Es ist: 21-08-2018, 03:18
Es ist: 21-08-2018, 03:18 Hallo, Gast! (Registrieren)


Prolog / Abschnitt 1
Beitrag #1 |

Prolog / Abschnitt 1
Hallo, ich hoffe, ich habe hier den richtigen Bereich getroffen, bin noch sehr neu hier und veröffentliche das erste mal etwas, zu dem ich gern einmal eine Meinung gehört hätte.



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Prolog
Über eine Meile von den Hauptstraßen entfernt lag das Anwesend. Umhüllt von riesigen Tannen, Berge die die Einsicht unmöglich machten. Ein Weg, nur ein Weg führte hin und jeder Besucher stand auf dem Präsentierteller, wenn er durch das große Tor kam.
Der Vorplatz wirkte ebenso groß, wie unheimlich. Die kleineren Büsche und Bäume waren seit Jahren nicht geschnitten worden und wucherten unkontrolliert. Fallobst von Jahren lag auf dem Boden verstreut. Das süße Aroma vermischte sich mit dem beißenden Geruch von verbranntem Holz.
Das große Wohnhaus stand dem Tor gegenüber, wenngleich jetzt nicht mehr viel übrig davon war, so schien es doch einst ein schönes Gebäude gewesen zu sein. Etwas abseits des Vorplatzes stand ein altes Toilettenhäuschen, ganz in seiner Nähe ein großer Kirschbaum, dessen Rinde stark beschädigt war. Es schien, als wären über Jahre immer wieder Seile stramm um den Stamm gebunden worden. Viele davon waren nun in den Stamm eingewachsen. Der Stamm wies zudem zahlreich Schusslöcher auf und jedes einzelne erzählte seine Geschichte. Man glaubte, das hallende Lachen von Männern zu hören, die sich ihrem Spaß hingaben und das Wimmern. Jenes Wimmern, das für immer mit diesem Platz verbunden sein wird, jenes Wimmern, dessen Echo aus jedem Baum, jedem Stein und jedem Strauch zu hallen schien.
In der alten Scheune hatten schon seit Jahrzehnten keine Tiere mehr gelebt. Sie hatte zuletzt als Garage gedient. Das große schwere Tor stand offen, gab so den Blick auf einen alten Traktor frei, an dessen Heck noch immer Handschellen, inzwischen alt und verrostet, befestigt waren. Von der Tenne herab hing noch immer dieser Strick und bewegte sich im Winde.
 
Meterhoch schlugen die Flammen aus dem Haus, züngelnd, wie kleine Feuerdämonen schossen sie aus jeder Öffnung des Hauses, fraßen alles. Die Rauchsäule war sicher noch meilenweit zu sehen.
Die schwere Gasexplosion hatte in Sekunden alles zerstört, die Flammen erledigten den Rest.
Nichts und niemand hätte eine derartige Explosion überleben können.
Und das wussten sie, das wussten alle…….
Kein anderer hätte ihn halten können, keiner hätte die Kraft dazu gehabt. Sein Aufschrei donnerte über die Lichtung und verhallte irgendwo in den Bergen. Verzweifelt windete er sich, wehrte sich, versuchte sich aus dem Griff zu befreien. Er hatte keine Chance, keine Chance……
Irgendwann ergab er sich und sackte in sich zusammen, seine Aufschreie glichen nur noch einem Wispern. Er spürte die kräftigen Hände, die ihn immer noch hielten, während seine Augen an dem brennenden Haus klebten, nicht verstehend das das Schicksal so grausam sein konnte.
Sie alle standen da, sprachlos, fassungslos, entsetzt………
 
 
Abschnitt eins:
=Flucht=
 
24 Jahre früher
An einem kalten Wintertag
Es begann schon wieder zu schneien. In nur wenigen Stunden hatte der so plötzliche und garnicht typische Wintereinbruch die Straßen in spiegelglatte Fahrbahnen und die Landschaft in ein weißes Winterland verwandelt. Hier oben in den Serpentinen der Berge hatte dies zu zahlreichen Unfällen geführt.
Allan Wilson war etlichen Unfällen ausgewichen, lenkte dabei seinen Wagen mit überhöhter Geschwindigkeit durch die scharfen Kurven. Er warf besorgte Blicke auf die Rückbank seines Jeeps, in den Außenspiegel, mit der leisen Hoffnung, daß man ihn nicht verfolgen würde.
„Scheiße, scheiße, scheiße…..“
Die Anspannung war ihm mehr als anzusehen. Die nahende Dunkelheit der Nacht, das dichte Schneetreiben und seine brisante Fracht. Wie sollte man da auch ruhig und gelassen bleiben? Da spielte es auch keine Rolle, das es nur noch wenige Meilen bis zur Staatsgrenze waren. Hier war er sicher… erstmal! Doch noch hatte er sie nicht erreicht, noch konnte alles passieren. Und dessen war er sich bewusst, war er doch ein hohes Risiko eingegangen. Zu hoch für einen Mann, der die Routine liebte, jedoch auch die Gerechtigkeit.
Letzteres war es schließlich, was ihn zu seiner Wahnsinnstat getrieben hatte.
Dabei war vor einem Jahr noch alles gut. Er hatte sich den wohl besten Job geangelt, den man nur bekommen konnte. War es doch schon immer sein Traum gewesen, in der Forschung zu arbeiten. Und dort in dieser Anstalt sollte er zudem noch an der Seite eines der besten Ärzte arbeiten, die zu dem Zeitpunkt in den USA ansässig waren. Doch schnell hatte er mitbekommen, was in dieser Anstalt wirklich passierte. Die Schreie in den Nächten, die Patienten, die aus dem Nichts verschwanden, die abgeschlossenen Bereiche im Keller. Er erinnerte sich noch gut, als diese beiden Kinder in der Anstalt ankamen. Da waren sie noch siamesische Zwillinge. Bis auch sie verschwanden.
 Heute, Monate später waren sie getrennt und saßen nun bei Allan im Wagen, schlummerten friedlich vor sich hin. Die Experimente, die in der Klinik mit ihnen gemacht worden waren und noch gemacht werden sollten, waren zu viel für den hageren Mann. Er hatte alles aufs Spiel gesetzt, als er die Kinder aus der Anstalt entführte, hatte nicht länger ihre Tränen sehen können und wollten ihnen nun ein besseres, ein sicheres Leben ermöglichen. Er wusste nicht, daß das Schicksal die Karten längst anders gemischt hatte. Das Los der Kinder sollte einen ganz anderen Weg gehen, einen steinigen und harten, doch vor allem getrennten Weg. Getrennt voneinander für lange, lange Zeit.
Mit den Fingern auf das braune Lenkrad tippend überlegte er, wie sein Leben nun weiter gehen sollte. Um die Jungs kümmern konnte er sich nicht, waren sie mit ihren wohl 4 Jahren doch noch sehr jung und brauchten ein geregeltes Leben, eine Familie, ein Zuhause. Er konnte das nicht bieten, wollte aber auch nicht vollkommen den Kontakt zu ihnen verlieren.
Allan war zu sehr abgelenkt, achtete für einen Bruchteil nicht auf die gefährliche Fahrbahn und übersah die Kurve.
„Scheiße… nicht doch!!!“ So sehr er das Lenkrad auch umriss, er konnte es nicht vermeiden. Frontal krachte der schwere Wagen in die Leitplanke, riss sie auseinander und stürzte den Hang hinunter, überschlug sich dabei mehrfach und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. Eines der Kinder wurde dabei aus dem Wagen gerissen und blieb bewusstlos im hohen Schnee, geschützt von einem Busch, liegen. Das Auto schlitterte unterdessen unaufhaltsam auf  den, am Fuße des Berges liegenden, See zu und ging dann langsam darin unter.
Ein anderes Auto, ein weißer Lieferwagen, der Allam schon eine Weile gefolgt war, hielt unterdessen an der Unfallstelle an. Eine Gestalt stieg aus, groß breitschultrig, mit Trenchcoat und gepflegt nach hinten gekämmten langen blonden Haaren. Die hellblauen Augen wirkten kalt und durchdringlich. Amüsiert er trat an den Rand des Hangs, sah zu, wie der Wagen vollkommen im See unterging.
„Das war ein kurzer Ausflug!“ seine Stimme war dunkel und furchteinflößend, „….. und wird dein letzter gewesen sein, Allan Wilson!“
Dieser hatte jedoch den Unfall wie durch ein Wunder überlebt. Jetzt allerdings drang von allen Seiten das eiskalte Wasser des Sees in den Wagen und Allan wusste, das er ganz schnell handeln musste. Der kleine Junge hatte das Bewusstsein verloren, würde die Kälte nicht lang überleben. Die Frontscheibe begann zu reisen. „Klasse, große Klasse! Allan, du bist ein Genie!“ Er haderte mit sich, als er den Jungen aus dem Gurt löste, sich dabei fragte, was mit dem zweiten Kind war, ob es lebte, wie es überhaupt aus dem Wagen heraus gekommen war. Die Türen waren geschlossen, die Fenster heil, so gut wie – jedenfalls. Die Risse in der Scheibe wurden immer mehr, zeichneten sich jetzt schon wie ein Spinnennetz ab. Es knackte bedrohlich. Dann passierte es….. Die Scheibe brach und Allan warf sich schützend über das Kind, fühlte, wie das Wasser über sie hereinbrach. Jetzt ging es um Sekunden. Das Auto war in kürzester Zeit vollgelaufen. Der Moment, auf den Allan gewartet hatte. Er griff den Jungen, tauchte mit ihm durch die kaputte Frontscheibe, schnitt sich dabei noch an den scharfen Glassplittern. Das Wasser warf tausende Blasen, machte es Allan fast unmöglich, etwas zu erkennen, sodas er nur seinem Gefühl folgen konnte, auf seinem Weg nach oben. Das kalte Wasser machte es ihm noch schwerer und er spürte seine Kräfte schwinden, schaffte es nur mit aller Mühe, die Wasseroberfläche zu erreichen. Zog den leblosen Körper des Kindes hoch, drückte seinen Kopf über Wasser. „Du musst atmen, mein Junge, du musst atmen!“ keuchte er und schwamm Richtung Land, robbte dort mit größter Anstrengung an das sichere Ufer, zog das Kind aus dem Wasser. Das Atmen wurde schwerer, die Kälte setzte ihm zu, er zitterte, seine Finger wurden blau, als er begann, den kleinen Jungen wiederzubeleben. Doch irgendwas sagte ihm, das er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Mit Verzweiflung in den Augen, sah er sich hilfesuchend um. Und als seine Augen an jenem Busch hängen blieben, von wo aus der andere Junge ihn ansah, ihn mit diesem Flehen in den Augen ansah, just in diesem Augenblick fiel ein Schuß.
Der Junge im Gebüsch sah schockiert zu, wie Blut in alle Richtungen spritzte, wie Allan mit diesem Ausdruck von Entsetzen in den Augen, der sich in die Seele des Kindes einbrannte, schließlich nach vorn auf seinen Bruder kippte und dann seitlich in den See rollte. Instinktiv duckte er sich in seinem Versteck, sah nun den großen Mann, der neben seinem Bruder in die Hocke ging, ihn hochhob. Nicht liebevoll oder gar vorsichtig, nein er zerrte ihn einfach hoch, zerrte ihn hinter sich her, als er ging. Er ging, er ging einfach…..
Und der andere kleine Junge blieb einsam und allein in dieser monotonen Einöde zurück. Saß unter dem Busch im nassen und kalten Schnee und verstand nicht, was seine jungen Augen soeben erlebt hatten. Nach schier endloser Zeit traute er sich aus seinem Versteck und schlich langsam zu jener Stelle, wo eben noch sein Bruder gelegen hatte, wo jetzt nur noch ein vom Schnee befreiter Fleck war, wo Blut den Schnee rot gefärbt hatte. Dort lag nun nur noch ein  Speckstein in Form eines kleinen Hundes. Der Junge hob ihn auf, sah ihn an. Er gehörte seinem Bruder, doch jetzt war dieser kleine Stein genauso allein, wie er selbst und der Junge fühlte Angst, sah sich hilfesuchend um. Nichts, alles nur weiß, kalt und viel zu groß für ein kleines Kind. Allein der Weg hinauf zur Straße – unüberbrückbar. Wo nur sollte er hin? Die Angst trieb ihm Tränen in die Augen. Und war das alles nicht schon genug, sollte er in dem Moment den nächsten Schock erleiden. Nämlich als etwas seinen Fuß packte. Angsterfüllt schrie er auf und schlug rücklinks zu Boden. Und so sehr er an seinem Fuß auch zog, er kam nicht los.
Allan, blutüberströmt, starrte ihn an. Seine Hand umklammerte den Fuß des Kindes, seine Augen sahen das Ende kommen. Der Körper vom Wasser umschlossen, ragte nur noch sein Kopf und sein Arm hinaus. „Geh….. lauf mein Junge… lauf um dein…“ Seine Hand löste sich, ein letztes mal keuchend Luft holend versank er im See.
Und ein völlig schockiertes Kind trat die Flucht an, umklammerte dabei fest den kleinen Speckstein, die letzte Erinnerung an seinen Bruder…….
 
Das Hupen eines vorbeirauschenden Autos ließ ihn zusammenzucken.
Wieder dieser Albtraum…..
Der junge Mann atmete tief durch, er brauchte eine Weile, um sich im diesseits wieder zu finden, um zu realisieren, das er in einem Bus saß, auf dem Weg, seiner Vergangenheit zu entfliehen.
„Ihre Fahrkarte, Sir!“
Abermals zuckte er zusammen und sah den Mann, der da neben ihm stand entgeistert an.
„Sir.., ihren Fahrschein bitte!!“ der Kontrolleur musterte ihn. Ungewaschene lockige dunkle Haare, ein zerschlissenes graues Shirt, eine Hose, die ihre besten Tage längst erlebt hatte. Und Schuhe, waren das überhaupt Schuhe? Die Jacke auf seinem Schoß sah auch nicht besser aus. Aber tatsächlich hatte er einen Fahrschein! Der Kontrolleur sah ihn kurz an, als er ihm den Fahrschein abnahm, und blickte in zwei braune Augen, die traurig und müde wirkten. Schnell gab er den Fahrschein zurück und ging weiter.
Und tief durchatmend blickte der Lockenkopf wieder aus dem Fenster. Straßen, Häuser, Autos, Menschen, die hektisch umher rannten. Fast alles war neu für den jungen Mann. Er beobachtete die Menschen, sie waren alle so gepflegt und gut gekleidet. Peinlich berührt warf er einen Blick an sich herab, schloss kurz die Augen. Er wollte nicht auffallen, doch so wie er aussah…?? Ihm fielen in just dem Moment die vielen unterschiedlichen Gerüche hier im Bus auf. Als er dann jedoch vorsichtig an seinem Shirt roch, konnte er nur die Augen verdrehen. Seine Jacke roch nicht besser, aber er zog sie über, fühlte sich unwohl und beobachtet.
Der Bus hatte inzwischen bei seinem letzten Stopp gehalten, ehe es über die Landesgrenze und meilenweit durch Indianergebiet weiter gehen sollte. Wieder stiegen zig Menschen zu. Eine ältere Dame mit einem kleinen Hund auf dem Arm war gerade stehen geblieben und warf einen erbosten Blick auf den Lockenkopf. „Also manche rennen darum…. Das müsste verboten werden!“ Kopfschüttelnd setzte sie sich einen Platz weiter vorn neben einen Mann mit Glatze. Hinter ihr war ebenfalls ein jüngerer Mann eingestiegen, der jetzt neben ihr stehen blieb und sie musterte. Erst als Sie aufblickte, nickte er leicht. „Stimmt!“ nochmals musterte er sie angewidert, ehe er weiter ging.
„Hhhhh…“ sie brauchte eine Weile, ehe sie die Anspielung verstanden hatte. „das ist ja eine Frechheit, ist das!“ Fast automatisch fuhr sie sich durch die perfekt sitzenden Haare, rückte ihren Blouson gerade, straffte die Schultern.
Der junge Mann hatte sich inzwischen den Lockenkopf gegenübergesetzt, wobei sein Blick kurz auf dessen Kleidung haften geblieben war.
„Ich sollte mir wohl schnellstens neue Sachen besorgen…“meinte dieser beschämt, den Blick gesenkt.
Der andere erschrak. „Sorry, so war das nicht gemeint! Wirklich nicht!“ Eine Bewegung in den Augenwinkeln lenkte ihn kurz ab. Er warf einen Blick zur Seite, registrierte, wieder zurück, verstand, Blick wieder zurück und irritiert abermals zurück. Der Lockenkopf folgte kurz seinen Blick, und schaute dann schmunzelnd unter sich.
„Ich hab Durst, ob ich auch mal frage?“ Der junge Mann mit den blonden kurzen Haaren, den blauen, freundlichen Augen, flüsterte, aber der Lockenkopf hatte es verstanden und mußte lachen.
Die Afroamerikanerin schräg gegenüber allerdings auch. Sie war groß und stämmig, hatte kein Problem damit, ihrem Baby in der Öffentlichkeit die Brust zu geben. Schaute nun aber grinsend zu den beiden Männern und wippte mit ihrer Brust. „Komm nur rüber, Kleiner! Ist genug da. Oder soll ich es dir in ein Fläschchen füllen?“
Der Lockenkopf lachte laut auf, der andere bekam einen roten Kopf. „Vielen Dank. Aber ich hab eine Milchallergie!“
Die Afroamerikanerin lachte und warf einen fliegenden Kuss hinüber, den der andere mit einer kurzen, dankenden Geste annahm, ehe er sich wieder seinem Gegenüber widmete.
Der Bus hatte seine Fahrt längst wieder aufgenommen, verließ nun die Stadt, hinein in die Einöde der Wildnis. Der Lockenkopf war von der freundlichen und humorvollen Art seines Mitfahrers angetan und irritiert zugleich. Verstohlen beobachtete er ihn. Schwarze Lederhose, Cowboystiefel, ein weißes Shirt auf dem ein stolzer Adler auf der USA Fahne saß, Wildlederjacke mit Fransen.
„Wir haben hier noch eine Weile miteinander zu tun.“ Er reichte dem Lockenkopf die Hand. „Ich bin Daniel!“
So sehr das alles ihn auch überforderte, so reichte er ihm doch die Hand.  „David!“
„Angenehm..“
David hatte noch nie einen Menschen getroffen, der eine solche Freundlichkeit ausstrahlte. Zu gern hätte er ihm Fragen gestellt. Woher kommst du? Warum bist du in diesem Bus? Wie ist es da draußen in der Welt? Er selbst konnte ja nicht viel erzählen, konnte ja nicht einen Fremden seine Leidensgeschichte erzählen. Wenngleich es genau das war, was ihm auf der Seele brannte.
Daniel drehte gerade seine Coke-Flasche auf, reichte sie wie selbstverständlich hinüber zu David.
Das.. hatte er noch nie getrunken! Er griff zögernd danach, musste dann, nach dem ersten Schluck, husten. Kohlensäure! Das kitzelte bis in die Nase. David reichte die Flasche zurück, ein Schluck davon reicht – vorerst! „Danke!“
Daniel lächelte. „Eher der Safttyp?“ fragte er
„Nee Wassertyp….“
Daniel grinste, setzte die Flasche an, und verschluckte sich fast, als der Bus urplötzlich eine Vollbremsung machte.
„Oh Gott!“ schrie der Fahrer. Hunde bellten, ein Baby schrie, Menschen stöhnten auf. Dann, für den hundertstel einer Sekunde wurde es ganz ruhig, ehe das Donnerwetter über den Bus und die Fahrgäste losbrach.
Bei einem letzten Blick aus dem Fenster, bemerkte Daniel unzählige Quads, die den Bus umrundeten, jeder Fahrer mit einer Waffe ausgerüstet. „Scheiße..“
Die ersten Schüsse, gezielt auf den Fahrer des Busses, jauchzen bei den Quadfahrern, Schreie im Bus.
David stand das Entsetzen im Gesicht. Keine Chance, zu entkommen, wieder einmal. Noch im selben Moment eröffneten alle das Feuer und der Bus wurde durchlöchert.
„Verdammt, Fuck….!“ Daniel warf sich auf den Boden „Runter, alle runter!... David!!“
Zu spät! Eine Kugel durchbrach die Scheibe, traf David in die Schulter. Die Wucht schleuderte ihn zu Boden.
„Nicht doch!“ Daniel rollte zu ihm, zog ihn zwischen die Sitze. David atmete schwer, sah den anderen angstvoll an. Seine Hand suchte die Wunde. „Nein, nicht, nicht!“ Daniel zog sie zurück. Er hätte es nie ausgesprochen, aber Davids Hände waren nicht wirklich sauber. Diese auf der frischen Wunde….. Unvorstellbar! Vorsichtig hatte er das Shirt bei Seite gezogen, warf einen kurzen Blick auf die Wunde.
„Das tut weh!“
„Ich weiß! Ganz ruhig, David! Nicht sprechen…“ Daniel hob den Kopf, noch immer peitschten Schüsse durch den Bus. Er sah die Afroamerikanerin, sie saß noch immer auf ihrem Platz, hatte ihr Kind auf dem Arm. Beide waren von Kugeln getroffen. Die alte Dame konnte er nicht mehr sehen, den Mann, der neben ihr gesessen hatte, schon. Er lag mit dem Kopf auf dem Handlauf. Daniel sah wieder zu David. „Wir kommen hier raus. Halt durch!“ Wieder Schüsse. Daniel spürte, wie er getroffen wurde. Irreal meinte er den Kriegsruf von Indianern zu hören, dann wurde alles schwarz.
 
Das war dann wohl nichts, mit dem romantischen Abendessen. Dabei hatte sie schon alles vorbereitet, hatte sich heute besonders viel Mühe gegeben. Sich darauf gefreut, mal wieder einen schönen Abend mit ihrem Mann zu verbringen. Aber eigentlich hätte sie sich das schon denken können, war es doch seit Monaten so. Heute tat es nur noch mehr weh, als sonst, hatten sie doch heute Hochzeitstag.
Carry stand am Küchenfenster, als ihr Mann Charles mit Sally, ihrem Pflegekind, abgefahren war. Da war es schon Abend und sie wusste, dass sie sich auf eine lange Nacht vorbereiten konnte. Wurde es doch immer sehr spät, wenn Charles am Abend noch mit dem Kind in die Klinik fuhr.
Die Klinik… wie sehr hasste Carry sie, verbrachte Charles doch dort mehr Zeit, als sonst irgendwo. Sie hatte keine Ahnung von seinen Geschäften, seinen Patienten, hatte keine Ahnung von den Forschungen, die sie dort machten, stellte auch nie Fragen, wusste sie doch, wie jähzornig Charles werden konnte. So, wie am Abend zuvor. Hatte sie doch da nur das Besteck falsch neben die Teller gelegt. Zum Dank hatte sie nun ein blaues Auge. Das Abendessen sollte eine Entschuldigung sein, doch er hatte sie noch nicht einmal wahrgenommen, als er nachmittags kurz nach Hause gekommen war. 
Seufzend trocknete sie ein weiteres Glas ab, als plötzlich etwas auf der Veranda polterte. „Nanu… wer ist denn das so spät?“
Die alten Holzdielen unter ihren Füßen knarrten, als sie die Küche verließ und Richtung Tür lief. Dort, die schwere alte Tür zu öffnen, war jedes Mal eine Herausforderung für die zierliche Frau. Diesmal jedoch gelang es ihr schnell, als sie erkannte, wer dort vor der Tür stand.
Ein kleiner Junge, keine 5 Jahre alt, nass, frierend, im grünen Jogginganzug, mit dunklen Locken und dunklen großen Augen. Einfach so stand er da, sah sie an.
„Hallo, junger Mann!“ Sie ging vor ihm in die Hocke, hatte sich schnell von ihrem Schreck erholt. „Wo kommst du denn her? Wo sind deine Eltern? Bist du hier ganz allein?“
Er nickte zaghaft.
„Hast du hunger?“
Wieder ein zaghaftes nicken.
„Na, dann komm mal mit rein!“ sie hob das Kind auf den Arm, trug es ins Haus.
 
Als Charles nach Hause kam, war es schon weit nach Mitternacht. Das Mädchen hatte er in der Klinik gelassen, war zudem ziemlich sauer, weil das größte Projekt der Forschungsabteilung einen herben Rückschlag erlitten hatte. Das er in dieser Nacht ein Geschenk bekommen sollte, womit er niemals rechnete, ahnte er in diesem Augenblick noch nicht, sah nur, das auf der Veranda eine Figur umgefallen war.
Wutentbrannt stieß er die Tür auf. „Wer hat die Keramikfigur umgestoßen?“ schrie er.
„Ich bin in der Küche!“ säuselte Carry und konnte das Gesicht ihres Mannes kaum erwarten.
„Ich habe was gefragt! Bekomme ich keine Antwort mehr???“ er stapfte in die Küche, sah das Kind und blieb stehen. Sofort hatte er es erkannt, versuchte seine Gedanken zu ordnen. Da saß einfach jenes Kind in seiner Küche, das ihnen abhanden gekommen war. Einfach so! Die Forschungsergebnisse von Jahren waren bis zu diesem Moment nichtig. Und jetzt? Plötzlich war alles wieder da. Und der Stress der letzten Stunden hatte sich im nichts aufgelöst.
„Wo kommt das Kind her?“
„Er stand vorhin auf der Veranda!“
Charles griff nach dem Telefonhörer, die Nummer, die er wählte, war nur zu bekannt. Den Blick starr auf das Kind gerichtet, hörte er, wie sich der andere kurz darauf meldete.
„Jeff… das Problem ist keines mehr! … er sitzt in meiner Küche… nein… wohlauf! …nein, ich hab eine bessere Idee! Wir sehen uns morgen!“ Er legte den Hörer auf, immer noch starr das Kind ansehend.
„Aber..“ Carry wechselte zwischen dem Jungen und ihrem Mann den Blick, verstand nichts.
„Verschwinde!“ zischte Charles sie an.
„Natürlich!“ sie ging mit gesenktem Kopf.
Charles ging langsam auf den Tisch zu. „Komm hier her!“ keifte er den Jungen an.
Zögernd gehorchte der Junge, ging langsam auf den Mann zu.
Sein Handrücken traf ihn mit voller Wucht, schleuderte ihn zu Boden. Mit Angst in den Augen sah er auf, hielt sich die Wange, kroch rückwärts, als Charles auf ihn zu kam.
Brutal griff er dem Kind in die Haare, sah die Tränen in seinen Augen. „Hier die Regeln!... Du bist ein kleiner räudiger Hund, und ein Hund lebt auf dem Fußboden! Ich verbiete dir aufzustehen, ab heute wirst du kriechen. Du wirst auf dem Boden schlafen… Verstehst du das?“ er zerrte an seinen Haaren.
Dem Jungen liefen Tränen, als er nickte
Zack, wieder bekam er den Handrücken. „Ich will nie wieder Tränen sehen! Tränen werden bestraft!“ Noch mal der Handrücken. „Zerbrichst du etwas, wirst du bestraft, gehorchst du nicht, wirst du bestraft! Das ist dein neues Leben, du Dreckköder!“
Es war die schlimmste Nacht seines jungen Lebens. Eingerollt lag er auf einer viel zu kleinen stinkenden Decke in der Küche. Charles hatte noch Stunden am Küchentisch gesessen, ihn beobachtet, ehe er ohne ersichtlichen Grund aufstand und begann, den Jungen mit seinem Gürtel zu schlagen.
Der Beginn eines Martyriums…


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