Es ist: 22-11-2019, 13:29
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Dead Man's Chest - Tag 4
Beitrag #1 |

Dead Man's Chest - Tag 4
Der vorletzte Teil der Geschichte. Ich hoffe, er gefällt euch. :)

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Tag 4

Mein Bruder starrte Mikhails Kiste an und weinte. Es war später Abend und wir hatten wieder nichts als Tang und tote Muscheln gefunden, deren Geruch noch immer in unseren Nasen verweilte. Und mein Bruder weinte. Ich hatte ihn nur selten weinen sehen, normalerweise war er beherrscht und stolz und zog sich zurück, wenn seine Gefühle aus ihm herauszubrechen drohten. Diesmal jedoch versuchte er nicht einmal, seine Tränen zu verbergen. Es machte mir Angst, denn für einen kurzen Moment war auf seinem Gesicht der gleiche tote Ausdruck zu erkennen wie auf dem meiner Tante und der Geistermutter, wie ich die eigentlich fremde Frau seit dem Vorfall in der letzten Nacht nannte.

„Ich will sie nicht öffnen“, sagte er heiser, als ich zu ihm trat, und sah mich aus rotgeweinten aber lebenden Augen an. „Ich muss sie öffnen, aber ich will es nicht.“

Ich erwiderte nichts und setzte mich neben ihn, um mit ihm zusammen die Kiste anzustarren. Je länger Mikhail verschwunden blieb, desto mehr glich sie einem Sarg und das Meer, das wir jeden Tag sahen, einem Friedhof. Ich wollte meinem Bruder Hoffnung geben, ihm sagen, dass unser Vetter vielleicht noch am Leben war und er deshalb nicht von dem kleinen Schlüssel in seiner Hand Gebrauch machen musste, aber ich schaffte es nicht einmal, mir selbst Hoffnung zu machen.

„Unsere Tante ist tot“, sagte ich irgendwann, ohne zu wissen, warum. Die Worte rutschten mir heraus, bevor ich es verhindern konnte. „Sie lebt noch, aber sie sieht tot aus.“ Jeder Andere hätte mich für verrückt gehalten, aber mein Bruder schien zu verstehen, was ich meinte.

„Manchmal hat Mischa auch so ausgesehen“, flüsterte er und steckte den Schlüssel ein.

„Du öffnest die Kiste nicht?“

„Nein. Ich öffne sie nicht.“ Noch nicht, das war es, was er meinte. Mikhail sollte so lange leben, wie wir glauben konnten, dass er am Leben war.
Das Meer war an diesem Abend überall. Ich wusch mich bestimmt eine Stunde lang, konnte den Geruch nach Salzwasser und Seetang jedoch nicht loswerden. Er schien sich unwiderruflich festgesetzt zu haben, ein kleines Stück Tod, das an mir hängen bleiben wollte. Ich hörte auf jedes Wort, das in meiner Nähe gesprochen wurde, auf jedes kleine Geräusch, das erklang, und konnte doch das Kreischen der Möwen nicht ausblenden, ein unheilvolles, beinahe menschliches Kreischen, aus dem ich immer mehr Namen heraushören konnte, je länger ich ihm unfreiwillig lauschte. Diese Vögel erschienen mir wie Todesboten, mehr als Raben, Krähen und Eulen es je hätten sein können. Fast erwartete ich, dass sie sich jeden Moment auch die Seelen der Lebenden greifen konnten. Oder die der lebenden Toten.

Fast die ganze Familie kehrte zum Abendessen bei uns ein. Keiner wollte allein sein, doch auch miteinander hielten wir es kaum aus. Ich wollte gehen, mich wieder waschen, ertrug jedoch die forschenden Blicke meines Onkels, die den ganzen Abend über auf mir lagen und den eingefallenen, toten Ausdruck auf dem Gesicht meiner Tante. Ich lauschte mit halbem Ohr dem Streit, der irgendwann zwischen einigen Vettern und Halbgeschwistern ausbrach und ergriff nur dann Partei, wenn ausdrücklich danach verlangt wurde. Am Rande bekam ich mit, dass sie sich um die Kiste stritten und jeder von sich behauptete, ein Recht auf ihren Inhalt zu haben. Mein Bruder jedoch kämpfte um Mikhails kostbarsten Besitz und um das Recht, das der Verschwundene an ihn weitergegeben hatte, bis niemand es mehr wagte, ihm zu widersprechen. Ich ließ mich von einem betrunkenen Nachbarn, der uneingeladen dazu gestoßen war, an den Brüsten und den Beinen greifen und wünschte mir, Mikhail wäre da, um ihn von mir fortzujagen.

