Es ist: 19-08-2018, 16:13
Es ist: 19-08-2018, 16:13 Hallo, Gast! (Registrieren)


Alina
Beitrag #1 |

Alina
Ich folge Dreads Beispiel und veröffentliche meine Wettbewerbsgeschichte. Besserer Titel ist mir leider immer noch nicht eingefallen. Deswegen etwas schlichter.

 
Mein Name ist Alina, ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und dies ist meine Geschichte:
 
Geboren wurde ich im Sternzeichen Löwe an einem verregneten Augusttag. Nachdem meine Mutter stundenlang in den Wehen lag und ihre Kräfte schwanden, entschieden die Ärzte sich für einen Kaiserschnitt.
Sie nahmen dazu ein kleines, scharfes Messer und ritzten die Bauchdecke meiner Mutter auf. Nach Monaten in Dunkelheit traf mich ein greller Lichtstrahl. Ich klammerte mich im Leib meiner Mutter fest, doch diese Halbgötter in Weiß rissen mich unbarmherzig in eine trostlose Welt hinaus.
Die Liebe zu Messern blieb mir erhalten, meine Mutter nicht. Sie starb bei meiner Geburt.
Ich wuchs bei meinem Vater auf. Kleines Vorstadthäuschen irgendwo in den Vereinigten Staaten von Amerika, Garten, brauner Mischlingshund, der auf den Namen Spot hörte und irgendwann eine neue Mutter.
Kurz vor meiner Einschulung heiratete mein Vater erneut. Meine Stiefmutter war eine hochgewachsene starkknochige Frau mit kalten Augen, die sich in meine kleine Kinderseele bohrten. Ich versuchte, möglichst Kontakt zu vermeiden und zog mich oft in mein Kinderzimmer zurück, wo ich mit Spot spielte oder meine Puppen bemutterte. Wenn ich schon keine Mama hatte, sollte es ihnen besser ergehen.
Meine sogenannte Mutter hatte einen Bruder, Bob. Ein übler Kerl, der lieber trank statt einer geregelten Arbeit nachzugehen. Als er mal wieder aus dem Gefängnis kam, wohnte er bei uns.
"Vorrübergehend", wie "Mama" sich ausdrückte, doch für mich wurde es zur Ewigkeit. Eines Nachts, ich schlief schon mit meiner Puppe im Arm und Spot am Fußende meines Kinderbettes mit dem rosa Himmel, öffnete sich die Tür einen Spalt. Das grelle Licht drang mir unter die Augenlider und weckte mich aus meinem leichten Schlaf. Für solch einen Mann unglaublich leichtfüßig betrat Bob mein Zimmer. Im Türrahmen schaute er noch einmal über die Schulter, als wolle er sich vergewissern, dass ihn niemand erwischte. Dann schloss sich lautlos die Tür und mein Leiden begann.
Onkel Bob, wie ich ihn nennen musste schlich sich an mein Bett und setzte sich auf den Rand. Ich roch seinen Atem, der stark nach Whisky und Zigaretten stank. Seine schwieligen Hände strichen über meine blonden Locken. Ich drehte mich auf die Seite, mit dem Gesicht weg von ihm und tat so, als ob ich schlafe. Seine Finger rutschten über mein Gesicht, verweilten an meinen Lippen, bevor er mich bei den Schultern packte und auf den Rücken legte.
„Ich weiß, dass du nicht schläfst, Alina“, hörte ich ihn in der Dunkelheit flüstern. „Der Onkel Bob ist jetzt ganz lieb zu dir.“ Er lachte leise und mir lief ein Schauer über den Rücken. Mit der Puppe im Arm ließ ich ihn geschehen.
Aus vorrübergehend wurden Jahre, in denen sich Onkel Bob bei uns einnistete. Dann und wann verschwand er für einige Zeit und seine Schwester erzählte die abenteuerlichsten Geschichten in unserem kleinen Vorort, aber jeder wusste, wo er sich wirklich aufhielt. Mein Vater verlor seine Arbeit, doch auf wundersame Weise konnte er die Raten für unsere Häuschen und sein Auto weiter bedienen. Onkel Bobs geheimnisvolle Geschäfte waren wohl der Grund dafür.
Er besuchte mich regelmäßig nachts in meinem Zimmer. Nach einer gewissen Zeit gab es keine Stelle meines Körpers, die seine Hände nicht berührt hätten.
An meinem zwölften Geburtstag verreisten meine Eltern. Weinend klammerte ich mich an meinen Vater und bat ihn flehend, doch zu bleiben. Aber zwecklos. Er stieß mich schimpfend von sich. In den letzten Jahren hatte er sich stark verändert und kein Ohr mehr für mich. In der Zwischenzeit war mein Bruder geboren worden und Papa wollte mit seiner Frau und seinem Sohn das Wochenende in Vermont verbringen.
