Es ist: 16-06-2019, 14:52
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Der beste Beruf der Welt
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Der beste Beruf der Welt
Er liebte seinen Beruf. Er hatte schon immer mit Menschen arbeiten wollen, das lag ihm. Das hatte schon seine Lehrerin erkannt und auch seine Familie.

Man musste für diesen Beruf wirklich Talent und Liebe mitbringen. Es war wichtig seine Kundschaft genau kennen zulernen, um das Angebot ganz individuell auf sie abzustimmen. Und man musste sich in den Kunden hineinversetzen können, selbst wenn er nicht genau wusste, was er sagen sollte, und ob das, was er sagte, wirklich das war, was er meinte. Das war in seinem Beruf sogar ganz entscheidend.

Bei ihm, das versicherte man ihm immer wieder, waren die Kunden in den erfahrensten und besten Händen der ganzen Republik.

Heute standen die erwartungsvollen und gespannten Kunden regelrecht Schlange. Das kam in letzter Zeit öfter vor und er war dem Patrizier sehr dankbar, denn nur dank ihm war er immer so gut beschäftigt. 

Seine Schicht begann und er legte noch die Arbeitskleidung an, die war ganz wichtig, im Grunde eine Art Erkennungszeichen. Er nannte es seine Uniform und ganz unrecht hatte er wohl nicht. Fast alle Männer weltweit in seiner Position zeigen einen überraschend einheitlichen Geschmack bei der Auswahl ihrer Arbeitskleidung – und dieser beinhaltete fast immer dunkles Leder.

Er trat aus den Umkleiden in den kleinen Gemeinschaftsraum, wo sich seine Assistenten bereits aufhielten, schwatzten, rauchten, sich schmutzige Witze erzählten oder von dem letzten Ausflug mit Frau und Kindern. „So, genug getratscht meine Damen, an die Arbeit, die Kundschaft wartet!“ 

Das knappe Dutzend Männer, alle wie der Chef in dunklem Leder, murrten ein wenig, stürzten ihren Kaffee herunter, nahmen einen letzten Zug von ihrer Zigarette oder bissen schnell noch von einem belegten Brot ab. Bis zur nächsten Pause konnte es bei einem solchen Ansturm Stunden dauern. Fast schon feierlich führte er den Zug der Männer an, der sich jetzt in den großen Hauptraum bewegte.

Mit routinierten Zeichen wies der seinen Kollegen jeweils ein Separee zu, in dem sie sich ganz intensiv mit einem Kunden oder einer kleinen Gruppe von Kunden würde beschäftigen können.
 
Er widmete sich gleich einem Kunden, der bereits auf einem der vorbereiteten Tische lag. Er sagte nichts, er sagte zu Beginn nie etwas. Er sah den typischen Ausdruck im Gesicht seines Gegenübers, ein Blick, den er schon so oft gesehen hatte. Sie hatten Angst, vor allem, weil sie nicht wussten, was wirklich geschehen würde. Er fand, dass man daher gleich zu Beginn das Eis brechen musste – ach was heißt das Eis. Ein kurzer, schneller Griff, ein Ruck und ein kleiner, schriller Schrei, fast wie ein Tier, ja er fand, fast jeder Mensch klang in diesen Momenten wie ein kleiner Vogel oder ein kleines, flauschiges Kätzchen. Es war ein einfacher Trick, aber man musste ihn beherrschen. Machte man es falsch, ach das war blöd, nicht schlimm, aber eben doch blöd. Der Kunde zitterte jetzt noch mehr, aber die Angst hatte sich bereits verändert, war viel konkreter. Ja, damit konnte man arbeiten. 

Einen Daumen auszukugeln war gar nicht so leicht. Man kugelte ihn auch gar nicht aus, sondern überdehnte ihn durch ein gleichzeitiges Umbiegen und nach vorne ziehen. Das Ergebnis war ein stechender Schmerz, der vom Daumen ausgehend bis zum Ellenbogen strahlte. Es war nicht schrecklich, aber immer ein guter Willkommensgruß, um die Aufmerksamkeit eines Menschen in der Verhörsituation zu erlangen. Außerdem zeigte man ihnen mit diesem freundlichen Willkommen, wohin der Weg gehen würde.

