Es ist: 13-11-2019, 00:59
Es ist: 13-11-2019, 00:59 Hallo, Gast! (Registrieren)


Der letzte Zauberer
Beitrag #1 |

Der letzte Zauberer
Ort: Timbuktu, westafrikanische Oasenstadt im osmanischen Reich(heutiges Mali)
Zeit: das Jahr 1591 nach Christus
Handlung: Einführung des letzten Zauberers des Blutkristallordens, sowie seiner widerspenstigen Schülerin



Das Jahr 1591 nach Christus ging dem Ende entgegen.
Langsam schlurfte die dunkelhäutige Gestalt die sandige Straße entlang, die zu beiden Seiten von erdfarbenen Lehmhäusern begrenzt wurde. Der ewige Nordwind aus der Sahara sorgte dafür, dass in den immer länger werdenden Trockenzeiten ständig weiterer Sand in der Stadt verteilt wurde, der dann wieder mühsam entfernt werden musste. In einigen Straßen waren kaum Menschen zu sehen, dann wieder gab es Plätze, wo sich die nomadischen Händlerstämme versammelt hatten um ihre Waren lautstark zum Kauf oder Tausch anzubieten.
Diese Marktplätze wirkten stets wie Magnete, die alle Menschen der Umgebung anzogen, denn hier war alles zu haben, das für ein Überleben notwendig war. Angefangen von dem wertvollen Salz aus den versteckten Wüstenorten der Tuareg, dann Datteln, Bananen und andere Früchte, bis hin zu Schafen, Ziegen und sogar Kamelen. Daneben konnte man natürlich auch noch weitere Waren bekommen, falls man sie bezahlen konnte.
Für Ordnung sorgten die vielen osmanischen Wächter, die mit ihren neuen spanischen Arkebusen durch ihre alleinige Präsenz für Ruhe in der Stadt sorgten.
Der alte Mann mit dem weißen Haar und dem langen ebenso weißen Bart, welcher bis fast hinunter zu seiner Hüfte reichte, stützte sich bei jedem Schritt auf seinen großen hölzernen Stock, der die Mühsal des Gehens etwas erleichtern sollte.
Gekleidet war er in feinste türkisfarbene Stoffe, die noch dazu eine reichhaltige Goldbestickung aufwiesen. Am Kopf trug er einen purpurroten Turban mit türkiser Kegelverlängerung. Eine ebenso türkise Schärpe und ein zart golden schimmernder Seidenumhang rundeten die erhabene Erscheinung des Mannes ab.
Auf den ersten Blick wirkte er wie einer der wenigen Gelehrten. Aus wachen Augen, denen nichts zu entgehen schien, betrachtete er ständig aufmerksam seine Umgebung, so als ob er jemanden suchen würde.
Der Mann hielt sich noch nicht lange in Tombutu oder Timbuktu auf, wie die Stadt neuerdings auch genannt wurde. Eine lange Reise lag hinter ihm. Er versuchte immer in Bewegung zu bleiben, weil es so sicherer für ihn war. Zumindest hoffte er das.
Vor einem Jahr waren hier noch erbitterte Kämpfe zwischen den vorrückenden Truppen aus Al-Maghrib im Norden, und den königstreuen Verteidigern des Songhaireiches, des letzten alten Großreiches des afrikanischen Kontinents.
Doch die Songhai hatten letztlich gegen die mit modernen Feuerwaffen ausgerüsteten Eroberer aus dem Norden unter dem von den Osmanen gestützten Sultan Ahmad al-Mansur keine Chance gehabt.
Die gut ausgerüstete osmanische Armee war nicht aufzuhalten, und auch die ägyptische Heimat des alten Mannes war längst in das Osmanische Reich eingegliedert worden.
Somit standen nun alle nordafrikanischen Salzminen, sowie die gesamten Karawanenrouten in der Sahara einschließlich dem lukrativen Goldhandel unter osmanischem Einfluss.
Wie sich die Zeiten doch änderten. Die Namen der Völker wechselten wie die Namen der Herrschenden, aber das Spiel um Eroberung und Vertreibung blieb durch alle Zeiten hindurch stets das gleiche. Es war wohl so etwas wie ein Naturgesetz.
Dabei musste er stets an die Worte seines alten Meisters denken, von dem er einst alles gelernt hatte, das ihn heute auszeichnete.
„Mein lieber Sefu“, hatte er damals gesagt, „vergiss nie, so wie du ohne Besitztümer in diese Welt gekommen bist, so wirst du sie auch einst wieder verlassen. Es steht keinem Menschen zu, wegen bloßem Besitz in Streit zu geraten.“
Aber die meisten Menschen dachten leider anders.
Dem alten Mann war es gleich, wer gerade die Kontrolle hier hatte. Hauptsache es war wieder Ruhe eingekehrt und er konnte sich auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren.
Sefu Khamal an-Sarawat versuchte die belebten Plätze der Stadt so schnell wie möglich hinter sich zu lassen, denn die Ablenkung dort war nicht zu unterschätzen. Ein erbarmungsloser und übermächtiger Feind war hinter ihm her, und er würde erst von ihm ablassen wenn er tot war. Er hoffte, dass er noch ein wenig mehr Zeit hatte, und dass sein Verfolger eventuell die Spur verloren hatte. Doch es war leider hoffnungslos, sich das einreden zu wollen. Er brauchte sich da gar nichts vorzumachen, denn er wusste, dass er als letzter Meister seines Ordens das nächste logische Hauptziel des Unheimlichen war. Und seine einzige Schülerin war ebenso in Gefahr!

Endlich hatte er sein Ziel erreicht. Ein mehrstöckiges Gebäude, welches als islamische Schule und Moschee diente. Das wichtigste aber war, dass hier eine der alten wertvollen Schriftsammlungen der Stadt aufbewahrt wurde, die Timbuktu schon immer zu einem Zentrum der islamischen Welt in Westafrika gemacht hatte.
Als islamischer Gelehrter stellte sich ihm niemand in den Weg. Warum sollte auch hier jemand etwas gegen ihn haben? Sowohl die neuen Machthaber als auch die ansässige Bevölkerung waren zum großen Teil Moslems, die einem Gelehrten wie ihm den standesgemäßen Respekt entgegenbrachten. Nein, von diesen Leuten drohte keine Gefahr.
Unbehelligt konnte er den großen und verwinkelten Gebäudekomplex betreten, und erreichte ohne weitere Aufenthalte den hinteren Gebäudetrakt, wo in den oberen Stockwerken seine Arbeitszimmer lagen. Nach außen hin war er hier als Übersetzer tätig, da er mehrere Sprachen fließend sprechen und schreiben konnte.
Und doch war das im Moment eine unwichtige und sogar nervende Nebentätigkeit für ihn, denn er war ein Mitglied des geheimen Blutkristall-Ordens.
Diese Organisation der Kristallwächter, die bereits seit Jahrtausenden im Verborgenen existierte und wirkte, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Rätsel um jene rötlich schimmernden Edelsteine zu lösen, welche durch die Zeiten hindurch als Blutkristalle bezeichnet worden waren.
