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Hexengold (Heidi Rehn)
Geschrieben von Lilach
Freitag, der 15. Juli 2011


Knaur-Taschenbuch-Verlag
Taschenbuch
742 S., mit Glossar; 9,99 EUR
ISBN: 978-3-426-50544-1 

Genre: Historisch


Klappentext

Die neuen Abenteuer der schönen und mutigen Wundärztin Magdalena

Deutschland zehn Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges: Eigentlich könnte die ehemalige Wundärztin Magdalena mit ihrem geliebten Eric ein glückliches Leben in Frankfurt führen, wo er sich als Kaufmann etabliert hat. Doch da erfährt sie, dass ihr Mann ihr offensichtlich Nachrichten über ihre verschollene Familie in Königsberg verheimlicht hat. Gründet ihr ganzes Glück auf einer Lüge? Als Eric spurlos verschwindet und Magdalena plötzlich mittellos dasteht, macht sie sich auf nach Königsberg, um das Geheimnis ihrer Familie zu enthüllen und damit auch Erics Vergangenheit auf den Grund zu gehen.


Rezension

Ein englisches Sprichwort gibt seit Urzeiten den Rat: „Don’t shut your book by its cover“. Es ist ein guter Rat, wie „Hexengold“ beweist. Denn hinter der konventionellen Fassade verbirgt sich einiges mehr, als Cover, Klappentext und auch die ersten Seiten ahnen lassen …

Auf den ersten Blick steckt Wundärztin Magdalena zwischen den Seiten eines sehr typischen historischen Frauenromans, wie sie inzwischen dutzendfach die Bücherregale bevölkern: eine schöne (natürlich), noch junge (selbstverständlich), aber viel herumgekommene (sonst wäre es langweilig) Frau in einem eher ungewöhnlichen, frauenunüblichen Beruf, die um ihr Glück kämpfen muss. Die ersten rund 200 Seiten scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Da ist viel (beinahe unerträglich viel) von kupferfarben leuchtenden Haaren und smaragdgrün schimmernden Augen die Rede, die Figuren bewegen sich hölzern, als seien sie nur zur Dekoration ausgestellt; immer wieder passen Dialog und ihn begleitende Körpersprache nicht recht zusammen. Auch dort, wo Körpersprache, Bewegung überhaupt, allein auftaucht, wird sie seltsam ungelenk beschrieben und steckt dazu voller Wiederholungen. Charakterlich wirken die Figuren ebenso holzschnittartig, aus unendlich vielen anderen Büchern längst sattsam bekannt: die tapfere Hauptfigur Magdalena, ihr schöner, innig geliebter, aber windiger Mann Eric, die böse (natürlich dunkle) Rivalin Adelaide. Kurz, der erste Eindruck, den „Hexengold“ hinterlässt, ist ein denkbar ungünstiger.

Er ist es umso mehr, als sich hinter diesem holperigen Anfang ein Roman versteckt, der durchaus anders ist als viele seines Genres. Schleppt man sich über die ersten gut 200 Seiten hinaus, beginnt sich die Geschichte unter den Buchstaben zu regen, bilden sich lebendige Gesichtszüge auf dem Papier. Die Wiederholungen werden seltener, bis sie beinahe ganz verschwinden; Dialoge und Bewegungen werden natürlicher. Unklare Perspektivverhältnisse entwirren sich, während die Personen an Tiefe, an Eigenständigkeit gewinnen. Handlungsstränge zeichnen sich stärker ab, werden nicht platt und uninteressant, je klarer sie zutage treten, sondern ganz im Gegenteil: Plötzlich und eigentlich völlig unerwartet ist er da, der magische Moment, der die Verbindung zwischen Leser und Gelesenem mit einem kleinen Funkensprühen schließt, und diese Verbindung hält bis zum Ende der beinahe 800 Seiten.

Sie verdankt sich ganz entscheidend der Entwicklung, die die Figuren in diesem Buch nehmen; der charakterlichen Ambivalenz, die ihre Schöpferin ihnen nach und nach immer mehr zugesteht. Die Holzschnitte füllen sich mit Farbe, aus der flachen Maserung wird lebende, atmende, schweißglänzende oder tränennasse Haut. Und anders als in so entsetzlich vielen historischen Frauenromanen wird diese Tiefe, diese Vielschichtigkeit auch und gerade der wichtigsten Negativfigur zugestanden: der dunklen, missgünstigen, eigensüchtigen Schwägerin Adelaide. Die Autorin lässt den Leser durch ihre Augen sehen, und zwar nicht als Alibi, als Kaschierung, sondern in eindringlich geschilderten, zu Herzen gehenden Passagen. Es ist eine wirkliche Frau, die sich so allmählich aus den Seiten erhebt, eine Frau mit furchtbaren Schwächen – aber auch mit guten Gründen.