Hände und Füße gehörte zu seinem Spezialgebiet, auch wenn er alle Formen der körperlichen Misshandlung studiert hatte und bis zur Perfektion beherrschte. Aber kaum einer konnte allein mit einer spitzen Feile und einer Hand eines Gefangenen so schnell Geständnisse erzielen wie er.

Er war mächtig stolz auf sein Können. Er wusste immer ganz genau, wie weit er gehen durfte. Wie viele Knochen man brechen, wie viele Wunden zuführen durfte, damit der Gefangene überlebt. Er konnte mit einem gezielten Schlag eines schweren Eisenhammers Kniescheiben so zertrümmern, dass derjenige nie wieder würde gehen können, konnte aber mit dem gleichen Gerät auch nur einen Schlag verpassen, der zu einer wochenlangen Schwellung und großen Schmerzen führen wurde.

Seine Fähigkeiten beim Herausreißen der Zunge und dem Ausstechen von Augen war legendär, noch kein einziger seiner Kunden war dabei oder danach verstorben. Nicht, dass nicht auch auf seinen Tischen die Menschen starben, aber dann war das stets geplant und ihr Tod lag in seiner Hand. Das war ihm wichtig, das war die Kunst. Die Kunden entschieden nie, wann die Behandlung zu Ende war. Das gehörte dazu, es lag in seiner Hand. Aber, jemand totzuschlagen, das war einfach. Das konnte jeder Idiot mit einem Knüppel oder einem Stein. Bewarben sich solche Kerle bei ihnen, dann sortierte er sie immer aus. Es gab in ihren Reihen keine Schlägertypen, sie waren Musiker, die mit Schreien komponierten, Maler, die mit dem Blut malten und mit den Eingeweiden Gedichte schrieben.

Jemanden aber eine genau vorher berechnete Zeit am Leben zu lassen und dann zu töten, wenn man es plante, das war die Kunst. Die Schnitte mussten schmerzhaft sein, aber der Kunde durfte nicht verbluten, nicht das Bewusstsein verlieren. Es gab natürlich auch Kunden, bei denen andere Dinge gewünscht waren.

Der neue Patrizier schätze ihre Arbeit sehr, er war selbst ein großer Kenner und Genießer und kam manchmal persönlich in die Festung, um ihnen bei der Arbeit zuzusehen. Er selbst hatte nie eines der Geräte in seinen schmalen Händen mit den langen Fingern gehalten, aber er nutzte seine Feder und sein Siegel genauso geschickt, wie er die langen Dolche, Ketten, heißes Öl oder den berüchtigten Eisenhammer, um Menschen genau das tun zu lassen, was man von ihnen wollte – auch, dass sie einfach verschwanden.

Viele dieser plötzlich nicht mehr auffindbaren Personen tauchten urplötzlich in seinem Keller wieder auf und er durfte dann seine Kunst an ihren verrichten. Für solche Personen hatte sich der Patrizier etwas Besonderes ausgedacht und das zusammen mit ihm!

Diese Menschen waren besonders lange seine Gäste, sie belegten die wenigen Zellen, die es hier gab als Dauergäste. Zellen ohne Fenster, winzig, so dass man kaum in ihnen stehen konnte, dunkel, schwarz, ohne Bett, ohne Toilette. Tagelang blieben sie in diesen Räumen, ohne Kontakt zu irgendeinem Menschen. Das war seine Idee gewesen und er war mächtig stolz darauf, dass der Patrizier ihm begeistert zugestimmt hatte.

Über kleine Öffnungen konnte man Ratten in die Löcher lassen, ein großer Spaß für alle Personen auf der anderen Seite der Tür. Dann, wenn die Insassen dachten, die Ratten würden sie bei lebendigem Leibe auffressen, dann rette man sie vor den Biestern, gab ihnen Wasser, Suppe und etwas Frisches zum Anziehen. Man führte sie die Treppe hinauf, so dass sie in den Festungshof blicken konnten, einen schmalen Streifen blauen Himmels und ein wenig Grün, und dann ging es wieder in das nun rattenleere Loche.

Das Spiel wiederholte man so lange, bis es kein Funkeln, kein Glitzern mehr in den Augen der Gefangenen gab, wenn man sie Treppe hinaufzehrte. Erst danach wurden sie ähnlich behandelt, wie die üblichen Kunden, aber bei ihnen ließ man sich Zeit – und man teste gerne neue Dinge an ihnen.

Da waren einige Kollegen zuletzt dann doch zu weit gegangen, man kann eben niemandem heißes Wachs in den Anus laufen lassen… naja, aber zugegeben, das war gar keine so schlechte Idee gewesen.

Wie die meisten Menschen, so wussten auch diese speziellen Gäste wohl vor ihrem Aufenthalt bei ihnen nicht, wiev iel Schmerzen man erleiden muss, wenn ein sehr geschickter Mensch einem lange, schmale Bambusstreifen unter die Fingernägel schob. Sie fanden es alle heraus. Und auch, dass die Schmerzen bei den Zehennägeln noch schlimmer waren. Verbrennungen waren auch sehr, sehr schmerzhaft, selbst dann, wenn sie nicht besonders schlimm waren. Zudem erzeugte ein glühender Schürhaken gleich noch Angst.

Man hörte ja immer wieder Geschichten, verleumderische Geschichten, das musste er mal loswerden, dass man Gefangenen einen glühenden Schürhaken in den Hinter schob. Das war natürlich Unsinn. Also gut, man machte das schon manchmal, aber nicht sehr oft, denn an eine Befragung der Gefangenen war danach nicht mehr zu denken, es bedeutete in fast allen Fällen einen qualvollen, aber zeitigen Tod, alle anderen überlebten gewöhnlich den Tag nicht.

Nein, also steckte er bei den speziellen Gästen das glühende Eisen nicht in irgendwelche Hintern, aber er strich damit an den Handflächen entlang, an den Fußsohlen, der Brust, am Ohr. Das schmerzte ganz schrecklich, war aber nicht besonders gefährlich.

Man musste sich in seinem Beruf durchaus auch mit Hygiene auskennen, wenn man nicht wollte, dass einem wertvolle Gäste an Infektionen verstarben. Und das wollte man bei diesen Gästen unbedingt vermeiden.

Viele Gefangene waren nach zwei, drei Wochen und den oben beschriebenen Handlungen schon fast da, wo man sie haben wollte, wimmernd, winselnd, kaum noch Mensch, mehr ein zitterndes, ängstliches Tier, bebendes, atmendes Elend mit toten Blicken.

Andere brauchten länger und es gab ganz verschiedene Methoden und Möglichkeiten, auch diese Rebellen in winselnde Wracks zu verwandeln. Manchmal gestattete man ihnen eine Flucht, ließ sie laufen, frische Luft atmen, dann fing man sie wieder ein, verdrosch sie ordentlich und dann ging es weiter. Mancher war drei-, viermal auf das Spiel hereingefallen. Man war damit fertig, wenn die Gefangenen selbst bei offener Tür und ohne Ketten nicht mehr versuchten, zu fliehen.

Verstümmelungen konnten ebenfalls gut zum gewünschten Zweck führen, besonders bei schönen, jungen Männern wirkte es wahre Wunder, wenn man ihnen die Zähne zog und vielleicht noch ein Ohr abschnitt, oder die Nase, oder gleich Nase und Ohren, Künstler, Musiker waren meist erledigt, wenn es um ihre Hände ging, die man zertrümmern konnte, man konnte einzelne Finger entfernen oder einfach gleich die ganze Hand.

Man konnte Künstlern und Schriftstellern aber auch die Augen herausreißen oder ausstechen, manchmal in Kombination mit der Zunge. Auf besonderen Wunsch des Patriziers hatte er einem jungen Mann mit ziemlichem Gemächt das große Ding abschneiden müssen – er hatte die Tochter des Patriziers verführt, hieß es. Bei dem Jungen brauchte es fast nicht mehr als das, damit er sich in das weinende und zitternde Angsttier verwandelte.

Katastrationen kamen dagegen oft vor, aber man schnitt den Kunden nicht einfach die Hoden ab, nein, man machte es wie bei Bullen, mit einem Draht und einem Hammer – immerhin ging es hier nicht darum, eine möglichst schmerzfreie Behandlung anzubieten.

Wer ihn aber nur mit dieser Arbeit in Verbindung brachte, mit dem körperlichen, dem blutigen Teil, der verkannte seine wahre Meisterschaft und sein wahres Talent. Er war einer derjenigen, der in die Köpfe der Leute eindringen konnte. Er nahm sich Zeit, er lernte seine Kunden genau kennen.

Er setzte den kastrierten oder entmannten nach ihrer Operation schöne Frauen oder Männer, je nach Geschmack vor, die sich vor ihm aufgeilten und dann zu ihm kamen – nur um ihn das auszulachen. Er ließ seine Kunden zusammen mit den Wachhunden in Käfigen schlafen, sie aus ihrem Napf fressen und trinken und behandelte sie auch sonst wie Hunde, gab ihnen Hundenamen und führte sie manchmal sogar auf dem Hof spazieren.

Er aß vor dem fetten Gefangenen, der nichts bekam, er las Gedichte und Bücher vor den Augen der Schriftsteller, er weckte die Gefangenen mitten in der Nacht, ließ sie zum Appell antreten, er ließ scheinbar Nähe zu einem Gast zu, behandelte ihn besser, ließ ihn hoffen, und schlug dann heftiger mit dem Hammer oder bohrte den Bambus tiefer unter die Nägel.

Er drohte aber niemals den Familien, den Kindern, Frauen oder Eltern seiner Gäste, das hatte keinen Stil, fand er. 

Dann, wenn die speziellen Gäste soweit waren, tauchten sie plötzlich wieder auf, an irgendeiner Straßenecke, auf einem Platz, in Lumpen, kahlgeschoren, verstümmelt und seelisch vernichtet.

Sie waren wahnsinnig geworden, wahnsinnig vor Schmerz, vor Einsamkeit. Sie wanderten als lebende Tote in ihren Heimatstädten herum, begleitet von Eltern, oder Ehepartnern, manche wie schlafend, andere ständig schreiend, in Angst, wieder andere waren zu Kleinkindern geworden, die sich einnässten und nicht mehr allein essen konnten.

Wann immer er einen speziellen Gast auf der Straße, in einem Gasthaus oder sonst wo sah, dann überkam ihn ein unbändiger Stolz. Und andere Dissidenten überkam Panik, Angst, Verzweiflung – im Laufe der Zeit schienen manche Menschen allein durch die Angst den Verstand verloren zu haben, kamen sie dann als Gäste zu ihm, hatte er kaum Spaß an der Arbeit, denn es reichte ein Windhauch um ihr seelisches Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Er mochte die Herausforderung.

Ja der Junge Kerl, dem er den mächtigen Lümmel abgeschnitten hatte, der hatte gewirkt wie jemand, der kämpfen würde, aber kaum war das Würstchen ab, war es vorbei mit ihm

… mmh, wenn er nachdachte, wer war sein Lieblingskunde gewesen… Ja, es hatte da diesen Schriftsteller geben, oder war es ein Maler gewesen? Er wusste es gar nicht mehr. Der hatte wirklich lange durchgehalten. Er war fast drei Wochen im Loch gewesen, aber er hatte nicht einmal geschrien, nicht geweint. Es war als habe er das Flüchtlings-Spiel auch sofort durchschaut.

Eingesperrt mit den Hunden war er binnen einer Woche zu einer Art Alpharüden geworden und war von dem vielen Hundefutter schon ganz rundgefressen. Es hatte beide Hände, die Nase und ein Auge benötigt, um ihn zu brechen. Er hatte ihn einmal noch gesehen, jetzt ein Bettler am Straßenrand. So eine harte Nuss rang ihm wirklich den höchsten Respekt ab, auch wenn er am Ende immer gewann. Dieses Spiel kannte eben nur einen Gewinner, und der trug in der Regel schwarzes Leder. 

Der Gast heute war kein spezieller Gast, es war ein junger Mann, vielleicht 25 Jahre alt, schlank, fast dürr, mit einer haarlosen, weißen Brust, schmalen Schultern, grünen Augen, schmalen, vor Schmerz zusammengepressten Lippen, hinter denen weiße Zähne schimmerten, langen, braunen Locken, die sein Gesicht jetzt wirr einrahmten, sonst aber sicher glänzten und zu seiner Attraktivität beitrugen.

In letzter Zeit gab es viele solcher junger, schöner Männer. Es war nicht seine Position, den Patrizier nach den Gründen zu fragen, aber natürlich wurde getratscht. Schon lange hieß es, dass der Patrizier eigentlich ein alter geiler Bock war, der jungen Männern hinterherstieg. Selbst die Tochter sei gar nicht von ihm, er habe vielmehr seine Frau noch in der Hochzeitsnacht an den meistbietenden Gast verkauft und sich dann mit einem jungen Cousin seiner Braut die Nacht vergnügt.

Es hieß, dass er sich noch immer junge Männer in den Palast kommen ließ, um mit ihnen zu schlafen. Niemand sollte davon erfahren, aber auch Palastwächter und Diener sind eben alte Tratschtanten. Man erzählte sich weiter, dass der Patrizier extrem wütend auf Zurückweisung reagieren würde und Männer, die ihm bei seinen angeblich bizarren Liebesspielen nicht zu Diensten sein wollten, entsorgen ließ.

Konnte zutreffen – bei der Vorliebe des Regenten für seinen Beruf wären besondere Neigungen im Schlafzimmer zumindest nicht auszuschließen – vielleicht wurden die männlichen Mätressen auch bei ihnen abgeladen, wenn der Patrizier sich an ihnen sattgesehen hatte. Vielleicht war das aber auch alles Zufall und es gab auffallend viele attraktive junge Verbrecher in Tzra.

Er war weder bei der Stadtwache noch ein Rechtsgelehrter oder Richter, er war nur der Vollstrecker oder ein Gehilfe bei der Befragung. Das war das Besondere an seinem Beruf. Seit der neue Patrizier die Herrschaft angetreten hatte, kamen die Menschen nicht nur vor einem Urteil zu ihnen, sondern immer mehr auch danach, um statt einer Hinrichtung oder für den Staat teuren, jahrelangen Strafe in einer Festung seine besonderen Dienste in Anspruch zu nehmen. Noch nie war die Zahl der Gefangenen in den Festungen der Republik so niedrig gewesen wie unter der Herrschaft dieses Regenten. 

Die Anweisungen für die jungen Männer, die der Patrizier durch die Palastwache quasi als Eilsendung immer wieder vorbeischickte, waren stets die gleichen: Der Patrizier war von dem Lümmeljungen damals derart angetan gewesen, dass er dies zum Standardrepertoire für seine Bestrafung wählte, zusammen mit der Ochsentour, also der Kastration auf Rinderart.

Dazu kamen immer schwere Verstümmelungen im Gesicht, oft nach seinem eigenen Gutdünken, aber mit dem deutlichen Hinweis auf „schwer“ und „entstellend“. Das ließ sich ja gut zusammen bewerkstelligen.

Heute war der Patrizier sehr präzise gewesen bei seinen Wünschen. Der Junge wand sich unter den Lederriemen, die ihn auf der Pritsche hielten, zitternd vor Angst und Kälte. Der versuchte trotz des Knebels zu schreien, als er plötzlich mit einer routinierten Bewegung seinen Hodensack langzog. Wie ein Schraubstock. Ein Assistent wickelte den Draht herum, fester und fester und der Junge drohte das Bewusstsein zu verlieren, kurze Pause, kaltes Wasser und weiter. Als er erneut drohte, ihnen zu entgleiten, wandte er einen alten Trick an. Er renkte auch den zweiten Daumen aus und der völlig anders gelagerte Schmerz riss ihn aus seiner Trance. Mit dem finalen Hammerschlag entschwand aber auch der junge Mann.

Da er heute sehr viel zu tun hatte, es warteten drei spezielle Gäste, musste er wohl oder übel weitermachen, auch wenn er es nicht mochte, wenn seine Gäste seine Kunst nicht genießen konnten.

Er schnitte gekonnt, wie ein Künstler, wie ein Bildhauer, zischendes, glühendes Eisen auf den Wunden verhinderte, dass sie sich entzündeten. Der Junge schien immer wieder zu Bewusstsein zu kommen, dann aber wieder zu entgleiten. Er wimmerte, aber er schrie nicht, gut, der Knebel verhinderte das ziemlich gut. Da der Junge zu den Straftätern gehörte und nicht zu denen, die befragt werden sollten, musste er nicht lange hier bleiben. Er würde morgen früh mit frischen Verbänden in einem der Armenkrankenhäuser aufwachen und wäre dann frei – allerdings würde ihm nicht nur die Kronjuwelen fehlen (er fand diesen Ausdruck eigentlich dämlich, die saßen doch nicht auf dem Kopf…), sondern auch die Ohren, Nase und Lippen. Dazu die Haare. Er sah mehr aus wie ein lebender Totenschädel, nichts mehr übrig von der strahlenden Schönheit.
 
Es war schon dunkel im Hof der Festung, als er müde durch den Gemeinschaftsraum ging, in dem die anderen Mitarbeiter auch gerade den Feierabend einläuteten. Er nickte den Kollegen nur kurz zu, er wollte nur noch schnell duschen und sich dann auf den Heimweg machen. Er hatte einen Bärenhunger und konnte auch ein kaltes Bier vertragen.

Er putzte noch kurz seine Arbeitskleidung, an der fast tägliche Reste seiner Kundschaft hängen blieben, schlüpfte dann unter das angenehm kühle Wasser der Duschen, ein Luxus, den sie der Wertschätzung des Patriziers für ihre Arbeit verdankten, und zog sich dann schnell an, kämmte sein volles, lockiges Haare, brachte den schönen, dunklen Vollbart in Ordnung und ging dann, einen Abschiedsgruß rufend, nach Hause.

Die Jungs gingen meist noch etwas trinken, in einer der Gaststätten ganz in der Nähe, um den Tag ausklingen zu lassen. Er war aber nur sehr selten dabei. Er grüßte die Wachen am Festungstor, wünschte ihnen einen schönen Abend und ging dann, die frische Seeluft schnuppernd, an der Uferpromenade in Richtung Altstadt.

Tzra war eine traumhaft schöne Stadt, zumindest empfand er das so. Er bog in das Gewirr der Gassen ein, die von Menschen wimmelten, grüßte hier freundlich, nickte da jemandem zu, dann legte er, wie jeden Tag, eine kleine Münze in die zerbeulte Dose eines Bettlers ohne Hände und Nase und mit nur einem Auge, der ihm wie jeden Tag freundlich für die Gabe dankte.

Jeder wusste, dass er ein guter Kerl war. Er engagierte sich in der freiwilligen Feuerwache des Stadtteils, gab den Armen immer eine Münze, organisierte die Straßenfeste mit und hatte immer ein offenes Ohr und eine helfende Hand für die Nachbarn.

Noch eine Biegung, und schon raste ihm sein kleiner Sohn mit ohrenbetäubendem Geschrei in die Arme, verfolgt von einer ebenfalls lachenden schönen, kleinen rundlichen Frau, seiner Frau. Er drückte und küsste den Kleinen, der fröhlich quiekte, dann seine Frau, zu zufrieden brummte.

Seine Geliebte an der Hand und den Sohn auf dem Arm ging er zu der Tür des Hauses, dass sie sich im letzten Jahr in der Altstadt gekauft hatten. Von drinnen roch es nach Essen, Hackfleischröllchen vom Grill, Salat und der süße Duft von Kuchen und im Garten, auf der Rückseite wartete der Rest seiner Familie, seine Mutter, seine jüngere Schwester, sein kleiner Bruder . Es war ein wundervoller Abend. Er hatte ein wundervolles Leben. Eine wunderschöne Frau, einen gesunden, strammen Sohn, eine liebende Familie, ein schönes Haus, gutes Essen – und den wahrscheinlich besten Beruf der Welt.


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