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Empört Euch! (Stéphane Hessel)
Geschrieben von Lilach
Dienstag, der 15. März 2011



Ullstein Verlag (Februar 2011)
Taschenbuch, 32 Seiten, EUR 3,99
ISBN: 978-3550088834 

Genre: Sachbuch


Klappentext

Stéphane Hessels Streitschrift bewegt die Welt. Mit eindringlichen Worten ruft er zum friedlichen Widerstand gegen die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft auf. Gegen die Diktatur des Finanzkapitalismus, gegen die Unterdrückung von Minderheiten, gegen die Umweltzerstörung auf unserem Planeten.


Rezension

Mit Hessel ruft einer der großen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, ein ehemaliger Résistance-Kämpfer und Mitschöpfer der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, seine Mitmenschen zur engagierten Stellungnahme auf. Er tut dies leidenschaftlich, selbst ganz erfüllt von der Empörung, die er bei seinen Lesern zu wecken hofft, und ist sich dabei doch der Kluft bewusst, die dazwischen liegt. Während Hessel unter so unmittelbaren Bedrohungen wie Krieg, Faschismus und Folter zu leiden hatte und ihm die größten Gräuel der Menschheitsgeschichte real gegenüber standen, hat es der heutige Engagementswillige schwer, unter den unzähligen diffusen Schatten am Rande seines Gesichtsfelds überhaupt die eigentlichen Schrecken für sich erkennbar zu machen. Natürlich weiß er um die großen Probleme unserer Zeit, um Umweltzerstörung, Fremdenfeindlichkeit, um die Gefahren der internationalen Finanzmärkte und den Hunger in vielen Ländern der Erde. Er weiß um Ungerechtigkeit und Krieg, aber er ist in den allermeisten Fällen nicht unmittelbar betroffen, kämpft seine eigenen, alltäglichen kleinen Kämpfe um eine unbefristete Arbeitsstelle, einen dringend benötigten Kredit und findet kaum einmal die Zeit und die Kraft, um aufzublicken und Verbindungen herzustellen. Und wenn er es doch tut, lässt ihn die allgegenwärtige Vernetzung und Globalisierung, eine Realität, in der alles mit allem zusammenhängt, rasch am Nutzen eines Engagements, an der Machbarkeit irgendeiner, auch der kleinsten, positiven Veränderung, zweifeln. Hessel sieht diese heutige Realität. Was er versucht, ist, die eigentlichen Ursachen der großen wie der kleineren Weltprobleme für den modernen, überforderten Menschen greifbar, an-greifbar zu machen.

Er tut dies in mehreren Schritten, die jeder für sich nur wenige Seiten umfassen. Zuerst zeigt er die schwerstwiegenden heutigen Probleme klar und schnörkellos auf, nämlich die klaffende Schere zwischen Arm und Reich, die (vielerorts verheerende) Lage der Menschenrechte und die Umweltzerstörung. Er spricht Wege an, diesen Problemen zu begegnen, sich ihnen entgegenzustellen, und exemplifiziert diese größeren Zusammenhänge gleich darauf an einem konkreteren Beispiel, dem Palästina-Konflikt. Die Abhandlung schließt er mit zwei flammenden Aufrufen zu einer radikalen, ethisch begründeten, aber immer gewaltlosen Widersetzlichkeit.

Diese Widersetzlichkeit, die Hessel fordert, stünde den meisten heutigen Menschen in der Tat gut an. Und die Vereinfachung, derer er sich bedient, kann ein nützliches Mittel sein, um die typische Hilf- und Ratlosigkeit angesichts der komplizierten Zusammenhänge in der heutigen Welt gar nicht erst aufkommen zu lassen. Hessel schreibt mit großer Authentizität und Leidenschaftlichkeit, man spürt in jeder Zeile, dass hier einer am eigenen Leib erfahren hat, wovon er spricht.

Dennoch bleibt nach der Lektüre ein gewisser Beigeschmack, und zwar aus mehreren Gründen.

Da ist zum einen die extreme Kürze dieses „Vermächtnisses der Widersetzlichkeit“, wie man die Abhandlung vielleicht nennen könnte – rund 20 Seiten reiner Text. Sie führt dazu, dass einiges durchaus Zwiespältige nur enorm verkürzt und dadurch stellenweise verzerrt angesprochen wird. Dabei mutet der Versuch, den gesamten Nahostkonflikt auf zwei (!) Seiten so komprimiert darzulegen, dass ein moralisches Urteil, eine moralische Empörung daraus begründbar wird, besonders eigenartig an. Diese Vereinfachungs- und moralischen Erklärungsversuche sind seit jeher eines der großen Probleme jeder Nahost-Betrachtung gewesen; es sollte eigentlich auf der Hand liegen, dass sich bei einem seit über sechzig Jahren schwelenden Konflikt jede vereinfachende Sichtweise verbietet. Sie ist, überspitzt gesagt, eine Beleidigung des Urteilsgefühls und des moralischen Empfindens aller an diesem Konflikt beteiligten Menschen. Hessels Abhandlung verliert durch diesen Einschub an Überzeugungskraft.

Zum zweiten versäumt Hessel, bei allem oberflächlichen Verständnis für die Situation des heutigen Lesers, etwas sehr Wesentliches: Er liefert ihm keinen fassbaren Grund für die gewünschte Empörung. Er kann dies auch nicht tun, denn so sehr er sich gegen die Gleichgültigkeit als die Wurzel allen Übels wendet – er selbst empfindet sie nicht und hat sie nie empfunden. Deshalb ist ihm die Grundhaltung vieler, vielleicht der meisten jüngeren Menschen heute zutiefst unverständlich. Und deshalb wird er sie auch mit noch so flammenden Worten letztlich nicht erreichen können, jedenfalls nicht außerhalb des französischen Kontextes, in dem diese Abhandlung deutlich steht.

Diese „nationale Einbindung“ des Textes ist der dritte Punkt, der einen eher problematischen Eindruck macht. Sie ist verständlich und nachvollziehbar und hat, den Zeitungsberichten zufolge, in Frankreich selbst tatsächlich für vehemente Diskussionen gesorgt. Sie ist aber wahrscheinlich nicht ohne weiteres übertragbar, gerade nicht auf deutsche Leser. Sie kommen nicht aus der Tradition des Widerstandes, der Résistance – sie kommen aus der Tradition der Schuld. Wenn sie sich umwenden, blicken sie nicht zurück auf vor Empörung strahlende Heroen, die die Welt aus dem dunklen Grauen des Nationalsozialismus und des Krieges zurück ans Licht beförderten – sie blicken zurück auf die Fürsten der Dunkelheit. Eine solche gänzlich andere kollektive Vergangenheit legt auch eine andere Form der Ansprache, des Aufrufens nahe; und dies mag auch für andere Gesellschaften und Kulturen gelten.

Damit ist der Nachgeschmack, den dieser Text hinterlässt, insgesamt ein eher bitterer. Er ist es deshalb, weil man das ehrliche, uneingeschränkt begrüßenswerte, leidenschaftliche Bemühen dieses großen Intellektuellen sieht – und weil man dabei dennoch folgende Vorstellung nicht aus dem Kopf verbannen kann: Geht der Intellektuelle zum Normalen. Sagt er: Dein Nachbar wird in seinen Menschenrechten verletzt. Tu was, hilf ihm! Sagt der Normale: Warum? Ist doch nicht mein Problem.
Diese Vorstellung ist fürchterlich, aber sie entspricht der allgegenwärtigen Realität. Und Hessel gelingt es nicht, einen wirksamen Hebel zu liefern, um diese Realität aufzubrechen. Dennoch ist die Abhandlung ein unbedingt lesenswerter Text; vielleicht gerade, um selbst die fehlenden Fortsätze zu entwickeln. Und wenn nicht dies, dann bleibt doch zumindest der Trost, der aus jeder Zeile spricht: Es ist nicht falsch, entgegen aller Wahrscheinlichkeit weiter auf eine bessere Welt zu hoffen. Es ist im Gegenteil das einzige, was vielleicht wirklich eines Tages dazu führen kann.


Fazit

Hessels Text ist, bei allen gemachten Einschränkungen, ein wichtiges, ein großes Dokument unserer Zeit. Es bringt eine Dimension in Politik und Alltagsgeschehen zurück, die dort seit langem fehlt und doch schmerzlich gebraucht würde: die der Emotionalität. Es ist wunderbar zu lesen, reizt zum Widerspruch, regt zum Nachdenken an. Und es macht Mut zur Hoffnung.


Pro und Kontra

+ hochaktuelles Thema
+ sehr gut lesbar
+ emotional, ohne dabei übertrieben oder unangemessen zu wirken
+ authentisch
+ voller Denkanstöße
+ knappe, hilfreiche Anmerkungen zum französischen und zum historischen Kontext

- zu komprimiert, um einzelnen angesprochenen Themen wirklich gerecht zu werden
- für den deutschen Leser eventuell zu stark an der französischen Situation orientiert
- erreicht wahrscheinlich nur diejenigen Leser, die ohnehin politisch / gesellschaftlich engagiert sind

Wertung:

Inhalt: 4,5/5
Aktualität: 5/5
Verständlichkeit: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5

Zuletzt aktualisiert: Dienstag, der 15. März 2011
 

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