Mag sein, dass es sich bei ihr lediglich um eine Abwandlung des „böse Cousinenthemas“ aus dem ersten Band der Wundärztin-Serie handelt; die Autorin lässt die Hauptfigur Magdalena diese Verbindung immer wieder einmal herstellen. Doch auch Magdalena selbst entwickelt sich erfrischend anders, als man es von einer typischen Heldin eines solchen Romans erwarten würde. Sie sehnt sich zwar nach dem freieren Leben im Heerestroß (was sie übrigens reichlich oft kundtut) und nach der Arbeit als Wundärztin; aber daneben ist sie vor allem eine Ehefrau, wie man sie sich tatsächlich in der frühen Neuzeit vorstellen könnte. Sie reist nicht frauenüblich (beinahe) allein durch die Lande, um Selbständigkeit zu demonstrieren oder einem ungeliebten engen Dasein zu entkommen, sondern, um ihren Mann zu finden, Familiengeheimnisse zu lüften, die zwischen ihnen beiden stehen, und wieder mit ihm glücklich vereint zu werden.

Das mag für heutige Frauen alles andere als erstrebenswert klingen; aber die Autorin begeht nicht, wie so viele, den Fehler, das Heute in das Damals zu implantieren und so zu versuchen, Empathie zu erzeugen. Das ist auch überhaupt nicht notwendig. Die Liebe und die klugen, heldenhaften und entsetzlich dummen Dinge, die wir ihretwegen tun, sind ein ewiges, unwandelbares Thema, nur die Vorzeichen ändern sich. Das ist es, was die Autorin in Magdalena und auch in Adelaide zu transportieren versteht; und das ist es auch, was selbst der ewig krittelnden Rezensentin angesichts einer Sterbeszene ganz gegen Ende des Romans Tränen in die Augen trieb.

Nur in einer Personenkonstellation geht diese Vertiefung in das ewig Menschliche, im Guten wie im Bösen, nicht auf, und zwar bei Magdalenas Tochter Carlotta und Adelaides Sohn Mathias. Es spricht sehr für die Autorin, dass sie auch dem wirklich ziemlich grässlichen Mathias, der Carlotta belauert, menschliche Züge und vor allem Beweggründe verleiht. Aber wenn sie der jungen Carlotta einige Zeit nach einer versuchten Gruppenvergewaltigung an ihr, von Mathias angestiftet, unterstellt, dass sie sich inzwischen in ihren Peiniger verliebt habe und ihn herbeisehne – dann lässt sie die Geschichte an dieser Stelle mit etwas romantisch Scheinendem ausklingen, was, psychologisch betrachtet, bis ins Mark vergiftet ist.


Fazit

„Hexengold“ ist ein erfreulich ungewöhnlicher Roman, der anfangs allerdings seine Zeit braucht, bis er vor allem sprachliche Schwächen überwinden kann. Danach überzeugt er aber, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bis zur letzten Seite mit vielschichtigen, interessanten, lebendigen Personen, deren Schicksal den Leser tatsächlich berührt – und das nicht nur oberflächlich. Man freut sich auf das nächste Buch der Autorin und wünscht nur ihrem Lektorat eine etwas festere Hand, was das Handwerkliche anbelangt.


Pro und Kontra

+ interessante, ungewöhnlich ambivalente Charaktere
+ nach holperigem Anfang gut lesbar
+ gute Vermittlung historischer Hintergründe, manchmal etwas aufdringlich wiederholend
+ sehr spannend
+ im historischen Frauenroman offenbar inzwischen unvermeidliche Vergewaltigungsszenen werden rücksichtsvoll und mit Würde geschildert

- handwerklich vor allem im ersten Viertel noch unausgereift oder zu oberflächlich lektoriert
- viele Wiederholungen, viele klischeehafte Beschreibungen
- teils unsaubere Perspektivwechsel

Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 4/5
Sprache: 2/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 5/5

Zuletzt aktualisiert: Freitag, der 15. Juli 2011
 

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