Ravinia (Thilo Corzilius)

Piper (März 2011)
kartoniert, 400 Seiten
€ 12,95 [D], € 13,40 [A], sFr 20,50
ISBN: 9783492267618

Genre: Urban Fantasy


Klappentext

Was wäre, wenn dich ein einziger Schlüssel überallhin bringen könnte? An ihrem sechzehnten Geburtstag erhält Lara einen Schlüssel, der sie in die Victoria Street in Edinburgh führt – egal, durch welche Tür sie tritt. Bald merkt das junge Mädchen, dass der Schlüssel auch das Tor in eine andere Welt öffnet: In der Stadt Ravinia, in der magisch talentierte Wesen ebenso wie Traumtänzer zu Hause sind, lernt Lara ihre Vergangenheit kennen und erfährt dabei von einer mysteriösen Verschwörung. Sie selbst muss über das Schicksal Ravinias entscheiden. Gemeinsam mit Tom Truska, dem geheimnisvollen Schlüsselmachergesellen, und dem Amerikaner Lee versucht Lara Ravinia zu retten.


Rezension

Lara, deren Leben ein Herbstregen ist, erhält von ihrem Großvater einen Schlüssel zur Victoria Street. Die Tür, die sie benutzt, spielt dabei keinerlei Rolle – sie wird immer wieder in die Victoria Street gelangen. Und wie es das Schicksal will, liegt dort das kleine Geschäft von Baltasar Quibbes, einem Schlüsselmachermeister. Er fertigt nicht nur Schlüssel, die in die Victoria Street führen; seine Schlüssel können an alle erdenklichen Orte führen, auch nach Ravinia, in die düstergoldene Stadt am dunklen Fluss. Lara, die vollkommen überwältigt von den unglaublichen Geheimnissen dieser Stadt ist, lernt zudem den Schlüsselmachergesellen Tom Truska als blassen, mürrischen Kauz kennen. Doch im Lauf der Geschichte wird dieser seltsame Kerl es sein, der sie auf der Suche nach Spuren ihrer Eltern begleitet und sie dabei unterstützt, Ravinia vor einem Alptraum der Vergangenheit zu beschützen …

Lara McLane erobert die Leserherzen mit ihrer leidenschaftlichen Art quasi im Sturm. Zwar kann sie ganz schön stur sein, doch ihre Neugier und die Loyalität gegenüber neuen Freunden machen sie zu einer Sympathieträgerin. Auch Tom Truska kann man mögen, obwohl der blasse, komische Kauz oftmals griesgrämig und schweigsam daherkommt. Doch mit jeder Seite spürt man mehr die Weisheit hinter seinem relativ jungen Antlitz und die Ehrlichkeit, mit der er der Welt und anderen Menschen begegnet. Zudem sorgt er für einige humorvolle Momente. Neben diesen Protagonisten sind die Nebencharaktere etwas blass geraten. Viele erscheinen stereotyp, vor allem den Gegenspielern mangelt es an Facettenreichtum. Zwar gibt es hier einen Feind in der Geschichte, doch lange Zeit bleibt er ein diffuses Schreckensgespenst, über dessen Motive man zu wenig erfährt. Und auch die Verbündeten von Lara und Tom fügen sich zu sehr in fest geschriebene Rollen, die man aus anderen Fantasyromanen kennt. Die Storyline selbst bietet reichlich spannende Momente, auch wenn manche Szenenwechsel sehr abrupt kommen. Das Ende des Romans wirkt nach dem sorgsamen Storyaufbau etwas überstürzt – man hat als Leser kaum eine Chance, die Abfolge der Ereignisse zu erfassen.

Mit der Gestaltung der Stadt Ravinia beweist Thilo Corzilius durchaus Kreativität - liebevoll ausgearbeitete Schauplätze zeichnen die düsteregoldene Stadt wie eine schillernde Komposition aus Mittelalter und Moderne in die Köpfe der Leserschaft. Selten kann man sich eine ganze Welt so detailliert vorstellen. Zu diesem Eindruck trägt natürlich bei, dass sich der Autor stark auf die Stadt konzentriert und nicht versucht, möglichst viele neue, phantastische Orte vorzustellen. Ravinia bietet genug dafür faszinierende Ecken und am Ende des Romans hat man dennoch das Gefühl, nicht alles gesehen zu haben. Ansätze für Folgeromane fänden sich jedenfalls genug - ob der Autor auf die Fortsetzungswelle aufspringt, ist allerdings bisher fraglich. Einerseits sind die ewigen Fortsetzungen allmählich ermüdend, in diesem Fall könnte man sich eine eigene Geschichte über eine der anderen Zünfte Ravinias gut vorstellen. An für sich sind die Ideen nicht gänzlich neu, in ihrer Konstellation und den Details aber originell. Gerade bei den Mechanikern kann man so manch skurrile Erfindung bewundern.

Doch auch die anderen Zünfte Ravinias wecken das Interesse des Lesers. Leider erfährt man über die Wahrsager und Alchemisten nicht wirklich viel. Auch die Nachtwächter, die an für sich kein übernatürliches Talent besitzen, aber bestens ausgebildete Kämpfe sind, bekommen etwas zu wenig Raum. Am meisten interessiert man sich jedoch für die Schreiber, zu denen auch Roland Winter gehört, der Ravinia einst in Schrecken versetzt hat. Aus den spärlichen Informationen kann man sich in etwa zusammenreimen, zu was ein Schreiber im Stande sein kann, aber man würde zu gerne mehr über sie und ihr besonderes Talent wissen. Stilistisch neigt der Autor zu bewusst eingesetzten Wiederholungen, die zwar hier und da durchaus ihren Effekt erzielen, stellenweise aber auch überflüssig sind. Nahezu jeder Abschnitt beginnt zudem mit Aussagen über die Welt, die Charaktere oder allgemeinen Umständen – liest sich als Stilmittel toll, verliert aber etwas an Wirkung nach mehreren hundert Seiten. Insgesamt ist der Roman jedoch relativ flott zu lesen und wartet dabei trotzdem mit der ein oder anderen raffinierten Formulierung auf, die zum Träumen einlädt.

"Ravinia" wurde von Piper als Taschenbuch herausgegeben, kommt aber mit dem Preis eines Paperbacks daher. Immerhin ist das Cover mit Reliefdruck ausgestattet und erinnert stark (und auch gewollt) an Christoph Marzi, an den Thilo Corzilius (noch?) nicht ganz herankommt. Dennoch vermag die düstergoldene Stadt ebenso ihre Leserschaft in den Bann zu schlagen wie die uralten Metropolen und was bleibt, ist ein solider Fantasyroman mit schönen Ideen und der Hoffnung, von und mit diesem Autor eine phantastische Weiterentwicklung zu erleben. Wer Urban Fantasy mit Fokus auf eine phantastisch-verträumte Story liebt, sollte Thilo Corzilius eine Chance geben!


Fazit

„Ravinia“ verzaubert die Leserschaft mit ihrem düstergoldenen Charme. Hier und da ist der Storyaufbau (noch) nicht ganz geglückt, doch viele originelle Ideen und supersympathische Protagonisten machen dieses Buch dennoch zu einem Lesegenuss. Alles in allem ein gelungenes Debüt!


Pro & Contra

+ Lara und Tom sind absolute Sympathieträger
+ faszinierende, düsteregoldene Stadt
+ leicht zu lesender, verträumter Stil
+ originelle Ideen

o für Genrefans insgesamt wenig Neues

- teilweise abrupte Übergänge
- überstürztes Ende
- schwächelnde Nebencharaktere

Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3/5


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Rezension zu "Dorn"

Kommentare  

#1 RaviniaAggro Girl 2011-04-10 13:10
^^ ich hab schon Ravinia in meinem Regal stehen. Ich habe es gestern angefangen, obwohl ich es schon länger habe, aber erst 'Stadt der Finsternis' und 'Das Gesetz der Neun'zu Ende lesen musste und dachte, drei Bücher auf einmal lesen, wäre zu schwer.

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