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Zu den heiligen Quellen des Islam. Als Pilger nach Mekka und Medina (Ilija Trojanow)
Geschrieben von Lilach
Donnerstag, der 17. März 2011


Malik Verlag (2004)
Gebunden, 172 Seiten, EUR 16,90
ISBN: 978-3-890292878

Genre: Sachbuch

Klappentext

„Von Kindesbeinen an, wenn er zum ersten Mal vernimmt, dass die Hadsch – die Pilgerfahrt nach Mekka – zu den Pflichten eines jeden Moslems gehört, sehnt sich jeder Gläubige danach.“

Unter Hunderttausenden moslemischer Pilger hatte der Schriftsteller Ilija Trojanow 2003 an der Hadsch, der größten Glaubensbezeugung des Islam, teil [genommen]. An einem Morgen im Januar legt er in Bombay unter Anleitung seiner Freunde den Ihram, das traditionelle Pilgergewand, an und steigt in die Maschine nach Dschidda. Wenige Stunden später ist er in Mekka, nach drei Wochen zurück in Indien. Dazwischen liegt eine unendliche Fülle von Eindrücken und das allmähliche Begreifen des Wesens einer Religion zwischen Verheißung und Realität. Dazwischen liegt das Erleben einer über tausend Jahre alte Tradition und einer persönlichen Pilgerschaft als Kulmination aller Sehnsüchte, als einzigartige Auszeit, so reich an Mühsal und Zermürbung wie an Belohnung und Beglückung.

Ilija Trojanows ebenso aufregender wie poetischer Bereicht steht in der großen Tradition der Reiseerzählung über die Hadsch: Ein europäischer Schriftsteller heute vollzieht die innersten Rituale des Islams.“


Rezension

Trojanow berichtet von der Pilgerfahrt nach Mekka, der Hadsch; von seinen persönlichen Eindrücken und Empfindungen auf dieser spirituellen Reise, vermischt mit alten muslimischen Sagen und traditionellen Erzählungen. Im ersten Teil des Buches greift er daneben gelegentlich zurück, schildert seine ersten intensiveren Begegnungen mit dem Islam als Englischlehrer einer Gruppe junger Religionsgelehrter in Bombay. Von diesen Streifzügen abgesehen, führt er den Leser chronologisch durch den gesamten Prozess der Hadsch; hinein in die ungeheure Menschenmenge, die jedes Jahr wieder die Kaaba umrundet, die gemeinsam betet und schwitzt und leidet – und nach spiritueller Erfahrung sucht. Eine Erfahrung, die Trojanow selbst von Mekka ein Stück weit in den Alltag hinein mitzunehmen hofft.

Stilistisch bietet er seine Erlebnisse als muslimischer Pilger dem Leser fast wie kleine Kostbarkeiten dar: sehr anschaulich, bildreich und hoch poetisch formuliert, glänzende Perlen auf der ausgestreckten Handfläche. Es sind emotionale Schilderungen, auf den ersten Blick durchaus dazu angetan, sich schnell hineinziehen zu lassen in dieses ganz persönliche Erleben, diese Unmittelbarkeit. Es gibt Momente, in denen man beinahe den heißen Staub, den die vielen Leiber aufwirbeln, auf der Zunge zu schmecken meint und in denen das Getöse der Menge in den eigenen Ohren zu dröhnen anfangen will.

Und trotzdem beginnt relativ bald, ganz unerwartet, ein entgegengesetzter Prozess: Anstatt tiefer einzutauchen, sich noch stärker umfangen zu lassen, ziehen sich die eigenen Gedanken und Gefühle mit jeder Seite ein klein wenig weiter zurück. Die glänzenden Sprachperlen in der Hand des Autors scheinen matter zu werden, man greift verwundert nach ihnen und fasst – ins Leere. Da scheint keine Substanz zu sein, die sich zur Berührung durch einen Fremden eignete, kein Gefühl, das sich tatsächlich übertragen ließe. Diese Pilgerreise, die in Trojanow selbst so starke und dauerhafte Eindrücke hervorgerufen hat – sie lässt den Leser am Ende etwas ratlos zurück, fast gänzlich unberührt und unverändert.

Diese Ratlosigkeit speist sich aus zwei verschiedenen Quellen. Zum einen liegt es an den Inhalten des Reiseberichts selbst. Man stellt relativ bald fest, dass die Schilderungen der Hadsch wie auch der Umgebung, in der sie sich abspielt, im Grunde nichts wirklich Neues, schlimmer: nichts wirklich Interessantes enthalten. Es ist heiß, es ist staubig. Man wartet, man betet, man drängt sich umeinander, im einen Moment jeder des anderen ärgster Feind, im nächsten dem Nachbarn nah und verbunden. Rituale werden zelebriert, so penibelst genau wie unter den Umständen nur möglich. Der Anblick der großen islamischen Heiligtümer, das Erleben der Gemeinschaft, lösen euphorische, beinahe ekstatische Gefühle aus. Ja, möchte man sagen, und was weiter? Jeder Fußballfan, jeder Rockkonzertfreund kennt solche Gefühle von Aufgelöstheit, seeligem Aufgehobensein. Was ist nun das Besondere an dieser Reise? Dass sie in einer Umgebung stattfindet, die den meisten europäischen Lesern fremd ist? Aber die Beschreibungen der Orte und der Menschen kommen inhaltlich an vielen Stellen kaum über altbekannte Reiseführerfloskeln hinaus, auch wenn sie sehr schön formuliert sind. Dass die Reise mit Religiosität verknüpft ist? Vielleicht – Religion ist im heutigen, weitgehend säkulären Westeuropa keine alltägliche Erfahrung mehr.

Aber gerade an dieser eigentlich sehr interessanten Stelle fehlt – und dies vertieft die große Ratlosigkeit – jede Verknüpfung zwischen Trojanow, dem hingebungsvollen Pilger, und seinem säkulären Leser. Sie fehlt umso mehr, als aus dem Buch selbst heraus völlig unklar bleibt, welche Position der Autor eigentlich dieser Religion, die ihn so hinreißt, gegenüber hat – und als jede auch nur ansatzweise kritische Auseinandersetzung mit ihr, mit Religion an sich, unterbleibt. Trojanow beschreibt seine Reise nicht wie ein „europäischer Schriftsteller“, auch nicht wie ein „Suchender zwischen den Kulturen und Religionen“ (Zitat aus der Autorenbeschreibung) – er beschreibt sie aus einer einzigen Perspektive, der des bedingungslosen Gläubigen. Er fragt nicht danach, warum bestimmte Gebete vierzig, sechzig, einhundertmal gesprochen werden müssen, warum zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Geste so und nicht anders ausgeführt werden muss. Er erklärt nicht, warum aus diesen traditionellen Ritualen für ihn eine so tief empfundene spirituelle Erhebung fließt.

Nichts macht dieses Grundproblem des Buches deutlicher als das Zitat im Klappentext über „jeden Gläubigen“, der sich nach der Hadsch sehnt, sobald er erfährt, dass sie zu den Pflichten eines Muslims gehört. Sehnsucht aus Pflichtgefühl? Ein Widerspruch, der nur durch ein näheres Eingehen auf die dahinter stehenden tieferen Beweggründe und religiösen Empfindungen aufzulösen wäre. Genau diese Auflösung erfolgt jedoch nicht.

Trojanow glaubt, er fühlt, man spürt die Ehrlichkeit in jeder Zeile, und doch bleibt man allein zurück, ohne Brücke zu ihm und zu den Hunderttausenden, die den schwarzen Block umrunden. Allein mit eben jener Ratlosigkeit und Unberührtheit – und sogar einem gewissen Ärger. Ärger über das Fehlen jedes tiefer gehenden Widerspruchs, jeder scharfen Kante; über die letztlich blassen Farben der Umgebung; und vor allem über die Unbekümmertheit und Selbstsicherheit, mit der der Autor sich in seiner eigenen Hingerissenheit vom Leser entfernt. Die Hand ist nicht ausgestreckt, um den Leser mit sich zu ziehen. Sie präsentiert nur die schimmernden Perlen, wie verlockend, und wenn sie sich dann in Nichts aufzulösen beginnen – dann liegt er wirklich in der Luft, der Staub, der die Sicht nimmt, anstatt sie zu klären, und in dem nichts Greifbares enthalten ist.


Fazit

Trojanows Bericht ist ein zutiefst persönliches Buch, emotional und in poetischer Sprache formuliert und von spürbarer Ehrlichkeit. Aber gerade aufgrund seiner höchstpersönlichen Art bleibt es dem Leser letztlich fremd. Die religiöse Hingabe und Begeisterung, die Trojanow empfindet, überträgt sich nicht, sie wirft stattdessen Fragen auf, die sämtlich unbeantwortet bleiben. Es mag durchaus ein wunderbares, ein fesselndes Buch sein für jemanden, der Trojanows Erfahrungen selbst gemacht hat oder noch zu machen hofft. Für kritische Leser ohne vorherige eigene Beziehung zum Islam bleibt es ein schwaches Winken hinter einer Tür, die sich bereits wieder schließt, bevor sie sich richtig geöffnet hat.


Pro und Kontra

+ interessante Thematik
+ sehr schöne Sprache
+ emotional
+ gut zu lesen

- oft klischeehaft
- in wesentlichen Dingen völlig unkritisch
- ohne Bezug zu einem modernen, säkulären Leser
- das implizite Versprechen eines besseren Zugangs zum Islam bleibt unerfüllt
- Klappentexte teilweise fehlerhaft, unsauber geschrieben

Wertung:

Inhalt: 2/5
Aktualität: 5/5
Verständlichkeit: 5/5
Informationsgehalt: 1/5
Lesespaß: 2/5
Preis/Leistung: 4/5

Zuletzt aktualisiert: Freitag, der 18. März 2011
 

Kommentare  

#1 MekkaGonna 2013-06-09 19:48
Sehr sehr schön und emotional.
RESPEKT

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