Es ist: 22-11-2019, 06:04
Es ist: 22-11-2019, 06:04 Hallo, Gast! (Registrieren)


Die Federn des Windes - 11
Beitrag #1 |

Die Federn des Windes - 11
Die Federn des Windes
Teil 0/25-Teil 1/25-Teil 2/25-Teil 3/25-Teil 4/25-Teil 5/25-Teil 6/25-Teil 7/25-Teil 8/25-Teil 9/25-Teil 10/25-Teil 11/25

_______________________________________________

11
1994

Eine blauviolett blühende Aster verliert ein Blütenblatt.
‚Es gibt Menschen auf dieser Welt, die Dinge mit sich herumtragen, von denen du nichts wissen willst. Nach denen du, wenn du von ihnen erfahren würdest, lieber nicht gefragt hättest.‘
‚Und du trägst solche Dinge mit dir herum?‘
Ein rätselhaftes Lächeln legt sich auf ihr Gesicht, während sie hinunter auf ihre weiß bandagierten Finger sieht, die im flackernden Licht der Blitze bläulich schimmern. Nein, es sind keine Blitze, stellt er fest, als er ihrem Blick folgt, es sind blaue Linien. Linien, die sich auch um seine Hände schlingen wollen …
Ohne es zu wollen, greift er nach dem Blütenblatt und fängt es auf.
‚Vielleicht? Du würdest mich für verrückt halten, wenn du es erfährst.‘
Für einen winzigen Moment streifen ihre Finger die seinen – sie sind kalt, so unnatürlich kalt – und pflücken das Blatt aus seinen Händen. Auf ihrer Haut nimmt es einen metallisch blauen Schimmer an.
‚Verrückt? Es wäre die Wahrheit.‘ Er schüttelt den Kopf, will sie davon überzeugen, ihm alles zu erzählen, auch wenn er weiß, dass er es nicht verdient …
‚Ja‘, flüstert sie, während Lichtfunken weitere Blütenblätter anfügen, wachsen und sich entfalten, bis sie eine Aster in den Fingern hält. ‚Nichts ist so verrückt wie die Wahrheit.‘
Ein grollender Donner zersprengt ihr Lächeln und die Sternblume, löst das Bild von einer nachtdunklen Terrasse auf zu Farben, die um ihn herum wirbeln und schließlich ins Grau verblassen.
Hunger.
Er stößt sich von dem Felsen ab, auf dem er den Einbruch der Nacht erwartet hat, lauscht den Liebkosungen des Windes und dem Rascheln des Herbstlaubes tief unter ihm. Ein kaum wahrnehmbares Huschen erregt seine Aufmerksamkeit, das Zittern eines warmen Körpers, der in einer unbestimmten Vorahnung vor der Sicherheit zurückschreckt.
Übermacht.
Feine blaue Linien durchziehen die Dunkelheit, weisen ihm den Weg zu den trippelnden Pfoten, zu hastigen Atemzügen und nervös zuckenden Ohren. Die Nacht gehört ihm, als er die Flügel anlegt und sich fallen lässt, das Rauschen des Windes genießt, das sein Federkleid fest an den Körper presst.
Angst.
Je weiter er fällt, umso heller werden die Linien, die ihm mit seinem Opfer verbinden. Der Boden ist nur ein grauer Strich, übersät mit blauen Lichtflecken, die immer näher kommen. Er streckt die Flügel aus. Irgendwo dort unter ihm dreht sich eine große Gestalt um und wirft ihm einen erschrockenen Blick aus grünen Augen zu –
Tod.
Seine Krallen bohren sich in einen warmen, lebenden Körper, pressen das Leben aus ihm heraus und er schmeckt Blut, Blut, das ihn nur noch hungriger macht –