„Ich passe gut auf sie auf“, lachte Onkel Bob und zeigte dabei faulige Zähne. Ich drehte mich weg von seinem stinkenden Atem. Die schwere Hand auf meiner Schulter verhieß nichts Gutes. Er erlaubte mir, meinen Geburtstag mit Freundinnen zu feiern. Es gab Kakao und Kuchen und Onkel Bob kochte eigenhändig Spaghetti für uns Mädchen. Ich war verwundert, denn sonst beachtete er mich nicht sonderlich und ausgerechnet heute benahm er sich wie ein Onkel aus dem Bilderbuch. Um acht Uhr abends schickte Onkel Bob die Mädchen nach Hause.
„Es ist spät und eure Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen“, bemerkte er in väterlichem Ton.
Wir gingen zurück ins Haus, ich setzte mich auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. Onkel Bob verschwand kurz in seinem Zimmer, ich hörte, wie er die Treppe hochpolterte. Einige Minuten später stand er vor mir. Ein schlecht verpacktes Geschenk in der Hand und wirkte beinahe verlegen.
„Mmmh, nun ja, tja. Happy Birthday, Alina“, druckste er herum und überreichte mir mit stolzem Grinsen das Paket. Noch wunderte ich mich über das seltsame Verhalten, das er an den Tag legte. Die Neugier siegte schließlich und ich öffnete das Schleifenband. Zum Vorschein kam ein Karton. Ich hob den Deckel an. In dem Paket lag etwas aus schwarzem Stoff.
„Das ist aber ein seltsames Kleid“, wunderte ich mich und hielt das beinahe durchsichtige Etwas mit zwei Fingerspitzen.
„Das ist ein Negligé“, grunzte Onkel Bob. „Das richtige Geschenk für eine Frau. Zieh es an.“
„Aber Onkel Bob“, kicherte ich verlegen. „Ich bin doch noch ein Mädchen.“ Mein Kinderzimmer wurde noch von Puppen und Kuscheltieren bevölkert, auch wenn ich mich nicht mehr allzu oft mit ihnen beschäftigte.
„Du bist jetzt eine Frau. Das weiß ich genau, denn deine Mutter hat es mir gesagt“, antwortete er mit scharfer Stimme. „Du blutest doch jetzt?“
Errötend verbarg ich mein Gesicht in dem seidigen Stoff des Negligés. Er hatte Recht. Ich hatte gerade meine Periode bekommen, trotzdem fühlte ich mich noch nicht als erwachsene Frau.
„Verdammt noch mal, jetzt zieh es endlich an!“, schrie er, dunkelrot vor Zorn.
Ich begann zu weinen. Seine raue Hand packte mich unter dem Kinn und zwang mich, ihn anzuschauen.
„Willst du wohl gehorchen?“, drohte er, die andere Hand hoch erhoben. Aus Erfahrung wusste ich, wie schmerzhaft seine Ohrfeigen waren, wenn ich mich seinem Willen nicht beugte. Also gehorchte ich eiligst. „Aber ich geh dafür ins Bad“, wimmerte ich.
„Sieh zu, dass du dich beeilst“, knurrte er zwischen den Zähnen hervor. Als ich einige Zeit später wieder ins Wohnzimmer kam, traten ihm beinahe die Augen aus den Höhlen.
„Mein schönes kleines Mädchen“, keuchte er atemlos. „Setz dich zu mir.“ Seine Hand klopfte einladend auf das Polter der Couch. Mit gesenktem Haupt folgte ich seiner Anweisung und wagte kaum, ihn anzuschauen. Meine Haare waren richtig lang geworden und reichten mir bis zur Hüfte. Sie fielen mir wie ein Vorhang ins Gesicht und verdeckten meine wahren Gefühle.
Kaum saß ich, fuhr seine Hand auch schon über meinen Oberschenkel. Er zog mich eng an sich. Ich spürte seinen speckigen Körper und roch den billigen Branntwein in seinem Atem. Seine Hand drückte meine Brust, das war ich ja schon gewohnt und ließ es stoisch über mich ergehen. Auch dass sein Finger in meinen Körper eindrang und sich bewegte. Ohne dass er etwas sagen musste, legte ich mich auf den Rücken und schloss die Augen. Es war so wie immer, wenn er in mein Zimmer kam. Doch dann lag sein schwerer Körper auf mir. Ich spürte etwas Hartes an meinem Bein und kurz darauf ein scharfer Schmerz.
Als ich auf die Uhr sah, war nicht einmal eine viertel Stunde vergangen. Onkel Bob rieb an der Couch herum.
 „Wir müssen den Blutfleck beseitigen oder eine gute Erklärung finden“, stellte er nüchtern fest, während mein Kopf versuchte zu begreifen, was mir gerade widerfahren war.
Als meine Eltern aus Vermont zurückkamen, fragten sie nicht nach dem dunklen Fleck auf der Couch. Der scharfe Schmerz war nun der ständige Begleiter bei Onkel Bobs Besuchen.
Meine Eltern wussten entweder nicht, was er mit mir tat oder verschlossen die Augen davor. Nach außen hin waren wir die biedere Vorstadtfamilie, die unter einem schwarzen Schaf zu leiden hatte. Aber wer hatte das nicht?
Ich war ungefähr fünfzehn Jahre oder vielleicht auch sechzehn. Zeit und Raum verschwimmen in meinen Erinnerungen. Zeit spielt in meinem Leben ohnehin keine Rolle mehr.
Es war das erste Mal, dass ich mich gegen Onkel Bobs Zudringlichkeiten wehrte. Er hob die Hand und wollte mir ins Gesicht schlagen, doch ich duckte mich unter ihm weg und fast verlor er den Halt, so betrunken wie er damals war und lief aus meinem Zimmer. Er folgte mir, so schnell sein dicker Körper- in den letzten Jahren hatte er noch mehr an Gewicht zugelegt, was wohl am Mix von Cortison und Alkohol lag- ihn tragen konnte. Ich rannte zu der steilen Wendeltreppe, die in den ersten Stock führte. Kurz vor der ersten Stufe bremste ich ab und machte eine Wendung nach rechts. Onkel Bob konnte den Schwung seiner Pfunde nicht mehr bremsen. Er stolperte und stürzte die Treppe hinunter, an deren Fuß er liegenblieb.
Ich schaute über das Geländer. Sein Körper schien seltsam verdreht, bestimmt hatte er mehrere Knochen gebrochen. Nach einer Weile, als er sich immer noch nicht bewegte, trippelte ich auf Zehenspitzen vorsichtig die Treppe hinunter. Auf der drittletzten Stufe, mit möglichst viel Abstand zu Onkel Bob, blieb ich stehen.
Mein Onkel rührte sich nicht. Mit beiden Händen am Geländer, dessen roter Lack schon absplitterte, festhaltend, beugte ich mich soweit es möglich war, vor. Ich konnte nicht erkennen, ob er noch atmete.
Schließlich hörte ich ein leises Schnaufen. Er hatte den Sturz überlebt. Unschlüssig blieb ich stehen. Der Berg an Menschenmasse machte es mir unmöglich, die Treppe zu verlassen und einfach an ihm vorbei zugehen. Vielleicht simulierte er auch nur und würde mich packen, sobald ich mich durchmogeln wollte.
„Alina!“, seine Stimme war so leise, dass ich ihn kaum verstehen konnte. „Alina“, schnaufte er ein zweites Mal und dieses eine Wort schien ihm unendliche Qualen zu bereiten. Ich hockte mich auf die Treppenstufe. Den Kopf auf die Hände gestützt.
„Sei ein gutes Mädchen und ruf Hilfe“, bat er stöhnend. Ich rührte mich nicht auf meiner Treppenstufe. „Bitte, Alina!“, flehte er. „Mein Rückgrat ist vermutlich gebrochen. Ich spüre meine Beine nicht mehr. Ruf einen Arzt.“ Fast weinte er.
Ich saß da und starrte den Mann an, der mir meine Kindheit gestohlen und mich vorzeitig zur Frau gemacht hatte.
„Sei lieb zu deinem alten Onkel Bob.“ Dem alten Onkel Bob floss Blut aus Mund und Nase.
Sei lieb zu deinem alten Onkel Bob. Dieser Satz hatte sich im Laufe der Jahre in mein Hirn eingebrannt. Das hatte der alte Onkel Bob immer gesagt, bevor er seinen Schwanz in mich steckte. Bevor ein greller Schmerz meine Eingeweide zerriss und wenig später eine warme Flüssigkeit auf meinen Körper floss.
Ich würde lieb sein zu meinem alten Onkel Bob und seine Qualen beenden. Ich erhob mich und ein hoffnungsvolles Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Er war fast zahnlos geworden. Nur jeweils oben und unten waren dunkelbraune Stummel stehen geblieben.
„Bist ein gutes Mädchen. Ein gutes Mädchen“, wimmerte er. „Ich werde dich auch künftig in Ruhe lassen. Ich verspreche es.“
„Das allerdings“ stimmte ich ihm leise zu und drehte mich auf dem Absatz um.
„Das Telefon steht im Wohnzimmer“, protestierte er. Ein Handy wie meine Freundinnen durfte ich auf Geheiß meiner Eltern nicht besitzen. Ich ging in mein Zimmer. Auf meinem Bett lagen viele Kissen in verschiedenen Größen. Ich nahm ein kleines, das ich gut mit zwei Händen halten konnte. Innen war es dick gestopft und der Bezug mit einer gelben Ente und bunten Blumen bestickt. Ein Geschenk meiner Großmutter, die leider schon verstorben war, doch es würde seinen Zweck erfüllen.
Mit dem Kissen in der Hand schritt ich würdevoll die schmale Treppe hinunter. Genauso wie ich es bei Brittany, der Patentochter meiner Stiefmutter gesehen hatte, als sie zu ihrem Abschlussball ging. Onkel Bob wandte schwach den Kopf. Das Blut gerann schon und verklebte seine Lippen. Mit trübem Blick schaute er mich aus Schweinsäuglein an. „Ahhh, Alina, jetzt rufst du aber den Arzt nicht wahr?“
Ich tat so, als ob ich noch zögerte. Ein bisschen spielen, bevor er seinen Abschied nahm. Das Kissen hielt ich hinter dem Rücken verborgen.
„Jetzt ruf schon den Arzt!“, polterte er los. „Ruf diesen verdammten Rettungswagen.“ Seine Flüche berührten mich nicht mehr. Vor mir lag ein gebrochener Mann im wahrsten Sinne des Wortes. „Du dreckige Fotze. Ich werde dir das Hirn rausvögeln. Wenn ich wieder gesund bin.“
Du wirst nicht mehr gesund, mein lieber Onkel Bob, dachte ich und spürte ein teuflisches Grinsen auf meinem Gesicht. Langsam ging ich die Treppenstufen hinunter. Bewusst berührten meine Füße jede einzeln. Ich spürte das warme Holz unter den Fußsohlen. Die Sonne schien schräg durchs Fenster und malte goldene Kringel auf die Stufen.
Onkel Bob starb in einer schönen Atmosphäre, fand ich. Ich kniete mich neben ihn. Er versuchte, zurückzuweichen, doch sein Körper schien gelähmt zu sein. Auf dem Hinterteil seiner ausgebeulten Jeans machte sich ein großer dunkler Fleck breit.
Angstvoll schauten seine runden Augen zu mir auf. Ich strich ihm zärtlich über die Wange, so wie er es bei mir immer getan hatte.
„Ruf Hilfe“, stieß er ein letztes Mal aus.
„Shshshsh. Armer alter Onkel Bob“, säuselte ich leise. „Halt still. Ganz still, mein Schatz. Dann tut dir die kleine Alina auch nicht weh.“
Er wusste, dass es kein Entkommen mehr gab. Mit einem tiefen Seufzer schloss er die Augen. Ich drückte ihm das Kissen auf Mund und Nase, bis er nicht mehr zuckte und hielt es noch ein wenig länger, um ganz sicher gehen zu können. Dann brachte ich das Kissen in aller Seelenruhe zurück in mein Zimmer und arrangierte es formschön auf meinem Bett, als hätte es die ganze Zeit dort gelegen. Ich wartete noch einen Moment, schlich mich die Treppe hinunter und ging zur Hintertür hinaus.
Beschwingt ging ich die Veranda hoch, den Rucksack über der Schulter, geradeso als käme ich von einer Freundin, bei der ich Hausaufgaben gemacht hätte. Ich schloss die Tür auf, betrat die Wohnung und genau im richtigen Moment schlug ich die Hände über dem Kopf zusammen.
„Ahhh, ahhh Hilfe! Hilfe! Hilfe!“, brüllte ich hysterisch und raufte mir die Haare. Schnell waren Nachbarn zur Stelle, die meinen leblosen Onkel unter der Treppe liegen sahen. Innerhalb weniger Minuten waren Polizei und Rettungswagen vor Ort. Man legte mir eine Wolldecke um die Schultern und tätschelte zärtlich meinen Rücken. Freundliche Worte von allen Seiten.
„Nein“, wimmerte ich. „Ich war unterwegs, als ich nach Hause kam, hab ich ihn so gefunden.“
„Warst du bei einer Freundin?“, fragte mich die freundliche Polizistin, die nur weniger Jahre älter war als ich. Sie würde mein Alibi überprüfen, so wie sie jedes Wort überprüfen würde. Das war ihr Job.
„N…nein“, stotterte ich. „Wir haben gestritten. Er trinkt so viel und hat mich einfach nur genervt.“
Die Polizistin nickte verständnisvoll. „Und dann bist du rausgelaufen?“, fragte sie und erntete einen bösen Blick von ihrem älteren Kollegen. Sie gab mir die Aussage vor.
Ich nickte. „Ich musste für einen Test lernen, aber er ließ mich nicht. Da bin ich weg.“
„Hat so Einiges an Alkohol intus“, bestätigte der Arzt meine Aussage.
Ich hob den Kopf und sah die Polizistin durch tränenverschleierte Augen an. „Muss ich jetzt ins Gefängnis?“, fragte ich mit Kleinmädchenstimme.
„Nein. Nein, auf keinen Fall“, versicherte mir die Polizistin und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Die Befragung ist reine Routine.“
Ich blieb auf freiem Fuß und verbrachte die erste friedliche Nacht seit meinem sechsten Geburtstag. Von nun an betrat ein Mann nur noch mein Schlafzimmer, wenn ich dies ausdrücklich wünschte.
Die Zeit bis zum College verging wie im Flug, auch wenn meine Eltern mir im Stillen wohl die Schuld an Onkel Bobs Tod gaben und damit lagen sie wohl nicht falsch. Sie machten mir nie einen direkten Vorwurf, doch ihr Schweigen sagte mehr als tausend Worte.
Mit achtzehn zog ich aus und ging aufs College. Ein neues Gefühl der Freiheit erfasste mich. Schnell fand ich Anschluss in einer beliebten Mädchenclique. Ich sah auch nicht schlecht aus. Die ehemals hüftlangen Haare hatte ich schwarz gefärbt und ein gutes Stück abgeschnitten. Sie umschmeichelten in weichen Locken meine Schultern. Die Rundungen saßen an den richtigen Stellen, das zog Verehrer an. Mit mir wurde es definitiv nicht langweilig.
Zum Wintersemester kam ein neuer Dozent ans College. Victor Burger. Groß, schlank sportlich durchtrainiert. Professor für Literatur und Geschichte. Die Studentinnen strömten in Scharen in seine Vorlesungen. Zuhause warteten eine liebende Frau und zwei entzückende Kinder auf ihn. Er wurde mein Liebhaber und zeigte mir im Bett ungeahnte Lust.
In seiner Position war es gewohnt, dass jeder seinen Wünschen nachkam. Eine Dominanz, die er auch im Schlafzimmer beibehielt. Er sagte mir, wo es langging und ich hatte seine Wünsche zu erfüllen. Diese Neigung war mir nicht neu. Nicht nur Männer jenseits der vierzig mit grauen Schläfen, wollten beim Ficken die Zügel in der Hand behalten. Mir sollte es recht sein, während ich von einem Höhepunkt zum nächsten schwebte.
Sehr bald genügt ihm das nicht mehr. Eines Tages kam er mit breiten Lederbändern und fesselte meine Hände, während sein Kopf zwischen meinen Schenkeln versank. Ich ließ mir auch noch die Augen verbinden.
Doch dann kam der nächste Schritt. Victor lud mich ein, das Wochenende mit ihm zu verbringen. Auf die Nachfrage, was denn mit seiner Frau sei, winkte er nur ab und ich packte das Nötigste zusammen. Wir fuhren raus ans Meer. Obwohl es Oktober war und schon entsprechend kühl, konnte ich von den hohen Wellen, die sich tosend am feuchten Strand brachen, nicht genug bekommen. Nie zuvor war ich am Meer gewesen. Wie ein junger Hund flitzte ich am Strand entlang und sammelte Muscheln. Über mir in einem wolkenverhangenen Himmel kreisten die Möwen.
Victor brachte mich ins Haus. Ich ging ins Bad, duschte und machte mich zurecht, so wie er es gerne hatte. Roter Lippenstift, schwarzer Kajal. Eine kleine verruchte Hure, die seine Wünsche erfüllte.
Er verband mir die Augen und nahm mich beim Arm. Er führte mich eine lange Treppe hinunter. Die Fließen waren eiskalt unter meinen nackten Fußsohlen. Ich hörte, wie er mit einiger Anstrengung eine schwere Tür öffnete und mich wenig sanft hineinstieß.
„Behalte die Augenbinde an“, rief er mir mit harter Stimme zu. Ich schlang die Arme um den Körper. Mich fror und ich trug nur ein dünnes schwarzes Negligé aus Seide. Plötzlich spürte ich, dass er hinter mich trat. Gerade als ich mich an ihn lehnen wollte, fühlte ich, wie etwas an meinem Hals befestigt und mit einem leisen Klicken geschlossen wurde.
„Wo sind wir hier, Victor?“, fragte ich. Die Angst kroch langsam in meinen Adern hoch. Niemand würde mich vor Montag vermissen. Zwar hatte ich viele Bekannte, aber keine beste Freundin und mit meinen Eltern sprach ich schon seit über einem Jahr nicht mehr.“
„Mein kleines Spielzimmer. Vertrau mir einfach, Liebling“, hauchte er mir mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, ins Ohr.
„Auf die Knie.“ Die Worte gingen wie ein Peitschenschlag auf mich nieder und im ersten Moment verstand ich ihren Sinn nicht.
„Hörst du nicht, Sklavin?“, donnerte die Stimme erneut an mein Ohr und erst jetzt begriff ich, dass sie zu Victor gehörte. Er zeigte eine Seite, die man einem Professor mit grauen Schläfen nicht zugetraut hätte. Er presste seinen Arm in meinen Nacken und dem Druck folgend sank ich auf die Knie.
„Du bist ein böses Mädchen“, konstatierte Victor und ehe ich antworten konnte, traf mich seine Hand hart auf der Wange. Ich schrie auf vor Schmerz und Angst. Rasch wollte ich mich erheben, doch Victor stieß mich zurück.
„Du gehörst mir, du Hure. Mir allein!“, brüllte er wie von Sinnen. „Keiner dieser verweichlichten Bubis wird dich jemals wieder ficken.“
„Bitte!“, ich begann zu weinen. Erinnerungen, die ich verdrängt zu haben glaubte, stiegen aus meinem Inneren hoch. „Bitte lass mich gehen.“
„Dich gehen lassen?“, höhnte er. „Damit du weiter herumhuren und allen den Kopf verdrehen kannst? Nein, nein, mein Schatz. Du wirst nur noch mir dienen.“ Sein Lachen wirkte wie eisige Nadelstiche.
Stoisch ließ ich alles über mich ergehen. Was wäre mir auch sonst übrig geblieben? Als zierliche Frau hätte ich einen Mann von fast einem Meter neunzig, der zudem regelmäßig Kampfsport betrieb, auch nicht überwältigen können. Schon bei Onkel Bob hatte ich mir ein dickes Fell zugelegt und so träumte ich mich in eine andere Welt, während die Peitsche auf mich niedersauste und er sein erigiertes Glied in alle meine Körperöffnungen steckte.
„Du bist eine gute Sklavin“, stellte Victor zufrieden fest. Wir saßen im Wohnzimmer auf der Couch. Er hielt ein Glas Scotch in der Hand. Anerkennend glitt sein Blick über meinen Körper. Der leichte Bademantel aus Seide verdeckte die schlimmsten Blessuren.
Liebevoll strich Victor mit dem Finger über meine Wange. „Hattest du Angst, Liebes?“ Ich senkte den Kopf. Natürlich hatte ich Angst, doch das durfte ich nicht zugeben.
„Brauchst du nicht. Ich weiß, wie weit ich gehen kann.“ Besitzergreifend strich seine Hand über meinen Körper. Ich schenkte ihm ein schiefes Lächeln.
„Holst du mir noch etwas zu trinken?“ Er hielt mir sein Glas hin. Ich nahm das leere Glas und ging in die Küche, wo sich noch Eiswürfel im Eisschrank befanden.
„Zwei genügen“, rief mir Victor zu. Ich füllte Eiswürfel in das Glas und goss es vor seinen Augen mit Whisky auf.
„Mein tapferes Mädchen“, nannte er mich und streckte den Arm nach mir aus. Ich setzte mich auf seine Knie und schlang ihm die Arme um den Hals. „Ich liebe dich“, murmelte ich an seinen Hals. Die Wirkung des Beruhigungsmittels setzte rasch ein. Schneller als bei mir, aber nach anderthalb Jahren, in denen ich mit dem Zeug behandelt wurde, hatte mein Körper sich auch schon dran gewöhnt. Niemand wusste, dass ich mich aufgrund meiner schweren Kindheit in psychotherapeutischer Behandlung befand. Nicht einmal Victor und der würde auch nicht mehr davon erfahren.
Victors Kopf sank an meine Brust und das halbvolle Glas auf die teure Ledercouch. Ich ließ ihn schlafen, während ich auf seinem Laptop eine Abschiedsmail verfasste. Sein Passwort war so einfach zu knacken gewesen. Fast schon eine Frechheit. Dann nahm ich seinen Körper und wuchtete ihn ins Auto. Einen teuren Sportwagen, den ich buchstäblich über die Klippen springen ließ. Die verkohlte Leiche konnte man nur noch anhand des Zahnstatus ermitteln. Meine Blessuren verdeckte ich mittels langer Kleidung und spielte überzeugt die schockierte Geliebte. Ich hatte definitiv das Fach verfehlt. Schauspielerei lag mir einfach mehr. Mein dritter Mord ließ mich ebenso kalt wie die beiden vorhergehenden. Ich nahm an Victors Trauerfeier teil und wechselte das College, um den Skandal nicht ertragen zu müssen. In den letzten beiden Semestern zog ich mich sehr vom studentischen Leben zurück und lernte für meinen Abschluss.
 
Alexej traf ich eigentlich nur per Zufall. Er war neu am College. Austauschstudent aus der GUS. „Kleine kasachische Zuckerschnute“, wie Romy, eine Kommilitonin, mit der mich eine lockere Freundschaft verband, ausdrückte. „Den schnapp ich mir“, prophezeite sie.
Ich ließ mich von ihr auf das Sommerfest des Colleges schleppen, wo ich auch auf Alexej traf. Er war wirklich niedlich. Kaum größer als ich, mit großen himmelblauen Augen und langen, dichten Wimpern, für die eine Frau glatt getötet hätte. Der Junge war so unbedarft, dass er nicht einmal merkte, welche Wirkung er auf Frauen hatte. Ich entjungferte ihn noch in derselben Nacht.
Aus uns wurde ein Liebespaar im klassischen Sinne. Wir kochten gemeinsam, hielten verliebt Händchen und taten alle die Dinge, die junge Menschen eben tun, wenn der Himmel voller Geigen hing.
Alexej erzählte mir oft von seinen Träumen und dazu gehörten eine Frau und mindestens zwei Kinder. Nach einiger Zeit schwand meine geheime Skepsis und ich ertappte mich dabei, wie ich insgeheim ebenfalls von einer kleinen Familie träumte. Noch hatte Alexej mir keinen Antrag gemacht, aber wir studierten ja noch. Romy hatte seit diesem Abend kein Wort mehr mit mir gesprochen, doch das machte nichts. Ich hatte ja Alexej, der stets und immer seine Wünsche meinem Wohlergehen unterordnete.
Eine ältere Dame, wohlsituiert und alleinstehend. Ich kannte sie dadurch, dass ich mein Stipendium durch kleine Gelegenheitsjobs aufbesserte. Bedeutete in diesem Fall, ich ging für sie einkaufen oder erledigte kleine Botengänge. Half ihr im Garten und manchmal saß ich einfach bei ihr auf der Veranda und lauschte bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen ihren Erinnerungen. Diese Dame wollte eines Tages ihren Sohn besuchen, der am anderen Ende der Vereinigten Staaten in Kalifornien wohnte. Aus Angst vor Einbrechern bat sie mich und Alexej für die Zeit ihrer Abwesenheit in ihrem Haus zu wohnen.
„Dann könnt ihr schon mal üben“, sagte sie freundlich und warf mir einen verschwörerischen Blick zu. „Fühlt euch wie zu Hause. Plündert den Kühlschrank und meinetwegen auch den Weinkeller.“
Ich fuhr sie zum Flughafen und wartete bis ihr Flieger gestartet war. Dann kehrte ich zurück zu Alexej in die kleine Villa der alten Lady.
Wir verbrachten wunderschöne Tage und fühlten uns beinahe wie ein Ehepaar in den Flitterwochen. „Ich wollte, es könnte immer so sein“, rief ich einmal aus und Alexej küsste mich nur.
Die ältere Dame verlängerte ihren Aufenthalt in Kalifornien. „Ihr seid ja da“, meinte sie nur vertrauensvoll am Telefon. „Die warme Sonne ist besser für meine alten Knochen.“
Die Klausurwochen näherten sich und ich stellte fest, dass ich in meinem kleinen Studentenzimmer auf dem Campus ein wichtiges Lehrbuch vergessen hatte. Da Alexej ohnehin zum College musste, bat ich ihn, es mir mitzubringen. Den Schlüssel drückte ich ihm in die Hand.
Er kam erst gegen Abend wieder, als die Sonne schon untergegangen und es zu spät zum Grillen war. Sein normalerweise milchweißer Teint schien noch blasser als zuvor und seine kornblumenblauen Augen sahen aus, als habe er geweint.
„Alles in Ordnung, Schatz?“, erkundigte ich mich.
„Ja..ja“, stotterte Alexej geistesabwesend und ging in den Wintergarten. Er hielt ein Buch in den Händen, in dem er blätterte.
„Was ist mit Essen?“, rief ich ihm hinterher. Er blieb mir die Antwort schuldig. Ich ging in die Küche und begann, Gemüse zu schneiden. Die scharfe Klinge fuhr in die Tomate. Saft trat aus. Roter Saft, der aussah wie Blut.
Ich konzentrierte mich auf meine Arbeit und als ich hochsah, stand er plötzlich im Türrahmen. In der rechten Hand hielt er etwas, das aussah, wie ein Notizbuch. Mit der linken stützte er sich schwer gegen den Türrahmen, als könne er ohne nicht stehen.
„Sag mir, dass das nur Phantasien sind.“ Er sprach mit einer seltsam monotonen Stimme, die so gar nicht zu ihm passte. „Alina, das sind doch bestimmt nur Notizen für deine Geschichten, die du schreibst.“
„Was meinst du, Schatz?“, fragte ich harmlos, während eine gewisse Ahnung irgendwo aus meinem dunklen Unterbewusstsein aufstieg. Er hielt mir das Heft entgegen, das ich als mein Tagebuch erkannte. Verdammt, ich hatte es so gut versteckt. Der Psychotherapeut sagte damals, schreiben hilft, das Vergangene besser zu verarbeiten.
„Wo hast du das her?“, fragte ich mit leerer Stimme. Die Klinge stoppte wie von selbst im Gemüse.
„Das spielt keine Rolle“, antwortete er. „Ich will die Wahrheit wissen. Hast du getan, was da drin steht?“
Ich hörte auf, Gemüse zu schneiden und ging auf ihn zu. Er wich nicht zurück. Wortlos hob ich das lange Küchenmesser und stach auf ihn ein. Immer wieder, wie von Sinnen.
Irgendwann kam ich wieder zu mir. In der Villa wimmelte es von Cops und FBI-Agenten wie in einem Bienenstock. Überall war Blut. Ich hörte das Ratschen des Reißverschlusses, als der Leichensack zugezogen wurde. Diesmal würde ich nicht so einfach aus der Sache rauskommen.
Für drei Morde wurde ich verurteilt. Die Schuld am Tod meiner Mutter ist nur moralisch.
 
Mein Name ist Alina und ich sitze auf dem elektrischen Stuhl.

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(Friedrich Nitzsche)



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Beitrag #2 |

RE: Alina
Eigentlich eine gute Geschichte. Wäre es aber möglich, die Absätze klarer zu strukturieren? Und durch Leerzeilen voneinander zu trennen?


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Beitrag #3 |

RE: Alina
Ich probiere es  Icon_smile

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Beitrag #4 |

RE: Alina
Hey, Persephone.

Ich habe deine Geschichte gelesen und frage mich auch, ob man nicht einen anderen Titel nehmen kann. Es geht zwar um Alina, aber es rückt den Kern der Story nicht in den Mittelpunkt. 

Die wenigen Absätze sind soweit okay. Falls mehr rein sollen, kannst Du ja die Lebensabschnitte durch Sterne abgrenzen. 

Ich fand es spannend zu lesen, und wusste nicht, wie es endet.

VG Ray


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Beitrag #5 |

RE: Alina
Hallo StingRay, 

Vielen herzlichen Dank für deinen Kommentar. Die Geschichte war ein Beitrag zum Schreibwettbewerb 2017 und der ursprüngliche Titel war noch doofer.  Icon_lol Leider ist mir nichts Kreativeres bisher eingefallen.  Icon_confused Bis dahin muss ich es so schlicht lassen. 

Viele Grüße Persephone

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