
Carcosa (Oktober 2025)
Originaltitel: To Be Taught If Fortunate (2021)
Deutsch von Karin Will
Fadengeheftetes Hardcover mit Lesebändchen
ca. 220 Seiten, 18,00 EUR
ISBN 978–3‑910914–32‑2
Genre: Science Fiction
Klappentext
An der Wende zum 22. Jahrhundert macht die Wissenschaft eine bahnbrechende Entdeckung: Mittels einer revolutionären Methode namens Somaforming werden Menschen so verändert, dass sie auch im Weltall überleben können. Damit ist die letzte Grenze überwunden, und endlich brechen Raumschiffe zu extrasolaren Planeten auf, um herauszufinden, ob dort andere Lebensformen existieren.
Ariadne befindet sich an Bord eines dieser Raumschiffe. Fünfzehn Lichtjahre von der Erde entfernt erforscht ihr Team potenziell bewohnbare Welten. Über die Wunder und Gefahren ihrer Reise schickt Ariadne Berichte an die Erde. Dort vergeht unterdessen fast ein Jahrhundert. Gelingt es ihr zu verhindern, dass sie dann nach Hause zurückkehren – und völlig vergessen sind?
Rezension
Während wir uns heute noch fragen, ob es in den Weiten des Universum Leben gibt, ist dies im 22. Jahrhundert Gewissheit: auf fernen Planeten gibt es Bakterien, Pilze, Pflanzen und Tiere, deren Evolution teils ähnlich, teils ganz anders verlaufen ist. Lange war es unmöglich, dieses ferne Leben zu erforschen, doch mittels Somaforming lassen sich nun die Körper von Astronaut*innen so verändern, dass sie mit den Lebensbedingungen auf fremden Planeten zurechtkommen. Es brechen Raumschiffe auf, finanziert von der Öffentlichkeit, von einfachen Menschen, die in die Wissenschaft investieren und gespannt auf die Forschungsergebnisse warten. Ariadne ist Ingeneurin auf einem dieser Schiffe und reist mit drei Wissenschaftler*innen zu einem fernen Sonnensystem, wo sie gleich mehrere Planeten (und einen Mond), auf denen Leben möglich wäre, erforschen. Während für sie auf ihrer Reise nur wenige Jahren vergehen, sind es auf der Erde über einhundert Jahre voller Katastrophen und Kriege. Als die Kommunikation zur Erde abbricht, führen die vier ihre Mission weiter, in der Hoffnung, dass ihre Forschungsergebnisse ankommen und die Menschen auf der Erde ebenso faszinieren wie sie. Als sie irgendwann den Grund für den Kontaktabbruch erfahren, müssen die vier Astronaut*innen eine Entscheidung treffen ...
"Und hoffentlich zu lernen ..." ist als Nachricht an die Menschen auf der Erde verfasst, in der Ariadne erzählt, wie sie zu den fernen Planeten aufgebrochen sind und was sie dort vorgefunden haben. Sie berichtet von unterschiedlichsten Lebensformen, von einem faszinierenden, düsteren Eismond, einem geradezu paradiesischen Planeten voller Leben, einer stürmischen Wasserwelt und einer Wüstenwelt, in der lediglich die Hoffnung besteht, in tiefen Erdspalten etwas zu finden. Ariadne ist als Ingeneurin für die Wartung des Raumschiffes zuständig und ist nebenbei eine wissenschaftliche Allrounderin, die von den Fachrichtungen der anderen jeweils genug versteht, um sie bei ihrer Arbeit unterstützen zu können. Alle vier verfügen über Kenntnisse über ihre Spezialgebiete hinaus und sind wie eine kleine Familie, innerhalb derer es unterschiedliche freundschaftliche und teils sexuelle Beziehungen gibt. Sie achten aufeinander, geben einander Freiraum, wenn es nötig ist, und sind da, wenn etwas Schlimmes passiert. Anders wäre ihre Mission gar nicht möglich: sie vertrauen einander und müssen dies auch tun, denn sie sind die einzigen Menschen in diesem fremden Sonnensystem und haben nur einander.
Ariadne und ihre Kolleg*innen sind voller Begeisterung für ihre Mission, jede neu entdeckte Lebensform weckt Freude in ihnen. Sie alle sind Profis, ihre Teamarbeit ist vorbildlich, doch natürlich gibt es auch zwischenmenschliche Konflikte und schlechte Tage, an denen Fehler passieren. Ereignisse, die allen aufs Gemüt schlagen, die ihre Psyche belasten und zu Handlungen treiben, die sie bereuen. Doch Becky Chambers kommt ohne großes Drama aus. Wenn es jemandem schlecht geht, sind die anderen da. Sie sind nicht immer einer Meinung, aber kommen stets zu einem Konsens, mit dem alle leben können. So wie diese vier Astronaut*innen miteinander umgehen, sind sie vorbildhaft und dennoch authentisch. Einfach menschlich. Ihre Zusammenarbeit funktioniert unter anderem auch deswegen, da sie sich schon länger kennen, zusammen auf diese Mission hingewirkt haben und viel Vergangenheit miteinander haben.
Sie alle sind nun genau dort, wo sie sein wollen, auch wenn sie dafür Familie und Freunde zurücklassen mussten - wissend, dass diese ihre Leben längst gelebt haben werden, wenn sie zurückkehren. Falls sie zurückkehren. Sie bringen ein riesiges Opfer und werden damit belohnt, die ersten zu sein, die fremdes Leben im All erforschen. Die Katastrophen auf der Erde sind weit weg für sie, gehen aber auch nicht spurlos an ihnen vorbei. Zwischenzeitlich wollen sie keine Nachrichten von der Erde mehr sehen - und dann kommen plötzlich auch keine mehr. Man fragt sich, was passiert ist, ob es einen verheerenden großen Krieg gab oder welche Katastrophen dafür verantwortlich sein könnten, dass die Menschen den Kontakt zu den Forscher*innen abbrechen lassen. Oder ob ein simples technisches Problem dahintersteckt. Am Ende gibt es eine plausible Erklärung, die der Grund dafür ist, dass Ariadne ihre Nachricht, also diesen Roman, zur Erde schickt. Und eine große wissenschaftliche Entdeckung gibt es auch noch, die vor allem Biolog*innen begeistern dürfte.
Becky Chambers macht aus Hard SF einen regelrechten Feel-Good-Roman, der wissenschaftliche und ethische Werte hochhält und sich intensiv mit den sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen auf fernen Planeten beschäftigt. Das Somaforming wirkt zwar sehr phantastisch, hat aber eine solide wissenschaftliche Grundlage. Mittels dieser Technologie können menschliche Körper an andere Schwerkraft, andere Lichtverhältnisse etc. angepasst werden. Einen Raumanzug tragen müssen die Astronaut*innen trotzdem, zum eigenen Schutz und vor allem um das fremde Leben vor ihnen zu schützen. Sie könnten schließlich ganze Welten kontaminieren. Die Reise ist mit Hilfe eines langen Kälteschlafs möglich, wobei die Astronaut*innen trotzdem altern, allerdings sehr viel langsamer. Was "Und hoffentlich zu lernen ..." insbesondere auszeichnet, ist die Beschreibung des wissenschaftlichen Alltags und der außerirdischen Lebensformen. Von Einzellern und Mehrzellern, wurmähnlichen Kreaturen über Wirbeltiere und ganz neue Formen des Lebens ist alles dabei. Klassifiziert werden sie nach Ähnlichkeiten zu irdischen Lebensformen, was teilweise gelingt. Teilweise müssen jedoch auch neue Kategorien gefunden werden.
"Und hoffentlich zu lernen ..." ist als kleines Hardcover erschienen und ist ein richtiges Sammlerstück. Der Carcosa Verlag begeistert immer wieder mit schön gestalteten Büchern und bietet neben Genreklassikern auch neue, erstmals übersetzte Werke wie dieses von Becky Chambers. Leider sind in diesem Buch ein paar Fehler zu viel enthalten, beispielsweise wird der Mond Aecor mehrmals falsch geschrieben ("Arcor"), was negativ auffällt.
Fazit
"Und hoffentlich zu lernen ..." ist eine faszinierende Reise zu fernen Planeten, die ganz unterschiedliche Formen des Lebens hervorgebracht haben. Vier authentische und empathische Astronaut*innen erforschen diese fremdartigen Welten und bewältigen gemeinsam die Härten ihrer Mission. Ihre Begeisterung für das außerirdische Leben ist hochansteckend und aus heutiger Sicht wissenschaftlich fundiert. Ein hoffnungsvoller Mix aus Hard SF und Feel-Good-Roman.
Pro & Contrta
+ faszinierende Lebewesen auf fernen Planeten
+ authentische, empathische Figuren
+ wissenschaftlich fundiert
+ beschäftigt sich intensiv mit unterschiedlichsten Lebensbedingungen
+ trotz aller Probleme auf der Erde ein zutiefst hoffnungsvolles Buch
+ schönes, kleines Hardcover
- ärgerliche Fehler im Text
Wertung: ![]()
Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5
Rezension zu "Ein Pslam für die wild Schweifenden"