Doch die ausgewählten Mitglieder des Ordens wussten längst, dass diese Edelsteine weit mehr waren als nur einfache Schmucksteine, für die sie ja auch leicht gehalten werden konnten.
Ihre bloße Existenz war verantwortlich dafür gewesen, dass sich so mancher Gelehrter in ein Lehrfach vertieft hatte, welches heute gegen Ende des 16.Jahrhunderts gemeinhin als Magie und Zauberei bekannt war. Leute, die solche Kristalle besaßen und sie auch entsprechend einzusetzen verstanden, waren auch früher schon als Zauberer, Magier oder Hexer bezeichnet worden, denn sie konnten Dinge machen, die den meisten Menschen fremd und unerklärlich waren. Schon immer hatte man diese Zauberer gleichermaßen geachtet wie gefürchtet, und zahllose Legenden wurden von Generation zu Generation weiter gegeben.
Doch genaueres über diese Kraftsteine wusste immer noch fast niemand zu sagen. Die Eingeweihten kannten die verheerenden Kräfte, die in diesen Steinen schlummerten. Und sie kannten die Gefahren, die dadurch entstehen würden, wenn diese Relikte aus vergangenen Zeiten in falsche Hände geraten würden.
Eigentlich hatte Sefu Khamal an-Sarawat gehofft, das Wirken seines Wächterordens hätte im Laufe der Zeit maßgeblich dazu beigetragen, diese gefährlichen Blutkristalle nach und nach zu vernichten.
Aber offensichtlich war seine Hoffnung eine Fehleinschätzung gewesen, denn es gab eine aktuelle Bedrohung, die von einem sehr mächtigen Magier ausgehen musste, denn anderenfalls hätte man ihn längst gefunden und seine Kristalle vernichtet.
Dass es keinen absolut sicheren Ort auf dieser Welt zur gefahrlosen Kristallaufbewahrung gab, hatte nicht zuletzt der Diebstahl aus dem Pharaonengrab des jungen Tut-Anch-Amun bereits kurz nach seiner Beisetzung damals gezeigt.
Khamal an-Sarawat hatte die Kopie eines schriftlichen Augenzeugenberichtes darüber gelesen. Der Originalpapyrus war leider in der Bibliothek von Alexandria ein Raub der Flammen geworden, wie so viele andere wertvolle Schriften auch. So vieles war durch die Zeiten hindurch bereits verloren gegangen. Viel zu viel Wissen war dadurch bereits vergessen worden. Seine Heimat Ägypten war schon immer eines der Länder mit den meisten Kristallfundstellen gewesen. Warum das so war konnte niemand mehr sagen.
Endlich hatte er wieder seinen abgeschiedenen Arbeitsbereich in den hinteren Räumlichkeiten des Gebäudes erreicht, den er am liebsten gar nicht verlassen hätte. Aber leider hatten sich seine herausragenden Übersetzungskenntnisse schneller herum gesprochen als ihm lieb gewesen wäre. Und so war sein Wissen am Hof des neuen Sultans benötigt worden.
Doch nun konnte er wieder hier weiter machen. In den zahlreichen sehr umfangreichen Archiven der Stadt hatte er doch tatsächlich einige der längst vergessen und verloren geglaubten uralten Abschriften jenes Mannes gefunden, der für seinen Orden von allergrößter Wichtigkeit gewesen war, denn er hatte ihn seinerzeit nach dem Fund des ersten dieser merkwürdigen Kristalle vor über 4000 Jahren gegründet!
Alimnar al Sarawat, ein früher Namensverwandter von ihm, hatte nach diesen Berichten in jener längst vergangenen Zeit in einer Stadt mit dem Namen Uruk in Mesopotamien gelebt. Das alte Akkadisch, in dem diese Texte verfasst waren, war bereits eine tote Sprache, die kaum noch jemand lesen konnte. Doch Sefu Khamal an-Sarawat hatte sich schon immer für die alten Sprachen einst großer Völker interessiert, denn gerade in solchen Schriften konnte man Dinge lesen, von denen heute niemand mehr etwas wusste. Dazu gehörte auch die ebenfalls bereits ausgestorbene Sprache seines eigenen nubischen Volkes aus dem alten kuschitischen Reich von Meroe dazu, das sich einst am oberen Nil befunden hatte, und deren einstige große Könige sogar über das ägyptische Reich als schwarze Pharaonen geherrscht hatten. Aber das Meroitische, welches genau wie das Altägyptische oder Altkuschitische so gut wie von niemandem mehr gesprochen wurde, war stets ebenso ein Quell alten Wissens gewesen. Und deshalb hatte er immer großen Wert darauf gelegt, dass seine Schülerin, die gegen seinen Willen bereits eigene Wege ging, diese Schriften ebenso lesen konnte. Immerhin entstammte sie als reinrassige Nachfahrin einer der alten nubischen Königsdynastien.
Gerade in Texten aus längst vergangenen Zeiten könnte ein Hinweis zu finden sein, um bestimmte Rätsel der Gegenwart lösen zu können. Genau aus diesem Grund hatte er die beschwerliche Reise in das alte geistige Zentrum Timbuktu angetreten. Vielleicht würde er gerade hier inmitten der unüberschaubar vielen alten Manuskripte etwas finden, das neues Licht in das immer noch bestehende Rätsel um die Blutkristalle brachte, denn man tappte immer noch über ihre genauen Ursprünge im Dunkeln.

Timbuktu war eigentlich der Arbeitsbereich eines Kollegen von ihm gewesen, doch wie so viele andere Ordensmitglieder war auch er irgendwann im Laufe der letzten zwanzig Jahre getötet worden. Der Blutkristallorden stand mittlerweile nach all den vielen Jahren seiner Existenz und seinem Kampf gegen die negativ angewandte Magie vor der totalen Auslöschung!
Schlimmer hätte es kaum noch kommen können. Und immer noch wusste an-Sarawat nicht genau, wo er ansetzen sollte. So alt war er nun geworden, dass er eigentlich seine innere Ruhe längst gefunden haben sollte, und doch hatte er keine Zeit dafür.
Ein unheimlicher Mörder schlug seit Jahren erbarmungslos zu, und seine Opfer waren stets die Mitglieder des Blutkristallordens gewesen. Der Täter schien mühelos jedes Versteck ausfindig machen zu können, egal wie gut es auch durch Barrieren gesichert war. Selbst die Meister waren nicht mehr sicher.
Das bedeutete, dass es mindestens einen ebenbürtigen Meister der Magie geben musste, der kein Mitglied des Blutkristallordens war. Irgendwie waren sie alle blind gewesen, dass sie eine solche Gefahr nicht rechtzeitig erkannt hatten.
Eine derartige Bedrohung hatte es bisher noch nie gegeben. Ein neuerlicher Krieg der Magier war damit entbrannt, doch es war keiner der bisherigen gewohnten, sondern ein Krieg der Meister!
Und die offensichtliche Tatsache, dass dieser unbekannte Meister den Wächterorden beseitigen wollte, ließ nichts Gutes für die Zukunft erahnen.
Das Problem dabei war, dass es dem Orden bisher nicht gelungen war, etwas über die Identität oder den Aufenthaltsort des heimtückischen Mörders in Erfahrung zu bringen.
Irgendwie hatte er es geschafft, sich seit mindestens 20 Jahren vollkommen abzuschotten, denn damals hatten die ersten Morde an den eigentlich geheimen Ordensmitgliedern begonnen. Und in all dieser Zeit war es den Meistern nicht einmal gelungen, wirkungsvolle magische Barrieren zu errichten, die gegen diesen Feind etwas ausrichten konnten. Es schien fast so, als ob der feindliche Magier beständig stärker und mächtiger wurde, als ob es irgendwo eine Art Quelle für ihn gab, aus der er ständig seine negative Macht weiter steigern konnte.
Auch Sefu Khamal an-Sarawat musste zugeben versagt zu haben. Er hatte bisher nichts tun können, um das Morden zu beenden, denn trotz all seiner sicher nicht zu unterschätzenden magischen Fähigkeiten schien er nicht stark genug für diesen mächtigen Gegner zu sein.
Das hatte er in besonders schmerzlicher Weise vor 14 Jahren erfahren müssen, als mit Amanimakena Shanowijeba eine der letzten großen Meisterinnen des Ordens auf offener Straße getötet worden war.
Amanimakena entstammte in direkter Blutlinie der letzten nubischen Königsdynastie, welche auch Ägypten zeitweise mitregiert hatte. Das hatte sie zur letzten nubischen Prinzessin und sogar Anwärterin auf den alten Pharaonentitel gemacht, denn einst hatte der ostafrikanische Boden unter den unzähligen Füssen der nubischen Armee gezittert. Und die Nubier hatten sogar das alte ägyptische Großreich als echte Pharaonen zeitweise regiert. Da das alte nubische Reich bereits vor der altägyptischen Vereinigung auf dem schwarzen Kontinent eine Rolle gespielt haben sollte, war Nubien somit in Wirklichkeit das langlebigste Reich in Afrika, auch wenn es zeitweise von Ägypten aus unterdrückt und regiert worden war.
Aus diesem Grunde hatte er Amanimakena stets als Prinzessin angesprochen, auch wenn es mehr als unwahrscheinlich geworden war, dass sie jemals ihren durch Geburtsrecht erworbenen Titel als Königin über Ägypten und Nubien in die Wirklichkeit umsetzen hätte können. Beide Länder waren längst Geschichte geworden, und die Osmanen hätten ihr besetztes Ägypten niemals freiwillig geräumt. Auch das ehemalige Nubien, das an der Südgrenze zum osmanisch besetzten Ägypten lag und heute vom Sultanat von Sannar beherrscht wurde, hatte von der alten nubischen Königsdynastie nichts wissen wollen.
Khamal-an-Sarawat hatte vieles von der eigentlich rechtmäßigen nubischen Prinzessin Amanimakena gelernt, darunter die Verbesserung von magischen Barrieren, das Finden und Einsetzen von Schlüsseln, die Abwehr von magischen Angriffen und die Regeln der distanzlosen Kommunikation.
Doch der plötzliche Angriff auf sie selbst war mit einer solchen Gewalt verübt worden, dass selbst sie als Meisterin keine Chance auf eine wirkungsvolle Gegenwehr gehabt hatte. Sie hatte bis dahin als Hoffnung des Wächterordens gegolten. Doch trotz der fürchterlichen Tragödie hatte der Anschlag dem Mörder nur einen Teilerfolg eingebracht, denn ihre einzige Tochter und Ordensschülerin war zufällig gerade nicht bei ihr gewesen, und so hatte das Schicksal entschieden, dass ihre Tochter, obwohl sie den meisterlichen Schutz verlassen hatte, gerade deshalb mit dem Leben davon gekommen war. Eine Ironie des Schicksals, denn der unbekannte Mörder hatte es stets auch auf die Zauberschüler abgesehen.
Aber an-Sarawat glaubte eigentlich nicht an Zufälle. Es war für ihn ein Zeichen gewesen. Ein Zeichen, welches er zum Anlass genommen hatte um die weitere Ausbildung der Tochter der Amanimakena zu übernehmen.
Und so hatte er sich der kleinen Yumana Shanowijeba angenommen. Ein hilfloses schwaches Mädchen, das ihre Mutter für kurze Zeit weggeschickt hatte um Wasser zu holen, und dessen Weltordnung damit zusammengebrochen war. Oder hatte die alte Meisterin den Anschlag vorhergesehen, und deshalb ihre Tochter damals gerade noch rechtzeitig weggeschickt? Die Antwort darauf würde sich wohl niemals mehr finden lassen.

An Regalen, die bis zur Decke hin mit wertvollen Schriftrollen und Büchern vollgestopft waren, ging an-Sarawat achtlos vorbei, denn die Schriften seines Interesses hatte er schon Gestern in seinen eigentlichen Wirkungsbereich hinter die Barriere gebracht.
Augenzeugenberichte über den Mord an Amanimakena auf offener Straße hatten Khamal an-Sarawat auf eine Spur gebracht, die er jetzt schon seit 14 Jahren hartnäckig verfolgte, denn angeblich waren plötzlich schwarze gesichtslose Reiter auf gepanzerten Pferden aufgetaucht, und hatten die Meisterin von allen Seiten mit Hieb- und Stichwaffen angegriffen und nieder gestreckt, um sich danach auf mysteriöse Weise einfach in Luft aufzulösen. Und doch war er mit seinen Nachforschungen nicht wirklich weiter gekommen, denn in diesen letzten 14 Jahren war der Blutkristallorden praktisch zerstört worden.
Zu viele Magier und Magierinnen waren seit damals getötet worden. Es hatte kein Entkommen gegeben, egal wo sie sich auch gerade befunden hatten. An-Sarawat hatte bisher sich selbst und seine Schülerin vor diesem Schicksal bewahren können, weil er ständig an neuen magischen Barrieren gearbeitet hatte, und zudem auch in Bewegung geblieben war. Einige seiner alten Verstecke waren allerdings bereits von dem Unheimlichen aufgespürt und zerstört worden, wie er erfahren hatte.
Es war im Prinzip ein Rätsel, wie der Mörder die Ordensmagier überhaupt finden konnte, denn der Orden hatte seit seiner Existenz immer im Geheimen gewirkt. Stets waren nur nach einem langen Auswahlverfahren ausgewählte neue Mitglieder aufgenommen und ausgebildet worden. Verdächtig war davon nach vielen wiederholten Überprüfungen keiner.
Jetzt war vermutlich nur mehr er selbst und seine Schülerin Yumana am Leben. Damit hatte der Täter sein Ziel der Ordensauslöschung fast erreicht.
Sefu Khamal an-Sarawat vermutete seit der Ermordung der Amanimakena einen unheimlichen Mann als Drahtzieher, der seine heimtückische Reiterhorde Berichten nach immer versteckt aus dem Hintergrund gelenkt hatte.
Das Problem dabei war, das dieser Mann eigentlich seit etwa 460 Jahren tot sein sollte.
Vielleicht hatte er sich da in etwas verrannt, aber die Parallele war für ihn zu deutlich.
Damals im alten Perserreich hatte es einen Mann gegeben, der wegen der zahlreich verübten Morde sogar in die Geschichte eingegangen war. Sein Name war Hasan-i Sabbach, und er hatte damals die Glaubensgemeinschaft der Assassinen gegründet. Das Zentrum seiner damaligen Macht sollte die alte Bergfestung Alamut im gebirgigen Norden Persiens gewesen sein. Dort sollte er ein beispielloses Terrorregime aufgebaut haben, und seine Assassinen stets zum Töten missliebiger politischer Kontrahenten ausgeschickt haben. Angeblich sollten sie nie versagt haben.
Einigen alten Berichten nach sollte er sich auch mit Magie beschäftigt haben und 35 Jahre lang die Bibliothek seiner Festung nicht verlassen haben. Seine Spur verlor sich im Dunkel der Geschichte.
Khamal an-Sarawat hatte die Ruinen von Alamut bereits zweimal besucht und die alten Mauern nach möglichen Spuren magischer Portale abgesucht, aber er hatte nie etwas gefunden.
Aber sogar ein Schüler hätte ein Portal nicht dort angelegt, wo sofort jeder danach suchen würde.
Manchmal kamen ihm Zweifel an seinen eigenen Gedanken. Er hatte sich möglicherweise in seiner eigenen Vermutung verrannt und suchte nach einer falschen Spur. Wie sollte ein Mensch auch nach 460 Jahren immer noch wirken können? Oder gab es einen Nachahmer? Oder vielleicht war der Täter auch ein ganz anderer, und eine bewusst falsch gelegte Spur führte ihn in die Irre.
Trotzdem ließ er von dem Gedanken nicht ab, hatte er doch auch Berichte gelesen, wonach sich dieser Mann angeblich in den Besitz des altägyptischen Wissens um das ewige Leben gebracht hatte. Doch wenn man jedes Gerücht glauben sollte, dann müsste man auch davon ausgehen, dass die europäischen Tempelritter die alte Bundeslade mit Gottes Macht in Jerusalem gefunden und in ihre Heimat gebracht hatten. Mit bloßen Vermutungen kam er nicht weiter, denn sie waren wie ein Labyrinth, in dem man sich nur allzu leicht verlaufen konnte.
An-Sarawat vertraute lieber auf die Berichte der eigenen Ordensleute. Diese ausgewählten Mitglieder hatten im Laufe der langen Zeit zahlreiche Archive angelegt und mit magischen Barrieren versehen, um Unbefugte fernzuhalten. Und jetzt war er auf dem Weg in eines dieser magisch geschützten Archive, dessen Portal hier in Timbuktu lag.

Er verschloss drei Türen hinter sich, ehe er sein Arbeitszimmer in der hintersten Ecke des Gebäudekomplexes betrat. Er hatte sich längst damit abgefunden, dass den Türen hier in der Stadt eigentlich diese Bezeichnung gar nicht zustand, so beklagenswert war ihr Aussehen. Wo er herkam hatte jeder Schafstall eine bessere Türe, aber andere Länder andere Sitten.
Im Vergleich zu den Räumlichkeiten, die er auf dem Weg hierher passiert hatte, war dieser Raum dank der wesentlich größeren Fensteröffnungen geradezu in Tageslicht gebadet. Ein Umstand, der ihm beim Schreiben sehr zugute kam.
Vor seinem Arbeitstisch blieb er stehen, so als ob er erst zu Atem kommen müsste nach dem anstrengendem Aufstieg über die ausgetretenen Lehmtreppen. Während er immer langsamer atmete schloss er kurz seine Augen, aber nicht um sich auszurasten, sondern um sich zu konzentrieren.
Er spürte wie ihn die Kraft des Steines an seiner Halskette durchströmte. Und er ließ dabei sein Bewusstsein locker mitströmen, und so mühelos in jeden Winkel auch der angrenzenden Räume schwemmen.
Ein Meister seines Ranges brauchte seine Augen nicht, um die Präsenz eines Menschen fühlen zu können. Selbst jemand, der sich etwa hinter einem Regal versteckt gehalten hätte, wäre seiner erweiterten Aufmerksamkeit jetzt nicht mehr entgangen.
Aber er war alleine so wie beabsichtigt.
Und so öffnete er seine Augen wieder und umfasste seinen Gehstock nun auch mit der anderen Hand am oberen Ende. Mit einem Ruck zog er die fest sitzende Kappe des Stockes ab.
Zum Vorschein kam sein zweiter Blutkristall, den er wie jenen in der Halskette immer mit sich herum trug. Er war fest in den Holzstock eingearbeitet, und unter der Abdeckung nicht sichtbar.
Immer wieder bewunderte er die eigenartige mentale Ausstrahlung dieses blutrot funkelnden Edelsteins, den sein ebenmäßiger Schliff nur noch mehr veredelt hatte. Immer tiefer konzentrierte er sich auf den Kristall, der plötzlich von innen heraus zu strahlen und pulsieren schien.
Die Umgebung seines Arbeitsraumes verschwamm vor seinen Augen, und er sah nicht mehr die Regale, die sich unter der Last der vielen Bücher bogen, oder die Schriftrollen und geöffneten Bücher auf seinem Tisch, die er einfach so hatte liegen lassen als er letztes mal gegangen war.
Nein, er sah nur noch den Kristall, den er nun ganz dicht vor seine Augen hielt, um seine ganze Kraft aufnehmen zu können. Er konnte spüren wie die Macht des Kristalls von im Besitz ergriff, wie sich etwas in seinen Kopf zu bohren schien, das er immer willkommen geheißen hatte.
Ein Schwindelgefühl durchzog ihn und ließ ihn beinahe schwanken. Es war jedes mal das gleiche Gefühl beim Wechsel der Bezugsebene. Ganz fest schloss er diesmal seine Augen, und doch drang der unerklärliche rötliche Schein durch seine geschlossenen Augenlider weiter in ihn ein, bis er sein ebenbürtiges Echo im Gehirn des Zauberers fand, und interagieren konnte.
Und dann sah er plötzlich wieder seine Umgebung. Doch nicht mit seinen immer noch geschlossenen Augen, sondern mit seinem Geiste. Er sah die Schriftrolle auf seinem Tisch, an der er als letztes gearbeitet hatte, so deutlich vor sich, dass er die Zeichen darauf ohne Mühe lesen konnte.
Doch das war jetzt ohne Interesse für ihn. Er ließ seinen geistigen Blick weiter wandern zu der Wand hinter seinem Arbeitsbereich, und sogar weiter durch sie hindurch. Zehn Meter unter ihm gingen Menschen eine staubige Straße entlang, Menschen die er nun aus dem dritten Stock beobachten konnte, obwohl ihn eine massive Außenwand von der echten Sicht trennte. Doch die Wand hatte für ihn auf geheimnisvolle Weise aufgehört zu existieren. Es war jedes mal aufs neue faszinierend. Dort wo eigentlich die feste Wand hätte sein müssen, bildeten sich nun wie aus dem Nichts heraus helle Entladungen als Blitze, die leise und unregelmäßig fauchend an Dichte und Intensität zunahmen. Die Menschen unten auf der Straße versanken hinter den immer heller werdenden Blitzlichtern. Ein undefinierbares Brausen lag in der Luft, von dem er nicht wusste, ob es real zu hören war oder nur sich in seinem Geiste widerspiegelte.
Und als die Blitze immer heller wurden und ihn zu blenden drohten, öffnete er seine Augen wieder.
Das Gefühl von Schwindel verflüchtigte sich sofort, und alles war wieder so wie vorher.
Aber nicht wirklich.
Sefu Khamal an-Sarawat konnte die Veränderung spüren. Mit einem mentalen magischen Schlüssel hatte er das Portal seines getöteten Kollegen geöffnet. Sein Blick heftete sich an die leere Wand hinter seinem überfüllten Arbeitstisch. Und diese Wand begann sich nun zu bewegen. Zunächst verschwamm sie etwas, dann wurde sie wie ein Vorhang einfach beiseite gezogen, um das zu zeigen was schon immer dort gewesen war, jedoch normalerweise nicht sichtbar war. Ein Riss durchzog die Wand, und verbreiterte sich immer mehr. Schließlich wurde aus einem Riss ein immer größer werdendes Loch, ein Abgrund durch den Raum. Das Portal von Timbuktu hatte sich durch eine Wechselwirkung zwischen dem Kristall und seinem eigenen Körper geöffnet, der ebenso mit magischer Kristallsubstanz angereichert war. Er blickte in einen Tunnel hinein, der sich in der Ferne verlor, und dessen Ende in einem weißlichen Nebel steckte. Die Tunnelwände schienen mit Steinen verkleidet zu sein, doch der Meister wusste, das dies nur eine Illusion war, um den Weg durch das Portal sichtbar zu machen.
Der frühere Magier in Timbuktu hatte das Portal so erschaffen, wie es jetzt dem Meister erschien.
Er hätte den Tunnelwänden auch eine andere Struktur geben können, aber er hatte sich eben für ein Steinrelief entschieden.
Es waren nur unwichtige optische Spielereien und nicht weiter von Belang. Wichtig war alleine das dahinter ein abgeschiedener und durch magische Barrieren gesicherter Raum lag, in dem sich ein Blutkristallmagier sicher fühlen konnte. Kein normaler Mensch konnte dorthin vordringen. Aber die entscheidende Frage war, ob das auch für einen dunklen Meister der Magie galt, der bereits Jagd auf ihn machte.
Sefu Khamal an-Sarawat konnte es sich nicht leisten, in seiner Wachsamkeit auch nur eine Sekunde nachzulassen. Trotzdem musste er weiter arbeiten und Mittel und Wege finden, um den rätselhaften Meistermagier daran zu hindern ihn zu töten, und damit das Schicksal des Blutkristallordens und vielleicht der ganzen Menschheit zu besiegeln.
Alle Hoffnung ruhte nun auf seinen Schultern. Er befand sich bereits mitten in einem Krieg der Meister, auch wenn sich die andere Seite bisher noch in der Dunkelheit versteckte, und es nicht riskierte daraus offen hervor zu treten.
Und genau dieser Umstand erfüllte an-Sarawat noch mit einem Funken Hoffnung, denn alleine die Tatsache, dass sich sein Gegner immer noch versteckte, zeigte seine Verwundbarkeit an. Er musste nur herausfinden, wo seine empfindliche Stelle lag. Aber bevor er weiter daran arbeitete, wollte er sich auch davon überzeugen, dass es seiner Schülerin gut ging, die vielleicht gerade deshalb noch am Leben war, weil sie allen Kontakt zu ihm abgebrochen hatte.
An-Sarawat fühlte, dass die junge Prinzessin in der Zukunft noch eine wichtige Rolle zu übernehmen hatte, es fragte sich nur auf welcher Seite sie dann stehen würde. So packte er seinen Stock fester, steckte die hölzerne Kappe wieder auf, und umrundete seinen Arbeitstisch. Ohne zu zögern betrat er den Tunnel, der in das Nichts zu führen schien, und ließ sich vom Portal schlucken.
Hätte es einen heimlichen Beobachter der Szene gegeben, so hätte der nun sicherlich an seinem Geisteszustand gezweifelt, denn er würde den islamischen Gelehrten sehen, wie er einfach durch eine feste Wand hindurch verschwand, denn ein Portal war nur für jene Menschen zu sehen, die eine körperliche und mentale Einheit mit den Blutkristallen gefunden hatten!
Doch es war niemand hier, der das beobachten hätte können, und so blieb der Arbeitsraum des Gelehrten leer zurück, als hätte dieses Zimmer heute noch niemand betreten...
Sefu Khamal an-Sarawat, ein Meister der Blutkristallmagie, war einfach verschwunden als wäre er niemals hier gewesen.


*

Nur wenige Schritte später war der diffuse Durchgang bereits zu Ende, und seine Füße betraten staubigen Boden. An-Sarawat war bereits öfters hier gewesen, und so war diese Umgebung nicht neu für ihn. Er war aus einer Felswand herausgetreten, und vor ihm erstreckte sich eine normale steinige und spärlich bewachsene Steppenlandschaft, in der ein altes Gebäude aus Lehmziegeln und Steinen stand. Die begehbare Fläche dieses geschützten Raumes war etwa dreihundert Schritte lang wie breit. An der Grenze waberte eine rötliche Barriere halbkugelförmig auf, hinter der die äußere Landschaft nur sehr verschwommen zu erkennen war. Auch dem Lauf der Sonne konnte man normal folgen, doch war der Himmel statt blau rötlich verfärbt, denn die magische Barriere schloss den Raum von allen Richtungen her hermetisch ab. Theoretisch konnte niemand von außen hier eindringen, doch Khamal an-Sarawat wusste, dass sein unheimlicher Gegner selbst in solche Räume irgendwie eindringen konnte, wenn er sie fand. Aus diesem Grund war er auch hier in einem eigentlich geschützten Bereich wachsam und auf alles gefasst. Und er hatte sich durch die Jahre hindurch angewöhnt, niemals zu lange selbst in einem Ort wie diesem hier zu verweilen, weil er fürchtete, dass er auf irgendeine Art und Weise angemessen werden konnte. Bisher hatte ihn diese Strategie davor bewahrt, Opfer des Mörders zu werden.
Er hatte bisher keine Aufzeichnungen darüber gefunden, die ihm einen Aufschluss über den Bau dieses magischen Raumes durch einen der Blutkristallmeister gaben. Doch er selbst hatte ja bereits mehrere ähnliche geschützte Räume geschaffen, so dass die Entstehung kein großes Rätsel für ihn darstellte.
Entweder man wählte ein abgelegenes unbewohntes Gebäude aus und umhüllte es mit einer Barriere, die es aus der normal zugänglichen Daseinsebene entfernte, und verband diesen Raum dann über ein Portal mit einem Eingang, den man irgendwo anders einrichten konnte. Der Eingang zu diesem Portal lag in einer Moschee in Timbuktu, der geschützte Raum hier konnte irgendwo liegen, selbst tausende Kilometer entfernt. Distanzen spielten bei Portalen keine Rolle.
Oder man konnte einen künstlichen Raum auch direkt jenseits der normalen Daseinsebene anlegen. Eben genau auf jener Ebene, in der sich der magische Portaldurchgang befand, wo immer das auch war.
Ohne zu zögern ging er sofort auf das sichtlich alte Bauwerk zu. Die Umgebungstemperatur war kaum anders als in Timbuktu. Feiner Sand und kleine Steine knirschten unter seinen Schritten. Das weiß verputzte Bauwerk war quadratisch. Die Wände waren dick, und in der Mitte des einzigen Innenraumes stand eine massive Steinsäule, welche das Gewicht der vier Kuppeln trug, die das Dach bildeten.
Auf halbem Weg zum Eingang blieb er plötzlich stehen und zog die Kappe seines Stockes ab, den er in den Boden rammte. Augenblicklich spürte er seine Einheit mit dem Kristall, und er schloss die Augen. Sicherheitshalber untersuchte er auf mentaler Ebene den Raum. Sein Geist umrundete das Gebäude, und drang schließlich durch eine Wand in sein Inneres vor.
Doch er konnte nichts verdächtiges dabei entdecken, und so konzentrierte er sich auf die distanzlose Kommunikation zu seiner Schülerin. Sein Geist drang in eine rötliche Zwischenebene vor, und wurde durch irgendeine Art von mentaler Strömung direkt zu seinem Ziel gebracht. Jeder Magier, der Kristallsubstanz aufgenommen hatte, war auf diese Art auffindbar, wenn das Muster des individuellen magischen Mentalschlüssels bekannt war. Je öfter eine mentale Kommunikation stattfand, desto intensiver und kräftiger wurde auch die Kristallsignatur der Sendenden.
Möglicherweise konnte der unbekannte Mörder die Ordensmagier auf diese Art irgendwie aufspüren, obwohl es selbst den Meistern nicht möglich war, fremde Magier zu kontaktieren, deren individuelle Mentalschlüssel nicht bekannt war.
Es blieb ein Rätsel, dass er hoffte irgendwann zu lösen. Hoffentlich bevor es zu spät war.
Schon hatte er seine Schülerin lokalisiert, und konnte damit seine Stimme direkt in ihr Gehirn projizieren:
„Ich grüße Dich, Prinzessin Yumana. Alles in Ordnung bei Dir?“
Im Prinzip konnte auch seine Schülerin auf die gleiche Weise mit ihm in Kontakt treten, doch sie hatte es noch niemals getan. Ihre Wege hatten sich getrennt, weil sie nichts mehr von der Magie wissen wollte. Der Tod ihrer Mutter und der anderer bekannter Magier hatte in ihr die Überzeugung reifen lassen, dass Magie nichts war, dass die Menschen benutzen sollten. Somit hatte sie sich sowohl von ihrem Lehrmeister als auch von den magischen Lehren an sich abgewandt, und war entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen.
Angesichts der momentanen Gefahr war Khamal an-Sarawat sogar froh darüber, denn dadurch war sie praktisch für den Mörder nicht auffindbar, der vermutlich über magische Spuren seinen Opfern folgte. Die Antwort kam so wie erwartet:
„Hör auf mich zu stören, Onkel Sefu! Ich bin beschäftigt! Und nenne mich nicht Prinzessin. Du weißt was ich davon halte.“
Das war typisch für seine Schülerin. Sie hatte sich einer Gruppe von Korsaren angeschlossen, und kämpfte gegen die Willkür der Portugiesen an, die bereits weite Teile der afrikanischen Küste unter ihre Kontrolle gebracht hatten, und in großer Zahl schwarze Einheimische entführten, um sie als Sklaven in irgendwelche entfernten Länder zu bringen. An-Sarawat hatte ihr geraten, sich nicht in Gefahr zu bringen, doch wie er seine Schülerin kannte, würde sie sich nicht an seinen Rat halten.
Doch der Meister vertraute auf das Schicksal, das seine Schülerin so oder so auf den richtigen Weg bringen würde. So wie es sie bereits einmal vor dem Mörder beschützt hatte, der damals nur ihre Mutter erwischt hatte, obwohl er zweifellos beide im Visier gehabt hatte, denn Berichten zufolge hatten die mysteriösen Geisterreiter damals nach dem Tod der nubischen Meisterin Amanimakena die Umgebung abgesucht, allerdings ohne Erfolg.
„Ich störe Dich nicht, Yumana, doch bin ich verständlicherweise neugierig auf Deine Tätigkeiten.“
Um sie nicht unnötig zu reizen, ließ er ab nun die standesgemäße Anrede Prinzessin weg.
Mit geschlossenen Augen stand An-Sarawat da, und umklammerte mit beiden Händen seinen Holzstock, auf dessen Spitze der Blutkristall pulsierte. Die Unterhaltung vollzog sich ausschließlich auf mentaler Ebene. Es gab keine gesprochenen Worte dabei. Seine Schülerin konnte ohne ihren Kristall zu aktivieren antworten, denn die Energie musste der Sender aufbringen. Vermutlich hatte sie ihren Kristall aber gar nicht bei sich. Eine Unart, die er ihr ebenso wenig austreiben konnte wie ihre Art, sich in unnötige Gefahr zu stürzen.
„Aber Du bist immer zu den unmöglichsten Zeitpunkten neugierig, Onkel. Ich kann jetzt wirklich nicht, weil ich gerade zusammen mit der Häuptlingstochter der Ndongo, Nzinga Mbande, ihre gefangenen Schwestern befreien muss. Du kennst sie, denn ich hab sie Dir bereits vorgestellt.
Und keine Wiederworte, Onkel, ich bin alt genug, um auf mich selber aufpassen zu können. Meine Sache ist gerecht, und ich werde das durchziehen. Auch die Mannschaft unterstützt mich dabei.“

Sefu Khamal an-Sarawat hatte es längst aufgegeben, seiner Schülerin irgendwelche Ratschläge zu erteilen, denn er wusste um die Sinnlosigkeit. Sie war jetzt zwanzig Jahre alt, und damit zweifellos reif genug für eigene Entscheidungen. Somit beendete er die kurze Unterhaltung:
„Gutes Gelingen, Yumana!“
An-Sarawat öffnete seine Augen, unterbrach die mentale Konzentration und kehrte damit in seine Umgebung zurück. Automatisch setzte er die Kappe über den Kristall und näherte sich dem Eingang. Die spitzbogenförmige Öffnung in der Wand war nicht einmal durch eine Decke gegen aufgewirbelten Staub verschlossen, denn es gab in solchen magischen Räumen keine wechselnden Wetterlagen. Weder Wind noch Regen konnten die magische Barriere durchdringen.
Ohne weiter zu zögern betrat er durch den Bogen das Gebäudeinnere. Im ersten Moment war es finster, denn seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die neuen Lichtverhältnisse anzupassen. Licht fiel nur spärlich durch den Eingang und mehrere kleine Rundöffnungen in den Seitenwänden in das Gebäude. Die Luft roch muffig und abgestanden, und es war wesentlich kühler als draußen. Nichts hatte sich seit seinem letzten Besuch hier verändert. Wer hätte auch herkommen können außer ihm selber? In den Wandregalen warteten die alten Schriften des Ordensgründers. Auf den Wandtischen dazwischen die üblichen Laborwerkzeuge der Blutkristallmagier.
Auf dem Arbeitstisch lagen einige Schriftrollen, die in der alten akkadischen Keilschrift verfasst waren. An-Sarawat konnte es kaum erwarten, die Berichte von seinem längst verstorbenen Namensverwandten Alimnar al-Sarawat weiter zu lesen. Die alten Schriften waren voll von alten Göttergeschichten, längst vergangenen Schlachten und Legenden über Helden, deren Namen ihm natürlich überhaupt nichts sagten. Über den Tisch verteilt lagen von ihm beschriebene Seiten, auf denen er sich wesentliche Textpassagen herausgeschrieben hatte. Er wollte hier einige Stunden konzentriert arbeiten, bevor er wieder nach Timbuktu zurück kehrte. Mit dem Feuerstein der Kochnische entzündete er einige Öllampen, setzte sich und wollte gerade zu lesen beginnen, als ihn ein schabendes Geräusch ablenkte.
Sofort sah er sich im flackernden Schein der Lampen um. Nichts.
Womöglich war nur ein Stück Papier verrutscht. Trotzdem umfasste er den kleinen Kristall an seiner Halskette und schloss kurz die Augen. Sofort tastete sein Geist das Gebäudeinnere ab. Nein, da war nichts. Er vertiefte sich in die Arbeit.
Doch plötzlich wiederholte sich das Geräusch, diesmal lauter! Alarmiert schnappte sich al-Sarawat den Stock, riss die Kappe ab und sprang auf. Sein Geist war sofort auf Abwehr eingestellt. Er spürte die gebündelte Energie des Kristalls, die jede seiner Aktionen verstärken würde. Sicherheitshalber baute er auch gleich einen zusätzlichen magischen Schild um sich herum auf. Eine rötliche Kugel mit etwa zwei Meter Durchmesser umgab ihn sofort.
Er wusste, dass bereits Magier in den geschützten Räumen getötet worden waren. Doch niemand hatte je Zeit dafür gefunden darüber zu berichten. Hatte ihn der Mörder jetzt tatsächlich entdeckt? Oder gab es eine andere Erklärung für das deutliche Geräusch vorhin?
Mäuse oder Insekten waren ausgeschlossen. Sie verhungerten nach dem Errichten einer Barriere ziemlich schnell. Während er mit offenen Augen jeden Bereich des Zimmers musterte, glitt gleichzeitig sein Geist durch den gesamten magischen Raum der Barriere. Er konnte noch immer nichts entdecken, obwohl er sicher war sich nicht getäuscht zu haben.
Also schnappte er sich eine Öllampe und ging langsam die Wände ab. Er leuchtete dabei sorgfältig alle Schatten aus. Schließlich blieb er zwischen zwei Holzregalen stehen und betrachtete die nackte Wand. Ein Teil des altes Wandverputzes hatte sich gelöst und war auf den Boden gefallen. War das alles gewesen? An-Sarawat stellte die Öllampe auf ein Fach und tastete die kühle Wand mit seiner freien Hand ab. An den Bruchstellen konnte er keine weiteren Teile ablösen. Gerade als er sich fragte, warum ein Teil eines an sich festen Mauerwerks sich gelöst hatte geschah das Unerwartete!

Eine große schwarze Hand fuhr aus der Wand, und kräftige dicke Finger schlossen sich blitzschnell um den Hals des Meisters! Als wäre er nur ein Stück gewichtsloses Papier wurde er hochgerissen und verlor den Boden unter den Füssen. Sofort produzierte er eine magische Welle, die ausgehend von seinem Kopf alles in seiner Umgebung traf und zurückschleudern musste.
Die schweren Holzregale wurden von der Welle sofort erfasst und seitlich weggeschleudert. Unzählige Bücher und Pergamentrollen flogen durch die Luft. Auch Öllampen kippten um. Eine von ihnen entzündete auch sofort einen Stapel alter Papiere. Etwas krachte seitlich von ihm. Vermutlich war der schwere Tisch gegen die Wand gekracht, und hatte den Sessel zerquetscht. Eine magische Welle hatte eine so große Wucht, dass sogar Elefanten von ihr weggeschleudert werden konnten, doch auf den fremdartige Eindringling hatte die Welle keinerlei Wirkung! Auch sein immer noch aktiver Schutzschild schien komplett zu versagen. Mit brutaler Gewalt schnürte ihm die riesige Hand weiterhin die Luft ab, und jetzt schälte sich auch noch eine alptraumhafte Gestalt aus der Wand heraus, die nur ein fürchterlicher Dämon sein konnte! War das der unheimliche Mörder, dem alle Magier bisher zum Opfer gefallen waren?
Obwohl Khamal an-Sarawat kaum noch Luft bekam, und die Umgebung bereits begann zu verschwimmen, saugte sich sein Blick an der furchteinflößenden Gestalt fest. Ein schwarzer Riese, bedeckt mit zotteligem Fell und ausladenden Hörnern stand vor ihm, dessen Schädel fast die Decke berührte. Augen, in denen sich wilde Mordlust spiegelte, blickten ihn unbarmherzig an. Die Kreatur trug irgendeinen Helm auf dem Kopf, und zu seinem Entsetzen erkannte der Magier auch einen großen kreisrunden und pulsierenden Kristall, der daran hing, und der wesentlich größer war als sein Eigener.
So sah also das Ende aus. Der Teufel oder ein von ihm gelenkter teuflischer Dämon war magisch begabt, und damit allen Meistern überlegen!
Ein Schlag raubte Sefu Khamal an-Sarawat beinahe das Bewusstsein, doch er war nur von der Kreatur an die rückwärtige Wand des Raumes gepresst worden. Die fremden Augen bohrten sich in sein Bewusstsein, und schlagartig erlosch auch der ohnehin sinnlose magische Schild. Für eine zweite Welle fehlte ihm bereits die Kraft. Der fremde Dämon drang in sein Gehirn ein und saugte seinen Willen auf. Jetzt war das fremde Gesicht ganz nahe vor seinem eigenen. Ein Gedanke zuckte durch den Kopf des Magiers, während er übelriechenden Atem aus einer feuchten schwarzen Nase roch. Das Gesicht der Kreatur erinnerte an einen Stier. Ein Stier aus der Hölle tötete ihn, und dann fragte sich an-Sarawat noch völlig sinnlos, ob die Kreatur auch Hufe haben würde, doch er konnte seinen Kopf keinen Millimeter bewegen. Wie an der Wand festgenagelt hing er da, während ihn die zottelige gehörnte Kreatur weiterhin mit einer Hand dagegen presste.
Plötzlich lockerte sich die gewaltige Hand um seine Hals, und an-Sarawat stürzte zu Boden. Ein Hustenanfall schüttelte ihn. Sein Hals schmerzte. Was konnte er schon gegen eine solche Kreatur ausrichten? Alles war vergebens. Der Magier bemerkte, das sich der ungebetene Gast zwei Schritte von ihm entfernte, und er hob den Kopf um zu beobachten.
Erst jetzt bemerkte er die Kleidung der Kreatur. Ein Lederrock um die Hüfte, ein gekreuzter Gurt um seine mächtige Brust. Und er stand tatsächlich auf zwei gewaltigen Hufen aufrecht. Mit Entsetzen erkannte der Zauberer, dass die Kreatur jetzt den schweren Arbeitstisch anhob als bestünde er nur aus leichtem Papier. Wollte er ihn damit zerquetschen wie ein Insekt?
Al-Sarawat versuchte auf die Beine zu kommen. Beißender Rauch stieg von irgendwo auf. Verbrannten jetzt alle Unterlagen?
Ein lauter Knall ließ das Gebäude erzittern, als der Unbekannte den Tisch zu Boden schleuderte. Der Magier bemerkte erleichtert, dass er nicht getroffen worden war. Die Kreatur drehte sich nun wieder zu ihm um und starrte ihn intensiv an. Da bemerkte an-Sarawat, das die Kreatur mit dem Tisch das Feuer gelöscht hatte, welches sich bereits begonnen hatte auszubreiten.
Dann erfüllt eine so kräftige Stimme den Raum, wie er noch nie eine gehört hatte. Sein Kopf schien beinahe dabei zu platzen, doch die Ohren dröhnten nicht. War das eine gedankliche Stimme, die er hörte, eine mächtige magische Stimme? Oh Gott, wenn diese übergroße Kreatur ein Magier war, dann, kam er sich selbst in diesem Moment wie ein kleiner unwissender Schüler vor.
„Welches Jahr wird geschrieben?“
Welches Jahr? Khamal an-Sarawat verstand nicht richtig. Sofort setzte der Riese nach:
„Welches Jahr!“
Verwirrt antwortete der alte Zauberer automatisch:
„1591“
„Was bedeutet das genau?“
An-Sarawat war verwirrt. Was wollte der Unheimliche nur von ihm? Etwas präziser antwortete er:
„Wir schreiben das Jahr 1591 nach Christus.“
Ein Moment war Ruhe, dann erscholl die mächtige magische Stimme erneut:
„Wer ist Christus? Ein König?“
Ein Hustenanfall schüttelte abermals den geschundenen Körper des alten Zauberers. Als er wieder seine Stimme fand, antwortete er wahrheitsgemäß:
„Christus ist der Sohn Gottes.“
Doch mit dieser Antwort war der Fremde nicht zufrieden, denn er bohrte weiter:
„Welches Gottes?“
„Des einen Gottes, er gibt nur den Einen. Was wollt Ihr von mir, Dämon?“
Doch anstatt eine Antwort auf seine freche Frage zu bekommen, wandte sich der Riese plötzlich von ihm ab.
„Interessant“
Die finstere Kreatur schien plötzlich jegliches Interesse an ihm verloren zu haben, denn sie bückte sich und verließ den Raum durch die bogenförmige Öffnung. Der Zauberer war alleine in dem verwüsteten Raum. Langsam stemmte er sich hoch. Was war das für eine Erscheinung gewesen? Im Schein der noch brennenden Öllampen sah er sich um. Die einzelnstehenden Regale waren alle umgekippt, ihr Inhalt war über den Boden verstreut. Sein Stuhl lag zerschmettert an der Wand. Die Laborgeräte seines Vorgängers lagen ebenso wie die Pergamentrollen wild verstreut auf dem Boden.
Einige Glasflaschen waren zerbrochen. Hatte der fremde Riese so gewütet, oder war diese Unordnung nur alleine auf seine magische Abwehrwelle zurückzuführen, die seltsamerweise keinerlei Effekt an dem Fremden gezeigt hatte. Wo war er hergekommen? Und wo war er hingegangen?
An-Sarawat verließ genau wie der Fremde den Raum. Er suchte nicht einmal nach seinem magischen Zauberstock, denn der Fremde hatte bewiesen, dass er ohnehin nutzlos gegen ihn war. Hätte ihn der seltsame Riese töten wollen, dann wäre er jetzt tot.
An-Sarawat brauchte nicht weit zu gehen. Der Fremde stand direkt neben dem Eingang, und schien die magische Barriere zu betrachten. Der Zauberer wagte eine Frage:
„Habt Ihr die Meister des Blutkristallordens getötet?“
Sofort wandte sich der Fremde um. In seinem Blick lag nun keine Bösartigkeit mehr, als er erwiderte:
„Ich habe niemanden getötet den Ihr kennen könnt, Sefu Khamal an-Sarawat.“
Der Fremde kannte ihn beim Namen! Doch wer war der Riese überhaupt, wenn er nicht der unheimliche Mörder war, wie er behauptete:
„Seid Ihr … ein Dämon?“
Der Fremde starrte ihn nur an. Konnte er vielleicht seine Gedanken lesen?
„Mein Name ist Baluum. Erzählt mir von Eurer Welt, an-Sarawat.“
Da dem Zauberer nichts Besseres einfiel fragte er zurück:
„Was wollt Ihr wissen? In welchem Land wir sind? Oder wo ich herkomme? Oder wer das Land regiert? Oder soll ich von meinem Gott erzählen?“ Offensichtlich war der Fremde gar nicht der Feind, für den er ihn am Anfang gehalten hatte. Der Zauberer musste sich gewaltsam mit seinen unzähligen Fragen einbremsen. Am liebsten hätte er den Riesen gefragt, wie er es geschafft hatte, hier einzudringen, doch er wollte diesen Baluum auf keinen Fall gegen sich aufbringen, wo er sich doch gerade erst beruhigt hatte. Da traf auch schon die Antwort ein:
„Erzählt mir einfach alles. Ich war lange weg.“
Und so begann Sefu Khamal an-Sarawat über sich und diese Zeit zu erzählen...


*

Die Geschichte der Menschheit ist eine nähere Betrachtung wert!

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2019 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme