweigens lastete über ihnen wie ein schweres, nasses Tuch und bannte ihre Freude. Abwechselnd sahen sie auf Vater und Mutter und warteten sehnlichst, dass einer von beiden ein Wort spräche.
Der Mönch räusperte sich, denn niemand hatte ihn bislang bemerkt. Dann verbeugte er sich und sprach:
"Gruß euch allen vom Erhabenen. Buddha schickt mich zu euch, um euer Leid zu mindern! Gepriesen sei sein Name. Ihr habt Leid, eure Seelen sind krank, sagt an, was euch bedrückt."
Dann wartete der Mönch. Niemand sprach, niemand schien ihn bemerkt zu haben. Schließlich hob die Frau ihre Hand und deutete auf ihren Gemahl.
"Was ist mit ihm?" fragte der Mönch.
"Er ist von uns gegangen", sagte die Frau.
"Aber er sitzt doch noch hier", entgegnete der Mönch.
"Ja," sagte die Frau mit dem Ausdruck einer stillen Verzweiflung, "er sitzt hier und ist doch nicht hier. Ich muss Euch erzählen, wie alles gekommen ist. Mein Mann ist ein großer Gelehrter, ein Meister der Dichtung und Wissenschaft. Er versteht die Kunst der Schriftauslegung und konnte allen Menschen, die sich hilfesuchend an ihn wandten, Rat geben. Ebenso ist er ein Künstler. Er wirkte kostbare Stoffe, Teppiche und Tücher. Die Bewohner von Nah und Fern schätzen ihn und achten ihn als einen großen Menschen. Eines Tages aber kam es über ihn. Er übte sich in der Versenkung, er vergeistigte sich in der Meditation. Von da an wurde er immer schweigsamer und sprach immer weniger. Und nun ist es bereits einige Monate her, seit er das letzte Wort zu uns gesprochen hat. Ach, du guter junger Mensch, ich bin so traurig, denn ich liebe meinen Mann und sehne mich nach seiner Gemeinschaft, nach seiner Anerkennung und Liebe. Und die Kinder flehen mich an, ich möge doch den Vater wieder zum Sprechen bringen. Aber ich weiß nicht, wie ich es machen soll. Er hört und sieht mich nicht, er ist taub für meine Worte, er hat kein Ohr für mein Jammern und mein Klagen."
Die Frau setzte ab, seufzte und verfiel dann in ein stilles Weinen, das umso erschütternder wirkte, als der Mann durch keinerlei Bewegung verriet, dass die Worte der Frau in ihn gedrungen seien.
"Gute Frau", sagte der Mönch, "ich habe Mitleid mit Dir. Sage mir, seit wann hat dein Gemahl angefangen, sich ins Geistige zu versenken?"
"Das ist bereits ein Jahr her. Damals hatte er eben das letzte Buch ausgelesen, welches er von den Bibliotheken unserer Kreisstadt ent¬liehen hatte. Dann wurde ihm vom Staat das Lesen und Lehren verboten, denn mein Mann ist kein Kommunist."
"Aber wovon könnt ihr dann leben?" fragte der Mönch. "Ich sehe köst¬liche Speisen auf dem Tisch. Ihr seid also nicht arm und nicht bedürftig."
"Wir leben von unseren Vorräten und von den Geschenken, welche wir von den Dorfbewohnern erhalten. Die Dorfbewohner glauben, mein Mann stünde mit dem Unendlichen in Verbindung. Deshalb verehren sie ihn."
Der Mönch schaute auf das unbewegliche Gesicht des Mannes. Fast schien es ihm so unbeweglich und undurchdringlich wie das steinerne Antlitz der Buddhastatue, welche in seinem Klostertempel stand. Immer noch blickte der Mönch auf diesen Mann, dessen geistige Abwesenheit ihm, je länger und tiefer er sich in seinen Anblick versenkte, immer rätselhafter wurde.
Da war ihm plötzlich, als würde sich das Gesicht dieses Menschen in ein lichtvolles Bild verwandeln. Aus seinen Augen schien ein überirdischer Glanz zu strahlen. Diesem Blick konnte er nur mit äußerster Anstrengung standhalten. Je länger er sich ihm hingab, umso mehr begann dieser Blick zu schmerzen. Er war von solcher Kraft und Eindringlichkeit, wie ihn wohl Hypnotiseure anwenden, um sich ihre Patienten gefügig zu machen. Allmählich spürte der Mönch plötzlich eine Angst in sich emporsteigen, er könnte vor diesem geistig mächtigen Manne seine eigene Freiheit verlieren. Da erhob er seine Hände und rief:
„Buddha, Buddha, komm, hilf mir, erlöse mich von diesen Augen!“
Als er die Worte gesprochen hatte, öffneten sich, nun seit vielen Monaten zum ersten Mal, die Lippen des rätselhaften Mannes.
„Weißt Du nicht, dass man Buddha nicht wie einen persönlichen Gott ansprechen kann. Er ist ins Nirwana gegangen, ist vergeistigt und hat den Zustand der völligen Erleuchtung und Erlösung von allem Leiden erreicht.“
Mutlos sackte der Mönch in sich zusammen. Aber wer soll mir dann helfen, sagte er sich, zu wem soll ich beten?
„Bete nur, bete“, sprach es beinah tonlos aus den Lippen des Mannes, „aber wisse, du betest nicht zu einem fernen Gott, sondern zu Dir selbst, zu deinen inneren Kräften, zu jener ewigen Quelle, die unversiegbar in deinem reinen Herzen strömt. Rechte Absicht und rechtes Handeln werden dir auf immer den Pfad zum guten Leben weisen.“
In diesem Augenblick, unmittelbar nachdem die Botschaft des Mannes in ihn eingedrungen war, bildete sich im Bewusstsein des Mönchs ein klarer Gedanke heraus, der sich, wie nach einer ganz schweren Geburt zu einer willentlich formulierten Rede verfestigte. Seine eigenen Lippen öffneten sich und er sprach, ohne zu wissen, was er sprach. Es redete wie mit geheimen Stimmen aus ihm.
„Du weiser Mann, der alle Bücher gelesen hat, der sich auf die Kunst versteht, dem es in vielen Jahren geglückt ist, die Liebe einer Frau zu erlangen und eine große Familie zu gründen, komme zurück aus deiner geistigen Versenkung. Schon längst strahlt in dir das Feuer der inneren Erleuchtung. Verlasse dein Koma und wende dich in liebenden Worten den Menschen zu, die mit sehnender Liebe auf deine Rückkehr warten. In einem langen Leben geistiger Zucht hast du längst die großen vier Erkenntnisse erlangt. Und längst folgt dein Handeln Buddhas Lehre vom achtfachen Weg. Du bist in dich gegangen und hast in dir all das gesammelt, was man über das Leiden, die Entstehung und Überwindung des Leidens, und den Eintritt ins befreiende Nirwana erkennen und erfahren kann. Übe nun, was du längst begriffen, und lass die Menschen, die deiner bedürfen, nicht länger darben. Lass sie nicht verhungern in ihrer Sehnsucht nach deiner geistigen Nähe.“
Der Mönch hielt kurz inne, schöpfte Atem, schien selbst erstaunt über die flüssige Rede, die aus ihm gedrungen, ohne dass sie von ihm gesteuert worden wäre. Dann zwang ihn eine innere Macht, sich in der Kraft seiner Stimme und der Strahlung seiner Augen zu höchster Anstrengung aufzuraffen und er schrie den Mann förmlich an:
„Im Namen des großen Erleuchteten, im Namen Buddhas, befehle ich dir: wach auf und kehre zu den Deinen zurück.“ Die Worte tönten aus seinem Munde, hallten im ganzen Raum und vibrierten und zitterten wie in tausend Gongschalen, um erst nach vielen Sekunden, die sich zu Minuten dehnten, langsam zu verebben.
Darauf sank er zu Boden. Erst durch die sorgenvolle Berührung der Frau erwachte er und schlug verwundert die Augen auf.
„Wo bin ich, was ist mit mir geschehen?“
Aber statt der Frau, die ihn durch Berührung geweckt hatte, fasste nun die Hand des zur Sprache erwachten Familienvaters nach ihm und eine gütige Stimme, so mild, so sanft, so warmherzig, wie er nie eine ähnliche Stimme vernommen hatte, ließ sich vor seinem Ohr vernehmen.
„Du hast mich erweckt. Nun komme ich zurück und werde alle Liebe und Güte auf meine Menschen, die sich mir vertrauensvoll zuwenden, ausströmen lassen. Ich war im Feld des Nichts, der reinigenden Leere, habe vieles an nutzlosem Wissen abgeworfen und fühle mich nun sittlich gestärkt und gefestigt. Ich fühle mich frei von allen sinnlichen Lüsten, von allen schädlichen Begierden und werde dem mittleren Weg der Mäßigung folgen. Ich fühle mich auch frei von aller Angst vor politischer Verfolgung. Ich will mich nicht mehr selbst kasteien mit den Geißeln der Lesefron. Ich werde meine Gedanken nicht mehr in fremde Stiefeln zwingen. Nach den Gesetzen des achtfachen Weges werde ich das Nächstliegende in rechter Absicht und in gutem Wollen tun und vollbringen. Dir aber, guter Mönch, bin ich für immer dankbar. Ohne Deinen Anruf hätte ich noch lange im Zustand des inneren Suchens verharren müssen. Sei mein Freund und behalte mich in lieber Erinnerung.“
Nun löste sich in der ganzen Familie die monatelange Anspannung auf, alle wurden heiter und gesprächig. Man aß und trank und erst nach vielen Stunden der kurzweiligen Geselligkeit erhob sich der Mönch und nahm Abschied von der Familie, die ihm auf so eindringliche Art den Sinn seines Lebens erklärt hatte. Ihm schien, als habe er sich selbst in einen Buddha verwandelt.



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Beitrag #2 |

RE: Eine chinesische Legende
Hallo, nicht so einfach, durch deine Geschichte zu kommen.
Die Erklärungen, die du voranschiebst, sind wie dicke Watte.
Diesen Infodumb nutzt der Autor meistens, um sich die Geschichte zu erklären, für den Leser ist das tödlich.
(10-08-2011, 11:47)Hans Werner schrieb: Im Herzen Chinas, in der altehrwürdigen und volkreichen Stadt Peking, machte sich einst ein junger buddhistischer Mönch auf die große Pilgerschaft. Er war sich in jeder Beziehung seiner Unvollkommenheit bewusst, er fühlte den großen Abstand zwischen sich und seinen älteren Ordensbrüdern, welche, so schien es ihm, auf dem Pfad der Tugend, der Selbstbescheidung und Verinnerlichung viel weiter vorangedrungen waren als er. Gleichzeitig empfand er schmerzlich die Trennung zwischen seinem geistlichen Ordensleben und der modernen kommunistischen Weltanschauung, welche ihn stets und überall feindselig umgab und sich optisch auf riesigen, blutroten Plakaten bedrohlich vor ihm entfaltete. Er war in dieser Welt ein Fremdling und manchmal schwach genug, um jenen Entschluss zu bereuen, den er vor Jahren gefasst hatte, nämlich Mönch zu werden und sich dem alten Geist Chinas zu verschreiben.

Für dich wahrscheinlich das Herzstück deiner Überzeugung, ich würde es gnadenlos streichen, es sagt nichts.
(10-08-2011, 11:47)Hans Werner schrieb: Und da ist ihm, dem Unwürdigen, Unfertigem, Unvollkommenen in der vergangenen Nacht etwas Unglaubliches, Unerhörtes passiert.

Ob er tatsächlich unwürdig, unfertig und unvollkommen ist, und ob das, was ihm passiert, wirklich unglaublich und unerhört ist, möchten wir aus seinen Taten schließen.
(10-08-2011, 11:47)Hans Werner schrieb: Als er tief im Schlummer lag, überkam ihn ein seltsames und eindringliches Traumgesicht.
Diesem Satz braucht nur eine Erklärung vorangehen, die von den wer/wann/wo/was/wie/warum-Fragen nicht alle beantworten, und die nicht länger als ein Satz sein muss.
(10-08-2011, 11:47)Hans Werner schrieb: Er sah sich, wie er gerade im kleinen Tempelchen seines Ordens dabei war, Buddha, seinem Gott, das tägliche Gebet zu verrichten. Und wie er in erdtiefen Verbeugungen dem Erhabenen seine Verehrung bezeigte, und wie er dann seine Augen erhob, um das Antlitz des Gottes inbrünstig anzuschauen, da erwachte das steinerne Gesicht Buddhas plötzlich aus seiner verschlossenen Unbeweglichkeit, die Augen öffneten sich, und der Erhabene begann so zu sprechen:
Viel zu viel Vorlauf, der nur müde macht:
warum muss er die Geschichte im Traum erleben?
und warum drei Routine tellings so lang gestreckt:
...sein tägliches Gebet
...seine Verbeugungen
...wie er seine Augen erhob, um das Anlitz Gottes inbrünstig anzuschauen, das ist langweilig, es wirft keine Frage auf.
Vor allem: ein Gedanke, ein Satz. Nicht mehr ist nötig als:
"Er saß vor der Statue Buddhas und betete. Da öffnete die Statue die Aufgen und sprach:"

Desweiteren kommst du erst sehr spät zur eigentlichen Aufgabe, den Dichter aus seiner geistigen Erstarrung zu befreien.
Eine solche Erstarrung ist nicht ohne weiteres fassbar und bedürfte erst langer vergeblicher Versuche, auzuklären, was der Dichter erlebt hat, was zu diesem Zustand geführt hat. Dann könnten vergebliche Versuche der Kontaktaufnahme erfolgen. Erst zum Schluss könnte der Dichter reden, weil -gar nicht so übel - er die Fehlerhaftigkeit des Mönches korrigieren will.
Du hast das Dilemma, in dem der Dichter und damit der Mönch steckt, nicht aufgearbeitet.
Deine Lösung, die simple Aufforderung "nu wach ma endlich auf."
ist keine.
Eine Lösung ergibt sich erst, wenn das Dilemma Gestalt hat.





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Beitrag #3 |

RE: Eine chinesische Legende
Hallo Dekkert,

für Deine ausführliche Rezension möchte ich Dir herzlich danken, auch wenn sie überwiegend negativ und zum Teil auch vernichtend ausfällt.

Nicht in allen Punkten vermag ich Dir zuzustimmen. Der Fluss des Erzählens bringt den Autor zum Schreiben, zum Formulieren, zum Fortspinnen einer Geschichte. Wenn man sich bei dem Erzählen immer wieder die ängstliche Frage stellen muss, ob eine Einzelheit oder ein Erzählabschnitt überhaupt nötig sind, dann gerät dieser Erzählfluss von vornherein ins Stocken. Entscheidend aber ist, dass die Geschichte unter der schreibenden Feder übrhaupt erst entsteht. Sie kann gut sein, sie kann schlecht sein, sie kann den Leser rühren, berühren oder auch ihn kalt lassen. Aber entstehen muss sie zuerst einmal. Und ihre Entstehung wird gespeist vom Quell der Fantasie. Oft ist der Autor hinterher selbst überrascht, was da entstanden ist. Er übergibt den Text dem Leser und dieser mag urteilen. Aber von nun an führt der Text selbst sein Eigenleben, und er kann Resonanz erzeugen oder auch schroffe Ablehnung erhalten. Aber er als Text existiert.

Dass Du meinen Text gründlich gelesen hast, ist eine sehr achtbare Leistung, für die ich Dir danke.

Mit vielen Grüßen

Hans Werner


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Beitrag #4 |

RE: Eine chinesische Legende
Hallo Hans Werner!

Ich muss Zugeben, dass ich deine Geschichte nicht so genau gelesen habe wie Dekkert. Doch was mir sofort aufgefallen war, ist das du Buddha mehrmals als Gott beschrieben hast. Buddha ist kein Gott. Der Buddhismus ist die einzige Weltreligion ohne einer Gottheit.

Außerdem fallen mir deine vielen Wortwiederholungen auf, vor allem bei dem Wort "sagte".

Die Geschichte an sich fand ich auch leider nicht so toll, was bestimmt auch daran lag, das mir der Charakter des Mönches nicht gefällt. Aber das ist Geschmackssache.

Liebe Grüße
Robin

Phantasie ist wichtiger als Wissen,
denn Wissen ist begrenzt.

Albert Einstein

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Beitrag #5 |

RE: Eine chinesische Legende
Hallo Hans Werner,

Teilweise muss ich mich meinen Vorgängern anschließen. Leichte Kost ist deine Geschichte ganz und gar nicht. Man muss schon konzentriert lesen, damit man folgen kann. Liegt auch teilweise an dem, wie ich finde, recht hohen Sprachniveau, wie man es noch aus dem Deutsch-LK zu Schulzeiten kennt  Icon_smile

Ich muss ehrlich sagen, mir hat diese Herausforderung gefallen. Mainstream ist es ganz und gar nicht. 

Was ich ein wenig zu bemängeln habe, sind die recht langen Sätze. Wenn du die unterteilst, hast du immer noch die gleiche Aussage, dein Sprachniveau ist immer noch genauso hoch, aber es liest sich einfacher und man kann besser folgen. So ist es halt ein wenig ermüdend.

Zitat:Ich, dein Gott, sende dich hinaus zur Familie des Unglücks, die ich dir anzeigen werde
Buddha war doch ein Lehrer und kein Gott im klassischen Sinne, auch wenn er als solcher verehrt wird.

Für jemand, der einmal nicht alltägliches lesen will, sehr zu empfehlen.

Viele Grüße Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



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Beitrag #6 |

RE: Eine chinesische Legende
Liebe Persephone,

für Deine Antwort danke ich Dir sehr herzlich. Ich musste ein wenig lachen, denn in der Tat stand ich während meiner aktiven Berufszeit häufig einem Deutsch-LK vor. So etwas prägt natürlich auch den eigenen Stil. Aber es sind vielmehr noch die literarischen Lesegewohnheiten, die das eigene Verhältnis zur Sprache bestimmen.

Auf jeden Fall freut es mich, dass Du meine Geschichte positiv aufgenommen hast.

Mit herzhlichen Grüßen

Hans Werner


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