Keuchend schreckte Tim auf und starrte voller Entsetzen auf die vom Mondlicht nur schwach beleuchtete Zimmerwand am Ende seines Bettes. Dort war Blut zwischen den blau glühenden Linien an der Wand, Blut wie das, das er klebrig zwischen seinen Händen fühlte –
Ein Hund bellte, auf der Straße vor seinem Fenster knallte eine Autotür zu und die blauen Schimmer verwandelten sich in Tapete und Poster.
Ein Traum. Nichts als ein weiterer, verdammter, unsinniger Traum.
Mit einem Seufzer ließ er sich zurück auf sein Kopfkissen fallen und schloss die Augen.
Die Angst in den grünen Augen, kurz bevor sich seine Krallen tief in –
„Nein!“ Wieder saß er aufrecht im Bett, wieder verschwammen die Poster zu Flecken, die ihn verhöhnen wollten, bis er ihre Form im Licht seiner Leselampe festhielt.
Ich sollte wirklich weniger essen, bevor ich ins Bett gehe. Mit vollem Magen träumt man komische Dinge, weiß doch jeder …
Wieder bellte der Hund.
Wenigstens herrscht da draußen noch ein bisschen Normalität.
Tim schob die Decke zurück und trat ans Fenster. Weit aufgerissene grüne Augen starrten ihn an.
Grün?
Nein, dies war nichts als sein Spiegelbild, überlagert von den Nachwirkungen des Traumes. Eines Traumes, den er schon öfter gehabt hatte – wenn auch noch nie so intensiv wie in dieser Nacht.
Überhaupt – warum macht mir das alles so sehr Angst? Eigentlich – eigentlich habe ich ja nur von Anna geträumt.
Was nichts Ungewöhnliches war, zumindest nicht mehr seit ihrem Gespräch im Krankenhaus. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, während er die letzten Traumgespinste aus seinen Gedanken verscheuchte.
Anna.
Die Stunden, die er mit ihr verbrachte – sie hatte eingewilligt, bei ihm Mathenachhilfe zu nehmen, nachdem sie den Anschluss verlor, und manchmal ritten sie auch gemeinsam aus – waren zugleich Folter wie auch Verschönerung seines Lebens. Es machte erstaunlich viel Spaß, sich mit ihr zu unterhalten, sie war klug und eindeutig nicht auf den Mund gefallen, und da sie manche Interessen teilten, gab es auch immer neuen Gesprächsstoff. Wenn da nicht das Gefühl wäre, sie würde ihm etwas Wesentliches verschweigen …
Ich habe kein Recht darauf, irgendetwas zu erfahren, was sie mir nicht mitteilen will. Warum sollte sie auch? Ich bin nicht gerade der vertrauenswürdige Kindergartenfreund, und sie weiß ganz genau, worauf ich es damals abgesehen hatte. Sie hat keinen Grund anzunehmen, dass dieser Wunsch nicht noch immer in mir steckt. Außerdem bin ich nichts weiter als nur ein Freund. Irgendein Freund.
Das Wissen war manchmal bitterer als ihre Ablehnung vorher, da es ihm nun vorkam, er würde einem besonders glitschigen Stück Seife hinterherlaufen und kurz davor stehen, in der Wasserlache auf dem Fußboden auszurutschen.
Und vielleicht war er das auch schon.
Aus dem Abbild seines Lächelns in der Fensterscheibe lösten sich blau schimmernde Fäden und begannen, sich um seine Hände zu ranken, die den Fenstergriff umklammerten.
Das ist nicht real.
Es konnte nicht real sein, denn dann hätten die Linien in diesem Krankenhauszimmer wirklich sein müssen, die Linien in seinen Träumen. Die Linien, die aus diesem Blütenblatt eine Aster wachsen lassen hatten, eine Aster, die sie in ihren bandagierten Händen hielt …
Warum waren deine Hände bandagiert?
Das Bellen des Hundes wurde noch intensiver.
Ein Traum, Tim. Ein dummer, unsinniger Traum. Denk einfach nicht drüber nach. Dein Hirn hat da irgendwas zusammengesponnen, so wie es das immer macht. Träume sind einfach Träume. Bedeutungslos. Sinnlos. Geh was trinken und schlaf weiter.
Auf den Treppenstufen räkelten sich träge bläuliche Funken. Einer von ihnen streckte seine Fühler aus, als Tims nackte Füße an ihm vorbeihuschten, und verschwand in einem Lichtblitz, als er seinen Knöchel streifte.
Gar nicht beachten.
Das Bellen verstummte.
In der Küche war es bis auf das Ticken der Wanduhr und das stete Summen des Kühlschranks still. Tim tastete nach dem Lichtschalter der Abzugshaube und schloss geblendet die Augen, als er ihn fand.
Halb zwei. Da habe ich aber lange geschlafen.
Das Klingeln an der Haustür zerriss die nachtvergessene Ruhe und Tim ließ beinahe das Glas fallen, das er in der Hand hielt.
Was soll das denn? Ein besoffener Nachtschwärmer, der sich in der Tür getäuscht hat? Komisch, ich dachte, unsere Nachbarn wären strengkatholische Rentner.
Überrascht stolperte er zur Tür und griff nach einem der blauumwobenen Schlüssel, die sich in einer Schale auf dem Schuhschrank häuften. Das Leuchten verschwand mit einem Kribbeln auf seinen Fingerspitzen, als er es berührte.
Von oben konnte er Schritte hören, dann tauchte seine Mutter hinter ihm auf. „Tim? Was machst du denn um diese Zeit hier? Ich dachte, du würdest schon längst schlafen.“
Dachte ich auch, erwiderte er stumm, während er den Schlüssel in das Schloss manövrierte und umdrehte.
Hoffentlich ist es keiner von meinen Kumpels. Das wäre peinlich –
„Oh mein Gott!“ Blut rauschte in seinen Ohren, als er das Mädchen erkannte, das sich, zerschlagen, zitternd und blutig, am Türrahmen abstützte. Seine Mutter sog hörbar die Luft ein und flüsterte etwas Unverständliches.
Die grünen Augen.
„Anna, was ist passiert? Woher kommst du? Wer -“ Sie taumelte unter seinen Worten, als hätte er sie geschlagen.
Mein Traum.
„Mein – Vater“, keuchte sie, dann kippte sie nach vorn und erbrach sich auf seine Füße.


We are all accidents
Waiting
Waiting to happen
Radiohead, "There There"

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2019 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme