Es ist: 23-06-2018, 08:55
Es ist: 23-06-2018, 08:55 Hallo, Gast! (Registrieren)


Zugfahrt
Beitrag #1 |

Zugfahrt
Wie ich in einem anderem Thread bereits erwähnte, schreibe ich noch. Icon_wink Eigentlich wahr ich unsicher, etwas einzustellen, weil ich längst nicht so viel Zeit fürs Forum aufbringe, wie ich sollte, aber jetzt stelle ich doch eine ein. Icon_wink Icon_smile
Die Geschichte ist als Fingerübung entstanden, aber irgendwie liegt sie mir doch am Herzen. Ich bin gespannt, wer alle Anspielungen entdeckt, so wirklich schwer sollte es nicht sein.


Den Laptop vor sich auf dem kleinen Tischchen, neben sich ein fetter schwitzender Kerl und die Sonne, die ihm seitlich auf das Gesicht brannte. So starrte Martin auf den Bildschirm vor sich, auf dem sich Tabellen und Diagramme entfalteten. Nebenher schaute er immer wieder auf den Fernseher, der in der Ersten Klasse aufgehängt war. Die aktuellen Börsenkurse liefen über den unteren Bildschirmrand, während der Nachrichtensprecher von irgendeiner Katastrophe berichtete, die ihn nicht interessierte. So weit lief alles gut. Alles war genau so, wie er es erwartet hatte. Der Rubel rollte und seine Kunden würden zufrieden sein. Er klickte eine weitere Datei an. Sie öffnete sich und sofort begann er den Inhalt zu studieren. Sein nächster Kunde würde eine harte Nuss werden, aber hier hatte er alle Informationen, um ihn zu überzeugen. Er lächelte, es gab doch nichts besseres als eine lange Zugfahrt, um Geschäfte vorzubereiten. Auf seiner ersten Zugfahrt hatte er noch aus dem Fenster gesehen, die Landschaft betrachtet und gelesen, aber irgendwann hatte er erkannt, wie er die Zeit effektiver nutzen konnte und angefangen, auch im Zug zu arbeiten. Bei seinem Erfolg und den vielen Kunden, die er hatte, brauchte er die Zeit auch. Wenn es nach ihm ginge, hätte jeder Tag dreißig Stunden haben können, so viel hatte er zu tun. Er war gut, nein sehr gut, und das brachte ihm eine Menge Geld ein. Da störten selbst die wenigen Urlaubstage, die er sich gönnte. Noch fünfzehn Jahre und er hatte seine Schäfchen im Trockenem und würde das Leben genießen. Der Kuli schrieb nicht mehr und er holte seinen Aktenkoffer hervor, um einen Neuen herauszuholen. Da fiel Martins Blick auf das kleine Buch in einer der Taschen. Es war der Hobbit von J.R.R. Tolkien. Früher hatte Martin es verschlungen, jedes Jahr mindestens ein Mal gelesen, aber jetzt hatte er keine Zeit mehr für so eine Zeitverschwendung. Der Kuli lag daneben. Während er die nächste halbe Stunde weiterarbeitete, rückte er gleichzeitig immer weiter von seinem Sitznachbarn ab, der nun angefangen hatte zu essen und dabei laute Geräusche wie ein Troll machte. Genau besehen, sah der Man auch aus wie einer. Mit seinem schwabbeligen Bauch und dem runden, stumpf blickenden Gesicht. Martin seufzte. An Arbeit war nicht mehr zu denken, denn konzentrieren war definitiv nicht mehr möglich. Also beschloss er ein wenig zu schlafen, so brauchte er später im Hotel nicht so viel Zeit darauf zu verwenden. Nachdem der Laptop zugeklappt und der Sitz nach hinten gekippt war, schloss Martin die Augen. Die Vibrationen des Zuges, durchliefen seinen Körper und das monotone Klacken, wenn die Räder von einer zur nächsten Schiene wechselten, wirkte beruhigend auf ihn. Schon bald atmete Martin tief und regelmäßig.

Ein kalter Schauer erfasste Martin. Er schlug die Augen auf. Es war dunkel und durch ein offenes Abteilfenster kamen kalte Luft und Schnee herein. Schnee? Es war doch Sommer. Martin stemmte sich aus seinem Bett hoch und sah sich um. Der Waggon hatte sich verändert. Statt in einem hochmodernen Zug mit Klimaanlage war er nun in einem luxuriösen, altmodischen Schlafwagenabteil. Was war hier los? Wie war er hierher gekommen? Martin schwang die Beine vom Bett, die nun in einer Schlafanzughose steckten und stand auf. Mit einem Schritt war er beim Fenster. Draußen war eine vom Schnee zugedeckte Landschaft zu sehen. Das Weiß hatte alles fest im Griff.
„Ah! Können sie auch nicht schlafen?“
Martin drehte sich um. Vor ihm stand ein kleiner Mann mit einem riesigen Schnauzer, den er extra für die Nacht mit einem Barthalter, oder wie man das auch nennen mochte, geschützt hatte. Und der Mann redete weiter auf ihn ein.
„Ich fürchte mon ami, wir werden hier länger stehen bleiben. Wir sind eingeschneit. Unsere Fahrt mit dem Orient-Express wird also ein klein wenig länger dauern.“ Martin stutzte. Orient-Express? Wie sollte er denn in den gelangt sein? Fuhr der überhaupt noch? Und wieso kam ihm dieser Mann irgendwie bekannt vor? Und wieso hatte er einen so seltsamen französischen Akzent?
„Sie sind im Übrigen nicht der Einzige, der heute Nacht nicht schlafen kann. Genau genommen, sind recht viele unserer Mitreisenden auf dem Gang unterwegs. Aber das sollte sie nicht beunruhigen. N´est-pas? Ich bin sicher, morgen früh, wird uns der Schaffner sagen, wie lange wir hier stehen werden. Und vielleicht findet sich ein Rätsel, welches es zu lösen gilt.“
Mit diesen Worten legte sich der Mann wieder in sein Bett. Martin stand einfach da und wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Schließlich ging er zum Fenster, sah erneut auf die Schneelandschaft hinaus, die sich idyllisch vor ihm ausbreitete und schloss das Fenster. Eine Rauchwolke kam in dem Moment von der Lok heran geweht, verdeckte die Sicht, drang durch jede Ritze und hüllte das Abteil in dichten Nebel.

Der Nebel verzog sich und gab die Sicht auf einen sommerliche Landschaft frei. Wie konnte der Wechsel der Jahreszeiten so schnell von statten gehen? Er befand sich weiterhin in seinem Abteil, aber der Mann mit dem Schnauzer, war verschwunden. Sein Magen meldete sich. Deswegen verließ Martin sein Abteil und betrat den Gang. Als erstes wollte er den Speisewagen suchen. Nachdem er sich für eine Richtung entschieden hatte, lief er los. Kam allerdings nicht weit. Zwei Abteile weiter, vernahm er Kampfgeräusche hinter der verschlossenen Tür. Kurz zögerte er, bevor er die Tür aus Neugier etwas öffnete. Durch den schmalen Spalt sah er zwei Männer verbissen miteinander ringen. Beide waren bereits angeschlagen. Einer von ihnen war etwa Mitte Dreißig, mit kalten, blauen Augen, die von den Untiefen in ihm sprachen und ihn klar als Killer kennzeichneten. Völlig unvermittelt überlagerte sich sein Gesicht mit dem von Sean Connery in Martins Kopf. Von der Statur her war er nicht besonders beeindruckend, aber er verstand sich darauf seine Hände und den ganzen Rest seines Körpers als Waffe einzusetzen. Nichts schien ihn zu stoppen. Eben in eine Ecke gedrängt, gewann er schnell wieder die Oberhand und ehe Martin reagieren konnte prallte sein Gegner gegen die Tür und sie schlug mit einem Krachen gegen Martins Kopf. Er verlor das Bewusstsein.

Als Martin aufwachte, saß er in einem normalen Abteil. Er sah hinaus. Paddington Station. Wieso jetzt Paddington? Eben war er doch im Orient-Express gewesen und der fuhr garantiert nicht über Paddington. Martin schaute an sich herab und stellte fest, dass er einen eleganten, aber der Mode der 50er entsprechenden Anzug trug. Die Bahnhofsuhr zeigte 16.50 Uhr an. Der Schaffner pfiff und der Zug setzte sich in Bewegung.
Die Zeit verging im Fluge. Gerade eben waren sie in Paddington und jetzt außerhalb Londons. Ein anderer Zug kam auf dem Nebengleis heran, bis er mit ihnen gleich auf war. Martin konnte hinüber in die Abteile sehen. In einem saß eine alte Dame, etwas hager und ein Buch in der Hand haltend, wobei sie im Moment genauso wie er selbst, den anderen Zug beobachtete. Plötzlich schreckte sie auf, schlug die Hand vor den Mund und wurde ganz aufgeregt. Der Zug beschleunigte und sie geriet aus Martins Blick.

Der Zug bremste und hielt an. An den Gleisen standen Männer der britischen Armee und jede Menge Kinder mit Koffern in der Hand. Ein paar der größeren sahen sehnsüchtig zu den Soldaten hinüber. Mitten in diesem Pulk fielen ihm vier Kinder besonders auf. Zwei Mädchen und zwei Jungen. Der Älteste von ihnen war recht groß und mit Sicherheit um die sechzehn Jahre alt. Er war in ein Streitgespräch mit der älteren der beiden Schwestern. Aus den Gesprächsfetzen, die Martin auffing, wurde klar, dass er nicht mitfahren wollte. Währenddessen starrte der jüngere der Brüder düster vor sich hin und die Kleine wippte aufgeregt vor und zurück. Als die Zugtüren sich öffneten, hörte Martin gerade eben noch ein lautes „Peter“, bevor der Lärm der hereinstürmenden Kinder, den Zug erfüllte. Die Türen schlossen sich und es ging ein Rucken durch den Zug, als er sich in Bewegung setzte.

Kurze Zeit später stand er erneut im Bahnhof. King´s Cross. Auch diesen Bahnhof kannte Martin. Er öffnete die Zugtür und trat auf den Bahnsteig. Er trug die Uniform eines Schaffners, wie er erstaunt feststellte. Sobald seine Füße den Boden berührten, fiel ihm eine Familie direkt auf. Jedes der Kinder hatte feuerrote Haare. Ihre Mutter verabschiedete sich gerade eben von ihnen und war dabei so aufgeregt, als wäre sie diejenige, die mit dem Zug zur Schule fahren würde. Nachdem sie jedes ihrer Kinder verabschiedete hatte, wandte sie sich an einen Jungen, der direkt neben ihrer Familie stand und der eine auffällige, gezackte Narbe auf der Stirn hatte. Auch ihn verabschiedete sie genauso herzlich. Zupfte sogar etwas länger an seiner Kleidung herum, damit er ordentlich aussah und entließ ihn schließlich. Fast zu spät. Als einer der letzten betrat der dunkelhaarige Junge den Zug bevor Martin seine Pfeife zum Mund führte und dem Lokführer mit einem schrillen Pfiff das Signal zur Abfahrt gab. Die Lok schnaufte und setzte sich in Bewegung. Mit einem ungeheuren Tempo zog die Landschaft an ihnen vorbei. Martin ging in sein Schaffnerabteil, zog die Uniformjacke aus und setzte sich. Das beständige Rattern des Zuges ließ ihn schnell einschlafen.

„Nächster Halt Essen Hauptbahnhof. Der Zug hält hier für zehn Minuten.“ Die Lautsprecherdurchsage ließ Martin aufschrecken. Sie hatte ihn mitten aus dem Tiefschlaf gerissen. Er sah sich leicht orientierungslos und verwirrt um. War er immer noch in diesem seltsamen Traum? Nein, dies war definitiv ein ICE und sein Laptoptasche stand zwischen seinen Beinen. Der Typ, der wie ein Troll aussah, schlief laut schnarchend neben ihm. Martin trank erstmal einen Schluck aus seiner Wasserflasche, um wieder zur Besinnung zu kommen. Hatte er das alles wirklich geträumt? Aber es hatte sich so echt angefühlt. Er schüttelte den Kopf. Nein, das konnte nicht sein, er konnte unmöglich all diese Leute getroffen haben, sie waren doch nur Figuren aus Büchern, die er einst gelesen hatte. Sein Blick fiel wieder auf seinen Sitznachbarn. Wobei...! Trolle schien es es auch in echt zu geben, wenn er sich den Kerl so ansah, zumindest hatte er sich so immer einen vorgestellt, wenn er den Hobbit gelesen hatte. Er musste lachen bei dem Gedanken, dass er einen Menschen mit einem Fantasygeschöpf verglich. Dabei fiel ihm auf, dass er zum ersten Mal seit langem wirklich ehrlich gelacht hatte. Es fühlte sich gut an.
Vielleicht sollte er jetzt weiterarbeiten. Er griff in seine Laptoptasche. Aber statt seines Computers ertasteten seine Hände als erstes Papier. Er zog die alte Ausgabe des Hobbits heraus und betrachtete sie für eine Weile. Er wollte sie schon zur Seite legen, als etwas in ihm sagte, ihn aufzuschlagen. Sein Blick fiel auf die ersten Zeilen und glitten rasch über sie hinweg.

In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit

Martin lächelte und las weiter, die Arbeit konnte warten.

Auf das der Wind in eurem Rücken, nie euer eigener sei. (alter irischer Reisegruß Icon_wink)
drakir
und seine Werke

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2018 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme