Thilo Corzilius (05.04.2011)

Interview mit Thilo Corzilius

Literatopia: Hallo Thilo! Kürzlich ist bei Piper Dein Debütroman „Ravinia“ erschienen. Wie fühlt es sich an, Dein erstes Buch? Und bist Du tatsächlich quasi über Nacht zum Verlag gekommen?

Thilo Corzilius: Hallo, Judith.
Das Gefühl, das eigene Buch in den Händen zu halten, ist völlig irre. Ich kann es auch ehrlich gesagt immer noch nicht so ganz fassen, dass da eine Geschichte, die ich auf meinem Computer in ein völlig banales Word-Dokument getippt habe, heute für jeden zu kaufen ist.
Und die Formulierung „über Nacht“ ist eine schöne Umschreibung. Tatsächlich ging alles bei mir relativ schnell. Meinen Agenturvertrag hatte ich in der Tasche, noch bevor Ravinia vollendet war und ungefähr ein halbes Jahr später hatte ich auch den Vertrag bei Piper unterschrieben. Das war – gemessen an meinen Erwartungen und an dem, was man so hört – schon ziemlich schnell.

Literatopia: Könntest Du für unsere Leser kurz umreißen, worum es in „Ravinia“ geht? Was hat es mit der geheimnisvollen Stadt auf sich?

Thilo Corzilius: In Ravinia geht es um Schlüssel, die einer Tür quasi ihren Willen aufzwängen und so z.B. von Edinburgh nach London oder nach Prag führen. Lara hat ein Talent dazu und merkt bald, dass es noch mehr Leute gibt, die ihr handwerkliches Geschick auf eine etwas übernatürliche Weise perfektionieren können. Mit der Stadt Ravinia haben sich diese Außenseiter eine Art Zufluchtsort geschaffen, da Außenseiter es in unserer Welt bekanntlich ja nicht so einfach haben...

Literatopia: Lara ist eine leidenschaftliche Protagonistin, die man sich mit ihrem bernsteinfarbenen Haar sehr gut vorstellen kann. Hattest Du als Autor genauso leicht Zugang zu ihr wie der Leser? Oder gab es den einen oder anderen Moment, wo Du nicht mehr wusstest, wohin Laras Reise gehen soll?

Thilo Corzilius: Lara ist tatsächlich eine sehr leidenschaftliche und impulsive Figur geworden. Ich kann für Charaktere bloß einen groben Rahmen erschaffen. Ich also einfache Fragen beantworten: Wo kommt sie her, was macht sie berufs-/hobbymäßig, wo hat sie ganz generell ihre Stärken und Schwächen? Die Feinheiten ergeben sich dann beim eigentlichen Schreiben und da überrascht es einen dann doch manchmal ein wenig. Es ist mir jedoch glücklicherweise noch nicht passiert, dass ich mich in der Figurenzeichnung verrannt habe und plötzlich die komplette Geschichte umschreiben musste.
Dass Lara eine Figur ist, deren Verhalten (auch wenn sie manchmal ganz schön kompliziert sein kann) ein Leser nachvollziehen kann, habe ich jetzt schon mehrfach gehört und bin wirklich erleichtert, dass mir das offenbar gelungen ist.

Literatopia: Die Schlüsselmacher mit ihren besonderen Fähigkeiten wecken wilde Assoziationen mit der Matrix-Trilogie. Gibt es hier Zusammenhänge? Oder kannst Du mit Matrix eher nichts anfangen?

Thilo Corzilius: Ich hatte die Matrix-Filme damals natürlich im Kino gesehen, jedoch keinen einzigen Gedanken daran verschwendet. Ganz im Gegenteil, ich hab die Idee mit den Schlüsseln für meine ganz persönliche, einzigartige, goldene Idee gehalten. Und dann hab ich erstmal geschrieben, bis mich ein Freund mit der Nase drauf gestoßen hat und meinte: „Hey, das gab’s doch in Matrix schonmal“. Später sind mir dann immer mehr Filme und Geschichten aufgefallen, in denen die Sache mit den Türen auf recht ähnliche Weise funktioniert. So hab ich letztens zum Beispiel „Der Plan“ gesehen und meine Begleitung drehte sich im Kino zu mir um, grinste mich an und meinte: „Die haben von dir geklaut“

Literatopia: Schottland spielt in Deinem Roman eine große Rolle und auch im echten Leben reist Du gerne dorthin. Was fasziniert Dich an diesem Land? Und welche Länder haben es Dir noch angetan?

Thilo Corzilius: Schottland gut zu finden war so eine pseudo-romantische Teenager-Idee, die sich irgendwie in meinen Kopf gebrannt hat. Dann war ich schließlich einmal dort und fand es tatsächlich unglaublich toll. Seitdem reise ich immer wieder hin.
Ich glaube ich habe ein besonderes Faible für schöne Landschaften. So sind mir faszinierende Landschaften in Tschechien, Israel, Italien aber auch bei uns zuhause in Deutschland gut im Gedächtnis haften geblieben. Demnächst würde ich gerne noch nach Skandinavien und in die Staaten.

Literatopia: Die Raben spielen eine besondere Rolle in „Ravinia“ und verleihen der Stadt eine (weitere) düstere Note. Was bedeuten diese Tiere für Dich? Warum passen gerade die Raben so gut nach Ravinia?

Thilo Corzilius: Raben bestechen – soweit ich informiert bin – durch ihre relativ hohe Intelligenz im Tierreich. Außerdem werden sie verhältnismäßig alt. Sie haben halt unglaublich viel Charakter. So tun echte Kolkraben manche Dinge z.B. einfach bloß aus Spaß (es gibt Raben, die Rodeln im Winter Abhänge hinunter oder reiten Rodeo auf Schafen). Mir waren Raben in dem Moment, als ich mir die Geschichte ausgedacht habe, einfach sehr sympathisch.

Literatopia: Verlage werben gerne mit großen Namen und Du wirst prompt mit Christoph Marzi verglichen. Kennst und liest Du seine Bücher?

Thilo Corzilius: Der Vergleich mit Christoph Marzi lässt mich immer noch jedes Mal erröten, auch wenn ich die Werbung damit nun schon eine Weile kenne.
Und na klar habe ich auch Christoph Marzis Bücher gelesen – und sie haben mir sehr gefallen.

Literatopia: Du hast in Leipzig bereits Deine erste große Messe erlebt und vor Publikum lesen dürfen. Wie hast Du die Fantasyleseinsel erlebt? Und wird man Dich in Frankfurt wieder sehen?

Thilo Corzilius: Die Fantasyleseinsel empfand ich als unglaublich spannenden Ort, da sich ja dort das Who-is-who der Szene gegenseitig die Hände schüttelt. Man lernt viele Leute kennen und man erlebt vor allem die immense Begeisterung der vielen, vielen Leser für phantastische Literatur. Außerdem war es wirklich schön zu sehen, dass es außer mir und meinen Freunden wirklich echte Menschen aus Fleisch und Blut gibt, die gut finden, was ich tue und sich damit begeistern lassen.
Ob und auf welche Weise ich auch in Frankfurt vertreten sein werde, weiß ich im Augenblick noch nicht.

Literatopia: Zu „Ravinia“ gab es bereits ein paar Rezensionen. Liest Du diese alle? Oder scheust Du als Autor davor zurück? Wie wurde der Roman bisher aufgenommen?

Thilo Corzilius: Natürlich schaue ich von Zeit zu Zeit nach, wie das Buch so aufgenommen wird. Aber ich finde sicherlich nicht alle Meinungen dazu. Letztens bekam ich überraschend eine Ausgabe von „Zauberwelten“ in die Hand gedrückt mit dem Hinweis, da wäre ein Rezension und Empfehlung zu Ravinia drin. Ich kenne also lange, lange nicht alle Stellen, an denen über Ravinia geschrieben (oder sogar gesprochen?) wird. Das ist aber auch gut so, wahnsinnig machen möchte ich mich ja auch nicht ;-)
Im Allgemeinen scheint Ravinia den Leuten glücklicherweise zu gefallen – und das gefällt mir natürlich im Gegenzug wieder unheimlich.

Literatopia: Gibt es unveröffentlichte Romane in Deiner Schublade? Und werden diese vielleicht – nach einer eventuellen Überarbeitung – irgendwann das Licht einer größeren Leserschaft erblicken?

Thilo Corzilius: Nein, ich hatte das große Glück, dass mein erster Roman auch gleich veröffentlicht wurde. Schubladenmanuskripte – wie viele Kollegen – habe ich nicht.

Literatopia: In Deinem Journal bezeichnest Du Dich als „Spinner“, „Traumtänzer“ und „Kopfzerbrecher“ – worum kreisen Deine Gedanken unter anderem? Und meinst Du, dass Autoren eigentlich immer Menschen sind, die sich um viele Dinge ziemlich oft einen Kopf machen?

Thilo Corzilius: Oh, da liest tatsächlich jemand das Journal ;-)
Ich muss mich noch ein wenig an meine eigene digitale Identität aus Homepage/Twitter/Blog gewöhnen. „Träumer, Spinner, Kopfzerbrecher“ ist so die erste Phrase, die mir einfiel und von der ich dachte, sie sei plakativ genug und ließe an Interpretationsspielraum ungefähr alles und nichts zu.
Aber konkreter:
Ich bin jemand, der einfach eine Menge kreativen Output produziert. Ich ertappe mich häufig dabei, wie ich an irgendwelchen Ideen mit mehr oder weniger phantastischen Inhalten herumbastel, wenn ich gerade die Zeit dazu habe. Und in erster Linie interessiert mich wohl tatsächlich das Schaffen von Dingen – häufig eben Geschichten.
Darüber hinaus bin ich natürlich wie alle Menschen daran interessiert, wie die Welt um uns herum funktioniert. Doch darauf gibt es natürlich keine umfassende Antwort, weshalb man sich ja auch ewig den Kopf über alles möglich zerbrechen kann ;-)
Und nein, ich denke Autoren sind ganz, ganz unterschiedliche Menschen, die man schlecht in eine einzige Schublade oder unter eine Überschrift packen kann (außer halt, dass sie in irgendeiner Weise Text produzieren). Unter „Autoren“ finden sich wirklich Menschen aller Art.

Literatopia: Du sollst das ein oder andere kuriose Hobby haben – magst Du uns davon erzählen?

Thilo Corzilius: Ist Bücherschreiben nicht kurios genug?
Regenwetter ist es aber sicherlich, oder? Bisher hab ich zumindest noch von niemandem sonst gehört, dass er Regenwetter zu seinen Hobbys zählen würde.
Ansonsten spinne ich halt eine Menge Geschichten, schreibe Songs oder denke mir andere Dinge aus. Außerdem hab ich ein Faible für Nicht-Ganz-Mainstream-Musik und spiele auf allen Instrumenten, aus denen ich halbwegs gerade Töne herauskriege.
Es gibt aber auch „normalere“ Dinge (wenn man es denn so bezeichnen will). So bin ich z.B. großer Fußballfan.

Literatopia: Nach eigenen Angaben schreibst Du schon immer irgendwie. Was bedeutet „irgendwie“? Hast Du schon im Kindesalter kleine Geschichten aufgeschrieben?

Thilo Corzilius: Nein, ich könnte leider nicht ehrlicherweise sagen, dass ich schon mit drei Jahren meine ersten Romanversuche gemacht habe. „Schon immer irgendwie“ war eine Art Verlegenheitsaussage, weil ich mich einfach nicht erinnern kann, wann ich mit dem Schreiben angefangen habe. Es gab also kein Schlüsselerlebnis o.ä. Es ist wohl irgendwann im Laufe der Jahre einfach dazu gekommen.

Literatopia: Wenn Du noch Zeit findest – was liest Du gerne? Welche Genres tummeln sich in Deinem Bücherregal?

Thilo Corzilius: In meinen Regalen stehen sehr viele phantastische Bücher. Weniger klassische Fantasy, die ist meist nur mein Fall, wenn sie durch eine richtig gute eigene Idee besticht (lang lebe z.B. Scott Lynch!). Bei mir stehen eher Bücher von Cornelia Funke, Ralf Isau, Oliver Plaschka, Christoph Marzi, Neil Gaiman, Kai Meyer etc.
Daneben lese ich aber auch immer wieder gerne mal einen Krimi, etwas über Musik, Biographien, ein wenig Thriller/Horror, ein kleinwenig Hochliteratur aber auch den ein oder anderen echten Klassiker, z.B. viel von Shakespeare. Also neben einem deutlichen Fokus auf Phantastik lese eigentlich alles quer durch die Bank.

Literatopia: Wie wird es nun mit Dir weitergehen? Wird es weitere Romane über Ravinia geben oder widmest Du Dich lieber ganz neuen Projekten?

Thilo Corzilius: Dazu, wie es weitergeht, habe ich natürlich einige Ideen und Vorstellungen, die ich aber zum aktuellen Zeitpunkt leider noch nicht ruhigen Gewissens mitteilen könnte. Fragt in einem halben Jahr gerne noch mal nach.

Literatopia: Herzlichen Dank für das schöne Interview, Thilo!

Thilo Corzilius: Keine Ursache. Ich habe zu danken.


Autorenfoto: Copyright by Christoph Martsch

Website des Autors: http://www.thilocorzilius.de/

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Dieses Interview wurde von Judith Gor für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

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