Aber Mikhail war nicht da. Er war auch an diesem Tag nicht zurückgekehrt, weder lebend, noch als vom Meer ausgespiene Leiche. Draußen kreischten weiterhin die Totenvögel und salzige, tote Luft hing zäh in den Straßen.

~

Tag 1
Tag 5 und Nachwort


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Beitrag #2 |

RE: Dead Man's Chest - Tag 4
Und ich freue mich schon, vermutlich kommenden Mittwoch oder Freitag den letzten Teil lesen zu dürfen.
Was ist in der Kiste? Das ist die offene Frage.

Die andere aber ist: Was bedeutet es, die Kiste zu öffnen? Es wäre die Aufgabe der letzten Hoffnung, dass Mikhail noch leben könnte. Was ist schlimmer? Eine grauenvolle Sicherheit oder die ständige Ungewissheit?

Das kann wohl nur jede® für sich selbst beantworten. Aber auf alle Fälle bin ich auf das Ende der Geschichte gespannt Icon_wink.

Und du bist ohnehin sehr produktiv wie ich in deiner Werkesammlung gesehen habe Icon_smile!

Du fragst, warum mein Leben Schreiben ist
Ob es mich unterhält?
Die Mühe lohnt?
Vor allem aber, macht es sich bezahlt?
Was wäre sonst der Grund??
Ich schreib allein
Weil eine Stimme in mir ist,
Die will nicht schweigen?" (Sylvia Plath)

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Beitrag #3 |

RE: Dead Man's Chest - Tag 4
Huch, das hatte ich ja total vergessen.
Danke für deinen Kommentar. Icon_smile
Naja, produktiv bin ich gerade eigentlich gar nicht. Ich lade nur Sachen hoch, die schon fertig sind, und die über 2-3 Jahre entstanden. Icon_wink Ich möchte nur nicht alles auf einmal hochladen, damit die Community nicht in meinen Sachen "ertrinkt" XD.
Tja, für mich wäre glaube ich die ständige Ungewissheit schlimmer. Immerhin gehört zum Verarbeiten eines Verlustes die Akzeptanz dazu, und wenn da immer im Hinterkopf noch ein kleines Fünkchen Hoffnung ist, dann ist es schwieriger, den Verlust zu akzeptieren. Denke ich.
Ich geh dann mal den letzten Teil hochladen. ^^
lg, Lia

Long live Rock n Roll. Icon_cool

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Beitrag #4 |

RE: Dead Man's Chest - Tag 4
Hallo Lia

Zitat:Tag 4

Mein Bruder starrte Mikhails Kiste an und weinte. Es war später Abend und wir hatten wieder nichts als Tang und tote Muscheln gefunden, deren Geruch noch immer in unseren Nasen verweilte. Und mein Bruder weinte.
Wie das weinen die suche und die Toten Muscheln einschließt. eine Vorausschau auf die Kiste.
Zitat:Ich hatte ihn nur selten weinen sehen, normalerweise war er beherrscht und stolz und zog sich zurück, wenn seine Gefühle aus ihm herauszubrechen drohten. Diesmal jedoch versuchte er nicht einmal, seine Tränen zu verbergen. Es machte mir Angst, denn für einen kurzen Moment war auf seinem Gesicht der gleiche tote Ausdruck zu erkennen(,) wie auf dem meiner Tante und der Geistermutter, wie ich die eigentlich fremde Frau seit dem Vorfall in der letzten Nacht nannte.
Noch jemand, der zum Geist wird, die Toten kreisen sie ein, das macht ihr Angst.

Zitat:„Ich will sie nicht öffnen“, sagte er heiser, als ich zu ihm trat, und sah mich aus rotgeweinten aber lebenden Augen an. „Ich muss sie öffnen, aber ich will es nicht.“
Der Konflikt, für sie sind die Augen das wichtigste.

Zitat:Ich erwiderte nichts und setzte mich neben ihn, um mit ihm zusammen die Kiste anzustarren. Je länger Mikhail verschwunden blieb, desto mehr glich sie einem Sarg und das Meer, das wir jeden Tag sahen, einem Friedhof.
Berührend, wie sie sich mit ihrem Bruder solidarisiert.
Aufnehmen des Titels.
Zitat:Ich wollte meinem Bruder Hoffnung geben, ihm sagen, dass unser Vetter vielleicht noch am Leben war und er deshalb nicht von dem kleinen Schlüssel in seiner Hand Gebrauch machen musste, aber ich schaffte es nicht einmal, mir selbst Hoffnung zu machen.
Ja, sie schafft es nicht. Sie ist selbst ganz tot, wie die Reaktion auf das Kind zeigt.

Zitat:„Unsere Tante ist tot“, sagte ich irgendwann, ohne zu wissen, warum. Die Worte rutschten mir heraus, bevor ich es verhindern konnte. „Sie lebt noch, aber sie sieht tot aus.“ Jeder Andere hätte mich für verrückt gehalten, aber mein Bruder schien zu verstehen, was ich meinte.
Wieder das wir, diesmal nicht als Schutz, sondern als die Fremden, die es nciht verstehen würden.

Zitat:„Manchmal hat Mischa auch so ausgesehen“, flüsterte er und steckte den Schlüssel ein.

„Du öffnest die Kiste nicht?“

„Nein. Ich öffne sie nicht.“ Noch nicht, das war es, was er meinte. Mikhail sollte so lange leben, wie wir glauben konnten, dass er am Leben war.
Die Verbindung, dass er tot war als er noch lebte und sie in am leben halten wollen, obwohl er tot ist, find ich sehr gekonnt. wieder, wie Wellen, bewegt sich der Text.

Zitat:Das Meer war an diesem Abend überall. Ich wusch mich bestimmt eine Stunde lang, konnte den Geruch nach Salzwasser und Seetang jedoch nicht loswerden. Er schien sich unwiderruflich an mir festgesetzt zu haben, ein kleines Stück Tod, das an mir hängen bleiben wollte.

Es will hängen bleiben, das verfolgende darin! Klasse!
Zitat:Ich hörte auf jedes Wort, das in meiner Nähe gesprochen wurde, auf jedes kleine Geräusch, das erklang, und konnte doch das Kreischen der Möwen nicht ausblenden, ein unheilvolles, beinahe menschliches Kreischen, aus dem ich immer mehr Namen heraushören konnte, je länger ich ihm unfreiwillig lauschte.
Der tod will gehört werden. Sie tut mir sehr leid. Wieder ist es die Wahrnehmung, wenn sie allein, ist, Ich ist, die sie am stärksten erschüttert.
Zitat:Diese Vögel erschienen mir wie Todesboten, mehr als Raben, Krähen und Eulen es je hätten sein können. Fast erwartete ich, dass sie sich jeden Moment auch die Seelen der Lebenden greifen konnten. Oder die der lebenden Toten.
Diese Angst, die Wahrnehmung ... großartig gemacht. die Möven als Todesboten, ja empfinde ich genauso.

Zitat:Fast die ganze Familie kehrte zum Abendessen bei uns ein. Keiner wollte allein sein, doch auch miteinander hielten wir es kaum aus.
Der schutz der Gruppe der zerbröselt.
Zitat: Ich wollte gehen, mich wieder waschen, ertrug jedoch die forschenden Blicke meines Onkels, die den ganzen Abend über auf mir lagen und den eingefallenen, toten Ausdruck auf dem Gesicht meiner Tante.
Der Onkel ahnt, wie schlecht es ihr geht.
Zitat:Ich lauschte mit halbem Ohr dem Streit, der irgendwann zwischen einigen Vettern und Halbgeschwistern ausbrach und ergriff nur dann Partei, wenn ausdrücklich danach verlangt wurde.
Ein seltsames Ritual, dass noch nach ihrer Parteinahme verlangt wird. Oben konnte sie noch von allein dem Onkel folgen.
Zitat:Am Rande bekam ich mit, dass sie sich um die Kiste stritten und jeder von sich behauptete, ein Recht auf ihren Inhalt zu haben. Mein Bruder jedoch kämpfte um Mikhails kostbarsten Besitz und um das Recht, das der Verschwundene an ihn weitergegeben hatte, wie eine Löwin um ihr Junges kämpfte.

Die Löwin sticht heraus aus dem maritimen Setting, bricht die Einheit für mich ein wenig. vielleicht etwas anderes ...
Zitat:Ich ließ mich von einem betrunkenen Nachbarn, der uneingeladen dazu gestoßen war, an den Brüsten und den Beinen greifen und wünschte mir, Mikhail wäre da, um ihn von mir fortzujagen.
Dieses sexuelle Thema find ich auch etwas befremdlich. Lenkt mich ab.

Zitat:Aber Mikhail war nicht da. Er war auch an diesem Tag nicht zurückgekehrt, weder lebend, noch als vom Meer ausgespiene Leiche. Draußen kreischten die Totenvögel und salzige, tote Luft hing zäh in den Straßen. Nichts hatte sich verändert
Punkt.

Hat sich nichts verändert? Ich weiß nicht, ob der Satz da so sinnvoll steht. Oder ob man ihre Worte vorher nicht so wirken lassen sollte.

Er war also ihr Beschützer vor der widerlichen Seite des Begehrens?

Jetzt muss ich aber echt ...

Liebe Grüße und bis bald ...
von der Pfote

Gewinne und wünsch' dir ein Taschenbuch! Mrgreen

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Beitrag #5 |

RE: Dead Man's Chest - Tag 4
Auf ein viertes Mal!

Zitat:„Ich will sie nicht öffnen“, sagte er heiser, als ich zu ihm trat, und sah mich aus rotgeweinten aber lebenden Augen an.

Immerhin lebt er noch und das Leichentuch über dem Dorf vereinnahmt nicht auch seinen Verstand.

Zitat:Je länger Mikhail verschwunden blieb, desto mehr glich sie einem Sarg und das Meer, das wir jeden Tag sahen, einem Friedhof.

Ein gut gewählter Vergleich.

Zitat:Er schien sich unwiderruflich an mir festgesetzt zu haben, ein kleines Stück Tod, das an mir hängen bleiben wollte.

Ich fände "hängenblieb" hier schöner. Der Tod hatte bisher mMn keinen wirklichen Charakter, war vielmehr die Abwesenheit von allen Charaktermerkmalen, doch das Wollen drückt eine Persönlichkeit aus und passt für mich daher nicht. Verstehst du, was ich meine? Icon_ugly
Außerdem hast du hier eine Wiederholung von "an mir" - ich würde hierbei den Ausdruck beim ersten Mal einfach streichen.

Zitat:Fast erwartete ich, dass sie sich jeden Moment auch die Seelen der Lebenden greifen konnten. Oder die der lebenden Toten.

Hm ... die lebenden Toten haben ihre Seelen eigentlich doch schon verloren - so wirkt es zumindest auf mich. Als hätten die Möwen ihre Seelen bereits an sich genommen.

Zitat: Draußen kreischten die Totenvögel und salzige, tote Luft hing zäh in den Straßen.

Pro

Zitat:Nichts hatte sich verändert

Punkt fehlt.


Schön finde ich, wie du auch das langsame innere Abstumpfen der Protagonistin beschreibst. Während andere sich in Gefühle oder Kampf gegeneinander flüchten, verliert sie sich in der Stille und dem Tod. Sie steht ein bisschen unter der Gefahr, selbst innerlich zu sterben. Ich bin gespannt, wie das ausgeht! Und ob der Inhalt der Kiste etwas mit der Lösung der Situation zu tun hat.

Liebe Grüße,
rex

"Für den Freund der Aufhellung behalten Wort und Begriff des >Volkes< selbst immer etwas Archaisch-Apprehensives und er weiß, dass man die Menge nur als >Volk> anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verleiten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können!"
Thomas Mann, Doctor Faustus (1947)

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